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Erzählt wird aus dem Leben einer bürgerlichen Familie in der wechselvollen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ordnung und Aufs-Wort-Gehorchen waren Prinzipien der Erziehung. In den politischen Umwälzungen dieser Zeit werden die geschilderten Personen weder zu "Tätern", noch zu "Opfern". Als Durchschnittsbürger gehören sie in der Nazi-Zeit zur Masse der sogenannten Mitläufer, die – wie zu allen Zeiten - versuchen, ihr Leben an die politischen Gegebenheiten anzupassen. Da sind: - Franz, der mit der Schutztruppe in Deusch-Südwestafrika den Aufstand der Hereros niederkämpfen hilft und mit deutschem Stolz in der 'Festung' Königsberg bis zum Schluss durchhält. - Sein Sohn Helmut, der Ingenieur bei der Reichsbahn wird und es versteht, sich überall Freunde zu schaffen und sich trotz seiner Jugend von der Front fernzuhalten. Am Ende schießt er mit amerikanischen Soldaten auf deutsche Stahlhelme und bringt die Entnazifizierung, obwohl er nicht unbelastet ist, spielerisch hinter sich. Von Transporten in Zügen weiß er nichts. Sein Leben erscheint wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten. - Der liberale Karl, der in erster Linie Sachse ist, sich innerlich vom Großdeutschen distanziert und sich für Krieg nicht begeistern kann, und - sein strebsamer Sohn Hans, der Lehrer wird und so viel Ehrgeiz besitzt, dass er sich ohne Notwendigkeit noch mit vierzig Jahren zu einem Offizierslehrgang meldet. Voraussetzung, dass er angenommen wird, sind drei Monate Frontbewährung, die er zuletzt im Südostabschnitt absolviert. Jahrelang betreibt er seine Arisierung, und entdeckt am Ende doch noch eine jüdische Großmutter. An der Front ist er dem zwanzig Jahre jüngeren Leutnant Schulz unterstellt. Die beiden haben nur ein scheinbar gutes Verhältnis. - Elsa, Franzens Tochter, die Hans heiratet, am liebsten Hausfrau und Mutter ist und in den Nachkriegsjahren für drei Kinder sorgen und sich einen Beruf suchen muss, von der 'neuen' Zeit aber geradezu erstickt wird und jung stirbt.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Aus dem Leben einer bürgerlichen Familie in der wechselvollen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ordnung und Aufs-Wort-Gehorchen waren Prinzipien der Erziehung. In den politischen Umwälzungen dieser Zeit werden die geschilderten Personen weder zu „Tätern“, noch zu „Opfern“. Als Durchschnittsbürger gehören sie in der Nazi-Zeit zur Masse der sogenannten Mitläufer, die – wie zu allen Zeiten – versuchen, ihr Leben an die politischen Gegebenheiten anzupassen.
Da ist Franz, der mit der Schutztruppe in Deusch-Südwestafrika den Aufstand der Hereros niederkämpfen hilft und mit deutschem Stolz in der ‚Festung’ Königsberg bis zum Schluss durchhält.
Sein Sohn Helmut, Ingenieur bei der Reichsbahn, versteht es, sich überall Freunde zu schaffen und sich trotz seiner Jugend von der Front fernzuhalten. Am Ende schießt er mit amerikanischen Soldaten auf deutsche Stahlhelme und bringt die Entnazifizierung spielerisch hinter sich. Von Transporten in Zügen weiß er nichts. Sein Leben erscheint wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten.
Der liberale Karl, in erster Linie Sachse, kann sich nicht für Krieg begeistern.
Sein strebsamer Sohn Hans wird der Lehrer und besitzt so viel Ehrgeiz, dass er sich ohne Notwendigkeit noch mit vierzig Jahren zu einem Offizierslehrgang meldet. Voraussetzung: drei Monate Frontbewährung, die er zuletzt im Südostabschnitt absolviert.
Elsa, Franzens Tochter, die Hans heiratet, am liebsten Hausfrau und Mutter ist und in den Nachkriegsjahren für drei Kinder sorgen und sich einen Beruf suchen muss, von der ‚neuen’ Zeit aber geradezu erstickt wird und jung stirbt.
Emma, Franzens Frau, die die Brandbomben auf Königsberg erleben muss, emsig bemüht ist, ihr demoliertes Häuschen wieder instand zu bekommen, sich in buchstäblich letzter Minute auf eine abenteuerliche Flucht begeben muss und alles verliert – die ostpreußische Heimat, Mann und Tochter. Und dennoch erträgt sie die Entbehrungen in den Nachkriegsjahren mit unerschütterlichem Gottvertrauen.
Ulrich W. Kunath
Frontbewährung
Eine Familiengeschichte
Für
Marie
Inhalt
Franz
Karl
Helmut
Hans
Elsa
Die Brüder
Fast zufrieden
Idyllische Jahre
Frontbewährung
Züge müssen fahren
Ernüchterung
Läpuschna
Emma
Wie auf einem Pulverfass
Das Tagebuch
Emmas Flucht
Verlust der Heimat
Entnazifizierung
Stumme Zwiesprache
Franz
Von acht Mann gleichzeitig ausgeführt, klingt es wie ein kurzer dumpfer Schlag. Davon wird kein Schlafender wach. Und so geräuschlos, wie diese schwarzen Schatten im Licht der vom Halbmond beschienen Steppe zu ihrer Bluttat herangeschlichen sind, verschwinden sie wieder. Als Franz Reimann morgens erwacht, liegen die Köpfe seiner Kameraden halb abgetrennt im Sand. Der kleine Trupp des Pommerschen Jäger-Batallions hat im Freien kampiert. Franz hatte sich etwas abseits unter einen Felsblock hingelegt, sich seinen Schlafsack über die Ohren gezogen und war regelrecht in ihm abgetaucht. Der mörderische nächtliche Besuch muss ihn übersehen haben.
Es ist der 28. März 1904, und Franz beeilt sich, zu seiner Kompanie zurückzukommen. Allein kann er nun nicht mehr das Gelände durchkämmen und aufklären, wo sich der Feind aufhält. Der Schrecken sitzt ihm in den Gliedern. Es ist seine erste Lektion über den Kampf aus dem Hinterhalt. Die Tücke lässt ihn erschaudern. Dass Telegraphenleitungen gekappt und Schienen herausgebrochen werden, kann er ja noch verstehen. Die Überfälle auf die deutschen Siedler, das Abbrennen ihrer Höfe und Töten der Männer jedoch nicht. Daher bereut er es nicht, sich freiwillig aus dem frostigen, verschneiten Ostpreußen zu diesem Einsatz unter afrikanischer Sonne gemeldet zu haben. Es gilt, die Schutztruppe in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu verstärken, die seit Anfang Januar den Aufstand der Hereros niederringen muss. Jetzt erst recht, denkt er und weiß sich eins mit der weit verbreiteten Meinung, dass die schwarze Rasse der weißen geistig und kulturell unterlegen sei. Die Dampflok halten sie für einen bösen Geist und laufen davon! Als er das gleich nach seiner Ankunft in Swakopmund sah, schüttelte er sich vor Lachen.
Noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und ein ausgezeichneter Schütze, dank seiner ruhigen Hand und guten Sehkraft, und damit bestens geeignet für das Jäger-Bataillon, das in kleinen Gruppen die Vorhut bildet, auskundschaftet und, wenn möglich, mal einen gezielten Schuss auf einen der gegnerischen Anführer absetzt. Franzens Treffgenauigkeit hat einem Kameraden schon die Taschenuhr gekostet. Sie hatten gewettet, dass er sie auf hundert Meter träfe. Und er traf. Seine Frau berichtete von diesem Meisterschuss noch ihren Enkelkindern.
Die deutsche Schutztruppe ist überlegen, und von der politischen Wirkung der Proklamation des Oberbefehlshabers Lothar von Trotha, wonach die Hereros beinahe vollständig ausgerottet worden wären, weiß Franz nichts. Ihm erschließt sich auch nicht das Rücksichtslose und Menschenverachtende dieses Krieges in der deutschen Kolonie. Für ihn besteht die einheimische Bevölkerung, die sich niemandem unterordnet und wo jeder mitreden und tun darf, was er will, aus Primitiven. Und so ist es für ihn ein Krieg, wie er ihn aus der Geschichte kennt: Der Gegner hat sich ins Unrecht gesetzt. Was ihn dazu veranlasst hat, danach fragt Franz nicht. Sie haben die deutschen Kolonialherren angegriffen, Farmen, Eisenbahnlinien und Handelsstationen zerstört. Folglich müssen wieder Ordnung geschaffen, die Rechte der Siedler wieder hergestellt werden. Wofür die Zigtausend Toten tatsächlich „geopfert“ werden, darüber denkt er nicht weiter nach. Er muss ja auch nicht bis zum Ende dieses zermürbenden Krieges mit den Herero und Nama in den Tropen bleiben. Und so erfüllt es ihn mit Genugtuung, an dieser Strafaktion gegen die aufständischen Eingeborenen teilgenommen zu haben.
Als Franz geboren wurde, bestand das Deutsche Reich gerade zehn Jahre. In seiner Geburtsurkunde heißt es noch umständlich: Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der Wirt Gottfried Reimann, wohnhaft zu Rauschbach, evangelischer Religion, und zeigte an, dass von der Auguste Reimann, geb. Block, seiner Ehefrau, evangelischer Religion, wohnhaft bei ihm, zu Rauschbach in seiner Wohnung am fünften September des Jahres tausendachthundertachtzigundeins um acht Uhr ein Kind männlichen Geschlechts geboren sei, welches den Vornamen Franz erhalten habe. Ausgestellt zu Hohenfürst am 11. September 1881 .
1906 in die Heimat entlassen, lernt er in Preußisch-Holland Emma kennen. Die Tochter eines Schmiedes aus Hagenow ist Waise und lebt bei Onkel und Tante. Fünf Jahre jünger, mit gerade mal zwanzig Jahren, bewundert sie den feschen Obergefreiten. Ihre Hingabe geht jedoch nicht so weit, seinem Vorschlag zu folgen, nach Südwestafrika – sofern dort Ruhe eingekehrt sei – auszuwandern und eine Farm zu gründen. Franzens Schwärmerei für Afrika ist ihr nicht ganz geheuer. Bleibe im Lande und nähre dich redlich, hält sie ihm instinktsicher entgegen. Und – war es Bauchgefühl oder Leidenschaft? – sie heiraten am 12. März 1907, und nach acht Monaten wird im November der erste Sohn geboren. Im Abstand von zwei Jahren folgen zwei weitere Kinder, ein Sohn und eine Tochter. So hat Emma mit Fünfundzwanzig hinter sich, was zu späterer Zeit manche Dreißigjährige noch vor sich hat.
Und der verantwortungsbewusste Franz hat von nun an eine sehr ernsthafte, hautnahere Motivation, als er gleich im August 1914 gegen die Russen mit zu Felde zieht. Als wären die Siege schon errungen, bricht er zuversichtlich zur Verteidigung von Ostpreußen auf, hilft siegen bei Gumbinnen und Tannenberg, Grodno erobern, verfolgt in Dezemberskälte den Feind vom Njemen zur Beresina und kämpft, inzwischen Feldwebel, schließlich in bulgarischen Sümpfen – immerhin hat er sich ja als tropentauglich erwiesen.
Ohne eine Schramme, dafür mit dem Eisernen Kreuz und anderen Auszeichnungen kommt er nach Hause. Was da schief gelaufen ist, kann er nicht verstehen: Waren sie nicht unbesiegbar? Hatte die Regierung je einmal von aussichtsloser Lage gesprochen? Vom Waffenstillstand wurde er geradezu überrascht.
Eine Beamtenlaufbahn schafft Sicherheit. Als Steuereinzieher dient er fortan dem Staat, dem neuen, nichtkaiserlichen. Eine andere als die debattierende Obrigkeit könnte er sich vorstellen, ist aber im Innersten viel zu sehr Soldat, als dass er eine amtierende Herrschaft in Frage stellt. In Königsberg, wo seine Familie inzwischen sesshaft geworden ist, steht er dem Verein ehemaliger Kämpfer aus Deutsch-Südwestafrika vor, zumindest den ostpreußischen. Bei Paraden marschiert er mit seiner kleinen Truppe am alten Hindenburg, dem verehrten Relikt aus dem Kaiserreich, vorbei, selbstverständlich im Zylinder, Gehrock und Stechschritt, an seiner Brust in doppelter Reihe die Orden, die er sich in den diversen Schlachten verdient hat und auf die er stolz ist. Hinter ihm seine Kameraden in ihrer Uniform aus Deutsch-Südwest. Selbst beim Spaziergang am Sonntagnachmittag durch die Parkanlagen Königsbergs ist das soldatische Element präsent: Die Kinder in einer Reihe vor den Eltern und von hinten die Stimme von Vater Franz: Brust raus, Bauch rein, Augen geradeaus! Er ist in erster Linie Preuße, Ostpreuße, um genau zu sein, dann Deutscher und von einem, wie er meint, gesunden Nationalbewusstsein, das den Antisemitismus, wie er im 19. Jahrhundert in ganz Europa wieder einmal aufblühte, ablehnt, nicht zuletzt, weil er im Judentum nichts Feindliches erkennen kann.
