Die Bergklinik 16 – Arztroman - Hans-Peter Lehnert - E-Book

Die Bergklinik 16 – Arztroman E-Book

Hans-Peter Lehnert

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Beschreibung

Die Arztromane der Reihe Die Bergklinik schlagen eine Brücke vom gängigen Arzt- zum Heimatroman und bescheren dem Leser spannende, romantische, oft anrührende Lese-Erlebnisse. Die bestens ausgestattete Bergklinik im Werdenfelser Land ist so etwas wie ein Geheimtipp: sogar aus Garmisch und den Kliniken anderer großer Städte kommen Anfragen, ob dieser oder jener Patient überstellt werden dürfe. "Das hört sich nicht besonders gut an…!" Dr. Vinzenz Trautner legte die Stirn in Falten, nachdem sein Chefchirurg ihm die Untersuchungsergebnisse des Kräuter-Lois erklärt hatte. Der Lois war Vinzenz Trautners langjähriger und bester Freund, und seit zwei Monaten beklagte er sich über Schwindel und Übelkeit. Ein paarmal war der Lois auch in eine kurze Ohnmacht gefallen, was zu Spekulationen jeder Art geführt hatte. "Für mich gibt es keinerlei Zweifel, Chef", sagte Clemens Stolzenbach, "der Lois hat eine Aortenklappenstenose. Ich vermute mal, daß sie nicht aufgrund einer Entwicklungsstörung entstanden ist, sondern aufgrund einer rheumatischen Herzinnenhautentzündung. Die linke Herzkammer muß das Blut durch die Engstelle der Klappe pumpen, was zur Verdickung der Herzwand führt. Sie kennen die dann einsetzende Regelmäßigkeit: Die Muskulatur der linken Kammer wird nicht mehr ausreichend durchblutet, es kommt zu Schwindel und kurzen Ohnmachtsanfällen." "Eine Operation ist dann der letzte Ausweg", murmelte der Chef der Bergklinik. Professor Clemens Stolzenbach nickte. "So ist es." "Ob sich der Lois in sein Schicksal schickt?" Vinzenz Trautner sah zweifelnd drein. "Er wird es müssen", erwiderte Stolzenbach, "sonst kann es plötzlich zu Ende sein mit ihm. Es kommt meistens zu einem Kammerflimmern, und aus ist es."

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Inhalt

Laß mich nicht im Stich

Er fühlte sich schuldig

Die Bergklinik – 16–

Die Bergklinik

Hans-Peter Lehnert

Laß mich nicht im Stich

Roman von Hans-Peter Lehnert

»Das hört sich nicht besonders gut an…!« Dr. Vinzenz Trautner legte die Stirn in Falten, nachdem sein Chefchirurg ihm die Untersuchungsergebnisse des Kräuter-Lois erklärt hatte.

Der Lois war Vinzenz Trautners langjähriger und bester Freund, und seit zwei Monaten beklagte er sich über Schwindel und Übelkeit. Ein paarmal war der Lois auch in eine kurze Ohnmacht gefallen, was zu Spekulationen jeder Art geführt hatte.

»Für mich gibt es keinerlei Zweifel, Chef«, sagte Clemens Stolzenbach, »der Lois hat eine Aortenklappenstenose. Ich vermute mal, daß sie nicht aufgrund einer Entwicklungsstörung entstanden ist, sondern aufgrund einer rheumatischen Herzinnenhautentzündung. Die linke Herzkammer muß das Blut durch die Engstelle der Klappe pumpen, was zur Verdickung der Herzwand führt. Sie kennen die dann einsetzende Regelmäßigkeit: Die Muskulatur der linken Kammer wird nicht mehr ausreichend durchblutet, es kommt zu Schwindel und kurzen Ohnmachtsanfällen.«

»Eine Operation ist dann der letzte Ausweg«, murmelte der Chef der Bergklinik.

Professor Clemens Stolzenbach nickte. »So ist es.«

»Ob sich der Lois in sein Schicksal schickt?« Vinzenz Trautner sah zweifelnd drein.

»Er wird es müssen«, erwiderte Stolzenbach, »sonst kann es plötzlich zu Ende sein mit ihm. Es kommt meistens zu einem

Kammerflimmern, und aus ist es.«

»Sagen Sie es ihm, oder soll ich…?« Vinzenz Trautner sah den Professor fragend an.

