Die besten Ärzte 25 - Sammelband - Katrin Kastell - E-Book

Die besten Ärzte 25 - Sammelband E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe! Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden. Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert! Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis! Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane: Chefarzt Dr. Holl 1790: Schwester Anja schweigt Notärztin Andrea Bergen 1269: Als Amors Pfeil sein Ziel verfehlte... Dr. Stefan Frank 2223: Drei Engel im Schnee Dr. Karsten Fabian 166: Geständnis unter weißen Birken Der Notarzt 272: Für Sie tu ich alles, Dr. Kersten! Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten. Jetzt herunterladen und sofort sparen und lesen.

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Impressum

BASTEI LÜBBE AG Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Für die Originalausgaben: Copyright © 2014/2015/2016 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv: © lenetstan/shutterstock ISBN 978-3-7517-1087-9 ww.bastei.de www.luebbe.de www.lesejury.de

Katrin Kastell, Isabelle Winter, Stefan Frank, Ulrike Larsen, Karin Graf

Die besten Ärzte 25 - Sammelband

Inhalt

Katrin KastellDr. Holl - Folge 1790Für Anja Schreiber ist die Arbeit auf der Kinderstation der Berling-Klinik mehr als nur ein Beruf, und als der Assistenzarzt Dr. Norbert Grün um ihre Hand anhält, ist ihr Glück perfekt. Doch dann wird der zehnjährige Sebastian zur Behandlung einer schweren Leukämie in die Berling-Klinik eingewiesen, und die Vergangenheit holt Schwester Anja gnadenlos ein: Vor zehn Jahren nämlich ist in der Klinik, in der sie damals beschäftigt war, ein furchtbarer Fehler passiert, über den - auf Befehl des Klinikleiters - der Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Für Sebastian könnte das jetzt fatale Folgen haben. Anja weiß, dass sie nicht länger schweigen darf. Sie ahnt jedoch auch, dass ihr Verlobter, dem sein Berufsethos über alles geht, kein Verständnis für ihr jahrelanges Schweigen aufbringen wird. Und genau das geschieht auch. Nun muss Anja damit leben, dass sich ihre große Liebe enttäuscht von ihr abwendet, aber zumindest bleibt Sebastian die Hoffnung, es vielleicht doch noch zu schaffen ...Jetzt lesen
Isabelle WinterNotärztin Andrea Bergen - Folge 1269Als die schöne Lisa Hübner den gut aussehenden, sehr charmanten Philipp Jäger kennenlernt, weiß sie es gleich: Er ist der Prinz aus Frauenträumen, der perfekte Mann - für ihre Freundin Sonja, die schon so lange einsam ist! Und so wird Lisa nicht müde, immer neue Liebesfallen auszulegen, um Philipp und Sonja ineinander verliebt zu machen. Dass Lisa sich selbst unwiderstehlich zu Philipp hingezogen fühlt, kann sie in ihrer Mission nicht aufhalten. Um das eigene Liebesglück wird sie sich später kümmern, sagt sie sich ... Doch ausgerechnet auf der Party, auf der Philipp und Sonja endlich zusammenkommen sollten, findet Lisa sich in Philipps leidenschaftlicher Umarmung wieder! Und dieser eine Moment der Schwäche soll ihrer besten Freundin Sonja zum Verhängnis werden ...Jetzt lesen
Stefan FrankDr. Stefan Frank - Folge 2223Dr. Frank und drei aufgeweckte Kinder Der Unfallchirurg Dr. Jan Heller und die hübsche Physiotherapeutin Marion sind wie für einander geschaffen, finden Dr. Stefan Frank und seine Lebensgefährtin Alexandra Schubert. Deshalb sagen die beiden auch nur zu gern zu, als das befreundete Paar sie bittet, ihnen bei ihrer Hochzeit als Trauzeugen zur Seite zu stehen. Es wird eine wunderschöne Trauung, die alle zu Tränen rührt. Doch dann öffnet sich das hölzerne Kirchenportal, und herein tritt ein Mann, der das Leben der beiden Frischvermählten gehörig auf den Kopf stellen wird! Der Beamte vom Grünwalder Jugendamt hat soeben erfahren, dass Jans Schwester Sabine, die schon seit vielen Jahren in Südafrika lebt, tödlich verunglückt ist und drei kleine Kinder zurücklässt. Der einzige noch lebende Verwandte ist Jan, also wird er sich um die Rasselbande kümmern müssen. Viel Zeit zu überlegen hat er nicht, denn das Flugzeug aus Johannesburg, in dem Dana, Joel und Lilly sitzen, ist soeben auf dem Münchner Flughafen gelandet...Jetzt lesen
Ulrike LarsenDr. Karsten Fabian - Folge 166Die Fabians freuen sich sehr, dass Karen, die Tochter von alten Freunden, sie nach langer Zeit mal wieder besucht. Und Karen genießt die Ruhe des idyllischen Dorfes Altenhagen sichtlich, spaziert stundenlang durch die Heide und erfreut sich an der Natur - bis sie Florentine Fabian eines Abends von einem aufregenden und auch ein bisschen unheimlichen Erlebnis berichtet: Aus dem "Spöken-Huus", das seit Jahren unbewohnt ist, drang wildes Geigenspiel an ihr Ohr. Wie magisch angezogen, hat sie sich dem Haus genähert. Doch sie konnte nur einen kurzen Blick auf den Virtuosen erhaschen, da wurde sie von einem älteren Mann des Grundstücks verwiesen. Aber wenn Karen erst einmal Feuer gefangen hat, lässt sie sich so schnell nicht verschrecken. Und sie hat Feuer gefangen! Das Glitzern ihrer Augen verrät Florentine, dass der geheimnisvolle Geigenspieler das Herz der jungen Frau berührt hat. Aber warum lässt er sich so abschirmen? Und warum kennt niemand im Dorf seinen Namen?Jetzt lesen
Karin GrafDer Notarzt - Folge 272Wiebke Eichholz, die nach einem leichten Unfall in die Frankfurter Sauerbruch-Klinik eingeliefert wurde, stellt Peter Kersten vor ein Rätsel. Seit fünfzehn Minuten liegt sie mit fest geschlossenen Augen vor ihm und ist nicht ansprechbar. Es gibt jedoch nichts, das eine so lange andauernde Besinnungslosigkeit rechtfertigen würde. Außer ein paar oberflächlichen Abschürfungen kann der Notarzt nichts finden. Innere Verletzungen gibt es ebenfalls keine. Ein eilig durchgeführtes EEG zeigt, dass die Patientin aufgrund ihrer Hirnströme hellwach sein müsste. Spielt sie den Ärzten nur etwas vor? Dagegen sprechen jedoch ihre Vitalwerte, die sich stetig verschlechtern und vermuten lassen, dass die Frau auf einen Schock zusteuert. Nachdem die Eltern der Verletzten informiert wurden, überraschen diese den Notarzt mit einer seltsamen Erklärung für den besorgniserregenden Zustand ihrer Tochter. Als Peter Kersten der bildhübschen jungen Frau kurz darauf endlich in die Augen blicken kann und sanft über ihr Gesicht streichelt, ahnt er noch nicht, dass sich die scheue Wiebke soeben unsterblich in ihn verliebt hat ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Schwester Anja schweigt

Vorschau

Schwester Anja schweigt

Ein dramatisches Schicksal in der Berling-Klinik

Von Katrin Kastell

Für Anja Schreiber ist die Arbeit auf der Kinderstation der Berling-Klinik mehr als nur ein Beruf, und als der Assistenzarzt Dr. Norbert Grün um ihre Hand anhält, ist ihr Glück perfekt. Doch dann wird der zehnjährige Sebastian zur Behandlung einer schweren Leukämie in die Berling-Klinik eingewiesen, und die Vergangenheit holt Schwester Anja gnadenlos ein:

Vor zehn Jahren nämlich ist in der Klinik, in der sie damals beschäftigt war, ein furchtbarer Fehler passiert, über den – auf Befehl des Klinikleiters – der Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Für Sebastian könnte das jetzt fatale Folgen haben.

Anja weiß, dass sie nicht länger schweigen darf. Sie ahnt jedoch auch, dass ihr Verlobter, dem sein Berufsethos über alles geht, kein Verständnis für ihr jahrelanges Schweigen aufbringen wird. Und genau das geschieht auch. Nun muss Anja damit leben, dass sich ihre große Liebe enttäuscht von ihr abwendet, aber zumindest bleibt Sebastian die Hoffnung, es vielleicht doch noch zu schaffen …

„Manuel kommt in mein Team!“, wählte der zehnjährige Thorsten einen Klassenkameraden für sein Völkerballteam aus. Es war Montagvormittag, und die vierte Klasse der Albert-Schweizer-Grundschule in München hatte zum Abschluss des Schultages Sportunterricht.

„Peter zu mir!“, rief Martin, der auf Anweisung des Sportlehrers die zweite Jungenmannschaft zusammenstellen durfte.

„Lobo zu mir!“

Sebastian Zügel saß ganz ruhig und reglos auf dem Rand der großen Sportmatte und sah vor sich auf den Boden der Turnhalle. Niemand sollte merken, wie weh es ihm tat, dass keiner ihn im Team haben wollte. Noch vor zwei Monaten war das ganz anders gewesen. Da hatten sich seine Mitschüler darum gerissen, mit ihm zu spielen.