Nachdem dieser Vielfrontenkrieg verloren ist – ihm im Grunde nach wie vor unverständlich, denn kein Feind überschritt die deutschen Grenzen – trauert er im Stillen dem abgedankten Kaiser nach. Ansonsten arrangiert er sich mit den Verhältnissen, sympathisiert mit keiner der privaten Militärtruppen, keinem der Freikorps, die sich die Ohnmacht der regierenden Politiker zunutze machen, sondern übt mit äußerster Korrektheit sein Amt aus und wird befördert bis zum Stadtvollziehungsobersekretär.
Franz Reimann ist ein gewissenhafter, pflichtbewusster Mensch. Und wenn er diese Eigenschaften nicht schon anderen unterstellt, so erwartet er sie doch von ihnen und vertraut darauf: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Daher können die Unruhen, die rasch wechselnden Regierungen in der jungen Republik kaum Befürchtungen in ihm wecken. Über kurz oder lang würde der Kaiser wieder das Heft in die Hand nehmen und die alte Ordnung wieder hergestellt sein, glaubt er. Er für sein Teil gbit die verinnerlichten Werte derweil an seine Kinder weiter, vorzugsweise an seine Söhne, wobei er überzeugt ist, dass Gehorchen, aufs Wort gehorchen die Grundlage für ein anständiges und erfolgreiches Leben bildet. Darin stimmt er nicht nur mit den Lehrern seiner Kinder überein. Ihnen gilt die Rute als das beste aller Erziehungsinstitute. Die Prügelstrafe gehört zur Tagesordnung, und wahrscheinlich hätte man damit die Schwarzen in den Kolonien früher oder später auch noch zu manierlichen Menschen machen können, wenn das deutsche Besitztum in Afrika nicht durch den unsäglichen Versailler Friedensvertrag verloren gegangen wäre. Womit haben wir es verdient, dass wir durch diesen Vertrag dermaßen gedemütigt und deklassiert werden? fragt er bisweilen seine Emma, und die seufzt nur wortlos.
Sparsam sind sie beide, Franz und sein 'Emmchen'. Auf großem Fuße leben sie nicht und haben eine Wohnung im Stadtteil Sack-heim bezogen. Hier kennt man die Annehmlichkeit elektrischen Lichts noch nicht und verbringt die Abende auch nicht am Rundfunk, schon gar nicht vor dem Fernsehgerät, das es noch nicht gibt. Man liest bei Kerzenlicht, für die Kinder Märchen, wenn die nicht gerade mit dem Baukasten aus gebrannten Tonsteinen spielen. Strom aus der Steckdose gibt es lange Zeit nicht. Sogar Berlin ist in den Zwanzigern erst zur Hälfte und ganz Deutschland erst in den Vierzigern an das Stromnetz angeschlossen, und das dient vor allem dazu, um in den Wohnungen Licht zu haben, denn elektrische Geräte kennt man kaum.
Und dann verwunderlich, oder vielleicht aufgrund ihrer genügsamen Lebensweise gerade nicht, dass dieser Beamte aus den unteren Rängen noch vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Währungsreform ein Eigenheim besitzt, mit fließend Was-ser, Badewanne und Spülklosett. Bei Weitem keine Selbstverständlichkeiten. In Kalthof, am Rande der Großstadt: Seine erholsame Insel im glanzlosen bürgerlichen Alltag, in dem Gefühle zu zeigen nicht schicklich ist und daher schamhaft unterdrückt wird. Am Häuschen wird keineswegs ein Ziergarten angelegt. Da werden Obst und Gemüse angebaut, Beerenfrüchte für Marmelade gezogen und Hühner gehalten, womit ein Teil des Lebensunterhalts schon mal gesichert ist. Und man geht noch kilometerweit zu Fuß oder bewegt sich mit Pferd und Kutsche oder der kohlebetriebenen Dampfeisenbahn fort.
Karl
Am selben Tag, als Franz Reimann in der südwestafrikanischen Steppe seinen Kopf aus dem Schlafsack steckt und vor dem nächtlichen Massaker erschrickt, also am 28. März 1904, wird in der Hospitalstraße 16 in Leipzig dem Telegrafenarbeiter Karl Kunath ein Sohn geboren, der auf den Namen Hans getauft wird. Es ist nicht der erste Sohn. Der verstarb mit vier Monaten ein Jahr zuvor. Karl hatte seine fast gleichaltrige, im fünften Monat schwangere Mathilde 1902 geehelicht. Dafür hatte sie ihre Arbeit in der Porzellanfabrik des thüringischen Kloster Veilsdorf aufgegeben, in der ihr Vater, inzwischen verstorben, ebenfalls gearbeitet hatte. Die Tätigkeit in dieser Fabrik, die unter anderem die Herstellung von Puppenköpfen, Zeugpuppen, Badekindern, Heiligenartikeln und Vasen als ihre Spezialität bezeichnet, konnte ihr wie jeder jungen Frau ihrer Zeit nur als Zwischenbeschäftigung dienen bis zu ihrer endgültigen Bestimmung als Hausfrau und Mutter.
Karl ist nicht ohne Ehrgeiz und wird von der Kaiserlichen Oberpostdirektion in kurzen Abständen befördert zum Vorarbeiter, Leitungsaufseher, Postschaffner mit goldenen Schulterblattschnüren bis zum Postbetriebsassistenten. Da ist er schon Beamter auf Lebenszeit, und Mathilde hat ihm einen weiteren Sohn und zwei Töchter geboren.