»Das liegt bei Ihnen, Chef«, antwortete der. »Der Lois ist Ihr langjähriger Spezl, aber vielleicht tut man sich gerade deswegen ein bißchen schwer mit solchen Dingen. Wenn Sie möchten, dann sage ich es ihm.«

»Mir wär’s recht, wenn Sie’s ihm sagen würden«, murmelte Dr. Trautner. »Ich möcht zwar dabei sein, aber sagen tun Sie’s bitte.«

Clemens Stolzenbach nickte, sah auf die Uhr und stand auf.

»Wir sollten nicht zu lange warten«, sagte er, »denn so ganz ohne Diskussion wird die Angelegenheit nicht über die Bühne gehen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Denken Sie mal nach, Chef. Monika ist Lois’ Enkelin, und sie wird, nachdem seit ihrem Examen passiert ist, was passiert ist, auf keinen Fall auf unsere Vorschläge eingehen.«

»Sie meinen…?« Vinzenz Trautner war blaß geworden.

Stolzenbach nickte. »Sie wird darauf bestehen, daß der Lois nach München ins Klinikum kommt.«

»Um Gottes willen.« Vinzenz Trautner schüttelte den Kopf. »Das würde den Lois umbringen.«

»Vielleicht nicht grad’ umbringen«, erklärte Stolzenbach, »aber doch zusätzlich sehr belasten.«

»Sie meinen wirklich, Monika würde auf derartige Methoden zurückgreifen?« Dr. Trautner sah den Chirurgieprofessor an, als solle der seine Meinung ändern.

Doch er nickte und sagte: »Monika gibt mir die Schuld an ihrer Situation, das wissen Sie.«

»Sie waren schließlich mal ein Paar, Professor…«

Stolzenbach nickte. »Das ist wahr, aber ich habe die jetzige Situation nicht herbeigeführt. Monika wollte unbedingt nach Heidelberg an das Krebsforschungsinstitut. An ihrer damaligen Erklärung, nicht in meinem Schatten arbeiten zu wollen, zweifle ich immer mehr.«

Vinzenz Trautner nickte. »Mir erscheint sie auch nicht einleuchtend. Aber Erklärung hin und Erklärung her, jetzt ist sie jedenfalls am Klinikum in München, und dort waren Sie mal zu Hause, Professor.«

Stolzenbach nickte. »Ich weiß. Sie versucht dort mit allen Mitteln, eine Fraktion aufzubauen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Würde man der Fraktion einen Namen geben, würde sie ›Anti-Stolzenbach-Fraktion‹ heißen.«

»Sie meinen im Ernst, Monika würde dort ihre Intrigen gegen Sie fortsetzen?«

»Das meine ich nicht nur, ich weiß es«, antwortete Stolzenbach. »Monika ist alles recht, um mich in Verlegenheit zu bringen. Würde sie mir einen beruflichen Fehler nachweisen können, ihr Triumph wäre vollkommen, denn sie weiß, was mein Beruf mir bedeutet.«

»Das hört sich ziemlich unversöhnlich an«, murmelte Vinzenz Trautner.

»Monika ist unversöhnlich«, bestätigte Stolzenbach. »Irgend etwas ist passiert, was sie so aus der Bahn geworfen hat. Sie hat irgendwas getan, was sie heute nicht mehr tun würde. Und irgendwie steht es mit mir in Verbindung. Deshalb überträgt sie alles auf mich. Ich bin sozusagen ihr Blitzableiter für ihr eigenes vorheriges Fehlverhalten.«

»Und Sie haben keine Ahnung, was es gewesen sein könnte?«

Stolzenbach zögerte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. »Würde ich meine Vermutung äußern, dann wäre es reine Spekulation.«

»Aber eine Vermutung haben Sie?«

»Die hab’ ich.«

Vinzenz Trautner saß noch einen Augenblick still da, dann stand er mit einem Ruck auf.

»Für den Lois ist es eh wurscht, was es ist«, sagte er, »wir müssen sehen, daß er unbeschadet aus der Sache herauskommt. Notfalls werde ich mit Monika reden.«

Stolzenbach lächelte. »Sie würden sich wundern, Chef.«

»Wieso?«

»Weil Sie höchstwahrscheinlich auch Ihr Fett abbekommen würden.«

*

Der Kräuter-Lois, wie Alois Gratlinger allgemein genannt wurde, lebte, nachdem er den Hof Sohn und Schwiegertochter übergeben hatte, seit vielen Jahren alleine auf der Predigtstuhl-Alm. Er sammelte Kräuter, stellte Tees, Salben und Tinkturen her und war mit sich und der Welt zufrieden.

Einmal in der Woche besuchte ihn sein Freund Dr. Vinzenz Trautner, um beim Lois Tee zu holen und ein wenig mit ihm zu plaudern. Die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit und hatten sich seitdem nie aus den Augen verloren.

