Die Bergklinik 9 – Arztroman - Hans-Peter Lehnert - E-Book

Die Bergklinik 9 – Arztroman E-Book

Hans-Peter Lehnert

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Beschreibung

Die Arztromane der Reihe Die Bergklinik schlagen eine Brücke vom gängigen Arzt- zum Heimatroman und bescheren dem Leser spannende, romantische, oft anrührende Lese-Erlebnisse. Die bestens ausgestattete Bergklinik im Werdenfelser Land ist so etwas wie ein Geheimtipp: sogar aus Garmisch und den Kliniken anderer großer Städte kommen Anfragen, ob dieser oder jener Patient überstellt werden dürfe. Dr. Magnus Kelterer, der chirurgische Oberarzt der Bergklinik, sah auf die Uhr. Er hatte noch eine halbe Stunde Dienst, dann war seine Bereitschaft zu Ende, und er konnte nach Mittenwald zu seiner Frau Carola fahren. Er hatte Carola versprochen, in den kommenden drei freien Tagen zuerst mit ihr nach Peißenberg zu ihren Eltern und dann weiter nach München zu reisen. Dort wollten sie Bekannte besuchen und einen ausgedehnten Einkaufsbummel machen. Magnus freute sich ebenso auf die Tage wie Carola, vor allem jedoch darauf, daß er mit ihr ein paar Tage zusammen sein würde. Dann klopfte es an die Tür des Bereitschaftszimmers, und ein wenig ärgerlich, weil gleich Dienstschluß war, stand er auf, um die Tür zu öffnen. "Giovanna…!" Magnus starrte seine Schwester fast erschrocken an, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sie ihn besuchen wollte. "Jetzt hast du mich aber überrascht. Komm herein. Bei allen guten Geistern, was bringt dich denn her?" Giovanna lächelte. Sie war eine außergewöhnlich hübsche junge Frau. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, hatte ganz dunkle Haare, und der Blick aus ihren oft schwarz wirkenden Augen hatte schon manchen Mann verzaubert.

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Inhalt

Unser Glück soll ewig dauern

Rivalen bis aufs Blut

Die Bergklinik – 9–

Die Bergklinik

Hans-Peter Lehnert

Unser Glück soll ewig dauern

Roman von Hans-Peter Lehnert

Dr. Magnus Kelterer, der chirurgische Oberarzt der Bergklinik, sah auf die Uhr. Er hatte noch eine halbe Stunde Dienst, dann war seine Bereitschaft zu Ende, und er konnte nach Mittenwald zu seiner Frau Carola fahren. Er hatte Carola versprochen, in den kommenden drei freien Tagen zuerst mit ihr nach Peißenberg zu ihren Eltern und dann weiter nach München zu reisen. Dort wollten sie Bekannte besuchen und einen ausgedehnten Einkaufsbummel machen. Magnus freute sich ebenso auf die Tage wie Carola, vor allem jedoch darauf, daß er mit ihr ein paar Tage zusammen sein würde.

Dann klopfte es an die Tür des Bereitschaftszimmers, und ein wenig ärgerlich, weil gleich Dienstschluß war, stand er auf, um die Tür zu öffnen.

»Giovanna…!« Magnus starrte seine Schwester fast erschrocken an, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sie ihn besuchen wollte. »Jetzt hast du mich aber überrascht. Komm herein. Bei allen guten Geistern, was bringt dich denn her?«

Giovanna lächelte. Sie war eine außergewöhnlich hübsche junge Frau. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, hatte ganz dunkle Haare, und der Blick aus ihren oft schwarz wirkenden Augen hatte schon manchen Mann verzaubert.

Bevor Giovanna antworten konnte, schob Magnus ihr einen Stuhl hin und ließ sie Platz nehmen.

»Meine Güte, warum hast du denn nicht vorher angerufen?« fragte er. »Wir haben uns in letzter Zeit so selten gesehen, und wenn ich jemand vermisse, dann dich.«

»Ich vermisse dich auch«, antwortete Giovanna. Sie hatte eine wunderschön klingende Stimme, und ihr dunkles Haar umrahmte mit seidenweichen Locken ihr hübsches Gesicht.

Daß sie heute entgegen ihrer sonstigen Art sehr still, ja fast zurückhaltend war, ihn nicht mal richtig mit Umarmung und Küssen begrüßt hatte, war Magnus Kelterer gar nicht aufgefallen. Er sah Giovanna und war hin- und hergerissen, daß sie da war. Er war zwar elf Jahre älter als seine Schwester, trotzdem hatten sie aber sehr viel Zeit miteinander verbracht, und er freute sich immer, wenn sie sich für ein paar Tage sehen konnten, was in den letzten Jahren allerdings nicht sehr häufig der Fall gewesen war.

