Die Bergklinik 15 – Arztroman - Hans-Peter Lehnert - E-Book

Die Bergklinik 15 – Arztroman E-Book

Hans-Peter Lehnert

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Beschreibung

Die Arztromane der Reihe Die Bergklinik schlagen eine Brücke vom gängigen Arzt- zum Heimatroman und bescheren dem Leser spannende, romantische, oft anrührende Lese-Erlebnisse. Die bestens ausgestattete Bergklinik im Werdenfelser Land ist so etwas wie ein Geheimtipp: sogar aus Garmisch und den Kliniken anderer großer Städte kommen Anfragen, ob dieser oder jener Patient überstellt werden dürfe.

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Inhalt

Die schwere Last auf seinem Gewissen

Der Prahlhans aus Amerika

Die Bergklinik – 15–

Die Bergklinik

Hans-Peter Lehnert

Die schwere Last auf seinem Gewissen

Roman von Hans-Peter Lehnert

Der Chefchirurg der Bergklinik sah auf den funkgesteuerten Wecker, als mitten in der Nacht das Telefon läutete. Es war vier Uhr in der Früh, als er den Hörer von der Gabel nahm und sich mit seinem Namen meldete: »Stolzenbach…!«

»Magnus hier«, hörte er am anderen Ende der Leitung seinen chirurgischen Oberarzt und Freund Magnus Kelterer sagen, »du wirst kommen müssen, die Garmischer Unfallklinik hat gerade angerufen, man schickt uns per Hubschrauber zwei Patienten. Es hat einen schweren Autounfall gegeben. Vier Jugendliche auf dem Heimweg aus der Disko. Zwei schickt man uns, die anderen beiden bleiben in der Unfallklinik.«

»Ich komme«, antwortete Professor Clemens Stolzenbach, dann stand er auf, ging ins Bad und kleidete sich an. Alles ging sehr rasch, und wenige Minuten nach dem Anruf stieg er in seinen Wagen, den er danach die Auffahrt seines Anwesens hinunter und dann in Richtung Bergklinik steuerte.

Um diese Zeit waren die Straßen frei, er kam sehr gut voran, und noch bevor der Hubschrauber gelandet war, betrat der bekannte Chirurg die Klinik und ging gleich in den OP, wo Dr. Magnus Kelterer und andere Ärzte und Schwestern bereits die nötigen Vorbereitungen trafen.

»Sind die Unfallopfer erstversorgt?« fragte Stolzenbach, während er sich die Hände desinfizierte und eine Schwester ihm dann die OP-Handschuhe hinhielt, in die er mit den Händen schlüpfte.

Den Kittel hatte er bereits übergezogen, die Schwester setzte ihm eine Haube auf, im gleichen Moment wurden die beiden Tragen mit den Schwerverletzten hereingeschoben.

Stolzenbach sah mit einem Blick wer der schwerer Verletzte der beiden war, und ließ ihn in den großen OP bringen, Magnus Kelterer und sein Team würden im kleinen OP operieren.

»Der Blutdruck ist im Keller«, meldete die Chefanästhesistin Dr. Eva-Maria Hübner, »der Herzschlag sehr unregelmäßig.«

»Skalpell«, sagte Professor Stolzenbach, dann öffnete er mit einem Bauchschnitt die Bauchdecke oberhalb des Nabels, und als er den Bauchraum öffnete, quoll ihm eine große Menge

dunklen Blutes entgegen.

»Blutkonserven«, sagte Stolzenbach, dann griff er in den Bauchraum tastete einen Augenblick, dann hörte der Blutstrom schlagartig auf.

»Die vena cava inferior ist ruptiert«, murmelte er leise vor sich hin, »Venenklemme«, sagte er dann in Richtung Instrumentierschwester.

Dann arbeitete er sich in die Tiefe des Bauchraums vor und fand eine gerissene Milz. Zuerst wollte er sie entfernen, dann versuchte er, sie zu nähen, was ihm gelang, weil der Riß lediglich die äußere Kapsel betraf, und nachdem er weitere Blutungen gestillt hatte, inzwischen waren zweieinhalb Stunden vergangen, vernähte er zuerst das Bauchfell, dann die Bauchmuskulatur, schließlich Unterhautfettgewebe und Haut.

»Wie sind die Werte?« Stolzenbach sah die Anästhesistin fragend an.