Vor ein paar Monaten war dem Chef der Bergklinik aufgefallen, daß der Lois ein wenig kurzatmig wirkte, und er hatte ihn darauf angesprochen, doch keine gescheite Antwort bekommen: Der Lois hatte lediglich abgewinkt.

Dann war er ein paarmal ohne ersichtlichen Grund ohnmächtig geworden, und vor einigen Wochen hatte Professor Stolzenbach den Lois auf dem Geiersteig, das war der kürzeste Pfad von der Alm herunter zur Bergklinik, gefunden.

Man hatte Lois’ Zustand stabilisiert und ihm das Versprechen abgenommen, daß er sich so bald als möglich in der Bergklinik zu einer Generaluntersuchung vorstellen solle.

Vor vier Tagen war der Lois gekommen, und die Untersuchungen hatten ergeben, daß der Lois eine Aortenklappenverengung hatte.

»Wie schaut’s ihr denn drein?« Der Lois lag angezogen auf dem Bett und sah Vinzenz Trautner und Clemens Stolzenbach aufmerksam an, als sie sein Krankenzimmer betraten. »Wenn ich eure Gesichtsausdrücke richtig deut’, dann ist net gar so was Gescheites herausgekommen bei der Untersuchung, oder?«

»Wie man’s nimmt«, antwortete Stolzenbach.

Der Lois lächelte ein wenig gequält. »Wie ich euch Ärzte kenn’, verpackt ihr die üble Nachricht immer in eine angenehme. Zum Beispiel hat man mal dem alten Millner erklärt, es wär schön für ihn, daß man ihm nur den Fuß und net das ganze Bein abzuschneiden braucht’.«

»Also so schlimm ist’s net«, erwiderte Stolzenbach. »Tatsache ist, daß du operiert werden mußt. Die Herzklappen zur Aorta sind offensichtlich verengt, und das muß gerichtet werden. Positiv daran ist, daß es heute nichts Außergewöhnliches mehr ist, Herzklappen zu operieren. Vor Jahren war das immer noch mit erheblichen Risiken verbunden. Heute ist es Standard, wenn sich auch nur wenige Kliniken damit befassen.«

Der Lois setzte sich auf und sah seinen alten Freund Vinzenz Trautner an.

»Du schweigst ja ganz«, sagte er, »hat’s dich derart aus der Spur geworfen, daß der Professor mich der Länge nach aufschneiden will?«

»Red net so daher«, brummelte Dr. Trautner. »Ich mach’ mir Gedanken, wo du operiert werden wirst, und dir fällt nix anderes ein, als dumm herumzuscherzen.«

»Wo ich operiert werden werd’?« Der Lois sah den Chef der Bergklinik amüsiert an. »Wo denn schon? Hier natürlich. Es

sei denn, du magst mich net dahaben.« Dann sah er Stolzenbach an. »Du würdest mir doch die Ehre erweisen, Professor, oder?«

Stolzenbach nickte. »Ich würde mich freuen, wenn ich dir einen Gefallen tun könnte.«

»Na also«, brummelte der Lois, während er wieder Dr. Trautner ansah, »wo liegt das Problem?«

»Was werden deine Leut’ dazu sagen, daß du hier und nicht

in München operiert werden willst?« erwiderte der.

»Meine Leut’?« Der Lois kniff die Augenbrauen zusammen. »Wieso sollten der Franz und die Leni dagegen sein, daß ich mich hier bei euch operieren laß’? Für die ist der Professor eh der beste Arzt, den es gibt.«

»Na, na, jetzt greif mal net so hoch.« Stolzenbach winkte ab.

»Jetzt mal im Ernst, Vinz«, sagte der Lois, »warum sollten der Franz und die Leni was dagegen haben?«

»Ich hab’ weniger als die beiden als an Ihre Tochter gedacht«, antwortete Dr. Trautner.

»Die Moni«, murmelte der Lois, »Herrschaftszeiten, daran hab’ ich ja noch gar net gedacht.«

»Die Moni ist Ärztin«, erinnerte Dr. Trautner seinen alten Spezl, »und sie wird darauf bestehen, daß du zu ihr nach München kommst.«

»Wieso denn das?« Der Lois schien nicht zu begreifen. »Wo wir doch hier die Bergklinik haben, wieso sollte Moni darauf bestehen, daß ich nach München…?« Plötzlich hörte er auf zu reden und sah Clemens Stolzenbach an. »Ihr meint, weil die Moni und du, weil ihr heute nimmer beisammen seid und sie dir die Schuld für ihre Situation gibt, daß sie mich deswegen nach München haben will?«

Als weder Vinzenz Trautner noch Clemens Stolzenbach antworteten, sagte der Lois mit heiserer Stimme: »Seid’s ihr noch ganz gescheit? Das würd’ ja heißen, daß das Madl ihre eigenen Rachegefühle höher bewerten würd’ als meine Gesundheit. Das könnt ihr doch net wirklich annehmen, oder?«

»Erstens muß es ja net so sein«, versuchte Vinzenz Trautner seinen alten Spezl zu beruhigen.

