Die besten Ärzte - Sammelband 30 - Katrin Kastell - E-Book

Die besten Ärzte - Sammelband 30 E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe! Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden. Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert! Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis! Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane: Chefarzt Dr. Holl 1795: Aus Liebe kinderlos Notärztin Andrea Bergen 1274: Lara träumt von der Liebe Dr. Stefan Frank 2228: Werde bald wieder gesund, Mama! Dr. Karsten Fabian 171: Die Frau, die er hassen sollte Der Notarzt 277: Hilferuf im Wattenmeer Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten. Jetzt herunterladen und sofort sparen und lesen.

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Seitenzahl: 602

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Impressum

BASTEI LÜBBE AG Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Für die Originalausgaben: Copyright © 2014/2015/2016 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv: © Serhii Bobyk /shutterstock ISBN 978-3-7517-1736-6 ww.bastei.de www.luebbe.de www.lesejury.de

Katrin Kastell, Marina Anders, Stefan Frank, Ina Ritter, Alexa Reichel

Die besten Ärzte - Sammelband 30

Inhalt

Katrin KastellDr. Holl - Folge 1795Umjubelt, geliebt und weltberühmt - das ist der gut aussehende und sehr charmante Pianist Manuel Scholl, der auf den größten Bühnen dieser Welt zu Hause ist. Seit über dreizehn Jahren an seiner Seite ist die schöne Ines, die Liebe seines Lebens. Er weiß, dass Ines an seiner Karriere großen Anteil hat, denn sie hält ihm, wo immer sie sind, den Rücken frei. Doch in letzter Zeit scheint Ines ihre Fröhlichkeit verloren zu haben. Sie wirkt still und in sich gekehrt und zieht sich mehr und mehr von ihm zurück ... Tatsächlich hat Ines einen großen Kummer, den sie vor aller Welt verbirgt - auch vor Manuel. Seit Langem wünscht sie sich sehnlichst ein Kind von ihm, aber Manuel ist nicht bereit, Vater zu werden! Ines begreift, dass sie sich entscheiden muss: zwischen dem Mann, den sie über alles liebt, und ihrem Herzenswunsch!Jetzt lesen
Marina AndersNotärztin Andrea Bergen - Folge 1274Ein glückliches Leuchten liegt auf Laras hübschem Gesicht, als sie ihre Wohnungstür aufschließt und sich mit einem kleinen Jauchzer im Wohnzimmer auf die Couch wirft. Was für ein wunderbarer Nachmittag liegt hinter ihr! Der Termin bei dem jungen Tierarzt Dominik Gassner, mit dem sie in Zukunft eng zusammenarbeiten wird, hat ihre kühnsten Erwartungen übertroffen - und das nicht nur in beruflicher Hinsicht. Ein Blick in Dominiks warme Augen hat genügt, und Laras Herz ist ihm zugeflogen! Ihr glühender Wunsch nach Liebe und einer erfüllten Partnerschaft, der seit Jahren ihr ständiger Begleiter ist, hat ein Ziel bekommen: Dr. Dominik Gassner! Mit diesem Mann, das weiß Lara einfach, könnte sie glücklich werden ... Ja, sie könnte es ... Wenn da nicht diese rätselhafte Krankheit wäre, die bisher jede Beziehung zu einem Mann zerstört hat! Denn Lara kann keine Berührungen, kein Streicheln spüren! Wird auch diesmal ihr Traum von Liebe und Glück nur Illusion und Wunschbild bleiben?Jetzt lesen
Stefan FrankDr. Stefan Frank - Folge 2228Die achtjährige Kim Theisen macht sich Sorgen um ihre Mutter Verena. Schon seit einer ganzen Weile ist sie immer so blass, und Hunger hat sie auch keinen mehr. Bestimmt liegt das daran, dass ihre Mama sich so viele Sorgen macht. Kim weiß ja selbst, dass sie es nicht leicht haben, seit ihr Papa weg ist. Immer ist das Geld alle, und sie müssen gucken, wie sie über die Runden kommen. Trotzdem darf ihre Mama den Kopf nicht so hängen lassen! Mit allen Mitteln versucht Kim, ihre Mutter aufzuheitern, doch so recht will ihr das nicht gelingen. Erst als der nette Arzt Elias Kamp in ihrer beider Leben tritt, fängt Verena wieder an zu lächeln. Kim gefällt das ausgesprochen gut, doch ihre Oma Helga scheint etwas dagegen zu haben. Warum nur? Elias ist doch nett - oder etwa nicht?Jetzt lesen
Ina RitterDr. Karsten Fabian - Folge 171Für den Klempnermeister Dietrich Klippenberger, dem seine harte Arbeit gesundheitlich sehr zusetzt, erfüllt sich ein Lebenstraum, als Dr. Fabian ihm eine Stelle als Hausmeister bei dem Ehepaar Schönherr vermittelt. Dort darf er zusammen mit seiner Frau auch eine wunderschöne Wohnung beziehen. Das neue Glück der beiden Altenhagener wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, als ihr gut aussehender Sohn Ludger während der Semesterferien zu Besuch kommt und Dörthe, der hochnäsigen Tochter des Hauses, eine herbe Abfuhr erteilt, als sie mit ihm zu flirten versucht. Dörthe ist zutiefst gekränkt, und das kann für die Klippenbergers schlimme Folgen haben ...Jetzt lesen
Alexa ReichelDer Notarzt - Folge 277Notarzt Peter Kersten ist alles andere als begeistert, als ihn seine Lebensgefährtin Lea mit einer spontanen Reise nach Helgoland überrascht. In der Sauerbruch-Klinik ist ihm vor Kurzem ein sehr junger Mann unter den Händen weggestorben. Dieses traurige Ereignis hat den sonst so routinierten Notarzt sehr getroffen, und seitdem hat er noch mehr als sonst das Bedürfnis, in der Klinik die Kontrolle über alles zu behalten und möglichst oft präsent zu sein. Wie soll er sich da an der Nordsee entspannen? Lea ist äußerst verstimmt, als sie ihren Freund während des Urlaubs mehrfach dabei erwischt, wie er heimlich mit seinen Kollegen aus Frankfurt telefoniert. Reicht sie ihm denn nicht aus, um glücklich zu sein? Ist die Liebe zu seinem Beruf größer als seine Liebe zu ihr? Doch dann kommt es zu einem furchtbaren Ereignis, dass plötzlich alle anderen Probleme verblassen lässt: Während einer Wattwanderung entdecken Lea und der Notarzt eine verzweifelte Frau, die aufgeregt winkt und um Hilfe ruft. Sie kniet neben einem kleinen Jungen, der bewusstlos und blutüberströmt neben ihr liegt. Als Dr. Kersten feststellt, dass hier neben der Gefahr des Verblutens auch noch ein Herz-Kreislaufstillstand vorliegt, weiß er, dass es ein Kampf auf Leben und Tod wird, den er für den Jungen führen muss ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Aus Liebe kinderlos

Vorschau

Aus Liebe kinderlos

Dr. Holl und das Opfer einer jungen Frau

Von Katrin Kastell

Umjubelt, geliebt und weltberühmt – das ist der gut aussehende und sehr charmante Pianist Manuel Scholl, der auf den größten Bühnen dieser Welt zu Hause ist. Seit über dreizehn Jahren an seiner Seite ist die schöne Ines, die Liebe seines Lebens.

Er weiß, dass Ines an seiner Karriere großen Anteil hat, denn sie hält ihm, wo immer sie sind, den Rücken frei. Doch in letzter Zeit scheint Ines ihre Fröhlichkeit verloren zu haben. Sie wirkt still und in sich gekehrt und zieht sich mehr und mehr von ihm zurück …

Tatsächlich hat Ines einen großen Kummer, den sie vor aller Welt verbirgt – auch vor Manuel. Seit Langem wünscht sie sich sehnlichst ein Kind von ihm, aber Manuel ist nicht bereit, Vater zu werden!

Ines begreift, dass sie sich entscheiden muss: zwischen dem Mann, den sie über alles liebt, und ihrem Herzenswunsch!

Die Musik verklang, und für ein paar Sekunden herrschte atemlose Stille in dem Konzertsaal, dann brach der Applaus los. Der erste Besucher erhob sich und klatschte im Stehen weiter. Andere folgten seinem Beispiel, und bald stand das komplette Publikum und erwies dem Künstler auf der Bühne die höchste Ehre, zollte ihm die größte Anerkennung für sein bravouröses Spiel.

Ines Maler saß wie immer, wenn ihr Lebensgefährte ein Konzert gab, in der Mitte der ersten Reihe. Sie war sein Anker, der sichere Punkt, auf den er blickte, wenn er ins Publikum sah. Voller Stolz und Freude lauschte sie auf den Applaus. Das war es, was Manuel mehr als alles andere brauchte, und er verdiente es.

Manuel Scholl war Konzertpianist und Komponist. Mit seinen vierunddreißig Jahren war er unter den Liebhabern klassischer Musik ein Begriff und spielte in den großen Sälen der Welt. Er lebte für seine Kunst, und sein Publikum gab ihm die Kraft, immer höhere Ansprüche an sich zu stellen und alles zu geben.

