Die besten Ärzte - Sammelband 48 - Katrin Kastell - E-Book

Die besten Ärzte - Sammelband 48 E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe!

Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden.
Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert!

Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis!

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Chefarzt Dr. Holl 1813: Sie zitterte um sein Leben
Notärztin Andrea Bergen 1292: Katjas kleine Heldin
Dr. Stefan Frank 2246: Gleichklang der Herzen
Dr. Karsten Fabian 189: Verbotene Liebe - gestohlene Stunden
Der Notarzt 295: Bewährungsprobe einer jungen Ärztin

Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 594

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Katrin Kastell Daniela Sandow Stefan Frank Ina Ritter Karin Graf
Die besten Ärzte - Sammelband 48

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2014/2016/2017 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2023 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Covermotiv: © Shutterstock / Roman Saborskyi / sfam_photo

ISBN: 978-3-7517-4407-2

www.bastei.de

www.sinclair.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Chefarzt Dr. Holl 1813

Der attraktive Anwalt Adrian Keller ist fest entschlossen, seine Verlobung mit Vanessa Lindner zu lösen. Nach einer überraschenden Begegnung mit seiner einstigen Geliebten Jasmin Bach ist ihm klar geworden, dass er keine Frau jemals so lieben kann wie sie.  Doch noch bevor er mit Vanessa über die Trennung sprechen kann, wird bei ihr eine schwere Nierenerkrankung diagnostiziert, und sie bittet Adrian, ihr eine Niere zu spenden.  Adrian steckt in einem furchtbaren Gewissenskonflikt. Obwohl er weder ein noch aus weiß, lässt er sich in der Berling-Klinik als möglicher Nierenspender für Vanessa testen. Es ist ausgerechnet Jasmin Bach, seine große Liebe, die als Ärztin die Untersuchungen vornimmt. Als sie während der Sonografie auf dem Bildschirm seine inneren Organe betrachtet, bleibt ihr Herz beinahe stehen. Adrian hat ein gefährliches Aortenaneurysma. Er schwebt in höchster Lebensgefahr und muss sofort operiert werden ...

Notärztin Andrea Bergen 1292

Mit angstvoll pochendem Herzen lauscht die kleine Lena in den dunklen Wohnungsflur. Schon vor einer Stunde ist ihre Mutter Katja zu ihrem Nachtdienst im Elisabeth-Krankenhaus aufgebrochen und hat Lena in der Obhut ihres neuen Freundes Eugen zurückgelassen. Seit ihre Mama diesem Mann begegnet ist, ist nichts mehr, wie es vorher war. Lenas gerade noch so schönes Leben ist plötzlich ein schlimmer Albtraum geworden, der sich Abend für Abend wiederholt! Doch niemand will Lena glauben, niemand kennt Eugens wahres, böses Gesicht ...  Wie erstarrt liegt Lena in ihrem Bett und horcht, ob sich die schweren Männerschritte wieder ihrem Zimmer nähern. Da, der Ton des Fernsehers erstirbt, und die Bodendielen knarren. Gleich wird sich ihre Zimmertür öffnen und das Monster zu ihr kommen ...

Dr. Stefan Frank 2246

Wer Stella Mohr und Vincent Plassmeier zusammen sieht, käme nie auf die Idee, dass die beiden jungen Leute kein Liebespaar sind. Die hübsche Fremdsprachenkorrespondentin und der attraktive Investmentbanker passen einfach perfekt zusammen! Beide sind äußerst sympathisch und beruflich erfolgreich, aber es ist nicht nur das: Stella und Vincent scheinen eine besondere Verbindung zueinander zu haben. Jeder von ihnen spürt es gleich, wenn es dem anderen schlecht geht, und weiß immer, was der jeweils andere denkt.   Als die beiden dann auch noch zur selben Zeit krank werden, wundert sich ihr Hausarzt, Dr. Stefan Frank, doch sehr. Er weist die beiden in die Waldner-Klinik ein, und tatsächlich machen die Kollegen dort gleich mehrere merkwürdige Entdeckungen...

Dr. Karsten Fabian - Folge 189

Gerade hat Dr. Karsten Fabian die junge Maike mit einem Herzinfarkt ins Kreiskrankenhaus gebracht. Das ist schon eine kleine Tragödie, denn die Frau ist geschieden und hat einen kleinen Sohn. Wer soll denn jetzt auf Sascha aufpassen?

Zunächst wird sich Florentine Fabian um ihn kümmern, aber eigentlich gehört er ja zu seinem Vater, der auch im Heidedorf wohnt. Nur hat der eine neue Frau, und die scheint kein Interesse an dem Kind zu haben ...

Der Notarzt 295

Dr. Pia Lichtenstein kommt gerade aus ihren Flitterwochen und schwebt auf Wolke sieben. Nach nur einem halben Jahr Beziehung hat Gabriel ihr einen Antrag gemacht und sie geheiratet. Alles scheint wie im Märchen zu sein, und Gabriel ist darin der Prinz. Der außergewöhnlich attraktive, großzügige und charmante Mann überschüttet sie mit romantischen Liebenswürdigkeiten und macht ihr ständig kostbare Geschenke. Und obwohl sich alle Frauen nach ihm umschauen, hat er nur Augen für seine Pia.

So fällt es der glücklichen Braut auch nicht schwer, nach der Reise beschwingt ihre Arbeit in der Notaufnahme der Frankfurter Sauerbruch-Klinik anzutreten. Fröhlich verteilt sie unter ihren Kollegen Urlaubsmitbringsel und schwärmt von ihrem wunderbaren Ehemann. Doch dann klingelt das Notruftelefon: Auf der Autobahn hat sich ein schrecklicher Unfall ereignet. Ein Autofahrer und seine Frau sind lebensgefährlich verletzt worden, das gemeinsame Kind ist offenbar traumatisiert.

Als Pia das männliche Unfallopfer sieht, dringt ein Schrei über ihre Lippen. Sie kennt diesen Mann! Und nach seinem Anblick ist sie nun Mitwisserin eines furchtbaren Geheimnisses - eines Geheimnisses, das auch sie selbst betrifft, und das die entsetzte Ärztin niemandem verraten will. Aber wie soll sie in diesem Gemütszustand ihre Arbeit im OP professionell verrichten?

Die besten Ärzte - Sammelband 48

Cover

Titel

Impressum

Über das Buch

Inhalt

Chefarzt Dr. Holl 1813

Sie zitterte um sein Leben

Die Notärztin 1292

Katjas kleine Heldin

Dr. Stefan Frank 2246

Gleichklang der Herzen

Dr. Karsten Fabian - Folge 189

Die wichtigsten Bewohner Altenhagens

Verbotene Liebe – gestohlene Stunden

Der Notarzt 295

Bewährungsprobe einer jungen Ärztin

Guide

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Contents

Sie zitterte um sein Leben

Die Angst einer Frau um den Geliebten

Von Katrin Kastell

Der attraktive Anwalt Adrian Keller ist fest entschlossen, seine Verlobung mit Vanessa Lindner zu lösen. Nach einer überraschenden Begegnung mit seiner einstigen Geliebten Jasmin Bach ist ihm klar geworden, dass er keine Frau jemals so lieben kann wie sie.

Doch noch bevor er mit Vanessa über die Trennung sprechen kann, wird bei ihr eine schwere Nierenerkrankung diagnostiziert, und sie bittet Adrian, ihr eine Niere zu spenden.

Adrian steckt in einem furchtbaren Gewissenskonflikt. Obwohl er weder ein noch aus weiß, lässt er sich in der Berling-Klinik als möglicher Nierenspender für Vanessa testen. Es ist ausgerechnet Jasmin Bach, seine große Liebe, die als Ärztin die Untersuchungen vornimmt. Als sie während der Sonografie auf dem Bildschirm seine inneren Organe betrachtet, bleibt ihr Herz beinahe stehen. Adrian hat ein gefährliches Aortenaneurysma. Er schwebt in höchster Lebensgefahr und muss sofort operiert werden …

Nicht zum ersten Mal konnte Jasmin in Dr. Holls OP-Team ihre medizinischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Dass sie diesmal sogar bei einer Lebertransplantation dabei sein durfte, bescherte ihrem Selbstvertrauen einen außerordentlichen Schub.

Ihr oblag das stundenlange Hakenhalten. Zwischendurch ein paar Blutstillungen durch Kompression. Keine besonders abwechslungsreiche Tätigkeit, aber unerhört wichtig. Sie spürte schon eine leichte Verkrampfung im Rücken.

Der Patient war noch ein Kind. Und so war es für sie aufgrund des Platzmangels nicht ganz einfach, mit ihren Armen das Zusammenspiel der Chirurgen nicht zu behindern.

Dr. Stefan Holl und Dr. Daniel Falk arbeiteten Hand in Hand an beiden Seiten des OP-Tisches. Das fünfjährige Kind litt an einer schweren Stoffwechselerkrankung der Leber. Der lebensbedrohliche Zustand konnte nur durch ein neues Organ behoben werden.

Angesichts der langen Empfänger-Wartelisten hatte sich der eigene Vater dafür entschieden, seinem Sohn mit einer Lebendspende sofort zu helfen. Nach eingehenden Tests und intensiven Gesprächen stimmten die Ärzte dem Eingriff zu, der auch für den Dreiundvierzigjährigen nicht ganz risikolos war. Man war guten Mutes, dass alles gut gehen würde. Eine hundertprozentige Garantie konnte Dr. Holl dem Mann allerdings nicht geben.

Der linke Leberlappen des Spenders war bereits entfernt worden. Das bedeutete zunächst keinen großen Verlust, da nach einer gewissen Zeit der verbleibende rechte Lappen fast wieder auf die ursprüngliche Größe des Organs nachwachsen würde.