»Blutdruck hundertzehn zu siebzig, aber stabil«, antwortete diese, »Puls hundertfünf, sehr unruhig.«

Stolzenbach gab noch einige Anweisungen, dann verließ er den OP und wollte in den Nachbar-OP, wo Magnus Kelterer den zweiten Unfallbeteiligten operierte.

Als Stolzenbach den zwischen den beiden OPs liegenden Vorbereitungsraum betrat, stand sein Kollege schon dort, und als Stolzenbach ihn fragend ansah, schüttelte er den Kopf.

»Er hat es leider nicht gepackt«, sagte er, »Exitus…!«

»Was hatte er?« fragte Stolzenbach.

»Leberriß und Riß der Bauchaorta«, sagte Oberarzt Dr. Kelterer, »es ist eh ein Wunder, daß er es bis hierher geschafft hat. Was ist mit deinem Patienten?«

»Kapselriß der Milz und Riß der Cava inferior«, antwortete Stolzenbach.

»Und? Hat er Chancen?«

Stolzenbach nickte. »Chancen hat man immer. Sonst wär’ unser Handwerk gar zu traurig. Wie alt war der Junge, der dir auf dem OP-Tisch verstorben ist?«

»Dreiundzwanzig«, murmelte Magnus Kelterer.

»An so junge Unfalltote werde ich mich nie gewöhnen«, sagte Stolzenbach.

»Sie sind aus der Disko gekommen.« Magnus Kelterer schüttelte langsam den Kopf. »Wieso muß man dann ins Auto steigen?«

»Woher weißt du, daß sie in der Disko waren?« Stolzenbach sah seinen Kollegen und langjährigen Studienfreund fragend an.

»Man hat eben aus Garmisch angerufen«, antwortete der. »Die wußten es.«

»Was ist bei denen? Auch Tote?«

Kelterer schüttelte den Kopf. »Nein, eine Patientin ist kaum verletzt, und das andere Mädchen soll schon auf dem Weg in die Unfallklinik verstorben sein.«

»Ob die uns wieder mal bewußt die beiden schwierigsten Fälle geschickt haben?« wollte Stolzenbach wissen. Dann gab er selbst die Antwort: »Garantiert, jedenfalls würd’ ich es ihnen zutrauen. Bei allem, was recht ist, Hautabschürfungen behalten sie da, und zwei wirklich Schwerverletzte lassen sie noch mit dem Hubschrauber hin und her fliegen.«

Dann schwiegen beide eine Weile, bis Kelterer gerufen wurde.

Clemens Stolzenbach ging derweil auf die Intensivstation, um nach seinem soeben operierten Patienten zu sehen.

»Er ist sehr unruhig«, sagte Eva-Maria Hübner, »ich werde ihm noch einen Tranquilizer geben.«

»Falls irgendeine besorgniserregende Entwicklung eintritt«, sagte Stolzenbach, »dann lassen Sie mich bitte rufen. Ich bleibe im Haus. Ein Exitus reicht mir.«

»Hat der andere nicht überlebt?« Erschrocken sah die Anästhesistin den Chefchirurgen an.

Der schüttelte den Kopf. »Ruptur der aorta abdominalis und ein paar andere Kleinigkeiten.«

»Wie alt war er? Ich frag’, weil unserer ein ganz junger Bursche war.«

»Der andere war dreiundzwanzig«, erwiderte Clemens Stolzenbach, »sie waren auf dem Heimweg von der Disko.«

»Oje.« Eva-Maria Hübner war auch erschüttert. »Die armen Angehörigen. Wissen sie es schon?«

Stolzenbach zuckte mit den Schultern. »Sie meinen, die würden herkommen?«

»Unter Umständen.«

»Ich werd’ mich mal mit der Polizei in Verbindung setzen«, sagte Stolzenbach. »Man soll die Angehörigen vorher informieren. Nicht, daß sie hier mit dem Tod ihres Sohnes oder Freundes konfrontiert werden.«

»Es ist schrecklich«, murmelte Eva-Maria Hübner. Auch wenn gerade sie als Intensivmedizinerin täglich mit dem Tod konfrontiert wurde, daran gewöhnt hatte sie sich trotzdem noch nicht.