Ines bewunderte ihn für sein Talent und seine Willenskraft. Seit dreizehn Jahren war sie die Frau an seiner Seite und sorgte für sein Wohlergehen. Als Künstler war Manuel selbstbewusst und ging mit grenzenloser Sensibilität seinen musikalischen Weg, ohne sich vom Wesentlichen abbringen zu lassen. Im Alltag machte ihm dagegen vieles Angst und überforderte ihn maßlos.

Ines fing ihn auf und gab ihm die Sicherheit, die für seine Arbeit unerlässlich war. Er musste sich um keine praktischen Angelegenheiten kümmern, wusste kaum, was für eine organisatorische Glanzleistung es bedeutete, trotz eines Lebens in Flughafenhotels und aus Koffern immer einen geborgenen und heimeligen Rahmen zu schaffen.

Ines tat es gerne für ihn. Sie hielt die Strapazen des Reisens weitgehend von ihm fern, und ihr Lohn war das Leuchten in seinen Augen in Momenten wie diesem. Manuel verbeugte sich mehrmals, dann verließ er die Bühne, aber das Publikum zwang ihn immer wieder zurückzukehren, und schließlich gab er eine Zugabe.

Ines wusste, wie ungern er nach Rachmaninows Klavierkonzert mit seiner eigenwilligen Schwere und Tiefe noch etwas anderes spielte. Er hatte ihr einmal erklärt, dass er die Klänge des Stückes, das er gespielt hatte, in seinem Inneren hörte, wenn er sich verbeugte. Er hörte sie quasi im brandenden Applaus.

Meist ließ er sich daher nicht erweichen, eine Zugabe zu geben, aber an diesem Abend setzte er sich noch einmal an den Flügel und spiele etwas Leichtes von Chopin. Das Publikum bedankte sich erneut begeistert, und Manuel verbeugte sich ein letztes Mal und ging in seine Kabine.

„Du war großartig!“ Ines erwartete ihn bereits und umarmte ihn liebevoll.

„Ich weiß nicht. Mit dem zweiten Satz bin ich nicht so recht zufrieden. Ich hätte mehr zum Ausdruck bringen müssen. Ob es mir wohl je gelingt, diesen Satz so zu spielen, wie ich ihn in mir höre? Manchmal verleidet mir mein Unvermögen, mich überhaupt öffentlich an Rachmaninow zu wagen“, klagte er.

Ines ließ es so stehen und sagte nichts darauf. Sie hatte noch nie erlebt, dass er mit seiner Leistung zufrieden gewesen wäre. Vermutlich machte genau das sein außerordentliches Können aus. Sie half ihm beim Umziehen, räumte schon seine Sachen zusammen und rief im Hotel an, damit ein Abendessen auf dem Zimmer stand, wenn sie kamen.

Sie waren längere Zeit nicht in München gewesen. Obwohl sie in der Stadt aufgewachsen waren und es noch einige gute Bekannte gab, die sich gefreut hätten, sie bei sich übernachten zu lassen, hatte sich Ines dafür entschieden, wie in anderen Städten auch eine Hotelsuite zu buchen.

Manuel war nicht ungesellig und hatte gerne Menschen um sich, aber direkt nach einem Konzert brauchte er seine Ruhe. Für Ines war es Routine, ihm Journalisten oder übereifrige Musikfreude vom Leib zu halten, bis er in der Verfassung dafür war.

Am anderen Tag hatten sie noch etwas Zeit, bevor es am Abend nach Paris weiterging. Am Morgen kamen einige Journalisten für Interviews vorbei, aber anschließend waren sie mit ihren Bekannten zum Mittagessen verabredet. Ines freute sich darauf. Sie fanden selten die Zeit für persönliche Begegnungen.

Einmal wieder in München zu sein tat ihr gut. In Berlin, wo sie inzwischen in einer riesigen Dachgeschosswohnung wohnten, hatte sie sich nie richtig eingelebt. München war nach wie vor die Stadt, in der sie sich heimisch fühlte.

Am Hinterausgang des Konzertsaales wartete bereits ein Taxi auf sie, und es gelang ihnen, unbemerkt zu verschwinden. Manuel aß eine Kleinigkeit, dann ging er ins Badezimmer und nahm eines seiner endlosen Schaumbäder. Auch das war eines der Rituale nach einem kräftezehrenden Auftritt.

„Bist du schon zum Fisch geworden und hast Kiemen?“, spottete Ines nach fast zwei Stunden und brachte ihm zum Abschluss des Tages einen Whiskey, den er mit Genuss in der Wanne trank.

„Hat das gutgetan! Jetzt bin ich herrlich entspannt und müde. Kommst du mit ins Bett?“, fragte er gähnend, als er seinen Pyjama angezogen hatte.

„Ich komme auch gleich!“, versprach Ines. Es war schon nach zwei Uhr, und körperlich war sie zum Umfallen müde, aber sie wusste, dass sie noch lange nicht würde einschlafen können.

Seit ein paar Jahren fiel ihr das Einschlafen in den fremden Hotelbetten zunehmend schwerer. Waren sie einmal für ein paar Tage oder Wochen zu Hause in Berlin, schlief sie tief und gut, aber unterwegs war sie meist den größten Teil der Nächte wach und geisterte in den Hotelsuiten oder im Foyer herum.

An diesem Abend zog es sie zudem hinaus in die nächtliche Stadt. Sie wollte unbedingt ein wenig durch München schlendern und in Erinnerungen schwelgen. Obwohl es keine Familienangehörigen von ihr mehr in München gab, verband sie die schönsten Erinnerungen mit dieser Stadt.

„Hast du wieder diese Unruhe in dir?“, fragte Manuel voller Mitgefühl.

„Du kennst mich doch! Schlafen könnte ich sowieso nicht, und da muss ich München noch etwas unsicher machen“, meinte sie nur lächelnd und winkte ab.

„Ich wüsste nicht, wie ich all das ohne dich schaffen sollte, Ines. Du bist mein kostbarster Schatz, und eigentlich sollte der Applaus dir gelten“, sagte Manuel zärtlich, zog sie an sich und gab ihr einen liebevollen Kuss.

„Schlaf gut, Liebling!“, erwiderte sie sanft. „Morgen kommen fünf Journalisten ab zehn Uhr. Ich habe Räume im Konferenzbereich des Hotels dafür gewählt und jedem von ihnen fünfzehn Minuten zugestanden. Sollen wir um acht Uhr dreißig zusammen hier oben frühstücken und dann hinuntergehen?“, schlug sie vor.

„Kannst du mir sagen, warum das nach jedem Konzert sein muss? Sie stellen mir immer dieselben Fragen, und ich antworte immer auf dieselbe Weise. Warum schreiben sie das nicht voneinander ab und lassen mich in Ruhe?“, brummte er ungnädig.

„Dein Manager ist sowieso schon säuerlich, weil wir für seinen Geschmack noch zu wenig Öffentlichkeitsarbeit machen. Letzte Woche hattest du Einladungen für drei TV-Shows, ein TV-Interview von einer Stunde und einem Lifechat im Netz. Tut mir leid, ich schaufle dich frei, wo ich kann, aber immer geht es nicht“, entschuldigte sich Ines.

„Das weiß ich doch! Dir wollte ich keinen Vorwurf machen“, sagte er rasch.

Sie lächelten sich an. Manuel fiel ins Bett, und Ines hielt es in der Hotelsuite nicht mehr aus und machte einen Spaziergang durch die Münchner Fußgängerzone, die selbst um diese Uhrzeit nicht gänzlich unbelebt war. Lange saß sie auf einer Parkbank an einer kleinen Grünanlage und ließ ihre Gedanken fließen.

Hier hatte ihr Schulweg entlanggeführt, und manchmal hatte ihr Vater sie ein Stück begleitet und war dann zu seinem Bankgebäude abgebogen. Später war sie hier durchgegangen auf dem Weg zur Berling-Klink, in der sie die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht hatte.

Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie Manuel damals nicht als junge Krankenschwester begegnet wäre? Was für ein Leben würde sie führen? Sie war zu erschöpft, um sich zu fragen, was für eigentümliche Gedanken das eigentlich waren. War sie denn nicht glücklich? Konnte es etwas Schöneres geben? Jeder Tag mit Manuel war ein Geschenk. So hatte sie es immer empfunden, und so empfand sie es bei aller Müdigkeit noch immer.

Manuel war mit neunzehn Jahren direkt nach seinem Abitur an Leukämie erkrankt und hatte zwei Jahre um sein Leben gekämpft. Ines hatte ihn auf der onkologischen Station der Berling-Klinik betreut, und dabei war aus Zuneigung Freundschaft und schließlich Liebe geworden. Seit jener Zeit waren sie nie für längere Zeit getrennt gewesen.

Anfangs hatte Ines noch als Krankenschwester in Wien gearbeitet, während Manuel dort auf dem Musikkonservatorium war. Mit seinem schnellen Ruhm und den internationalen Auftritten war klar gewesen, dass er sie an seiner Seite brauchte. Natürlich hatte sie ihren Beruf, den sie sehr gerne ausgeübt hatte, für ihn aufgegeben. Sie hätte alles für ihn getan.