Im Hintergrund des OP zwei erklang romantische Filmmusik. Daniel Falk war bei der Auswahl an der Reihe gewesen.

„Bloß nichts Aufpeitschendes“, hatte er verlangt. „Das vertrag ich heute nicht.“

Die Chirurgen gingen nach der Standardtechnik vor.

Ein L-förmiger Oberbauchschnitt legte das Operationsfeld mit der kranken Leber des Kleinen frei. Sie wurde entfernt. Das geschah ohne Hast und mit penibler Genauigkeit. Jegliche innere Blutungen sollten vermieden werden.

Nachdem Dr. Holl und Dr. Falk alle Gefäße präzise präpariert hatten, konnte endlich das Spendenleber-Teil aus der kalten Konservierungslösung entnommen und eingefügt werden.

Nun begann die kniffligste Phase des Eingriffs. Hohlvene, Pfortader, Leberarterie und Gallengang wurden mit einer speziellen Nahttechnik mit dem neuen Organ verbunden. Das nahm erneut viel Zeit in Anspruch.

Mit großer Bewunderung verfolgte Jasmin Bach die sicheren Handgriffe der beiden Chirurgen. Sie wünschte sich nichts mehr, als eines hoffentlich nicht mehr allzu fernen Tages ebenfalls solche Leistungen erbringen zu können.

Nachdem alle Gefäße an das väterliche Leberstück angenäht waren, begann Dr. Falk die Wunde bis auf zwei kleine Öffnungen zu verschließen.

Dr. Holl schob zwei Drainagen hinein, mit denen im Fall des Falles unerwünschte Flüssigkeit abgeleitet wurde. In der Regel blieben sie nur die ersten Tage nach dem Eingriff in der Wunde liegen.

Das Kind wurde zur weiteren Betreuung auf die Intensivstation gebracht. Erst jetzt, nach sechs Stunden angespannter Aufmerksamkeit, spürte die junge Ärztin so etwas wie Erschöpfung. Und sie hatte Durst.

Als dann Dr. Holl sein hoch motiviertes Team auf einen Kaffee in die hausinterne Cafeteria einlud, schlossen sich alle an. Nur die Anästhesistin Andrea Kellberg wollte den kleinen Patienten noch eine Weile nach dem Aufwachen beobachten.

„Wie ist es Ihnen ergangen?“, erkundigte sich der Chefarzt bei seiner Assistentin.

„Ich denke, ich habe viel gelernt“, sagte Jasmin, ohne zu zögern. „Sie waren großartig.“

„Danke für die Blumen“, erwiderte Stefan Holl schmunzelnd. „Die Operation erforderte von uns allen eine enorme Konzentration.“

„Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich auch morgen bei der Nierentransplantation dabei sein dürfte“, schob Jasmin in der festen Hoffnung nach, eine Zusage zu bekommen. Eigentlich hatte sie morgen frei, aber wenn Dr. Holl sie im OP haben wollte, würde sie den Tag gern sausen lassen.

„Einverstanden“, sagte der Klinikchef. „Um acht Uhr geht’s los. Sie müssen sich allerdings mit Handreichungen zufriedengeben. Als Assistenten sind die Kollegen Jordan und Donat eingeplant.“

„Das macht nichts“, versicherte Jasmin ihm. Dabei zu sein war die Hauptsache. „Danke, Dr. Holl.“

Später in der Cafeteria wurde noch eingehend über den gelungenen Eingriff diskutiert. Jasmin versuchte, sich jedes Detail zu merken. Als sich die Gruppe auflöste, schwirrte ihr der Kopf.

***

Ungeduldig trommelte Adrian mit den Fingern auf das Lenkrad. Leider gehörte auch München zu den deutschen Städten, in denen Autofahrer große Teile ihres Lebens im Stau verbrachten.

An der nächsten roten Ampel griff er nach seinem Handy und gab Vanessas Nummer ein. Sie hatte ihr Handy abgeschaltet. Möglich, dass sie noch mitten in den ärztlichen Untersuchungen steckte und ihm nicht antworten konnte.

Seit heute Morgen befand sie sich in der Berling-Klinik, um die Rückenschmerzen, den Bluthochdruck und die häufigen Harnwegsinfektionen abklären zu lassen. Es war gar nicht so leicht gewesen, sie dazu zu überreden. Aber dem Drängen ihres Vaters hatte sie schließlich nachgegeben.

„Du bist mein einziges Kind. Und darum will ich, dass du meinen Wunsch erfüllst“, hatte er mehr befohlen als darum gebeten.

Ja, der gute Georg Lindner verstand es immer, seinen Willen durchzusetzen, manchmal freundlich, manchmal unnachgiebig.

Adrian kannte ihn inzwischen ganz gut und konnte seine Reaktionen ziemlich sicher einschätzen. Was für ihn selbst nur von Vorteil war, denn er musste nicht nur privat mit ihm klarkommen, sondern auch beruflich.

Zum Glück empfand Georg sehr viel Wohlwollen für Adrian, seinen zukünftigen Schwiegersohn. Im kleinen, privaten Kreis pflegte er ihn als den tüchtigsten Anwalt in seiner Kanzlei zu bezeichnen, der eines Tages die Firma übernehmen und sein Lebenswerk ganz in seinem Sinne fortsetzen würde.

Seine eigene Tochter hingegen hatte auch nie nur einen Augenblick daran gedacht, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Staubtrockene Paragrafen interessierten sie nicht. Lieber studierte sie Kunstgeschichte im zwanzigsten Semester, unternahm Reisen und ging jede Woche ausgiebig in Münchens Exklusivläden shoppen. Dank ihres wohlhabenden Papas brauchte sie sich um ihren Lebensunterhalt keine Gedanken zu machen.

Georgs Milde seinem einzigen Kind gegenüber schien unbegrenzt. Er vergötterte sie. Seit dem relativ frühen Tod seiner Frau gab es für ihn nur noch seine Tochter, der es an nichts fehlen durfte.

Adrian musste schmunzeln, als er an Vanessas Schuhkäufe dachte. Fast jede Woche kam sie mit einem neuen Paar nach Hause. Ein ganzer Raum in der Taufkirchener Villa war bereits mit Regalen ausgekleidet worden, auf denen ihre Schätze darauf warteten, ausgeführt zu werden. Und da sie eher klein war, trug sie am liebsten die Schuhe mit den höchsten Absätzen.

Quälend langsam schob sich die Autokolonne Schritt für Schritt weiter. Womöglich war irgendwo vor ihm ein Unfall passiert. Adrian schaute auf die Uhr. Eine halbe Stunde war er jetzt schon unterwegs.

Eigentlich konnte er sich diese Zeitverschwendung gar nicht leisten. Sein Tag war komplett ausgefüllt mit Gerichts- und Mandantenterminen und Besprechungen in der Kanzlei. Meist kam er erst am späten Abend in sein Schwabinger Apartment, wo er oft noch Schriftstücke überarbeitete und nebenbei etwas aß, das er sich bringen ließ.

Nur die Wochenenden konnte er zurzeit mit Vanessa verbringen. Und selbst dann gab es oft Störungen beruflicher Art, was seine Verlobte aber nicht sonderlich zu stören schien. Von Seiten ihres Vaters wusste sie ja bereits, dass erfolgreiche Anwälte kaum ein Privatleben hatten.

In diesem oder im nächsten Jahr wollten Vanessa und er heiraten. Anfangs hatte er Georgs Tochter nicht ganz ernst genommen, in ihr nur eine oberflächliche junge Frau gesehen, die aufgrund ihres reichen Elternhauses komfortabel leben konnte, ohne selbst je einen Finger zu rühren. Schon ihre Mutter hatte ein beachtliches Familienerbe mit in die Ehe gebracht, das nach ihrem Tod zur Gänze an die Tochter fiel.

Natürlich gab es auch eine Menge guter Eigenschaften an Vanessa, die Adrian gefielen. Sie konnte erfrischend lustig sein, war für jeden Scherz zu haben, sprühte manchmal nur so vor Ideen, hatte ein großes Herz für Kinder und spendete regelmäßig für die entsprechenden Hilfsorganisationen.

Irgendwann erkannten sie beide, dass sie sich liebten, und beschlossen, den weiteren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Wobei Adrian hoffte, dass sich dann ihre oft etwas zu heftige Eifersucht noch legen würde.

Papa Georg jedenfalls freute sich, dass seine Tochter und sein Nachfolger miteinander die Ehe wagen wollten.

„Dir vertraue ich sie an“, hatte er seinem zukünftigen Schwiegersohn unter vier Augen zugeraunt, als sie im engsten Familienkreis miteinander anstießen. „Du bist der richtige Mann für sie. Du kannst sie zähmen.“

Das hatte Adrian eigentlich nicht vor, schließlich war er kein Dompteur. Aber Georg hatte eben noch etwas altmodischere Rollenbilder im Kopf.

Adrian seufzte erleichtert auf. Nach weiteren schier endlosen vierzig Minuten erreichte er endlich die Abbiegung zur Berling-Klinik. Nun ging es schneller voran.

Wenig später bog er schwungvoll auf den Parkplatz ein und fand auch sofort eine Lücke. Immerhin das hatte funktioniert.

Bevor er ausstieg, versuchte er erneut, seine Verlobte zu erreichen, aber vergebens. Vielleicht hatte sie einfach vergessen, das Telefon wieder laut zu schalten.

Am Empfang schickte man ihn in den ersten Stock. Doch von Vanessa keine Spur, weder auf dem Gang noch im Warteraum.

„Kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte sich eine weibliche Stimme. Schwester Marion stand auf dem Namensschild, das an ihrem Kittel befestigt war.