Anfangs trägt er, vielleicht dem Kaiser zu Ehren, einen eben-solchen Schnurrbart. Doch mitten im Krieg kupiert er dessen hoch gezwirbelte Spitzen, womöglich weil er die helle Begeisterung für diesen Waffengang mit Franz und den meisten Deutschen nicht teilt und die Eigenständigkeit der sächsischen Armee ihm suggeriert, nonkonformistisch sein zu dürfen. Er ist Sachse, gebürtig aus Freiberg und seit 1906 Bürger der Stadt Leipzig und tut sich schwer, mit festlichem Enthusiasmus am Krieg teilzunehmen. Angesichts der inzwischen entwickelten modernen Waffen kann er sich nicht vorstellen, dass Krieg wie in früheren Jahrhunderten auf einem eigens dafür vorgesehenen Schlachtfeld, wenn möglich bei gutem Wetter und dann auch nur für ein paar Wochen oder Monate stattfindet. Krieg zur Lösung internationaler Konflikte scheint ihm überholt und überhaupt ungeeignet für ein jungmännliches Kräftemes-sen. Auch nicht, um die Machtverhältnisse wieder einmal auszutarieren, zwischenstaatliche Bündnisse auf ihre Festigkeit zu prüfen oder neu zu flechten, selbstverständlich nicht auf Dauer. In seiner Ansicht fühlt er sich bestätigt, denn dieser Waffengang entwickelt sich, was die meisten nicht vorhersahen, völlig anders als frühere derartige Auseinandersetzungen, dehnt sich in die Länge und verwandelt sich in eine Materialschlacht und Menschenvernichtung, wie sie bis dahin noch nie erlebt worden ist.
Ihn holt man auch an die Ostfront. Dort tut er Dienst in einem Bautrupp, nicht gerade mit Begeisterung. Von Nowominsk schickt er am 13. Juli 1916 ein Gruppenfoto, auf dem er, wie er schreibt, dasitzt, als hätten ihm die Hühner das Brot weggefressen. Mathilde schickt ihm Päckchen mit Süßigkeiten. Am Ende ist er froh, dass er diese Zeit schadlos überstanden hat und überzeugt, dass man sich am besten aus allem heraushält, denn wieder einmal waren die Sachsen auf der Verliererseite: Früher mit Napoleon gegen die Preußen, dann mit Österreich gegen die Preußen, jetzt mit Öster-reich und den Preußen gegen die Welt. Er hält es mit seinem abgedankten sächsischen König Friedrich August, der sein Amt mit den Wort hingeschmissen haben soll: Machd doch eiern Drägg alleene!
Statt mit preußischer Disziplin erzieht er seine Kinder liberal, es schlägt ohnehin keines über die Strenge. Im Gegenteil: Sie sind gute Schüler, und vor allem der Älteste verdient sich mehrmals ein Lob.
1924, mit dreiundvierzig Jahren lässt sich Karl in den einstweili-gen Ruhestand versetzen. Notgedrungen, denn die Republik baut Stellen ab. In der Lipsiusstraße in Leipzig eröffnet er einen Kolonialwarenladen und verkauft da alles Mögliche, von Lebensmitteln über Haushalts- und Gartengeräten bis Zeitschriften, was man sich nur denken kann. Ein inzwischen ausgestorbener Erwerbszweig, tot wie Jahrzehnte nach dem Krieg das Gebäude, in dem sich sein Geschäft befand: Die Türen und Fenster verrottet, und von der Fassade bröckelte der Putz, auf dem noch verblasst Karls Namen zu lesen war.
Das Geschäft betreibt er zehn Jahre. Da nimmt er die Gelegenheit wahr, noch einmal für vier Jahre bei der Oberpostdirektion zu dienen, muss dann aber doch krankheitshalber in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden. Jetzt hat auch er bereits genug gespart, um sich ein Haus im bayrischen Lichtenberg zu kaufen. Hätte er es nur behalten! Nein, ihn zog es zurück nach Sachsen. Er verkaufte und kaufte neu im dörflichen Leuben. Ein dreigeschossiges Haus mit vermietbaren Wohnungen, im oberen Teil mit Fachwerk ausgestaltet und Walmdach. Es ist seitlich in eine Anhöhe hinein-gesetzt, so dass der Keller nur zum Teil im Erdreich steckt und man auf der anderen Seite über eine Treppe in den Garten hinunter gelangen kann. Ein sehr großer Garten mit mehreren Apfel- und Birnbäumen unterschiedlicher Sorten und einem ins äußerste Eck gerückten Schuppen, in dem Karl seiner Bastelleidenschaft nachgehen kann. Mathilde kümmert sich um die Gänse und Hühner und bestellt ein kleines Feld mit Kartoffeln und Gemüse.
Das knapp tausend Einwohner zählende Dorf liegt in einer Senke, durch die sich der Ketzerbach schlängelt. Nähert man sich von Fern durch die ebenen Felder dieses sächsischen Landstrichs, er-blickt man als Erstes den Kirchturm mit der grauen Zwiebelkuppel, denn die Kirche steht auf einem Felsen, der aus der Talsenke herausragt und nur eine Zuwegung besitzt. Im Mittelalter eine Zufluchtsstätte für die Bewohner, heute breitet sich um die Kirche und eingefasst von einer niedrigen Feldsteinmauer der Friedhof aus.
Ein neuer Krieg beginnt gerade, und die Deutschen sind auf dem Vormarsch, als Karl die Häuser wechselt, vom Bayrischen ins vertraute Sächsische, und sich ins versteckte Ländliche zurückzieht, als wollte er es seinem inzwischen verstorbenen König gleichtun.
Helmut
„Es ist das Beste, du suchst dir eine Lehrstelle“, sagt Franz eines Tages zu seinem Sohn Helmut. „Es ist schade um das Schulgeld. Du hättest dir ein Beispiel an deinem Bruder nehmen sollen. Aber nein, Schule schwänzen und nichts lernen. Also, was willst du machen?“
Mit einer Miene, die ausdrücken soll, dass er von Vaters Mitteilung geknickt sei, hört Helmut sich die Schimpftirade an, presst die Lippen aufeinander, frohlockt aber im Innersten. Seit er mit Kriegsbeginn eingeschult worden war, litt er unter dieser Einrichtung. Nicht allein, dass ihm und seinen Kameraden mit dem Rohrstock beigebracht wurde, was sie auf anderem Weg nicht begriffen oder nicht lernen wollten, Nichtwissen oder Fehler im Heft ahndeten die Lehrer mit ein paar Schlägen über die Finger oder Nachsitzen oder In-der-Ecke-Stehen. Irgendwie hatte er sich bald daran gewöhnt, zu Hause war es ja nicht wesentlich anders, so dass er später davon überzeugt war, dass die Prügel, die sie damals bekamen, ihnen mitnichten geschadet haben. Er und seine Klassenkameraden nahmen es hin wie etwas Gottgegebenes. Auf unbedingtes Gehorchen legten die Erwachsenen eben wert, und die Kinder haben sich nicht darüber gewundert, wenn sie für irgendeine Kleinigkeit gestraft wurden. Es gehörte zur Manneszucht, zur Ordnung. Wenn Helmut durch die Straßen Königsbergs schlenderte und einem Schutzmann begegnete, damals noch mit Pickelhaube und Säbel, beschlich ihn immer das Gefühl, irgend etwas hast du ausgefressen und jetzt holt dich die Polizei ab. Dann senkte er seinen Blick und verdrückte sich. Strafe muss sein, sie folgt auf dem Fuße – das hat Helmut schon früh erfahren und diese Praxis an seine Kinder weitergegeben: Eine halbe Stunde auf Erbsen knien oder die Schläge mit dem Riemen laut abzählen. So wird einem Respekt gezollt. Dass Kadavergehorsam, Gehorsam bis zum Umfallen – lateinisch cadĕre –, bis zur Aufgabe der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Lebens Voraussetzung war, um jedem noch so unsinnigen Befehl eines Vorgesetzten, den noch so absurden Parolen Folge zu leisten, darüber hat sich Helmut sein Leben lang keine Gedanken gemacht. Nur so jedoch lassen sich Armeen führen, bis zum Umfallen. Mit Überzeugen oder freiem Willen wäre keine Schlacht zu gewinnen, wäre oft auch keine Macht zu erringen. Rangordnung, Obrigkeit wurden nicht hinterfragt oder gar bezweifelt, sondern früh anerzogen, ja eingebrannt, zu Hause und in der Schule. Sie waren seit Jahrhunderten Bestandteil des sozialen Lebens, waren die Vor-aussetzungen, sich einer Autorität, die verliehen wurde und nicht erst erworben werden musste, zu unterwerfen.