Dreizehn Jahre waren sie nun schon ein Paar, und ein Jahr verstrich für Ines wie das andere. Sie hatte alle Hände voll zu tun und konnte sich nicht über Langeweile beklagen. Manuel wurde stetig erfolgreicher, und sich um ihn zu kümmern ließ ihr wenig Raum, um an sich selbst zu denken.

Und doch saß sie jetzt auf dieser Bank und grübelte. Ob Manuel sich auch manchmal fragte, ob es das nun gewesen war und der Rest seines Lebens weiter so verlaufen würde? Musik war sein Leben. Für ihn war das, was er tat, genau das, was ihm entsprach. Er hatte kaum einen Grund, sich solche Fragen zu stellen.

Ines rief sich zur Ordnung. Was war nur mit ihr los? Musste sie nicht glücklich sein? Sie lebte mit dem Mann zusammen, den sie liebte, und war in der Lage, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Was wollte sie denn mehr? Warum hatte sie nur diese eigenartige Unruhe, die sie immer mehr quälte und ihr zuflüsterte, dass sie etwas unwiederbringlich verpasste.

Sie wusste es nicht, aber sie spürte, dass in ihr etwas aufgebrochen war, was sie nicht verstehen oder erklären konnte. Es war wie ein schmaler Riss im Gefüge ihres Seins, und aus dieser unmerklichen Wunde strömte eine eisige Leere in ihr Leben. Sie war unglücklich und wusste nicht, warum.

***

„Was für eine sensible und kraftvolle Interpretation! Ich habe Rachmaninow noch nie so gehört. Danke für die Einladung, Stefan! Du hast mir eine riesige Freude gemacht. Was für ein ungewöhnlicher Künstler dieser Manuel Scholl ist! Wir sollten uns angewöhnen, viel öfter in Konzerte zu gehen.“ Julia Holl schwelgte noch im siebten Himmel, als sie nach dem Klavierkonzert mit ihrem Mann, Dr. Stefan Holl, dem Klinikleiter der Berling-Klinik, zur Tiefgarage schlenderte.

Ihr Mann hüllte sich in taktvolles Schweigen. Das Konzert hatte ihm zwar gefallen, aber es genügte voll und ganz, wenn sich dieser Genuss erst in einem Jahr oder zwei wiederholte.

„Banause!“, sagte Julia, die seine Zurückhaltung durchaus zu deuten verstand.

„Aber du liebst mich trotzdem“, erwiderte er zwinkernd.

„Du meinst, du hast andere Qualitäten?“, neckte sie ihn.

„Klar doch! Ich bin ein grandioser Ehemann und ein begnadeter Vater und …“

„Schon gut!“ Julia winkte lachend ab. „Dabei wollte ich dir eigentlich ein Abonnement für die Oper vorschlagen, aber ich fürchte, da werde ich kein Glück haben. Doch kannst du mir sagen, warum du unbedingt in dieses Konzert wolltest? Du hast die Karten besorgt und extra deinen Dienst so gelegt, dass wir gehen können.“

„Zum einen wollte ich dir eine Freude machen. Ich weiß doch, wie gerne du in Konzerte gehst. Für mich war allerdings weniger Rachmaninow als Manuel Scholl entscheidend. Als ich noch ganz neu an der Berling-Klink tätig war, bin ich ihm begegnet. Er hatte Leukämie wie unsere Juju, und es stand lange nicht gut um ihn. Leider konnten wir keinen Knochenmarkspender für ihn finden“, erzählte Stefan.

Julia und Stefan hatten vier Kinder. Marc und Dani, ihre Ältesten, waren schon erwachsen und studierten, wohnten jedoch immer noch zu Hause. Chris war fünfzehn und tief in den unberechenbaren Abgründen der Pubertät verloren. Er raubte ihnen gerade manchmal den letzten Nerv.

Das Nesthäkchen Juju war inzwischen elf Jahre alt und ein heiterer Sonnenschein. Dabei hatte das Mädchen eine fast tödliche Leukämie nur dank der Knochenmarkspende ihres Bruders Chris überstanden. Julia Holl war selbst Kinderärztin, auch wenn sie für ihre Kinder den Beruf aufgegeben hatte. Es war ihr wichtiger gewesen, ihren Kindern und ihrem Mann ein warmes Zuhause zu schaffen.

„Dann hat der junge Mann wirklich Schlimmes erlebt und überlebt. Vielleicht ist er gerade dadurch zu solch einem Ausnahmekünstler geworden“, überlegte Julia.

„Immer wenn ich mitbekomme, dass Manuel Scholl irgendwo auf der Welt ein Konzert gibt, freue ich mich. Er erinnert mich daran, wie machtvoll Träume sind und dass ich nie vergessen darf, den ganzen Menschen zu sehen“, fuhr Stefan fort.

„Jetzt musst du mir schon die ganze Geschichte erzählen! Du hast mich neugierig gemacht“, bat Julia. „Lass uns noch etwas durch die Stadt schlendern! Sie hakte sich bei ihm unter. Es war so schön, entspannt und ohne jeden Zeitdruck mit ihrem Mann unterwegs zu sein. Sie hatte noch keine Lust, nach Hause zu fahren.

„Er hatte damals gerade das Abitur gemacht, als die Krankheit ausbrach. Problemlos hatte er einen Platz am Musikkonservatorium in Wien bekommen, und statt zum Studium zu gehen, kam er zu uns an die Klinik. Das war ein Schock für ihn, und anfangs war er wütend, aber dann beschloss er zu überleben“, erzählte Stefan.

„Er beschloss es?“ Julia sah ihn verständnislos an.

„Ja, ich kann es nicht anders sagen. Medizinisch hatten wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft und konnten kaum noch etwas tun. Ich habe damals versucht, seine Eltern dazu zu bringen, ihn zu besuchen, weil ich dachte, es würde ihm den Abschied vom Leben leichter machen. Mit einem Überleben hat keiner mehr gerechnet.“

„Warum musstest du die Eltern extra bitten, sich um ihren schwer kranken Sohn zu kümmern?“ Julia machte so etwas sprachlos.

„Sie hatten wohl keinen inneren Kontakt zu ihrem Sohn. Er war in Internaten aufgewachsen und hat ihnen lange nicht mitgeteilt, dass er im Krankenhaus war. Man kann so etwas von außen nie nachvollziehen“, sagte Stefan, ohne zu urteilen.

„Kamen sie?“

„Ich weiß es nicht mehr. Falls sie kamen, sind sie nicht lange geblieben. Aber eine junge Krankenschwester war in Manuel Scholl verliebt, und sie gab ihm Hoffnung und Kraft. Ich habe ihren Namen vergessen. Sie verließ die Klinik mit ihm, und ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört.“

„Immer werden die Frauen vergessen!“, mokierte sich Julia.

„Dich werde ich nie vergessen! Versprochen!“ Stefan gab ihr schmunzelnd einen Kuss.

„Danke! Wie romantisch! Aber was hat ihn denn nun gerettet?“

„Musik – zumindest glaube ich das. Er hörte immerzu Musik und redete über nichts anderes. Selbst als er zu schwach war, um zu stehen, spielte er mit den Fingern in der Luft Klavier. Er überlebte, weil er Klavier spielen wollte und nicht bereit war, diesen Traum aufzugeben. Plötzlich schlugen Medikamente bei ihm an. Was soll ich sagen? Jeder Arzt erlebt, wenn er Glück hat, in seiner Berufslaufbahn ein oder zwei solch wundersamer Heilungen. Man vergisst es nie, und es macht demütig.“

Jetzt gab Julia ihm einen Kuss. Stefan konnte sie immer wieder in Erstaunen versetzen. „Und dieser Demut verdanke ich einen bezaubernden Konzertabend mit meinem Mann.“

„So könnte man sagen“, stimmte Stefan ihr zu und zog sie etwas näher an sich.

In harmonischem Schweigen schlenderten sie weiter.

Das Paar kam, ohne es zu wissen, an der Parkbank vorbei, auf der Ines Maler, tief in Gedanken versunken, saß.

„Wünschen wir Manuel Scholl, dass er mit seinem Talent noch vielen Menschen Freude bereiten kann!“, sagte Julia zum Abschluss.

***

„Tante Ines! Tante Ines! Hast du mir etwas aus Paris und aus Amerika mitgebracht?“ Jubelnd rannte der siebenjährige Tom auf seine Tante zu, direkt gefolgt von seiner elfjährigen Schwester Carmen. Die Kinder begrüßten Ines stürmisch und konnten kaum erwarten, dass sie die Geschenke auspackte, die sie ihnen immer von ihren Reisen mitbrachte.

„Tom! Carmen! Lasst eure Tante doch erst einmal ankommen! Ihr seid unmöglich!“, schimpfte Marianne Bauer entrüstet, musste aber zugleich über die Begeisterung ihrer Kinder lachen.

Marianne Bauer war Ines ältere Schwester und lebte mit ihrem Mann Paul und ihren drei Kindern in einem Einfamilienhaus mit großem Garten in einem Vorort von Braunschweig. Da die Eltern der Schwestern früh gestorben waren, hatte Marianne Ines großgezogen, und die Schwestern verband ein inniges Verhältnis.

„Schläft die Kleine?“, fragte Ines.

