Die Bergklinik 3 – Arztroman - Hans-Peter Lehnert - E-Book

Die Bergklinik 3 – Arztroman E-Book

Hans-Peter Lehnert

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Beschreibung

Die Arztromane der Reihe Die Bergklinik schlagen eine Brücke vom gängigen Arzt- zum Heimatroman und bescheren dem Leser spannende, romantische, oft anrührende Lese-Erlebnisse. Die bestens ausgestattete Bergklinik im Werdenfelser Land ist so etwas wie ein Geheimtipp: sogar aus Garmisch und den Kliniken anderer großer Städte kommen Anfragen, ob dieser oder jener Patient überstellt werden dürfe. "Ein Gespräch für Sie, Herr Professor." Es sah aus, als sei der Anruf dringend, denn Helga Adler, die Sekretärin des Chefchirurgen der Bergklinik, brachte diesem ein Handy in den Park hinter der Klinik, wo er sich bei wunderschönem Sommerwetter mit einem Patienten besprach. Professor Stolzenbach schien ein wenig ärgerlich zu sein, weil er ausdrücklich darum gebeten hatte, während der Unterredung nicht gestört zu werden. Er sah seine Sekretärin deshalb stirnrunzelnd an und wollte wissen, wer der Anrufer sei. "Es ist Herr Doktor Lohmann aus dem Klinikum", antwortete Helga Adler. "Hätte das nicht Zeit gehabt…?" "Dr. Lohmann sagt, es sei sehr dringend." "Was der schon als dringend ansieht", brummelte Stolzenbach, nahm das Handy und ging ein paar Schritte abseits, um ungestört reden zu können. "Jetzt störst du schon am hellen Vormittag", sagte Stolzenbach anstatt einer Begrüßung. Dr. Peter Lohmann war Privat-Dozent am Münchener Klinikum und Stolzenbachs Freund seit gemeinsamen Studientagen.

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Inhalt

Schuld und Liebe

Die unbekannte Tochter

Die Bergklinik – 3–

Die Bergklinik

Hans-Peter Lehnert

Schuld und Liebe

Roman von Hans-Peter Lehnert

»Ein Gespräch für Sie, Herr Professor.« Es sah aus, als sei der Anruf dringend, denn Helga Adler, die Sekretärin des Chefchirurgen der Bergklinik, brachte diesem ein Handy in den Park hinter der Klinik, wo er sich bei wunderschönem Sommerwetter mit einem Patienten besprach.

Professor Stolzenbach schien ein wenig ärgerlich zu sein, weil er ausdrücklich darum gebeten hatte, während der Unterredung nicht gestört zu werden. Er sah seine Sekretärin deshalb stirnrunzelnd an und wollte wissen, wer der Anrufer sei.

»Es ist Herr Doktor Lohmann aus dem Klinikum«, antwortete Helga Adler.

»Hätte das nicht Zeit gehabt…?«

»Dr. Lohmann sagt, es sei sehr dringend.«

»Was der schon als dringend ansieht«, brummelte Stolzenbach, nahm das Handy und ging ein paar Schritte abseits, um ungestört reden zu können.

»Jetzt störst du schon am hellen Vormittag«, sagte Stolzenbach anstatt einer Begrüßung. Dr. Peter Lohmann war Privat-Dozent am Münchener Klinikum und Stolzenbachs Freund seit gemeinsamen Studientagen.

»Laber nicht rum, hör mir lieber zu«, antwortete Lohmann. »Hier braut sich was zusammen. eine Patientin, ein junges Mädchen, sie ist eine bekannte Sportlerin, ist eingeliefert worden. Sie hat erhebliche Schmerzen im linken Oberschenkel und…!«

Stolzenbach unterbrach seinen Freund und Kollegen. »Was geht mich das an?«

»Hör mir zu, dann erfährst du es«, antwortete Lohmann. »Dieses Mädchen hat wahrscheinlich eine arterielle Schwachstelle im unteren Abdominalbereich.«

»Ein Aneurysma?«

»Ich weiß es nicht, jedenfalls hat die Sache irgendwelche Haken.«

»Warum rufst du bei mir an? Willst du lediglich ein wenig tratschen?«

»Blödsinn.« Peter Lohmann holte tief Luft, bevor er weiterredete. »Du sollst herkommen. Irgendwer hat das vorhin gesagt.«

»Wie bitte…?« Stolzenbach meinte, nicht recht gehört zu haben.

