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Die Ärztin Heike Holter feiert ihren 40. Geburtstag. Zu diesem Fest gibt sie eine Party und lädt auch ihre Jugendfreundin Petra Neubert ein, die als Staatsanwältin kürzlich in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist. Beide verbinden Erlebnisse aus der Kindheit und Schulzeit. Daran versucht vor allem Heike wieder anzuknüpfen. Sie ist die Mitteilsame und versucht, Petra wieder – wie früher – an sich zu binden und in gewisser Weise zu dominieren, indem sie ihr intimste Geheimnisse erzählt – in ihrer Version. Doch die subtilen Kränkungen, die sie einst von Heike erfahren hat, konnte Petra nicht vergessen, spricht sie aber auch nicht an und geht auf Heikes Inszenierung "beste Freundin" ein. Innerlich bleibt sie distanziert und beobachtet. Sie begegnet ihr nicht mit dem gleichen Vertrauen und fragt sich, was an all dem, was Heike ihr schildert, wirklich wahr ist. Eines Tages vermutet Heike, ihr Mann Stefan habe eine Geliebte. Auch dies teilt sie der Freundin mit, ohne zu ahnen, dass Petra inzwischen diese Geliebte ist. Petra ist dadurch verunsichert. Wie ehrlich ist Stefan zu ihr? Selbst sieht er seine Beziehung zu Heike ganz anders als diese zu ihm. Aber auch zu Petra ist er nicht vorbehaltlos offen, hält sie hin und lässt sie an seine unverbrüchliche Liebe glauben, bis er eines Tages unverhofft am Herzinfarkt verstirbt...
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ulrich W. Kunath
Die beste Freundin
Roman
1
Vor ihr die Akte. Petra überfliegt ihre Anklageschrift. Morgen beginnt die Hauptverhandlung. Auf den Prozess sich vorbereiten – muss sie nicht mehr. Die Fragen, falls der Vorsitzende sie nicht stellt, werden ihr aus den Antworten zufallen. Sie wird zuhören und sich zum wiederholten Male dem Gefühl nicht entziehen können, sie sei Voyeur und erliege dem Charme des Bösen.
Und dieser Sitzungssaal trägt dazu bei, wirkt auf sie wie ein Ort der Verschwörung, versetzt sie gleichsam in vergangene Zeiten, verbreitet einen Hauch von Inquisition: die holzgetäfelten Wände, die gelb-graue Verglasung, in Blei gefasst wie Kirchenfenster, die Decke in rauchigem Gelb, das schwere dunkelbraune Gestühl, die klobigen Tische, der grau geflieste Fußboden mit bedrückend schwarzen Streifen, als wäre jemand darüber gezerrt worden, und das kalte Echo auf dem Stein. Und jedes Mal wenn sie den Saal betritt, schlägt ihr der trocken-muffige Geruch alter Bibliotheken entgegen, der sie im ersten Moment anwidert, sie dann mit jedem Atemzug wie Rauschgift durchdringt, so dass nach wenigen Augenblicken ihre Abscheu der Faszination weicht, sie gleichsam in eine Art Trunkenheit gleitet, die sie von sich selbst entfernt. Und scheinbar gleichmütig, innerlich aber gebannt verfolgt sie dann das eindringliche Schauspiel, das vorgibt, die Wahrheit zu finden und eigentlich – das weiß sie – eine Urteilsfindung ist.
Denn anders als in der Mathematik wird Wahrheit hier in Worte gefasst, erscheinen Berichte und Meinungen wie auf einem Laufsteg in den unterschiedlichsten Gewändern, je nach dem wie Zeugen und Angeklagte ihre Worte wählen, mal im Sackleinen, mal im fließenden Chiffon, jede Aufmachung, jede Schattierung ist vertreten. Und unter diesen Schleiern und Hüllen verbirgt sich die Wirklichkeit, wird nicht greifbar, lässt sich bestenfalls annäherungsweise beschreiben. Ein schwieriges Bemühen im Nachhinein, so als wollte man die von Kleidern bedeckten Körper abzeichnen. Ausdeutung und Urteil über ein Nachgebilde, über rekonstruiertes Vergangenes. Dabei wird aus erahntem Geschehen und der subjektiven Wahrheit der Handelnden die Wirklichkeit verfremdet. So sieht sie das. Und daher empfindet sie bisweilen eine Verhandlung als verschwörerisch. Der Angeklagte glaubt, sie forschten nach der Wahrheit. Nein, sie suchen ein Urteil für ihre eigene Sichtweise von einer Tat und ihren Umständen.
Anwältin wollte sie nicht werden. Sie würde es nicht fertig bringen, jemanden für etwas zu verteidigen, was sie selbst nicht gutheißt. Sich eine fremde Meinung anzueignen liegt ihr nicht. Nur eine, die sie sich selbst gebildet hat, vermag sie überzeugend vorzutragen. Im Kompromiss fühlt sie sich unbehaglich, kann es aber akzeptieren, wenn die Richter sich nicht ganz dem anschließen, was sie fordert. Den Strafrahmen, wonach das Urteil sich bemisst, kalkuliert sie bewusst ein, so dass für sie letztlich doch kein Kompromiss herauskommt.
