Die Biologie des Geldes - László Mérö - E-Book

Die Biologie des Geldes E-Book

László Mérö

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Beschreibung

Geld und Gene haben viel gemeinsam – jedenfalls wenn das Geld als Kapital auftritt. Dann verhält es sich wie eine Lebensform – stets darauf versessen, sich zu replizieren. Mit Blick auf neuere Erkenntnisse der Biologie, Ökonomie, Psychologie und Mathematik beweist László Mérö, dass sich Darwins Evolutionstheorie sehr gut eignet, um elementare Prozesse unseres Wirschaftslebens zu erklären - von der Unternehmensgründung bis zur Globalisierung -, ihre Krisen eingeschlossen. Ein origineller neuer Ansatz im Darwin-Jahr.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2011

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László Mérő

Die Biologie des Geldes

Darwin und der Ursprung der Ökonomie

Deutsch von Anita Ehlers

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der zinsbringende Stockfisch

TEIL I HUNDELEINE UND HUNDE

Der Mechanismus des Lebens

Darwins Evolution

Die Meme

Homo informaticus

TEIL II ÖKONOMIE UND PSYCHOLOGIE

Die Entstehung ökonomischer Werte

Das Wesen von Investorenentscheidungen

Warum ein Psychologe den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam

Die Motivationswirkung des Geldes

TEIL III DIE LOGIK DES LEBENS

Von der Sphinx zu Gödel

Die Gödel-Struktur

Die Gödel-Struktur des biologischen Lebens

Die Gödel-Strukturen menschlichen Denkens

TEIL IV DAS EGOISTISCHE GELD

Geld als Replikator: Die Mone

Leben, Naturwissenschaft, Wirtschaft

Die Überlebensmaschine des Geldes

Globales Geld

ANHANG

Tabellen

Die Gödel-Struktur der formalen Logik

Die Gödel-Struktur des biologischen Lebens

Die Gödel-Struktur des alltäglichen Denkens

Die Gödel-Struktur in der Ökonomie

Bibliographie

Endnoten

Register

VORWORT

Dieses Buch ist für ein breites interessiertes Publikum gedacht. Und es wird vor allem den folgenden Gedanken ausführen: Nach denselben logischen Grundsätzen, die für Gene gelten, wenn sie biologische Lebewesen hervorbringen, erzeugt eine gewisse Form von Geld (die wir Mon nennen werden) die unterschiedlichsten «ökonomischen Lebewesen», also Unternehmen. Und deshalb spielt der Darwinismus auch im Wirtschaftsleben eine Rolle.

Ich wollte den Text nicht mit einem umfänglichen Apparat und ausführlichen bibliographischen Hinweisen belasten. Sie finden sich im Anhang. So können wir uns hier auf die Parallele zwischen der Logik der Wirtschaft und der Logik der Biologie konzentrieren und auch auf die Tatsache, dass diese Parallele uns hilft, viele seltsame Phänomene unserer Tage zu verstehen – beispielsweise den Prozess der Globalisierung, denn auch die Globalisierung beruht auf der Evolution des Geldes.

Welchen Nutzen kann ein solches Buch haben? Was ändert sich, wenn wir wissen, dass eine bestimmte Form des Geldes (Mon) eine Art Darwin’sche Evolution in Gang gebracht hat? Einiges. Ich stelle mir vor, dass diese neue Sichtweise auf Dauer zu wesentlichen Veränderungen in der täglichen Arbeit der Ökonomen führen wird. Wenn wir herausfinden, wie Mone wirken, können wir spezielle Analyseverfahren entwickeln, die ohne diesen Hintergrund sinnlos wären.

