Puerto de la Cruz - Ulrich Kunath - E-Book

Puerto de la Cruz E-Book

Ulrich Kunath

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Beschreibung

Ein Liebesroman besonderer Art. Im Rückblick wird die Geschichte von Evas Ausbruch aus ihrem tristen Ehealltag geschildert, als sie mit Freunden – ohne Mann und Kinder – nach Teneriffa fliegt und dort mit dem ebenfalls verheirateten, um viele Jahre älteren Jörg eine Romanze erlebt. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist sie von ihrem Mann Andreas getrennt und fährt wieder nach Puerto de la Cruz in der vagen Hoffnung, Jörg dort zufällig wieder zu treffen. Aus einem völlig anderen Motiv befindet sich auch Jörg auf dem Flug nach Teneriffa. Seine Frau Elke ist mittlerweile verstorben, und die Erinnerungen an sein Leben und die lange zurückliegende Affäre werden in ihm wieder lebendig. Während Eva und Jörg, beide von einander nicht wissend, die alten Stätten ihrer ersten Begegnung aufsuchen, ergehen sie sich im Stillen in Betrachtungen über ihr Liebes- und Eheleben und die damit einhergegangene emotionale Entfremdung zum Partner und zum Teil zu sich selbst. Parallel wird die Romanze jeweils aus Evas und aus Jörgs Perspektive beschrieben. Die Affäre endete nicht mit dem Urlaub -. Gleichlaufend zu den beiden Protagonisten, die sich gedanklich mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, werden zwei andere Personen geschildert: Elfriede und Konrad, die von einander unabhängig im selben Flugzeug nach Puerto de la Cruz geflogen sind. Beide sind sie alleinstehend und für eine neue Partnerschaft durchaus aufgeschlossen. Wider ihre Erwartung begegnet Eva dem attraktiven Konrad, der sich für sie schnell erwärmt, dem sie jedoch, in Gedanken an Jörg hängend, ausweicht. Daraufhin trifft Konrad Elfriede, die ihn fasziniert. Puerto de la Cruz – Hafen des Kreuzes, des Heils, der Hoffnung. Den Personen verleiht dieser Ort erst in der Rückschau eine Erkenntnis über ihr Leben. Der Ort hat sich verändert, nicht aber der Mensch. Nichts lässt sich wiederholen, Versäumtes nicht wieder gutmachen, der Zufall nicht steuern.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2014

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   Ulrich W. Kunath

Puerto de la Cruz

                                              Roman

                                             1

Na klar, kommt sie mit! Es war die Gelegenheit, sich der Last zu entziehen, herauszukommen aus dieser beklemmenden Langeweile, dieser unheilbaren Trübseligkeit. Eva zögerte keinen Augenblick, auf Erikas und Jürgens Vorschlag einzugehen. Sollte doch Andreas einmal sehen, wie er mit den Kindern zurecht kam. Zwei Wochen würde er wohl noch schaffen, für sie und sich allein zu sorgen! Sie war hungrig nach Sonne und Wärme. Zwei Wochen Teneriffa, das brauchte sie.

