Hinter dem Horizont - Ulrich Kunath - E-Book

Hinter dem Horizont E-Book

Ulrich Kunath

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Beschreibung

Julia Jensen hat aufgegeben. Sie hatte als eine Art Quotenfrau an der Uniklinik eine Assistentenstelle erhalten und war damit in das weitgehend von Männern beherrschte Gebiet der Chirurgie eingedrungen. Gegen alle abschreckenden Prophezeiungen und Widerstände durchlief sie hier eine Karriere und erlangte die leitende Position in einem Krankenhaus. Schon an der Uniklinik erkannte sie nach und nach, wie wenig Menschlichkeit und ärztliches Ethos im Umgang mit Patienten gelten und wie sich hinter oberflächlicher Kollegialität Rücksichtslosigkeit und Verachtung verbergen. Getragen von dem festen Willen, einmal ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen zu können, sobald sie dazu in der Lage ist, hat sie lange ausgeharrt. Doch auch als sie glaubt, dies erreicht zu haben, muss sie erleben, wie einige männliche Kollegen sie unverhohlen von dieser Position zu 'mobben' versuchen. Ernüchtert sucht sie im Buschland Afrikas eine neue Aufgabe, in der sie, wie sie hofft, ärztliche Tätigkeit als Dienst am Kranken ausüben kann. Auf der Fahrt zu einer Missionsstation in der Steppe Tansanias, wo sie in ländlicher Gegend ein Krankenhaus einrichten und funktionstüchtig machen soll, und während ihrer dortigen Tätigkeit rekapituliert sie ihr bisheriges berufliches Leben.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ulrich W. Kunath

Hinter dem Horizont

Anspruch und Wirklichkeit

im Leben einer Ärztin

Roman

1

Hätte ich nicht hierher fahren sollen? schießt es ihr durch den Kopf. Mit einem Mal ist ihr jene Motorpanne gegenwärtig auf dem Weg zu ihrem allerersten Vorstellungsgespräch. Den Termin hatte sie in nahezu fieberhafter Ungeduld erwartet wie einen lang ersehnten Aufbruch: Endlich das Erlernte ausüben zu können, auf das sie jahrelang hingesteuert hatte! Was wäre anders verlaufen, was ihr erspart geblieben, wenn sie damals nicht um einen zweiten Termin gebeten, sondern den Zwischenfall als Warnung gewertet hätte, abergläubisch als versteckten Hinweis, dort nicht hinzugehen? Dass ihr damit Bedenkzeit eingeräumt wurde, sie sozusagen am Scheidewege stand und noch einmal die Wahl gehabt hätte, erkannte sie erst viel später, im Nachhinein. Und vermutlich wäre sie damals auch gar nicht auf den Gedanken gekommen abzuwägen und sich neu zu entscheiden, wie es auch jetzt kein Zurück gibt, selbst wenn sie inzwischen dazu neigt, in solchen trivialen Ereignissen Vorzeichen zu sehen. Sie gehört längst nicht mehr zu denen, die Hindernisse mit eiserner Entschlossenheit überwinden. Das Leben hat sie nach und nach gelehrt, nichts zu erzwingen und hinter Widerständen einen Sinn zu vermuten. Aber Orakel sprechen doppelsinnig, und das Deuteln sollte sie lassen, sagt sie sich. Vor ihr liegt die Aufgabe, die es zu bewältigen gilt: Ein Krankenhaus ist einzurichten, betriebsfähig zu machen, mitten im afrikanischen Buschland, für eine Bevölkerung, von der sie sich, aus dem, was ihr berichtet wurde, eine vage Vorstellung macht. Sie hat entschieden, sich dieser Anforderung zu stellen, auf primitive Verhältnisse gefasst zu sein, anzupacken und standzuhalten.

Dabei war diese Panne vorauszusehen: Wenige Meter nach dem Abzweig zum Phosphat–Werk bricht die Asphaltdecke der Straße ab. Über die Schotterpiste rast der Off-Roader mit 80 Stundenkilometer, als könnte das Schlaglochgerüttel durch gegenläufige Vibrationen ausglichen werden. Doch immer wieder setzt es harte Stöße, dass alle Sorge der Unerfahrenen der Federung gilt. Die aber bricht nicht. Dafür schlingert das Fahrzeug unversehens. Der linke hintere Reifen ist platt. Und während er aus seiner Halterung unter dem Heck gelöst werden soll, bricht das Werkzeug. Zum Glück sind sie mit zwei Off-Roadern des gleichen Typs unterwegs. Also nehmen sie den Reifen des anderen. Nach einer halben Stunde geht es weiter. Noch zweihundertfünfzig Kilometer liegen vor ihr auf einer dieser nationalen–internationalen Straßen, die durch Tansania führen, westwärts nach Uganda oder südwärts nach Zambia, von denen nur sehr wenige Strecken asphaltiert sind, wie zwischen der verschmähten Hauptstadt Dodoma und der eigentlichen Metropole Dar–es–salaam. Aber dorthin wollen sie nicht.

Achtzehn Stunden ist Julia Jensen nun unterwegs. Seit sechsundzwanzig Stunden kaum geschlafen, denn im Flugzeug erlaubten die engen Sitzreihen nicht, sich ein bisschen zu strecken. Neben ihr zwei freie Plätze, und so konnte sie wenigstens in verschiedenen verrenkten Körperhaltungen immer mal wieder für wenige Minuten wegdösen. Die Maschine war zwar nicht voll besetzt, doch sich der Länge nach hinzustrecken auf eine der leeren Sitzreihen, zögerte sie, bis es andere taten.

Und falsch informiert war sie: Doch ein Visum als Touristin. Sie wurde von der Passkontrolle zurückgeschickt, musste sich einreihen vor einem Schalter, um es dort für ein paar Dollar zu erwerben. Die feucht–schwüle Wärme verklebte die Kleidung an ihrem von Müdigkeit überreizten Körper, und den zeitlupenartigen Bewegungen des Beamten hinter dem Schalter zusehen zu müssen, drohte zur Qual zu werden.