Diese Rolle gefällt ihr: Die Straftatbestände feststellen, Verstöße gegen die Ordnung der Gesellschaft aufdecken, dabei kein Delikt vergessen, denn der Täter kann sich bei ein und derselben Tat in verschiedener Weise strafbar gemacht haben. Was Recht ist, weiß sie. Und darauf ist sie ein wenig stolz, verhält sich auch sonst korrekt, gegenüber Kollegen, im Freundeskreis, im Straßenverkehr, im Grunde genommen immer. Jens hat ihr manchmal Sturheit vorgeworfen. Das ist es aber nicht. Ein untrügliches Rechtsempfinden – das ist einem gegeben oder nicht. Und daher kann es vorkommen – und ist es auch schon, wenn auch selten –, dass sie es als beengend ansieht, sich in einem bestimmten Strafrahmen bewegen zu müssen, vor allem dann, wenn sie ein Vergehen persönlich für besonders abscheulich hält.
Und es sagt ihr zu, dass sie eine eingeschränkte Verantwortung trägt. Das Geschehene als Mosaik sichtbar zu machen, daran wirkt sie mit. Doch das Gericht bewertet es, der Vorsitzende mit den Beisitzern. Auf diese Weise ergibt sich die Begründung für das Strafmaß von selbst, geradezu zwangsläufig während der Verhandlung. Weder Mitgefühl noch Verständnis für den Täter werden von ihr erwartet, nein, darf sie nicht einmal haben. Dafür steht ihm ein Verteidiger zur Seite. Sie könnte sich auch nicht immer wieder aufs Neue einfühlen, vor allem nicht in verquere Typen, das brächte ihre innere Ruhe durcheinander und störte ihr solides Rechtsempfinden. Empathie für einen einzigen Menschen – ja, auch auf Dauer, ganz privat, aber nicht von Berufs wegen. Als Staatsanwältin kann sie sich zurücklehnen, muss nur darauf achten, dass keiner der Fakten übersehen und auch ihre eigene Auslegung berücksichtigt werden. Alles nimmt seinen Gang.
Ein Freispruch allerdings bedeutet ihr ein Versagen und kann sie durchaus verstimmen. Auch schmerzt es sie körperlich – wie verprügelt –, wenn sich herausstellt, die ermittelnde Behörde hat in einem Fall nicht sorgfältig genug gearbeitet, Details übersehen, an das eine oder andere nicht gedacht. Oder wenn es dem Verteidiger gelingt, die zu beurteilende Geschichte in ein diffuses Licht zu rücken, so dass niemand mehr durchblickt und das Konstrukt verwehter Wirklichkeit nicht zustande kommt und allzu krass erkennbar wird, dass es in diesem Falle zweifelsfrei mehr als eine einzige Wahrheit gibt. Gewiss ärgerlich, aber im Grunde auch wieder zu bewundern – das funkelnde Phänomen der Wahrheit.
Auf Paragraf 180a, 181a, 223, und 225 Strafgesetzbuch wird sie sich morgen beziehen. Eine Polin war illegal über die Grenze geschleust und hier zur Prostitution gezwungen worden. Ein Bordell als Verein. Als Pärchenclub getarnt! Und ein Gründungsmitglied dieses Vereins ein Polizist. Als Schutz, nicht nur vor Razzien. Eigentlich muss sie nicht in der Akte blättern. Ihr ist der Sachverhalt zur Genüge bekannt.
Angeworben als Bedienung in einem Restaurant. Ob die das wirklich geglaubt hat? Sie hat es behauptet. Aber vorher schon ging sie auf den Strich. Dafür gibt es Belege, und sie leugnet das nicht. Vorgestellt hatte sie sich ein besseres Leben – hatte sie ein gutes? Darüber weiß Petra nichts. In Gubin gewartet, zwei Wochen im Hotel, bis der bulgarische Kontaktmann sie mit zwei anderen Frauen zu dem Schlauchboot brachte. Eine nächtliche Aktion. Der Polizist und der Barbesitzer empfingen sie am anderen Ufer. Das alles hatte Geld gekostet, für falsche Papiere, für den Schlepper. Man nannte es Vorschuss, der abgearbeitet werden musste. Und das hätte sie als Serviererin auch getan. Aber man habe sie nicht in einem Restaurant angestellt. Sie habe das weitermachen müssen, womit sie aufhören wollte.