»Wie geht es Mama und Papa?« wollte Magnus wissen.

Sein Vater war gebürtiger Südtiroler, seine Mutter stammte dagegen aus der Toscana und hatte dafür gesorgt, daß die Familie bei den Kindern hoch im Kurs stand.

Dann fiel Magnus die schweigsame Zurückhaltung seiner sonst so temperamentvollen Schwester auf. Er zog die Augenbrauen zusammen und sah Giovanna fast ein wenig ängstlich an.

»Was ist mit Mama und Papa?« wollte er wissen. »Irgendwas stimmt doch nicht. Du kommst, ohne dich anzukündigen, her, bist schweigsam und schaust ganz und gar traurig drein.« Dann verzog sich sein Gesicht. »Bitte, sag nicht, daß mit Mama oder Papa was passiert ist. Ich…!«

»Mach dir keine Sorgen um Mama und Papa.« Giovanna schüttelte den Kopf.

»Aber irgendwas verheimlichst du mir doch«, sagte Magnus, »etwas stimmt nicht.«

»Ich bin nicht alleine gekommen«, antwortete Giovanna.

»Was heißt das, du bist nicht alleine gekommen?« Magnus sah seine Schwester fragend an.

»Bruno ist bei mir«, antwortete diese.

»Welcher Bruno…?« Magnus wurde blaß. Sein Herz schlug plötzlich noch heftiger als vorher schon. »Sprichst du etwa von Bruno Orter? Hab’ ich dich da richtig verstanden?«

Giovanna nickte. »Ja, ich spreche von Bruno Orter.«

»Was will der hier?« Plötzlich wirkten die bis dahin weichen Gesichtszüge des chirurgischen Oberarztes der Bergklinik hart, und er sah seine Schwester auch nicht mehr so freundlich an wie vorher.

»Bruno braucht deine Hilfe«, murmelte Giovanna.

Bruno Orter war ebenso alt wie Magnus Kelterer, die beiden waren zusammen zur Schule gegangen, lange Zeit allerbeste Freunde gewesen, bis sie sich eines Tages total verkracht hatten, und seitdem herrschte zwischen ihnen absolute Funkstille.

Der Streit war gar nicht mal um persönliche Dinge gegangen, sondern er hatte sich an Wasserrechten entzündet, die beide Familien für sich beanspruchten. Dann waren noch andere Streitpunkte hinzugekommen, ein Grundstück reklamierten beide Familien für sich, und als auch da keinerlei Einigung erzielt werden konnte, verhärteten die Fronten immer mehr und der Streit war perfekt.

Magnus und Bruno waren damals einmal heftig aneinander geraten, und seitdem hatten sie kein Wort mehr miteinander geredet, sie waren sich aus dem Weg gegangen.

Jetzt sah Magnus seine Schwester mit einem nicht besonders freundlichen Blick an, dann wollte er wissen, was sie mit Bruno zu tun habe.

Giovanna wich eine Weile dem Blick ihres Bruders aus, dann sah sie ihn wieder an.

»Ich liebe Bruno.« Plötzlich lächelte das hübsche Mädchen. »Und das schon seit vielen Jahren. Ich werde mich künftig dessen auch nicht mehr schämen, sondern wenn es gut ausgehen sollte mit Bruno, dann werde ich Mama und Papa sagen, daß ich Bruno Orter liebe und heiraten werde.«

Magnus kannte seine kleine Schwester gut genug, um zu wissen, daß die nicht scherzte.

»Bisher hat Bruno sich nicht getraut, zu seiner Liebe zu stehen«, fuhr Giovanna fort, »und ich hab’s auch nicht getan. Er wegen seiner und ich wegen meiner Familie. Aber damit ist jetzt Schluß. Ich werde zu Bruno stehen, gleichgültig ob die Sache mit ihm gut endet oder nicht.«

»Was meintest du damit?« Dr. Magnus Kelterer sah seine Schwester aufmerksam an.

Die hatte plötzlich Tränen in den Augen.

»Bruno ist krank«, schluchzte sie, »sehr krank sogar.«

Magnus Kelterer spürte sein Herz plötzlich heftiger schlagen. Bruno sollte krank sein? Der unverwüstliche Bruno? Ausgerechnet er? Bruno hatte immer alles gekonnt, er war immer auf den höchsten Baum geklettert, er hatte immer alles gewußt, er war immer ein wenig geschickter gewesen als alle anderen, er hatte niemals aufgegeben und die anderen immer mitgerissen. Dieser Bruno sollte krank sein?

»Was fehlt ihm?« wollte der chirurgische Oberarzt der Bergklinik wissen.