Es war noch nicht sieben Uhr, als die Angehörigen beider Unfallopfer kamen und Stolzenbach erklären mußte, daß nur einer überlebt hatte.

Die Mutter des auf dem OP-Tisch verstorbenen jungen Burschen blieb ganz ruhig, als sie erfuhr, daß ihr Sohn tot war, aber Stolzenbach wußte, daß die Ruhe nur äußerlich war. Er rechnete jeden Moment damit, daß die Frau, sie war nicht viel älter als er, zusammenbrechen würde.

Genauso war es. Stolzenbach gelang es noch, sie aufzufangen und mit Hilfe eines Pflegers auf eine Trage zu legen. Als sein persönlicher Assistent Dr. Schröder gerade in dem Moment zum Dienst kam, unterrichtete er ihn kurz und übergab ihm die Mutter.

»Und unser Bub?« Die Eltern des Jungen, den Stolzenbach operiert hatte, standen vor ihm und sahen ihn mit großen Augen ängstlich an.

»Kommen Sie bitte mit mir«, sagte Stolzenbach, dann ging er vor in sein Ärztezimmer, bestellte Kaffee und bat dann die Eltern Platz zu nehmen.

»Wollen S’ uns jetzt auch eröffnen, daß… daß unser Bub nimmer lebt?« Die Hände der Mutter zitterten.

»Nein, nein«, antwortete Stolzenbach, »ich selbst habe Ihren Sohn operiert. Er ist sehr schwer verletzt, hatte einen Riß der unteren Hohlvene, ebenso der Milz und anderer kleinerer Gefäße. Aber er hat es geschafft. Bis jetzt jedenfalls.«

»Heißt das, daß der Thomas immer noch… ich mein’…?« Nun zitterte auch die Stimme der Mutter des jungen Burschen.

»Ihr Sohn ist mal eben eine halbe Stunde aus dem OP«, sagte Stolzenbach. »Er ist auf der Intensivstation, und dort werden seine Körperfunktionen ständig überwacht. Ich komme eben von dort, und da waren seine Kreislauffunktionen im Rahmen dessen, was möglich ist, stabil.«

»Dann… dann kann er es schaffen?« Die Augen der Mutter hingen an Clemens Stolzenbachs Lippen.

Der nickte. »Er hat zumindest ordentliche Chancen, es zu schaffen.«

*

»Hast schon gehört, wen man heut’ nacht eingeliefert hat?« Schwester Karen sah ihre jüngere und eben zum Dienst erschienene Kollegin fragend an.

Die schüttelte den Kopf. »Ich hab’ lediglich im Radio gehört, daß es zwischen Garmisch und Mittenwald einen schlimmen Unfall gegeben hat.«

»Genau davon red’ ich«, sagte Karen.

»Es hat vier Verletzte gegeben«, sagte Schwester Biggi, »das hat man jedenfalls in den Nachrichten gesagt.«

»Ja, und zwei hat man zu uns gebracht.«

»Da schau her«, murmelte Schwester Biggi. Sie war ein sehr hübsches Mädchen mit bescheidenem Auftreten, sehr zurückhaltend, bei ihren Kolleginnen wegen ihrer Hilfsbereitschaft und bei den Patienten wegen ihrer freundlichen und liebevollen Art gleichermaßen beliebt.

»Einer der Unfallverletzten war Tommy Hartwig«, sagte Schwester Karen.

Biggi wurde blaß und sah ihre Kollegin betroffen an. »Tommy war einer der Verletzten?« Man sah ihr deutlich an, wie sehr sie die Nachricht getroffen hatte.

Karen Meissner nickte. »Professor Stolzenbach ist extra geholt worden und hat Tommy selbst operiert.«

»Und…?«

»Jetzt liegt er auf der Intensivstation.«

»Und wie geht’s ihm? Ist er schwerverletzt?«

»Wenn der Professor selbst kommt und operiert, dann ist es sicher keine leichte Sache gewesen.«

Biggi stand da und schien sich ganz allmählich wieder von dem Schrecken zu erholen. Sie starrte eine Weile aus dem Fenster, dann wandte sie sich wieder an ihre Kollegin.