Ob Prostitution auch ein Vergnügen sein kann? Petra schaudert bei dem Gedanken, sich einem Mann fügen zu müssen, der ihr nicht gefällt, der nicht gut riecht, wabblig oder knochig ist, bartstoppelig und mit lückenhaft schiefen Zähnen. Ihn sich nicht aussuchen dürfen! Undenkbar. Und Küssen – ohne das käme sie nicht in Stimmung. Und mit einem Mal findet sie es merkwürdig: Nicht, dass es verschiedene Männer wären, hält sie für widerlich, sondern jedem x-Beliebigen mit womöglich ausgefallenen Vorlieben zu Diensten zu sein –, nein, sie würde selbst entscheiden wollen. Ein absurder Gedanke, was fällt ihr nur ein! Es gelingt ihr doch sonst leicht, sich gegen die Materie ihrer Prozesse abzuschotten –. Die Polin als Kronzeugin – sie kommt herüber und bindet sich an einen einzigen Mann, steigt aus in ein bürgerliches Leben und lässt die ganze Sache auffliegen. Hat sie jetzt das bessere Leben –?
Und da fällt ihr der Traum von letzter Nacht ein. Ein bekannter Traum. Eine Szene aus der Schulzeit, wiederholt und unregelmäßig geträumt. Alle paar Jahre einmal. Doch in den letzten Wochen nun schon zum dritten Mal. Seit Heike sie zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen hat. Das ließ alles wieder hochkommen. Aber heute war dieser Traum erstmals und unvermittelt ins Erotische hinübergeglitten, und das hat sie einen Moment überrascht. Nachher meinte sie, es habe sich da etwas vom Sachverhalt des Prozesses eingeschlichen, nicht vollständig, aber im Prinzip.
Der Traum begann wie immer: Ein Klingelzeichen kündigt die Pause an. Sie erhebt sich und spürt dabei die Kante vom Stuhlsitz in den Kniekehlen. Sie sieht sich nach Heike um und nimmt wahr, wie diese sich von ihr wegdreht, beide Arme über die Schultern von Stefanie und Susanne legt, den Zwillingen, und mit diesen flüsternd und kichernd zur Tür des Klassenzimmers strebt. Im Gedränge mit den anderen Schülerinnen wird sie auf den Schulhof geschoben. Dort, an der Mauer erblickt sie die drei, und Heike winkt sie herbei. Sie läuft, schwer kommt sie voran, als hinge Blei an den Füßen. Steht vor ihnen. Irgendetwas hat sie falsch gemacht, aber sie weiß nicht, wofür sie sich zu entschuldigen hat. Die Zwillinge mit verschränkten Armen schauen in die Luft. Und Heike sitzt oben, blickt mit hochgezogenen Augenbrauen und spitzem Mund auf sie herab, und sie sieht sich um, ist mit einem Mal die einzige auf dem Schulhof, und der Asphalt unter ihren Füßen gibt nach, und sie droht zu versinken.
In diesem Augenblick war sie jedes Mal aufgewacht, atmete dann durch, drehte ihr Betttuch um und schlief nach einer Weile unter der angenehmen Kühle wieder ein.
Im Traum von letzter Nacht aber umhüllt sie der elastische Boden, und sie verspürt weder Druck noch Beklemmung, sondern eine Umarmung und ein wohltuend wiegendes Gefühl, und ihre Schenkel umklammern die Hüften eines Mannes, dessen Gesicht sie nicht sehen kann, weil es sich warm an ihren Hals drückt. Ihre Hände fassen seinen Nacken, seinen Rücken, sein Gesäß, und plötzlich weiß sie: Das ist Heikes Mann, und sie biegt sich ihm entgegen, öffnet sich ihm weit und will ihm etwas sagen, etwas Liebes, – da erkennt sie einen Fremden, und sie will ihn dennoch nicht abwehren – und da bewegt er sich nicht mehr, und sie fühlt seinen kalten Kopf an ihrer Schulter und sieht hinter ihm in Heikes spitzes Lächeln –.
Verschwitzt wachte sie auf, deckte sich ab, schaute auf die Uhr. Halb sechs. Noch eine Stunde. Sie war ausgeschlafen. Im morgendlichen Dämmerlicht von Ferne die aufgeregten Töne eines Polizeifahrzeugs oder der Feuerwehr.
Petra schiebt die Akte beiseite, legt das Gesicht in beide Hände, schließt die Augen. Im Schlaf ausgeliefert. Was geschieht um uns? Versäumte Zeit. Und oft wissen wir von unseren Träumen nichts. Warum dieser erotische Nachtrag in einem wiederkehrenden Traum? Splitter aus dem Prozess? Aber: Heikes Mann – sie kennt ihn kaum, hat ihn vielleicht drei-, viermal gesehen, lange ist es her. Sie sucht nach einer Verbindung. Er muss von ihr gehört haben. Jedenfalls hat Heike über ihn erfahren, dass sie wieder in der Stadt ist. Wäre das eine Erklärung? Träume sind immer seltsam, – irgendwie abwegig.