„Ich suche Frau Lindner. Sie war heute wegen diverser Tests hier und …“

„Ja, ich weiß“, sagte die Pflegerin. „Aber sie ist schon vor einiger Zeit gegangen.“

Auf seinem Gesicht machte sich Ratlosigkeit breit.

„Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher“, bestätigte Marion. „Vielleicht wartet sie unten in der Cafeteria auf Sie.“

„Das werde ich gleich überprüfen“, sagte Adrian und eilte Richtung Treppe.

Doch bevor er sie erreichte, erlebte er einen dieser seltenen Momente im Leben, die einen spontan innehalten ließen. Und nach denen nichts mehr so war wie zuvor.

***

„Sehr nett von Ihnen“, sagte Vanessa nun schon zum wiederholten Mal zu dem charmanten Arzt, der sich spontan bereit erklärt hatte, sie nach Taufkirchen mitzunehmen. Angeblich lag das Ziel genau auf seiner Route.

Auch wenn sie glaubte, dass er schwindelte, war es ihr egal. Hauptsache, sie musste nicht länger die Luft in dieser Klinik atmen. Dafür nahm sie gern seinen etwas übertriebenen Charme in Kauf.

„Arbeiten Sie gern in Ihrem Beruf?“

„Wollen Sie eine ehrliche Antwort?“

„Unbedingt.“

„Mal mehr, mal weniger“, erwiderte Dr. Jordan nach einer kurzen Denkpause. „Natürlich bereitet es große Genugtuung, kranken Menschen zu helfen. Aber manchmal haben wir es auch mit unangenehmen Patienten zu tun, denen man nichts recht machen kann. Sie hören nicht auf unsere Ratschläge, und wenn sie dann erneut krank werden, bekommen wir erst mal ordentlich Vorwürfe aufgetischt.“

Vanessa schwieg.

„Darf ich fragen, weshalb Sie bei uns waren?“

„Es ist nichts wirklich Beunruhigendes. Ich habe manchmal heftige Kopfschmerzen. Eigentlich habe ich mich nur meinem Vater zuliebe untersuchen lassen. Er ist immer so besorgt um mich.“

„Das ist doch angenehm, oder? Ich jedenfalls wäre glücklich, wenn sich jemand um mich sorgen würde“, merkte er mit traurigem Hundeblick an, doch sie reagierte nicht so, wie er hoffte.

„Damit wollen Sie mir wohl mitteilen, dass Sie keinen Menschen auf dieser Welt haben, der sich um Sie kümmert?“, konterte sie ironisch.

„So ähnlich“, gab Jan seufzend zu. „Ich habe zwar einen anspruchsvollen Beruf, bin aber ein einsamer Mann. Das eine ergibt das andere.“

Er wartete drei Sekunden, ob sie sich dazu äußerte, doch es kam nichts.

„Vielleicht würden Sie ja mal mit mir ausgehen. Wir könnten irgendwo was essen und uns einen netten Abend …“

„Vorsicht“, unterbrach sie ihn trocken. „Die Ampel ist rot.“

Jan Jordan sah das Rotlicht etwas spät, weswegen er abrupt bremsen musste.

„Danke für das Angebot“, nahm Vanessa mit freundlichem Spott den Faden wieder auf. „Aber ich verbringe die netten Abende mit meiner Familie.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und mit meinem Verlobten. So komme ich nicht auf dumme Gedanken.“

„Frauen mit Prinzipien!“ Jan Jordan verdrehte die Augen. „Schade. Aber wenn Sie mal Lust auf was Verrücktes haben, rufen Sie mich einfach an. Bin jederzeit zu einer Schandtat bereit.“

Vanessa lächelte maliziös.

„Schandtat? Was meinen Sie denn damit?“

„Zum Beispiel Pferde stehlen“, sagte er und spürte zu seinem Ärger, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redete. Klar, dass eine Frau wie sie sich nicht unbedingt mit einem kleinen Assistenzarzt einließ.

„Dort vorn links“, sagte sie. Und nach ungefähr fünfzig Metern: „Jetzt können Sie anhalten. Wir sind da.“

Dr. Jordan stieg aus und düste auf die andere Seite des Wagens, um die Beifahrertür aufzureißen. Eigentlich war er nicht so sehr der Kavalier, aber angesichts dieser Villa im Hintergrund war es ihm ein ganz besonderes Anliegen, bei ihr in guter Erinnerung zu bleiben.

„Darf ich noch Ihren Namen erfahren?“

„Vanessa Lindner“, sagte sie.

„Ich bin Dr. Jordan.“ Er drückte ihr seine Karte in die Hand. „Jan Jordan. Wenn ich Ihnen mal wieder einen Gefallen tun kann, zögern Sie nicht, mich anzurufen.“

Seine Art gefiel ihr. Sie ließ die Karte in die Tasche ihres Blazers gleiten und reichte ihm die Hand.

„Herzlichen Dank fürs Heimbringen, Doktor. Mein Verlobter hat mich wohl vergessen.“

„Falls das öfter passiert – ich springe gern ein“, erklärte er in einem vertraulichen Ton und zwinkerte ihr zu. „Vielleicht sehen wir uns ja noch mal in der Klinik.“

Sie betrachtete ihn prüfend, bevor sie sich zu Offenheit entschloss.

„Übermorgen habe ich einen Termin bei Dr. Holl. Befundbesprechung. Werden Sie auch dabei sein?“

„Das weiß ich noch nicht. Kann sein, dass ich dann gerade im OP stehe.“ Jan hoffte, dass er mit dieser Auskunft in ihrer Achtung stieg. „Zurzeit stehen einige Transplantationen an, die dauern immer ziemlich lange.“

„Sehr interessant. Davon müssen Sie mir bei Gelegenheit etwas ausführlicher erzählen.“ Vanessa ging auf das große, schmiedeeiserne Tor zu, über dem sich eine Kamera befand. Die junge Frau drückte auf einen Klingelknopf. Sofort ertönte ein Summer. Das Tor öffnete sich wie von Geisterhand, doch sie trat noch nicht ein.

Jan deutete auf die Villa, deren Jugendstil-Elemente darauf hinwiesen, dass sie schon länger dort stand.

„Schöne Hütte“, meinte er. „Wohnen Sie dort mit Ihrem Verlobten?“

„Wo denken Sie hin?“, gab sie mit einem verschmitzten Lächeln zurück. „Das würde mein Vater nicht erlauben. Noch sind wir ja nicht verheiratet. Bei uns geht es noch gesittet zu.“

„Verstehe.“ Er verneigte sich leicht. „Bitte verzeihen Sie meine unangemessene Frage. Es war mir ein Vergnügen, Sie zu fahren.“

Sie reichte ihm die Hand, die er anhob und leicht mit seinen Lippen berührte.

„Vielleicht treffen wir uns wieder mal in der Klinik. Alles Gute, Frau Lindner.“

„Danke, Ihnen auch.“ Sie betrat das Grundstück und wandte sich noch einmal um. „Sagen Sie ruhig Vanessa zu mir.“ Dann eilte sie schnellen Schrittes davon.

Als Jan wieder hinter dem Steuer saß, rief er sich ihre Worte noch mal in Erinnerung. Sagen Sie ruhig Vanessa zu mir. War das nicht schon ein erster kleiner Hinweis, dass sich vielleicht doch mehr zwischen ihnen ergeben könnte?

Sein Herz jedenfalls führte schon mal einen turbulenten Freudentanz auf. Vielleicht etwas voreilig, aber er konnte es nicht verhindern.

***

Ungläubig betrachtete Adrian das schöne, von zwei samtbraunen Augen beherrschte Gesicht, in dem er schon die ganze Gefühlsskala von glückstrahlend bis kreuzunglücklich gesehen hatte. Dieses unverhoffte Wiedersehen machte ihn so fassungslos, dass es ihm sekundenlang die Sprache verschlug.

„Jasmin?“ Überdeutlich stand das Fragezeichen hinter ihrem Namen, als hielte er ihre Erscheinung immer noch für ein Trugbild.

Auch wenn die so Angesprochene etwas angestrengt lächelte, schien sie die Begegnung schneller zu verkraften als er.

„Grüß dich, Adrian. Was tust du denn hier?“

„Ich hole jemanden ab“, erwiderte er mit zittriger Stimme.

Allmählich schaltete sein Puls einen Gang zurück. Dafür tauchte jetzt die Vergangenheit in schlagartigen Bildern aus den Tiefen seiner Erinnerung auf und verursachte riesige Wellen.

Da stand sie, Jasmin. Seine einzige große Liebe. Und seine schmerzhafteste Enttäuschung. Um nicht wie ein Depp vor ihr zu stehen, schaute er demonstrativ auf seine Uhr.

„Das heißt, ich wollte jemanden abholen, bin aber wohl zu spät gekommen. Jetzt habe ich ein paar Minuten Zeit … du auch?“ Er zwang ein Lächeln in sein Gesicht. „Ich bin durstig. Können wir irgendwo was trinken? Und ein bisschen reden?“

Jasmin, die gerade ihren Dienst beendet hatte, nickte.

„Unten gibt’s eine Cafeteria.“

Flott ging sie voran. Er folgte ihr und fand so genug Gelegenheit, ihre wohlgeformte Gestalt zu betrachten. Seit damals schien sie kein Gramm zugenommen zu haben.

Erst an der Selbstbedienungstheke blieb sie wieder stehen, wandte sich um und schaute ihn an.

„Kaffee?“

Da er fürchtete, dass seine Stimme wieder kratzig klingen könnte, beschränkte er sich auf ein Nicken. Jasmin ließ den Milchkaffee in einen großen Becher laufen, legte ein paar Zuckertütchen auf das Tablett und nahm für sich selbst ein Mineralwasser.