Sebastian verstand nicht, was mit ihm passiert war. Eben war er noch der beste Stürmer seiner Fußballmannschaft gewesen und hatte sich überall hervorgetan, wo es um Kondition und Geschicklichkeit im Sport ging, ohne sich wirklich Mühe geben zu müssen. Plötzlich fiel ihm alles schrecklich schwer. Nur an seinem Klavier fühlte er sich überhaupt noch wohl.

Sein Trainer beim Fußball holte ihn seit Wochen immer wieder vor der Halbzeit vom Feld und ließ ihn auf der Bank sitzen. Vom Stürmer im Mittelfeld war er zum Verteidiger degradiert worden, und nun drohte ihm das Tor.

Keiner in seiner Mannschaft stand gerne im Tor. Es war der Strafplatz, wenn man zu sonst nichts taugte. Sebastian hatte seinen Eltern schon gesagt, dass er lieber nicht mehr Fußball spielen wollte, um dem entsetzlichen Moment zu entgehen, wenn er das erste Mal ins Tor musste, aber sein Vater war ärgerlich geworden.

„Du wolltest Fußball spielen, und wir haben dich im Verein angemeldet. Wenn man mit etwas anfängt, hört man nicht einfach wieder auf, weil es keinen Spaß mehr macht!“

Sebastian hätte ihm zu gerne gebeichtet, dass er nach wie vor gerne Fußball spielen wollte, aber leider nicht mehr die erforderliche Leistung erbrachte, doch das wagte er nicht. Leistung war für seinen Vater sehr wichtig. Über Leistung bewies man, dass man taugte und es im Leben zu etwas brachte.

„Du musst alles geben und Leistung bringen, Sebastian! Wenn du nicht mit deinen Konkurrenten mithalten kannst, dann bist du ganz schnell aus dem Spiel. Dann hacken alle auf dir herum, und du musst von den Brosamen leben, die den Reichen und Erfolgreichen vom Tisch fallen. Willst du das? Strenge dich an!“ Das sagte Paul Zügel jede Woche mehrmals zu seinem Sohn.

Natürlich wollte Sebastian das nicht, auch wenn er nicht ganz verstand, was sein Vater damit meinte. Für die Existenzängste des Vaters war der Junge noch zu klein. Was er allerdings sehr wohl verstand, war, dass er die Liebe seines Vaters nicht verlieren wollte. Keine Leistung, keine Liebe – so einfach war das.

Paul Zügel war jedes Wochenende zu den Spielen seines Sohnes gekommen und hatte stolz applaudiert, wenn Sebastian ein Tor geschossen hatte. Für den Vater war es eher fremd, dass sein Kind musikalisch war und gerne Klavier spielte. Fußball dagegen war etwas, was Vater und Sohn verband.

Seit der Junge schwächelte und keine hervorragenden Leistungen mehr auf dem Spielfeld brachte, kam sein Vater nicht mehr, und nur seine Mutter saß am Spielfeldrand und lächelte ihm ermutigend zu, wann immer er zu ihr hinsah.

Meist vermied Sebastian, zu ihr hinzusehen. Es machte ihn traurig, wie alleine sie dort saß. Brachte er keine Leistung, wurde auch seine Mutter bestraft und blieb allein. Nein, er musste Leistung bringen! Aber so sehr er das auch wollte, sein Körper machte nicht mit.

Luftmangel, Erschöpfung und Übelkeit bremsten ihn immer schneller aus und ließen ihn taumeln und Fehler machen. Sein Trainer schüttelte nur noch den Kopf.

„Mit dir stimmt doch etwas nicht, Junge! Du musst einmal zum Arzt und gründlich untersucht werden.“

Der Trainer sprach auch mit Sebastians Eltern darüber und riet zu einem Arztbesuch. Einmal war seine Mutter ganz zu Beginn der Probleme mit Sebastian daraufhin beim Kinderarzt gewesen, aber der hatte nur abgewinkt.

„Machen Sie sich keine Sorgen! Sebastian befindet sich im Wachstum, da kann es schon einmal zu solch einem Leistungseinbruch beim Sport kommen. Das kommt wieder!“, hatte der Arzt erklärt.

Sebastian hoffte, dass es bald wiederkam. Manchmal hätte er sich an den Montagen am liebsten in der Schultoilette versteckt, um nicht am Sportunterricht teilnehmen zu müssen. Er wäre gerne heimgegangen, aber sein Vater hatte ihn ohnehin schon in Verdacht, dass er nur vortäuschte, krank zu sein, um nicht in den Unterricht zu müssen.

„Ist dir wirklich so oft schlecht? Du bist doch keine Memme, oder? Außerdem sitzt du ständig am Klavier, wenn ich komme! Dafür geht es dir nie zu schlecht“, hatte er ihn vor ein paar Wochen zur Rede gestellt, als er morgens ein paar Mal zu Hause geblieben war.

„Deine Mutter ist viel zu weich. Ich würde dich in die Schule schicken! Kann ich krank machen, nur weil ich keine Lust habe, ins Büro zu gehen? Nein, ich muss zur Arbeit, weil ich die Brötchen für uns verdienen muss. Solange du Klavier spielen kannst, kannst du auch in die Schule gehen!“

Sebastian hatte gar nicht versucht, sich zu rechtfertigen. Das hatte keinen Sinn.

„Tut mir leid, Papa! Ich strenge mich mehr an“, hatte er versprochen.

Am Abend, als er schon im Bett gewesen war, hatte er dann seine Eltern wegen ihm streiten hören. Die beiden stritten so gut wie nie, und das machte es umso schlimmer, als ihre Stimmen immer lauter wurden.

„Du bist zu hart zu dem Jungen. Er ist ein guter Junge und gibt sich Mühe, Paul. Musst du ihn immer derart unter Druck setzen? Er treibt freiwillig Sport, sitzt in jeder freien Minute am Klavier und übt und ist immer eifrig und bemüht. Wir hatten noch nie Ärger mit ihm“, war seine Mutter für ihn in die Bresche gesprungen.

„Hart? Ich? Das Leben ist hart. Ich möchte ihn nur davor bewahren, zu den vielen zu gehören, die in unserer Gesellschaft durch das Raster rutschen und durchfallen. Was ich alles sehe …“

Paul Zügel arbeitete bei der Agentur für Arbeit, und seine Tätigkeit prägte seinen Blick aufs Leben.

„Sebastian ist zehn Jahre alt. Glaubst du nicht, dass er das Recht hat, Kind zu sein? Er ist ohnehin viel zu ernst“, beschwor Suzi Zügel ihren Mann, aber er konnte sie nicht verstehen.

Die Diskussion war in einen heftigen Streit ausgeartet. Sebastian, der in der Dreizimmerwohnung alles mitbekam, was im Wohnzimmer geschah, hatte sich in den Schlaf geweint. Er hatte sich geschworen, nie wieder der Anlass für einen Streit zwischen seinen Eltern zu sein.

Einige seiner Mitschüler wohnten bei einem Elternteil und durften ihren Vater oder ihre Mutter nur hin und wieder besuchen. Die Eltern waren geschieden. Scheidung war ein böses Wort in Sebastians Welt. Er wollte nicht, dass seine Eltern stritten.

Nach diesem Abend tat er alles, damit seine Mutter nicht mehr bemerkte, wie es ihm ging. Jeden Morgen schleppte er sich in die Schule. Daher saß er trotz Übelkeit und starkem Kopfweh auf der Matte in der Sporthalle und wartete.

Sebastian wurde als Letzter aufgerufen. Peinlicher konnte es nicht sein. Er schlich beschämt aufs Spielfeld. Wie immer beim Sport gab er sein Bestes, aber es strengte ihn sehr an. Der Ball schien von allen Seiten zugleich zu kommen, und ihm war bald schwindelig. Schweiß lief ihm in die Augen und behinderte seine Sicht.

Sebastian war ein guter Fänger, und er hatte einen eisernen Willen. Wieder und wieder fing er den Ball und drehte sich taumelnd um sich selbst, damit ihm kein Angriff entging. Die gegnerische Mannschaft hatte ihn als schwächstes Glied im Visier, und er wollte nicht versagen.

Mit voller Wucht prallte ein Ball in seine Arme, und er fing auch diesen. Als ihm schwarz vor Augen wurde, ließ er den Ball nicht los und presste ihn noch an sich, als er ohnmächtig auf dem Hallenboden zusammenbrach.

***

„Ist das schön! Wie soll man da an die Arbeit denken? Schwester Anja, Sie sind einfach die schönste Krankenschwester weit und breit, und ich möchte Sie immerzu nur ansehen und noch ein wenig mehr … viel mehr … Ja, das möchte ich!“

„Dr. Grün, sind Sie sich eigentlich bewusst, dass Sie hart an der Grenze zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz stehen?“, konterte Anja Schreiber.

Als sie den verdutzten Gesichtsausdruck ihres Freundes bemerkte, musste sie lachen.

„Ich werde Sie nicht anzeigen. Voraussichtlich. Aber nur, wenn Sie mir noch einen Kuss geben, bevor Sie mich schmählich verlassen, um ein guter Mensch zu sein und Ihre Arbeit im Dienste der Allgemeinheit zu leisten“, erpresste sie ihn, beugte sich über ihn und ließ ihn nicht aus dem Bett.

„Biest!“, schimpfte er, löste ihre Forderung aber nur zu gerne ein.