Sie hat Heike seit Jahren nicht gesehen und nicht gesprochen. Und dabei wäre es ein Leichtes gewesen, sie anzurufen oder ihr zu schreiben. Und tatsächlich hat sie ja auch geschrieben, von sich mitgeteilt und sich nach Heike erkundigt –, aber die Briefe nie abgeschickt, irgendwann zerrissen. Sie tat nichts, diese Freundschaft zu erhalten, im Gegenteil: Jedes Mal, wenn sie an Heike dachte, eigentlich nur sporadisch, mischte sich unter den aufkeimenden Wunsch sie wiederzusehen, sofort ein Missbehagen, das sie nicht weiter ergründete. Sie fühlte sich zwiespältig, und in dieser inneren Zerrissenheit gewann rasch die Ablehnung. Und deshalb schwieg sie. Auch, nachdem sie wieder hierher gezogen war. Zunächst. Denn sie hatte durchaus die Absicht, Heike wieder aufzusuchen, irgendwann, wenn alles geregelt sei. Genau hätte sie nicht sagen können, wann das der Fall gewesen wäre. Das Vorhaben war nur gedacht, aber noch nicht geplant.
Daher kam Heikes Anruf eines Tages auch nicht völlig unerwartet, sie war ja innerlich auf ein Zusammentreffen vorbereitet. Nur nicht auf mögliche Fragen, die Heike zum Glück auch nicht stellte.
Stefan habe erwähnt, sie sei am Gericht. Petra vermeinte Heikes Erstaunen herauszuhören. Seit wann sie wieder in der Stadt lebe? Warum sie nichts von sich habe hören lassen? Heike sprudelte. Und übrigens habe sie in vier Wochen Geburtstag. Ein runder! Und sie rechne damit, dass Petra komme. Natürlich wusste sie es. Das Geburtstagsdatum einer Freundin vergisst man doch nicht! Aber mehr als ein Ach-Ja wollte Petra nicht sagen, denn augenblicklich baute sich in ihr ein Widerstreben auf, spürte sie ihre kalten, feuchten Hände, als sie diese undeutliche, verdeckte Einladung vernahm, die sich eher wie eine Anweisung anhörte.
Als hätte es nicht Jahre dazwischen gegeben, plauderte Heike drauflos. Sie habe ihre Praxis wieder verkauft. Stefan habe es so gewollt. Ihm und dem Kind zuliebe. Geld zu verdienen brauche sie nicht, habe er gesagt. Jetzt kümmere sie sich um das Haus und gestalte die Freizeit. Aber stundenweise arbeite sie doch noch mit, bei einem Internisten, befasse sich mit den herzkranken Patienten, schließlich sei sie ja Kardiologin. Nicht des Geldes wegen, dass Petra das nicht missverstehe, nein, so halte sie ihr Wissen und Können auf dem Laufenden. Vielleicht werde sie sich später einmal wieder mehr dem Beruf widmen. Ach, es gäbe ja so viel zu erzählen, und sie freue sich.
Erst als sie aufgelegt hatte, stellte Petra fest, dass sie selbst eigentlich nichts gesagt hatte. Heike vermochte schon immer widersprüchliche Situationen nahtlos zu verbinden und über Gegensätzliches mit trivialen Worten hinwegzuwischen. Lustlos und widerwillig hatte sie die Aufforderung angenommen, nicht mit einem Danke-sehr, Freut-mich, sondern mit einem Wir-sehen-uns zugesagt. Und im Nachklang musste sie sich eingestehen, wie sehr sie, wenn auch unterschwellig, von dem Wiedersehen mit Heike angezogen wurde und dies dem eigenartig gemischten Gefühl entsprang, treu und zugleich anerkannt sein zu wollen. Und je länger sie dieser gebrochenen Empfindung nachhing, desto deutlicher kristallisierte sich in ihr auch Neugier heraus, wie sich Heike wohl entwickelt habe, wie sie aussehe, wie sie lebe – mit diesem Stefan. Und in diese Gedanken kreuzt Thomas – was ist wohl aus ihm geworden? – aber auch das liegt ewig zurück, spielt im Grunde keine Rolle.
Heike, ihre Freundin seit sie zur Schule gingen. Sie hatten den gleichen Weg, hielten sich zu Anfang manchmal an der Hand, später nicht mehr. Heike besaß ein Aquarium, vor dem sie beide, so schien ihr, stundenlang sitzen konnten und die ruhigen, fast gravitätischen Bewegungen der Skalare, das ruckartige Wenden des Schwarms der Neons oder die flatterigen Guppys verfolgten. Petra hielt dabei ihr weißes Zwergkaninchen im Arm. Und dann blätterten sie in Büchern, in denen alle möglichen Fische abgebildet waren. Heike kannte fast alle. Doch am häufigsten schlugen sie die Seiten mit den Haifischen auf. Ihr dolchartiger Körper, der Halbkranz dornengleicher Zähne – eine Spur Gruseln überkam sie, und dann tippten sie mit dem Finger auf das kleine, seelenlose Auge. Seilspringen, am Griff des Garagentors war es befestigt, und auf die Einfahrt hatten sie mit Kreide Quadrate mit Zahlen gemalt. Tempelhüpfen nannte es Heike, hatte diese Bezeichnung von ihrer Mutter übernommen, die in Österreich aufgewachsen war. Jeden Tag verbrachten sie zusammen. Und dann lag eines Morgens das weiße Kaninchen steif und kalt in seinem Körbchen, und die Scheiben von Heikes Aquarium wurden grün und undurchsichtig. Und zur gleichen Zeit waren mit einem Mal die Zwillinge in der Klasse erschienen –.