In der von Umbauten halb abgedunkelten Ankunftshalle erwarteten sie drei Ordensbrüder in brauner Kutte mit körpergroßem, aufgenähtem blauem Kreuz, einer von ihnen ein Pater. Tief wie aus Ehrfurcht verbeugten sie sich vor ihr, freundlich lächelnd, zurückhaltend, als machte es sie verlegen, dieser Frau gegenüber zu treten. Julia spürte sofort, dass sie nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Vielleicht lag es daran, dass sie trotz ihrer Abgeschlagenheit flotten Schrittes auf sie zugegangen war, vielleicht, weil sie einen hellen Hosenanzug trägt, oder vielleicht, weil sie, sechzig Jahre und von kleiner, schlanker Gestalt, selbstsicher wirkt. Sie nahmen ihr das Gepäck ab und führten sie hinaus, wo zwei Geländewagen parkten, weitere zwei Brüder und ein Fahrer standen. Sechs Uhr, und der Morgen begann zu dämmern, und Leute waren schon zu Fuß unterwegs zwischen den kleinen Ortschaften auf dem Weg nach Arusha.

In der Stadt seien noch einige Dinge zu besorgen, hat Pater Antonius erklärt und sie aufgefordert, mit ihm in einer Hotellobby einen Kaffee zu trinken. Der Pater macht auf Julia einen gelassenen Eindruck, spricht gut Englisch und, wie sie erfährt, auch Portugiesisch, weil er sich lange Zeit in einer Zweigniederlassung des Ordens in Brasilien aufgehalten hat. Im Gegensatz zu seinen etwas schüchternen Brüdern erweist er sich als umgänglich und unterhaltsam, etwas bedächtig und gesetzt, nicht so recht passend zum geschätzten Alter von Mitte Dreißig. Als Julia ihr Handy einschaltete, kam keine Verbindung nach Hause zustande, und augenblicklich fühlte sie sich verloren, und wieder der aufblitzende Gedanke: Ich hätte doch nicht hierher kommen sollen! Aus der angekündigten halben wurden eineinhalb Stunden, bis es weiterging, durch eine Landschaft, die zu der Zeit noch im Grün steht, in der Bäume und Sträucher blühen und angenehm warmer Fahrtwind die Schwüle verdrängt.

Sie könne beim Fahren schlafen, dachte sie, wollte sie. Doch der Land Rover rollt nicht, er springt, schwingt, schüttelt, stundenlang. Streckenweise auf der rechten Straßenseite, trotz Linksverkehr. Geschickt versucht der Fahrer extreme Vertiefungen zu vermeiden, bremst jäh ab, gibt Gas. Dann wieder neigt sich die Fahrbahn nach beiden Seiten, bringt den Wagen in bedenkliche Schräglage. Hinter dem Fahrzeug eine Staubwolke, hinter jedem Fahrzeug – sie ist auf gerader Strecke von weitem sichtbar, früher als der Gegenverkehr, dem erst in letzter Minute ausgewichen wird, meist Lastwagen, die sich schwerfällig um die ausgewaschenen Rinnen und Senken winden. Nein, eine Straße ist es nicht, ausgeschliffene Fahrrinnen, in denen sich Geländewagen und Busse wie Schiffe in aufgewühlter See bewegen.Barabara mbaya sana(sehr schlechte Straße),lacht der Fahrer sie an und entschuldigt sich mit einemPole, wenn einer dieser Straßenkrater sie schlagartig zusammenstaucht. Pater Antonius sitzt hinter ihr, gibt auf Englisch Hinweise zur Gegend, zeigt auf den Manyara–See zur Rechten, auf den Burungi–See zur Linken, der erst vor wenigen Jahren entstanden ist, vermutlich aus dem größeren Manyara–See über unterirdische Erdspalten. Es geht vorbei am Tarangire–Nationalpark, in den zur Trockenzeit die Tiere aus dem Manyara–Park einwandern, durch den See, der dann stellenweise flach und ausgetrocknet ist. In der Ferne zieht sich als blaue Wand die westliche Kante des ostafrikanischen Grabenbruchs hin. Sie unterhalten sich, schweigen, erzählen, schweigen, und Julia würde am liebsten schlafen.

Und dann die zweite Panne. Die Sonne fast senkrecht über ihnen, brennt in der Windstille. Jedes vorbeirüttelnde Fahrzeug hüllt sie alle in eine feine gelbe Staubwolke. Auf den Gesichtern der afrikanischen Brüder ein verlegenes Lächeln. Kein Grund sich zu ärgern oder gar wütend zu werden. Einer von ihnen kriecht nun doch unter den Wagen und löst, Schweiß auf der Stirn, die Halterung des Reserverads von Hand. Dann klopft er sich den Staub von der Kutte. Um sich die Beine zu vertreten, bewegt sich Julia ein paar Schritte abseits von der Straße.

2

Damals, als sie auf den Abschleppwagen wartete, fröstelnd im Regen, war sie wütend, fast verzweifelt, fürchtete, eine einmalige Chance verpasst zu haben. Von der nächsten Telefonzelle rief sie an, bekam, zum Glück, einen zweiten Termin und fuhr diesmal mit dem Zug. Sie traf rechtzeitig ein und war dennoch ein wenig aufgeregt und angespannt.

Die Sekretärin des Klinikleiters ließ sie in einer Nische des Flurs neben vier anderen männlichen Bewerbern Platz nehmen. Sie grüßte die Herren kurz, die, Beine von sich gestreckt, Blicke tauschten. Noch bevor sie sich darüber klar werden konnte, ob diese Männer höflichfreundlich lächelten oder anzüglichspöttisch grinsten und ihr braunes Kostüm mit rosafarbener Bluse für overdressed hielten, wurde sie mit einem 'Ladiesfirst' in den Konferenzsaal gebeten. Hinter hufeisenförmig gestellten Tischen saßen die Ärzte der Klinik. Der Chefarzt, Professor Winther in der Mitte, deutete, wo sie Platz nehmen sollte. Als Tribunal empfand sie die Szene und wusste sogleich: Hinterher würde die Entscheidung durch Abstimmung fallen. Jüngere und ältere Männer in weißen Kitteln musterten sie, die Arme verschränkt und zurückgelehnt. In ihren Mienen teils lustvolle Verachtung, teils schläfrige Langeweile. Am äußeren rechten Ende drei Personen in ziviler Kleidung, die sie wie eine Überraschung musterten.