Damals war sie am Ende. Was hatte das Leben ihr noch zu bieten? Mitte Dreißig und Hausfrau mit drei Kindern und einem Mann, dessen wesenhaftes Bedürfnis war, Wurzeln zu schlagen, und der daher in irgendeinem Amt seine Zeit absaß, sich zu Hause vor dem Fernseher von ihr oder einem der Kinder bedienen ließ, obendrein nicht immer ganz stubenrein war, Kleidungsstücke auf den Boden fallen oder Essensreste, vorzugsweise Orangen– und Bananenschalen, auf Tischen und Schränken liegen ließ, wo er gerade saß oder stand und nie etwas aufhob, was sie wahnsinnig machte. Es kam nicht vor, dass er mal anpackte, wenn sie Kisten mit dem Bier, das er trank, und Einkaufstüten, deren Träger in die Handflächen schnitten, ins Haus schleppte. Handwerkliches, sah er ein, sei Männersache. Doch sie musste ihn zuvor darum bitten und meistens nochmals mahnen, bis er in Gang kam und dann umständlich und als stünde er vor schier unlösbaren Problemen zu Werke ging. Von allein oder aus dem Pflichtgefühl heraus, den gemeinsamen Alltag mittragen zu müssen, erledigte er nichts. Anfangs noch unbedarft hatte sie ihn stolz bewundert. Treu und zuverlässig sei er, vertraute sie auch denen an, die es nicht unbedingt hören wollten. Es drängte sie geradezu wiederholt zu betonen, sie habe den perfekten Ehemann. Da ahnte sie noch nicht, dass in der Vollkommenheit das Ende allen Werdens liegt. Nach und nach begann sie dies zu spüren und schließlich zu erkennen. Wie wenn Farben langsam ausbleichen oder aufziehender Nebel die Umrisse aufweicht, so farblos und kaum wahrnehmbar verstrichen die Tage. Hatte sie sich so Ehe und Familie vorgestellt? Die formelhaft eingespielte Alltäglichkeit, die mechanisierte Zärtlichkeit regten sie immer öfter auf. Sie unterhielten sich nicht, sondern informierten einander, und das meist unvollständig. Sprich mit mir! Warum sprichst du nicht mit mir? Und stets die schwammige Antwort: Was soll ich sagen? Was erwartest du schon wieder von mir? Setz mich nicht unter Druck! Sie schwieg resigniert, unterdrückte ihre aufkeimende Wut, die sie dann jedoch bei Nichtigkeiten jäh aufbrausen ließ, was seine gesättigte Ruhe aber nicht anfocht. Und trotzdem: Sisyphosgleich mühte sie sich unzählige Male, ihm darzulegen, wie abwechslungsreich Unterhaltungskunst sein kann, brachte Themen zur Sprache, wollte mit ihm zusammen in ihre phantasievollen Träumereien abtauchen und – ertappte sich bei Monologen. Sein ausdrucksloser Blick verriet ihr, dass keiner ihrer feinsinnigen Gedanken irgendwo in ihm hängen blieb und ihn bewegte. Und aussichtslos, dass er eigene Gedanken oder gar Gefühle, sofern er sie überhaupt hatte, mit Worten anschaulich machte oder womöglich eine verblüffende Idee äußerte.

In die zum Dauerzustand geratene Stimmung aus Unlust und um sich greifender Apathie schlichen sich Fluchtgedanken ein. Doch sie hätte nicht gewusst, wie sie es anstellen könnte, dieser Situation zu entfliehen. Es war ja auch ihr Zuhause. Da waren die Kinder, Freunde, Bekannte – sie alle boten Zerstreuung, ein Wetterleuchten, das sie aufmerken ließ, und machten die gleichförmige Monotonie mit Andreas so erträglich, wie Tabletten ihr über Schlaflosigkeit hinweghalfen. Trotzdem raffte sie sich bisweilen auf, dieses ununterscheidbare Dahinplätschern ihres Daseins für normal zu halten. Aus Gesprächen mit Freundinnen glaubte sie, ähnliche Zustände herauszuhören wie die, in denen sie lebte. Und dann gab sie sich selbst die Schuld an ihrem Unbehagen: Sie erwarte zu viel, im Grunde genommen sei er doch kein schlechter Mensch, immerhin trinke und spiele er nicht und sei auch nicht handgreiflich und sorge schließlich für die Familie, dass es ihnen an nichts fehle, da hätten es andere Frauen gewiss nicht so gut, und sie müsse sich damit abfinden, dass er sich nicht in derselben Weise mitzuteilen vermag wie sie.

Leicht fiel es ihr nicht, sich diese Haltung auf Dauer zu bewahren. Als ginge sie über dünnes Eis und bräche trotz aller Vorsicht immer wieder ein, war sie vor Entgleisungen nicht gefeit, verlor ihre Fassung, traktierte ihn mit zynischen Vorhaltungen über seinen Mangel an Einfällen und Tatkraft, von seiner fehlenden Bereitschaft zu einem echten, sinnvollen Gespräch ganz zu schweigen. Träge sei er, und was er überhaupt wolle, welches Ziel vor Augen. Da kam dann: Der Weg sei das Ziel. Und: Du bist anstrengend, Eva! Was willst denn du überhaupt? Wir haben doch eine Menge erreicht! Haus und Garten – nun gib endlich Ruhe!