Die Albernheiten von Mädchen – daran will Petra sich nicht erinnern. Vorbei, vergessen. Aber Heike steckte mit ihnen die Köpfe zusammen, und wenn sie sich nach ihr umdrehte, sagte sie meist: Ach, Pet, gleich! Und das sprach sie wie Päät aus, weil sie damit scherzhaft Petras Namen verniedlichen wollte und pet das englische Wort für Schoßhündchen ist. Komme gleich! Wir haben noch was zu klären. Als ob sie nichts davon verstünde –. Und wenn die drei Mädchen sie mal wieder von oben bis unten taxierten, streifte sie wie unabsichtlich so dicht an der Schulhofmauer entlang, dass die neue Hose, der neue Rock beschmutzt wurden. Und sie wusste genau: Heike bemerkt das sofort und kann es nicht lassen, ihr den Staub abzuklopfen wie eine ältere Schwester und dabei mit der Strenge ihrer Mutter zu sagen, sie solle besser acht geben auf die neue Kleidung! Und dann, als stellte sie es erst jetzt fest: Das hast du doch neu, nicht wahr? Und in solch einem Augenblick empfand Petra Genugtuung.
Aber völlig wehrlos machten sie Heikes schrille Worte, die sie noch im Ohr hat: Du holst mich ab? Oder: Ruf mich an! Oder: Sei pünktlich! Wie angeordnet, von oben herab. Unmöglich ihr zu widersprechen oder zu sagen: Hol du mich doch ab, ruf du mich doch an, sei du doch pünktlich! Aber vielleicht hatte Heike es auch gar nicht so gemeint, denkt sie, und sie hatte ihr nur unterstellt, sie wollte sie gängeln.
Mit Heike in der Gruppe, im Jugendzentrum, in der Disco, hinten auf den Mopeds der Jungen. Im Pulk fuhren sie. Die Zwillinge hin und wieder dabei. Heike gab den Ton an, machte keine Unterschiede, nahm sich, was sie wollte und gehörte irgendwie jedem, aber: Wenn sie verliebt waren, für den einen oder anderen Jungen schwärmten – das tauschten sie ausschließlich unter sich aus.
Auf Petras Gesicht hat sich ein Lächeln eingestellt. Sie steht auf, schiebt die Akte in die Tasche. Und plötzlich überfällt sie eine Unruhe, ein unerklärlicher Drang. Übermorgen die Party. Sie werde Heike wiedersehen. Wie soll sie ihr begegnen? Und grundlos legt sich auf sie ein Druck, als müsste sie sich rechtfertigen und über etwas klar werden.
2
Heikes vierzigster Geburtstag, am längsten Tag des Jahres, und wie so oft ist es auch diesmal trocken und warm. Was liegt näher, als eine Gartenparty zu veranstalten. Dazu bietet der 25. November, ihr eigener Geburtstag, nie eine Gelegenheit. Früher musste sie mit ihren Freundinnen im Haus feiern. Oder ihre Mutter führte alle zusammen mal in den Zirkus oder zu McDonalds. Heikes Kindergeburtstage fanden immer im Garten statt unter Luftballons und Lampions und auf Holzbänken an langer Tafel. Und niemand brauchte auf den Teppichboden und die Polster der Sitzgarnitur zu achten. Hemmungslos, verrückt, diese Spaghetti-Essen!
Kaffeemühle ist ihr erster Gedanke, als sie von ihrem geparkten Wagen auf das Haus hinter dem mannshohen Zaun aus polierten Stahlstäben zugeht. Ein weißer renovierter Altbau, in der Sonne von schmerzhafter Helligkeit. Das Obergeschoss ist auf allen Seiten zurückversetzt und grenzt sich durch einen umlaufenden Dachüberstand vom Untergeschoss ab. Den Eingang bildet ein Portikus. Ein Dienstmädchen mit weißer Schürze über schwarzem Kleid öffnet und führt Petra aus dem großzügigen Windfang durch den Wohnraum, der mit cremefarbenen Ledersesseln und ebenso hellen Möbeln bestückt ist, zur Terrasse, einer erhöhten Plattform. Von hier aus legt sich der von Sträuchern und Bäumen eingefasste Rasen über einen sanften Hang und lädt förmlich dazu ein, an dieser Stelle einen Moment zu verweilen und sich einen Überblick zu verschaffen. Weiße Stühle an runden Tischen mit gelben Tischtüchern, die auf dem Grün wie riesige Dotter wirken. Vor den am hinteren Rand des Grundstücks sich dicht drängenden Tannen sind Büffets aufgebaut. Dahinter warten eilfertig zwei Köche mit berufstypischer Mütze. Nachbarn haben keinen Einblick, fällt Petra auf. Alles scheint wie für einen Film arrangiert. Die Gäste haben sich zu vier, fünf oder mehr Personen zusammengefunden, Gläser in einer Hand, Campari oder Champagner oder Orangensaft.