„Ich hatte heute schon genug Kaffee“, erklärte sie beiläufig, als hätte es diese jahrelange Funkstille zwischen ihnen nie gegeben.

Adrian zahlte an der Kasse. Als er in seinem Portemonnaie nach dem Geld fischte, bemerkte er das immer noch leichte Zittern seiner Hände. Sie nahmen an einem der Tische Platz. Um diese Zeit war in dem hellen Raum nicht viel los.

„Und was tust du hier?“ Während er sie unverwandt anschaute, verrührte er ein Tütchen Zucker nach dem anderen in seiner Tasse.

„Seit wann trinkst du den Kaffee so süß?“, erkundigte sich Jasmin. „Ich glaube, da ist jetzt genug drin, ich war jedenfalls schon bei fünf.“

„Du hast recht, ich war ganz in Gedanken.“ Er kam sich vor wie ertappt.

Nun beantwortete sie auch seine Frage.

„Ich arbeite hier als Ärztin.“

„Dann hast du deinen Traum also verwirklicht“, stellte er anerkennend fest. Selbst beim Nippen an der Tasse wendete er den Blick von ihr nicht ab. „Du hast schon immer gewusst, was du wolltest.“

Jasmin ging darauf nicht ein.

„Wie ist es dir denn ergangen?“

„Ich kann nicht klagen. Ich habe einen guten Job in einer Großkanzlei. Mein Chef gibt mir die schwierigsten Fälle. Und meistens schließe ich sie erfolgreich ab. Und irgendwann werde ich die Firma leiten.“

„Meinen Glückwunsch“, sagte Jasmin. „Und wie läuft’s privat? Verliebt, verlobt, verheiratet?“

Eine Weile schwieg er.

„Verheiratet noch nicht“, sagte er und bemühte sich um Sachlichkeit. „Aber in festen Händen. Ob die Hochzeit noch in diesem Jahr stattfindet, steht noch in den Sternen. Wir müssen noch das richtige Zeitfenster finden.“ Hatte er wirklich Zeitfenster gesagt?

Jasmin quittierte seine Bemerkung mit der Andeutung eines Lächelns. Tatsächlich befand sich in ihrem Inneren aber ein durchaus schmerzhafter Aufruhr. Dabei hatte sie gedacht, über die Dramen der Vergangenheit längst hinweg zu sein.

Wieso taten ihr seine Worte nach fünf Jahren noch so weh? Es war doch klar, dass er nach ihrer Trennung nicht allein geblieben war. Ein attraktiver Mann wie er weckte zwangsläufig bei vielen Frauen in seinem Umfeld Interesse. Kein Wunder also, dass er in einer neuen Beziehung lebte.

„Gewisse Dinge sollte man nicht aufschieben“, rang sie sich schließlich ab. „Bevor dir ein anderer zuvorkommt …“

„Stimmt, so was ist mir ja schon mal passiert“, stellte Adrian mit einem Anflug von Sarkasmus fest.

Auch wenn seine Bemerkung auf sie gemünzt war, ging Jasmin wohlweislich nicht darauf ein. Was brachte es, ständig in der Vergangenheit zu graben? Nur der Blick nach vorn war wichtig.

„Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute und natürlich ganz viel Glück“, sagte sie betont locker und hoffte, dass er von ihrer Unsicherheit nichts merkte.

„Und du?“ Er griff nach ihren Händen und betrachtete eingehend ihre feingliedrigen Finger. Gleichzeitig verschaffte ihm der harmlose Hautkontakt große innere Erregung. Er fühlte sich wie unter Strom. „Jedenfalls trägst du keinen Ring.“

„Dennoch bin ich verheiratet“, erwiderte sie fast ein wenig flapsig und legte eine kleine Pause ein. „Und zwar mit meinem Beruf.“

Spöttisch kräuselte sie die Lippen.

„Jetzt mal ernsthaft, bist du immer noch mit meinem Nachfolger zusammen?“

„Wir treffen uns regelmäßig“, behauptete sie und mied seinen Blick.

„Habt ihr getrennte Wohnungen?“

„Kann man so sagen …“ Seine Fragen machten sie noch nervöser, als sie ohnehin schon war.

„Aber immerhin fünf Jahre … das ist schon mal was. Meinen Glückwunsch.“

„Und du? Wie lange bist du mit deiner zukünftigen Frau schon zusammen?“

„Wir kennen uns schon länger, aber ein Paar sind wir erst seit zwei Jahren. Sie ist übrigens die Tochter von meinem Chef.“

„Wie praktisch.“

Sie schauten sich in die Augen und offenbarten so für ein paar Sekunden dem Gegenüber die wirkliche Gefühlslage.

Ich vermisse dich , sagte sein Blick.

Du fehlst mir immer noch , sagte ihrer.

Adrian trank den letzten Rest Kaffee aus.

„Ich muss dann mal los“, sagte er bedauernd. „Aber vielleicht können wir uns wiedersehen.“

„Wozu?“

„Weil ich glaube, dass wir die Dinge von damals vielleicht nachsichtiger beurteilen, wenn wir noch mal darüber reden.“

Jasmin dachte über dieses Argument nach.

„Nun gut, vielleicht hast du recht. Dann sollten wir erst mal unsere Telefonnummern austauschen.“

„Gute Idee“, stimmte er ihr zu. Als das erledigt war, stand er auf.

„Ich melde mich bei dir, Jasmin“, sagte er. „Ich fand es gut, mit dir zu sprechen, ganz ehrlich.“

Und so dachte er auch noch, als er wieder in seinem Wagen saß. Sollte er jetzt in sein Schwabinger Apartment oder doch besser gleich nach Taufkirchen fahren? Bevor er sich entschied, wählte er die Festnetznummer der Lindner-Villa.

Vanessa meldete sich.

„Wo bleibst du denn?“ Sie klang aufgebracht.

„Entschuldige mal, aber ich wusste ja gar nicht, was los ist. Ich konnte dich telefonisch nicht erreichen. Und in der Klinik warst du jedenfalls nicht mehr.“

„Ich hatte mein Handy nicht dabei“, erklärte sie. „Erst dachte ich, ich hätte es verloren, aber es lag auf einem Schuh-Regal.“

Auch wenn ihm der Spott schon auf der Zunge lag, hielt er sich zurück.

„Also dann, ich fahre jetzt los.“

***

Dr. Stefan Holl saß vor dem Bildschirm, das Kinn in die Hände gestützt. Aufmerksam studierte er zum wiederholten Mal die Zusammenfassung der Befunde. Die Patientin war einen ganzen Tag lang mit modernen Bildgebungsverfahren wie Sonografie und Magnetresonanztomografie untersucht worden.

Zystennieren, so lautete der eindeutige Befund. Das bedeutete eine schwere Degeneration der Harnkanälchen in den Nieren. Dadurch kam es zunächst zu einer Vergrößerung der Organe, dann zur eingeschränkten Funktion und schließlich im Laufe der Zeit zum kompletten Versagen der beiden Nieren.

Sein Kollege Daniel Falk hatte sich ebenfalls in einige der ausgedruckten Seiten vertieft.

„Sieht gar nicht gut aus“, meinte der Chefchirurg seufzend.

Nach einer Weile schaute er wieder auf.

„Für mich ist die Sache klar. Auf Dauer hilft hier nur noch eine neue Niere.“

Hauptsächlich aufgrund des Blutes im Urin war die Frau zur Untersuchung in die Klinik gekommen. Die Blutungen deuteten auf Risse in den Nierenzysten hin, aber gefährlich waren die mit Flüssigkeit gefüllten Zysten selbst, die schon ihr unheilvolles Wirken begonnen hatten. Je zahlreicher sie wurden, umso schlechter verrichteten die Nieren ihre Arbeit.

„Die Patientin ist erst dreißig Jahre alt“, teilte Stefan ihm mit, obwohl Daniel das wusste. „Sie klagt über weitere Symptome, wie Schmerzen in den Seiten und im Kopf.“

„Zunächst können wir die Nieren punktieren“, sagte Dr. Falk nachdenklich. „Das bedeutet immerhin eine kurzfristige Schmerzlinderung für sie. Aber klar ist natürlich auch, dass diese Maßnahme die Neubildung weiterer Zysten nicht aufhält.“

Daniel Falk schob die Blätter zusammen und legte sie in einen Aktendeckel.

„Die polyzystische Nierenerkrankung gilt jedenfalls als die häufigste lebensbedrohende Erbkrankheit beim Menschen. Wer davon betroffen ist, hat enormes Pech.“

„Wir werden sofort mit der Therapie beginnen“, merkte Dr. Holl an. „Vorerst geben wir das einzige Medikament, das derzeit auf dem Markt ist. Es kann zumindest die Wachstumsgeschwindigkeit der Zysten reduzieren. Aber langfristig … na ja, wie du schon sagtest. Eine Nierenersatztherapie wird unumgänglich sein.“

Dr. Holl schaltete den Laptop aus.

„Heute werden wir das Problem nicht lösen“, stellte er bekümmert fest. „Ich fahre jetzt nach Hause.“

„Sprichst du mit ihr?“ Daniel schaute den Freund erwartungsvoll an.

Stefan beließ es bei einem Nicken. In der Regel war er nun mal der Überbringer von Hiobsbotschaften. Er machte das nicht gern, aber inzwischen hatte er sich daran gewöhnt und verfügte auch über eine gewisse Erfahrung.

„Aber du kannst gern dabei sein.“

„Mach ich, wenn du mir den Termin durchgibst.“

Die beiden Ärzte verabschiedeten sich mit Handschlag.

Wenig später stieg Stefan Holl auf sein Fahrrad und radelte heimwärts. Bei schönem Wetter ließ er das Auto in der Garage stehen. Wenn er seinen Patienten stets ausreichende Bewegung predigte, musste er sich selbst auch daran halten.