Vor drei Monaten war ein kleiner Nachzügler zu der Familie gestoßen, und Marianne hatte noch ein kleines Mädchen bekommen. Da Ines und Manuel seitdem kaum in Europa gewesen waren, hatte Ines ihre jüngste Nichte bisher noch nicht begrüßt und freute sich darauf, das Baby auf den Arm zu nehmen.

„Sie hat vorhin erst getrunken und ihr Bäuerlein gemacht, und jetzt ist sie dabei einzuschlafen. Aber keine Bange, du wirst noch viel Gelegenheit haben, dich an ihrer kräftigen Stimme zu erfreuen“, meinte Marianne und schnitt eine Grimasse.

„Tom und Carmen waren so liebe, unkomplizierte Babys und haben Paul und mich verwöhnt. Yasmin ist da von einem anderen Kaliber. Sie hat öfter Blähungen, und wenn sie einmal anfängt zu schreien, dann braucht man gute Nerven – vor allem nachts.“ Sie gähnte, wie um zu demonstrieren, dass sie kaum Schlaf abbekommen hatte.

„Die letzten drei Monate waren heftig, und ich hoffe, der Kinderarzt hat recht, und es wird bald besser. Ich könnte eine Woche durchschlafen, und für Paul ist es noch schlimmer. Er muss doch jeden Morgen um acht Uhr in der Bank sein, ob er nun ein paar Stunden Schlaf hatte oder nicht.“

„Ihr Armen! Vielleicht kann ich die kleine Dame manchmal übernehmen, aber leider ist meine Milchbar geschlossen“, meinte Ines heiter.

„Tja, da hast du Glück. Ich habe nicht genug Milch, und Yasmin bekommt zusätzlich das Fläschchen. Tobe deine Mutterinstinkte an ihr aus! Paul und ich werden dich nicht abhalten!“, versprach Marianne.

„Und wir?“, brachte Tom Carmen und sich grimmig in Erinnerung. Es war schon schlimm genug, dass seine Eltern ständig um Yasmin herumwuselten. Tante Ines durfte da doch nicht auch noch mitmachen! Der Junge war stocksauer.

„Ihr seid spitze, und diese Tasche hier, die ist ganz allein für deine Schwester und dich.“ Ines überreichte ihm eine große Einkaufstüte mit englischer Aufschrift.

„Cool! Du bist die Größte!“, jubelten die Kinder und rannten mit ihrer Beute ins Wohnzimmer.

In der Tasche fand sich von den neuesten Videospielen bis hin zu Designerkleidung für Carmen so ziemlich alles. Die Kinder waren selig.

„Du sollst doch nicht jedes Mal so viel ausgeben!“, schimpfte Marianne. „Du verwöhnst mir die Bagage. Es ist auch schön, wenn du einfach nur da bist und dich mit ihnen beschäftigst.“

„Ja, Mama!“ Inges grinste.

„Unmöglich!“, brummte Marianne, aber dann führte sie ihre Schwester zu der in der Wiege friedlich schlafenden Yasmin. Voller Mutterstolz wollte sie ihre Jüngste zeigen, aber ihre Schwester reagierte vollkommen anders als erwartet.

Ines traten Tränen in die Augen, und sie weinte los, als sie das rosige Baby sah. Sie schluchzte und schluckte und konnte sich nicht beruhigen. Marianne zog sie mit sich in die Küche, wo sie ungestört waren, und nahm sie tröstend in den Arm.

„Alles wird gut, Kleines!“, sagte sie immer wieder sanft. „Alles wird gut!“

„Aber es ist doch alles gut. Entschuldige! Ich begreife mich zurzeit selbst nicht mehr!“, stieß Ines unter Tränen hervor. „Fällt man mit dreiunddreißig etwa schon in die Wechseljahre?“, versuchte sie sich an einem Scherz.

Marianne strich ihr über den Rücken und sagte erst einmal nichts dazu. Sie hatte sich gefreut, aber auch gewundert, als Ines ihr ihren Besuch angekündigt hatte. Normalerweise kam Ines nur mit Manuel und brachte es nicht fertig, ihren Freund allein zu lassen. Diesmal wollte sie gleich vierzehn Tage ohne ihn bleiben, das verhieß kaum etwas Gutes.

„Hast du Probleme mit Manuel?“, fragte Marianne daher sanft, als Ines sich etwas beruhigt hatte.

„Aber nein! Das ist es nicht! Er ist wunderbar, und wir verstehen uns wie immer“, wehrte Ines sofort ab.

„Ich bin nur überrascht, dass du ohne ihn kommst“, ließ Marianne nicht gleich locker. Sie kannte ihre kleine Schwester gut und wusste, dass es dauerte, bis Ines bereit war, Dinge beim Namen zu nennen. Ines wollte Harmonie um jeden Preis und redete sich für Mariannes Geschmack vieles viel zu lange schön.

„Manuel wurde zu einer Meisterklasse an sein altes Konservatorium gebeten. Das ist eine große Ehre. Er wird die besten Pianisten der Abschlusssemester unterrichten und mit ihnen gemeinsam ein Konzert erarbeiten. Dafür braucht er mich nun wirklich nicht. Wien ist seine Stadt, und am Konservatorium hat er zahlreiche Freunde, die auf ihn aufpassen. Er wird die vierzehn Tage genießen, da muss ich mir keine Sorgen machen“, erzählte Ines.

„Dann ist es gut, doch du weinst nicht grundlos. Was ist mit dir los?“, bohrte Marianne weiter.

„Ich weiß es nicht. Yasmin ist so süß und …“ Wieder wurden Ines’ Augen feucht. „Unser Leben ist so … so schnelllebig. Ständig sind wir unterwegs, Manuel und ich. Immerzu neue Länder, Städte und doch letztendlich immer dieselben Konzertsäle“, versuchte Ines, das seltsame Gefühl zu beschreiben, das sie nie wieder ganz verlassen hatte, seit sie sich in München im Morgengrauen eingestanden hatte, dass sie unglücklich war.

„Du sehnst dich danach, nach Hause zu kommen, oder?“, fragte Marianne sanft.

„Nach Hause? Wo soll das sein? Die Dachgeschosswohnung in Berlin ist kein Zuhause, Marianne – kein Zuhause, wie du es hier gemeinsam mit Paul für deine Familie geschaffen hast. Auch dort steht Manuels Flügel im Zentrum. Er hat ein strenges Übungsprogamm, ob wir nun unterwegs sind oder in Berlin. Für ihn gibt es keine Pausen. Seine Musik ist sein Ein und Alles und ich …“ Ines errötete.

„Das klingt, als ob ich eifersüchtig auf sein Talent und seine Leidenschaft wäre, aber ich glaube, das bin ich wirklich nicht. Ich bin …“ Sie rang mit sich, doch Marianne gegenüber hatte sie noch nie Geheimnisse gehabt. „Ich bin einsam“, gestand sie. „Manuel hat seine Musik, die ihn erfüllt, und ich habe in den letzten Jahren meine Erfüllung darin gesucht und gefunden, mich um Manuel zu kümmern. Ich habe alles dafür getan, dass er ungestört für seine Kunst leben kann.“

„Und ich hatte den Eindruck, dass dich das sehr zufrieden gemacht hat“, warf Marianne ein.

„Das hat es auch!“ Ines nickte mehrmals. „Das hat es wirklich, und ich dachte, so würde es immer bleiben. Jetzt jedoch merke ich, wie mir mehr und mehr etwas fehlt. Ich liebe Manuel und möchte alles Gute für ihn, aber …“ Sie verstummte beschämt.

„Aber du möchtest auch etwas für dich haben“, beendete Marianne den Satz.

„Da ist so viel Liebe in mir, und manchmal glaube ich, darin zu ertrinken. Ist das sehr egoistisch? Ich liebe meinen Mann, doch er genügt mir nicht mehr.“

Marianne strich ihrer Schwester zart über die Wange.

„Nein, das ist nicht egoistisch. Seit dreizehn Jahren lebst du Manuels Leben und ordnest deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche seinen unter. Er ist das absolute Zentrum deiner Welt. Ich habe dich dafür bewundert, dass du das kannst, aber ehrlich gesagt, war es mir auch etwas unheimlich.“

„Unheimlich?“

„Na ja, ich liebe Paul. Er ist ein toller Mann, und vor allem ist er mein toller Mann. Trotzdem gehe ich nicht in seinem Leben auf. Für ihn ist Fußball sein Lebenselixier, und wenn Eintracht Braunschweig ein Spiel gewinnt, dann ist die Welt in Ordnung. Ich würde ihn nie davon abhalten, ins Stadion zu gehen, und freue mich, wenn er Tom und sogar Carmen dafür begeistert, doch mich interessiert Fußball nicht.“

„Musik ist nicht nur Manuels Hobby, sie ist sein Leben“, stellte Ines richtig, die sich falsch verstanden fühlte.

„Das mag so sein, aber sie ist nicht dein Leben. Die Frage ist doch, was ist für dich wichtig? Was brauchst du, um froh zu sein? Es geht nicht darum, Manuel seine Musik zu nehmen, sondern darum, dass du für dich herausfindest, was du brauchst“, brachte Marianne es auf den Punkt.