Aber viel mehr als der Rohrstock oder andere Drangsalierungen hatte ihm der Mangel an unabhängiger Gestaltung seines Tages die Schule verleidet. Er empfand die Schulzeit keineswegs als reine Erholung und hatte mehr Interesse an anderen Dingen als fürs Lernen. Die Aufnahmeprüfung zur Bessel-Oberrealschule hatte er dank seines Glücks, das er, wie er später behauptete, immer im Leben gehabt habe, ohne Weiteres bestanden. Nach und nach stellte sich heraus, dass seine schulischen Leistungen nicht den Erwartungen seiner Eltern entsprachen. Das Einzige, was ihn ein bisschen interessierte, waren Mathematik, Physik und Chemie, aber im Großen und Ganzen, erschien ihm die Schule wie eine Zwangsjacke, wie ein durchaus entbehrliches Übel. Sein Bruder Wolfgang dagegen war ein fleißiger Schüler und führte bis zum Abitur die Klassenspitze an. Beide zusammen, kann man ruhig sagen, waren guter Durchschnitt.
Sehr häufig sollte sein Bruder Helmuts Schulaufgaben beaufsichtigen. Mit ein paar kleinen Bestechungen jedoch erreichte Helmut, dass Wolfgang den Eltern vorschwindelte: Helmut habe alles gemacht. Und so konnte er sich wieder draußen herumtreiben, meistens begleitet von seinem älteren Bruder, der zwar leichter und lieber lernte, sich aber allem möglichen Blödsinn nicht verschloss.
Beliebt waren Straßenschlachten mit Jungen aus einem anderen Stadtteil oder mit solchen, die andersfarbige Schülermützen trugen. Aus den Stahlstäben eines alten Schirms hatte sich Helmut so etwas Ähnliches wie eine Armbrust gebaut. Als dieses Gerät dabei – selbstverständlich nur als Verteidigungswaffe – zum Einsatz kam, konnte er nicht verhindern, einen der gegnerischen Jungen am Kopf zu treffen. Bums fiel der um, und sie nahmen Reißaus. Tot oder schwer verletzt war der auf keinen Fall, das hätte sich herumgesprochen, sagte sich Helmut.
Helmut besaß auch eine Neunmillimeter-Tesching, die er mit Schrotpatronen belud. Dann trieb er sich auf dem Rennplatz herum, der Pferderennbahn, die an den Friedhof grenzte, und schaute aus, was da so an Jagdbarem zu sehen war, und das nahm er sich dann vor. Bis er Leute von Weitem kommen sah, mit Hund. Dann ging's ab über den Zaun nach Hause. Waffen und Jagen wurden so schon früh zu seiner Leidenschaft, die ihn vor allem in der Blüte seiner Jahre nicht verließ.
Nach Feierabend, wenn die Kirche zum letzten Mal geläutet hatte, streifte Helmut oft auf dem Friedhof, an den das Grundstück seines Elternhauses grenzte, herum, meist allein. Aber einmal war er mit seinem Bruder dort unterwegs. In einem der uralten Gräber, von denen einige schon eingefallen waren, erblickten sie ein tiefes Loch. Er sofort mit seiner Hand hinein, kriegt auch was zu fassen und zieht an Haaren einen glibbrigen Totenkopf heraus. Vor Schreck stopfte er ihn gleich wieder in das Loch zurück, und beide bewahrten Stillschweigen über diese Angelegenheit.
Ängstlich war der Junge nicht. Aus dem Zimmer, das er mit seinem Bruder teilte, war es für ihn ein Leichtes, aufs Dach zu klettern, um dort öfter mal an der Antenne für ihre verschiedenen Detektorempfänger zu werkeln. Sie hatten sie vom Schornstein bis an einen der Friedhofsbäume hinter dem Zaun gespannt. Und wenn er dann so auf dem Dach spazieren ging, überkam ihn auch die Lust, auf dem First entlang zu laufen, über den Schornstein zu springen und dahinter weiterzulaufen. Kein Problem für ihn, er war ja schwindelfrei. Sahen ihn die Nachbarleute auf der anderen Straßenseite, alarmierten sie seine Mutter. ‚Ach Gottchen, mein Jung, komm bloß schnell runter, du fällst uns noch vom Dach', rief sie.
Ganz so schlecht, wie er später glauben machen wollte, war Helmut in der Schule nicht. Ihm war viele Jahre lang die ehrenvolle Aufgabe eines Klassenordners übertragen, wie man das damals nannte. Er half den Lehrern den Unterricht vorbereiten zum Beispiel in Physik die Versuche, in Erdkunde die Landkarten heraussuchen und aufhängen. Mit dem Lehrer Jahnke, den sie wegen seiner walrosshaften Erscheinung Dschenny nannten, pflegte er, am Tage zuvor alles für den Chemieunterricht herzurichten. Da kam es schon mal vor, dass der sagte: ‚Jungchen, wir wollen es uns mal gut gehen lassen.‘ Ein Reagenzglas füllte er halb voll mit absolutem Alkohol, verdünnte mit Wasser und tat dann irgendwelche Reagenzien hinein, weiß der Deiwel was, schüttelte alles, und meinte dann verschmitzt: ‚Jetzt trinken wir beide mal einen guten Schnaps und rauchen eine Zigarette.‘ Dabei gab es für rauchende Schüler normalerweise nur Prügel. Aber Dschenny wollte bloß mal sehen, ob dem Jungen dabei schlecht wurde.