Sie solle sich vorstellen, ihren bisherigen Werdegang erzählen und warum sie gerade in die Chirurgie wolle, forderte Winther sie auf. Ihr Werdegang war kurz und außer ihrer Begeisterung für dieses Fachgebiet konnte sie nichts vorbringen, was das Urteil zu ihren Gunsten hätte ausfallen lassen können. Der Chef fragte nach ihren wissenschaftlichen Interessen, ob sie schon mal etwas publiziert habe und mit welchen Fragestellungen sie sich an dieser Klinik beschäftigen wolle. Sie wissen doch wohl, dass Bereitschaft zu wissenschaftlicher Arbeit Voraussetzung für die Tätigkeit an einer Universitätsklinik ist, sagte er und sah sie dabei mit lauerndem Blick von unten an.

Was hätte sie antworten sollen? Sie hatte doch gerade ihr medizinisches Examen hinter sich und konnte noch gar nicht wissen, welche Trends es in der chirurgischen Forschung gab. Also sagte sie: Ich bin an allem sehr interessiert, aber noch völlig unerfahren. Winther presste daraufhin seine Lippen zu einem Spalt zusammen und schaukelte in seinem Sitz nach hinten, als wollte er allen sagen: Sehen Sie, da haben wir's!

Ein Arzt, der rechts vom Chef saß, vermutlich ein Oberarzt, meinte: Sie haben in Ihrem Lebenslauf gar nicht angegeben, ob Sie verheiratet sind. Vermutlich werden Sie über kurz oder lang Kinder haben wollen. Das ist ja wohl in der Chirurgie nicht so leicht.

Leicht schon, aber..., hörte sie seitlich eine gedämpfte Stimme und, sich umschauend, zwei zwinkernde, grinsende Gesichter. Das war ihr wunder Punkt: Soviel Sicherheit besaß sie mit fünfundzwanzig Jahren noch nicht und merkte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Mehrmals strich sie sich mit der Hand die blonde Locke aus der Stirn, eine sinnlose, zwanghafte Geste. Ja, sie hätte diese Frage gar nicht zu beantworten brauchen und sagte dennoch: Ehe und Familie – das ist für mich kein Thema, zumindest nicht für die Jahre der Weiterbildung zur Fachärztin.

Der Chefarzt wirkte mit einem Mal aufgekratzt, lachte öfter kurz, rutschte in seinem Stuhl hin und her, beugte sich weit nach vorn und vernahm ihre Antworten mit erwartungsvoll aufgerissenem Blick und Falten auf der Stirn. Für einen winzigen Augenblick schien ihr, er wolle mit ihr flirten. Doch schnell verstärkte sich in ihr das Gefühl, sie machten sich über sie lustig.

Einer fragte nach ihren Hobbies, ein anderer wollte wissen, wo sie im Praktischen Jahr die Chirurgie absolviert hatte, was ohnehin in der Bewerbung stand. Sie war sich noch vor Ende des Gesprächs sicher, dass sie diese Stelle nicht bekäme. Und intuitiv wollte sie sie in dem Moment auch gar nicht mehr. Ein Loslassen angesichts des verfehlten Ziels verspürte sie. Doch diese Empfindung verlor sich und gab keinen Anlass, darüber weiter nachzudenken, als sie nach einer Woche die Zusage erhielt. Ihr war schon bewusst, dass sie als Anfängerin zu den ‚Wasserträgern’ gehören würde. Wasserträger – das waren, wie sie es später vernahm, für Winther die Assistenten, von denen er nicht viel hielt und die wissenschaftlich nichts zustande brachten.

Von nun an erwachte Julia jeden Morgen lange bevor der Wecker klingelte. Es hielt sie nicht im Bett. Beschwingt und gutgelaunt fuhr sie in die Klinik, war vom ärztlichen Personal die erste auf Station, erkundigte sich, wie die Patienten die Nacht verbracht hatten, suchte dann den einen oder anderen auf, von dem sie annahm, dass ihm ein paar beruhigende Worte gut täten, und machte die erforderlichen Blutentnahmen. Dieser ungezügelte Tatendrang hat sich immer mal wieder ihrer bemächtigt, später, aber nie mehr derart erfrischend wie damals.

Die Aufgaben teilte sie sich mit einem etwas älteren Stationsarzt, der sich ihr als Sven vorstellte, ihr die formalen Abläufe erklärte und auch ihre Fragen beantwortete. Sven begegnete ihr sachlichsteif, vielleicht sogar etwas befangen und unsicher, war es nicht gewohnt, mit einer Kollegin zu arbeiten. Unverkennbar waren die unterdrückten Vorbehalte, nicht nur bei ihm, bei allen, besonders bei den Oberärzten, die schlicht über sie hinwegsahen. Aber Sven konnte ihr nicht ausweichen, musste sich bereit finden, mit ihr zu reden – auch wenn daraus kein Gespräch wurde –, damit die Versorgung der Kranken gewährleistet war.

Aber eines musste er ihr dann doch unter die Nase reiben, und zwar schon in der ersten Woche. Sie saßen an den Schreibtischen in ihrem Dienstzimmer, als er sie unvermittelt und, ohne sie anzusehen, fragte, ob sie denn mit ihrer Einstellung kein schlechtes Gewissen verbinde?

Julia blickte verdutzt von ihrer Arbeit auf. Wieso das denn?

Na, meinst du nicht, dass du einem männlichen Kollegen die Karriere verbaut hast?

Wieder die Röte im Gesicht und sprachlos sah Julia Sven an.

Klar doch! Was willst du schon in der Chirurgie? Das hältst du sowieso nicht durch. Und wenn du Kinder hast, ist das Ganze eine Fehlinvestition, einfach Zeitverschwendung. Du hättest Kinderärztin werden sollen.

Inzwischen hatte Julia sich wieder gefangen. Und warum bist du überhaupt hier? fragte sie.

Kann ich dir sagen, und dabei lehnte sich Sven mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zurück, ich habe schon immer viel gebastelt, schon als Kind. Und im operativen Fach lässt sich gut verdienen. So einfach ist das.

Du hättest Ingenieur werden sollen, sagte Julia.

Mit 1,0 im Abitur? Sven schien amüsiert. Da war ich doch geradezu gezwungen, Medizin zu studieren.

Aha! Ich dachte zum Arzt-Sein gehört mehr, als die Voraussetzungen des Numerus clausus zu erfüllen. Dann wandte sie sich zur Tür, um nach den Patienten zu sehen.