Das hätte sie ja gerne getan, schaffte es nur nicht. Manchmal wähnte sie sich von krankhafter Getriebenheit erfasst oder fürchtete, den falschen Mann erwählt zu haben. Zeitweise flossen die Tage dahin in tröstlicher, anspruchsloser Routine, so dass sie nicht hätte sagen können, was sie wirklich an diesem Leben ändern wollte, und fühlte gleichwohl, es müsste anders verlaufen. Ob es dann besser wäre, hätte sie nicht mit Bestimmtheit sagen können, aber sie war überzeugt, dass eine Verbesserung nur durch Veränderung zu erreichen wäre. Da war die Aufforderung zu dieser Reise wie ein erster Schritt, ein kleiner Fluchtversuch, eine Möglichkeit, sich Klarheit zu verschaffen, innerlich Abstand zu gewinnen, auch wieder Kräfte zu sammeln oder eine Lösung zu finden, damit ihr Projekt Ehe nicht scheitere. Sie fühlte sich leer und spürte dennoch die leise Erwartung einer Erneuerung.

Viele Jahre sind seitdem vergangen – ein Vierteljahrhundert. Und diesmal wartet Eva allein auf den Aufruf zum Boarding der Maschine nach Teneriffa. Die Freunde – Erika gibt es nicht mehr, und von Jürgen weiß sie nur, dass er in einem Seniorenwohnheim untergekommen ist. Viel zu lange, meint sie, hat sie der Versuchung widerstanden, doch in den letzten Wintern ganz konkret mit dem Gedanken gespielt, noch einmal dorthin zurückzukehren, wo sie von Neuem zu leben begonnen hatte: nach Puerto de la Cruz. Dann hatte sie sich vorgenommen zu warten, bis sich jene Tage zum fünfundzwanzigsten Mal jährten. Sie weiß um ihr bisschen Aberglaube und kann sich dem fraglich verlockenden Spruch, man begegne sich immer zweimal im Leben, nicht entziehen. In ihrem Innersten beschwört sie die Wiederholung, wünscht, auf irgendeine Weise dasselbe noch einmal zu erleben. Die Umstände erzwingen es, glaubt sie: Dieselbe Jahreszeit, derselbe Ort, die Wiederkehr.

Sie hat sich verändert im Äußeren wie im Inneren, steht im sechzigsten Lebensjahr. Die Falten am Hals versucht sie zu glätten, indem sie das Kinn leicht anhebt, oder sie kaschiert sie mit einem Tuch oder einem Rollkragen. Der erwartungsvolle Blick ihrer braunen Augen von einst ist verschwunden zugunsten eines Ausdrucks leutseliger Nachgiebigkeit, wie sie Großmüttern eigen ist. Flecken wie Milchkaffee an den Händen, die Haut an den Oberarmen zu weit – Zeichen des Alters an jeder Stelle des Körpers, sie lassen sich nicht verbergen. Dabei hat sie sich gepflegt, hielt sich fit mit Gymnastik, bis heute, ernährt sich nach Ratschlägen für Gesundheit und ist nach wie vor sparsam mit Make–up. Von Injektionen mit Botox hält sie nichts, steht zu den Falten, die ihr das Leben ins Gesicht schrieb. Das glatte, lange schwarze Haar, das, damals offen getragen, fast den ganzen Rücken bedeckte, hat sie schon vor vielen Jahren kurz schneiden und mit silbernen Strähnchen einfärben lassen. Mit dem gestiegenen Selbstbewusstsein könne sie auch auf das lange Haar verzichten, hatte sie sich gesagt, als sie sich zu diesem Schritt entschloss. Und mit der gleichen Sicherheit nimmt sie ihr Altern hin, betrachtet es als einen Vorgang, der ihrem Wesen nichts anzuhaben vermag.

Unter beigem Kostüm die blass–rosa Bluse, so wollte sie dem sonnigen Frühling begegnen. Den leichten Mantel, den sie noch im Taxi übergezogen hatte, trägt sie jetzt auf dem Arm, während sie durch die Reihen der Wartenden schreitet. Ältere Ehepaare, die gleichfalls den Winter satt haben, denkt sie, erblickt nur wenige junge Leute und mustert verstohlen einzelne ältere Männer und wagt das Unwahrscheinliche zu hoffen.