Lehrer Pohlke mochte Helmut, und er ihn. Pohlke stand im Ruf, Kommunist zu sein. Der Schrecken der Roten Gefahr – hätte zu anderer Zeit, auch in einem anderen, freiheitlichen Land Entlassung aus dem Schuldienst zur Folge gehabt. Bei ihm genoss Helmut den Zeichenunterricht, lernte von ihm eine Menge und wurde gefördert, weil er in diesem Fach ein Talent entwickelte. So wurde er während des Unterrichts schon mal in die Stadt geschickt, sollte irgendwo eine Ecke zeichnen oder ein paar Schiffe im Hafen. Schnell war er vertraut mit Federzeichnung, Rötel, Aquarell oder Ölmalerei. Die meisten Bilder schenkte er seiner Mutter, hörte aber mit der Malerei auf, als er ins Berufsleben trat, mit anderen Dingen beschäftigt und auch recht bald verheiratet war.
Dennoch, den ganzen Tag in der Schule zu bleiben, weckte in ihm Antipathie, ja, wurde ihm zur Qual. Dazu noch die tägliche Aufsicht durch seinen Bruder, der dieselbe Schule besuchte. Zum Glück trennten sich ihre Wege an der Schultür. Wolfgang ging in sein Klassenzimmer und Helmut verschwand unten im Heizungsraum, wo er seine Büchertasche verwahrte. Da waren keine Bücher drin, sondern die Schlittschuhe. Der Schlossteich lag ja nur vier bis fünfhundert Meter von der Schule entfernt. Da konnte er leicht vormittags Schlittschuh laufen und mittags pünktlich im Keller des Schulgebäudes die Schlittschuhe wieder in seiner Tasche verstauen, auf den Bruder warten und mit ihm gemeinsam nach Hause gehen. Nur zu dumm, dass nach ungefähr acht Tagen mein Klassenlehrer Wolfgang fragte: ‚Sagen Sie mal, ist Ihr Bruder immer noch krank?’ Sagt der: ‚Der ist doch nicht krank, der geht doch jeden Tag zur Schule.‘ ‚Soso, na, dann geben Sie mal zu Hause diesen Brief ab. Ihr Bruder war nämlich eine ganze Woche nicht in der Schule.‘ Das gab wieder einmal Anlass, dass Vater Franz erzieherische Maßnah-men treffen musste. Aber dem Jungen waren es die zusätzlichen Ferien wert.
Mit dem Bruder übers Wochenende dreißig, vierzig Kilometer durch das dünn besiedelte Ostpreußen gewandert, an Seen genächtigt. Von Königsberg den Pregel entlang bis zum Haff nach Cranz, nach Juditten oder sonst wohin. Eine Flasche kalten Kaffee, Muckefuck, mit dabei und später in eine Scheune gekrochen. Einmal waren sie die vierzig Kilometer zur Ostsee nach Rauschen gegangen, mussten über das Alk-Gebirge, das einzige Gebirge in Ostpreußen mit einer Skisprungschanze. Ziemlich verschwitzt hatten sie sich unter einen Busch gelegt, in einen Woilach, eine Art Pferdedecke, gehüllt, zusammengerollt und geschlafen und morgens früh gefroren wie die Schneider. Sie hatten ja nicht geahnt, wie die Morgenkühle sie durchschuddern konnte. Und was machen sie? Springen nackt in die Ostsee, glauben, dass diese kalte Dusche sie warm machen würde. Aber weit gefehlt. Das verdunstende Wasser entzog ihrem Körper die restliche Wärme, und sie froren viel mehr als zuvor und getrauten sich nicht, sich mit der Unterwäsche abzutrocknen. Mit den Händen haben sie sich gegenseitig beklatscht, bis sie trocken waren, und haben sich trotzdem nicht erkältet.
In freier Natur sich aufhalten, nicht täglich zweieinhalb Kilometer zur Bessel-Oberrealschule trotten und die Stunden absitzen. Eine Zeitlang begleitete ihn dabei Gunda, die Schäferhündin, trug brav seine Tasche im Maul. An der Schule nahm er sie ihr ab, sagte: Geh nach Hause! Und sie drehte sich um und lief tatsächlich nach Hause. Ein kluges Tier, und die Mutter war sehr stolz auf sie. Sie machte sich einen Spaß daraus, den Haustürschlüssel unter dem Teppich zu verstecken. ‚Gehen wir Gassi, Gunda‘, pflegte sie zu sagen, ‚aber such den Schlüssel!‘ Und der Hund fand ihn und trug auch die Einkaufstasche im Maul.
Die Schule lag mitten in der Stadt, in der Nähe des Roßgärte-Marktes, ein winkliges Gebäude, an der Rückseite mit der Königin-Luise-Schule – nur für Mädchen – aneinander gebaut. Trotz der massiven Bombenangriffe existiert das alte Gebäude heute noch. Nicht als Schule, ein Institut ist dort untergebracht, und es ist recht gut erhalten, hat sich äußerlich so gut wie nicht verändert.
Nicht als Schüler, erst viel später, eigentlich erst als alles verloren ist, wird Helmut sich des Reizes dieser Stadt bewusst und ruft sich die Bilder in Erinnerung, Schloss und Schlossteich, den Ober-teich, den Rosengarten, das Glacis, den Tiergarten, die repräsentativen Bauten. Die Hafenanlagen, in die jährlich über viertau-send Schiffe auf dem Königsberger Seekanal gelangten, der durch das Frische Haff führt und Pillau auf der Frischen Nehrung mit dem Hafen der Stadt verbindet. Werften und die größten Silos des Kontinents standen dort. Dann der Pregel, auf dem die Segelschiffe hereinkamen vom Haff oder aus der Gegend um Labiau, die Deime entlang und Obst und Gemüse, Zwiebeln und Kartoffeln auf den Markt brachten. Das waren Litauer Kähne, Segelschiffe mit einem einzigen großen viereckigen Segel, einem Treibersegel. Die hölzernen Klappbrücken über den Fluss, die bisweilen als Ausrede herhalten mussten, wenn er mal zu spät in die Schule kam. ‚Die Brücke war hochgezogen', sagte er dann. Und der Lehrer: ‚Wo kommst du denn her?‘ Und wenn er dann wahrheitsgemäß, weil ihm momentan nichts anderes einfiel, antwortete: ‚Aus Kalthof‘, sagte der: ‚Dann brauchst du doch über keine Brücke zu gehen, du Schwindler!‘ Und schwupp, hatte er schon wieder eine Ohrfeige weg.