Er war mehr oder weniger im Streit vom Münchener Klinikum weggegangen, vor allem, weil sein unmittelbarer Chef, Professor Weinert, ihm nach einer gewissen Zeit den Erfolg nicht mehr gönnte. Und nun sollte er nach München kommen, um ein junges Mädchen zu operieren? Wenn er richtig verstanden hatte, konnte es unter Umständen zwar ein paar Probleme geben, aber auch für seine Münchener Kollegen war die Aufgabe sicher nicht unlösbar.

»Weinert ist natürlich strikt dagegen«, berichtete Peter Lohmann weiter. »Der ist knallrot angelaufen, als Magnus Kelterer vorgeschlagen hat, dich zu holen.«

»Kelterer hat das vorgeschlagen?« Professor Stolzenbachs Stimme klang erstaunt. »Wenn Weinert das weiß, hat Magnus in Zukunft keine guten Karten mehr am Klinikum.«

»Weinert stand neben ihm, als er es vorschlug.«

»Du meine Güte«, murmelte Stolzenbach, »und wie soll’s jetzt weitergehen?«

»Man berät und wartet auf den Vater des Mädchens.«

»Was hat der denn damit zu tun, wer seine Tochter operiert?«

»Er ist Landtagsabgeordneter, im Gesundheitsausschuß des Landtags und damit auch im unmittelbaren Aufsichtsbereich für das Klinikum.« Lohmann lachte kurz auf. »Du weißt, was das heißt…!«

»Es könnte sein, daß Weinert kuschen muß und wird.«

»So ist es«, sagte Peter Lohmann. »Ich ruf jetzt nur an, um zu erfahren, ob du eventuell kommen würdest. Es hat ja keinen Zweck, wenn sie beschließen, dich nach München einfliegen zu lassen, und dich interessiert die ganze Chouse dann nicht.«

Stolzenbach sagte nichts. Er dachte nach.

»Bist du noch da?« fragte Peter Lohmann deswegen. »Die Sache müßte dir doch liegen. Aus vielen Gründen. Medizinisch sicher sehr interessant, dann könntest du deinen Ruhm mehren, und Weinert würde vor

Zorn im Boden versinken. Das alles zusammengenommen müßte doch reichen, auch einen Clemens Stolzenbach aus seiner selbstgewählten Bergeinsamkeit herauszuholen.«

Stolzenbach lächelte. »Es ist sogar sehr verlockend. Wann kommt denn dieser Vater?«

»Man hat gesagt, er sei auf dem Weg.«

»Also gut, wenn man will, dann soll man anrufen. Aber du nicht. Dann soll sich einer der Chefs bemühen.«

Dr. Peter Lohmann grinste. »Ich werd’ es bei Bedarf einfließen lassen. Also, Alter, es war gut, dich wieder mal zu hören. Schade, daß du dich so rar machst. Irgendwie ist es hier in München anders, seitdem du nicht mehr da bist.«

Stolzenbach lachte. »Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre.« Dann beendete er das Gespräch. »Entschuldige bitte, aber ich habe noch einen Patienten, mit dem ich einiges zu besprechen habe. Servus und bis später.« Dann drückte er die Verbindung weg und steckte das Handy in seine Kitteltasche.

Als er zu dem Patienten zurückkam, saß Dr. Trautner bei dem.

»Grüß Gott, Herr Kollege«, begrüßte der seinen Chefchirurgen, »was Herr Baum mir sagt, hört sich ja sehr erfreulich an.«

Stolzenbach setzte sich dazu und nickte. »Das kann man sagen. Es gibt keinerlei Hinweise für ein Rezidiv, und ich habe ihm vorgeschlagen, daß er den Rest seines Aufenthalts in der Bergklinik von Ihnen betreut wird. Das heißt, falls Sie denn damit einverstanden sind.«

Trautner nickte. »Selbstverständlich bin ich einverstanden.«

Dann stand er auf und sah Karl Baum an, der vor reichlich einem Monat mit einem bereits mehrfach operierten Magen eingeliefert worden war. Man hatte versucht, ein Karzinom zu entfernen, was jedoch nicht gelungen war.

Die Operation in der Bergklinik, sie war Karl Baums letzte Hoffnung, war zwar äußerst schwierig gewesen, doch Stolzenbach war es trotzdem gelungen, die sich in kurzer Zeit neu gebildete Geschwulst zu entfernen. Außerdem konnte ein Teil des Magens erhalten werden, denn Stolzenbach legte stets Wert darauf, seinen Patienten auch bei schwierigsten Situationen postoperativ noch ein einigermaßen angenehmes Leben zu ermöglichen.

»Wir sehen uns dann später«, sagte Dr. Trautner zu Karl Baum, dann nickte er Stolzenbach zu und wollte gehen.