»Er hat Bauchspeicheldrüsenkrebs«, antwortete Giovanna. »Es geht ihm nicht gut.«

»Wer hat es diagnostiziert?«

»Der Chef der Inneren Medizin im Krankenhaus in Bozen«, antwortete Giovanna.

Magnus Kelterer ging im Bereitschaftszimmer der chirurgischen Abteilung der Bergklinik auf und ab, blieb dann vor seiner Schwester stehen und sah sie fragend an. »Wo ist Bruno? Du sagtest, daß er mitgekommen ist.«

»Wir haben uns auf der Loser-Alm ein Zimmer genommen«, antwortete Giovanna Kelterer. »Seit drei Wochen sind wir dort.«

»Seit drei Wochen? Wieso denn das? Wieso bist du denn nicht früher gekommen? Und wieso ist Bruno nicht gleich mitgekommen?« Magnus starrte seine Schwester verwirrt an.

Die schüttelte lachend den Kopf. »Was hättest du gesagt, wenn ich mit Bruno gekommen wäre? Erinnere dich daran, wie du reagiert hast, als ich dir gesagt habe, daß ich nicht alleine, sondern mit Bruno gekommen bin.«

Magnus Kelterer sah unter sich. »Entschuldige bitte, es war total dumm von mir.«

»Ich lebe mit Bruno wie Mann und Frau zusammen«, begann Giovanna daraufhin zu erzählen. »Ich arbeite, wie du weißt, in Bozen, und er auch. Ich habe keine eigene Wohnung, wie Mama und Papa glauben, und Bruno hat auch keine eigene Wohnung, wie seine Eltern glauben. Wir leben zusammen in einer Wohnung, und ich war glücklich, bis… bis…!« Giovanna begann wieder zu weinen. »Es geht Bruno gar nicht gut. Ihm ist immer schlecht und…!«

»Kann er herkommen?« fragte Magnus Kelterer.

»Du… du würdest ihn empfangen?« Giovanna sah ihren Bruder fragend an. »Du bist seine letzte Hoffnung. Er wollte unbedingt zu dir, zu niemand anderem. Ich habe versucht, ihn davon abzubringen, aber er hat sich nicht davon abbringen lassen. Er will sich auch mit dir versöhnen, bevor er…!« Wieder begann sie zu weinen. »Er hat noch ein ganz klein wenig Hoffnung, und diese Hoffnung verkörperst du.«

Dr. Magnus Kelterer sah zu Boden. Plötzlich kam er sich sehr kleinmütig vor. Er erinnerte sich an Ereignisse, die er mit Bruno Orter zusammen erlebt hatte. An dessen jugendlichen Frohsinn, an seine Willensstärke, seine Freundschaft und die Lebensfreude, die Bruno Orter immer verkörpert hatte.

Magnus Kelterer ging zum Fenster und sah hinaus. Inzwischen war sein Bereitschaftsdienst längst zu Ende. Aber er dachte in dem Moment weder an seine Frau Carola, die zu Hause auf ihn wartete, noch an sein Versprechen, mit ihr nach München zu fahren. In diesem Moment dachte er nur an Bruno Orter, der einmal sein bester Freund gewesen war, mit dem er sich dann total verkracht hatte und der nun offenbar darauf setzte, daß er ihm half.

»Ich fahre mit dir zu Bruno«, sagte Magnus. »Das heißt, wenn du es möchtest. Ich werde dann mit ihm reden, und wir entscheiden gemeinsam, was zu tun ist.«

»Du… du schickst Bruno also nicht weg?« Über Giovannas Wangen rannen Tränen.

Magnus Kelterer schüttelte den Kopf.

Da fiel Giovanna ihrem Bruder um den Hals und begann laut zu schluchzen.

»Ich danke dir«, sagte sie, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. »Du… du und die Bergklinik, ihr seid Brunos letzte Hoffnung. Er hat zu Hause in Bozen pausenlos von dir und der Bergklinik geredet. Er hat in der Zeitung von der Klinik gelesen. Irgendwas von Clemens Stolzenbach. Was der schon alles geschafft hat. Kleine Wunder, hat Bruno es genannt. Auf ein solches Wunder hofft er ganz tief drinnen in seinem Herzen auch.«

*

Giovanna hatte ihren Bruder nach kurzem Überlegen darum gebeten, nicht mit auf die Loser-Alm zu fahren.

»Ich will den Bruno nicht zu sehr belasten«, sagte sie, »ich schätze, daß er momentan eh an der Grenze des gerade noch Möglichen lebt. Ich werde ihm zuerst von meinem Besuch bei dir erzählen und dann komme ich mit ihm herunter.«

Magnus hatte mit den Schultern gezuckt. »Ich würde draußen warten, bis du mich hereinholst.«

Doch Giovanna hatte nochmal gesagt, daß sie lieber alleine zurück zur Loser-Alm fahren würde. Dann hatte sie verraten, warum sie Magnus nicht dabei haben wollte.