Mit den Augen sucht Petra die Freundin. Das Mädchen hat gesagt, sie sei bei den Gästen – und da ist sie, eigentlich nicht zu übersehen, im ärmellosen glockenförmigen Seidenkleid von gedecktem Weiß mit rundem Ausschnitt und als Kontrast eine Korallenkette – wie aufgefädelte Blutstropfen, denkt Petra.
Hier ein paar Worte, dort eine Umarmung, ein flüchtiger Lacher, eine angedeutete Verbeugung. Sie tänzelt zwischen den Grüppchen hindurch, als befände sie sich in einer Ballettszene. Sie hat jetzt blonde Strähnchen im kurz geschnittenen Haar. Und ist mollig geworden, will es mit dem weiten Rock verdecken.
Und als hätte ihr Blick sie angestoßen, dreht Heike sich um, erfasst Petras schlanke Gestalt. Noch immer das schulterlange glatte Haar, und nach innen lockig eingedreht! Und wie sie da steht! Noch immer in dieser unangemessen zaghaften Schüchternheit, – das hat sie seit eh und je genervt und provoziert, diese gespielte Einfalt. Wie oft hat es Heike auf der Zunge gelegen, ihr das einmal deutlich zu sagen, sie tue nur so bescheiden, so hilfsbedürftig naiv, und sei es im Grunde überhaupt nicht. Was sie damit bezwecke? Aber vermutlich hätte Petra sie nur verständnislos angeblickt und ihr Vorwurf wäre ins Leere gelaufen.
Sie geht eilig über den Rasen, leichtfüßig über die vier Terrassenstufen. „Wie lange ist es her?“
„Zehn Jahre!“ Auf dem Weg hierher hat Petra nachgerechnet.
„Du hättest dich mal melden können!“
„Wollte ich auch, du weißt doch, wie das ist, – gut siehst du aus.“ Kaschierst geschickt, dass du zugenommen hast. Das behält Petra für sich, sie weiß ja genau, dass Heike solche Gedanken liest und ihre Figur ihr wichtig ist.
„Und wie schlank du bist – wir müssen uns mal zusammensetzen, wir haben uns eine Menge zu erzählen.“ Das betont Heike wie ein Versprechen, auf das sich Petra verlassen soll.
„Dazu werden wir noch viele Gelegenheiten haben. Jetzt lebe ich ja wieder hier.“ Petra bemerkt durchaus das Floskelhafte in ihrer Feststellung, denn an die Gelegenheiten glaubt sie im Grunde nicht. Wie oft hatte die Unverbindlichkeit ihre Verabredungen nicht zustande kommen lassen.
Heike hat sich eingehakt, führt Petra über den kurz geschorenen Rasen. Ihre Freunde und Bekannten: Vornehmlich Juristen und Mediziner, sicher versteht sie das –, wie das eben so ist, ihr Kreis, – aber nicht alle. Sie muss sie unbedingt kennen lernen. Hier – Michael, managt eine Versicherung und spielt ausgezeichnet Golf. Und dieser sympathische Mann will Petra gleich in ein Gespräch ziehen. Doch Heike lenkt sie weiter. Das ist Frank, Journalist. Vor dem müsse sie sich in Acht nehmen. Der mache aus allem eine Story mit fließenden Übergängen von Dichtung und Wahrheit. Und Heike lacht, umarmt Frank flüchtig. „Unseren Professor müsstest du kennen. Er leitet das Rechtsmedizinische Institut.“
Petra hat von ihm gehört, ihn aber noch nicht persönlich kennen gelernt.
Ein rundes, rot verbranntes Gesicht mit vollen Tränensäcken und hängenden Wangen. Sie reicht dem weißhaarigen Mann die Hand. Der verbeugt sich tief und deutet einen Handkuss an. Die ältere Generation – .
„Ja, galant ist er“, flüstert Heike, während sie Petra weiter dirigiert, um sie mit einigen anderen Gästen bekannt zu machen. Nicht mit allen, fällt Petra auf, als sie flüchtig einen hoch gewachsenen Mann mit vollem Bart erblickt, der abseits steht und an seinem Glas nippt. Es ist ihr ganz recht, denn die vielen Namen kann sie sich sowieso nicht merken.