Es liegt in der Logik von Darwins Theorie, dass nicht alle Arten von Evolution darwinisch sind: Beispielsweise folgt die Entwicklung menschlicher Gemeinschaften anderen Antriebskräften. Indessen wird sich im Lichte von Darwins Logik erhellen, wie die Psyche von Homo informaticus, dem Bürger der Wissensgesellschaft, sich von seinem Vorfahren Homo sapiens unterscheidet. Ich hoffe, dass Sie vieles nachdenkenswert und diskussionswürdig finden.

Ich bedanke mich bei Balázs Aczél, István Alpek, Csaba Andor, László Antal, Éva Bányai, Réka Barabás, Zoltán Baracskai, Lilla Benczúr, Lili Birtalan, Anikó Bódi, Judit Bokor, Ferenc Bródy, Lívia Bús, Claudia Coga, András Czellér, Ágnes Danó, Andrea Dúll, Péter Fábri, Andrea Fehér, Melinda Forgó, Péter Gelléri, Anna Gősiné Greguss, Balázs Gyenis, Zoltán Győrfi, Endre György, László Hradszki, György Jaksity, László Juhäsz, Enikö Hajna Kiss, Éva Kovácsházy, Károly Kresz, Tom Kürti, Gábor Ligeti, György Marosán, Csaba Mérő, Katalin Mérő, Vera Mérő, Bea Oborny, Peter Osman, Anna Pavlov, Éva Radványi, Andrea Rényi, István Siklósi, Tamás Sipos, Endre Somos, Gábor Suhai-Hodász, Eszter Szabó, István Szamosközy, Gábor Szász, Balázs Szekfü, Zsuzsa Szvetelszky, Péter Tátray, Zoltán Ülkei, Tamás Vajna, Tibor Vámos, Katalin Varga, András Vargha, Zoltán Vassy für ihre Hilfe und ihren großen Beitrag bei der Vorbereitung dieses Buchs, indem sie Ideen vorschlugen, Bemerkungen machten, Rat gaben und Kritik anboten. Die finanzielle Unterstützung durch den Ungarischen wissenschaftlichen Forschungsfonds war beim Schreiben dieses Buchs eine große Hilfe.

1.DER ZINSBRINGENDE STOCKFISCH

Gute Ideen wetteifern um Kapital, und Kapital wetteifert um gute Ideen.

In meiner Familie erzählt man, mein Großvater habe sich während des Zweiten Weltkriegs den Kopf darüber zerbrochen, wie er sein kleines Vermögen anlegen sollte. In den damaligen turbulenten Zeiten kam das Investieren in ein Unternehmen nicht in Frage. Das Geld sparen lohnte sich nicht, weil die Inflation es auffressen würde – und das tat sie denn auch, aber nicht einmal Großvater konnte die weltweit größte Hyperinflation in Ungarn vorausahnen; nach ihr kehrten die Straßenfeger wertlose Millionen, Milliarden und Trillionen Pengő-Geldscheine zusammen. Wie könnte er seinen Besitz bis Kriegsende wahren? Gold behält seinen Wert, kann aber leicht gestohlen werden. Sollte er ein Haus kaufen? Das lässt sich kaum stehlen, hält aber Bomben nicht stand. Sollte er Land kaufen? Dem machen Bomben nichts aus, aber ihm bekommt die Verstaatlichung nicht gut – Großvater sah diese Gefahr lange vorher. Sollte er in Salz investieren? Das widerstünde sowohl Bomben als auch der Verstaatlichung, ist aber sehr schwer.

Es gab kein Happy End. Weder mein Großvater noch der Familienbesitz überlebten den Krieg. Seine Überlegungen jedoch dauerten fort, und ich möchte sie weiterführen, diesmal als Beispiel für den Wettbewerb zwischen den verschiedenen Formen, die Geld (oder genauer: Kapital) annehmen kann.