»Einen Augenblick bitte noch, Herr Kollege«, bat Stolzenbach, dann berichtete er von dem Telefonanruf seines Freundes Peter Lohmann aus München. »Ich muß Sie fragen, ob Sie was dagegen haben würden… schließlich habe ich einen Vertrag mit der Bergklinik und… na ja, ohne Ihr Einverständnis möchte ich nicht…!«

Dr. Vinzenz Trautner musterte Stolzenbach einen Augenblick sehr aufmerksam, dann nickte er.

»Meine Erlaubnis haben Sie selbstverständlich.« Dann huschte ein Lächeln um seine Mundwinkel. »Man hat Sie also an Ihrer alten Wirkungsstätte inzwischen nicht vergessen?«

Auch Stolzenbach lächelte. »Offensichtlich nicht.«

Dann läutete das Handy. Stolzenbach drückte den Gesprächsknopf und hörte zu, dann sprach er ein paar Worte und beendete das Gespräch.

»Es war das Klinikum«, sagte er. »Man wartet auf mich. Der Hubschrauber ist bereits unterwegs.«

*

Während Clemens Stolzenbach sich auf den Flug nach München vorbereitete, herrschte im Klinikum totale Konfusion. So wütend hatten die Mitarbeiter Professor Weinert noch nie gesehen. Erregt rannte er in seinem Zimmer auf und ab, sein Kopf war knallrot, und sein Oberarzt, Privat-Dozent Dr. Sauer, war kreidebleich und stand stumm daneben.

»Das werde ich Kelterer nie verzeihen«, sagte Professor Weinert mit leiser Stimme. »Ausgerechnet Stolzenbach. Diesen… diesen Typen, der uns immer wieder Schwierigkeiten macht. Wenn ich seinen Namen schon höre, dann kommt mir die Galle hoch.«

Dr. Achim Sauer hörte sich alles an und sagte kein Wort dazu, denn erstens konnte er seinen Chef irgendwie verstehen, aber es war zweitens auch unzweifelhaft, daß Clemens Stolzenbach ein begnadeter Chirurg war. Er hatte ein paar Jahre mit ihm zusammengearbeitet und nie einen anderen Chirurgen auch nur annähernd so sicher und geschickt arbeiten sehen wie Clemens Stolzenbach.

Daß der Vater Karen Klagners, Maximilian Klagner, Landtagsabgeordneter und Mitglied des Gesundheitsausschusses war, gab der ganzen Angelegenheit noch die nötige Würze.

»Wenn man das Mädchen wenigstens in diese… diese vermaledeite Bergklinik hätte transportieren können«, setzte Professor Weinert seine Schimpftiraden fort, »dann wären wir sie und die Probleme losgewesen. Aber nein, auch das scheidet laut Kelterer aus. Jetzt kommt Stolzenbach her. Ist er etwa schon unterwegs?«

Achim Sauer sah auf seine Uhr und nickte. »Man fliegt ihn ein. Mit dem Hubschrauber. Er müßte eigentlich jeden Moment da sein.«

»Dann werde ich verschwinden«, murmelte Professor Weinert, um gleich darauf loszuschreien. »Ich will ihm nämlich nicht begegnen, diesem… diesem… Bergchirurgen.«

Dann zog er seinen Kittel aus, ließ ihn achtlos auf den Boden gleiten, ging zum Schrank, zog eine Jacke an und ging dann mit müden Schritten zur Tür. Dort blieb er stehen und sah seinen Oberarzt mit gestreßt wirkendem Blick an.

»Sie vertreten mich für den Moment, Sauer«, sagte er, »ich verlasse mich auf Sie. Und ich will nicht, daß Kelterer noch zu irgendwelchen Operationsterminen eingeteilt wird. Haben Sie mich verstanden? Kelterer wird kaltgestellt.«

Professor Ludwig Weinert war sechzig Jahre alt, und seine besten Jahre als Chirurg hatte er hinter sich. Er war ein klein gewachsener, sehr schmal wirkender Mann mit schon schütteren Haaren und blasser Gesichtsfarbe. Manche behaupteten, nachdem ihn seine Frau vor acht Jahren verlassen habe, sei er nicht mehr der alte gewesen. Er habe diese Niederlage, so wertete Weinert das Weggehen seiner Frau, nie verwunden.

Daß seine Tochter Marion einmal mit Clemens Stolzenbach liiert gewesen war, erschwerte die Beziehung der beiden Männer obendrein ungemein. Marion war ein sehr hübsches Mädchen, aber total verzogen. Sie hatte es mit der Treue auch nicht besonders ernst genommen, so daß Clemens Stolzenbach sich schließlich von ihr getrennt hatte. Ihr Vater, der die Gründe der Trennung selbstverständlich nicht kannte, war darüber so zornig gewesen, daß er Stolzenbach im Klinikflur darauf angesprochen hatte.