Dr. Norbert Grün machte gerade seinen Facharzt in Kindermedizin und arbeitete genau wie Anja Schreiber auf der Kinderstation der Berling-Klinik in München. Die beiden waren seit einigen Monaten zusammen. Noch hatte jeder von ihnen seine eigene Wohnung, aber sie spielten mit dem Gedanken zusammenzuziehen.

In der Regel verbrachten sie ihre freie Zeit schon jetzt meist gemeinsam in Anjas kleiner Zweizimmerwohnung. Nur selten schafften sie es, getrennte Wege zu gehen.

„Wenn wir uns unter diesen beengten Umständen nicht lynchen, müssen wir füreinander bestimmt sein!“, frotzelte Norbert oft.

Anja fand es schön, mit ihm zusammen zu sein, und konnte sich durchaus vorstellen, dass mehr daraus wurde. Er war warmherzig, sensibel und hatte eine Charakterqualität, die sie besonders schätzte. Norbert war ein aufrechter Mensch, der zu dem stand, was er für gut und richtig hielt. Das war selten.

„Jetzt muss ich mich sputen, sonst komme ich zu spät“, schimpfte er, als er nach einem Blick auf den Wecker aus dem Bett sprang.

„Tja, es kann nicht jeder einen freien Tag haben. Du Armer!“, neckte sie ihn und kuschelte sich noch einmal genüsslich unter die Decke.

„Danke! Immer dieses weibliche Mitgefühl! Kannst du mir sagen, was ich an dir finde?“, beschwerte er sich, bevor er unter der Dusche verschwand.

„Keine Ahnung! Ich glaube, du hast einmal erwähnt, dass ich die schönste Kinderschwester bin, mit der du zurzeit zusammenarbeitest“, rief sie ihm nach.

„Stimmt genau! Das war es“, kam es aus dem Badezimmer, bevor er die Tür schloss.

Anja winkte ihm, als er fünfzehn Minuten später aus ihrer Wohnung stürmte, und blieb noch etwas im Bett. Glücklich lächelte sie in sich hinein. In ihrem Leben hatte es tiefe Täler gegeben, und sie erinnerte sich gut, dass sie manchmal nahe daran gewesen war, den Mut zu verlieren. Umso dankbarer war sie für das Glück, das sie nun gefunden hatte.

Die Berling-Klinik war ein guter Arbeitsplatz, an dem sie sich wohlfühlte und als Stationsschwester von allen anerkannt war. Norbert brachte eine Heiterkeit und Unbeschwertheit in ihr Leben, die sie zuvor kaum gekannt hatte. Er war ein großartiger Mann, und sie konnte sich vorstellen, den Richtigen gefunden zu haben.

Noch ließ sich das nach der kurzen Zeit nicht sagen, aber Anja war verliebt. Momentan konnte sie sich ein Leben ohne Norbert nicht mehr vorstellen. Das war schön, aber sie wusste aus Erfahrung, wie schnell Menschen sich entfremden konnten, wenn sie mit Charakterzügen konfrontiert wurden, mit denen sie nie und nimmer beim anderen gerechnet hätten.

Letzten Endes blieben Menschen sich selbst immer ein Mysterium und konnten nur ahnen, wer sie eigentlich waren. Umso mysteriöser wurden dadurch Beziehungen – Begegnungen von zwei Schatten im Nebel. Anja wagte keine Langzeitprognosen mehr.

Vor zehn Jahren war sie schon einmal verlobt gewesen. Auch damals hatte sie geliebt, aber diese Liebe war nach einem schlimmen Vorfall von einem Moment auf den anderen erloschen. Nichts als tiefe Trauer und Enttäuschung waren von ihr geblieben.

Nach dieser Erfahrung hatte sie lange jedes Interesse an Männern verloren. Im Grunde war Norbert der erste Mann, der ihr Herz wieder erreichte. Es war berauschend und bezaubernd schön, und doch blieb ein letzter Rest Zweifel und Skepsis. Was war, wenn auch sie vom Leben auf die harte Weise getestet wurden? Konnten sie bestehen? Sie hoffte es.

Anja hatte eine Lektion des Lebens auf die harte Weise gelernt: Alles, absolut alles konnte sich jederzeit ins Gegenteil verkehren. Sicherheit gab es nicht, und nur der Augenblick war gewiss.

Sie erholte sich an ihrem freien Tag, auch wenn er zu einem guten Teil damit gefüllt war, alles aufzuarbeiten, was sich angesammelt hatte. Sie wusch zwei Maschinen Wäsche, putzte ihre Wohnung einmal durch und erledigte den Einkauf für die nächsten Tage, an denen Norbert und sie beide keine Zeit für so etwas haben würden.

Als er am frühen Abend aus der Klinik kam, war das Essen fertig, und auf dem winzigen Balkon war der Tisch gedeckt. Er begrüßte sie mit einem zärtlichen Kuss.

„Daran könnte ich mich gewöhnen!“, seufzte er zufrieden, als sie ihm Suppe in den Teller schöpfte.

Anja lachte. Sie mochte es, jemanden zu verwöhnen, wenn sie die Zeit dafür fand. Ein Leben als Hausfrau und Mutter konnte sie sich allerdings nicht vorstellen. Da sie inzwischen dreiunddreißig Jahre war, blieb ihr nicht mehr gar zu viel Zeit, ihre Meinung zu ändern.

Obwohl sie Kinder liebte und die Arbeit auf der Kinderstation für sie mehr als nur ein Beruf war, hatte sie selbst noch keinen Kinderwunsch. Unter Umständen konnte sich durch das Zusammenleben mit Norbert irgendwann daran etwas ändern, aber das ließ sie auf sich zukommen.

Zum Glück sah Norbert es ähnlich entspannt. Er konnte sich vorstellen, irgendwann Vater zu werden, aber sein Lebensglück und seine Zufriedenheit hingen nicht von eigenen Kindern ab. In dieser Hinsicht passten sie gut zusammen.

„Wie war dein Tag?“, fragte Anja, als sie sich zum Essen gesetzt hatten.

„Es geht so. Heute wurde ein Junge in die Notaufnahme gebracht, der im Schulsport bewusstlos zusammengebrochen ist. Wir haben ihm Blut abgenommen. In dem Blut fanden sich fast keine roten Blutkörperchen mehr. Verdacht auf Leukämie. Jetzt liegt er auf der Kinderstation“, erzählte Norbert.

„Das ist schlimm“, sagte Anja. „Wie alt ist er denn?“

„Er ist zehn. Morgen machen wir die notwendigen Tests, um den Verdacht zu bestätigen, aber im Grunde ist es eine reine Formsache. Ich musste seine Eltern darauf vorbereiten, dass sich für ihr Kind und sie alles ändern wird. Dass sie in den kommenden zwei Jahren um das Überleben ihres Jungen ringen werden. Normalität wird etwas sein, wovon sie lange nur träumen werden.“

Mitfühlend strich Anja Norbert über die Wange, bevor sie sich setzte.

„Das tut mir leid.“

„Mir auch. Es ist mir ein Rätsel, wie es Sebastian so lange gelungen ist, die Schule zu besuchen und trotz Müdigkeit und Beschwerden einen nahezu normalen Alltag zu bewältigen. Kinder sind unglaublich.“ Angesichts der verheerenden Blutwerte konnte der Arzt sich vorstellen, wie der Zustand des Jungen gewesen sein musste.

Anja nickte ernst. Für alle, die mit kranken Kindern zu tun hatten, war es immer wieder ein Phänomen, wie sehr sich Kinder von den meisten Erwachsenen unterschieden. Sie passten sich deutlich schneller an Veränderungen an, glaubten oft an Wunder, und Wunder waren es, die sie vollbrachten.

„Hoffentlich schlägt die Chemotherapie gut bei ihm an!“, wünschte sie dem Jungen, von dem sie wusste, dass sie ihn am nächsten Morgen kennenlernen und als Krankenschwester betreuen würde.

„Gut und vor allem sehr schnell!“, stimmte Norbert ihr zu. „Sein Vater dachte tatsächlich, der Junge würde sich nur krank stellen, um der Schule zu entgehen. Unglaublich!“

„Alles ist besser als ein todkrankes Kind. Da redet man sich einiges ein, um das Offensichtliche nicht sehen zu müssen“, meinte sie verständnisvoll.

Norbert nickte nachdenklich.

„Die Eltern wollen nicht, dass Sebastian erfährt, wie krank er ist. Sie glauben, es sei besser, wenn wir für ihn die Lüge von einer harmlosen Mangelerscheinung erfinden.“

„Seltsam, wie viele Eltern ihre Kinder unterschätzen“, kommentierte Anja.

„Die Zügels wollen ihr Kind nur behüten. Ich verstehe das gut und kann nicht die Hand für mich ins Feuer legen. Weißt du, auch ich würde es wie eine Art persönliches Versagen werten, wenn mein Kind so krank wäre.“

Anja war unwillkürlich vom Stuhl aufgesprungen, der dabei heftig an die Balkontür schlug. Sie starrte Norbert entsetzt an und wirkte verstört und zutiefst betroffen.

„Das ist dumm. Ich weiß das genau!“, rechtfertigte sich ihr Freund rasch, der ihre Reaktion auf seine Aussage bezog. „Aber man ist doch verantwortlich für sein Kind, und da man verantwortlich ist, hat man den Anspruch an sich selbst, es vor jedem Übel zu behüten. Man hätte es vor der Krankheit bewahren müssen. Das hat man aber nicht getan: schuldig!“

Anja zuckte zusammen, als ob der Schuldspruch sich auf sie beziehen würde.