Ich kann dir sagen, warum du die Assistentenstelle gekriegt hast, hörte sie Sven hinter sich her rufen. Das war nur, weil der Personalrat darauf drang, dass in dieser Abteilung endlich auch mal eine Frau eingestellt wurde. Aber glaub’ doch nicht, dass du den Facharzt in vernünftiger Zeit schaffst – an der chirurgischen Uniklinik! Da gibt es viele Assistenten und damit für jeden weniger zu operieren.

Na und? war Julias Antwort.

Doch Sven setzte noch eins drauf: Kann aber auch sein, wenn du brav bist und ein freundliches Gesicht machst oder den Chef bezirzt, dass er dir dann die Facharztreife bescheinigt, ohne dass du eine Operation gemacht hast.

Es war das soziale Erbe, wie es auch in anderen Berufen, bei Schauspielern, Politikern oder Rechtsanwälten, zu finden ist, das sie geprägt hatte. Als Kind schon sonntags mit dem Vater in die Klinik zur Visite und später mit Sechzehn-Siebzehn während der Schulferien auf seiner Station den Krankenschwestern geholfen. In der Chirurgie geschah etwas, war viel zu tun. Sie durfte auch selbst einiges erledigen, unmittelbar am Patienten den Schwestern zur Hand gehen. Verbände wechseln, Blut abnehmen, das zeigten sie ihr. Nachher als Studentin hatte der Vater ihr auch erlaubt, bei Operationen dabei zu sein. Doch in der Operationswunde sah alles anders aus, nicht so aufgeräumt wie in den Lehrbüchern der Anatomie, nur ein Ausschnitt des Körpers, die Orientierung fiel ihr schwer. Ein bisschen Herzklopfen bekam sie, wenn sie dann gefragt wurde, was sie da vor sich sehe. Sie überlegte und bemühte sich richtig zu antworten. Ihre Kenntnisse waren noch lückenhaft. Wenn sie etwas Falsches sagte, konnte sie an den Augen erkennen, dass Vaters Assistenten hinter ihrem Mundschutz grinsten.

Aber an dem Tag, an dem sie vorbrachte, auch in die Chirurgie zu wollen, hatte ihr Vater ein ernstes Gesicht gemacht: Mein Kind, du hast ja keine Ahnung! Was stellst du dir da vor? Bis du selbständig operieren kannst, vergehen mindestens sieben Jahre. Dann die Nachtdienste und das stundenlange Stehen im Operationssaal! Da ist nichts mit rechtzeitig nach Hause gehen. Ein Chirurg ist nie entlassen, egal, ob du in der Klinik oder in der Praxis tätig bist! Ich dachte, du wolltest Familie und Kinder haben. Das ist mit der Chirurgie unvereinbar.

Und es blieb nicht bei der einen Aussprache. Er wiederholte sich, als könnte nur ein Dauerbeschuss sie von ihrem Vorhaben abbringen: Frauen seien für die Chirurgie nicht geeignet, vor allem seien sie für diese Tätigkeit nicht ausreichend belastbar. Chirurgie sei etwas für Männer, nicht für Mütter! Und wieder: Nachtdienste, kein pünktliches Nach-Hause-Kommen, die körperliche Anstrengung, alles das sei nichts für eine Frau.

Sätze wie auf einer Kundgebung, zwischen jedem einzelnen eine kurze Pause, um Luft zu holen, damit die Lautstärke gleich blieb. Chirurgie sollte für sie tabu sein. Keine Diskussion. Im Grunde hätte ihr Vater es nicht wissen müssen, jedenfalls vorerst einmal nicht, solange sie noch studierte. Sie hatte es impulsiv geäußert und dabei gehofft, dass er sich darüber freuen würde. Es hätte keine Auseinandersetzung gegeben, wenn sie ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hätte. Und beinahe hätte sie es sich auch ausreden lassen von ihm, dem bewunderten Vorbild, war geneigt, wie so oft, seinem Rat zu folgen, obwohl sich etwas in ihr gegen diese apodiktischen Ansichten sträubte.

Er war Autorität, die jeden Widerspruch erstickte. Seine Überzeugungen pflegte er in unmissverständlichen Worten zu äußern, was ihr immer das Gefühl vermittelte, kindisch und unsinnig daherzureden, wenn sie seiner Meinung auch nur einen anderen Gedanken entgegenhielt. Ihn interessierten Fakten, nicht ihre Phantasien, die er meist als unrealistisch abtat und denen er mit der stereotypen Einleitung begegnete: Er würde in diesem Fall –, und dann legte er weitschweifig dar, wie er es machen würde. Daraufhin schwieg sie, regelmäßig, hegte Träume im Stillen, sprach mit ihm über das, was wirklich und machbar war. Vertraulichkeit wurde auf diese Weise erschwert. Sie gewöhnte sich an, sich mit ihm in Fragen zu unterhalten, weil es erträglicher war, ein Ich-meine-dass zu hören, als wenn er ihr Unreife und Unüberlegtheit vorhielt und ihre Vorstellungen mit einer abfälligen Handbewegung verwarf.

Doch zutiefst verborgene Wünsche sind zählebig und lenken unmerklich. Und so keimte in Julia das Saatkorn, das Chirurgie hieß, Vaters Tabu nicht achtend, bis dieser, altersschwach resignierend, nichts mehr einwenden konnte. Denn die Faszination der Chirurgie vermochten weder Worte der Vernunft noch der Nützlichkeit zu ersticken.

Jetzt war sie in diese Männerwelt eingedrungen und hatte all die Aussprüche im Kopf, die ihr Vater oder andere früher geäußert hatten: Mit Familie nicht vereinbar. An einer Chirurgin sei doch nur die äußere Hülle weiblich, sie büßten den Charme ein. Sie empfand sich als weibliche Frau, und dass sie gut aussah, hatten ihr Verehrer gesagt, und sie pflegte sich. Dennoch konnte sie sich nicht der Befürchtung entziehen, sie werde womöglich durch den Beruf selbst verändert. Denn ihr Vater hatte behauptet, der Beruf präge, – womit er Recht hatte – und daher ihr Zweifel, ob sie sich auf die Dauer treu bleiben könne. Man übernehme Verhaltensweisen und passe sich der Umgebung an. Die hemdsärmelige Raubeinigkeit der Chirurgen bei einer Frau wirke abstoßend. Das alles klang ihr im Ohr. Und trotzdem hatte sie sich immer gewünscht, in diesem Fach tätig zu sein.