Es waren ein paar böse Worte gefallen, und das eh schon gestörte Verhältnis der beiden hatte nicht mehr gerettet werden können, da auch schon andere Dinge vorgefallen waren, die Clemens Stolzenbach den Aufenthalt im Klinikum nicht weiter ermöglichten.

Dr. Achim Sauer hatte geahnt, daß der Professor Magnus Kelterer kaltstellen würde. Er selbst billigte das nicht, denn Kelterer war erstens ein ausgezeichneter Chirurg, der demnächst Oberarzt werden sollte, und außerdem ein sehr netter und offener Kollege.

Magnus Kelterer hatte nur ausgesprochen, was alle anderen dachten. Keiner, auch er selbst nicht, traute sich die Operation zu. Und als man wußte, wer der Vater des Mädchens war, schon mal gar nicht mehr. Man konnte nur unangenehm auffallen, das wußten alle, und so hatten sich alle zurückgehalten.

Nur Kelterer hatte gesagt, dann solle man eben Clemens Stolzenbach holen, der habe solche Sachen auch früher schon gemacht. Daraufhin war es mucksmäuschenstill im Besprechungszimmer gewesen. Alle hatten zu Boden gestarrt, nur Professor Weinerts Blick hatte sich an Kelterer festgeheftet.

»Sind Sie noch gescheit?« hatte Weinert gefragt. »Sie wollen einen auswärtigen Chirurgen ans Klinikum holen? Vierzehn Chirurgen stehen uns hier zur Verfügung, von denen in der Fachausbildung mal ganz abgesehen, und Sie schlagen vor, diesen… diesen Stolzenbach kommen zu lassen? Wissen Sie, was das wäre? Es wäre unsere Bankrotterklärung.«

»Wenn sich sonst keiner traut«, hatte Kelterer geantwortet. »Wir können dieses Mädchen nicht noch lange mit diesen Schmerzen da liegen lassen. Außerdem kann es jeden Moment zu einer Katastrophe kommen, falls es denn ein Aneurysma ist.« Dann hatte er einen winzigen Augenblick gezögert, bevor er weiterredete. »Warum operieren Sie eigentlich nicht, Herr Professor?«

Weinert war zuerst blaß geworden, dann knallrot.

»Was erlauben Sie sich, Kelterer?« hatte er geschrien. »Ich bin der Chef. Ich frage hier. Nicht Sie! Aber um es allen deutlich zu sagen, ich habe eine Virusinfektion, deshalb kann ich nicht in den OP.«

Ganz dicht vor Kelterer stand der Professor, als er das sagte. Aber Magnus Kelterer hieß nicht nur Magnus, er war auch groß und recht stabil gebaut. Ganz langsam stand er auf, und als er vor Professor Weinert stand, war er über einen Kopf größer als der, und Weinert wirkte wie ein Schulbub.

Eine halbe Stunde später war der Vater des Mädchens dagewesen und war, als er begriff, daß niemand hier seine Tochter operieren würde, sofort auf Peter Lohmanns Vorschlag eingegangen, Professor Stolzenbach aus der Bergklinik zu holen.

»Wieso holen?« hatte Klagner wissen wollen. »Ist der denn nicht am Klinikum?«

Peter Lohmann hatte den Vater und Landtagsabgeordneten daraufhin aufgeklärt und auch erwähnt, daß seine Tochter nicht transportfähig sei.

»Dann holen Sie Stolzenbach«, hatte Klagner gesagt. »Weiß er denn schon Bescheid?«

»Er wartet auf den Anruf Professor Weinerts«, hatte Lohmann geantwortet. »Aber Weinert wird ihn niemals anrufen. Sie sollten es also tun. Bestellen Sie Clemens schöne Grüße von mir.«

»Wo ist diese Bergklinik eigentlich?« hatte Klagner wissen wollen, während er auf die Verbindung dorthin wartete.

»Im Werdenfelsischen, unweit von Garmisch…!«

»Dann werde ich die Flugbereitschaft benachrichtigen«, murmelte Klagner, »die sollen ihn einfliegen. Und mir eine Rechnung schicken, sonst heißt’s nachher wieder, ich würde private und öffentliche Belange verwechseln.«

*

Als Clemens Stolzenbach aus dem Hubschrauber kletterte, empfing ihn Dr. Sauer.

»Schön, daß du gekommen bist«, sagte der zur Begrüßung.