In diesem Buch geht es also um die Biologie, die Evolution des Geldes, und wir wissen seit Darwin, dass Evolution immer aus dem Wettbewerb der Arten entsteht. Seit Darwin haben wir jedoch noch vieles mehr über das Leben gelernt. In den vergangenen anderthalb Jahrhunderten ist es Biologen nicht nur gelungen, viele wichtige Einzelheiten aufzudecken, so etwa den generischen Code zu knacken oder die Struktur der DNA zu enthüllen, sie haben auch viel kompliziertere und umfassendere Fragen beantwortet. Wir sind in der Lage, die Natur der Mechanismen zu verstehen, die dem Leben zugrunde liegen.

Lebewesen werden von Dingen generiert (den Genen), die nicht als Einzelwesen lebendig sind, sondern gemeinsam, in entsprechend zusammengesetzten Gruppen, die vielfältigsten Lebensformen codieren können, und unter geeigneten Umweltbedingungen kommen die von ihnen codierten Wesen auch wirklich zur Welt. Mit dieser Entdeckung hat die Biologie des 20.Jahrhunderts einen Mechanismus aufgezeigt, der weit über solche Lebensformen hinausweist, die wir biologisches Leben nennen. Es kann sehr wohl sein, dass die Grundsätze des Geistes- oder Wirtschaftslebens im Prinzip genau derselben Logik folgen wie das biologische Leben.

Robinsons Traum

Die Weltgeschichte hatte meinen Großvater in eine schwierige Lage gebracht. Glücklicherweise lassen sich eine Reihe wirtschaftlicher Grundsätze ausgezeichnet an viel einfacheren Beispielen demonstrieren, auch an dem der unbewohnten Insel. Gesammelt ergäben all die Fabeln, die Ökonomen über Robinson geschrieben haben, einen Wälzer, der viel dicker wäre als Defoes Roman. Auch wir beginnen mit ihm.1

Robinson hat auf seiner unbewohnten Insel keine andere Nahrungsquelle als Fische, die sich in Küstennähe wagen. Mit etwas Glück gelingt es ihm, ihnen mit seiner Keule einen Schlag auf den Kopf zu versetzen und sie zu fangen. Aber Fische sind flink, und auch wenn Robinson den ganzen Tag lang aufs Wasser schlägt, fängt er pro Tag nur fünf Fische, gerade genug, um seine tägliche Ernährung zu sichern. So lebt Robinson von einem Tag zum nächsten. Todmüde fällt er abends auf sein einfaches Lager unter einem großen Baum, und ihm bleibt vor dem Einschlafen kaum die Zeit für einen kurzen Wachtraum.

Auf der Insel wachsen Bäume, die zwar keine essbaren Früchte tragen, deren faserige Rinde sich jedoch gut abschälen lässt. Aus dieser Rinde könnte Robinson ein primitives Netz flechten, mit dem er pro Tag zwanzig Fische fangen würde. Mit einem solchen Netz bräuchte er also nur jeden vierten Tag zu arbeiten und könnte an den anderen Tagen viele andere Dinge tun. Die Herstellung eines solchen Netzes jedoch erforderte dreißig Tage Arbeit – und in der Zeit würde Robinson verhungern.

Wir wissen natürlich, dass das wirkliche Leben nicht genau so abläuft. Robinson hat sicherlich gelegentlich bessere Tage: Manchmal hat er schon am frühen Nachmittag die fünf Fische gefangen, die ihm das Überleben sichern, und es kommt auch vor, dass er einen größeren Fisch fängt. An diesen Tagen könnte er einige Stunden mit der Herstellung des Netzes verbringen. Das braucht Zeit, aber früher oder später hätte er Mittel und Möglichkeit, sein Leben radikal zu verändern. Wenn wir jedoch diese vollkommen unrealistische Situation annehmen, müssen wir auch voraussetzen, dass die Fische alle gleich groß sind und dass Robinson den fünften Fisch im letzten Augenblick fängt, in dem er dem Hungertod entgehen kann.