Nie zuvor hatte sie sich so verloren gefühlt wie in den ersten Wochen ihrer klinischen Arbeit. Für die meisten Ärzte war sie so augenfällig wie Luft, andere gafften sie an oder musterten sie von oben bis unten. Wurde etwas auf dem Flur besprochen, stellten sich alle so, dass der Kreis sie nicht mit einschloss. Ein Fremdkörper war sie, und zweifellos waren alle überzeugt, sie hätte ihnen etwas weggenommen, die begehrte Stelle – Solidarität mit einem Namenlosen. Es kam vor, dass die Gespräche verstummten, wenn sie ins Dienstzimmer trat, und erst wieder aufgenommen wurden, wenn sie den Raum verließ. So blieb sie auch meist am Ende der Visitenprozession und bekämpfte das Gefühl von Isolation und den mahnenden Gedanken, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben und hier fehl am Platz zu sein. Es kostete sie einige Mühe, sich immer wieder einzuschärfen: Wart’s ab! Es kann nur besser werden.

Die Patienten sahen ihr an, dass sie jung, nicht aber dass sie unerfahren war. Einmal ergriff eine alte Frau ihre Hand: Frau Doktor, ich habe Angst vor der Operation. Julia setzte sich neben sie ans Bett, hielt ihre trockene leichte Greisenhand fest, versuchte, ihr in einfachen Worten begreiflich zu machen, warum die Operation notwendig und dass Operieren heute nicht mehr so gefährlich sei, wie es früher einmal war, auch nicht für alte Leute. In dem Moment hatte sie nicht bedacht, wie fragwürdig ihre Behauptung war und jeder Kenntnis entbehrte. Die Frau beruhigte sich und dankte ihr mit feuchten Augen. Solche und ähnliche Situationen wiederholten sich, und es machte sie froh, wenn Patienten ihr Vertrauen entgegenbrachten. Doch oft zweifelte sie an sich, litt unter ihrer Unfertigkeit und meinte, selbst auf Zuspruch und Kraft angewiesen zu sein und ihre manuelle Geschicklichkeit immer wieder verbessern zu müssen. Erst mit den Jahren erlangte sie die Gewissheit, Zuversicht vermitteln zu können, und mit wachsender Erfahrung wusste sie sich in diesem Beruf am rechten Platz. Es waren dann nur noch die Umstände, unter denen sie ihn ausübte, die sie belasteten.

3

Der Reifen ist gewechselt. Sie winken ihr, und sie erhebt sich von dem Felsbrocken, von dem aus sie den letzten Handgriffen nachdenklich zusah. Wir überfahren gleich eine unsichtbare Grenze, sagt Pater Antonius, wir verlassen das Gebiet der tansanischen Massai. Vereinzelt sieht Julia die schlanken, hoch gewachsenen Gestalten wie Statuen auf kleinen Hügeln. In rotem, besticktem Umhang stützen sie sich auf einen langen Stab, bewachen ein paar träge magere Rinder, kleine Ziegen und Schafe, die das dürre Gras abweiden, oder wandern mit ihnen, die Arme über den Stock gehängt, der quer über ihrem Rücken liegt. In der Ferne ihre Siedlungen aus einem Dutzend Rundhütten, umstellt von einem Zaun aus grauen, sonnengebleichten Baumstämmen, abseits der Verkehrsstrecke und ohne Verbindung zu Strom, Wasser, Kanalisation.

Beidseits der Piste mehren sich rechteckige Hütten aus Lehm, tembe, niedrig und windschief gebaut und mit Stroh, manchmal mit Wellblech gedeckt und schließen sich zu verstreuten Siedlungen zusammen. Der aufgewirbelte Staub scheint die Menschen nicht zu stören, die am Straßenrand entlang wandern, zum Teil barfuß, Frauen in grell–bunten Gewändern, in einem Tuch auf dem Rücken ein Baby, als Last auf dem Kopf ein Sack Mehl, ein Eimer Wasser oder ein Bündel Brennholz. Gleichmütig würdevoll ziehen sie dahin, viele Kilometer zu Fuß, selten ein Fahrrad, auf ihm sitzt ein Mann. Nur die Kinder johlen und winken den Vorbeirasenden zu. Dann wieder eine Ansammlung flacher Häuschen, baufällig oder verwahrlost oder von Anbeginn Stückwerk. Körbe mit Bananen, Maniok, Mais, Süßkartoffeln und Stapel von Zuckerrohr, Säcke mit Holzkohle, und die Verkäufer dieser Waren hocken auf der Erde, warten auf Kundschaft. In der nächsten Ortschaft das gleiche Bild.

Sie müssten die Fahrt nochmals unterbrechen, sagt der Pater. An dieser Strecke befinde sich eine weitere der drei Niederlassungen des Ordens. Irgendetwas müssen sie für die Oberin hier abholen. Aber, und der Pater macht ein wichtiges Gesicht, sie könne dort in der Zwischenzeit, den Neubau einer Krankenstation besichtigen.

Julia wird durch die Anlage geführt. Fast ausschließlich handwerkliche Arbeit, größere Maschinen sieht sie nicht. Einer zimmert eine Tür, schlägt Holzdübel in die von Hand gebohrten Löcher. Pater Antonius stellt sie dem Architekten vor. Er habe auch das neue Krankenhaus gebaut, zu dem sie unterwegs ist. Er ist ein fülliger Mann mit breitem Lachen und kräftigem, schmerzendem Händedruck.

Hinter einem verwunden schiefen Holztor leben Ordensschwestern, wenige Schritte davor ein kastenförmig gemauertes Gästehaus, in das sie eintreten: niedrige Decke, kühl–feuchte Luft, grau–schummriges Licht, schmucklos. Sie sitzen auf hart geflochtenen Stühlen. Wie ein Schatten serviert ihnen eine Schwester ein kleines Mal, Weißbrot und riesige, butterweiche Avocados, wie sie Julia noch nie gesehen hat. Später zeigt man ihr die Bäume, von denen sie geerntet werden. Julias Müdigkeit erreicht einen fiebrigen Zustand. Aber noch sind sie nicht am Ziel, müssen noch einmal anhalten. Briefe sollen nur abgeholt werden in dieser dritten Niederlassung. Der Pater erspart ihr den Rundgang. Sie begrüßt die Ordensbrüder, die hier leben, kurz, darf sich wieder in den Wagen setzen, hört das Lachen und Reden der Brüder und wünscht, sich endlich ausruhen zu können. Nach fast einer Stunde geht es weiter.