»Bruno weiß nicht, daß ich heute zu dir gefahren bin«, hatte sie gesagt.

Vor einer Stunde, es war am Tag nach ihrem Besuch in der Klinik, hatte sie angerufen und angekündigt, daß sie gleich nach dem Mittag mit Bruno kommen würde, wenn es Magnus recht sei.

Der hatte sofort zugestimmt. Seine Frau Carola war alleine zu ihren Eltern gefahren, und als Magnus ihr die Umstände erklärt hatte, hatte sie verstanden, warum er sie nicht begleiten würde.

Magnus Kelterer war aufgeregt wie selten, denn er hatte Bruno Orter schon mehrere Jahre nicht mehr gesehen und noch länger nicht mehr mit ihm geredet.

Wie würde Bruno aussehen, wie weit war seine Krankheit fortgeschritten und was konnte er, Magnus Kelterer, für seinen ehemaligen Freund und jetzigen Lebensgefährten seiner Schwester tun?

Als es dann an die Tür des Bereitschaftszimmers klopfte, war Magnus rappelig wie selten. Als er die Tür öffnete, stand Giovanna da und lächelte ihn an.

»Bruno ist unten in der Aufnahme«, sagte sie. »Er fürchtet sich ein wenig vor der Begegnung mit dir.«

»Dann geht’s ihm wie mir.« Magnus zog die Augenbrauen hoch. »Aber da müssen wir jetzt durch.«

Dann ging er neben seiner Schwester in Richtung Aufnahme.

Bruno Orter stand ein wenig schwerfällig auf, als Magnus näherkam und zwei Meter vor ihm stehenblieb. Ein Augenlid zuckte ein paarmal, dann versuchte er zu lächeln.

»Hallo, Magnus«, sagte er schließlich, »daß wir uns mal unter diesen Umständen wiedersehen würden, hab’ ich nie für möglich gehalten.« Dann wollte er die Hand ausstrecken, zögerte jedoch.

Magnus Kelterer tat daraufhin ein paar Schritte auf Bruno zu und legte kurz entschlossen die Arme um ihn.

»Hallo, Bruno«, murmelte er. »Daß wir endlich wieder miteinander ins Gespräch kommen, ist schön, die Umstände jedoch weniger. Jetzt kommt ihr erst mal mit mir…!«

Bruno war mehr als verlegen. Er drehte sich zur Seite und wischte sich ein paar Tränen vom Gesicht.

»Wir haben uns jetzt fast neun Jahre nicht mehr gesehen«, sagte er nach einer Weile. »Ich hab’ mich oft gefragt, was wir da für einen Blödsinn anrichten. Als ich dann mit Giovanna zusammen war, da hab’ ich mir immer wieder vorgenommen, zu dir zu fahren, um diese Dummheit zu beenden. Ich hab’ dann Angst gehabt, weil ich nicht wußte, wie du darauf reagieren würdest, daß Giovanna und ich…?«

Magnus mühte sich ein Lächeln ab. »Es sieht dir ähnlich, daß du dir das hübscheste Mädchen aus ganz Südtirol angelst.«

Auch Bruno lächelte nun. »Giovanna ist wirklich sehr

hübsch, aber das ist nicht alles. Sie hat die schönste Seele, die ein Mensch haben kann. Ich weiß nicht, was ich ohne sie getan haben würde.«

»Wollt ihr noch länger hier herumstehen?« fragte Giovanna. Sie hatte inzwischen aufgeatmet und hakte sich bei beiden ein.

»Ja«, Magnus nickte, »laß uns hinaufgehen. Deine Untersuchungspapiere, Röntgenaufnahmen und dergleichen hast du mit?« Er sah Bruno fragend an.

Der nickte. »Giovanna hat alles dabei. Ich sag’ ja, wenn ich sie nicht hätte.«

Dr. Wolfgang Schröder hatte Wochenendbereitschaft, doch Magnus hatte ihn gebeten, ihm das Bereitschaftszimmer zu überlassen.

Magnus bat seine Schwester und Bruno, Platz zu nehmen, dann nahm der die Krankenpapiere und las sie sorgfältig durch. Nach einer Weile atmete er tief durch und legte sie beiseite.