Norbert musterte sie und kam zu dem Schluss, dass es etwas anderes sein musste, was sie derart aus der Fassung brachte. So ein Verhalten war für die ansonsten äußerst gelassene und beherrschte Anja sehr ungewöhnlich.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er besorgt.

„Sebastian Zügel – natürlich kann es eine Namensgleichheit sein, aber ich war vor zehn Jahren auf der Säuglingsstation tätig, als er geboren wurde. Ich … ich glaube, ich kenne den Jungen. Er kam acht Wochen zu früh, lag lange im Brutkasten, hat sich aber gut entwickelt. Er war unser Vorzeigefrühchen – damals.“

Anja zwang sich zur Ruhe und setzte sich wieder hin. Nicht einmal Norbert wagte sie, die ganze Geschichte zu erzählen. Sie hatte versprechen müssen zu schweigen und eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben. Redete sie, konnte sie ihren Beruf aufgeben und würde ihr ganze Existenz verlieren. Selbst nach der langen Zeit war sie an ihr Wort gebunden.

All die Jahre hatte sie ihr Versprechen gehalten, sosehr ihr Gewissen auch immer wieder rebellierte. Holte die Vergangenheit sie nun ein? War es naiv gewesen zu glauben, dass so eine Schuld ungesühnt in Vergessenheit geraten konnte?

Lange Jahre hatte sie jeden Tag damit gerechnet, von den wütenden oder ratlosen Eltern gestellt zu werden. Immer und immer wieder hatte sie solche Szenen in ihren Tag- und Nachtträumen durchgespielt. Nichts war passiert, und irgendwann hatte sie gelernt, mit der Erinnerung zu leben.

Und nun begegnete sie diesen Menschen wieder und musste ihnen in die Augen sehen, ohne ihnen die Wahrheit offenbaren zu dürfen. Eine Wahrheit, die nach dieser Zeit nur noch Leid und Verwirrung stiften konnte, ohne den Schaden jemals gutmachen zu können.

Scham – Anja glaubte, daran ersticken zu müssen. Noch immer war sie im Zwiespalt, ob ihr Verhalten in jener Zeit richtig gewesen war. Sie hatte keine wirkliche Wahl gehabt, aber hätten ihr die Konsequenzen nicht einerlei sein müssen? Wären sie Norbert an ihrer Stelle einerlei gewesen?

„Du siehst aus, als ob der Tod über dein Grab gehuscht wäre“, bemerkte er.

„Entschuldige! Es ist einfach seltsam – im Leben holt einen immer alles wieder ein, oder? Das war noch am Gesundbrunnen, der Privatklinik, in der ich meine Ausbildung gemacht und Kinderschwester geworden bin“, erzählte sie.

Anja fröstelte, als sie an damals dachte.

„Ich kann mich gut an die Mutter erinnern“, fuhr sie fort. „Sie hatte große Angst um ihr Kind, und ich machte mir eine Weile mehr Sorgen um sie als um den Kleinen. Als ihr Baby sich so prächtig entwickelte und den Rückstand in Rekordgeschwindigkeit aufholte, war sie selig.“

„Ich habe heute vor allem mit dem Vater gesprochen, aber die Mutter wirkte warmherzig“, meinte Norbert diplomatisch, weil Paul Zügel ihm eher unsympathisch gewesen war.

„Morgen werde ich sehen, ob es die Familie von damals ist. Komm, lass es dir schmecken, bevor es kalt wird!“, forderte Anja ihn auf, um das Thema zu wechseln.

Norbert hatte Hunger und ließ sich nicht zweimal bitten. Ihm fiel nicht auf, dass Anja für den Rest des Abends recht abwesend war und irgendwie nervös wirkte.

***

„Schwester Anja! Sind Sie es wirklich? Wie kommen Sie denn an die Berling-Klinik?“, fragte Suzi Zügel.

Die Mutter ließ die Hand der Kinderschwester gar nicht mehr los vor Freude, als Anja am Dienstagmorgen das erste Mal in das Zimmer ihres Sohnes kam.

„Sie waren dabei, als Sebastian auf die Welt kam, und haben mich damals so liebevoll durch all die Ängste der ersten Wochen begleitet. Mein Gott, wissen Sie noch, wie winzig er war, wenn er nackt auf meinem Bauch lag?“ Tränen schimmerten in den Augen der Mutter.

Anja nickte lächelnd und bemerkte, wie neugierig Sebastian dem Gespräch folgte. Ihre Blicke trafen sich. Der Junge war bleich, und seine Haut unterschied sich kaum von dem weißen Laken, auf dem er lag. Die Krankheit hatte ihn längst gezeichnet, aber sein Blick war aufgeweckt und wach.

Sie konnte erkennen, dass er eine schöne Kindheit hatte. Das sprach aus seinem furchtlosen, offenen Lächeln, das er ihr schenkte. Etwas in Anja atmete auf. Sebastian wurde geliebt und mit Fürsorge und Wärme aufgezogen. Selbst wenn die Krankheit sein Leben und das Leben seiner Eltern nun durcheinanderwirbeln würde, gab es etwas, worin er die Kraft finden konnte, es durchzustehen und den Krebs zu besiegen.

„Jeden Tag haben Sie mir den Kleinen zwei- und manchmal dreimal auf den Bauch gelegt, damit er sich besser entwickelte und ich mich an ihn gewöhnen konnte. Ich habe mich tatsächlich wie eine Kängurumutter gefühlt. Ohne Sie hätte ich das nicht geschafft.“

Suzi Zügel geriet regelrecht in Begeisterung, als sie sich an Schwester Anjas Fürsorge erinnerte.

„Ich wollte mich später noch einmal bei Ihnen melden, um mich zu bedanken, aber als ich in der Klinik nachfragte, sagte man mir, dass Sie nicht mehr da seien, und man wollte mir nicht verraten, wohin Sie gewechselt hatten. Dann danke ich Ihnen eben jetzt und heute. Danke!“

Anja wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Wenn es eine Mutter gab, die keinerlei Grund hatte, ihr dankbar zu sein, dann war es Suzi Zügel. Die Mutter bemerkte nichts davon, sie war zu tief in ihre eigenen Gefühle verstrickt.

„Sebastian hat sich als winziges Baby schon durchgesetzt. Er ist ein Kämpfer und … und, was auch immer sich ergeben wird, er …“ Sie rang mit den Tränen und begriff schlagartig, dass ihr Sohn jedes Wort hörte und unter Umständen seine Schlüsse ziehen konnte.

„Oh, ich habe etwas Wichtiges im Auto vergessen und muss es rasch holen!“, rief sie unvermittelt und eilte aus dem Raum, weil sie ihr Kind nicht beunruhigen wollte mit ihrem Kummer und ihrer Angst.

„Hallo, Sebastian!“, begrüßte Anja den Jungen und blieb bei ihm. „Ich bin Schwester Anja, und wie du bestimmt gerade mitbekommen hast, kennen wir uns schon sehr lange“, scherzte sie. „Ich habe mich um dich gekümmert, als du auf die Welt gekommen bist und noch ein winziges Windelpaket warst.“

„Mama hat mir die Geschichte ganz oft erzählt. Es war lange meine Lieblingsgeschichte, als ich klein war“, sagte der Junge grinsend, aber dann wurde er ernst.

„Was ist mit Mama? Warum weint sie ständig und will nicht, dass ich es merke?“, wollte er wissen.

„Sie hat dich sehr lieb, und es macht ihr Angst, dass du im Krankenhaus bist“, antwortete Anja ehrlich. Kinder anzulügen hatte so gut wie nie Sinn, denn sie bekamen das Wesentliche ohnehin mit.

Er nickte verstehend.

„Hast du jetzt auch noch eine Lieblingsgeschichte?“, wollte Anja wissen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

„Nö! Ich bin doch kein Baby mehr!“, protestierte er.

„Also ich mag gute Geschichten immer noch“, meinte Anja schmunzelnd.

„Mädchen dürfen das“, erwiderte Sebastian großzügig.

„Danke!“

Sie lächelten sich an, und zwischen ihnen stand von dem Moment an fest, dass sie sich mochten.

„Hast du ein Hobby?“, wollte Anja wissen. Eigentlich hätte sie längst ins nächste Zimmer gehen müssen, aber sie nahm sich Zeit. Sie brannte darauf, mehr über den Jungen zu erfahren, an den sie so oft gedacht hatte, seit er auf der Welt war. Immer wieder hatte sie ihm und dem anderen Kind Segen und Schutz gewünscht und um eine glückliche Kindheit für die Jungen gebetet.

„Klavier spielen – das macht total Spaß. Und ich spiele gerne Fußball, aber …“ Er wurde traurig. „Da bin ich nicht mehr gut. Ich werde zu schnell müde und bin ständig aus der Puste. Schade! Heute Nachmittag habe ich eigentlich Training und bin froh, dass ich nicht hin muss“, gestand er traurig.

„Wenn du wieder gesund bist, kannst du rennen und springen wie früher“, versprach Anja ihm. „Aber das wird leider dauern. Du musst Geduld haben und daran glauben, dass alles gut wird“, fügte sie eindringlich an.