Seine Frau saß auf der Terrasse hinter dem Haus und blätterte in einer Zeitschrift. Er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss.

„Schön, dass du schon da bist“, begrüßte Julia ihren Mann. „Nimm dir ein Glas Orangensaft. Hat Cäcilie gerade frisch gepresst.“

Das ließ sich Stefan nicht zweimal sagen. Er goss sich eins von den unbenutzten Gläsern voll und trank in großen Schlucken.

„Das war gut“, meinte er mit einem zufriedenen Seufzer. Zurückgelehnt betrachtete er die bunte Pracht seines Gartens. Immer, wenn er sich in diesem kleinen Paradies von einem schweren Tag erholen konnte, ging es ihm gleich besser.

„Was war los?“, erkundigte sich Julia. Sie kannte ihren Mann und sah ihm an der Nasenspitze an, wenn er sich mit einem größeren Problem herumschlug.

„Ganz normaler Klinikalltag“, erwiderte er.

„Danach siehst du nicht aus, Schatz“, konterte Julia Holl. Sie war selbst approbierte Kinderärztin und spielte immer öfter mit dem Gedanken, in den Beruf wieder einzusteigen.

Die Kinder brauchten sie nicht mehr so sehr. Die Ältesten, Marc und Dani, beide zwanzig Jahre alt, studierten an der Ludwig-Maximilians-Universität und gingen bereits ihre eigenen Wege.

Auch der fünfzehnjährige Chris unternahm immer häufiger Abnabelungsversuche. Seit Kurzem traf er sich mit einem gleichaltrigen Mädchen, und seine verträumten Blicke verrieten, dass er ziemlich heftig verliebt war.

Aber Juju, süße neun, Nesthäkchen der Familie, blieb ihnen wohl noch eine Weile erhalten.

„Wir haben einen Fall von Zystennieren“, sagte Stefan Holl. „Vorerst können wir medikamentös behandeln, aber dann muss ein Nierenersatz her. Voraussichtlich am Montag werde ich den Befund mit der Patientin besprechen. Es wird ein Schock für sie sein.“

Dr. Holl hatte in seiner beruflichen Laufbahn schon viele Reaktionen bei der Eröffnung dramatischer Diagnosen erlebt. Vom lässigen Schulterzucken bis zum Ohnmachtsanfall war alles dabei gewesen.

„Das ist auch eine schlimme Krankheit“, meinte Julia voller Mitleid für die Unbekannte. „Da kann man ihr nur wünschen, dass sie rechtzeitig ein Spenderorgan bekommt.“

Juju kam in Begleitung von zwei Schulfreundinnen auf die Terrasse. Alle drei trugen Schwimmkleidung, sprangen in den Swimmingpool und bespritzten sich gegenseitig unter lautem Jubeln und Quietschen. Alle Holl-Kinder hatten in diesem Becken unter Papas Anleitung schwimmen gelernt.

Eine Weile schauten Jujus Eltern dem wilden Planschen amüsiert zu.

„Na, was ist?“ Julia blickte ihren Mann auffordernd an. „Willst du ihnen nicht Gesellschaft leisten?“

„Ich bleibe lieber hier bei dir und sehe den drei Grazien zu, meine Liebe. Außerdem war ich auf dem Heimweg schon flott mit dem Rad unterwegs. Damit ist mein Fitness-Pensum für heute erledigt. Man muss es ja nicht übertreiben.“

***

Adrian nahm sich vor, nicht lange zu bleiben. Die Aussicht, mit Vanessa den ganzen Abend zu verbringen, bereitete ihm so viel Stress, dass er sogar Kopfschmerzen bekam. Er sehnte sich nach der Ruhe seines Apartments, in dem er ungestört nachdenken konnte.

Elisabeth, seit vielen Jahren Wirtschafterin bei den Lindners, öffnete ihm.

„Frau Lindner erwartet sie schon.“ Ihr Tonfall signalisierte ihm, dass Vanessa nicht gerade guter Stimmung war.

„Danke, Frau Lohmann“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln und legte sein Jackett ab. Es war ziemlich heiß geworden. „Wo ist sie denn?“

„Im Garten.“

Die Glastür zum gepflegten Garten stand offen. Er sah Vanessa sofort. Sie hatte sich auf einer Liege ausgestreckt und winkte ihm.

„Da bist du ja endlich“, sagte sie maulend. „Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.“

Adrian nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr.

„Nimm dir die Liege dort und schieb sie an meine Seite“, schlug sie vor.

„In der Anzughose ist das nicht so bequem“, erwiderte er. „Wie war’s in der Klinik?“

„Ach, die haben den ganzen Tag an mir rumgedoktert. Ob sie was gefunden haben, weiß ich noch nicht. Dann hat mich ein netter Arzt nach Hause gebracht. Toller Service, findest du nicht?“

„Du hättest mich anrufen können. Irgendwo wird es ja wohl ein Telefon gegeben haben …“

„Reg dich nicht auf, jetzt bist du ja da. Bitte, bleib heute Nacht hier.“

„Das geht nicht. Ich wollte heute noch die Akten für den Gerichtstermin am Freitag durchschauen. Es ist ein wichtiger Fall für mich. Ich muss top vorbereitet sein.“

„Das kannst du doch auch hier tun.“

„Hier habe ich nicht die nötige Ruhe …“

„Weil ich dich immer störe? Gib es nur zu, das willst du doch damit sagen.“ Ihre Stimme gewann an Schärfe.

„Lass uns nicht streiten“, bat er und bemühte sich um einen versöhnlichen Ton, obwohl ihm nicht danach zumute war. „Und du wirst auch erschöpft sein. Was ist denn alles gemacht worden in der Klinik?“

Vanessa erzählte etwas zusammenhanglos von den verschiedenen Untersuchungen.

„Inzwischen geht es mir schon wieder viel besser. Ich hätte vermutlich gar nicht hingehen sollen.“

„Aber du wolltest doch die Schmerzen abgeklärt haben.“

„Vielleicht hat der Aufenthalt dort schon eine heilsame Wirkung gehabt. Lass uns jetzt nicht mehr davon sprechen. Was machen wir morgen?“

„Ich werde wohl mal wieder meine Tante besuchen müssen.“ Er hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, mit welchem Vorwand er Zeit für ein ungestörtes Gespräch mit Jasmin finden könnte. Seine spontane Antwort erstaunte ihn selbst.

An die Schwester seines Vaters hatte er bis vor zwei Sekunden überhaupt nicht gedacht. Und wie von selbst überlegte er sich im Stillen weitere Behauptungen, die mit der Wahrheit nichts zu tun hatten.

„Ihre Demenz schreitet leider immer rasanter voran.“

Verzeih, Tante Hedda, aber ich muss irgendwas erfinden, um mir ein Treffen mit Jasmin zu ermöglichen.

„ Erkennt sie dich denn überhaupt noch?“

„Das will ich ja herausfinden.“

Vanessa richtete sich ein wenig auf, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

„Wenn sie wirklich dement ist, laden wir sie nicht zu unserer Hochzeit ein. Ihre Anwesenheit könnte uns die Feier verderben.“

„Neulich hast du noch davon gesprochen, sie kennenzulernen“, sagte Adrian scheinbar gekränkt. In Wirklichkeit war er jedoch erleichtert. Wenn sie darauf bestanden hätte, ihn zu begleiten, wäre er jetzt in einer Zwickmühle.

„Aber nicht, wenn sie in einem solchen Zustand ist. Solche Leute sind am besten in speziellen Einrichtungen aufgehoben.“

Typisch Vanessa, dachte er. Mit kranken Menschen wollte sie nichts zu tun haben. Ich selbst mache aber auch keine gute Figur, wie er ehrlich bei sich feststellte. Ich bin nicht offen zu ihr und drücke mich vor klaren Worten.

Andererseits, was sollte er zu diesem frühen Zeitpunkt auch schon sagen? Er hatte ja nur seine Exfreundin zufällig wiedergetroffen. Nicht mehr und nicht weniger. Und da Jasmin einen festen Freund hatte, würde es womöglich gar nicht zu einem privaten Wiedersehen kommen.

Warum also wollte er nicht, dass Vanessa etwas von dieser Begegnung erfuhr? Warum erzählte er ihr nicht einfach davon?

Sosehr er auch darüber nachdachte, er wusste es nicht.

Vanessa schwieg. Eine Weile dachte er, sie wäre vielleicht eingeschlafen, doch plötzlich sprach sie wieder.

„Er war wirklich sehr nett, dieser Arzt. Dr. Jordan heißt er. Und unser Haus hat ihn mächtig beeindruckt.“

„Und er dich, oder wie soll ich deine Begeisterung deuten?“

Sie richtete sich etwas auf, beschattete die Hand mit den Augen und musterte ihn.

„Eifersüchtig?“

„Nur ein bisschen“, meinte Adrian, obwohl es ihm eigentlich gleichgültig war, wer Vanessa aus welchem Grund auch immer nach Hause gebracht hatte. Und wenn es ihm wirklich so egal war, was sagte das dann über seine Gefühle aus?

Hatte er sich innerlich schon von ihr entfernt, nur weil er seiner Vergangenheit begegnet war? Oder erlaubte er sich einfach nur mehr Ehrlichkeit?

Dass seine Verlobte kein einfach zu handhabender Mensch war, wusste er schon lange. Aber das musste doch nicht zwangsläufig bedeuten, dass seine Zuneigung für sie abnahm.

Frau Lohmann erschien und wollte wissen, ob sie einen Imbiss zubereiten sollte.