Ihre Blicke treffen sich und verweilen einen winzigen, aber hintergründigen Moment. Das volle weiße Haar, die große, leicht gebeugte Statur, als wäre er gewärtig, den Kopf einziehen zu müssen, die erkundenden hellen Augen hinter randloser Brille halten sie länger fest, als für ein indifferentes Umschauen angemessen ist. Doch Eva muss nicht mehr spröde ins Nichts schauen wie eine Zwanzigjährige, erlaubt sich durchaus, Männer zu beäugen, allerdings unauffällig, und es macht sie verlegen wie ein ertapptes Kind, wenn es von ihnen bemerkt wird. Er jedoch scheint sie schon eine Weile zu beobachten, so dass sie ihn wie magisch angezogen ansehen musste. Und da schenkt sie ihm ein nachsichtiges Lächeln, das er ebenso diskret belohnt.

Er ist es nicht, den sie erwartet, das weiß sie. Jörg war so groß wie sie und hatte bereits damals lichtes Haar. Sie schreitet einen Bogen ab, um hinter anderen Leuten diesen hoch gewachsenen Mann nochmals ins Auge zu fassen. Er lehnt am Trennungspfeiler der Fenster und – täuscht sie sich? – scheint sie zu suchen. Oder ist er von ureigener Neugier beflügelt? Eine gepflegte Erscheinung und etwa in ihrem Alter, findet sie, und die randlose Brille und das stillvergnügte Ausspähen seines Umfelds lassen sie auf einen gebildeten Geist schließen. Mit ihm ins Gespräch zu kommen, hält sie für reizvoll. Aber nun reiht sie sich ein, möchte unter den Ersten sein, die in die Maschine gelassen werden, weil sie es hasst, schrittweise zwischen den engen Sitzreihen vorzurücken, und zu warten, bis die Leute ihre Sachen verstaut haben.

                                          2

Wie meistens als Letzter betritt Jörg die Wartezone zum Abflug nach Teneriffa und hat auch diesmal nur einen leichten Mantel bei sich. Alles andere befindet sich im Koffer, den er aufgegeben hat. Er lehnt es für sich ab, mit Tüten und Taschen in die Kabine zu gehen. Eine kurze Schlange hat sich vor dem Ausgang schon gebildet, obwohl noch kein Aufruf ergangen ist. Setzen will er sich vor dem Abflug nicht mehr, es reicht, nachher fünf Stunden sitzen zu müssen. Er stellt sich abseits und schaut, was unter den Fluggästen vorgeht. Das ist sein Zeitvertreib: Die Eigenheiten der Menschen mit raschem Blick zu erfassen, sich nichts entgehen zu lassen. Hin und wieder hatte er Elke damit belustigen können, wenn er sie auf sonderbare Erscheinungen, Körperhaltung, Aussehen, Kleidung, Mimik aufmerksam machte, selbst war sie keine passionierte Beobachterin gewesen. Gleichwohl ist sein überfliegendes Hinschauen nicht ironisch unterlegt, schon gar nicht überheblich, sondern arglos, interessiert an der Vielfalt und natürlich an Schönheit.

Und auch heute pendeln seine Augen beständig vom einen zum andern: Da eine Frau mittleren Alters, auf dem Schoß ihre große Handtasche, sie durchsucht sie fahrig, ihre Arme fast bis zum Ellbogen darin verschwunden. Ihr Mann daneben, schaut ihr spöttisch zu. Dahinter eine große, röhrenförmige kühle Grazie. Ein junges Paar am Fenster: Er fast zwei hagere Meter, sie dagegen reicht ihm nicht zur Schulter. Mit langen, gekreuzten Armen hat er die kleine Frau an sich gezogen, schaut wie unbeteiligt hinaus aufs Rollfeld. Schnelle kurze Schritte, ein rundlicher Mann eilt vorbei, das Gesicht gerötet, Schweiß auf der Stirn.