»Und wenn die Moni dich wirklich nach München holen sollte«, ergänzte Stolzenbach, »dann muß es gar nichts mit mir zu tun haben. Es dürfte dann eh nur aus Sorge um dich sein. Immerhin ist das Klinikum eine ganz bekannte Klinik mit den allerbesten Ärzten und Möglichkeiten.«

Der Lois sah daraufhin sehr skeptisch drein. »Die Ärzte dort sind so gut, daß der vorherige Chef des Münchener Klinikums hier zu dir in die Bergklinik gekommen ist, um sich operieren zu lassen. Gar so weit kann’s also net hersein mit dem Können der Herren im Münchener Klinikum. Wenn ich operiert werden muß, dann hier bei euch.«

»Also, jetzt machen wir uns mal net verrückt«, sagte Vinzenz Trautner, »du allein bestimmst, was mit dir passiert. Darauf hat keiner einen Einfluß. Und wenn du hier in der Bergklinik operiert werden willst, dann wirst du hier operiert werden.«

Als die beiden Ärzte den Lois danach alleine ließen, hatten sie ihm gesagt, daß er nach Hause könne.

»Pack dein Werkl zusammen«, hatte Dr. Trautner gemurmelt, »ich fahr’ dich nach Haus’. Das heißt, wenn es dir recht ist.«

Der Lois war manchmal ein widersprüchlicher Geist, doch heute war er eher in Gedanken und hatte genickt.

»Ist schon recht«, hatte er geantwortet, »ich will so rasch wie möglich zurück auf meine

Alm.«

»Besser wär’, wenn du bis zur Operation auf den Hof gehen würdest«, sagte Dr. Trautner, als er den Lois dann in seinem Zimmer abholte, um ihn nach Hause zu fahren, »net, daß du nachher noch mal ohnmächtig wirst, und net jedesmal ist einer da, der dich findet, wie letztens der Professor.«

»Ich will auf die Alm«, erwiderte der Lois, und wie er es sagte, ließ es keinen Widerspruch zu.

*

»Was der Vater gesagt hat, wird gemacht.« Franz Gratlinger nickte ein paarmal, als müsse er sich selbst die Richtigkeit seiner Aussage bestätigen.

»Dann ruf die Moni an und sag ihr, was los ist«, forderte seine Frau ihren Mann auf. »Der Lois will sich sicher vorher mit dem Madel besprechen, wenn er sich hier in der Bergklinik operieren läßt.«

»Ruf lieber du an«, brummelte Franz Gratlinger, der Sohn des Kräuter-Lois und Monikas Vater.

»So was muß immer ich erledigen«, brummelte seine Frau Leni, doch dann stand sie auf und ging zum Telefonapparat, der im Stiegenhaus des alten Bauernhauses auf einer wunderschönen geschnitzten Truhe aus dem Jahre 1698 stand.

»Servus, Moni«, sagte die Leni, »hier ist deine Mutter, ich hätt’ was mit dir zu bereden.«

»Momentan hab’ ich keine Zeit, um dumm herumzureden«, antwortete Monika, die seit knapp zwei Monaten im Münchener Klinikum bei Professor Gernot Naukat arbeitete, nachdem sie ein halbes Jahr am Heidelberger Krebsforschungsinstitut beschäftigt gewesen war.

»Es geht um deinen Großvater, Kind…«

»Was ist mit ihm?«

»Er ist krank.«

Einen Augenblick war es still am anderen Ende der Leitung.

»Was hat er denn?« wollte Monika dann wissen.

»Er muß operiert werden, am Herzen. Er war in der Bergklinik zur Untersuchung.«

Wieder war es einen Moment still am anderen Ende der Leitung, und diesmal dauerte es ein wenig länger, bis Monika sich wieder meldete.

»Was ist denn festgestellt worden?« fragte sie dann.