Sabine unterrichtet Mathematik, und diesen Hinweis unterlegt Heike mit zweideutig übertriebenem Respekt, als wäre mathematisches Talent eine Eigenschaft, auf die man wie auf einen Hautausschlag gut und gern verzichten könne. Die vollschlanke kleine Frau reicht Petra eine weiche Hand. Dirk, der knochige Typ an ihrem Arm, sagt Hallo! Und dann drängt Heike sie zur nächsten Gruppe. Aha! Soso! Interessant! – nichts sagendes Kopfnicken und aufgerissene Augen auf Heikes wiederholte Erklärung: „Meine beste Freundin – wir kennen uns seit der Schulzeit. Staatsanwältin ist sie geworden.“ Und das bringt sie vor, als wäre es ihr Verdienst, und darin schwingt ein Ton, als sollte ein schlechtes Gewissen eingeschüchtert oder gar entlarvt werden. Petra lächelt verlegen. Heike hat sich wieder ihrer bemächtigt, stellt sie diesmal zur Schau. Es ist ihr egal. Für diesen Moment, für die nächsten Stunden, sie wird es mit sich geschehen lassen.
„Und das ist Stefan, mein Mann. Ihr kennt euch ja.“ Das sagt Heike so beiläufig dahin und weiß genau: Von Kennen kann keine Rede sein, die paar Mal, die sich die beiden gesehen haben! Muss ja auch nicht sein. Ihr liegt nicht daran, Petra zu animieren, sich näher mit Stefan zu unterhalten. Sie wollte ihn ihr nur zeigen und am liebsten hätte sie gesagt: Na, Petra, ist das nicht ein Mann!? Aber das unterdrückt sie, muss es nicht besonders betonen. Petra wird das sofort erkennen. Ein gut aussehender Mann Anfang Fünfzig.
Petra hält Stefan die Hand hin, ihre schmale, vom Handgelenk fallende, ergeben kraftlose Hand, und schaut in braune überraschte Augen, in ein markantes Gesicht von leichtem Erstaunen. Schwarzes Haar, vereinzelt graue dazwischen. Brusthaare im offenen Hemdausschnitt. Muskulöse Unterarme. Lange blasse Finger. Und ein weicher Mund. Mit einem einzigen überwerfenden Blick hat sie ihn in sich aufgenommen. „Ich hätte dich nicht wiedererkannt!“ Und ein Gedanke durchfährt sie: Ein Plädoyer von ihm zu hören, von ihm als Verteidiger, das könnte sie milde stimmen – sie die Staatsanwältin.
Heike habe viel von ihr erzählt. Es freue ihn, dass sie gekommen ist. „Wir haben dich lange nicht gesehen. Zufällig hörte ich von einer Staatsanwältin Neubert und fragte Heike, ob das ihre Freundin sei. Und Heike hat sich dann ans Telefon gehängt.“ Und dass er sie auf der Terrasse schon erblickt hat, ihre in sich ruhende, geradezu vornehme Eleganz ihn für Sekunden fesselte, sagt er nicht.
Die Firma habe bestimmt, wo sie wohnten. Eine Zeitlang in München, ein paar Jahre in Boston und London. Dann wieder München. Da vergehe die Zeit wie im Fluge.
„Du rauchst schon wieder!“ Mit eckiger Bewegung nimmt Heike Stefan das Bier aus der Hand, tritt mit drei Schritten ans Büffet, greift mit einer Hand drei Gläser, mit der anderen den Champagner. Wortlos drückt sie ihm die Flasche in die Hand. Ohne ihn anzusehen. Das entgeht Petra nicht. Stefan scheint sich in seine Rolle als Gastgeber wohl noch nicht gefunden zu haben. Er lächelt verlegen, steht für einen Moment verloren da, als wüsste er nicht, was er mit der Flasche zu tun habe, schenkt dann etwas ungelenk ein. „Auf dich! Dass du wieder da bist!“ Anderes fällt ihm gerade nicht ein. Und während sie sich zuprosten, fühlt sich Heike einen winzigen Augenblick lang unbemerkt, bevor sie ihr Glas an Petras anstößt. Danach fasst sie sie am Arm, zieht sie von Stefan weg auf eine Bank. „Weißt du noch?“
Petra schaut in ein Gesicht, das voller geworden ist, in dem sich ein zweites Kinn ankündigt und in dem die Mundwinkel die Falten von den Nasenflügeln andeutungsweise fortsetzen. Zwei senkrechte Striche zwischen den Augenbrauen. Durch das Make-up wirkt es maskenhaft. Und sie entdeckt: Heikes lachende Augen – wie eingefroren. Und sie senkt ihre Lider ein wenig, weil sie bemerkt, wie Heike sie erforscht.
„Ach, waren das Zeiten!“ Daran meint Heike anknüpfen zu müssen und kommt sich dabei so entsetzlich ungeschickt vor, obschon sie gesellschaftliche Konversation beherrscht, in allen Lebenslagen. Petra ist anders. Sie hätte sich auf Petra vorbereiten sollen! Sie hätte es wissen müssen! Längst vergessen, aber da ist sie wieder, wie früher, in bestimmten Situationen: die unsichtbare Wand zwischen ihnen. Petras sparsame Bewegungen, ihr kühles Äußere irritieren sie, – wirken auf sie befremdlich, und sie darf es sich nicht anmerken lassen, muss darüber hinweggehen.