Mit einem Scharfblick erhaschen, was um ihn vorgeht, ist seit seiner Jugend eine Art Sport für ihn und hat sich erhalten bis heute. Das ist seine Art von Kontaktaufnahme. Irgendjemanden ansprechen und in ein Gespräch verwickeln, möchte er nicht, bevorzugt, still zu beobachten. Nicht dass er einer Konversation ausweichen oder gar zu plaudern sich verweigern würde, aber er sucht die Unterhaltung nicht, was sich ergibt, genügt ihm, obwohl er seit Elkes Tod allein leben und allein reisen muss. Das macht ihm nichts aus. Und doch vermisst er hin und wieder diese Vertrautheit, das Augenspiel, das verriet, dass sie zugleich denselben Gedanken hatten, das gemeinsame Lachen über menschliche Sonderlichkeiten, das Gefühl von Geborgenheit, das sich einstellte, wenn sie gemeinsam wanderten und voneinander wussten, wie sehr sie es genossen – früher. Ja, und dann wurde viel zu oft das Gegenwärtige nur ungenau wahrgenommen. Und auch während der letzten Jahre, die er mit Elke verbrachte, war er noch häufig abgelenkt, beruflich durch Planen und Abwägen, erahnte nur beiläufig, dass Rückblicke einmal unvermeidlich sein würden. Nach ihrem Hinscheiden empfand er deutlich die Zwiespältigkeit, die in der Beschäftigung mit Vergangenem liegt: In die Erinnerung an heitere Zeiten drängt sich unabwendbar, was nicht hätte geschehen dürfen, die peinlichen Momente des Lebens. Zwar erscheint ihm Vergangenheit vielfältiger, schillernder und voll von Ergründbarem, während die Zukunft keine Versprechungen mehr für ihn bereithält. Doch er weiß auch, wie wenig verlässlich die Erinnerung an Geschehnisse und vor allem an Gefühle ist. Vergangenheit kommt ihm wie ein Speicher vor, auf dem sich eine Unmenge Ungeordnetes angesammelt hat und darauf wartet, durchstöbert, durchsichtet und mit Muße studiert zu werden. Das ist nicht einfach, denn viele Erinnerungen lassen sich manchmal lange bitten und rücken das Schlicht-Alltägliche besonders ungern heraus. Und er ist sich gar nicht sicher, ob er überhaupt eine Ordnung ins Geflecht seiner eigenen Geschichte bringen sollte.

Nach vorne schauen und das Geschehene auf sich beruhen lassen, denkt er des Öfteren. Es wäre ohnehin nicht zu ändern – wie das Wetter. Ihm hatte er zeitlebens kaum Beachtung geschenkt. Vom Gewitterschauer durchnässt, über zugefrorene Seen wandern, den Schweiß schwüler Hitze am Körper – das waren für ihn Erlebnisse, da fühlte er sich gleichsam von der Natur durchdrungen, ihr verbunden, ihrem Wildwuchs, dem Sinnbild für Leben – für sein Leben. Hier wie da, meinte er immer, regelt sich das meiste von allein.

Doch das Alter lässt ihn feuchte Kälte, Nieselregen und drückend heiße Sommertage verstärkt als unangenehm empfinden. Die Winter scheinen ihm auch länger zu werden und als könnten sie sich nicht zu Frost und Schnee entscheiden. Diese Phase zu unterbrechen, sucht er sich daher seit einigen Jahren ein ausgeglichenes, temperiertes Klima, das er im Alter so dringend braucht. Vor den Säulen des Tempels in Karnak hat er erstaunt, nein, ergriffen gestanden und im hellen Licht der afrikanischen Steppe und war durch den von warmer Nässe schweren Regenwald Neuseelands gewandert. Diesmal fiel seine Wahl auf Teneriffa. Erst als er den Entschluss gefasst hatte, kam die Erinnerung, ließ sich mit einem Achselzucken nicht abtun, so dass er ihr schließlich nachgab.

Teneriffa. Zum ersten Mal, seit er mit Elke verheiratet war, hatte Jörg ohne sie Urlaub gemacht. Lange ist es her. Nachträglich erst ist ihm aufgegangen, dass dieser Entschluss einen Lebensabschnitt inneren Eremitendaseins einleitete. Nach außen veränderte sich wenig, aber es häuften sich die Selbstgespräche. Er muss so um die Fünfzig gewesen sein, ein schwieriges Alter für Männer wie für Frauen, findet er rückblickend. Ja, damals bahnte sich, was Elke und ihn betrifft, der Niedergang an.