Sebastian sah sie nur an, ohne etwas zu sagen. Es war dieser Blick, der ihr sagte, dass er längst wusste, wie es um ihn stand. Er brauchte keinen Namen für seine Krankheit und auch keine ärztliche Diagnose. Er spürte ganz einfach, dass es ernst war und dass sein Leben auf dem Spiel stand.

Suzi Zügel kehrte in Begleitung von Dr. Grün ins Zimmer zurück. Anja und Norbert lächelten sich kurz an, ohne zu erkennen zu geben, wie nahe sie sich standen. In der Klinik wussten ihre Kollegen natürlich, dass sie zusammen waren, aber sie gingen dennoch äußerst dezent damit um und versuchten, Privatleben und Beruf getrennt zu halten.

Anja ging hinaus, denn ihre anderen kleinen Patienten warteten auf sie. In Gedanken verweilte sie aber noch bei Sebastian. Der Junge berührte ihr Herz.

„Wir müssen dir heute noch einmal Blut abnehmen, Sebastian. Das kennst du ja schon und weißt, dass es nicht schlimm ist. Aber wir brauchen auch etwas Knochenmark von dir. Das ist nicht ganz so angenehm, und ich entschuldige mich jetzt schon bei dir“, kündete Dr. Grün an. „Ich werde dir nachher ganz genau erklären, was ich mache, und mich beeilen. Versprochen! Hinterher darfst du ordentlich mit mir schimpfen.“

Sebastian nickte tapfer und versuchte, die Tränen in den Augen seiner Mutter zu ignorieren. Schon wegen ihr war er fest entschlossen, nicht zu weinen. Dr. Grün brachte ihn in den Untersuchungsraum. Dort musste er sich auf den Bauch legen.

„Mama, wartest du draußen?“, bat der Junge. „Ich bin doch schon groß!“

Suzi Zügel wollte widersprechen, aber dann gab sie ihm einen Kuss auf die Stirn und verließ den Raum. Der Junge entspannte sich sichtlich.

„Ich ziehe etwas Knochenmark aus deinem Beckenkamm. Das ist hier.“ Der Arzt drückte leicht auf die Stelle, die er gerade örtlich betäubte und dann steril abdeckte.

„Hat das, was Sie gerade machen, einen Namen?“, wollte der Junge wissen. Er liebte Namen und Bezeichnungen. Es hatte für ihn etwas Beruhigendes zu wissen, wie die Dinge sich nannten. Konnte er etwas benennen, fühlte er sich besser, als ob er dadurch etwas Kontrolle über sein Geschick und das Leben gewinnen würde.

Aus dem Grund sammelte er, seit er schreiben konnte, ausgefallene Wörter und hatte schon einige Karteikästen damit auf seinem Regal zu Hause stehen. Seine Klassenkameraden lachten ihn deswegen aus, aber das war ihm egal. Worte hatten etwas Machtvolles, auch wenn er es niemandem erklären konnte, was ihn derart daran fesselte.

„Knochenmarkaspiration. Willst du vielleicht später einmal Arzt werden?“, fragte Dr. Grün, den die Frage des Kindes überraschte. „Einem zukünftigen Kollegen erkläre ich das Ganze natürlich noch gründlicher.“

„Nein, ich möchte ein erfolgreicher Musiker werden und Konzertsäle auf der ganzen Welt füllen. Na ja, und wenn das nicht klappt, dann spiele ich eben in der Nationalmannschaft.“ Sebastian stockte. „Falls ich irgendwann wieder richtig gut Fußball spielen kann“, fügte er nach kurzem Zögern an.

„Um dafür zu sorgen, dass du deine Träume leben kannst, sind wir hier. Ich muss sagen, deine Berufsziele gefallen mir. Sie sind spannend und schön“, meinte der Arzt.

„Mein Papa sagt, ich bin ein Spinner und soll Beamter werden wegen der Pension. Aber das ist doch langweilig, oder?“, erzählte Sebastian.

Dr. Grün schmunzelte. Er konnte sich noch genau an ähnliche Gespräche erinnern, die er mit seinem Vater geführt hatte. Letztendlich war zwar kein Beamter, sondern ein Arzt aus ihm geworden, aber die große Karriere als Fotograf, die er als Jugendlicher im Sinn gehabt hatte, war ein Traum geblieben.

Das Leben formte und verformte. Sebastian sollte ein Leben haben, um in seine Form zu finden und seinen Weg zu gehen. Alles andere war unwichtig.

„Sebastian, ich mache jetzt einen kleinen Hautschnitt. Das wirst du gar nicht spüren, und dann drehe ich eine spezielle Nadel hinein. Man nennt sie Yamshidi-Nadel. Dafür muss ich Druck ausüben, und den wirst du merken, aber hab keine Angst, das tut nicht weh!“

Weh tat es nicht, aber es war unangenehm, und Sebastian biss die Zähne zusammen.

„Jetzt wirst du gleich einen kurzen, scharfen Schmerz fühlen, wenn ich das Knochenmark anziehe. Es ist gleich vorbei!“, versprach der Arzt.

Sebastian stöhnte, aber da war es auch schon überstanden. Dr. Grün legte einen Pflasterverband an, und dann bat er Sebastian, es sich gemütlich zu machen.

„Ich lege für eine gute Stunde einen kleinen Sandsack auf die Stelle, um Nachblutungen zu vermeiden. Vielleicht kannst du nach der Aufregung ein wenig schlafen. Möchtest du, dass ich deine Mama hereinhole?“

Während Suzi ihren Sohn für seine Tapferkeit lobte, schickte Dr. Grün Blut und Knochenmark ins Labor und bat um besondere Eile. Für ihn bestand kein Zweifel, dass Sebastian an Leukämie litt. Für die Therapie war es allerdings entscheidend, die genaue Form der Krankheit zu bestimmen, und dafür waren die Untersuchungsergebnisse erforderlich.

***

„Leider hat sich der erste Verdacht bestätigt“, musste Dr. Grün den Eltern mitteilen, als alle Ergebnisse vorlagen. Er hatte sie in sein Arztzimmer gebeten und dafür gesorgt, dass auch Paul Zügel an der Besprechung teilnehmen konnte. Er hatte sie extra auf den frühen Abend anberaumt, damit die Dienstzeit des Beamten um war.

Suzi und Paul Zügel saßen ihm gegenüber und hielten sich an den Händen, um sich gegenseitig Kraft zu geben. Dr. Grün kannte diesen Blick und diese Haltung nur zu gut. Viel zu oft musste er Eltern schwere Diagnosen übermitteln, und jedes Mal sahen sie ihn auf diese Weise an.

Es war, als ob sie eine absolut zerstörerische Lawine auf sich zukommen sahen, unter der ihre Familie verloren und begraben sein würde. Vor der Urgewalt gab es kein Entrinnen, keine Fluchtmöglichkeit, und das war ihnen klar. Reglos warteten sie darauf, dass ihre Welt in die Brüche ging.

Diese Lawine kam nicht schnell und machtvoll. Nein, sie kam quasi in quälender Zeitlupe, was sie nur noch grausamer machte. Sie kam unaufhaltsam, und ihre endgültige Gestalt nahm sie erst mit jedem einzelnen Wort des Arztes an, das die Krankheit umriss und die Überlebenschancen des eigenen Kindes benannte.

„Sebastian leidet an akuter, lymphoblastischer Leukämie, das ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Im Knochenmark Ihres Sohnes, wo sein Blut gebildet wird, findet eine Überproduktion weißer Blutkörperchen statt. In einem gesunden Körper vermehren und erneuern sich alle Blutzellen in einem harmonischen Reifungsprozess. Durch die Krankheit ist dieser Prozess gestört“, erklärte der Arzt.

Die schockierten Eltern hörten dem Arzt schweigend zu.

„Die weißen Blutkörperchen vermehren sich in rasanter Geschwindigkeit und nehmen sich dabei nicht mehr die Zeit, sich funktionstüchtig auszubilden. Durch ihre Menge verdrängen sie jede normale Blutbildung. Dadurch kommt es zu Blutarmut, und erste Symptome sind die Anfälligkeit für Infektionen jeglicher Art und eine gewisse Blutungsneigung.“

„Sebastian ist seit ein paar Wochen ständig krank. Ich wusste mir gar nicht mehr zu helfen, weil er immer etwas anderes hatte. Und seine Nase blutete immer. Mein Gott, warum sind wir nur nicht früher zu Ihnen gekommen! Ich hätte merken müssen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Ich hätte …“

„Frau Zügel, machen Sie sich keine Vorwürfe! Die Krankheit schreitet schnell voran. Sie haben nichts falsch gemacht, und es ist gut, dass Sie jetzt hier sind“, beruhigte Dr. Grün sie.

Rasch wischte sie sich die Tränen vom Gesicht und riss sich zusammen, aber er sah ihr an, dass sie nicht aufhören würde, die Schuld bei sich zu suchen. Die Miene ihres Mannes dagegen hatte einen geradezu feindseligen Ausdruck angenommen. Er reagierte mit Aggression. Auch das war keine Ausnahme, und der Arzt bereitete sich innerlich darauf vor, attackiert zu werden.