Anscheinend wird Robinson den Rest seines Lebens mit dem Keulen von Fischen verbringen, denn die Aussicht darauf, dass ein britisches Schiff vorbeikommt und ihn nach Hause bringt, ist gering. Aber ohne Hoffnung ist schlecht leben, deswegen hofft Robinson von ganzem Herzen weiter und schlägt eifrig Tag für Tag auf Fische ein, damit ein Wunder, wenn es denn geschieht, ihn lebendig antrifft.

Eines schönen Tages taucht unerwartet ein anderer Robinson auf, ebenfalls ein einsamer Schiffbrüchiger, der auf einer Nachbarinsel lebt. Dieser zweite Robinson hat ein paar Fische zu viel, weil er im Umgang mit der Keule geschickter ist als Robinson und tagtäglich sogar sechs Fische fängt. Deswegen stellt er Stockfisch her, indem er einige seiner ungesalzenen Fische von Sonne und Wind trocknen lässt. Allmählich hat er für schlechte Zeiten einen Vorrat von 150Stück Stockfisch angelegt.

Dieser zweite Robinson – wir nennen ihn Richson – erkennt Robinsons schwierige Lage und hat Verständnis für den Traum vom Fischernetz. Er bietet Robinson seine 150 getrockneten Fische an unter der Bedingung, dass Robinson die nächsten dreißig Tage ausschließlich mit der Herstellung des Netzes verbringt und ihm vom 31.Tag an ein Jahr lang jeden Tag fünf Fische liefert.

Robinson erwägt das Angebot mit gemischten Gefühlen. Einerseits findet er es unverschämt, dass Richson zwölf Monate lang jeden Monat 150Fische haben will (in einem Monat mit 31Tagen sogar 155), andererseits brauchte er, falls er das Angebot annimmt, nach dreißig Tagen nur jeden zweiten Tag zu fischen, weil er pro Tag zwanzig Fische fangen kann, von denen er zehn zurückzahlt und zehn ihn zwei Tage lang ernähren. Zudem würde sich die Lage nach einem Jahr entscheidend verbessern.

Robinson neigt immer mehr dazu, seine moralische Entrüstung über Richsons Unverschämtheit zu verwinden und das Angebot anzunehmen, versucht aber trotzdem, ein wenig zu verhandeln. Richson dagegen weiß nicht nur Robinsons gute Idee zu würdigen, er sieht auch, wie verzweifelt dessen Lage ist, und gibt nicht nach; vielmehr weist er darauf hin, welch großes Risiko er mit seinem vorbehaltlosen Vertrauen in Robinsons Vertrauenswürdigkeit eingeht, weil er ja damit die Möglichkeit ausschließt, dass Robinson seinen Teil der Verabredung nicht einhält. Möglicherweise überlebt ja Robinson die nächsten dreißig Tage nicht, während er schon eine beträchtliche Anzahl von Richsons Fischen gegessen hätte; dann hinterließe er lediglich ein halbfertiges nutzloses Fischernetz. In der Hitze der Debatte macht Robinson rasch fünfzig Liegestütze, womit er seine gute körperliche Kondition unter Beweis stellt und Richsons Sorge zu entkräften sucht, er könne seinen Fischeinsatz nicht mit Gewinn zurückbekommen.

Robinson seinerseits macht sich ebenfalls Sorgen. Wenn er Richsons Vorschlag zustimmt, müsste er alle Hoffnung fahren lassen, dass ein britisches Schiff ihn im nächsten Jahr retten könnte, denn als englischer Gentleman könnte er die Insel nicht verlassen, bevor er seine Schulden beglichen hat. Deshalb schlägt Robinson vor, Richson solle, falls ein Schiff auftaucht, Robinsons Fischernetz nehmen und dafür die Schulden erlassen. Richson entgegnet, das Netz sei nutzlos für den, der nicht damit umgehen kann, und besteht auf dem Handel Fisch für Fisch, nicht für ein unnützes Gebilde aus Rinde.