Stolzenbach lachte. »Meint Weinert das auch?«

Sauer verzog das Gesicht und antwortete nichts. Daß die einmal sehr gute Beziehung zwischen dem Chef des Klinikums und Clemens Stolzenbach völlig am Boden war, war allgemein bekannt. Und jeder Insider kannte den wirklichen Grund: Der ältere Weinert vertrug nicht, daß sein jüngerer Kollege jede Woche einmal in der Presse erwähnt wurde, und wenn man früher einen kompetenten Gesprächspartner im Fernsehen gebraucht hatte, dann war selbstverständlich Weinert derjenige gewesen, den man gebeten hatte. Doch plötzlich hatte man immer häufiger Stolzenbach eingeladen, und der hatte nicht nur mit seiner fachlichen Kompetenz überzeugt, auch sein jugendliches Auftreten, er war ja noch keine vierzig, war im Gegensatz zu Weinerts Spröde als überaus angenehm und wohltuend empfunden worden.

»Um was geht es eigentlich?« fragte Clemens Stolzenbach, während er neben Sauer zur Klinik ging.

»Ich möchte den Hintereingang benutzen«, sagte der. »Irgendwie hat die Presse Wind bekommen, und vorne lungern ein paar Reporter herum. Es sei denn, du möchtest…?«

»Nein, nein«, wehrte Stolzenbach ab, »ich möchte auf gar keinen Fall. Nachher sieht Weinert mich auf einem Foto vor seiner Klinik. Das möchte ich dann doch nicht.« Diese kleinen Sticheleien konnte der junge Chirurgieprofessor einfach nicht lassen.

Eine halbe Stunde studierte Stolzenbach dann die Röntgen- und Computerbilder, dann meinte er, der Schmerz sei lediglich in den Oberschenkel transportiert, im Beckenraum finde man wahrscheinlich die Ursache. Dann wollte er wissen, ob Karen Klagner irgendwann in den letzten Jahren operiert worden sei.

Sauer bekam rote Wangen und zuckte mit den Schultern. Er wußte, daß versäumt worden war, das abzuklären und nach der Vorgeschichte zu fragen.

»Laß mal, ich werde jetzt mit dem Mädchen reden«, sagte Stolzenbach. Im Hinausgehen sagte er, man solle inzwischen den großen OP herrichten. »Und ich möchte Kelterer als ersten Assistenten. Wenn du die zweite Assistenz übernehmen würdest?«

»Kelterer ist von Weinert kaltgestellt worden«, sagte Dr. Sauer.

»Ich will ihn trotzdem«, ließ Stolzenbach sich nicht beirren. »Wenn Weinert nicht gekniffen hätte, hätte ich nicht zu kommen brauchen. Ich will Kelterer. Ich hoffe, daß du es mir nicht übelnimmst, daß ich ihn als ersten Assistenten…?«

»Für mich ist das kein Problem«, sagte Sauer. »Aber Weinert wird mir ankreiden, wenn Magnus Kelterer assistiert.«

»Dann werde ich den Herrn Abgeordneten ein wenig um Hilfe bitten«, sagte Stolzenbach. »Das ist dir doch recht?«

»Wenn du es so möchtest.«

Gleich darauf betraten sie das Zimmer des Mädchens. Zuerst wunderte sich Stolzenbach, daß Karen Klagner kein Mädchen mehr war, sondern eine junge Frau, denn sie war siebenundzwanzig.

Ihr Vater war bei ihr und hielt ihre Hand. Beide hatten Angst, das war zu sehen.

»Gut, daß Sie da sind, Professor«, sagte Klagner. »Irgendwas stimmt nicht bei meiner Tochter. Sie hat unerträgliche Schmerzen und…«

»Wenn Sie mich mal einen Augenblick mit Ihrer Tochter allein lassen würden«, sagte Stolzenbach. »Mein Kollege wird Sie um ein paar Dinge, den weiteren Ablauf betreffend, bitten. Ich hoffe, Sie können das ermöglichen.«

»Ich kann alles«, sagte Klagner, dann verbesserte er, »fast alles. Was in meiner Macht steht, bekommen Sie.«

Dann begann Stolzenbach, die Patientin zu untersuchen. Schließlich wollte er wissen, ob sie in den letzten Jahren operiert worden sei.

Karen Klagner nickte. »Ja, dreimal insgesamt. An der Leiste und auch im Beckenboden sind muskuläre Probleme aufgetreten. Kann das was mit meinen Schmerzen zu tun haben?«

Stolzenbach nickte. »Das kann schon sein. Ich werde mir jetzt noch mal die Computerbilder ansehen, und dann werden wir wissen, was wir tun müssen.«

Karen Klagner lächelte. Zum ersten Mal seit Tagen. »Seitdem Sie da sind, ist mir irgendwie wohler.«

»Lassen Sie das nicht Ihren Freund hören«, riet Stolzenbach.