»Und der andere, den sie eingeliefert haben«, fragte sie, »wer ist das?«

»Der Schneider-Hubert.«

»Oje«, murmelte Biggi, »der Hubert. Das ist der beste Freund vom Tommy. Was ist mit dem?«

»Der hat’s net überlebt.«

»Was…?« Biggi starrte ihre Kollegin betroffen an, dann schloß sie die Augen. »Bei allen Heiligen. Der Hubert war nicht einmal so alt wie der Tommy. Das darf gar net wahr sein. Wo ist er denn verstorben? Noch an der Unfallstelle?«

Karen schüttelte den Kopf. »Hier in der Bergklinik. Er ist dem Dr. Kelterer auf dem OP-Tisch verstorben. Er muß total arg verletzt gewesen sein.«

»Und? Weiß der Tommy das schon? Immerhin ist der Hubert sein bester Freund gewesen.«

»Ich glaub’ net, daß er es weiß. Der wird net einmal bei Bewußtsein sein. Außerdem wird man es ihm sicher net gesagt haben, falls er was verstehen würd’.«

Schwester Biggi atmete tief durch. Sie war sehr zierlich gebaut, manche verstanden nicht, daß sie die auch körperlich anspruchsvolle Arbeit in einer Klinik bewältigen konnte. Jetzt sah sie ihre Kollegin fragend an.

»Ob ich mal hinüber zur Intensivstation gehen kann«, fragte sie. »Ich… ich würd’ gern wissen, wie es dem Tommy geht. Herrschaftseiten, grad’ er, der immer so lebensfroh gewesen ist.«

»Sicher kannst hinübergehen. Die Inge ist eine der Intensivschwestern dort, zu der kannst gehen, die wird dir schon weiterhelfen.«

Als Schwester Biggi die Intensivstation betrat, kam ihr Eva-Maria Hübner entgegen.

»Na, Schwester«, sagte die nette Anästhesistin, »haben Sie sich verlaufen?«

Biggi schüttelte den Kopf. »Nein, im Gegenteil, ich wollt’ mal nach dem Tommy schauen. Ich mein’ nach Thomas Hartwig.«

»Das ist der junge Mann, der heut’ nacht eingeliefert worden ist?« Dr. Eva-Maria Hübner sah die hübsche Schwester an.

Die nickte. »Genau der. Er hat wohl einen Unfall gehabt, und ich würd’ gern wissen, wie es ihm geht.«

»Dann kennen Sie ihn?«

Biggi wurde ein wenig verlegen. »Der Tommy und ich, wir waren mal befreundet… ich mein’, wir waren mal zusammen. Eine Zeitlang jedenfalls. Er war mein erster Freund.«

Eva-Maria Hübner lächelte die nette Schwester daraufhin sehr freundlich an, dann legte sie spontan einen Arm um deren Schultern.

»Kommen Sie«, sagte sie, »ich werd’ Sie begleiten. Momentan sind zwar alle Werte ziemlich stabil, aber über den Berg ist er deshalb noch lange nicht. Ein paar Tage noch, dann kann man aber schon mehr sagen.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Ihr Freund hat übrigens Professor Stolzenbach zu verdanken, daß es ihn noch gibt. Wenn der nicht so rasch und entschlossen gehandelt hätte, dann würd’ Ihr Tommy mit dem anderen, auf dem OP-Tisch Verstorbenen, das Schicksal teilen.«

»Der andere war der beste Freund vom Tommy«, murmelte Biggi, »Hubert hat er geheißen.«

Dann waren sie bei der Intensivzelle, und Eva-Maria Hübner nickte der zierlichen Schwester freundlich zu.

»Gehen S’ ruhig einen Schritt näher«, sagte die Ärztin, »Ihr Freund ist im Tiefschlaf, und da lassen wir ihn auch noch ein paar Tage.«

»Der Tommy ist nimmer mein Freund«, murmelte Biggi, dann wischte sie sich eine Träne weg. »Ich… wir…!«

»Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig, Schwester.« Eva-Maria Hübner lächelte verständnisvoll. »Ich weiß sehr gut, wie brüchig eine Beziehung ist.«

Biggi ging einen Schritt auf Tommy zu, überall lagen Schläuche und Drähte, überwachten seine Funktionen und gewährleisteten seine Vitalfunktionen.

Als Biggi neben Tommy stand, zögerte sie, dann legte sie ganz behutsam ihre Hand auf die des jungen Burschen.