„Bitte, tun Sie das“, erwiderte Vanessa. „Und bringen Sie einen kalten Weißwein mit.“

Wenig später saßen sie am dekorativ gedeckten Tisch. Adrian öffnete die Flasche, goss den fruchtigen Sauvignon aus dem Bordeaux-Gebiet ein und stellte sie wieder in den Kühler zurück. Er hob sein Glas.

„Darfst du überhaupt Alkohol trinken?“

„Wieso?“

„Na, wegen der Medikamente.“

„Noch habe ich keine verordnet bekommen. Die Therapie wird am Montag besprochen. Bis dahin kann ich also unbesorgt was trinken. Prost! Auf uns!“

Adrian betrachtete die goldgelbe Farbe des Weins.

„Auf uns“, sagte er und nahm einen Schluck. „Sehr gut.“

Frau Lohmann stellte eine üppige Platte mit gerösteten und delikat belegten Baguette-Scheiben in die Mitte des Tisches, dazu kleine Schalen mit Oliven, Zwiebeln und Gürkchen. Vanessa aß nicht viel. Und auch Adrian hatte schon bald genug.

Zwischen ihnen herrschte eine angespannte Stimmung. Oder war nur er derjenige, der es so empfand?

„Ich bin sicher, dass du nicht ernsthaft krank bist“, sagte er. „Du siehst aus wie das blühende Leben.“ Stimmte zwar nicht so ganz, aber er hoffte, dass sein Kompliment sich günstig auf ihre Laune auswirkte.

„Wir werden sehen“, meinte sie einsilbig.

Während er sich noch überlegte, wann er gehen wollte, kam Vanessas Vater in den Garten.

„Ihr Turteltäubchen, da seid ihr ja. Elisabeth hat mir gesagt, dass es hier was zu essen gibt.“

Schwerfällig ließ sich Vanessas Vater auf einen Stuhl fallen. Elisabeth brachte ein drittes Glas und schenkte ihm ein, bevor sie sich wieder zurückzog.

„Ihr habt ja noch gar nichts gegessen“, stelle Georg fest und ließ seinen Blick über die Auswahl schweifen.

Die Crostini waren belegt mit gegrillten Paprikastreifen, mit Räucherlachs und Sahnekren, mit Tomaten und geröstetem Knoblauch, mit Parmaschinken und Weintrauben, mit Roquefort und Melone.

Damit die beiden ihn nicht für gefräßig hielten, angelte er sich vorerst nur drei Häppchen. Später konnte er ja erneut zugreifen.

Hungrig betrachtete Georg die Köstlichkeiten auf seinem Teller.

„Unsere gute Elisabeth, wenn wir sie nicht hätten“, sagte er und biss herzhaft in die Scheibe mit dem Lachs. „Hat immer gute Ideen“, fuhr er kauend fort. „Perfekte Köchin. Und ihr, wieso habt ihr keinen Appetit auf all die wundervollen Sachen?“

„Du solltest auch nicht so viel futtern, Papa. Denke daran, was der Arzt gesagt hat.“ Seine Tochter warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Du bist zu dick.“

„Na, was hat er denn gesagt?“, rief Georg genüsslich kauend.

„Du hast Diabetes und sollst abnehmen.“

Der Kanzleichef winkte ab.

„Das kann ich morgen auch noch. Es schmeckt mir. Was habe ich sonst noch vom Leben? Willst du mir das bisschen auch noch nehmen? Lass es. Es gelingt dir sowieso nicht.“

Georg stieß Adrian in die Seite.

„Was ist mit dir? Nimmst du nichts davon? Ein gestandener Kerl wie du muss ordentlich essen. Und komme mir bloß nicht mit Diät. Du kannst problemlos noch ein paar Kilo zulegen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder an seine Tochter.

„Nun sag schon, wie war’s in der Klinik?“

„Sie haben alle möglichen Tests mit mir gemacht“, gab sie schulterzuckend zurück. „Nächste Woche werde ich mehr erfahren.“

„Wird schon nichts sein, mein Kind.“ Georgs Hand tätschelte kurz Vanessas Arm, bevor sie über der Platte schwebte und zwei weitere Crostini erbeutete.

Ohne Vorankündigung stand Vanessa auf.

„Ich bin müde und leg mich hin. Gute Nacht.“ Dann ging sie davon, ohne den Vater oder den Verlobten noch eines Blickes zu würdigen.

„Was ist los?“, fragte Georg, als sie außer Hörweite war. „Hattet ihr Streit?“

„Nein, nur eine kleine Unstimmigkeit“, antwortete Adrian.

„Kommt in den besten Familien vor“, meinte der Kanzleichef. „Mach dir keine Gedanken. Meine Tochter ist manchmal eine Nervensäge. Davon kann ich ein Lied singen. Aber als meine Einzige darf sie sich nun mal alles erlauben.“

„Klar“, sagte Adrian und leerte langsam sein Glas. „So, jetzt muss ich aber los.“

„Bleibst du nicht?“

Er schüttelte den Kopf.

„Hab noch einiges für den Prozess vorzubereiten. Ich hab schon mit Vanessa gesprochen.“

„Dann bis morgen, mein Junge. Und ruf mich am Freitag gleich an, wie es für uns ausgegangen ist.“

Erst auf dem Heimweg fühlte Adrian sich ein wenig besser. Seit er Jasmin gesehen hatte, ging ihm ihr Bild nicht mehr aus dem Kopf. Und weil er es einfach nicht aushielt, länger zu warten, rief er sie an, kaum dass er zu Hause eingetroffen war.

Sie willigte ein, sich morgen Nachmittag um vier Uhr im Englischen Garten mit ihm zu treffen.

Das Risiko, von gemeinsamen Bekannten gesehen zu werden, blendete Adrian aus. Er musste einfach wissen, wie es Jasmin in den letzten fünf Jahren ergangen war. Und das war in seinen Augen doch eine ganz legitime Frage. Oder?

***

Ganz klar, es war allein ihre Schuld. Unter keinen Umständen hätte sie sich mit ihm verabreden dürfen. Mehr und mehr geriet ihr Seelenleben aus dem Gleichgewicht.

Aber sie machte sich vor, den Fehler immer noch korrigieren zu können. Am besten rief sie ihn gleich zurück und sagte die Verabredung wieder ab. Jasmin starrte auf ihr Telefon, brachte es jedoch nicht fertig, die entsprechenden Tasten zu drücken. Ihre rechte Hand wollte das einfach nicht.

Nach einer Weile kam sie zu dem Schluss, dass eigentlich überhaupt nichts dabei war, einen ehemaligen Freund wiederzutreffen und ein wenig mit ihm zu plaudern. Ihr „Trauerjahr“ lag schon so lange zurück. Die Liebe zu ihm war längst gestorben. Darum konnte er ihr auch nicht gefährlich werden.

Wirklich nicht? Und was sollte denn gefährlich sein? Diese ewig quengelnde Stimme in ihrem Kopf hätte sie am liebsten zum Schweigen gebracht. Dummerweise ließ sie sich nicht so leicht abschalten. Aber sie würde den Knopf für die Stummschaltung schon noch finden.

Jasmin saß immer noch in dem kleinen Büro, das sich mehrere Assistenzärzte teilten. Seit einer Stunde schon hatte sie Dienstschluss. Höchste Zeit, dass sie nach Hause kam und den Rest des Abends im kleinen Garten hinter dem Haus verbrachte. So käme sie ganz sicher von ihrem Gefühlswirrwarr weg.

„Da bist du ja endlich!“, wurde sie von ihrer Mutter empfangen. „Ich wollte schon anrufen und fragen, wann du kommst.“

Jasmin bedachte ihre besorgte Mama mit einem flüchtigen Wangenkuss.

„Daran musst du dich gewöhnen“, sagte sie. „Als Ärztin habe ich keine geregelten Arbeitszeiten.“

„Ist ja schon gut“, rief Maria ihrer Tochter nach. „Das sollte keine Kritik sein.“

„Hörte sich aber so an“, musste Jasmin noch loswerden, bevor sie im Bad verschwand, um sich frisch zu machen.

Wenig später saßen sie auf dem überdachten Platz vor der Hinterseite des Reihenhauses. Maria Bach hatte ein Reisgericht mit Gemüse und Huhn zubereitet.

„Schmeckt gut“, stellte Jasmin nach dem ersten Bissen fest, obwohl sie eigentlich keinen Hunger hatte. Das Wiedersehen mit Adrian schlug ihr auf den Magen.

Auch wenn sich Mutter und Tochter gelegentlich stritten, so lebten sie doch im Großen und Ganzen einträchtig in dem kleinen Häuschen am Hirschgarten, das Maria mit ihrem verstorbenen Mann vor mehr als dreißig Jahren gekauft hatte.

Da es genug Platz für zwei Personen bot, sah Jasmin keine Notwendigkeit, auszuziehen. Zudem fand sie es bequem, dass sich ihre Mutter um den Haushalt und das Essen kümmerte, sodass sie sich voll und ganz ihrem Beruf widmen konnte.

Maria schimpfte manchmal, Jasmin solle sich nicht zu sehr in die Arbeit vergraben. Sie sei noch jung, müsse unter Leute gehen, um sich zu vergnügen.

Doch davon hielt Jasmin nicht viel. Mit ihren achtundzwanzig Jahren fühlte sie sich in den angesagten Clubs altersmäßig bereits fehl am Platz. Manchmal ging sie mit einer Bekannten ins Kino und noch seltener ins Theater.

In der jetzigen Jahreszeit saß sie am liebsten an milden Abenden mit einem Buch in der Hand im Garten. Es musste nicht immer etwas Fachgerichtetes sein. Sie las gern Science-Fiction und Krimis, aber auch Liebesromane mit viel Schicksal und Verwirrung. Da konnte sie richtig eintauchen in eine Gefühlswelt, vor der sie sich im wahren Leben hütete. Denn auf Erden wurden Treueschwüre und Versprechungen, so viel wusste sie längst, eher selten gehalten.