Anfang Februar in den fortwährenden Frühling. Zu Hause Schneematsch, tristes Wetter. Das schien die Trübsinnigkeit zu intensivieren, – in beiden. Wie von Schwermut befallen. Der Winter könnte nun endlich zu Ende sein. Elke mochte die Berge, wanderte dort gern, wollte jetzt Ski laufen. Er liebt die See. Die Urlaubsorte wechselten, einvernehmlich. Doch in jenem Winter waren beide übereingekommen, jeder müsse einmal für sich alleine in Urlaub fahren. Er, und vielleicht auch sie, hatte den Eindruck, sie befänden sich in einer Krise, aber das sagten sie einander nicht, wie sie auch nie stritten, jedenfalls nicht lauthals. Sie waren gewohnt, Unstimmigkeiten in ruhigem, vernünftigem Gespräch zu klären. Fast unmerklich war eine Gereiztheit gegen alles, was sich ihnen in den Weg stellte, aufgetaucht und hatte sich wie eine nicht fassbare Unzufriedenheit über sie gelegt. Darunter litten sie, und keiner von ihnen wusste sich dieses lähmenden Zustands zu entledigen. Heraus aus der Tretmühle, sich mit frischen Eindrücken wieder begegnen – daraus erhofften sich beide Impulse für ihr ins Stocken geratene Leben. Nährt sich Leidenschaft nicht von Trennung und erlöscht in der ehelichen Ereignislosigkeit? Sie also wollte den Urlaub auf Skiern verbringen, und er flog nach Teneriffa. Und jetzt fällt ihm auf: Damals war er erfüllt von einer rätselhaften, ungeduldigen Spannung, ob sich durch diese Reise, durch ein Erlebnis etwas verändern würde, ob sich ein Wunsch erfüllte, von dem er selbst noch nicht die leiseste Ahnung hatte. Er war mit einem unbenannten, aber tragenden Anspruch an die Zukunft gefahren, wie er nur eine Jugend im Aufbruch beseelt.

So ähnlich wie jetzt hatte er dagestanden, und sein wandernder Blick war an einer Frau hängen geblieben in einer der Sitzreihen. Er schätzte sie auf Mitte Dreißig. Ihre Mundwinkel leicht nach unten gezogen. Das schmale Gesicht, umrahmt von schwarzem glattem Haar, das, in der Mitte gescheitelt, über beide Schultern fiel bis irgendwo hinter ihren Rücken. Klare, weiche Züge, schlanke gerade Nase, hoch gezogene Augenbrauen. Ernste, dunkle Augen – betont durch Lidstriche an Ober- und Unterlidern. Schwarzer Blazer über weißer Bluse, dazu beigefarbene Hose. Die Beine gerade von sich gestreckt, die Füße übereinander geschlagen, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie blickte auf ihre Fußspitzen, aber sah sie nicht. Eine Ältere mit rostrotem Haar, mit Schmuck behangen, in zitronen-gelbem Kostüm, redete auf sie ein, drehte dabei wiederholt ihre Handflächen nach oben. Es war nicht zu verstehen, was sie sagte. Wollte ihr offenbar etwas plausibel machen.

Doch die junge Frau schien den nachdrücklichen Erklärungen der älteren nicht zu folgen und veränderte die Haltung ihres Körpers nicht. Eine Schönheit, die ihn durch ihre gleichgültige, lustlose Verschlossenheit anzog. Er hatte sich daher von der Wand, an der er lehnte, wegbewegt, einen Bogen gemacht, um in ihr Blickfeld zu geraten, und gehofft, dass sie aufschaute. Sie schien niedergedrückt, und wie versunken bemerkte sie ihn nicht. Noch einmal ging er an ihr vorbei.

Jörg schaut sich um. Eine Person vergleichbar attraktiven Aussehens kann er nicht entdecken. Überhaupt befinden sich nur sehr wenige jüngere Leute unter den Passagieren. Teneriffa – eine Exklave der Senioren? fragt er sich. War sie es schon damals? Er hatte es nicht so empfunden, vielleicht auch nicht bemerkt, stand mitten im beruflichen Leben, war zukunfts-, aber nicht aufs Alter orientiert. Der Kreis der Wahrnehmung ist eine Frage des Standpunkts. Und der verlagert sich mit dem Alter. Mitte Siebzig – da liegt längst nicht mehr der Beruf, da liegt Gesundheit im Zentrum des Interesses. Er kann nicht umhin, sich mit Männern seines Alters, ihrer körperlichen und geistigen Beweglichkeit zu vergleichen, und findet darin eine erleichternde Beruhigung, weil er glaubt, dabei noch ganz gut abzuschneiden. Er ist nicht übergewichtig, wenngleich sich der Bauchansatz ein wenig zeigt. Haare hat er gelassen, das brachte der Beruf mit sich, meint er. Aber es schmeichelt ihm, wenn er für zehn Jahre jünger gehalten wird, als er ist, wobei er gern übersieht, dass Jüngere das Alter älterer Leute schlecht schätzen können.