»Irgendwas am Herzen«, antwortete die Mutter. »So genau weiß ich das nicht.«

»Wer hat die Untersuchungen geleitet?«

»Der…«, Leni Gratlinger räusperte sich, »der Clemens.«

»Ich kümmere mich um die Sache«, antwortete Monika daraufhin mit schmalem Stimmvolumen, »ich hab’ jetzt aber wirklich keine Zeit mehr. Grüß den Vater und den Großvater und bis bald, du hörst von mir.«

Franz Gratlinger sah seine Frau fragend an, als sie zurück in die Stube kam. »Und? Was hat das Madel gesagt?«

»Daß sie sich drum kümmert.«

»Aha. Und was heißt das?«

Die Leni zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es net, sie hat keine Zeit gehabt.«

»Die hat sie nie«, brummelte der Franz.

Dann stand er auf, ging zur Kredenz und goß sich ein Stamperl ein. Er trank es aus und goß sich noch eines ein. Als er auch das ausgetrunken hatte, schüttelte er sich, stellte das Glas auf den Tisch und setzte sich wieder.

»Die Moni macht mir große Sorgen«, sagte er nach einer Weile, »mehr als der Vater. Den weiß ich beim Clemens in den besten Händen, aber was das Madl macht, das weiß ich net.«

»Sie ist alt genug, sie muß selbst wissen, was sie macht«, erwiderte seine Frau.

»Was ist jetzt«, fuhr der Franz fort, »bekommt sie ein Kind oder bekommt sie keines?«

Vor drei Monaten etwa hatte Monika ihre Eltern mit der Nachricht überrascht, daß sie schwanger sei. Vater sollte Professor Heidberg, ihr Chef in Heidelberg, sein. Doch inzwischen hatte es mal geheißen, daß es nicht stimme, und deswegen war der Franz verunsichert.

»Derartiges hat es in unserer Familie nie gegeben«, sagte er, »und in deiner genauso wenig.«

»Du kannst der Moni trotzdem keine Vorhaltungen machen«, entgegnete seine Frau.

»Ich mach ihr ja keine Vorhaltungen«, sagte der Franz, »obwohl ich es gern würd’. Das Madel hat sich binnen eines Jahres gewandelt wie ich es nie für möglich gehalten hätt’. Wir haben nie Schwierigkeiten mit ihr gehabt, bis jetzt…«

Die Leni wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln.

»Ich weiß es ja«, sagte sie, »aber es hat sie halt hart getroffen, daß sie und der Professor nimmer zusammen sind.«

Franz Gratlinger lachte kurz und unfroh auf. »Dem Clemens kann man net übelnehmen, daß er sich inzwischen nach einem anderen Madel umgeschaut hat. Und zwar nach einem Madel, das weniger spinnert ist als die Moni. Außerdem hat net er sie verlassen, sondern es war eher umgekehrt.«

»Wer weiß denn schon, was bei den beiden wirklich gewesen ist?« Die Leni zuckte mit den Schultern. Man sah ihr an, wie schwer sie daran trug, daß ihre Tochter und Professor Stolzenbach kein Paar mehr waren.

»Ich schätz mal, daß unsere Tochter als einzige Auskunft geben könnte«, erwiderte ihr Mann. »Und weißt du, warum? Weil sie alleine es weiß. Der Clemens rätselt genauso herum wie wir. Das heißt, heut’ wird er es nimmer tun, denn wenn er’s tät, dann wär’ er blöd, und das ist er net.«

»Und was machen wir jetzt?« Die Leni war ratlos. »Ich mein’, mit deinem Vater? Wir müssen jetzt darauf warten, was die Moni sagt.«

»Gar nix müssen wir«, erwiderte der Franz. »Wenn sie rechtzeitig da ist, bitt’ schön, dann kann das Fräulein Doktor ihren Großvater beraten. Wegen mir kann sie ihn auch untersuchen. Aber wieso sollt’ bei ihren Untersuchungen was anderes herauskommen als beim Clemens?«

Die Leni begann wieder zu weinen. »Bei allem, was recht ist, das ist so verworren und kompliziert.«

»Gar nix ist verworren und noch weniger ist kompliziert«, entgegnete ihr Mann. »Der Vater ist krank, er hat’s am Herzen, es muß operiert werden, und das macht der Bergklinik-Professor. Das ist’s schon, daran ist nix kompliziert. Kompliziert wird’s nur, wenn irgendwer sich einmischen will. Man sollt’ es unterbinden, dann wär am ehesten Ruh’.«

»Aber Franz«, murmelte die Gratlinger-Leni, »die Moni ist doch net irgendwer, sondern unsere Tochter.«

Da nickte ihr Mann. »Das stimmt, unsere Tochter ist sie immer noch, aber nimmer das Madel, das sie früher mal war.«

Da stand die Leni auf und verließ die Stube. Sie konnte die Entwicklung Monis am wenigsten nachvollziehen, trotzdem wollte sie sie nicht verlieren

und versuchte, sie bei allen möglichen Gelegenheiten zu verteidigen.