»Hallo, Tommy«, hauchte sie mit brüchiger Stimme, »was machst denn nur für Sachen?«

*

In der Garmischer Unfallklinik packte ein junges Mädchen zwei Tage später ihre Tasche. Sie war ebenfalls in dem Unfallwagen gesessen, aber ihr war, wie durch ein Wunder, so gut wie nichts passiert, so daß sie bereits jetzt wieder entlassen werden konnte.

Ihre Mutter wartete an der Pforte, um sie abzuholen, und nachdem die Formalitäten erledigt waren, gingen die beiden zum Wagen der Mutter.

»Die Polizei war heut’ da«, sagte die Mutter, als beide im Wagen saßen.

»Was hat sie gewollt?«

»Wissen, wer den Wagen gefahren hat.«

Melanie Müller, so hieß das Mädchen, sagte nichts, sondern sah mit starrem Blick aus dem Fenster.

»Hast du den Wagen gefahren?« fragte ihre Mutter daraufhin.

Melanie antwortete nichts, nach einer Weile nickte sie stumm.

»Das wirst du abstreiten«, sagte Anni Müller, »hast du mich verstanden?«

»Warum soll ich es abstreiten?« fragte Melanie. »Einer muß gefahren sein, und die anderen wissen, daß ich es war.«

Anni Müller räusperte sich und sah ihre Tochter von der Seite an. Melanie war ein hübsches Mädchen, wenn auch total verzogen, was ihre Mutter wußte. Sie war eine erfolgreiche Innenarchitektin und hatte immer viel zu wenig Zeit für ihre Tochter gehabt. Sie hatte sie alleine großgezogen, zum Vater hatte sie schon vor Melanies Geburt keinen Kontakt mehr.

»Du… du weißt noch nicht, daß… daß…!«

»Was weiß ich nicht?«

»Luci und Hubert haben den Unfall nicht überlebt.«

Man sah das Entsetzen in Melanies Augen, aber es kam kein Ton über ihre Lippen.

»Die beiden können also nicht sagen, daß du am Steuer gesessen bist«, fuhr ihre Mutter fort.

»Was ist mit Tommy?« Melanies Stimme klang vollkommen tonlos.

»Er liegt in der Bergklinik«, antwortete ihre Mutter. »Professor Stolzenbach selbst soll ihn mehrere Stunden lang operiert haben. Keiner weiß, ob er es überlebt.«

Wieder zeigte Melanie keine äußere Reaktion. Nach einer Weile rann ihr eine einzelne Träne übers Gesicht.

»Wenn man dahinter kommt, daß du die Unfallfahrerin bist«, fuhr ihre Mutter fort, »dann wird man dich für die Toten zur Rechenschaft ziehen.«

»Willst du es Tommy in die Schuhe schieben?« fragte Melanie.

Anni Müller schüttelte den Kopf. »Das muß nicht sein. Es kann auch Hubert oder sei-

ne Freundin Luci gefahren

sein.«

»Die sind hinten gesessen«, sagte Melanie daraufhin, »du kannst der Polizei nicht vormachen, Lucie oder Hubert hätten gefahren.«

»Dann eben Tommy«, sagte ihre Mutter. »Du jedenfalls nicht. Ist das klar?«

Melanie antwortete nichts, und als sie zu Hause in Mittenwald ankamen, stieg sie aus und ging kommentarlos ins Haus und dort in die obere Etage, wo sie drei Zimmer mit Bad bewohnte.

Kurz darauf klopfte es an die Tür, und ihre Mutter trat ein.

»Kind«, sagte die, »du würdest dir dein ganzes Leben versauen. Daß man dir eine Blutprobe entnommen hat, ist dir sicher klar, und daß du was getrunken hast, weißt du auch. Sicher war es nicht viel, aber doch zu viel, um ohne Strafe und Schuld einen Unfall verursachen zu können. Du würdest also auch wegen Trunkenheit am Steuer angeklagt. Dazu wird es aber nicht kommen, niemals.«

»Aber Tommy willst du in die Pfanne hauen, wie?« Melanie zeigte zum ersten Mal sowas wie Regung. »Er ist mein Freund, vergiß das bitte nicht.«

»Was heißt das denn?« Anni Müller lachte kurz auf. »Tommy ist nicht dein erster Freund und er wird nicht dein letzter Freund sein. Mach dir also deswegen keine Gedanken.«

»Und wenn Tommy abstreitet, gefahren zu haben? Was dann?«

»Soweit sind wir noch nicht, und ob Tommy überhaupt noch mal was abstreiten wird, steht noch völlig in den Sternen. Bisher ist er jedenfalls noch im Koma.«

Melanie sagte daraufhin nichts, drehte ihrer Mutter vielmehr den Rücken zu und sah aus dem Fenster.