Im Flugzeug bevorzugt er, in den vorderen Reihen zu sitzen – weniger Motorengeräusch, kaum Kerosingeruch und kein Warten im dichten Gedränge nach der Landung. Auch damals hatte er seinen Platz vorne gehabt. Als er einmal aufgestanden war, fand er die junge Frau im rückwärtigen Abschnitt sitzen: Ihr Gesichtsausdruck wie teilnahmslos, wie von einer inneren Trauer erfüllt. Im Theater werden Szenen gespielt, im Dasein diktiert das Leben Rolle und Text, geht ihm durch den Kopf. Mehr noch als die Charaktere in Schauspiel und Literatur fasziniert der Mensch, die lebendige Persönlichkeit. Kein Wunder, dass es ihn plötzlich reizte, ihre Bekanntschaft zu machen, zu erfahren, was in dieser jungen Frau vor sich ging. Und vielleicht auch noch anderes. Jetzt erinnert er sich, wie er abwog: Illusorisch, eine Pauschalreise, wo und wie sollte er sie wieder treffen, er konnte doch über Ort und Hotel nicht mehr frei verfügen.

Unter den Letzten schlendert er durch die Gangway, weiß seinen Platz in der vierten Reihe am Gang. Das schiebende Gedränge ist ihm wieder einmal erspart geblieben. Den Sitznachbarn grüßt er kurz, bemerkt, wie der seine langen Beine im engen Spalt zum Vordersitz verknoten muss, was ihn mit dem flüchtigen Neid beim Anblick seiner silberweißen gewellten Haarpracht versöhnt. Er hat den Gurt angelegt. Die Stewardessen ziehen sein Augenmerk auf sich. Sterile Schönheiten, denkt er, keine Strähne, keine Locke entzieht sich dem straff nach hinten gekämmten und durch Spangen gehaltenen Haar. Die Rundungen unter dem eng sitzenden Kostüm, die einstudierten Bewegungen, das überlegene aufgesetzte Lächeln erinnern ihn an Barbie-Puppen, schein-sexy, findet er, sie verströmen keine Herzenswärme, nehmen die Passagiere, die in die Sitzreihen wie Playmobil-Püppchen eingeklemmt sind, nicht als Menschen wahr, würden keinen einzigen unter ihnen wiedererkennen, gefühlskalte Routine. Jörg schließt die Augen, lässt sich vom Schub der Triebwerke in den Sitz drücken.

                                          3

Der Platz neben ihr ist frei geblieben, am Gang eine Frau mit kurzem wuschelig–lockigem Haar, für ihren Geschmack etwas zu blond, vielleicht ihren Alters, in schwarzer Jeans und schwarzem Jersey–Pullover, die sich gleich drei Zeitschriften gegriffen hat und an Unterhaltung nicht interessiert zu sein scheint. Eva bringt die Rückenlehne in eine bequeme Position, schließt die Augen, taucht ein in Kreise sich widersprechender Gedanken. Ziemlich verrückt, das vollkommen Unglaubhafte zu erhoffen. Sie sollte genügsam die Wärme des beginnenden Frühlings genießen. Erinnern dürfe sie sich. Und wie ein Kind unter der Bettdecke sich in eine andere Welt phantasiert, so richtet sie sich hinter ihren Lidern eine Bühne ein, auf der sie Unmögliches zur Wirklichkeit werden lässt. Da erscheint ihr Jörg, und in kindlicher Versponnenheit probt sie Szenen mit ihm, die sich abspielen könnten, und verwirft sie als unwahrscheinlich und allzu trügerisch – nichts Dergleichen wird geschehen, sagt sie sich und neigt dennoch zum Gespinst der Zuversicht. Gerade weil schmerzliche Momente eingeflochten sind, wird Erlebtes so plastisch erinnerungsfähig, findet sie. Nicht das ungetrübt Lustige bleibt in unserem Gedächtnis lückenlos haften, vielmehr das Dramatische, wo Ängste und Kummer uns quälten. Wie eingraviert trägt sie seitdem jene Tage mit sich, nicht in reuevoller Erinnerung, inzwischen vielmehr auf still-vergnügte Weise und mit einem sieghaften Lächeln, denn für ihr Leben bedeuteten sie Wandel und Entfaltung. Und da wäre es ihr doch nachzusehen, dass sie sich am Ursprungs-ort dieser Lebenswende den Verursacher wieder zu treffen wünscht.