Ihr Mann verstand nicht, daß seine Tochter sich nach ihrem medizinischen Examen derart aus der vorgegebenen Spur entwickelt hatte, vor allem nicht, weil keinerlei Vorteil für die Moni dabei herausgesprungen war.

Als die Leni kurz darauf zurückkam, fragte sie, ob es nicht gescheiter sei, den Lois auf den Hof zu holen. »Nicht, daß er wieder mal umfällt und keiner kann ihm beistehen.«

Da nickte der Franz. »Gescheit wär’s schon, aber der Vater wird net wollen. Und gegen seinen Willen red’ ich net. Er ist alt und gescheit genug, um zu wissen, was gut für ihn ist.«

*

Als Dr. Monika Gratlinger von den gesundheitlichen Problemen ihres Grßvaters gehört hatte, war sie zuerst einmal tief betroffen gewesen, denn erstens hatte sie immer gemeint, ihr Großvater sei unverwüstlich, und zweitens mochte sie den Lois über alles. Er war zeitlebens so was wie ihre Bezugsperson gewesen, immer verständnisvoll, alles was er tat, war von Liebe zu ihr geprägt und niemals hatte es zwischen ihnen irgendwelche Mißtöne gegeben.

Am nächsten Morgen ließ sie ihrem Chef, Professor Gernot Naukat, gegenüber durchblicken, daß ihr Großvater herzkrank sei und operiert werden müsse. Das schien den aus Mecklenburg stammenden Chirurgen jedoch nicht weiter zu berühren, er setzte für Sekundenbruchteile eine Miene des Bedauerns auf und sagte, man könne Herzsachen heute sehr gut operieren. Es war offensichtlich, daß er sich für den alten Lois nicht interessierte.

Erst als Monika einfließen ließ, daß Clemens Stolzenbach die Untersuchungen durchgeführt habe und wohl auch operieren werde, legte Naukat seine medizinischen Papiere zur Seite und sah Monika neugierig an.

»Was hat denn der Kollege Stolzenbach mit Ihrem Großvater zu tun?« fragte er.

»Die beiden kennen sich«, antwortete Monika.

»Ach ja…«, Naukat tat so, als erinnere er sich gerade in dem Moment, »Sie waren ja mal mit Stolzenbach zusammen. Natürlich kennt er da Ihren Großvater.«

Monika gefiel die Wende des Gesprächs gar nicht, und sie wollte gehen, doch Naukat rief sie zurück.

»Sie wollen Ihren Großvater doch nicht der Bergklinik und Stolzenbach überlassen?« sagte er. »Wir sind die medizinische Institution in Bayern, nicht die Bergklinik. Wenn in der Vergangenheit dieser Eindruck entstanden sein sollte, dann wird es Zeit, daß er korrigiert wird.«

»Sie meinen, mein Großvater soll herkommen?« Monika sah Professor Naukat fragend an.

Der nickte. »Natürlich soll er das, aber nicht sofort. Zuerst fordern Sie alle Unterlagen aus der Bergklinik an. Wir wollen deren Diagnose schriftlich vorliegen haben, dann kann sich später auch niemand herausreden.«

Plötzlich wußte Monika, worauf Naukat hinauswollte. Sie nickte und sagte: »Ich werde die Unterlagen sofort anfordern.«

»Lassen Sie das lieber Sauer machen«, erwiderte Naukat, »das hat einen anderen Anstrich, als wenn die Enkelin die Unterlagen einsehen möchte.«

Eines wußte Monika in dem Moment, nämlich, daß Naukat, wenn er etwas tat, sehr zielstrebig und mit Blick fürs Detail vorging. Er dachte schlichtweg an alles.

»Ich rufe Sauer an«, sagte Naukat, »dann müssen Sie ihm nichts erklären. Wie heißt Ihr Großvater?«

»Alois Gratlinger.«

Naukat hatte mitgeschrieben und nickte. »Ich werde Sauer damit beauftragen. Vielleicht bereiten Sie Ihren Großvater schon mal darauf vor, daß er zur Untersuchung vorerst ein paar Tage nach München kommen muß. Wenn er wirklich operiert werden müßte, dann würde sich ein etwas längerer Aufenthalt anschließen. Was Ihr Großvater am Herzen hat, wissen Sie nicht?«

Monika schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich hab’ nicht mal gewußt, daß er irgendwelche Probleme hat. Aber sehr viel Operables kann es ja nicht sein. Herzkranzgefäße oder Klappen, eines von beiden ist wahrscheinlich.«

Naukat nickte gedankenverloren. »Das könnte sein, damit ist schließlich der weitaus größte Teil der Herzoperation abgedeckt.« Dann widmete er sich wieder seinen Krankenpapieren.