Anni Müller verließ wortlos die obere Etage. Ihre Tochter saß derweil immer noch auf dem Bett und sah in die Landschaft. Sie hatte die Beine angezogen und den Kopf auf die Knie gelegt. Irgendwann stand sie auf, ging zum Telefon, – sie hatte einen eigenen Anschluß – und wählte die Nummer der Bergklinik. Dort ließ sie sich mit der Intensivstation verbinden.

»Ich wollt’ wissen, wie es Tommy Hartwig geht«, sagte sie, »ich bin Melanie Müller, seine Freundin.«

»Wir geben am Telefon keine Auskunft«, sagte die Schwester. »Wenn, dann sollten Sie sich schon herbemühen.«

»Würde man mich denn zu ihm lassen?«

»Das würden wir dann sehen.«

»Könnte ich heute kommen?«

»Sicher, warum nicht.«

Ohne sich für die Auskunft zu bedanken oder sonst noch was zu sagen, legte Melanie den Hörer auf die Gabel. Dann ging sie hinunter in den unteren Stock, den ihre Mutter bewohnte, lediglich die Küche benutzten sie dort gemeinsam.

»Ich werd’ hinaus zur Bergklinik fahren«, sagte Melanie, »ich will wissen, wie es Tommy geht.«

Anni Müller musterte ihre Tochter sehr aufmerksam. »Du machst doch keine Dummheiten? Ich mein’, nicht, daß dir in den Sinn kommt mit Tommy darüber zu reden, was wir eben im Auto besprochen haben. Keinen Ton, hast du verstanden?«

Ohne sich um ihre Mutter zu kümmern, drehte sich Melanie auf dem Absatz um und verließ die Küche, ging zu ihrem Wagen und fuhr in Richtung Bergklinik.

Melanie war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte mittelblonde Haare, die jedoch meistens hell gesträhnt waren. Sie sah nett aus, hatte eine sportliche Figur, weil sie sehr viel Zeit in Fitnesstudios verbrachte, und sie arbeitete nach einer Ausbildung zur Kosmetikerin in einer Garmischer Beautyfarm.

Als sie an der Bergklinik ankam, begann ihr Herz rascher zu schlagen. Sie dachte eine winzige Sekunde an Hubert und dessen Freundin Luci, beide hatten den Unfall nicht überlebt.

Melanie erinnerte sich genau daran, was passiert war. Sie waren vor der Disko in Tommys Wagen gestiegen, und sie hatte darauf bestanden zu fahren. Tommy hatte dies nicht gewollt, doch sie hatte sich, wie immer, durchgesetzt.

Die Kurve, in der sie verunglückt waren, war derart rasch auf sie zugekommen, daß sie keinerlei Möglichkeit mehr gehabt hatte, abzubremsen oder den Unfall sonst irgendwie zu verhindern. Als sie es doch versuchte und abbremste, geriet der Wagen ins Schlingern und war mit dem Heck gegen einen Baum geprallt.

Sie hatte gesehen, wie man Luci und Hubert abtransportiert hatte, wie man Tommy in einen Wagen hob und wie man sie schließlich auf eine Trage legte und mit Blaulicht in die Klinik fuhr.

Sie, und niemand anderes hatte den Unfall verursacht. Und jetzt wollte ihre Mutter, daß sie das bestritt. Wenn sie nicht gefahren hatte, so war deren Überlegung, dann würde man ihr auch keine Verfehlung nachweisen können. Ob sie dann ein Zehntel Promille mehr oder weniger Alkohol im Blut gehabt hatte, war dann nicht von Bedeutung.

»Ich möchte zu Tommy Hartwig«, sagte sie zur Schwester an der Aufnahme. »Er liegt auf der Intensivstation, und ich hab’ vorhin mit der Schwester telefoniert.«

Die Aufnahmeschwester beschrieb ihr den Weg, und als Melanie nicht viel später an der ständig verschlossenen Tür zur Intensivstation läutete, öffnete ihr eben jene Schwester, mit der sie vorher telefoniert hatte.