„Was ist los mit dir? Du bist so still?“ Maria musterte ihr Kind. „Gab’s Ärger in der Klinik?“

„Ärger?“ Jasmin tat so, als müsse sie erst mal darüber nachdenken, was sie überhaupt als Ärger betrachten würde.

„Nein“, sagte sie schließlich. „Ich habe Dr. Holl und Dr. Falk assistiert. Es gab hinterher keinen Rüffel, ganz im Gegenteil, also nehme ich mal an, dass ich alles richtig gemacht habe.“

„Wie du das nur aushältst!“ In einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis betrachtete die Sechzigjährige ihre Tochter. „Das viele Blut und die offenen Wunden. Hast du keine Angst, dass etwas schiefgehen könnte? Oder dass du dich sogar mit irgendwelchen Krankheiten ansteckst?“

„Ach Mama, du machst dir viel zu viele Gedanken. Im OP wird peinlich darauf geachtet, dass alles steril bleibt.“

„Nimm noch einen Löffel“, forderte Maria ihre Tochter auf. „Du kannst ruhig noch ein wenig zulegen.“

„Mach dir keine Gedanken, liebste Mama. Ich möchte mein Gewicht halten“, gab Jasmin zurück und überlegte, ob sie die Begegnung mit Adrian erwähnen sollte.

Weil sie wusste, dass ihre Mutter dann viele Fragen stellen würde, entschied sie sich dagegen. Auch deswegen, weil ihr die Begegnung so stark zu schaffen machte und sie befürchtete, ihre Stimme dann nicht mehr unter Kontrolle zu haben.

„Ich bin schon sehr stolz auf dich, mein Kind“, fuhr Maria nach ein paar Augenblicken des Schweigens fort. „Du warst eine sehr fleißige Studentin, hast jetzt eine gute Anstellung in der Berling-Klinik, aber …“

„Aber was?“

„Wie stellst du dir die Zukunft vor? Ich meine privat. Willst du nicht eines Tages heiraten und Kinder haben …“

„Schon gut, Mama“, unterbrach Jasmin etwas schroff Mutters Fragenkatalog. „Kann sein, kann auch nicht sein. Woher soll ich das jetzt schon wissen? Zurzeit bin ich zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Und ums Kinderkriegen mache ich mir auch keine Gedanken.“

„Versteh mich nicht falsch, ich will dich zu nichts drängen. Ich mache mir nur Sorgen, weil es niemandem in deinem Leben gibt, der dir etwas bedeutet.“

„Das kann sich doch morgen schon ändern. Vielleicht laufe ich dann meinem Märchenprinzen direkt in die Arme, wir schauen uns an und wissen, dass wir füreinander bestimmt sind.“ Jasmin konnte ein spöttisches Lächeln nicht zurückhalten. „Mama, du liest zu viele Liebesromane mit Happy End. Im wirklichen Leben geht es leider oft ganz anders zu.“

Maria verzog das Gesicht. Sie war gekränkt.

„Ich möchte doch nur, dass du glücklich bist.“

„Aber das bin ich doch.“

„Seit deiner Trennung damals hast du keinen festen Freund mehr gehabt.“ Ihre Worte klangen traurig, aber auch ein wenig vorwurfsvoll.

„Glaub mir, mir fehlt wirklich nichts“, beschied Jasmin ihrer Mutter, stand auf und begann den Tisch abzuräumen, wobei sie mit den Tellern hörbar klapperte und damit demonstrativ das Gespräch beendete.

Maria ärgerte sich über sich selbst. Sie hatte mal wieder alles ganz falsch angefangen. Sie wollte ihre Tochter doch gar nicht belehren, sondern nur über ihre eigenen Sorgen sprechen. Warum konnte sie denn nicht akzeptieren, dass Jasmin sich offensichtlich auch ohne Freund wohlfühlte?

Manchmal benehme ich mich wie eine Glucke, stellte Maria im Stillen selbstkritisch fest. Ihre Tochter war längst alt genug, um die Entscheidungen ihres Lebens selbst zu treffen, auch dann, wenn sie in den Augen ihrer Mutter falsch waren.

***

Jasmin lag auf ihrem Bett. Sie trug nur ein dünnes Nachthemd. Ein milder, nächtlicher Windhauch fuhr über ihre nackten Beine. Sie ließ die Modezeitschrift sinken, in der sie noch ein wenig geblättert hatte.

Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Morgen würde sie Adrian treffen. Einerseits überlegte sie, wie sie das Treffen wieder absagen konnte, ohne ihn allzu sehr zu kränken. Andererseits konnte sie es kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Schon lange hatte sie kein solches Gefühlschaos mehr erlebt.

Aber was sollte schon passieren? An die Zeit ihres Zusammenseins ließ sich ohnehin nicht mehr anknüpfen. In den fünf Jahren hatten sie sich beide weiterentwickelt und waren anderen Menschen begegnet. Sie jedenfalls wünschte ihm alles Glück der Welt mit seiner zukünftigen Frau.

Wirklich? Mit einer anderen, nicht mit ihr?

Eigentlich wollte sie sich gar keine Gedanken über Adrians Zukunft machen, aber sie kam einfach nicht mehr davon los. Mit ihm war die Sonne aus ihrem Leben verschwunden. Jetzt schien sie zwar wieder, aber längst nicht mehr so hell. Jedenfalls empfand Jasmin es so.

Ihr Handy summte. Sie griff danach.

Ich denke an dich , stand da. Nichts weiter. Die vier Worte kamen von Adrian. Wie sie machte er sich also auch Gedanken. Das zufällige Treffen beschäftigte ihn genauso intensiv wie sie.

Ihre Finger machten sich selbstständig und flogen über die Tasten, ohne dass Jasmin ihnen einen Befehl dazu gegeben hätte.

Was machst du? , fragte sie.

Ich freue mich auf morgen. Bitte bring ein bisschen Zeit mit – nach Möglichkeit.

Warum?

Weil wir uns einiges zu erzählen haben .

Bevor das Ganze nun in ein endloses Hin und Her von Mitteilungen ausuferte, zog sie die Reißleine.

Bis morgen, muss jetzt schlafen , schrieb sie und schaltete dann das Telefon aus.

Aber so schnell stellte sich der Schlaf nicht ein. Vielmehr wurde ihre Erinnerung aktiv und holte Bild um Bild aus den Tiefen ihrer Seele hervor. Sie waren glücklich gewesen. Nie hätte sie gedacht, dass dieses Glück eines Tages so abrupt enden könnte. Dass sie keine Verständigungsmöglichkeit mehr fanden. Dass jedes Gespräch in einem heftigen Streit mündete.

Weil er ihr nicht mehr glaubte, sah sie keine Vertrauensbasis mehr. Und jede Erklärung, die sie abgab, hielt er lediglich für Ausflüchte, um ihre Untreue zu rechtfertigen.

Liebte er sie damals so sehr, dass ihn die Vorstellung, sie könnte was mit einem anderen haben, so komplett aus der Bahn warf? Oder liebte er sie eher zu wenig, weil der kleinste Zweifel sein Vertrauen wie ein Kartenhaus einstürzen ließ?

Gemeinsam hatten sie weder seine noch ihre seelische Befindlichkeit klären können. Ihre Beziehung war festgefahren und nicht mehr zu retten gewesen. Vielleicht hätten sie sich Hilfe holen sollen, aber darauf kamen sie nicht.

In Adrians Augen hatte sie ihre Liebe verraten. Er, der junge Rechtsanwalt, ließ keine Gnade gelten und fällte das Urteil, ein Aus für die Liebe. Punkt. Berufung dagegen wurde abgelehnt.

Erstaunlicherweise war sie nicht an gebrochenem Herzen gestorben, sondern lebte weiter, von Tag zu Tag. Nach einer Trauerphase, die sich über viele Monate hinzog, dann aber doch endete, gelang es ihr sogar, neuerlich ihr Medizin-Studium zu betreiben. Als sie es erfolgreich abschloss, hatte sie das Gefühl, etwas Wichtiges im Leben geleistet zu haben.

Eine neue Bindung ging sie nicht mehr ein. Es ergab sich einfach nicht, und sie vermisste auch nichts. Sie hatte ja nur den einen gewollt. Wenn sie den nicht haben konnte, blieb sie lieber allein.

***

Adrian erwachte gegen sieben Uhr. Sofort griff er nach seinem Handy, doch von Jasmin war in der letzten Nacht keine Nachricht mehr gekommen.

Er empfand Enttäuschung, ermahnte sich aber, nicht albern zu sein. Es war doch schon viel erreicht, dass sie endlich jetzt nach all den Jahren miteinander sprachen und nach Erklärungen suchten, selbst wenn sich die Zeit von damals nicht mehr wiederholen ließ. Wirklich nicht? Genau das galt es herauszufinden.

Nach dem Aufstehen machte er ein paar Liegestütze neben seinem Bett und trat dann hinaus auf den Balkon. Der frühe Tag ließ schon ahnen, dass es heute heiß werden würde.

Adrian machte sich einen Espresso und überlegte die ganze Zeit, wie sein Treffen mit Jasmin wohl verlaufen würde. Bevor er eine Antwort fand, läutete sein Smartphone. Vanessa! Meistens schlief sie um diese Zeit noch. Wieso war sie schon so früh wach?

„Guten Morgen“, sagte er.

„Guten Morgen, Schatz. Ich habe mich gerade entschlossen, doch mit dir nach Nürnberg zu fahren“, verkündete sie. Der Tonfall ihrer Stimme verriet, dass sie gut gelaunt war. „Ich muss ja nicht mit dir zu deiner Tante gehen, sondern könnte eine kleine Shopping-Tour durch Nürnberg machen. Anschließend fahren wir dann wieder nach München zurück.“

Oh nein, bloß das nicht, dachte er entsetzt.