Etwa eine Stunde später betrat in der Bergklinik Vinzenz Trautner die chirurgische Station und fragte nach Professor Stolzenbach. Der war noch im OP-Trakt, und als Trautner ihn dort gefunden hatte, gab er ihm ein Fax.

»Das ist eben aus dem Klinikum in München angekommen«, sagte er, »Ihr ehemaliger Kollege Sauer möchte, daß wir ihm die Krankenpapiere vom Lois schicken.«

»Ach«, staunte Stolzenbach, »das ging aber flott.«

»Wieso hat Monika nicht angerufen und mich um die Unterlagen gebeten?« wollte Dr. Trautner wissen.

»Weil Sie in ihren Augen mit mir unter einer Decke stecken«, antwortete Stolzenbach.

»Das glauben Sie doch nicht im Ernst?«

»Und ob ich das tue. Alles, was im Moment mit mir zu tun hat, stößt bei Monika auf totale Ablehnung.«

»Wenn mir jemand vor wenigen Monaten die Entwicklung vorausgesagt hätte, ich hätte ihn schlichtweg für vollkommen übergeschnappt erklärt.« Der Chef der Bergklinik atmete tief durch. »Entschuldigen Sie, wenn ich das einfach so ausspreche, aber wenn ich dran denke, wie sehr verliebt Monika und Sie waren, dann kann ich das, was

dann passiert ist und jetzt noch passiert, einfach nicht begreifen.«

Stolzenbach nickte. »Es ist vollkommen irrational, daran gibt es keinen Zweifel. Ich wiederhole noch mal, was ich schon mal gesagt habe. Monika hat irgend etwas getan, das sie sehr gerne ungeschehen machen würde. Nicht die Sache mit ihrem Chef in Heidelberg. Ich meine jetzt, daß sie möglicherweise von ihm schwanger war und noch ist. Nein, nein, es ist etwas anderes, das vorher passiert ist.«

»Was meinen Sie damit?« Dr. Trautner sah seinen Chefchirurgen fragend an.

Der zuckte mit den Schultern. »Ich hab’ keine Ahnung. Es ist was, dessen sie sich schämen und worüber sie noch nicht geredet hat. Alle meine psychologischen Kenntnisse zusammengenommen, hat sie möglicherweise mit einem ihrer Kollegen zur Examenszeit eine kleine Affäre gehabt. Das würde erklären, daß sie nicht mit mir arbeiten wollte und daß sie danach mit dem Kollegen Heidberg etwas angefangen hat.«

Vinzenz Trautner hatte die

Augenbrauen zusammengezogen und wirkte nachdenklich. Nach einer Weile nickte er.

»Sie meinen«, sagte er, »Monika habe quasi ihre erste, nicht bekannt gewordene Affäre durch die zweite mit ihrem Heidelberger Chef auslöschen wollen?«

Stolzenbach wiegte den Kopf. »Nicht ganz so, aber ungefähr kommt es hin.«

Vinzenz Trautner legte daraufhin seine Stirn in Falten.

»Das wäre alles Monikas Sache«, murmelte er dann, »wenn sie es dabei belassen würde. Wenn sie jetzt aber den Lois mit in ihre Privatauseinandersetzung mit Ihnen zieht, dann ist das was ganz anderes.«

»Wie wollen Sie es verhindern?« fragte Stolzenbach.

»Es müßte jemand mit ihr reden.«

»Der würde sein Waterloo erleben.«

»So schlimm wird es schon nicht werden«, entgegnete Vinzenz Trautner, »immerhin ist der Lois derjenige, an dem die Monika mit Abstand am meisten gehangen hat. Die beiden waren immer ein Herz und eine Seele. Wenn es ihr bewußt wäre, wie sehr sie den Lois quälen würde, dann würde sie ihn ganz sicher nicht nach München holen.«

»Also, ob es gerade eine Qual wäre, wollen wir mal dahingestellt sein lassen.« Stolzenbach zuckte mit den Schultern. »Vielleicht haben wir uns ja geirrt, und in München stellt man eine ganz andere Diagnose.«

Vinzenz Trautner sah daraufhin seinen Chefchirurgen ein wenig befremdet an. »Haben wir uns geirrt?«

Stolzenbach schüttelte den Kopf. »Ganz sicher nicht.«

*

Professor Gernot Naukat und sein Oberarzt Priv.-Doz. Dr. Achim Sauer standen an der Sichtwand und betrachteten die Röntgenbilder des alten Lois, die aus der Bergklinik per Bote gekommen waren.