»Wir werden alle Untersuchungen nochmal wiederholen«, sagte er dann. »Nicht, weil wir glauben, in Bozen habe man nicht sorgfältig gearbeitet, sondern um eventuelle Veränderungen zu erkennen. Hast du irgendwelche Beschwerden?«

Magnus zuckte mit den Schultern, dann schüttelte er den Kopf. »Eigentlich nicht.«

»Wieso sagst du denn nicht, daß dir oft schlecht ist?« Giovanna strich Bruno eine Haarsträhne von der Stirn. »Du bist doch hier, weil Magnus dir helfen soll. Oder irre ich mich da?«

Bruno nickte zögernd, dann rann ihm zuerst eine einzelne Träne übers Gesicht, danach immer mehr, schließlich begann er leise zu weinen. Nach einer Weile sagte er: »Mir kann eh keiner mehr helfen. Ich hab’ gehört, wie es in Bozen ein Arzt zum anderen gesagt hat.«

Giovanna stand auf und ging zu Bruno. Er saß auf einem Stuhl, und Giovanna legte die Arme um seinen Kopf. »Du darfst nicht aufgeben. Magnus wird dir helfen, da bin ich ganz sicher.«

Daraufhin sah Bruno den chirurgischen Oberarzt der Bergklinik mit fragenden Augen an.

»Ich werde dafür sorgen, daß morgen die nötigen Untersuchungen beginnen«, sagte der.

»Aber morgen ist doch Sonntag«, gab Giovanna zu bedenken.

»Das interessiert den Tumor nicht«, antwortete Magnus. »Laß mich mal machen. Ich behalte die Papiere da und werde sie mit Clemens heute abend durchsprechen.«

»Meinst du Professor Stolzenbach«, fragte Bruno.

Magnus nickte. »Den meine ich. Ich bin heute abend bei ihm und werde alles mit ihm durchsprechen.«

»Bist du mit Professor Stolzenbach wirklich befreundet?« wollte Bruno wissen. »Giovanna hat mir erzählt, daß ihr beide zusammen studiert habt und er dich hier an die Bergklinik geholt hat.«

Magnus nickte. »Ja, Clemens Stolzenbach und ich sind befreundet.«

Da schloß Bruno Orter die Augen und nickte, irgendwie wirkte er jetzt zufriedener als vorher.

Giovanna fiel das natürlich auch auf. Sie sah ihren Bruder an, zuckte mit den Schultern, als wollte sie sich dafür entschuldigen, daß Bruno Clemens Stolzenbach offensichtlich mehr zutraute als Magnus.

*

Die Untersuchungen begannen tatsächlich schon am nächsten Tag, dem Sonntag. Magnus Kelterer hatte alles organisiert, und Dr. Rolf Gärtner, der Oberarzt der Inneren, kam bereits zeitig am Vormittag in die Radiologie. Als er im Vorraum Giovanna begegnete, blieb er wie angewurzelt stehen und starrte das hübsche Mädchen benommen an. Dann entschuldigte er sich dafür und wollte wissen, ob sie auf wen warte.

»Ich bin Giovanna Kelterer«, antwortete sie, »Magnus Kelterer ist mein Bruder.«

»Rolf Gärtner«, stellte der Oberarzt sich vor, »ich bin ein Kollege Ihres Bruders.« Noch immer hatte er den Blick nicht von Giovanna genommen, es war nicht zu übersehen, daß sie ihn faszinierte.

Er blieb noch einen Moment unschlüssig stehen, dann nickte er und verschwand in den radiologischen Untersuchungsräumen, wo Bruno mit einem Computer-Tomographen untersucht wurde. Später wurden dann noch Ultraschall-Aufnahmen gemacht, und als die Untersuchungen abgeschlossen waren, kam Bruno zu Giovanna, die ihm ängstlich entgegensah.

Doch Bruno war erstaunlich guter Dinge, er war viel besser beieinander als die Tage vorher, was Magnus damit begründete, daß Bruno nicht mehr untätig dasaß und endlich was unternommen wurde.

»Meinst du denn, daß überhaupt noch eine Hoffnung besteht?« wollte Giovanna von ihrem Bruder wissen. »Die Ärzte in Bozen haben überhaupt keine Chance gesehen.«

»Hoffnung muß man immer haben«, murmelte Magnus, während er sich die Computer-Bilder ansah.