»Ich hab’ keinen Freund…!«

»Ein so hübsches Mädchen ohne Freund?« Clemens Stolzenbach sah Karen irritiert an.

»So ist es«, antwortete diese, »leider…!«

Die Operation wurde noch für den gleichen Nachmittag angesetzt, und Magnus Kelterer lächelte, als er neben Clemens Stolzenbach und Achim Sauer im Vorraum stand und sich die Hände wusch.

»Wenn unser verehrter Professor Weinert uns jetzt hier sehen könnte«, sagte er dann, »es müßte ihm doch ein Vergnügen sein, seine junge Garde so einträchtig nebeneinander zu wissen. Leider werden meine Tage im Klinikum gezählt sein. Daß ich hier noch einen Blumentopf erben kann, wo ich mich heute so dumm benommen habe, wird keiner annehmen. Ich werde mich wohl oder übel nach einer neuen Stelle umsehen müssen.«

»Darüber unterhalten wir uns später«, sagte Clemens Stolzenbach, »die Bergklinik sucht einen chirurigschen Oberarzt.« Dann lächelte er. »Falls du München gegen die Bergeinsamkeit tauschen möchtest…!«

»Ist das dein Ernst?«

Stolzenbach nickte. »So ist es.« Dann hatte er sein Waschprogramm beendet und ließ sich von einer OP-Schwester die OP-Handschuhe anziehen.

»Wir sind froh, Professor, Sie wieder mal bei uns zu haben«, sagte sie.

»Carola…?« fragte Stolzenbach.

Die hübsche Schwester, sie trug schon Mundschutz und Haube, aber man sah trotzdem, daß sie rote Wangen bekam, nickte.

Als sie dann den OP betraten, lag Karen Klagner schon in Narkose, und Stolzenbach sagte kurz, was er vorhatte.

»Ich denke, daß ein Aneurysma im Bereich der unteren Abdominalaorta vorliegt«, sagte er. »Es könnten zusätzlich aber auch noch Verwachsungen von zurückliegenden Operationen hinzukommen.«

Dann eröffnete er den Beckenraum, und sehr rasch hatte er die Aorta freigelegt. Man sah gleich, daß die Diagnose Aneurysma stimmte, denn wie eine kleine Blase beulte sich die Aorta auf.

»Das wäre nicht mehr lange gutgegangen«, sagte Dr. Sauer.

Stolzenbach arbeitete äußerst konzentriert, er mußte eine Gefäßplastik rekonstruieren, und das war bei einem Aortenaneurysma immer problematisch. Die beiden ihm assistierenden Ärzte warfen sich manchmal einen Blick zu, der ihre Achtung für ihren Kollegen ausdrückte. Zum Schluß löste Stolzenbach mit wenigen geschickten Schnitten noch ein paar Verwachsungen, und dann, nach annähernd fünf Stunden, als nur noch zwei Stiche zu nähen waren, ließ er Achim Sauer weitermachen.

»Die letzte Naht sollte immer ein Chirurg aus dem Haus legen«, sagte er. »Das hat mir mal der alte Professor Hillöcker erklärt. Dann würden einem die Götter gewogen bleiben.«

Als sie aus dem OP kamen und sich ihrer Hauben, des Mundschutzes und der Handschuhe entledigt hatten, hielt Dr. Achim Sauer Clemens Stolzenbach am Arm fest, dann gab er ihm die Hand.

»Wenn ich vorher auch noch winzige Zweifel hatte«, sagte er, während er Clemens sehr ernst ansah, »dann weiß ich jetzt, daß ich nie einen besseren Chirurgen habe arbeiten sehen. Daß du nicht mehr hier am Klinikum bist, ist eine Schande. Du hockst da in den Bergen und versteckst dich, und hier würdest du gebraucht. Du könntest in ein, zwei Jahren einen Lehrstuhl haben.«

Stolzenbach lachte. »Zuerst einmal danke für die Meriten. Aber daß ich mich in den Bergen verkrieche, stimmt nicht. Es ist wunderschön dort. Die Landschaft ist einmalig, die Klinik wird von Tag zu Tag besser und…!«

»Der Chef der Bergklinik soll ein kauziger Typ sein…!«

Stolzenbach lachte. »Das ist er allerdings. Aber ein sehr liebenswerter und kompetenter Kauz. Zuerst hab’ ich gemeint, Vinzenz Trautner würde ein bißchen spinnen, aber das stimmt nicht. Er entscheidet lediglich sehr viel aus dem Bauch heraus, und interessanterweise tut er in den allermeisten Fällen das Richtige.«

*

Ludwig Klagner war, während seine Tochter im OP lag, nervös im Klinikum die Flure auf und ab gegangen. Dann hatte er telefoniert und war wieder herummarschiert. Seine Tochter liebte er über alles, und er würde alles für sie tun.