„Und was wollen Sie tun, damit es meinem Sohn wieder gut geht? Man weiß doch, dass es neue, wirksame Medikamente gegen Krebs gibt, an die nur die Reichen kommen, und ich bin ein einfacher Beamter. Aber wenn es um mein Kind geht, dann finde ich einen Weg. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie alles für mein Kind tun, was medizinisch möglich ist! Ich zahle, was immer die Krankenkasse nicht tragen will. Haben Sie verstanden!“, herrschte Paul Zügel den Arzt an, als ob er sein Feind sei.

„Paul!“, mahnte seine Frau und wollte ihn bremsen.

„Herr Zügel, wir hier in der Berling-Klinik geben bei jedem Patienten unser Bestes. Wir haben noch nie gespart, wenn es um das Wohl unserer Patienten geht, und setzen nur die besten und wirksamsten Medikamente ein – unabhängig von ihrem Preis“, versicherte er ihm.

Der Arzt blieb betont ruhig und gelassen und hoffte, dass der Vater des Jungen sich wieder beruhigte.

„Für uns ist es jetzt wichtig, uns einen genauen Überblick zu verschaffen, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist und ob das Gehirn oder andere Organe oder Knochen von den Leukämiezellen befallen sind. Dafür werden wir verschiedene bildgebende Verfahren einsetzen. Bei Sebastian machen wir einen Ultraschall, eine Magnetresonanztomografie und eine Skelett-Szintigrafie. Um auszuschließen, dass das zentrale Nervensystem betroffen ist, werden wir zudem vom Nervenwasserkanal eine Probe entnehmen“, umriss der Arzt das weitere Vorgehen.

Paul Zügel hielt es nicht auf seinem Stuhl. Er sprang auf und ging im Zimmer auf und ab. Seine Frau hatte sich tief in sich zurückgezogen. Sie stand unter Schock.

„Wenn alle Ergebnisse vorliegen, werde ich Sie wieder herbitten, um die angemessene Therapie und den Therapieverlauf mit Ihnen abzusprechen. Es steht jetzt schon fest, dass es sich um eine stufenweise Therapie handeln wird, die sich vermutlich über die nächsten zwei Jahre hinzieht.“

„Zwei Jahre?“ Suzi Zügel verkroch sich noch tiefer in sich und zitterte am ganzen Körper. Zwei Jahre waren eine Ewigkeit. Nach zwei Jahren war ihr Sohn, selbst wenn er vollständig gesund wurde, kein Kind mehr. Dafür würde er zu sehr gelitten haben, und es lag nicht in ihrer Macht als Mutter, seine Kindheit zu retten.

„Wenn alles gut anschlägt, wird es Sebastian dabei kontinuierlich besser gehen“, tröstete der Arzt die Eltern.

„Die Hauptsache ist, dass mein Sohn wieder gesund wird“, sagte Paul Zügel feindselig.

„Ich weiß, das ist im Moment kaum ein Trost, aber die Medizin hat enorme Fortschritte gemacht. Neunzig Prozent der Kinder und Jugendlichen, die an Leukämie erkranken, sind nach fünf Jahren krankheitsfrei“, machte der Arzt den Eltern Mut. Er rechnete nicht mit dem Beamten, der an Statistiken gewohnt war.

„Dann schafft jedes zehnte Kind es nicht?“ Angst stand in den Augen von Paul Zügel, und er wandte sich rasch zum Fenster, damit seine Frau nicht sah, wie sehr die Zahlen ihn schockierten.

Für Suzi Zügel hatten Zahlen keine Bedeutung, und sie nahm weder die Bemerkung des Arztes noch das Erschrecken ihres Mannes wirklich zur Kenntnis. Sie war ganz bei ihrem Sohn und dem, was ihm an Leid bevorstand. Alles andere ging an ihr vorbei.

„Warum werfen Sie hier mit Zahlen und unverständlichen Begriffen um sich, anstatt uns zu erklären, was Sache ist?“, knurrte Paul Zügel, und seine Hände waren zu Fäusten geballt. „Was sind Polychemotherapien? Was haben Sie mit meinem Jungen vor?“

„Wir bekämpfen die Vermehrung und Ausbreitung der kranken Zellen, indem wir Sebastian zellwachstumshemmende Mittel, sogenannte Zytostatika geben. Ein Mittel allein genügt nicht, daher werden es Wirkstoffkombinationen sein, die Sebastian in den verschiedenen Phasen der Therapie bekommt.“

„Phasen?“

„Wie gesagt, die Therapie wird stufenweise verlaufen. Sie setzt erst einmal mit einer Vortherapie ein, die nur aus einem Medikament besteht. Momentan hat Sebastian einen ungeheuer hohen Wert an Leukämiezellen im Blut. Wir müssen schonend beginnen, damit sein Körper den Abbau der abgetöteten Zellen verkraften kann. Dabei fallen giftige Stoffwechselprodukte an.“

„Und dann?“

„Lassen Sie uns darüber reden, wenn ich alle Ergebnisse habe, Herr Zügel. Ihr Sohn ist bei uns in der Berling-Klinik in guten Händen. Unsere onkologische Abteilung für Kinder hat einen sehr guten Ruf, und einige unserer Patienten kommen aus dem europäischen Ausland, um hier bei uns behandelt zu werden. Wir tun alles, was möglich ist. Vertrauen Sie uns!“

„Es macht mich wahnsinnig, dass ich meinem Kind nicht helfen kann.“ Der Vater atmete tief aus und ein, um seine Verkrampfung etwas zu lösen. „Ich wünschte, ich könnte anstelle von Sebastian leiden und …“ Er brach ab, und es blieb einen Moment still im Raum.

„Ich habe noch eine große Bitte an Sie. Sebastian wird längere Zeit auf der Kinderstation verbringen. Er wird dort mehreren Kindern mit Leukämie begegnen, und erfahrungsgemäß ist der Austausch untereinander wichtig für die Kinder. Sie helfen sich gegenseitig, und vor allem müssen sie sich auf das einstellen können, was auf sie zukommt“, sagte Dr. Grün.

Der Arzt sprach ein schwieriges Thema an, und er hoffte, dass die Eltern einsahen, dass es unumgänglich war, dem Jungen die Wahrheit zu sagen.

„Es geht dabei auch um Vertrauen. Lügen helfen niemandem. Sebastian wird bald herausfinden, dass er ernstlich krank ist. Sie können ihn davor nicht beschützen. Es wäre hilfreich, wenn Sie mir erlauben, von Anfang an offen mit dem Jungen zu reden“, bat Norbert Grün.

„Nein!“, rief Suzi Zügel und rang die Hände vor innerer Not. „Nein! Er darf es nicht wissen!“

„Suzi, das hat doch keinen Sinn“, sagte ihr Mann und legte von hinten behütend die Arme um sie. „Du weißt, wie klug Sebastian ist. Wir können ihm nichts vormachen, und das wäre auch nicht fair. Er ist nicht plötzlich wieder gesund, nur weil wir ihm verschweigen, wie krank er ist.“

„Aber er ist doch noch ein Kind! Er ist unser kleiner Junge! Wie sollen wir ihm sagen, dass er diese entsetzliche Krankheit hat? Wie sollen wir ihm das erklären? Er sollte jetzt mit uns heimkommen und sich auf die Schule vorbereiten und Klavier spielen und einfach Kind sein dürfen. Er sollte gesund sein. Das ist nicht fair und …“

„Schatz, du hast recht. Das ist nicht fair, aber wir können es nicht ändern. Du, Sebastian und ich – wir sind eine Familie, und wir sind stark. Wir stehen das zusammen durch. Hörst du! Unser Junge wird wieder gesund werden, dafür sorgen wir. Aber damit er das schaffen kann, muss er kämpfen können. Er hat ein Recht auf unsere Offenheit.“

Norbert Grün war überrascht und beeindruckt. Er hatte Paul Zügel vollkommen falsch eingeschätzt.

„Wir schaffen das!“, wiederholte der Vater beschwörend, und seine Frau drehte sich zu ihm um und vergrub weinend das Gesicht an seiner Brust.

„Sagen Sie es unserem Sohn, Dr. Grün!“, bestimmte der Vater mit rauer Stimme. „Dürfen wir dabei sein?“

„Selbstverständlich!“, stimmte der Arzt zu.

***

„Sebastian ist dein Liebling. Ich habe noch nie erlebt, dass du ein Kind bevorzugst, aber bei ihm wirst du zur Glucke. Irgendwie süß. Anja, gibt es da etwas, über das wir reden sollten?“, fragte Norbert nach zwei Wochen, als bei dem kleinen Patienten eben die Vortherapie eingesetzt hatte.

„Reden? Was meinst du?“, fragte sie sofort alarmiert und nahm eine Abwehrhaltung ein, als ob er sie angreifen wollte. Hatte er etwa etwas herausgefunden? Kam ihr Geheimnis doch ans Licht?

„Ganz ruhig! Ich habe nur einen Scherz gemacht. Du kümmerst dich so rührend und mütterlich um den Jungen, dass ich überlegt habe, ob du vielleicht allmählich doch eigene Kinder haben möchtest.“

„Ich? Eigene Kinder?“ Anja sah ihn verständnislos an, dann entspannte sie sich und musste lachen. „Quatsch! Ich mag Sebastian, das ist alles. Er ist ein besonderes Kind. Hat er dir erzählt, dass er ein Kästchen mit Karteikarten im Nachttisch hat? Du wirst es nicht glauben, aber er sammelt Wörter und Bezeichnungen, die er noch nie gehört hat. Genial, oder?“ Anja war mehr als beeindruckt.