»Das ist keine Antwort…!«

Magnus zuckte mit den Schultern. »Ich kann es dir noch nicht sagen. Ich muß mit einem Internisten reden und ich werde Clemens zu Rate ziehen. Auf ihn scheint Bruno eh sehr viel zu geben.«

Giovanna nickte. »Ja, ich weiß. Er hat über ihn einige Sachen in der Zeitung gelesen. Auch daß man Clemens ins Klinikum geholt hat, weil sich dort niemand an eine Sache herangetraut hat. Auch daß euer ehemaliger Chef, Professor Weinert, nicht in München, sondern von Clemens Stolzenbach hier in der Bergklinik operiert worden ist. Das hat ihm total imponiert…!«

Magnus winkte ab. »Das ist schon okay. Ich bin gewohnt, daß man Clemens viel mehr zutraut. Und es stimmt auch, er ist ein exzellenter Chirurg. Ihm kann keiner das Wasser reichen.«

»Du bist genauso gut«, sagte Giovanna, »vielleicht nicht so spektakulär, aber bestimmt nicht weniger brillant.«

Magnus lächelte. »Danke für die Blumen, Schwesterherz. Und jetzt geh mal zu Bruno. Ich schätz’, der wartet bereits auf dich. Was hast du eigentlich mit Gärtner gehabt?«

»Mit Gärtner?« Giovanna erinnerte sich nicht an den Namen.

»Ja, den Oberarzt der Inneren…«

»Ach so. Was ist mit ihm?«

»Er hat mich gefragt, warum ich meine Schwester so lange versteckt gehalten habe.« Magnus Kelterer lächelte. »Du scheinst ihm gefallen zu haben.«

Da atmete das hübsche Mädchen tief durch. »Mir steht momentan nicht der Kopf nach Scherzen, gleich welcher Art.«

»Das verstehe ich«, sagte Magnus. »Ich… ich würd’ gerne mit dir und Bruno heute abend ausgehen. Irgendwohin. Carola ist ja bei ihren Eltern in Peißenberg und…!«

»Es tut mir leid, daß ich euch das Wochenende verdorben habe«, sagte Giovanna. »Aber ich hab’ nicht mehr weitergewußt. Wenn doch nur ein ganz klein wenig Hoffnung da wär’. Wenn Bruno doch irgendeinen kleinen hellen Schimmer am Horizont sehen könnte.«

»Den gibt’s immer«, sagte Magnus daraufhin, »und ich sag’ das nicht nur so dahin, ich meine es wirklich so. Morgen in der Früh werde ich die Untersuchungsergebnisse mit Clemens besprochen haben und jetzt gleich gehe ich zu Gärtner.«

»Grüß Clemens von mir«, sagte Giovanna. Sie kannte den Professor schon, seit ihr Bruder gemeinsam mit ihm studiert hatte.

Magnus nickte. »Also, sehen wir uns heute abend irgendwo? Soll ich auf die Loser-Alm kommen oder gehen wir irgendwo essen?«

»Ich würde das zuerst gerne mit Bruno besprechen«, antwortete Giovanna. »Wenn ich jetzt zusage, und er fühlt sich nicht gut oder er hat sonst Einwände…«

»Ich bin hier in der Klinik«, antwortete Magnus. »Du kannst mich auf jeden Fall hier erreichen.«

Dann küßten sich die beiden, und gleich darauf verließ Giovanna die radiologische Abteilung. Auf dem Weg zur Aufnahme, dort wartete Bruno, traf sie Dr. Gärtner, der sie erneut ansprach.

»Wollen Sie uns schon verlassen?« fragte er, während er sie wieder bewundernd ansah.

Giovanna nickte lächelnd. Dann bedankte sie sich, daß Gärtner am Sonntag für die Untersuchung zur Verfügung gestanden hatte.

»Ist Herr Orter ein Bekannter?« fragte Dr. Gärtner daraufhin.

Giovanna fiel nichts besseres ein, als zu sagen, daß Bruno Orter und ihr Bruder früher die besten Freunde gewesen seien und sie Bruno nur herbegleitet habe. Dann wollte sie gehen, doch plötzlich kam ihr in den Sinn zu fragen, wie Gärtner die Untersuchungsergebnisse beurteile.

Der runzelte sofort die Stirn. »Die Werte sind, um es mal salopp auszudrücken, nicht gerade berauschend.«

»Was heißt das…?« Giovanna spürte ihr Herz auf einmal heftiger schlagen.

Gärtner sah bedauernd drein. »Es tut mir leid, aber ich sehe nicht viel Hoffnung. Vor allem, weil es bereits Verwachsungen mit dem umliegenden Gewebe gibt.«

Giovanna meinte, ihr schnüre jemand die Luft ab. Sie war so froh gewesen, als Magnus ihr Hoffnung gemacht hatte, und nun bekam sie die kalte Dusche. Gärtners Aussage schien ihr plötzlich viel logischer.

»Ist Ihnen nicht gut?« Der Oberarzt griff nach Giovannas Arm.