„Also, ich war seit Jahren nicht mehr im Fußballstadion, und es reicht mir voll und ganz, wenn Paul mir vorschwärmt, wie toll ein Spiel war. Er hat dafür keinerlei Interesse an Gartenarbeit und seltenen Pflanzen. Mein Gewächshaus kennt er kaum von innen, und meine Gartenmädels, mit denen ich chatte und einmal im Jahr eine Tour durch offene Gärten unternehme, die kennt er nicht. Warum auch? Das sind meine Mädels.“

„Deiner Meinung nach habe ich mich verloren, oder?“, fragte Ines kleinlaut.

„Quatsch! Meiner Meinung nach hast du die letzten Jahre genossen und getan, was dir wichtig war. Jetzt steht eine Veränderung an, weil du dich verändert hast. Du musst wieder lernen, in dich hineinzulauschen und herauszufinden, was du möchtest!“, widersprach Marianne.

„Was ich möchte?“ Ines lächelte müde. „Ich kann Manuel unmöglich alleine auf Tour schicken. Das schafft er nicht. Er ist so etwas von unpraktisch und wird nervös, sobald etwas nicht gleich kappt. Ohne mich ist er ziemlich verloren.“

Marianne sah ihrer Schwester forschend in die Augen.

„Du weißt, dass das eine faule Ausrede ist“, stellte sie dann fest. „Du schiebst Manuel damit den Schwarzen Peter zu und kannst selbst Märtyrer spielen. Ihr seid finanziell mehr als gut gestellt. Wenn du manchmal daheim bleiben oder für euch überhaupt erst einmal ein richtiges Zuhause schaffen möchtest, dann kannst du jemanden einarbeiten, der Manuel an deiner Stelle begleitet und sich um alles kümmert. Du musst das nicht immer selbst tun.“

„Das würde ihm aber nicht gefallen, und er ist doch so sensibel“, rechtfertige sich Ines.

„Er liebt dich. Glaubst du, es wird ihm besser gefallen, wenn du ihn irgendwann verlässt, weil du dich nicht mehr verbiegen kannst? Ines, wenn du dein Leben mit Manuel verbringen möchtest, dann musst du endlich anfangen, an eurer Beziehung zu arbeiten und nicht nur an ihn zu denken. Du bist genauso Teil dieser Beziehung wie er.“

Die Schwestern sahen sich lange schweigend an, und beide waren erleichtert, als die Haustür sich öffnete und Paul von der Arbeit kam.

„Lieblingsschwägerin, lass dich drücken!“, rief er fröhlich und umarmte Ines herzlich. „Bist du auch gerade erst gekommen?“ Verwundert sah er auf die Reisetasche, die noch an der Tür stand.

„Wir haben uns verplaudert“, beichtete Marianne. „Ines, richte dich erst einmal in deinem Zimmer ein und mach dich frisch! Ich koche uns jetzt etwas. Das muss ich ausnutzen, solange Yasmin gnädig ist und schläft.“

***

Die vierzehn Tage bei Marianne und Paul taten Ines gut. Sie gaben ihr Zeit, über vieles nachzudenken. Hin und wieder redete sie mit Marianne über ihre Gefühle und Gedanken, oft ließ sie sich treiben, genoss den Augenblick und spürte tief in sich, was ihr fehlte.

„Ich weiß noch nicht, was ich will, aber ich glaube, wenn ich es weiß, werde ich den Mut haben, aktiv zu werden“, sagte sie nach ein paar Tagen mutig.

Jeden Abend telefonierte sie mit Manuel. Er war begeistert von den jungen Künstlern, mit denen er arbeitete. Das Unterrichten bereitete ihm unerwartete Freude, und er spielte mit dem Gedanken, häufiger Meisterklassen zu unterrichten.

„Ich werde es vermissen, mit anderen Künstlern zu arbeiten“, sagte er gegen Mitte der zweiten Woche. „So intensive Gespräche mit anderen Musikern habe ich seit dem Studium nicht mehr geführt. Unmerklich bin ich durch den Ruhm zum Einzelkämpfer geworden. Musik muss klingen und schwingen. Ines, du solltest uns manchmal zuhören können! Es ist inspirierend und schöpferisch. Du musst unbedingt zu dem Abschlusskonzert kommen! Unbedingt!“, schwärmte er.

„Das mache ich!“, versprach sie und schmunzelte.

„Und wie ist es bei dir? Fällt dir bei so viel Familie nicht allmählich die Decke auf den Kopf?“, wollte Manuel wissen. „Kinder sind lieb und nett, doch vierzehn Tage am Stück – das ist eine Leistung.“

„Eigentlich nicht. Es ist schön, etwas vom Alltag mit Tom, Carmen und Yasmin mitzubekommen. Da ist es keine Sekunde langweilig. Immer passiert etwas Unerwartetes und Neues. Tom kommt auf Ideen, das hältst du nicht für möglich!“, erzählte Ines begeistert.

„Yasmin ist so süß! Du müsstest einmal an ihr schnuppern! Babys duften nach Pfirsichfrische und Wunderland. Wenn sie sich mit ihren winzigen Fingern an mir festklammert, bin ich immer wieder gerührt. Ich hole sie fast jede Nacht, wenn sie schreit, damit Marianne und Paul einmal schlafen können.“

Manuel hörte ihr aufmerksam, aber mit wachsendem Unbehagen zu. Ines hatte bisher nie sonderlich viel über Kinder gesprochen. Sie hatte ihren Neffen und ihre Nichte gern und freute sich an ihnen, aber mehr auch nicht.

„Ich wickle sie, gebe ihr das Fläschchen, und dann trage ich sie manchmal noch über eine Stunde herum, bis sie wieder einschläft. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man so einen kleinen Körper warm und sicher trägt und wiegt. Manuel, es ist wunderschön. Wie muss es erst sein, wenn ein neues Leben in einem heranwächst?“, bemerkte sie träumerisch, und die dezente Frage war schwer zu überhören.

„Das werde ich zum Glück nie erleben! Es hat sein Gutes, ein Mann zu sein“, scherzte Manuel unbeholfen, um das Thema zu beenden, ohne eine noch deutlichere Antwort geben zu müssen. Ines machte ihm Angst.

„Bist du denn gar nicht neugierig, wie es wäre, ein Kind zu haben?“, hakte Ines weiter nach.

„Um Himmels willen: nein! Ich möchte ganz bestimmt nie Vater sein!“, sagte er mit großer Bestimmtheit.

Ines hatte das Gefühl, als leerte er einen Eimer kaltes Wasser über ihrem Kopf aus. Sie verstummte abrupt. Wie kam es nur, dass sie bisher nie darüber gesprochen hatten, ob sie sich Kinder wünschten? Nach dreizehn gemeinsamen Jahren kam dieses Thema das erste Mal zwischen ihnen auf.

„Dann willst du keine Kinder? Nie?“, fragte sie ungläubig. Irgendwie war sie immer davon ausgegangen, dass sie irgendwann Kinder haben würden. Nicht gleich, aber irgendwann. Für Ines gehörten Kinder ganz natürlich zum Lebenszyklus eines Paares dazu.

„Auf keinen Fall! Ines, in meiner Lebensplanung ist dafür kein Raum. Ich wäre ein schrecklicher Vater, genau wie mein Vater es war. Ich hätte nie Zeit, würde meinem Kind immer nur die halbe Aufmerksamkeit schenken und es für die Musik wegstoßen. Ich kenne das, denn ich habe es am eigenen Leib erfahren. Solche Eltern will kein Kind, glaub mir!“

Ines fiel auf, dass sie nicht nur das Thema „Kinder“, sondern auch das Thema „Kindheit“ weitgehend vermieden hatten. Sie hatte Manuel viel über ihre Eltern erzählt, die bei einem Autounfall gestorben waren, als sie gerade vierzehn geworden war. Die Erinnerungen an ihre Eltern waren ihr heilig, denn sie hatte die beiden über alles geliebt und vermisste sie noch immer.

Manuels Eltern waren erfolgreiche Schauspieler und lebten noch, aber Ines kannte sie nur flüchtig. Zwischen ihnen und ihrem Sohn herrschte kühle Distanz. Manuel war, soweit sie wusste, hauptsächlich in Internaten aufgewachsen und hatte kaum Zeit mit seinen Eltern verbracht.

„Ich bin überzeugt, du wärst ein liebevoller und guter Vater, und zwar gerade weil du weißt, wie sehr ein Kind das braucht. Du …“, setzte sie an, um ihn umzustimmen.

„Ines, Kinder sind doch für uns gar kein Thema. Warum reden wir überhaupt darüber?“, brach Manuel gereizt ab. Woher wollte sie wissen, ob er die Fehler seiner Eltern nicht wiederholen würde? Niemand konnte das wissen – nicht einmal er selbst.

Musik war ihm wichtiger als alles, und sie würde ihm auch wichtiger als ein Kind sein. Schauspielerei und Karriere – seine Eltern hatten an nichts anderes gedacht. Der kleine Manuel hatte sich nach ihrer Liebe gesehnt, aber sie hatten ihn kaum bemerkt und konsequent aus ihrem Leben wegorganisiert.