Er hatte nach der Operation bereits mit Dr. Sauer gesprochen, der ihm mit wenigen Worten, dafür aber um so deutlicher, auseinandergelegt hatte, wie nah seine Tochter an einer Katastrophe vorbeigekommen war und daß Stolzenbach halt der beste Chirurg sei, den man habe bekommen können.

Als Clemens Stolzenbach dann von Karen kam – er hatte ihr lediglich gesagt, daß nun höchstwahrscheinlich alle Probleme beseitigt seien – und mit ihrem Vater sprechen wollte, wurde er auf dem Gang von der Presse und von Fernsehteams empfangen.

»Professor Stolzenbach«, fragte einer der Reporter, »wieso holt man Sie aus der Provinz nach München? Heißt das, daß Sie wieder im Klinikum beginnen? Ich habe gehört, daß Professor Weinert daran denkt abzutreten.«

»Was Professor Weinert denkt, entzieht sich meiner Kenntnis«, antwortete Clemens Stolzenbach, »ich werde jedoch auf gar keinen Fall zurück nach München wechseln.«

»Warum nicht?«

»Weil ich mich in der Provinz, wie Sie eben sagten, sehr wohl fühle.«

»Was ist die Bergklinik eigentlich für eine Klinik?« fragte eine Reporterin.

Stolzenbach dachte einen Augenblick nach, dann lächelte er. »Die beste Klinik, die es gibt. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte…!« Er stand auf und verließ den Raum.

Auf dem Gang standen einige Schwestern und tuschelten. Eine der Schwestern, Carola, kam dann auf Stolzenbach zu und gab ihm einen Blumenstrauß.

»Den nehmen S’ mit ins Werdenfelsische«, sagte sie, »und denken S’ dort schon mal an uns. Wir alle«, sie zeigte hinter sich zu den anderen Schwestern, »wir fanden’s riesig, daß Sie wieder einmal da waren. Hoffentlich gibt’s bald wieder einen Grund, daß Sie kommen müssen.«

»Herrschaftszeiten«, murmelte Clemens Stolzenbach, »jetzt macht ihr mich noch verlegen.«

»Stimmt es, daß Sie zurückkommen und Nachfolger von Professor Weinert werden?« Eine junge Reporterin hatte sich zwischen die Schwestern gestellt.

Clemens Stolzenbach schüttelte sofort den Kopf. »Nein, das stimmt nicht. Ich habe einen Vertrag mit der Bergklinik, und den werde ich erfüllen.«

Doch die Reporterin war hartnäckig. »Verträge können ausgesetzt werden. Niemand dürfte Ihnen den Weg zurück nach München verlegen. Ein Arzt wie Sie muß…!«

»Was ich muß, junge Frau«, unterbrach Clemens Stolzenbach die Reporterin, »das müssen Sie mir überlassen.«

»Aber…!«

»Es tut mir leid«, vermied Stolzenbach eine weitere Diskussion, »aber ich habe im Werdenfelsischen auch Patienten. Ich muß jetzt gehen, der Hubschrauber wartet bereits.«

Dann ging er zu den Schwestern, gab einigen die Hand, bückte sich schließlich zu Schwester Carola hinunter und küßte sie auf beide Wangen, wobei die Fersehkameras weiterliefen.

»Danke«, sagte er dann leise ins Ohr der hübschen OP-Schwester, »es war sehr nett, wie Sie mich empfangen haben.«

Carola war achtundzwanzig Jahre alt und eine überaus nett anzuschauende Schwester. Sie hatte lange dunkle Haare, die sie im Klinikum jedoch immer hochgesteckt trug. Jetzt schimmerten ihre Wangen wieder rot. Sie hatte nämlich schon für Clemens Stolzenbach geschwärmt, als sie noch nicht mal zwanzig war und der Professor noch Assistent.

»Danke…!« Carola fühlte sich über beide Wangen, dort wo Stolzenbachs Lippen sie gestreift hatten.

Sie sah ihm hinterher, wie er zum Hubschrauber ging und einstieg. Kurz drauf hob der Hubschrauber ab und verschwand nach Süden.

Im Ärztezimmer der chirurgischen Station standen zur gleichen Zeit Priv.-Doz. Dr. Achim Sauer, der chirurgische Oberarzt, und Dr. Magnus Kelterer zusammen und sahen dem davonfliegenden Hubschrauber hinterher.

»Kennst du sonst noch einen, der so ist wie Clemens?« fragte Sauer nach einer Weile.