»Mir scheint«, sagte Naukat schließlich, »daß man sich geirrt hat. Das da scheint eine eindeutige Verengung der hinteren Coronararterie zu sein. Da können die kurzen Ohnmachtsanfälle auch herrühren.«

Achim Sauer hatte noch mit Clemens Stolzenbach und Magnus Kelterer im Klinikum zusammengearbeitet. Sauer hatte seine Kollegen stets als Konkurrenten gesehen, und als man Clemens Stolzenbach die Leitung des Klinikums übertragen wollte, der aber abgelehnt hatte, war er einige Zeit vollkommen am Boden zerstört gewesen, weil ihn offensichtlich niemand ins Kalkül gezogen hatte.

Daß mit Naukat ein ganz Fremder berufen worden war, erfreute den chirurgischen Oberarzt zwar nicht, aber es war ihm immer noch lieber, als unter seinem ehemaligen Studienfreund Stolzenbach arbeiten zu müssen.

Die Diagnose seines jetzigen Chefs Naukat, der Lois leide unter eine coronaren Kranzgefäß-Stenose, teilte Achim Sauer jedoch nicht. Er war aufgrund der anderen Untersuchungsprotokolle der Ansicht Stolzenbachs, daß es sich um eine Verengung der Aortenklappen handelte. Doch er schwieg und widersprach Naukat nicht.

Der stand am Wandschirm und starrte wie gebannt auf die Röntgenaufnahmen. Irgendwann knipste er das Licht dahinter aus und wandte sich an Achim Sauer.

»Ich beauftrage Sie«, sagte er, »unsere Diagnose zu Protokoll zu bringen, und gleichzeitig weisen Sie auf den falschen Befund der Bergklinik und Professor Stolzenbachs hin. Das möchte ich dokumentiert wissen, haben Sie verstanden?«

Sauer nickte, denn er hatte mal erlebt, wie Naukat ausgeflippt war, als ein Assistent sich etwas hatte zweimal erklären lassen. Naukat hatte es als Widerspruch aufgefaßt und den jungen Burschen vor versammelter Mannschaft zusammengestaucht. Daß der Assistent recht gehabt hatte mit seinen Zweifeln, hatte sich später herausgestellt, da hatte Naukat die Tatsachen verdreht und so getan, als sei er der Zweifler gewesen.

Achim Sauer ging ins Ärztezimmer der Station, wo Monika saß und die Krankengeschichte eines Patienten um ihre Untersuchungsergebnisse ergänzte, in dem sie sie auf Band sprach.

Als Sauer hereinkam, legte Monika das Mikrofon beiseite und sah ihn interessiert an.

»Haben Sie und der Professor sich die Unterlagen meines Großvaters schon angesehen?« fragte sie.

Sauer nickte, aber man sah sofort, daß ihm das Thema in dem Moment gar nicht paßte, doch Monika erkannte es nicht und wartete auf eine Antwort.

»Ja, wir haben sie angesehen«, erwiderte er lustlos.

»Und…?«

»Professor Naukat ist der Ansicht, daß die Diagnose der Bergklinik falsch ist.«

»Was…?« Monikas Blick

schien sich in Sauer zu bohren.

Sauer atmete tief durch und berichtete, was Naukat angeordnet hatte.

»Er hat eine coronare Kranzgefäßerkrankung diagnostiziert«, sagte er, »und ich soll das jetzt zu Protokoll bringen. Mit dem Hinweis auf die Diagnose Stolzenbachs. Naukat will wohl die Konfrontation.«

»Warum nicht?« Monika verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Sie sah sehr fesch aus, wieder viel besser als noch vor wenigen Wochen.

»Wir können keine Diagnose zu Protokoll bringen, wenn wir den Patienten nicht gesehen haben«, erwiderte Sauer aufgebracht. »Seit wann gibt es denn so was?«

»Haben Sie das Naukat gesagt?« wollte Monika wissen.

Sauer lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. »Ich werde mich hüten. Ich möchte nicht wie ein dummer Junge heruntergeputzt werden.«

Monika stand am Fenster und sah hinaus. »Dann wird mein Großvater herkommen müssen.«

»Das war doch sowieso klar«, murmelte Achim Sauer.