Inzwischen haben die Russen die Straße angehoben. Die Schiffe können jetzt ohne Schwierigkeiten unter den Pregel-Brücken hin-durch. Das Gebäude der Börse in unmittelbarer Nähe liegt jedoch wie in einem tiefen Loch.
Wie kindliche Sorglosigkeit nichts erahnen lässt, hätte sich zur damaligen Zeit niemand vorstellen können, dass das Bismarck-Denkmal – dreißig Jahre später – zum Sammelpunkt für die Schwarzmarkthändler der neuen Bevölkerung, der Russen, werden würde. Die ostpreußische Hauptstadt glich schon bald einer russischen Stadt. Den Steindamm, einst die belebteste Straße, bevölkerten fliegende russische Händler in hohen Pelzmützen und abgetragenen Mänteln. Orientalische Buntheit bot der Markt an der Waldburg-Ecke am Rande des ehemaligen Messegeländes, er hatte sich zum Basar entwickelt eine klägliche Fortsetzung des Handels, der hier einst in der Deutschen Ostmesse seinen Höhepunkt fand. Carl Friedrich Goerdeler aus Schneidemühl in Posen/Westpreußen und von 1920 bis 1930 zweiter Bürgermeister in Königsberg hatte sich um diese Ostmesse verdient gemacht. Später war er Oberbürgermeister in Leipzig und wurde wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen die Nazis 1945 hingerichtet. Er wäre nach erfolg-reichem Attentat auf Hitler als künftiger Reichskanzler vorgesehen gewesen.
Vom Glanz der ehemaligen Königsstadt hat Helmut nichts mehr gesehen und kaum etwas wiedererkannt, als er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch einmal ins ehemalige Ostpreußen und nach Königsberg gereist ist. Heute russisch Kaliningrad, umgeben von Litauen und Polen und dadurch von Russland getrennt. Auch das Schloss, in dem sich einst ein Kurfürst selbst zum König krönte, zum König in Preußen, als Friedrich I., im Januar 1701, in dessen riesigem Hof Freilichtaufführungen stattfanden, dieses Stamm-schloss der Hohenzollern in Preußen existiert nicht mehr, seine Trümmer sind abgeräumt.
Ob es ihn berührt hat, dass aus seiner Heimatstadt eine russische Stadt geworden ist, ließ er sich nicht anmerken. Dazu verlor er kein Wort. Darauf angesprochen, hätte er es mit einer wegwerfenden Handbewegung abgetan. So war er eben. Über Gefühle redet man nicht!
1925 jedenfalls ist für den Sechzehnjährigen der Schulweg keine tägliche Pflichtübung mehr. Es ist Schluss mit dem Auswendiglernen von Geschichtszahlen, wer wann wo geboren ist oder welche Schlacht wann wo geschlagen wurde. Das hat er sich nie merken können und ihm den Spaß an Geschichte gründlich verdorben. Den Weg soll jetzt ruhig seine jüngere Schwester Elsa nehmen, die in die Königin-Luise-Schule geht, noch bis März 1928. Sie ist ein braves Mädchen. Mit ihr sind die Eltern immer zufrieden. Kein Foto, auf dem sie nicht freundlich und gewinnend lächelt.
Schon beim ersten Mal, 1916 war es, als Vater Franz einen professionellen Fotografen kommen ließ, um von den drei Kindern hinter dem Haus im Garten ein Lichtbild machen zu lassen. Man geht ja mit der Zeit. Der Mann schleppte dann auch einen immerhin fortschrittlichen Apparat heran, vermutlich eine Nettel-Deckrullo-Plattenkamera, arrangierte die drei im Sonnenlicht, so dass sie sich bei verhältnismäßig kurzer Belichtungszeit nicht lange ruhig zu halten brauchten und schob die Glasplattenkassette ein. Da sitzt das fünfjährige Mädchen mit baumelnden Beinchen auf einem Stuhl zwischen den Jungen, die in Matrosenanzügen mit Kniehosen dastehen. Ein eingefangener Moment, aber bezeichnend für das ganze Leben. Der Älteste hält seine Arme auf dem Rücken verschränkt und den Kopf leicht seitlich geneigt, so wie er es später immer tat, im privaten wie im beruflichen Leben, die er wohl nicht trennen konnte, jedenfalls blieb er – allen Umständen zum Trotz – immer der dozierende Studienrat. Gleichmütig und wie in Gedanken schaut er auf dem Foto drein, dabei konnte er als Erwachsener unverhofft jähzornig werden. Helmut, einen Fuß vorgesetzt, die Hände nur momentan untätig, wirkt wie dahin gestellt und auf dem Sprung, möglichst schnell wieder wegzukommen. Die Schwester hat die Hände im Schoß gefaltet, Spucklocken an den Schläfen und bauschige Schleifen oben an den Zöpfen. Sie allein lächelt.
Nicht so an jenem Wintertag, als sie ihrem Bruder Helmut auf den Schlossteich folgte. Der war zugefroren, aber das Eis trug mal gerade so. Sie nannten das Wuchteis, das heißt, wenn sie darüber liefen, hob und senkte sich das Eis noch wie eine große Welle. Es brach nicht, war aber noch elastisch. Helmut wollte dort Schlitt-schuh laufen, sie nur so schurgeln, über die Eisfläche hingleiten. Lange stehen bleiben durfte man ja nicht, dann bog sich das Eis immer weiter und konnte brechen. Die Schwester erst hinter ihm her, und mit einem Mal läuft sie weg, muss da unter die Brücke runterkriechen, hat dort wohl irgendwas gesehen. Aber da ist eine Blänke, eine ganz dünne Eisschicht, und schon liegt sie im Wasser. Und Helmut, ohne sich zu besinnen, er hatte damals schon schwimmen gelernt, er also ohne sich zu besinnen, mit Schlittschuhen an den Füßen, Mantel am Körper, in das Wasser rein, zieht die Marjell heraus. Aber bei ihm geht das nicht so leicht. Sie hat er ja noch raufschubsen können. Wenn er sich aber aufstützt, bricht die Eis-kante immer wieder ab. Das dauert eine ganze Weile, bis er endlich wieder etwas festeres Eis zu fassen bekommt. Und da steht die Schwester auf dem Eis und brüllt und friert.