»Kommen Sie«, sagte die Schwester. »Sie können von außen einen Blick auf Herrn Hartwig tun.«

»Ist er immer noch nicht bei Bewußtsein?« Melanie spürte, wie ihr Herz heftiger zu schlagen begann.

»Er war wach, aber er erinnert sich an nichts«, sagte die Schwester. »Er weiß nichts von dem Unfall, er wußte nicht mal seinen Namen, alles war weg.«

»Du meine Güte«, murmelte Melanie. »Kommt denn die Erinnerung wieder?«

Die Schwester zuckte mit den Schultern. »Das weiß niemand, obwohl die Erfahrung sagt, daß die Erinnerung zurückkehrt, jedenfalls bruchstückhaft.«

»Aha«, murmelte Melanie, »und sonst? Wie geht’s ihm sonst? Hat er die Unfallfolgen überwunden?«

Die Schwester schüttelte lächelnd den Kopf. »Ob er die je überwinden wird, bezweifle ich. Aber seine Körperfunktionen sind inzwischen so stabil, daß man davon ausgehen kann, daß er über den Berg ist.«

Melanie nickte. »Aha… und wann kann ich mal zu ihm?«

»Heute nicht«, antwortete die Schwester, »strikte Anweisung von der ärztlichen Leitung. Aber vielleicht morgen oder übermorgen, schauen S’ doch einfach wieder herein.«

*

Als Tommy Hartwig zum ersten Mal nach dem Unfall aus dem Koma, der Narkose und dem künstlichen Tiefschlaf aufwachte, sah er in zwei wunderschöne dunkle Augen, die ihn sehr lieb anlächelten und zu Biggi Abler gehörten. Das wußte Tommy in dem Moment aber nicht, denn er erinnerte sich an nichts, auch nicht an Biggi.

Dann nahm das hübsche Mädchen seine Hand und sprach mit ihm. Er sah es an ihren Lippenbewegungen, aber er hörte absolut nichts. Es kamen noch andere Schwestern hinzu und die lachten ebenfalls, schienen sich über irgendwas zu freuen. Daß sie sich darüber freuten, daß er nach mehreren Tagen aufgewacht war, ahnte Tommy nicht.

Ganz allmählich kam er dahinter, daß er in einem Krankenhaus war und daß allerhand Schläuche in ihn hinein- und aus ihm herauskamen. Über seinem Kopf standen mehrere Monitore, die seine Körperfunktionen anzeigten, auch das hatte er rasch heraus.

Doch warum er hier lag, was passiert war, daran erinnerte sich Tommy Hartwig nicht.

»Tommy«, sagte Biggi Abler leise, »kennst mich? Ich bin die Biggi, deine… wir kennen uns von früher.«

Tommy sah das hübsche Mädchen eine Weile an, aber er erinnerte sich nicht an sie, auch nicht an den Namen Biggi. Doch daß er nun gehört und auch verstanden hatte, was sie sagte, registrierte er.

Er wollte zum Zeichen seines Nichtverstehens den Kopf schütteln, doch als er es versuchte, verzog er vor Schmerzen das Gesicht.

»Du hattest einen Unfall«, sagte das hübsche Mädchen, »seit vier Tagen bist du in der Bergklinik, und es geht dir gut.«

Noch immer hielt das hübsche Mädchen in Schwesterntracht seine Hand, was Tommy erst jetzt registrierte, und als er sie dann ansah, meinte er für den Bruchteil einer Sekunde, sich an sie zu erinnern. Doch als er versuchte, dahinter zu kommen, wer sie war, hatte er plötzlich Kopfweh, und er verfiel wieder in einen ganz flachen Schlaf.

Als Tommy etwa eine halbe Stunde später wieder die Augen öffnete, saß das hübsche Mädchen immer noch an seinem Bett, hielt seine Hand und lächelte ihn wieder überaus freundlich an. Erneut meinte er für einen Moment, sich an sie zu erinnern, aber wieder forschte er vergebens in seinem Gedächtnis.

Tommy wollte zurücklächeln, was ihm aber nur Schmerzen bereitete, deswegen drückte er lediglich ihre Hand.