„Hallo, Adrian? Was ist los? Warum sagst du nichts?“

„Tut mir leid, aber ich bin schon unterwegs. Achtzig Kilometer Autobahn habe ich schon absolviert. Jetzt kehre ich nicht mehr um. Das hättest du dir eher überlegen müssen.“ Wie leicht es war zu lügen! Adrian staunte über sich selbst.

„Wieso bist du schon so früh losgefahren?“, maulte Vanessa. „Willst du etwa den ganzen Tag mit deiner Tante verbringen, die dich womöglich gar nicht erkennt?“

„Wenn ich schon mal in Nürnberg bin, will ich noch ein, zwei alte Freunde treffen.“

„Du hast mir nie gesagt, dass du dort Freunde hast.“ Seine Verlobte seufzte laut. „Na gut, da kann man nichts machen. War halt so eine spontane Idee. Dann mache ich mir eben einen ruhigen Tag zu Hause. Na ja, schade, war halt so eine Idee“, meinte sie leichthin. „Ich erwarte dich dann abends. Du kommst doch heute noch zurück?“

„Voraussichtlich ja“, sagte Adrian zögernd. „Aber auf jeden Fall rufe ich dich an.“

„Na gut, ich rufe Katrin an und werde mit ihr den Tag verbringen.“

„Dann wünsche ich euch viel Vergnügen. Ich melde mich wieder.“

Vanessas Anruf mobilisierte sofort sein schlechtes Gewissen, und er brauchte eine Weile, um sich davon zu befreien. Eigentlich gab es ja keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Es war nichts passiert, außer dass er eine alte Freundin wiedergetroffen und sich mit ihr verabredet hatte.

Und da Vanessa so extrem eifersüchtig war, sollte sie die Wahrheit besser nicht erfahren, denn dann würde sie ihn beschimpfen, ihm Betrug und Verrat vorwerfen und sich tagelang nicht beruhigen lassen.

Das Schlimmste aber war, dass solche Diskussionen endlos ausuferten und kein Ende mehr nahmen. Immer, wenn er glaubte, die Strapaze sei nun durchgestanden, fing sie mit ihren Beschuldigungen wieder von vorne an.

Wenn sie nicht mehr weiter wusste, drohte sie ihm mit Trennung, um im nächsten Augenblick unter Tränen einen neuen Liebesschwur von ihm einzufordern. Solche unerfreulichen Auseinandersetzungen vermied er nach Möglichkeit. Sie trugen nicht unbedingt zur Festigung ihrer Beziehung bei.

Die Zeit bis zum Treffen mit Jasmin im Englischen Garten dehnte sich zur Ewigkeit. Jedenfalls würde er mit dem Taxi fahren. Das Auto blieb in der Tiefgarage.

Länger als sonst stand er vor dem Kleiderschrank. Schließlich entschied er sich für eine cremefarbene Leinenhose und ein leichtes Hemd mit zarten blauweißen Streifen.

Eine Weile betrachtete er sich im mannshohen Spiegel, fand aber nichts an sich auszusetzen. Adrian bestellte sich ein Taxi, schlüpfte in seine neuen, sehr weichen Mokassins und verließ gut gelaunt die Wohnung.

Er freute sich auf den Nachmittag. Einfach mal in der Sonne sitzen, mit einem netten Menschen zwanglos zu plaudern und darüber auch mal seinen Job zu vergessen, das fehlte ihm schon lange. War er mit Vanessa zusammen, fand sie immer einen Anlass, sich über irgendwas kritisch zu äußern, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren, über die man genauso gut generös hinweggehen konnte.

Als er sein Ziel erreicht und den Fahrer entlohnt hatte, schlenderte er durch die belebte Parkanlage zum Seehaus. Schon von Weitem versuchte er die einzelnen Leute an den Tischen zu erkennen. Und im Näherkommen stellte er fest, sie war noch nicht da.

Adrian schaute auf die Uhr. Sieben Minuten über den verabredeten Zeitpunkt, also eigentlich noch kein Grund, die Hoffnung aufzugeben. Er beschloss, ihr eine halbe Stunde zu geben.

***

Dr. Holl saß an seinem Schreibtisch und schaute auf den Bildschirm. Ein frischer Wind wehte herein. Tagsüber war es sehr heiß gewesen, doch für die kommenden Tage hatten die Meteorologen eine wohltuende Abkühlung versprochen.

Seine Frau erschien am offenen Fenster seines Arbeitszimmers, das auf den Garten hinausging.

„Komm endlich!“, forderte sie ihn auf. „Für heute hast du genug getan. Im Übrigen darf ich dich daran erinnern, dass Wochenende ist.“

„Du hast ja so recht“, pflichtete er ihr bei, klappte seinen Laptop energisch zu und marschierte geradewegs nach draußen. Julia hatte eine Flasche Roséwein und zwei Gläser bereitgestellt, genau das Richtige, um einen warmen Sommerabend gemütlich ausklingen zu lassen.

Stefan machte sich sofort daran, die Flasche zu öffnen und den Wein in die beiden Gläser zu füllen.

„Ich bin noch mal akribisch die Befunde der Patientin mit den Nierenzysten durchgegangen. Wir hätten ja was übersehen können, aber ich fürchte, die Sache ist ziemlich klar. Sie braucht eine neue Niere. Zum Glück haben wir ein bisschen Zeit, denn zur Not kann sie auch mit den geschädigten Nieren noch ein paar Jahre zurechtkommen.“

„Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer Lebendspende“, meinte Julia. „Vom Ehemann oder sonst einem nahen Angehörigen.“

„Soviel ich weiß, ist sie nicht verheiratet. Natürlich werde ich ihr diesen Vorschlag machen. Aber jetzt sollten wir wirklich das Thema wechseln.“

„Unsere alljährliche Gartenparty steht an“, ging Julia sofort auf seinen Vorschlag ein. „Ich dachte an ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig Personen. Die Wetterprognosen sind gut. Wir könnten nächsten Samstag starten. Wenn du einverstanden bist, ruf ich gleich morgen Vormittag ein paar Leute an, um zu hören, wer kann und wer nicht. Ich kümmere mich mit Cäcilie um das Essen, Steaks, Lammkoteletts und Würstchen zum Grillen, dazu ein paar Salate. Du besorgst mit Marc die Getränke und bedienst wie immer den Grill. Das machst du nämlich ganz hervorragend.“

„Und wer informiert die Nachbarn? Es könnte laut werden. Und wir wollen uns ja niemandem zum Feind machen.“

„Dazu hat sich Dani schon bereit erklärt. Sie wird bei allen Bescheid geben, die in Hörweite wohnen. Sie macht das sicher wie immer sehr charmant. Und die neu Zugezogenen von nebenan will sie sogar einladen.“

„Ach so? Und wer ist das?“

„Der Ältere ist ein Professor der Philosophie, habe ich jedenfalls von anderen gehört. Der Jüngere ist sein Sohn, ein hoffnungsvoller Cellist.“ Sie legte eine kurze Pause ein. „Und ein sehr attraktiver dazu.“

Stefan dachte kurz über diese Information nach.

„Mit anderen Worten, Dani geht es um den Musiker. Und damit das nicht gleich so auffällt, darf der Papa mitkommen?“

„Könnte man so sagen, wenn man es ganz genau nimmt“, meinte Julia schmunzelnd. „Ich habe nur ein kurzes Gespräch mit dem Vater gehabt und fand ihn sehr sympathisch. Eine Frau scheint es nicht zu geben. Die beiden sind ein reiner Männerhaushalt.“

„Nächstes Wochenende also“, fasste Stefan zusammen. „Wissen Paps und Nessy schon Bescheid?“

„Sie kommen ganz sicher. Paps lässt sich so ein Fest doch nicht entgehen, zumal er wieder mal Gelegenheit hat, die ganze Familie auf einmal um sich zu scharen.“

Julias Vater Walter Berling, Gründer der gleichnamigen Privatklinik, hatte sich längst aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Aber als Patron des Familienclans zog er weiterhin die Fäden. Als Clanchef-Nachfolger käme am ehesten Schwiegersohn Stefan infrage, aber der hatte zurzeit noch genug als Klinikleiter zu tun. Erst wenn Sohn Marc sein Medizin-Studium abgeschlossen hatte und ebenfalls in die Klinik eingetreten war, gedachte Dr. Holl etwas kürzer zu treten.

Doch bis dahin war noch ein langer Weg zurückzulegen.

„Also gut, Sommer-Event bei den Holls“, stimmte er zu. „Wenn es unbedingt sein muss …“

„Das sind wir den anderen schuldig“, sagte Julia sehr bestimmt. „Solche Zusammenkünfte stärken doch auch die Verbundenheit unter uns. Ich sage dir ganz offen, dass ich froh bin über unsere große Familie. Wir alle können uns aufeinander verlassen. Das ist doch eine wunderbare Sache in unserer schnelllebigen Welt.“

„Hast ja recht, mein Schatz.“ Stefan zwinkerte seiner Frau zu und hob sein Glas. „Aber du musst mir auch versprechen, dass wir demnächst etwas unternehmen, nur wir beide. Ich dachte an das kleine Hotel am Starnberger See, wo wir unseren ersten Hochzeitstag gefeiert haben.“

Julia ließ sich sofort begeistern.

„Das Haus gibt es noch“, fuhr Stefan fort. „Es wurde umfangreich renoviert. Und selbstverständlich sind die Preise deutlich gestiegen. Macht aber nichts.“ Stefan lächelte vergnügt. „Ich denke, wir können uns das leisten.“

„Und was machen wir mit den Kindern?“