„Nein, das wusste ich nicht“, sagte Norbert.

„Zytostatika – das steht seit gestern auf einem seiner Kärtchen. Ich musste ihm ganz genau erklären, was das ist und wie es wirkt. Jetzt hat er dieses Wort in seiner Kartei. Zytostatika sind die Ritter, die den vielköpfigen Drachen in seinem Blut bekämpfen sollen.“

„Ich wünschte, wir hätten auch als Erwachsene noch so eine Fantasie wie die Kinder!“

„Ja, das würde vieles leichter machen. Als es ihm gestern übel wurde nach der Infusion, nahm er die Karte und las sie immer wieder“, erzählte sie. „Als er endlich eingeschlafen ist, hatte er sie noch in der Hand und presste sie an seine Brust.“

„Wir können nur hoffen, dass die Chemotherapie gut bei ihm anspricht. Die Leukämiezellen haben sich schon in seinen Organen eingenistet. Es wird knapp“, mahnte Norbert. Auch er mochte den Jungen besonders, und umso wichtiger war es, sich zu schützen.

„Ich weiß. Mach dir keine Sorgen! Ich passe auf“, antwortete Anja schlicht. Es war gefährlich, sich zu tief auf einen kleinen Patienten einzulassen, und bei aller Zuneigung und Wärme war eine gewisse berufliche Distanz erforderlich, ansonsten konnte man einen Beruf auf einer Krebsstation für Kinder nicht lange ausüben. Der Kummer fraß einen auf.

Anja und Norbert hatten ein freies Wochenende und frühstückten entspannt auf dem kleinen Balkon. Es war Anfang Juni, und der Sommer stand in den Startlöchern. Das junge Grün des Frühlings hatte sich schon etwas dunkler eingefärbt. Narzissen und Tulpen waren verschwunden, aber dafür begannen die duftenden Rosen überall in den Vorgärten und Parks zu blühen.

„Ich liebe den Sommer!“ Norbert räkelte sich zufrieden. „Sollen wir an den Chiemsee fahren? Wir könnten uns für heute Nacht ein Zimmer dort suchen und einfach ausspannen. Wie oft kommt es schon vor, dass wir beide frei haben und ich ganz ohne Ruf- oder Bereitschaftsdienst München verlassen kann. Das müssen wir eigentlich nutzen. Machst du mit?“

„Und ob! Die Taschen sind in fünfzehn Minuten gepackt, und dann geht es los!“, stimmte Anja unternehmungslustig zu. Sie freute sich auf den kleinen Urlaub.

Der Gedanke, Suzi Zügel und ihrem Mann unter die Augen treten zu müssen, hatte sie im Vorfeld belastet. Seit sie nun Sebastian kannte und sah, wie liebevoll und eng die Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern war, empfand sie Dankbarkeit, weil sie der Familie in dieser schweren Zeit etwas beistehen durfte.

Gab es eine Art Wiedergutmachung im Leben? Konnte sie sich vergeben, weil sie etwas für die Zügels tun konnte? Sie wusste es nicht, aber ihr war so leicht ums Herz wie seit zehn Jahren nicht mehr. Sebastian war ein Kämpfer, und Anja war überzeugt, dass er den Krebs besiegte. Er musste es einfach schaffen, und sie wollte als Krankenschwester alles tun, um ihn und seine Eltern zu unterstützen.

„Manchmal bist du mir ein Rätsel“, meinte Norbert, als sie auf der Autobahn in Richtung Chiemsee unterwegs waren und Anja die ganze Zeit mit ihm scherzte und lachte.

„Ein Rätsel? Ich? Ich bin doch die einfachste und unkomplizierteste Frau der Welt! Mit mir kann jeder auskommen. Ich habe keine besonderen Erwartungen und bin in allem pflegeleicht“, antwortete sie.

Norbert warf ihr einen belustigten Seitenblick zu. Das Bild, das sie von sich selbst hatte, entsprach nicht ganz seinen Wahrnehmungen.

„Tatsächlich?“

„Hey, was sollen mir deine hochgezogenen Augenbrauen sagen? Du willst doch nicht behaupten, dass ich ein schwieriger Mensch bin? Raus mit der Sprache!“, forderte sie nur halb im Scherz.

„Unkompliziert und pflegeleicht? Willst du von mir hören, dass du so bist? Geranien als Balkonpflanzen sind unkompliziert und pflegeleicht. Deshalb siehst du sie auf jedem Balkon. Macht sie das besonders schön und einzigartig? Nö! Ich kann Geranien nicht ausstehen!“

„Sie sind ganz nett“, meinte Anja.

„Hm. Du bist eine Rose, meine Liebe, und hast Dornen und alles, was dazugehört, um einen Rosenliebhaber zum Schwärmen zu bringen. Tut mir leid, wenn ich dir das sagen muss, aber einfach geht anders.“

„Danke! War das jetzt ein Kompliment oder ein versteckter Tadel?“

„Als ich dich das erste Mal zum Essen einladen wollte, habe ich lange überlegt, wohin ich dich entführen könnte“, sagte er grinsend. „Schließlich habe ich dich in meiner Not ganz einfach gefragt, was du gerne isst. Erinnerst du dich?“

„Klar! Aber das ist doch der Beweis, dass ich einfach zu handhaben bin. Ich mag doch alles und …“

„Ja! Ja! Genau das hast du auf meine Frage geantwortet. Als ich dann einen Italiener vorschlug, zeigte sich, dass du mit Pizza und Pasta nicht viel anfangen kannst. Beim Griechen war es dir zu ölig und beim Chinesen zu sojalastig und beim Franzosen zu überkandidelt und beim …“

„Jetzt hör aber auf! Ich gehe doch überall mit dir hin!“, verteidigte sich Anja.

„Tust du, aber am liebsten isst du zu Hause und kochst selbst. Und das kann ich sogar verstehen. Du bist eine grandiose Köchin und eine tolle Frau, aber einfach – nein, einfach bist du nicht. Gelassen, warmherzig, konfliktfähig und wunderbar. Das alles bist du. Aber einfach …?“

Anja schnitt eine Grimasse und streckte ihm die Zunge heraus.

„Ich liebe dich.“ Norbert hatte die magischen drei Worte noch nie gesagt, nicht so. Er hatte Anja auf viele Weisen gesagt und gezeigt, wie gern er sie hatte und wie schön er es fand, mit ihr zusammen zu sein. Das Wort Liebe war dabei bisher nicht gefallen.

Etwas in Anja öffnete sich und wurde weich und warm. Die Vergangenheit fiel von ihr ab. Dennoch kostete es Vertrauen, zu diesem zarten und verletzlichen Gefühl zu stehen und zu bekennen, was zwischen Norbert und ihr noch einmal alles änderte.

„Ich liebe dich“, sagte sie sehr leise, und stumm bat sie ihn, ihr nicht wehzutun.

Sie lächelten sich an, und ein tiefes Glücksgefühl erfüllte sie. Schweigend kosteten sie den Moment inniger Verbundenheit und Liebe aus. Sie hatten sich gefunden, und Furcht und Angst hatten keine Macht über sie – nicht in diesem Moment.

Nachdem sie ein luxuriöses Quartier mit eigenem Bootssteg und Bademöglichkeit am See gefunden hatten, schwammen sie erst einmal eine Runde. Nach der Autofahrt tat die Erfrischung gut, und sie lachten und bespritzen sich mit Wasser. Anschließend ließen sie sich von der Sonne trocknen und lagen in Liegestühlen mit Blick über den See.

„Mieten wir uns ein Ruderboot und fahren hinaus?“, schlug Norbert vor. Anja fuhr gerne Boot und freute sich.

„Hier wollte ich dich haben, damit du mir nicht davonlaufen kannst.“ Mitten auf dem See, umgeben von der grandiosen Landschaft und im warmen Sonnenschein legte er die Ruder ab. Er wirkte plötzlich ein wenig aufgeregt und fast förmlich.

„Warum sollte ich denn davonlaufen?“, fragte sie lachend. Es war der bisher schönste Tag in ihrem Leben, und sie war sicher, nur in eine Richtung zu laufen – in seine Arme, denn da war ihr Platz.

„Anja, ich habe nicht damit gerechnet, je einer Frau wie dir zu begegnen. Du bist alles, was ich mir wünsche und … und ich möchte mein Leben mit dir verbringen. Wenn ich einmal alt und knorrig bin, möchte ich unseren Enkeln erzählen, was für ein Glückspilz ich war. Willst du mich heiraten? Bitte!“, machte er ihr einen Antrag und holte eine kleine schwarze Schatulle aus seiner Tasche, in der ein Ring funkelte.

Anja verschlug es die Sprache. Fassungslos sah sie ihn an. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Willst du?“, wiederholte er drängend. „Ich würde sehr gerne vor dir auf die Knie gehen, aber dann könnte das Boot kentern, und das wäre, glaube ich, zu viel an Romantik. Ich meine, wenn du Nein sagst, springe ich ohnehin ins Wasser und ertränke mich, aber …“

„Ja!“, erlöste sie ihn. „Ja!“

„Wirklich?“ Ein Strahlen ging über sein Gesicht.