»Ich hab’ gespürt, daß du meine Hand gedrückt hast«, sagte Biggi leise.

Daraufhin schloß Tommy die Augen, und mit viel Phantasie konnte man ein schmales und ganz kurzes Lächeln um seine Mundwinkel erkennen.

Biggi blieb den ganzen Nachmittag bei ihm sitzen, hielt seine Hand und dachte an die Zeit, als sie mit Tommy zusammen gewesen war.

Seitdem waren sechs Jahre vergangen, sie war damals achtzehn und bis über beide Ohren verliebt gewesen. Vor Tommy Hartwig hatte es keinen Mann in Biggi Ablers Leben gegeben, und nachher, sie waren drei Jahre zusammen gewesen, auch nicht mehr.

Es war die schönste Zeit ihres Lebens gewesen, und wenn sie Tommy jetzt da liegen sah, wußte sie, daß sie immer noch in ihn verliebt war. Daß alle anderen Burschen, die versucht hatten, bei ihr zu landen, keine Chance hatten, lag daran, daß sie in ihren Gedanken immer noch bei Tommy zu Hause war.

Als seine Atemzüge ganz tief waren und man davon ausgehen konnte, daß er schlief, stand Biggi vorsichtig auf, und als sie dann ihre Hand aus seiner nehmen wollte, hielt er die Hand fest.

Biggi sah Tommy aufmerksam an, er schlief tief und fest, aber er ließ ihre Hand nicht los. Es bedurfte einiger Anstrengung, um die Hand wegzuziehen und gleichzeitig Tommy nicht zu wecken.

Als sie aus der Kabine kam, ging gerade Eva-Maria Hübner vorüber und lächelte Biggi freundlich an.

»Na, Schwester«, fragte die nette Anästhesistin, »wie geht es dem jungen Mann?«

»Er schaut mich an, versucht zu lächeln und hält meine Hand, aber er scheint nicht zu wissen, wer ich bin.«

»Das ist durchaus möglich«, bestätigte Eva-Maria Hübner. »Entscheidend ist, daß er sich in diesem Moment wohl mit Ihnen fühlt. Vielleicht regt sich auch ein Funke Erinnerung, das weiß keiner. Aber in ein paar Tagen werden wir mehr wissen.«

»Meinen Sie, der Tommy würd’ wieder ganz hergestellt?« Biggi sah die nette Ärztin mit großen Augen fragend an. »Ich würd’s ihm so sehr wünschen.«

Dr. Hübner zuckte mit den Schultern. »Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Heute nachmittag kommt Professor Stolzenbach, dann spreche ich mit ihm den Fall durch.«

Biggi sah auf die Uhr. »Ich muß jetzt hinüber auf die Station gehen, mein Dienst beginnt.«

Eva-Maria Hübner schüttelte den Kopf. »Bleiben S’ ruhig da. Ich hab’ schon mit Ihrer Stationsschwester gesprochen, sie ist einverstanden, daß Sie noch zwei, drei Tage, halt solange es nötig sein sollt’, da bei uns bleiben. Für die Zeit vertritt Sie eine Kollegin von uns.«

»Wieso denn das?« Schwester Biggi wirkte überaus erstaunt.

»Weil Tommy Hartwig sehr gut auf Sie anspricht«, antwortete die nette Anästhesistin, »und den Erfolg möchten wir nicht unterbrechen.«

»Sie meinen, daß der Tommy spürt, daß jemand bei ihm ist, der ihn kennt?«

»So ungefähr«, bestätigte Eva-Maria Hübner, »konkreter ausgedrückt, jemand, der ihn mag und den er mag. Es gibt da einige uns nicht bekannte Mechanismen, deren Wirkung jedoch unbestritten ist. Ein im Koma liegender Patient hat aber durchaus ein Gespür dafür, wer in seiner Nähe ist.«

Biggi nickte. »Davon hab’ ich gehört. Und Sie meinen, so ein Fall wär das bei Tommy und mir?«

Dr. Hübner nickte. »Da bin ich mir ganz sicher.« Sie lächelte. »Es scheinen also doch noch Bande zwischen Ihnen und Tommy Hartwig zu existieren, von denen sie nichts wissen.«

Biggi sah einen Moment gedankenverloren an der Anästhesistin vorbei, dann entschuldigte sie sich und ging zurück zu Tommy in dessen Kabine.