Magnus Kelterer schüttelte den Kopf. »Irgendwie ist er einmalig. Manchmal weiß man vor Staunen nicht, wohin man zuerst sehen soll, so toll arbeitet er, und andererseits…!«

»Ja… und andererseits?« Achim Sauer sah seinen Kollegen neugierig an.

»Tja, wenn ich das wüßte«, antwortete der. »Ihm fällt alles zu. Wenn ich allein seh’, wie die Schwestern ihn anhimmeln. Vor allem Carola. Sie ist total verknallt in ihn, seitdem ich sie kenne.«

»Und er merkt’s nicht mal.«

»Dabei ist sie ein ausgesprochen tolles Mädchen.« Kelterer atmete tief durch. »Unsereiner könnt’ Handstand machen, sie würd’ einen nicht mal ansehen. Ihm dagegen trauert sie hinterher, daß man es mit Händen greifen kann.«

»Sag mal, bist du etwa in die Kleine verliebt?« Achim Sauer sah seinen Kollegen ein wenig erschrocken an.

Der lachte kurz auf. »Jetzt kann ich’s ja ruhig zugeben, schließlich bin ich nimmer lange da am Klinikum.«

»Dann bist du also in sie verliebt?«

Magnus Kelterer nickte. »Seit ich sie zum ersten Mal gesehen hab’.«

»Und du hast ihr in der ganzen Zeit nie einen Ton davon gesagt?« Sauer schüttelte den Kopf. »Das gibt’s doch gar nicht. Wieso eigentlich nicht? Vielleicht fährt sie total auf dich ab.«

Da lachte Magnus Kelterer. Er war groß, fest gebaut, inzwischen achtunddreißig Jahre alt und hatte sich trotzdem noch was Jugendliches erhalten.

»Carola soll auf mich abfahren?« Magnus schüttelte den Kopf. »Das gehört ins Reich der Träume.«

»Das weißt du doch gar nicht…!«

»Sag mal, ist dir denn nicht aufgefallen, wie sie Clemens angesehen hat?« fragte Kelterer. »In ihn ist sie verschossen und gegen ihn kommst du einfach nicht an. Der wirft sogar aus dem Werdenfelsischen noch einen langen Schatten.«

»Und jetzt will er dich als Oberarzt«, sagte Dr. Sauer.

»Du meinst, er hat es ernst gemeint?«

Sauer zuckte mit den Schultern. »Das weiß man bei Clemens nicht so genau. Aber du mußt damit rechnen, daß er dich in ein paar Tagen bittet, deine Bewerbung abzugeben.«

*

Professor Weinert saß am selben Abend im Arbeitszimmer seines Hauses am Ammersee und blätterte in Vortragskonzepten. Falls man ihn nicht wieder ausladen würde, was in letzter Zeit ab und zu passiert war, würde er in einer Woche vor der Chirurgischen Gesellschaft in Erlangen zu deren siebzigsten Stiftungsfest der Festredner sein.

Vor einigen Jahren noch hatte er die Termine gar nicht alle wahrnehmen können, nun war der Chef der Chirurgie des Klinikums froh, wenn er nicht wieder ausgeladen wurde.

»Wenn dich interessiert, was in deiner Klinik vorgeht«, sagte Marion, die zu ihrem Vater in sein Arbeitszimmer gekommen war, »man hat gerade im Fernsehen einen Bericht angekündigt. Er müßte jeden Moment kommen.«

Plötzlich spürte Professor Weinert sein Herz schlagen, das war bisher so gut wie nie der Fall gewesen. Vielen Patienten hatte er gesagt, wenn sie gar nicht spürten, daß sie ein Herz hätten, müßten sie sich darum wenig Gedanken machen. Heftig spürte er nun sein Herz pochen, und im selben Moment wußte er, daß er etwas tun mußte, um sich weniger aufzuregen.

Denn Weinert spürte auch wieder das schon ein paarmal aufgetretene Magenzwicken. Marion war inzwischen wieder gegangen, und er ging zu seinem Schreibtisch, nahm ein paar Tabletten heraus, die er in den Mund steckte, herunterschluckte und mit Wasser nachspülte.

»Es beginnt«, hörte er seine Tochter rufen, und als er den Fernsehraum betrat, zeigte man gerade ein Bild des Klinikums, dann blendete man schon Clemens Stolzenbach ein.

Weinert hatte damit gerechnet, trotzdem fühlte er sich gedemütigt, vor allem, als man die Frage stellte, ob Professor Stolzenbach nicht der geeignete Nachfolger für Professor Weinert sei, der wieder mal durch Abwesenheit geglänzt habe, als ein schwieriger Fall habe behandelt werden müssen.