Weiße Haufenwolken, die Luft klar und trocken. Gegen diese Piste ist ein Feldweg daheim eine glatte Straße. Über die Waschbrettoberfläche rast der Fahrer mit hundert Stundenkilometer hinweg, bremst scharf ab vor all zu tiefen Rissen. Das geht nur mit Geländewagen. Jeder normale PKW wäre schon zusammengebrochen. Fast unmerklich schlängelt sich diese afrikanische Autobahn die Hochebene hinauf, teilt sich später in Singida, führt in Richtung Westen, und sie folgen ihr nach Süden. Mit einer für die Straßenverhältnisse angemessenen Geschwindigkeit von dreißig Stundenkilometern würden sie nicht mehr bei Tageslicht ankommen und erst recht nicht, wenn Regen die Strecke zu einer Schlammbahn aufgeweicht hätte. Immerhin erreicht der Fahrer einen Schnitt von etwa Fünfzig. Zu beiden Seiten erstreckt sich scheinbar undurchdringliches grau–grünes Gebüsch, zieht sich über flache Kuppen in einschläfernder Endlosigkeit, und Julia fällt ein, dass sie nun schon vierunddreißig Stunden ohne Schlaf ist.

4

Nur wenige Stunden zu schlafen hatte ihr in jungen Jahren nichts ausgemacht. Das brachte der Bereitschaftsdienst in der Klinik so mit sich. Wenn sie abends ihren Dienst antrat, hatte sie ein paar Stunden geruht, aber, morgens wieder zu Hause, gelang es ihr nicht sich schlafen zu legen, der Rhythmus war unterbrochen – erträglich und zweifellos weniger anstrengend, als es früher einmal gewesen sein muss, als die Ärzte nach regulärem Dienst noch das ganze Wochenende in der Klinik verbringen mussten und erst am Montagabend nach Hause kamen, wie sie es von ihrem Vater gehört hatte. Die nächtlichen Dienste empfand sie nicht als lästig. Sie gehörten zum ärztlichen Selbstverständnis, das sie sich zu Eigen gemacht hatte: Jederzeit bereit zu sein, wenn man gebraucht werden würde. Dabei kam es nicht selten vor, dass sie sich nächtens mit Bagatellen beschäftigen musste, mit geringfügigen Beschwerden, die die Patienten entweder am Tag zuvor oder am Tage darauf hätten ärztlich behandeln lassen können. Nein, sie mussten damit um zwei Uhr nachts in die Rettungsstelle kommen. Zu retten gab es zwar nichts, aber das nächtliche Dunkel allein hatte in ihnen die Angst verstärkt, das Harmlose könnte etwas Ernstes sein. Julia verstand das und beruhigte sie.

Manchmal konnte sie sich zwischen den Behandlungen kurz hinlegen, war aber sofort hellwach beim ersten Klingelton ihres mobilen Telefons. Daher wunderte sie sich, wie lange manche Kollegen – vor allem der eine oder andere Oberarzt, der in der Klinik Hintergrunddienst machte und für Problemfälle anzusprechen war – auf sich warten ließen, wenn sie sie anrief.

Was ist denn nun schon wieder? klang es aus dem Hörer.

Eine alte Frau mit Krämpfen im Bauch seit zwei Stunden, sagte Julia.

Wird ’ne Enteritis sein. Gib Buscopan!, meinte der Oberarzt schlaftrunken.

Glaube ich nicht, antwortete Julia. Sie hat eine absolute Arrhythmie. Ich denke an Mesenterialinfarkt.

Wie das denn? Willst du, dass wir den ganzen Apparat anschmeißen?

Sollen wir bis morgen warten? fragte Julia. Am anderen Ende der Leitung war einen Moment Stille. Dann hörte sie: Na, meinetwegen, ich komme. Ruf schon mal den Röntgenologen.

Auch ihm schien die Störung lästig zu sein. Aber nach gut einer Stunde war Julias Verdacht bestätigt und alles für die Notoperation gerichtet.

Bei der morgendlichen Besprechung berichtete der Oberarzt großspurig, dass er einen wahnsinnig langen Embolus aus der Mesenterialarterie gefischt habe. Der Darm sei mal wieder gerettet.

Nur nicht den Oberarzt wegen einer Lappalie rufen, sich nur nicht in der Beurteilung des Krankheitsbildes irren – darauf kam es ihr an, und nur das machte die Nachtdienste im Grunde anstrengend. Wenn er dann kam, und darin unterschieden sich die vier Oberärzte nicht voneinander, wandte er sich oft mit keinem Wort an den Patienten, ließ sich von Julia berichten, tastete den kranken Bauch ab, gab seine Anweisungen und verschwand wieder. Julia übernahm es, mit dem Patienten zu sprechen und ihm zu erklären, was zu tun sei.

Diese ersten Jahre mäßiger Kenntnis und begrenzter Selbständigkeit wurden für sie zur Hürde, die zu nehmen sie sich zwang – immer dann, wenn sie daran dachte aufzugeben. Viele Situationen ließen diesen Gedanken aufkommen.

Für die Krankenschwestern hieß sie Julia, während der Stationsarzt von ihnen mit Herr Doktor angeredet wurde. Dabei hatte sie gleich nach dem Staatsexamen promoviert. Überhaupt wurde sie von allen geduzt. Ist das mit Doktor Engler abgesprochen? wurde sie regelmäßig von der Stationsschwester gefragt, wenn sie eine Anordnung traf. Oder: Ich glaube, da wird sich der Oberarzt aber ganz schön wundern!

Bei den Stationsvisiten richteten die Patienten hinterher ihre Fragen an sie, nicht an Sven, an den Oberarzt schon gar nicht, und ließen sich von ihr unter vier Augen erklären, was mit ihnen geschehen würde. Sie machte es gern. Wir sind hier nicht auf der Psychiatrischen, sagte Sven, wenn sie deswegen nach der Visite noch einmal in das eine oder andere Krankenzimmer ging. Das beirrte sie nicht, so dass er sich schließlich nicht scheute, auf die Frage eines älteren Patienten grinsend zu sagen: Darum kümmert sich unsere Seelendokterin!