Die Schwangerschaft war ein Unfall gewesen. Vermutlich hätte sich seine Mutter für eine Abtreibung entschieden, zumindest erzählte sie es so, aber sie spielte zu dem Zeitpunkt zufällig eine Schwangere in einer Serie. Als der Dreh abgeschlossen und er auf der Welt gewesen war, hatte sie nichts mit ihm anfangen können.

„Im Dienste der Kunst habe ich ein Kind bekommen und nicht daran gedacht, dass man Babys leider nicht zurückgeben kann, wenn der Film abgedreht ist. So wurde ich quasi unabsichtlich Mutter. Man kann sagen, ich habe alles gegeben für die Kunst und bin darauf sitzen geblieben.“

Diese Anekdote erzählte seine Mutter gerne, wenn sie nach ihrem Sohn gefragt wurde. Sie hatte sie schon in mehreren Talkshows im Fernsehen zum Besten gegeben. Die Lacher waren immer auf der Seite seiner Mutter, aber Manuel hatte in seiner Kindheit nicht viel zu lachen gehabt.

Als Kind und Jugendlicher hatten seine Eltern sich nicht für ihn interessiert. Seit er berühmter war als sie, meldeten sie sich manchmal und signalisierten die Möglichkeit einer gewissen Annäherung. Manuel war nicht daran gelegen. Als Mann brauchte er sie nicht mehr. Er hatte Ines, und sonst brauchte er niemanden.

„Ich habe in den kommenden drei Wochen keine Konzerte, und wir haben lange keinen Urlaub mehr gemacht. Hast du Lust?“, bot er als eine Art Wiedergutmachung an.

Ines wusste, dass es ihn nur nach Berlin an seinen Flügel und zum Üben zog. Er hasste Urlaub. Mit dem Vorschlag, einmal in Ferien zu fahren wie andere Menschen, wollte er sie darüber hinwegtrösten, dass er nicht einmal bereit war, mit ihr über ihren Kinderwunsch zu sprechen. Das war respektlos und gemein, fand sie und fühlte sich gekränkt.

„Nett. Kinder werden wir nicht haben, aber immerhin darf ich mich für ein paar Tage neben dir am Strand in die Sonne legen, während du davon träumst, am Flügel zu sitzen. Danke! Aber: nein danke!“ Sie schnaubte wütend und legte auf. Es war der erste richtige Streit, seit sie sich kannten.

Manuel rief sofort wieder an und ließ es zwanzig Mal klingeln. Als sie nicht abnahm, wählte er wieder. Bei seinem dritten Versuch, stellte sie ihr Handy ab. Obwohl es nach dreiundzwanzig Uhr war, wählte er Marianne und Pauls Hausanschluss.

„Bist du verrückt? Die Kinder schlafen doch!“, fauchte Ines leise in den Hörer, der nichts anderes übrig blieb, als rasch abzunehmen.

„Ich kann nicht schlafen, wenn du mir böse bist“, jammerte er kläglich. „Ines, ich wollte dich nicht kränken. Ich … ich war hilflos und habe es gut gemeint. Ich liebe dich und brauche dich. Du bist doch alles für mich und …“

„Durchatmen, Manuel!“, bremste sie ihn aus, und ihre Wut wich Mitleid und Bedauern.

„Dann bist du mir wieder gut?“, fragte er, und sie konnte den ängstlichen, kleinen Jungen sehen, der in der Dunkelheit nicht alleine gelassen werden wollte.

„Ich liebe dich auch, du Dummkopf. Darum geht es doch gar nicht!“, beruhigte sie ihn, und Zärtlichkeit schwang in ihrer Stimme mit.

„Gut! Dann ist zwischen uns alles wieder gut?“, versicherte er sich noch einmal.

„Leg dich hin und schlaf gut!“, sagte Ines mütterlich. „Morgen Abend rufe ich dich wieder an, und am Sonntag komme ich zum Konzert. Alles in Ordnung!“

„Ich liebe dich.“

Es dauerte, bis er es schaffte aufzulegen. Ines wusste, wie tief das Telefonat ihn verstört hatte. Er tat ihr leid, und sie wünschte sich von Herzen, dass wirklich wieder alles gut wurde – irgendwann. Sie musste seinen Wunsch akzeptieren, keine Kinder zu haben. Sie musste einen Weg finden, Zufriedenheit und Freude zu finden ohne Kinder.

***

Das Konzert mit seinen Meisterschülern fand in der Wiener Oper statt und wurde ein großer Erfolg. In diesem vertrauten Umfeld und umgeben von Menschen, für die Musik ähnlich bedeutsam war wie für ihn, hatte Manuel zugestimmt, dass Kompositionen von ihm selbst gespielt wurden.

Ines freute sich besonders darüber, denn es fiel ihm schwer, seinen eigenen Werken zu vertrauen, und oft lagen sie für Jahre fertig bereit und kamen doch nie zur Aufführung. Dabei hatte Manuel inzwischen auch als Komponist einen besonderen Ruf. Seine Kompositionen waren eigenwillig und galten unter Musikern als brillant, aber schwer aufführbar, weil sie höchstes Können forderten.

Während ein junger Komponist eines seiner Werke spielte, konnte Ines Manuels Gesicht sehen. Er glühte vor Freude und Stolz. Seltsamerweise schenkte ihr dieses Bild neue Hoffnung. Manuel täuschte sich. Wer sich derart über den Erfolg und das Können seines Schülers freuen konnte, der hatte das Zeug dazu, ein wunderbarer Vater zu werden.

Ines spürte, wie sich alles in ihr dagegen auflehnte, ihren Kinderwunsch so einfach zu unterdrücken. Zumindest wollte sie darum kämpfen, mit Manuel eine Familie zu gründen, bis sie überzeugt davon war, dass er tatsächlich keine Kinder wollte.

Bisher hatte sie ihn nie um etwas gebeten und ihre Erfüllung darin gefunden, ihm zu geben, was er brauchte. Nun war sie es, die etwas brauchte, um sich als Frau und Mensch vollständig und froh zu fühlen. Sie hatte mehr verdient, als ein kategorisches Nein. Er war ihr wenigstens schuldig, ehrlich und offen darüber nachzudenken.

Schließlich erfüllte das Thema Kinder nicht nur Manuel mit großen Ängsten und Zweifeln, und das war richtig und gut so. Die Verantwortung für ein neues Leben zu übernehmen war keine Kleinigkeit. Man verpflichtete sich quasi für den Rest seines Lebens, sorgsam mit sich umzugehen und dafür zu sorgen, dass man da war, wenn man gebraucht wurde.

Manuel hatte Eltern gehabt, die seinen Wunsch, sie lieben zu dürfen, konsequent zurückgewiesen hatten. Das war grausam und hatte ihn geprägt. Für Ines war es anders. Ihre Eltern waren liebevoll und fürsorglich gewesen und hätten alles für ihre Kinder getan, doch sie waren gestorben.

Ines wusste, dass man sein Kind nur lieben und darum beten konnte, es durchs Leben begleiten zu dürfen. Was geschah, lag nicht in der Hand der Menschen.

Ines hatte lange nicht über Kinder nachgedacht und den Gedanken weit von sich geschoben, weil ihr genau das Angst gemacht hatte. Sie wollte ihr Kind nicht irgendwann unbeschützt und alleine zurücklassen müssen, solange es noch zu jung war, um für sich selbst zu sorgen.

Marianne war für Ines eine gute große Schwester gewesen. Mit ihren achtzehn Jahren war sie über Nacht durch den Tod der Eltern erwachsen geworden. Ines bedauerte das zutiefst. Sie hätte ihrer Schwester eine unbeschwerte Jugend gewünscht und nicht so früh die Verantwortung für eine Pubertierende, die mit dem Verlust der Eltern nicht klarkam.

Vermutlich trug jeder Mensch, wenn es um Kinder ging, seine ureigene Angst in sich und fürchtete, an einem ganz bestimmten Punkt zu versagen. Aber wenn es nicht möglich gewesen wäre, diese Ängste zu überwinden, dann hätte es längst keine Menschheit mehr gegeben.

Ines fasste Mut und beschloss, das Thema gleich am Abend, wenn sie mit Manuel alleine war, noch einmal anzusprechen. Sie erwartete nicht, dass er ihr zuliebe seine Meinung änderte, doch sie erwartete, dass er nachdachte und ihre Bitte in Erwägung zog. Alles andere schien ihr nicht akzeptabel.

„Es ist schlimm, wenn wir streiten!“, kam ihr Manuel schon im Taxi auf dem Weg ins Hotel zuvor. „Ines, ich dachte, ich würde den Verstand verlieren. Für einen Moment glaubte ich, du würdest mich verlassen, und … und das könnte ich nicht ertragen. Bitte, lass uns nie wieder streiten!“, bat er.