Die schüttelte den Kopf. »Nein, nein, es geht schon. Ich bin nur ziemlich abgespannt.«

»Kommen Sie«, Gärtner nahm nun endgültig ihren Arm. »Ich geb’ Ihnen was zur Stärkung.«

Giovanna schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig. Mir fehlt nichts.«

»Sie machen aber nicht den Eindruck, als fehle Ihnen nichts.« Dr. Gärtner sah Giovanna besorgt an. »Kommen Sie, ich messe rasch Ihren Blutdruck und dann sehen wir weiter.«

Daraufhin folgte Giovanna dem Oberarzt ins Ärztezimmer der Inneren Station, wo um diese Zeit nur sehr wenig Betrieb war.

»Ihr Blutdruck ist im Keller, wie ich es vermutet habe«, murmelte Gärtner kurz darauf. »Ich werde Ihnen was injizieren, Sie werden sehen, das tut Ihnen

gut.«

Zwanzig Minuten später fühlte sich Giovanna in der Tat viel frischer. Sie bedankte sich bei Gärtner und wollte gehen.

»Wenn Sie was brauchen«, sagte der, als er mit ihr auf den Gang ging, »dann lassen Sie es mich wissen.«

Als das hübsche Mädchen daraufhin in Richtung Aufnahme davonging, sah Dr. Gärtner ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen war. Dann nickte er ein paarmal anerkennend. Giovanna hatte ihm gefallen, das stand fest.

*

Als Clemens Stolzenbach am nächsten Morgen die Aufnahmen Bruno Orters nochmal angesehen hatte, runzelte er die Stirn.

»Das sieht nicht besonders gut aus«, sagte er, »vor allem, weil der Bauchspeicheldrüsenkopf befallen ist. Es müßte nicht nur der Pankreaskopf, sondern auch ein Teil des Zwölffingerdarms entfernt werden. Man müßte nach Whipple vorgehen. Hast du das schon mal gemacht?«

Magnus schüttelte den Kopf. »Und du?«

»Dreimal«, sagte Stolzenbach, »zwei Patienten sind innerhalb eines Jahres verstorben, einer innerhalb von drei Monaten. Allerdings war der Tumor schon weit fortgeschritten, und es gab jedesmal Metastasen in der Leber, einmal auch in der Lunge. Es stand gleich nach den Operationen fest, daß keine Hoffnung auf dauerhafte Heilung bestand.«

»Was schlägst du vor?« Magnus Kelterer sah seinen langjährigen Freund aufmerksam an.

»Da ist guter Rat teuer«, antwortete der. »Man könnte einen Bypass um den Tumor legen, wenn er den Darm blockiert. Vielleicht sollte man auch noch mal eine differenzierte Aufnahme machen.«

Magnus Kelterer schüttelte den Kopf. »Das bringt nichts. Es muß eine Entscheidung herbeigeführt werden. Entweder Operation und zwar so rasch wie möglich oder…«

»Er hat nicht viele Chancen«, gab Clemens Stolzenbach zu bedenken.

Magnus Kelterer nickte. »Ich weiß.«

»Was wirst du tun?« Professor Stolzenbach sah seinen Oberarzt fragend an.

Der zuckte mit den Schultern. »Ich wollte mich nochmal mit Gärtner beraten, aber das bringt auch nichts. Ich muß eine Entscheidung fällen. Es sei denn, du würdest…?«

Clemens Stolzenbach hob sofort beide Hände, zum Zeichen, daß es nicht sein Fall sei.

»Du mußt alleine entscheiden«, sagte er. »Ich werde jede deiner Entscheidungen unterstützen. Falls du dich zu einer Operation entschließen solltest, werde ich dir gerne assistieren, aber du wirst selbst operieren müssen.«

Magnus Kelterer nickte. »Du bist als risikofreudig bekannt. Wenn du dich weigerst…«

»Es ist ein Risiko und das weißt du«, sagte Stolzenbach. »Ist… ist Giovanna mit Bruno Orter zusammen?«

»Ja, sie sind zusammen«, antwortete Magnus. »Seit Jahren. Weder seine noch unsere Familie weiß davon. Früher war er mein bester Freund, bis wir durch einen Blödsinn auseinander sind. Jetzt bringt sie ihn zu mir, die Bergklinik sei seine letzte Hoffnung.«

»Dann mußt du eine Entscheidung treffen«, sagte Stolzenbach. »Niemand kann und niemand wird sie dir abnehmen. Aber eines ist sicher: Ich akzeptiere jede Entscheidung, die du triffst, und ich werde dich unterstützen.«

»Danke, Alter…« Magnus Kelterer ging in die Radiologie und beschäftigte sich den ganzen Nachmittag mit den Aufnahmen. Irgendwann stand er auf und ging zurück auf die chirurgische Station.