Wichtigen Informationen musste sie oft hinterherlaufen und bemerkte bald, wie sich Sven überhaupt gern vor unliebsamen Aufgaben drückte. Und je mehr Anerkennung ihr von den Patienten zuteil wurde, desto mehr wurde sie von ihm und den anderen Kollegen geschnitten. Da bemühte sich niemand, sie zu unterrichten. Man ließ sie machen, vor allem die Stationsarbeit, den ungeliebten Papierkram erledigen, Briefe schreiben und Krankheitsbilder kodieren. Aber kurzfristig mal einen Nachtdienst zu übernehmen, dafür war sie gut genug.

Wer hat dir diesen Blödsinn beigebracht!, ein Ausruf des Oberarztes Stetten, als er hörte, dass Julia für die Behandlung von eiternden Wunden Chloramin, eine antiseptische Lösung, in der Klinikapotheke hatte herstellen lassen. Sie war gehemmt zu antworten, sie habe es von ihrem Vater gelernt, sagte mit fester Stimme: Das ist einfach, billig und hochwirksam.

Quatsch! Lass das! Dafür gibt es Fertigprodukte. Wir rühren hier nichts mehr an wie in der Alchimistenküche. Dann lachte er und ließ sie stehen.

Sie wurde auf andere Stationen versetzt. Aber auch hier halste man ihr mit Vorliebe die schriftlichen Arbeiten, das endlose Dokumentieren auf, als wäre sie die Sekretärin der Station. In den Operationssaal nahm man sie nur mit, wenn im wahrsten Sinne des Wortes Not am Mann war.

Es kam vor, dass ihre Zielstrebigkeit ins Wanken geriet und sie sich fragte, ob es nicht für sie besser wäre, ihre Weiterbildung an einem kleinen Krankenhaus fortzusetzen. Aber die Krankheitsfälle, die sie an der Uniklinik zu sehen bekam, waren vielfältig und interessant. Deshalb wollte sie noch aushalten, nicht aufgeben, schon gar nicht weil die Kollegen sie ablehnten. Und dennoch fragte sie sich: Unter welchen Umständen kann oder darf ich diesen beruflichen Weg nicht mehr weitergehen? Eine rhetorische Frage – das erkannte sie bald, denn eine Antwort ergibt sich erst, wenn solche Umstände eingetreten sind. Bis dahin wird die hypothetische Vorstellung durch rationales Abwägen unterlaufen. Nur der inneren Stimme ist nichts entgegenzusetzen. Aber so klar war ihr das in jenen Tagen noch nicht.

Es gab ja zwischendurch ausreichend viele Gründe, die ihre eingewurzelte Begeisterung immer wieder anfachten und ihr gelegentliches Abwägen in Richtung Festhalten lenkten. Schlimmer noch: Sie wurde süchtig gemacht. Und sie kann sich noch gut erinnern, wann das begann.

Wochenlang war sie nicht als Assistenz im Operationssaal eingesetzt, obwohl sie darauf brannte und gleichwohl wusste, wie anstrengend das ist, stundenlang in unbequemer Stellung zu verharren. Darüber hinaus wäre sie im Operationsteam diejenige, die nichts tun dürfte außer still zu sein und die Haken in ihren Händen nicht zu bewegen.

Der Oberarzt ihrer Station war aus dem Urlaub zurück. Ärzte und Schwestern folgten ihm morgens zur Visite. Allen voran ging er wie immer raschen Schrittes von Zimmer zu Zimmer, begrüßte die Patienten mit falsch wirkender Freundlichkeit, wie Julia fand. Er ließ sich die Krankheitsbilder vorstellen, erkundigte sich, überprüfte, gab knappe Anweisungen, schien besser gelaunt als sonst und besprach einige Befunde. Dann, bevor Wittig am Ende der Visite die Station verließ, rief er Julia noch zu: Wir sehen uns gleich im OP! Das war so ungewöhnlich, dass sie fast ein wenig erschrak, als hätte sie etwas ausgefressen. Wittig hatte sie bis dahin noch kaum beachtet und wenn, dann über Dritte ihr irgendeine Anweisung erteilt. Der Urlaub musste ihn verzaubert haben! Sie sah fragend ihren Kollegen Thorsten an. Notfall, Riss in der Aorta, klärte der sie auf. Kannst ruhig gehen. Das dauert Stunden, kann ich dir sagen. Bin froh, dass er mich nicht will. Operiert sowieso am liebsten mit Freddy – ein Traumteam!

Sie zog die Schultern hoch. Na, dann bis demnächst. Freddy, der eigentlich Ferdinand Maier hieß, war ein älterer Assistent, die Ruhe in Person, von behäbiger Fülle und ohne jeden Ehrgeiz, der lieber assistierte, als selbst operierte, wobei er meistens so schwitzte, dass ihm eine Schwester alle paar Minuten den Schweiß von der Stirn und aus den Augen wischen musste. Er war hier schon Assistent, bevor Winther den Lehrstuhl übernahm, war an Wissenschaft nicht interessiert, auch nicht an allzu häufigen Nachtdiensten, aber unkündbar und, was Wittig offensichtlich gefiel, ein Assistent, der wusste, worauf es ankam. Er war der einzige in der Mannschaft, der über Julia nie eine verächtliche Bemerkung machte, sie vielmehr stets wohlwollend grüßte und mit ‚Sie’ ansprach.

Mit dem Fahrstuhl fuhr sie in die Etage des Operationstrakts, um sich dort umzukleiden. Das war es doch, was sie sich immer gewünscht hatte! Hier fühlte sie sich zu Hause, verspürte Herzklopfen, und dennoch war ihr seltsam behaglich zumute.

Sie beobachtete vom Waschraum aus, was im Operationssaal vor sich ging, bürstete dabei Hände und Arme bis zum Ellbogen. Wittig bereits in blauer Hose und kurzärmeligem Kasack, in der einen Hand eine langstielige Zange, in der anderen eine Schale, bereit, den entblößten Körper des schlafenden Patienten mit desinfizierender Flüssigkeit einzustreichen. Ihr waren schon am ersten Tag seine grüngrauen Augen aufgefallen, die ihm einen kritisch prüfenden Blick verliehen. Sportliche Figur, einen Kopf größer und gepflegt und oberhalb der Stirn seitlich das Haar gelichtet. Die Anästhesisten waren noch an Kopf und Armen des Patienten beschäftigt. Ein Pfleger legte einen breiten Riemen über dessen Oberschenkel, zog ihn um den Operationstisch und schloss ihn wie einen Gürtel.