Und als packte sie mutig zu, sagt Heike: „Weißt du noch, Päät, wie wir uns mit der Nagelfeile Löcher in die Jeans gemacht haben? Die teuren Wrangler-Jeans! Und Flicken haben wir darunter genäht und trugen sie, bis sie auseinander fielen. Und dazu ein langes unförmiges Sweatshirt. Nichts von Figur! Kann man sich gar nicht mehr vorstellen heute!“ Und mit beiden Händen streicht sie ihr seidiges Kleid glatt, von Gucci – ob Petra das bemerkt? Vermutlich ist der gleichgültig, was sie hier redet. Einstimmen muss sie sich auf diese Petra, muss herausfinden, ob sie noch die treue, anhängliche Petra ist – auch schon Krähenfüße – jedenfalls originell ist ihr Ohrschmuck. Und sie kann es sich nicht versagen, die zwei silbernen Fäden, die von Petras Ohrläppchen fast bis zur Schulter reichen und zwischen dem braunen Haar mit dem rötlichen Schimmer aufblitzen, über ihre Handfläche gleiten zu lassen. Raffiniert! Ihr fällt kein anderes Wort dazu ein, und so sagt sie lieber nichts.
Die Berührung ihres Haares empfindet Petra als vertraute Geste. Aber sie weiß, dass ihr Schmuck nicht Heikes Geschmack entspricht. „Ja, und bald darauf die Leggins, und die Pullis konnten nicht eng genug anliegen“, sagt sie und ist sich sicher, dass Heikes größerer Busen inzwischen mehr Stütze bedarf als damals.
Ihre selbst gemachten Batik-Tücher, Kartoffeldruck – entsetzlich, wenn sie daran zurückdenkt! Heike glaubt sich jetzt in der richtigen Spur, reißt alle Schubladen auf, wirft um sich: Die Hitparade, abends im Radio, und wie sie beide das unbedingt auf Kassette hatten aufnehmen und sich immer wieder anhören müssen, Abbas Super Trouper und Dschingis Khan. Das hat sie noch heute im Ohr. Also mit Tecno kann sie gar nichts anfangen. So ein bisschen romantisch ist schon schön, so wie Stevie Wonder I just called to say I love you.
Oder Billy Ocean mit Caribbean Queen und Phil Collins‘ Against All Odds oder Pink Floyds Another Brick in the Wall, das fand sie gut, schließt sich Petra ihr an, nicht so etwas wie Santa Maria oder was Falco und Nicole brachten, das meiste ziemlich kitschig.
„Völlig losgelöst –“, stimmt Heike an, streckt dabei beide Arme in die Luft und wackelt auf ihrem Stuhl hin und her. „Weißt du noch?“ Sie ist erleichtert, dass Petra auf diese sentimentale Rückschau eingeht. „Die Neue Deutsche Welle hatte was.“
Hört sie auch heute noch gern. Petra muss lachen, weil ihr einfällt: Die Haare toupiert und weiße Stiefel zur pinkfarbenen Hose, und wie sie so gerne auch gestreifte Hosen gehabt hätten, wie Nena sie trug.
„Das Poppige war doch lustig“, sagt Heike, „jedenfalls nicht so triste wie die Independents mit ihren schwarzen spitzen Schuhen, ihren schwarz gefärbten Haaren. Die schminkten sich sogar schwarz. Unmöglich!“
„Aber die Black Music war auch nicht schlecht. The hanging Garden oder Lovecats.“
„Hat manchmal ganz der Laune entsprochen“, und dabei fährt sich Heike mit gespreizten Fingern durchs Haar. Sie hat den Eindruck, sie seien sich schon wieder nahe. Und ganz toll war das Madonna-Konzert in Frankfurt, im Waldstadion. Die vielen Teenies. Sie sind sich damals ziemlich erwachsen vorgekommen. Und dann nennt sie Ballerinas und Glitzer-Tops, und den ganzen Kitsch in grellen Farben, und wie oft sie ihre Kleider tauschten.
Und mit einem Mal schießt Petra durch den Kopf: Ich hätte nicht hierher kommen sollen! Sie braucht nicht diesen Blick in ihre Teenager-Vergangenheit. Dass Heike das nicht peinlich ist! Sie wendet sich nach den Gästen um. Aber Heikes Hand auf ihrem Arm hält sie fest. „Weißt du noch – unsere Parties, – cool.“ Die Jungs in ihren Parkern, und Adidas-Schuhe mussten es sein, die mit den drei Streifen – und nachmittags im Freibad –. Und wie sie geheult haben, als der Verrückte John Lennon erschoss. „Tod mit Vierzig – schon. In unserem Alter! Das muss man sich mal vorstellen! – Was gibt es Stefan?“
„Du solltest Kerstin und Markus begrüßen.“