Ihm fällt nichts Besseres ein, als ihr links und rechts ein paar auf die Ohren zu hauen. ‚Los, komm nach Haus!’ schreit er und eilt zu einer Taxe, damals noch Pferdedroschke, und sagt: ‚Bringen Sie uns bitte nach Hause.‘ Der Taxler merkt gar nicht, wie nass die Beiden sind, die sich da aufs blausamtene Polster setzen und mit Nässe durchtränken. Erst als die Mutter, die ist gerade alleine zu Hause, bezahlt, sagt der Droschkenfahrer: ‚Oh, die Kinder haben ja die ganze Taxe voll Wasser gemacht!' Na, sie bekommen statt einer Tracht Prügel, weil sie ja noch am Leben sind, feine Kachlinskes, gebraten aus dem Teig gekochter Kartoffeln, und werden ins Bett gesteckt.
Von seinem Großonkel Gustav aus Preußisch-Holland, bei dem seine verwaiste Mutter ihre Kindheit verbracht hatte, erhielt Helmut für seine mutige Tat dreitausend Mark Belohnung, eine stolze Summe zur damaligen Zeit. Onkel Gustav konnte sich das leisten, besaß ein Hotel mit Ausspann. Es gab ja noch keine Autos, und so brauchte man auch noch keine Parkplätze. Dafür musste ein Hotel einen Ausspann vorhalten, wo die Pferde eingestellt und gefüttert wurden. Die Wagen blieben auf der Straße stehen.
Bei Onkel Gustav, eigentlich Großonkel Gustav, verbrachten sie häufig ihre Sommerferien und gingen in der Weeske baden. Und als kleiner Steppke, konnte gerade mal gut laufen, aber hatte noch nicht schwimmen gelernt, nahm Helmut schon damals den Mund voll, kam ja aus der Großstadt, und pulsterte sich vor der Dorfjugend auf, er könne schwimmen. Na, die zögerten nicht lange, packten ihn an Arm und Bein und wollten seine Schwimmkünste bestaunen, hatten dann aber ein Einsehen, als er viel Wasser schluckte und japste, und holten ihn wieder heraus, schlugen ihm auf den Rücken und grinsten: ‚Siehste, jez ham wer jesehen, wie du schwimmen kannst.‘
Da hätte er seiner Schwester im Grunde nicht böse sein dürfen, als die ins Wasser fiel.
Jedenfalls ging sein Belobigungsvermögen in der Inflation zum Teufel. Damals, nach dem Ersten Weltkrieg, war der deutsche Staat derart enorm verschuldet, dass einfach mehr Geld gedruckt werden musste. Woraufhin die Preise explodierten, die Löhne und der Lebensstandard abstürzten, die Sparguthaben verpufften. 1922/23 erschienen innerhalb weniger Monate Geldscheine mit Beträgen über eine Million, eine Milliarde und schließlich sogar über eine Billion Mark. Für Münzgeld gab es nichts mehr zu kaufen. Ein Kilo Brot kostete von Woche zu Woche Millionen und am Ende über 500 Milliarden Mark. Im Handumdrehen wurde auch Helmuts Geld wertlos. Fein raus waren nur die Leute, die Sachwerte besaßen und Schulden hatten. Wer arbeitete, ließ sich seinen Lohn täglich auszahlen, hetzte in die Geschäfte, um der nächsten Preissteigerung zuvorzukommen. Pausenlos wurde Geld nachgedruckt. Erstmals lohnte es sich nicht mehr für Räuber, Geldtransporte zu überfallen. Dafür hatte der Staat im Nu einen Großteil seiner Schulden bei den Bürgern, die Kriegsanleihen, getilgt. Die Siegermächte senkten daraufhin, im eigenen Interesse, die jährliche Schuldenrate. Es waren wohl über hundert Milliarden Goldmark, die in zweiundvierzig Jahren gezahlt werden sollten, bis 1965.
Aber dann kam die Währungsreform, und aus einer Billion Infla-tionsmark wurde eine Rentenmark, ein Jahr später die Reichsmark. Der wirtschaftliche Aufschwung brachte ihnen die ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘, bis zum Schwarzen Freitag, dem 25. Oktober 1929. Ende, Kursverfall, Verkaufspanik, Abzug des investierten Geldes, Zusammenbruch von Banken und Unternehmen, eingeschränkte Produktion, Arbeiter entlassen. Wieder war der kleine Mann um sein Geld betrogen, niemand wollte mehr sein Geld einer Bank anvertrauen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 6 Millionen an. Das war im Winter 1932/33. Da waren die drei Geschwister, die fast zwanzig Jahre unter einem Dach verbracht hatten, bereits erwachsen. Der Zusammenhang muss eher als locker statt innig bezeich-net werden. Sie nahmen aneinander so wenig teil wie Geschwister zu allen Zeiten, wie die meisten, die nicht einmal am Grab das Versäumte bedauern. Was weiß der eine vom anderen? Gewiss, in jungen Jahren unternahmen die beiden Brüder noch recht viel gemeinsam. Dann studierte der Ältere, lernte ja leicht, war dabei nicht übermäßig ehrgeizig, nicht ungesellig, gehörte sogar einer schlagenden studentischen Verbindung an, besaß auch einen hintergründigen, manchmal bissigen Humor. Doch mit seinem Stu-dium lockerte sich der Kontakt zum Bruder Helmut für viele Jahre, bis sie sich im Alter wieder ein bisschen näher kamen. Nicht wirklich nah, weil sich Helmut, der pfiffige, gesellige, praktisch veranlagte gegenüber dem wenig zugänglichen, doktrinären, un-flexiblen Bruder, der zwar sehr belesen und ein Sammlertyp war – vorzugsweise Heraldik, also Wappenbilder – überlegen gab.
Miteinander vertraut oder einander zugetan konnte man sie sich nicht vorstellen und mit ihrer Schwester erst recht nicht. Das Unverbindliche hätte zwischen den Geschwistern fortbestanden, auch wenn der Krieg sie nicht auseinander gerissen hätte und ihrer Schwester nicht ein besonderes Schicksal zuteil geworden wäre. Für die meisten dieser Generation, der im und nach dem Ersten Weltkrieg Geborenen, blieb Herzlichkeit zeitlebens ein nicht entbehrter Mangel, sie waren unfähig, sich gefühlvoll und warmherzig zu zeigen. Die Aufgabe der Eltern bestand darin, die Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen. Und so ist es eher dem Zufall überlassen, dass sich eine gefühlsmäßige Bindung zwischen den Familienmitgliedern entwickelt und sie sich nicht nur im Faktisch-Vordergründigen aufhalten und nur dies als erwähnenswert erachten. Die Schwester, 1911 geboren, wurde von ihren Brüdern wenig beachtet. Für die Brüder existierte sie wie ein Schatten.