Julia rieb Arme und Hände mit einer alkoholischen Lösung ein. Ein Wecker meldete ihr, dass das Mittel nun lange genug eingewirkt hatte. Wie Freddy Maier zuvor löste sie mit dem Fuß das Öffnen der Tür zum Operationssaal aus, stand da mit angewinkelten und angehobenen Armen.

Ein feierliches Gefühl, jedes Mal, wenn sie einen Operationssaal betrat. Dieser kühle, gekachelte Raum, voll gestellt mit Geräten, diese gelassene, nüchterne Geschäftigkeit – sie meinte, sich still, ja fast ehrfürchtig verhalten zu müssen.

Wissen Sie überhaupt, wie Sie sich zu waschen haben? Die typische Bemerkung einer Operationsschwester. Wenigstens brauchte sie nichts zu antworten, Freddy Maier neben ihr war schneller, sagte vernehmbar mit sonorer Stimme: Die kennt sich aus! Und trotzdem musste die Schwester noch nachhaken: Passen Sie auf, dass Sie nichts unsteril machen! Sie konnte ja keine Ahnung haben, dass Julia tatsächlich nicht zum ersten Mal bei einer Operation assistierte.

Inzwischen hatte Wittig den Bauch des Patienten vollständig mit dem braunen Desinfektionsmittel eingestrichen. Er zog sich ebenfalls einen Kittel an und deckte zusammen mit Freddy Maier große Tücher über den Patienten, bis nur noch das Operationsfeld frei lag. Sie schlüpften in die dünnen Handschuhe, die ihnen die Schwester hinhielt, ein bisschen zu groß für Julias Finger. Kabel und Schläuche wurden angereicht und an den Tüchern mit Klettverschlüssen befestigt. Julia musste sich neben Wittig stellen, zwängte sich in den Winkel zwischen dem rechten Arm des Patienten, der zur Seite ausgelegt war, und dessen Brustkorb.

Er hielt das Skalpell wie der Geiger den Bogen, ein riesiger Schnitt, von der unteren Brustbeinspitze um den Nabel bis zum Schambein. Wie mit verlängerten spitzen Fingernägeln setzte sie ihre Haken unter die Haut, zog sie mit der anhaftenden Fettschicht zur Seite. Dem Operateur folgen, damit er ständig Sicht auf die tiefer liegenden Schichten hat. Hellwach sein. Er operierte schnell, kein überflüssiger Handgriff, hatte mit wenigen Schnitten die Bauchhöhle geöffnet. Vater hätte seine Freude gehabt. Tücher um den Rand der Bauchwunde, jetzt der ovale Metallrahmen und die vier breiten Haken eingehängt. Was nun kam, hatte sie noch nie gesehen. Kleinere Eingriffe ja, meistens Leistenbrüche, die Entfernung der Gallenblase und ähnliches.

Ein Kribbeln in ihrer Magengegend, Achterbahn abwärts: Er schob die Darmschlingen unter einem großen feuchten Tuch in ihre Richtung, sie übernahm das Darmpaket mit einem breiten Metallhaken, hielt es so aus dem Operationsgebiet, und sagte sich: Nur sanft und nicht zu stark daran ziehen.

Dann sah sie die blaurot gefärbte, rundliche Masse, glatt, und darin pulsierte es. Noch einen Haken, der für sie oberhalb dieser Masse eingesetzt wurde und der die Pulsationen der Körperschlagader in ihre Hand übertrug. Wittigs Finger deutete auf das geplatzte Aneurysma, das Gewebe von Blut durchtränkt, hielt gerade noch eben dem Druck stand. Sie nickte stumm. Pinzette und Schere. Ähnlich muss es sein, wenn Archäologen Mosaike frei legen, dachte sie. Vorsichtig, um nichts zu zerstören. Sie zuckte zusammen. Ein Blutstrahl hatte sie an der Stirn getroffen. Kainsmal der Chirurgen, schoss ihr durch den Kopf. Aber Chirurgen morden nicht. Das Blut gehört zum Bild, das sich die Menschen vom Beruf des Chirurgen machen. Es ist nicht das Blut der Gewalt. Momentan war sie erschrocken. Wittig hatte schon seinen Finger auf dem Loch, drückte die Schlagader zu, setzte eine große gerade Klemme, direkt vor ihren Haken quer über die Aorta. Auch diese Klemme pulsierte, Metall auf Metall, wie ein leises Glöckchen. Von ihrer Stirn wischte jemand das Blut. Vermummte Gestalten. Ein paar Scherenschläge und da lagen die Beckengefäße frei, Gummizügel wurden in zweifacher Tour herumgelegt.

Nun konnte es kaum noch bluten. Wittig hatte sich aus seiner gebückten Haltung aufgerichtet, straffte den Rücken. Das hätte sie auch gern getan: Ihre verkrampften Muskeln in Arm und Schulter gedehnt, wagte es nicht. Lächelte Freddy Maier sie hinter seinem Mundschutz an? Sie war sich nicht sicher. Nur nicht nachlassen, sonst könnte die große Klemme vor ihrem Haken verrutschen. Dann wäre der Mann im Nu verblutet. Teil des Teams war sie, mitverantwortlich, dass dieser Eingriff glückte. Dem Operateur nützliche Hilfe wollte sie sein, zeigen, dass sie für diese Aufgabe nicht schwächer sei als ein Mann. Souverän hatte er die plötzliche Blutung beherrscht. Mehr als ein Drittel sterben im Notfall. Aufgeschnitten war diese Körperschlagader ein schlaffer ausgedünnter Sack. Geronnene Blutklumpen löffelte Wittig heraus, bis die Kalkplatten in der Gefäßwand zu sehen waren, wie in einem Steinbruch. Ob er dabei Angst hat, fragte sie sich. Später, als sie eigenständig operierte, erkannte sie, dass es keine Angst ist, eher eine Beinahe–Angst, eine Art höchster Wachsamkeit. Nichts durfte schief gehen.

Sie hat oft darüber nachgedacht, was sie an der Chirurgie faszinierte, außer dass sie seit früher Jugend geprägt war. Chirurgie, das ist Spannung, Aufregung, ähnlich einer Erregung, eine Art Erotik – eine Leidenschaft, konzentrierte Hingabe. Aber es bedeutet auch: Garant sein für die Hoffnung eines Menschen. Begeisterung – selbst für Nutzloses – kann eben keinem Menschen mit noch so klugen Argumenten ausgeredet werden.