„Ja! Ja! Ja!“

***

„Und eins, zwei, drei und …!“ Cello, Geige, Kontrabass und Klarinette setzten ein, und die harmonischen Klänge der Kammermusik erfüllten den sommerlichen Garten der Holls in einem Villenviertel Münchens. Bunte Lampions hingen in den Bäumen und Sträuchern und hüllten die Szene in ihr warmes Licht.

„Ist das schön!“ Julia und Stefan Holl lehnten sich gemütlich in ihren Stühlen zurück und lauschten selbstvergessen. Es war der perfekte Abschluss für einen herrlichen Sommertag mit Freunden.

Zwei- oder dreimal im Jahr trafen die Holls sich mit den Bergers, und zum Abschluss dieser Begegnungen gab es eigentlich immer ein kleines Konzert. Die Bergers waren äußerst musikalisch, und Musik begleitete sie durch den Alltag und durchzog ihr ganzes Leben.

Sascha Berger war fünfzehn und besuchte mit Christian Holl das Gymnasium. Die Jungs waren seit der ersten Klasse in der Grundschule zusammen und dicke Freunde. Bei der Einschulung vor einer halben Ewigkeit hatten sich die Eltern kennengelernt und sich sofort gut verstanden.

Dr. Stefan Holl war der Leiter der Berling-Klinik, und auch seine Frau Julia war Ärztin, hatte es aber vorgezogen, den Beruf aufzugeben und sich um ihre vier Kinder zu kümmern. Sie liebte es, ihre Lieben zu verwöhnen, und war zugleich kulturell sehr interessiert.

Zwischen ihr und Ulrike Berger war eine schöne Freundschaft gewachsen. Wie ihr Mann arbeitete Ulrike als Musiklehrerin an dem Gymnasium, auf das die Söhne gingen. Beide waren über ihren Beruf hinaus musikalisch aktiv.

Lutz Berger leitete ein kleines, aber anerkanntes Kammerorchester und organisierte öfter Konzerte in München. Seine Frau spielte in seinem Orchester und gab zudem talentierten Jugendlichen Privatstunden.

Das Leben der Bergers bestand zum größten Teil aus Musik. Auch der ältere Sohn Sascha war musisch begabt wie seine Eltern und spielte neben Klarinette noch Klavier, Trompete und Geige. Musik lag ihm einfach im Blut, und im Prinzip konnte er wie sein Vater jedes Instrument spielen. Er nahm es einfach in die Hand, übte ein wenig, und schon wurde Musik daraus.

Matthias, sein zehnjähriger Bruder, hatte es da schon deutlich schwerer. Natürlich war auch er mit Musik aufgewachsen und liebte sie. Im Gegensatz zu seinem Bruder und dem Rest seiner Familie musste er viel üben, um ein Instrument zu erlernen. Trotz all des Übens wurde er dabei nicht so gut, wie es seine Eltern und sein Bruder waren.

Für seine Familie war das kein Problem. Musik bedeutete für sie einfach nur die Freude am Musizieren. Lutz Berger schrieb für seinen Jüngsten schwierige Partituren um, sodass Matthias mitspielen konnte. Wollte der Junge lieber etwas anderes machen, wurde nie ein Vorwurf daraus. Musik kam freiwillig und von Herzen – das war die Überzeugung der Bergers.

Nach dem ersten Stück war es daher auch ganz selbstverständlich, als Matthias seine Geige in ihren Kasten tat und sich lieber neben der elfjährigen Juju Holl, dem Nesthäkchen der Holls, in den Rasen legte und zuhörte. Die Kinder tuschelten und lachten leise.

Niemand hätte Matthias angemerkt, wie weh es ihm tat, nicht das Talent seines Bruders zu haben. Noch wollte er es nicht glauben und übte geradezu verbissen am Klavier und an seiner Geige.

„Geh doch einmal raus und spiele mit deinen Freunden!“, musste seine Mutter ihn oft auffordern. Sie machte sich heimlich Sorgen um ihn. Wie gerne hätte sie ihm etwas von ihrem Talent gegeben, um ihn froh zu machen, aber das ging nicht.

Ulrike Berger wusste, dass ihr Sohn sein eigenes Talent entdecken und leben musste. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass es da einiges zu entdecken gab, aber dafür musste Matthias akzeptieren, dass er nicht wie sein Bruder sein konnte. Es war nicht leicht, einen Traum loszulassen.

„Aber ich kann es noch nicht. Beim nächsten Mal bekomme ich es hin, Mama! Ganz bestimmt!“, beharrte Matthias meist störrisch und ließ sich nicht vom Üben abbringen.

Seine Mutter tadelte ihn nie oder zwang ihn, etwas zu tun, was er nicht wollte. Wenn sie Zeit hatte, nahm sie einfach ihr Cello oder setzte sich ans Klavier und übte mit ihm. Mit ihr gemeinsam verlor sich seine Verbissenheit, und er hatte Spaß.

Die Fortschritte, um die er so verzweifelt kämpfte, machte er aber leider auch auf diese Weise nicht. Ihm fehlte das untrügliche musikalische Gehör, das die anderen Familienmitglieder hatten, ohne üben zu müssen.

„Es ist toll, dass ihr alle dasselbe Hobby habt und immer etwas zusammen macht!“, flüsterte Juju Matthias zu. „Bei uns klappt das nicht einmal mit dem Fernsehprogramm. Da möchte auch immer jeder etwas anderes sehen“, beschwerte sie sich.

„Dafür kann jeder von euch etwas besonders gut. Weißt du, das ist auch schön. Ich kann nur etwas schlechter als die anderen und bin eine Niete“, antwortete Matthias niedergeschlagen. Er hätte so gerne weiter mit seiner Familie Musik gemacht, aber das Stück, das sie gerade vortrugen, beherrschte er noch lange nicht.

„Du bist doch keine Niete!“, empörte sich Juju. „Du spielst Geige!“

Matthias hörte die echte Bewunderung in ihrer Stimme und genoss es. Anscheinend hatte sie ein noch schlechteres musikalisches Gehör als er, denn ansonsten hätten ihr seine Fehler auffallen müssen.

Die Zwillinge Marc und Dani Holl saßen nebeneinander auf der Terrassenabgrenzung zum Garten hin und lauschten einträchtig der Musik. Eigentlich war Kammermusik nicht unbedingt ihre Stilrichtung, aber gemütlich im heimischen Garten ganz unprätentiös und spontan ein Konzert geboten zu bekommen, das war toll.

Sie hatten den Tag bei ihrer Familie verbracht, obwohl sie eigentlich nicht mehr zu Hause wohnten. Die Besuche der Bergers waren immer für alle Familienmitglieder etwas Besonderes und Schönes. Dani und Marc brauchten allerdings keinen bestimmten Anlass, um an einem Samstag nach Hause zu ihren Eltern zu fahren. Sie waren einfach gerne daheim.

Dani studierte Biologie, ihr Bruder Marc setzte die Familientradition fort und hatte sich für ein Medizinstudium entschieden. Stefan Holl war es schleierhaft, wo die Jahre geblieben waren, wenn er einen Blick über seine Familie gleiten ließ.

Die Zwillinge waren zwanzig und damit im Prinzip erwachsen, auch wenn er das nicht ganz wahrhaben wollte. Chris mit seinen fünfzehn steckte zwar noch mitten in der Pubertät, aber bald würde auch er eigene Wege gehen, und Juju war längst kein kleines Mädchen mehr mit elf.

Stefan nahm schweigend die Hand seiner Frau und drückte sie sanft. Nichts im Leben war so bedeutsam wie die Familie. Er wünschte, er hätte mehr Zeit mit Julia und den Kindern verbracht, doch seine Arbeit hatte ihn gefordert. Was immer ihm an Freizeit geblieben war, hatte seiner Familie gehört, aber vom heutigen Standpunkt aus schien ihm das zu wenig.

Es war nicht leicht, eine Klinik in die Zukunft zu führen. Man musste immer wieder das Optimum für Belegschaft und Patienten im Auge haben und Konflikte im Vorfeld ausmerzen. Medizinisch vorausschauend planen war entscheidend, um immer auf dem Stand der Zeit zu sein und vielleicht in einigen Bereichen sogar Pionierarbeit leisten zu können.

Die Berling-Klinik war Stefan Holls zweites Zuhause, und jedes Bedauern war sinnlos. Man traf im Leben seine Entscheidungen, war gezwungen, Prioritäten zu setzen, und dann musste man mit den Konsequenzen leben.

Er liebte seine Frau und seine Kinder über alles. Etwas unendlich Kostbares, die Kinderjahre seiner Rabauken, neigte sich dem Ende entgegen, und das musste er akzeptieren. Manchmal fragte sich Stefan, wie Julia damit umging. Irgendwann musste er einmal mit ihr über seine ambivalenten Gefühle sprechen, überlegte er, als das zweite Musikstück verklang.

Das Publikum klatschte begeistert, aber die Musiker winkten fröhlich ab und wollten keine Zugabe mehr geben.

„Es ist gleich elf Uhr. Wenn wir jetzt weitermachen, finden eure Nachbarn das unter Umständen gar nicht mehr nett. Und kein Musiker möchte gerne von der Polizei als Lärmbelästigung tituliert werden. Das schmerzt der persönlichen Eitelkeit“, scherzte Lutz Berger, während er seinen Kontrabass wegpackte.

„Wir hätten Eintritt von unseren Nachbarn erheben sollen, weil sie euch zuhören durften“, widersprach Stefan Holl heiter.