Dort fragte er die Stationsschwester, ob ein Privatzimmer frei sei, und als die nickte, sagte er: »Morgen in der Früh kommt ein Patient. Bruno Orter. Bitte reservieren Sie das Zimmer. Herr Orter ist mein Privatpatient.«

*

Dr. Magnus Kelterers Verhalten veränderte sich in den nächsten Tagen total. Sonst war er der freundliche und immer zu Späßen aufgelegte Arzt, jetzt war er für kaum jemanden zu sprechen, denn er verkroch sich hinter Röntgenbildern, Blutanalysen und Operationsberichten, die er immer und immer wieder studierte.

»Wann willst du Bruno Orter operieren?« fragte Clemens Stolzenbach nach drei Tagen. »Immer wieder aufschieben ist nicht gut. Entweder du hast dich entschlossen, Bruno Orter zu operieren, oder aber du mußt ihm sagen, daß eine Operation ihm nicht helfen kann.«

Magnus Kelterer nickte. »Ich weiß.«

»Wie hast du dich entschieden?« Professor Stolzenbach sah seinen langjährigen Freund fragend an.

»Ich werde Bruno operieren«, antwortete der.

»Wann…?«

»Am Montag.«

Stolzenbach nickte. »Ich werde dir assistieren, das heißt, wenn es dir recht ist.«

»Selbstverständlich ist es mir recht«, sagte Magnus Kelterer, »ich wollte dich eh darum bitten.«

»Dann werde ich alle anderen für den Montag vorgesehenen Operationen vom Plan streichen.« Clemens Stolzenbach ging zur Tür, wo er nochmal stehen blieb. »Quäl dich nicht mit irgendwelchen Gedanken herum, Alter. Man muß eine Entscheidung treffen und dann zu ihr stehen.«

Magnus Kelterer nickte. »Ich weiß wohl. Wenn die Umstände nicht so besondere wären, würde mir sicher alles leichter fallen. Aber Bruno war mal mein Intimus, mein mit Abstand bester Spezl, dann haben wir uns jahrelang nicht mehr gesehen, und dann taucht er mit meiner kleinen Schwester auf, ist ihr Lebensgefährte und beide möchten, daß ich ihm helfe. Das heißt, Bruno setzt viel mehr auf dich, du bist für ihn der absolute Chirurg. Mich hat er nur als Anlaufstation genommen.«

Clemens Stolzenbach schüttelte den Kopf. »Quatsch. Er hat ganz sicher irgendeinen Blödsinn in der Zeitung gelesen. Das hat aber nichts mit der Qualifikation zu tun. Du…«

»Laß es gut sein, Clemens.« Um Magnus Kelterers Mundwinkel huschte ein schmales Lächeln. »Ich werde Bruno anbieten, daß ich ihn operiere, und ich werde ihm klipp und klar alle Risiken darlegen. Die letzte Entscheidung trifft dann er selbst.«

Einen Moment noch blieb Stolzenbach bei der Tür stehen, dann nickte er und gleich darauf verließ er das ärztliche Bereitschaftszimmer der chirurgischen Station.

Bruno Orter war seit drei Tagen in der Bergklinik, seine Kreislaufdaten waren ebenso aufgenommen worden wie seine Blutwerte, und er war auf die Operation vorbereitet. Jetzt wartete er darauf, daß Magnus mit ihm redete und seinen Vorschlag machte.

Es war Freitag mittag, als Magnus Kelterer das Zimmer Bruno Orters betrat, einen Aktendeckel mit den Unterlagen mitbrachte und sich zu Bruno an den Tisch setzte. Das Privatzimmer war sehr komfortabel eingerichtet, lag so, daß man vom Fenster aus zum Karbachsee schauen konnte und eine mächtige Bergkulisse vor sich hatte.

»Jetzt wird’s wohl dienstlich«, sagte Bruno, als er Magnus Kelterers ernste Miene sah.

Der nickte und versuchte zu lächeln, um dem Gespräch gleich zu Beginn die Spannung zu nehmen.

»Was heißt schon dienstlich?« fragte er dann. »Ich will lediglich ein paar Dinge mit dir besprechen.«

»Professor Stolzenbach lehnt eine Operation ab, das sehe ich dir an.« Bruno Orter gab sich Mühe, ruhig zu bleiben.

Magnus Kelterer nickte. »Ja, Clemens will dich nicht operieren und er lehnt die Operation ab. Aber nicht er ist dein Arzt, sondern ich bin es. Wenn du dich mir anvertraust, dann werde ich dich operieren.«

Daraufhin starrte Bruno Orter Magnus konsterniert an. Nach einer Weile räusperte er sich.

»Du willst mich operieren?« fragte er dann. »Obwohl der Professor eine Operation ablehnt?«

Magnus nickte.