„Manuel, das ist doch Unsinn!“, tadelte sie ihn zärtlich und gab ihm einen Kuss. „Ich verlasse dich nicht gleich, nur weil wir unterschiedlicher Meinung sind, aber wir müssen darüber reden und notfalls eben auch streiten, bis wir einen guten Umgang damit finden. Streiten gehört zu einer guten Beziehung dazu, und wir haben das bisher leider ziemlich vernachlässigt, weil wir beide harmoniesüchtig sind.“

„Mit dieser Vernachlässigung kann ich gut leben. Ich bin für jedes Thema offen und diskutiere alles mit dir aus, nur der Gedanke Kinder zu bekommen, ist undenkbar für mich. Uns geht es doch gut. Uns fehlt nichts. Wie haben uns und unsere Berufung. Unser Leben ist spannend und erfüllend. Kinder würden all das gefährden und zerstören.“

Flehend sah er sie an und wollte unbedingt ihre Zustimmung. Ines blieb stumm. Was er da sagte, stimmte so nicht, und dass er es so sah, machte sie traurig. Sie hatte keine Berufung, und ihr fehlte sehr wohl etwas. Er nahm sie nicht als unabhängige Person wahr und sah nur sich selbst. Das tat weh.

„Vielleicht muss man so etwas wie ein einigermaßen funktionierendes Familienleben gehabt haben, um sich später eine Familie zu wünschen. Ich weiß es nicht. In meiner Kindheit spielten meine Eltern keine Rolle. Ich habe mir das natürlich wie jedes Kind gewünscht, aber wenn man oft genug enttäuscht wird, dann lässt man das Wünschen sein“, erklärte er und gab damit Gedanken und Gefühle preis, die er noch mit keinem Menschen geteilt hatte.

„Von meiner Geburt an hat meine Mutter Wege gefunden, mich anderen Frauen zu übergeben. Ich war bei Freundinnen oder Kolleginnen von ihr, bei entfernten Verwandten – solange mich jemand nahm, ließ sie mich dort, und wenn er mich nicht mehr wollte, dann ging es zum Nächsten weiter.“

„Das tut mir so leid für dich, Manuel!“, sagte Ines sanft.

„Das muss es nicht. Da war ich noch ein Baby und bekam wenig davon mit, nehme ich an. Als ich endlich alt genug war, kam ich in unterschiedliche Institutionen und Internate. Erzieher und Pfleger und Lehrer haben mich erzogen. Meist holten mich meine Eltern nicht einmal an den Feiertagen oder in den Ferien zu sich.“ Er lächelte bitter.

„Die anderen Kinder freuten sich auf daheim, und ich wusste nicht, wo das sein sollte. Ein- oder zweimal im Jahr kamen meine Eltern zu Besuch, kauften mir teure Geschenke und gingen mit mir essen. Sie kannten mich kaum, und ich liebte sie, weil sie nun einmal meine Eltern waren. Nach diesen Besuchen war ich für Wochen ein Ekelpaket oder verzog mich in meinen Kokon. Als ich in der Pubertät war, bat ich sie, nur noch für mich zu bezahlen und nicht mehr zu kommen. Das taten sie gerne.“

„Warum haben sie dich nicht zur Adoption freigegeben?“, wollte Ines wissen.

„Das habe ich sie auch gefragt. Weißt du noch, als ich an der Berling-Klinik im Sterben lag, da haben sie mich doch ein paar Mal besucht?“

„Ich erinnere mich, dass deine Mutter vor deinem Zimmer stand und bitterlich weinte.“

„Schauspielerin bleibt Schauspielerin. Für einen guten Auftritt gibt sie alles“, kommentierte er giftig.

„Ihr Kummer schien mir nicht gespielt“, widersprach Ines. „Sie ist deine Mutter.“

„Sie ist eine gute Schauspielerin und weiß, wie man eine Mutter spielt. Das ist alles. Deshalb feiert sie solche Erfolge. Als ich sie fragte, warum sie mich nicht zur Adoption freigegeben habe, war sie verlegen. Sie hat mir erklärt, dass sie in der Öffentlichkeit steht und von den Klatschzeitschriften immer im Auge behalten wird“, erzählte er.

„Was ist denn das für eine Antwort?“

„Ines, meine Mutter hatte ihre Schwangerschaft öffentlich zelebriert, weil sie Teil ihrer Fernsehrolle gewesen war. Alle wussten, dass sie ein Kind bekommen hatte. Wie hätte sie mich da verschwinden lassen sollen? Eine offizielle Adoption kam für sie nicht infrage. Mein Vater und sie verdienten gut, hatten sozusagen ein sorgenfreies Leben – wie hätten sie der Öffentlichkeit erklären sollen, warum sie nicht in der Lage waren, ein Kind großzuziehen?“

„Sie waren nicht bereit dazu und wollten das Beste für ihr Kind – mehr an Erklärung braucht es da doch nicht.“

„Wenn es um Kinder geht und Mutterliebe, sind die Meinungen der Leute recht eingefahren. Eine Mutter hat ihr Kind zu lieben, und eine Frau hat Mutter sein zu wollen, wenn sie schwanger ist! Basta! Für die Karriere meiner Mutter wäre eine Adoption nicht gut gewesen. Man hätte sie zum kalten Biest abgestempelt, und das entsprach nicht ihren Rollenvorstellungen.“

„Sie hätte an dich und dein Wohl denken müssen!“, beharrte Ines.

„Siehst du! Wenn es um Mutterliebe geht, hört der Spaß auf. Meine Mutter liebte mich nicht. Ich war ihr egal, und sie handelte, wie es für sie günstig war, ohne an mich zu denken. Das war nicht ihr eigentlicher Fehler. So ist sie, und kein Mensch kann sich grundlegend ändern. Er kann nur lernen, mit sich zu leben und das Beste aus sich zu machen, aber er wird nicht plötzlich zu einer anderen Person.“

Ines nickte. Das sah sie ähnlich, auch wenn sie hoffte, dass man an jedem Punkt seines Lebens die Wahl hatte, neu anzufangen und sich noch einmal zu erfinden.

„Ihr Fehler war, überhaupt ein Kind zu bekommen, obwohl sie kein Kind wollte. Verstehst du? Genau diesen Fehler werde ich nicht machen. Ich will nicht Vater sein.“

Aber ich möchte Mutter sein, und zwar die Mutter deiner Kinder! Ines dachte es nur und sprach es nicht laut aus. Es hatte keinen Sinn. War ihm eigentlich klar, dass es die Mutterrolle war, die er derart anzweifelte? War ihm klar, dass er ihr durch die Blume sagte, dass er keine Kinder mit ihr wollte, weil er sie genau wie seine Mutter für unfähig hielt, ein Kind zu anzunehmen und zu lieben?

Ines wusste, dass Manuel das vehement geleugnet hätte, und sie ahnte, dass ihre Gefühlslage sie ihm gegenüber ungerecht machte, aber sie konnte ihre Empfindungen nicht ändern. Etwas in ihr begehrte auf, weil es sich von ihm ungeliebt fühlte. Er wollte nicht, dass sie die Mutter seiner Kinder wurde. Er wollte sie nicht.

***

„Du siehst schlecht aus. Geht es dir gut?“ Besorgt hielt Marianne Bauer ihre Schwester mit einem Arm auf Armeslänge von sich und betrachtete sie mütterlich, während Yasmin an ihrer anderen Schulter kuschelte und die Tante mit großen Augen neugierig ansah.

„Was ist denn das für eine Begrüßung? Mir geht es prächtig, und du siehst im Vergleich zum letzten Mal um zehn Jahre jünger aus!“, antwortete Ines heiter, die gerade erst zur Tür hereingekommen war und noch im Flur stand. Das Letzte, über das sie sprechen wollte, war ihr angeschlagener Gesundheitszustand. Marianne sah immer alles, und das konnte Segen und Fluch sein.

„Das macht der gesunde Nachtschlaf“, mischte sich Paul ein und umarmte seine Schwägerin lachend. „Yasmin hat ein Einsehen und lässt uns nachts durchschlafen. Wie der Kinderarzt prophezeit hat, hörten die Blähungen auf, kaum dass du wieder weg warst. Mit dem Ende des dritten Monats wurde alles anders, seitdem ist sie die süßeste Maus der Welt und vor allem so friedlich!“

„Ja, was so ein bisschen Schlaf nicht ausmacht! Man ist ein ganz anderer Mensch“, stimmte Marianne ihrem Mann zu. „Aber du hast stark abgenommen, Ines, und du warst schon immer sehr dünn. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Du musst mir versprechen, dass du nach den Feiertagen zum Arzt gehst und dich gründlich untersuchen lässt!“

„Meine Frau, das Muttertier! Ines, tut mir leid, da musst du durch, aber es ist Weihnachten – da gibt es auch im Hause Bauer Gnade“, spottete Paul, und alle lachten.

Ines und Manuel verbrachten die Weihnachtstage bei Marianne, Paul und den Kindern. Yasmin war inzwischen acht Monate alt und ein wahrer Wonneproppen. Ines musste die Kleine einfach aus den Armen der Mutter nehmen. Yasmin hatte nichts dagegen, sondern lachte und begann, mit ihren kleinen Fingern an Ines’ Nase herumzuspielen, als erinnerte sie sich an die Tante, die sie nachts herumgetragen hatte.

„Bist du groß geworden!“ Ines erfüllte ein warmes Glücksgefühl, und sie drückte das Kind zärtlich an sich.

„Ich bin auch groß geworden, und acht bin ich auch schon!“, meldete sich Tom zu Wort, der die Ankunft seiner Tante nicht gleich bemerkt hatte, aber nun mit Carmen aus dem Wohnzimmer gerannt kam, um Hallo zu sagen.

Lachend gab Ines das Kleinkind der Mutter zurück und begrüßte die älteren Kinder gebührend. Es gab wieder eine Einkaufstüte mit Geschenken, die ihr Lob und Ehre eintrugen, nicht zuletzt, weil sie nicht erst unter den Tannenbaum wanderten, sondern gleich geöffnet werden durften.

„Tante Ines, du bist die Coolste und Beste!“, jubelte Carmen, als sie einen Stapel Jeans aus der Tüte nahm, die der neuesten Mode entsprachen und von anerkannten Designern stammten. Aufgeregt rannte das Mädchen in sein Zimmer, um sie gleich anzuprobieren.

„Wo sind die Jahre geblieben? Carmen ist kein Kind mehr, und dabei ist sie doch erst zwölf! Ich verpasse viel zu viel!“, beschwerte sich Ines, die es kaum glauben konnte, wie reif und erwachsen ihre Nichte schon wirkte.

„Du musst eben öfter kommen!“, meinte ihre Schwester trocken.

„Oh ja!“, freute sich Tom und bestaunte sein neues Smartphone. Es war genau das Modell, das er sich heimlich gewünscht hatte, aber seinen Eltern durfte er mit solchen kostspieligen und, wie sie fanden, unnötigen Wünschen nicht kommen.

„Danke! Tante Ines, kannst du nicht jeden Monat kommen?“, schlug der Junge wie ein guter Geschäftsmann vor.

„Wie uneigennützig! Ich sehe die Euroscheine in deinen Augen tanzen“, schnaubte Marianne.

„Ach, Mama, du verstehst das nicht!“, erwiderte Tom fröhlich, grinste breit und umarmte seine Tante ein zweites Mal vor Begeisterung.

Manuel beobachtete das Spektakel und stand kaum beachtet im Hintergrund. All die Zuneigung und Freude, die Liebe, mit der Ines begrüßt wurde, war fast zu viel für ihn. So fühlte sich Familie an. Wie sollte er Ines das ersetzen? Wie sollte er sie glücklich machen können, wenn sie sich danach sehnte?

Manuel hätte das Weihnachtsfest gerne mit Ines in Berlin verbracht. Bisher waren sie jedes Jahr bei ihrer Schwester gewesen, und er fand das schön und war gerne in Braunschweig, aber in diesem Jahr machte es ihm Angst. Nach den vierzehn Tagen mit Mariannes Familie war Ines verändert zu ihm zurückgekehrt.

Er hätte sich gerne eingeredet, dass in den vergangenen Monaten alles wie zuvor gewesen war, aber das konnte er nicht. Dafür liebte er Ines zu sehr. Etwas in ihr schien erloschen zu sein. Sie lachte kaum noch. Es gab nichts, was er ihr zum Vorwurf hätte machen können. Sie kümmerte sich rührend um ihn, organisierte ihr gemeinsames Leben perfekt, und doch war sie nicht mehr die Ines, die er kannte und liebte.

Er konnte ihre Traurigkeit spüren. In ihren Augen stand immer ein suchender Ausdruck, als wartete sie auf etwas und hätte vergessen, auf was genau sie wartete. Früher war sie trotz ihrer Schlafstörungen nie müde und ausgelaugt gewesen. Inzwischen konnte er sich nicht erinnern, wann er sie das letzte Mal so wach und heiter erlebt hatte wie jetzt.

„Manuel, kann ich dir ein Glas Wein anbieten?“, fragte Paul nach der allgemeinen Begrüßung und lotste ihn zu einem behaglichen Sessel, der direkt an dem Kaminofen der Familie stand. Hinter der schützenden Glasscheibe flackerte ein heimeliges Feuer und verbreitete eine wohlige Wärme.

„Gerne!“

Die Männer stießen an, während Ines und Marianne mit Yasmin in der Küche verschwanden und die Kinder sich ihren Geschenken widmeten und vollauf damit beschäftigt waren.

„Hattet ihr eine gute Fahrt?“ Paul wusste nie so genau, worüber er mit Manuel sprechen sollte. Er schätzte den Musiker für seine ruhige, freundliche Art, aber da er selbst nichts von Musik verstand, fehlte ein gemeinsames Thema.

„Die Straßen waren frei, und das Wetter hat mitgemacht“, antwortete Manuel. „Wir sind meist mit dem Flugzeug oder der Bahn unterwegs, und ich genieße es immer, wenn ich einmal Auto fahren kann.“

Paul fuhr meist mit dem Rad zu der Bank, in der er arbeitete. Es waren nur knappe vier Kilometer, und das Radfahren machte morgens und abends seinen Kopf frei. Autos boten als Thema daher auch keine gemeinsame Basis. Die Männer schwiegen befangen und lächelten sich verlegen an.

„Bist du gerne Vater?“, platzte Manuel da völlig unvermittelt mit einer Frage heraus, die ungewöhnlich persönlich war.

„Ich bin Vater und wollte immer Vater sein“, antwortet Paul nach kurzem Zögern etwas verwundert. „Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne die drei Rabauken zu sein. Ja, ich bin wohl gerne Vater, aber es ist so normal für mich, dass sich die Frage nicht stellt. Ich bin es einfach.“

„Hast du nie daran gezweifelt, ein guter Vater sein zu können?“ Manuel brannten diese Fragen auf der Seele. Er wollte Ines nicht verlieren und spürte, wie sie ihm entglitt.

„Man wächst mit seinen Aufgaben, glaube ich. Als Marianne das erste Mal schwanger war, bin ich nachts oft schweißgebadet aufgewacht und hatte große Angst“, gestand Paul.

„Dann warst du dir auch nicht sicher, ob du ein guter Vater und in der Lage sein würdest, Kindern gerecht zu werden?“ Manuel fühlte sich bestätigt und atmete auf. Er war nicht allein mit seinen Ängsten, und das ließ ihn hoffen, dass es vielleicht doch einen Weg geben könnte.

„Kinder haben Marianne und ich uns immer gewünscht. Ein Leben ohne Kinder stößt für mich irgendwann an seine Grenzen. Weißt du, wir sind viel gereist, als wir frisch zusammen waren, und haben tolle Sachen gemacht und gesehen. Nichts davon wollte ich missen, aber durch Carmen, Tom und Yasmin erleben wir noch einmal etwas ganz anderes. Kinder sind großartig. Sie runden das Leben irgendwie ab, schaffen immer neue Herausforderungen, halten uns jung.“

„Und wovor hattest du dann solche Angst?“, wollte Manuel wissen. Was Paul da sagte, war ihm nicht fremd. Musik gab ihm jeden Tag neue Herausforderungen. Dafür brauchte er keine Kinder – ganz im Gegenteil.

„Ich machte mir Sorgen, ob ich eine Familie immer würde ernähren können. Kinder und eine Familie kosten viel Geld. Einer muss bei den Kleinen zu Hause bleiben – für Marianne und mich ist das so. Es entspricht unserer Familienvorstellung. Daher war klar, dass ein Verdienst ausfallen würde“, erzählte Paul, was damals in ihm vor sich gegangen war.

„Schnöde existenzielle Ängste waren es bei mir, Manuel. So etwas wie: Was ist, wenn ich krank werde und nicht mehr arbeiten kann? Was ist, wenn ich einen Unfall habe oder meine Stelle verliere? Wie soll ich meine Familie dann über die Runden bringen? Bin ich schon so weit, einer Familie Sicherheit garantieren zu können?“ Paul sann einen Moment nach.

„Es klingt lächerlich, aber ich hatte Angst, ob ich erwachsen genug bin, um einer Familie dauerhaft Sicherheit schenken zu können. Hin und wieder überfallen mich solche Zweifel auch jetzt noch! Als Familienvater stehe ich unter einem speziellen Druck, denn wenn ich beruflich versage oder mich nicht schnell genug an die Zeit anpasse, dann wirkt sich das direkt auf meine Familie aus.“

Manuel nickte verstehend, obwohl er in einer gänzlich anderen Lage war. Finanziell musste er sich längst keine Gedanken mehr machen. Schon jetzt hatte er so viel Geld verdient, dass er es in seinem ganzen Leben nicht ausgeben konnte. Geld hatte ihn niemals sonderlich interessiert, allerdings hatte er auch nie Geldknappheit erlebt.

„Marianne schimpft mit mir, wenn ich Zukunftsängste habe. Sie sagt, dass man niemals wissen kann, was im Leben kommt. Der frühe Verlust ihrer Eltern hat sie und Ines geprägt. Solch ein Schicksalsschlag lässt Menschen zerbrechen oder weit über ihr Alter hinaus reifen und zu unbeugsamen Persönlichkeiten werden.“ Paul hatte sich oft gefragt, was der Tod ihrer Eltern für seine Frau bedeutet haben mochte.

„Marianne ist immer auf das Schlimmste vorbereitet, aber überzeugt, dass man im Leben alles meistern kann, solange man nicht aufgibt und zusammenhält. Wenn andere die Nerven verlieren, bleibt sie gelassen und ruhig. Starke Frauen haben wir an unserer Seite – du und ich.“

„Ines wird mich verlassen“, stellte Manuel traurig fest, als wäre es beschlossene Sache. „Irgendwann wird sie gehen. Sie will Kinder.“

„Und du nicht?“