Nach mehreren spektakulären Darbietungen (Robinsons Liegestützen, Richsons gespielter Ärger) einigen sie sich schließlich per Handschlag darauf, dass Robinson vom einunddreißigsten Tag an monatlich genau 150Fische zurückzahlt; Robinsons Schulden aber sollen, falls ein britisches Schiff erscheint, automatisch getilgt sein.

Richson wagt bei diesem Handel den Einsatz von 150Fischen, weil er sich langfristig Profit erhofft. Er liefert Robinson alle Fische sofort, damit er sich in den nächsten dreißig Tagen nicht mehr um die Sache zu kümmern braucht. Für Richson wäre dieser vielversprechende Handel wertlos, wenn er tagtäglich Zeit darauf verwenden müsste, Robinsons Fortschritte zu verfolgen. Handel beruht auf Vertrauen, und je gewagter der Handel, umso größer der Vertrauensvorschuss.

Das Wesen der Zinsen

Laien meinen oft, Zinsen seien der Preis für die Nutzung des Geldes. Aber diese Ansicht ist falsch. Die Nutzung des Geldes ist frei: Wenn wir Geld ausgeben, zahlen wir keine Nutzungsgebühr. Man könnte einwenden, man brauche nur dann für die Nutzung von Geld zu zahlen, wenn man das Geld anderer ausgibt. Aber auch in dem Fall unterscheidet sich Geld von anderen Dingen. Wenn ich ein neues Auto kaufe und es jemandem unter der Bedingung leihe, dass ich in zwanzig Jahren, wenn ich es zurückbekomme, ein ähnliches neues Auto erhalte, finden wir das fair. Wenn ich dafür jedoch zwei neue Autos haben möchte, wird man mich schief ansehen. Aber genau das passiert, wenn ich mein Geld zur Bank bringe – selbst in Inflationszeiten.

Die Übereinkunft zwischen Robinson und Richson kommt dem Wesentlichen der Zinsen näher. Die 150 geliehenen Fische ermöglichen es Robinson, seine Fischproduktion in der Zukunft, in diesem Fall nach dreißig Tagen, zu steigern. Robinson meint, das sei es wert, einige der zusätzlichen Fische als Zinsen für ein Darlehen zu zahlen – abgesehen davon, dass sein Leben angenehmer wird.

Zinsen sind das Entgelt für die unmittelbare Verfügbarkeit des Geldes. Robinson ist nicht deshalb bereit, die Wucherzinsen von 150Fischen zu zahlen, weil er die Fische braucht, sondern weil er sofort darüber verfügen kann.

Was wäre, wenn Robinson während der Verhandlungen mit Richson gewusst hätte, dass genau ein Jahr später ein zweiter Richson kommen wird, der damit zufrieden wäre, nach den ersten dreißig Tagen lediglich ein halbes Jahr lang pro Tag fünf Fische zu bekommen? Auch dieser andere Richson wäre nicht gerade bescheiden, denn er will sechsmal so viele Fische zurück, wie er als Darlehen gewährt. Würde Robinson auf ihn warten? Allerdings ist nicht sicher, dass Robinson nach einem Jahr noch am Leben sein wird, wenn er weiterhin tagtäglich fünf Fische keulen muss. Robinson ist optimistisch und hält Belastungen stand, und diesen «ersten» Richson gibt es hier und jetzt. Für Robinson lohnt es sich, mehr dafür zu zahlen, dass er ein ganzes Jahr lang keine Fische zu keulen braucht.

Für Robinson sind 150 geborgte Stockfische heute mehr wert als später. In der Fachsprache sagen wir, Robinson hat eine Zeitpräferenz. Sie bewirkt seine Bereitschaft, für das Darlehen sehr hohe Zinsen zu zahlen. Richson nutzt das natürlich aus, auch wenn man sein Verhalten missbilligen mag. Jedoch sind Zinsen nicht nur der Preis für die Zeitpräferenz des Geldleihers, sondern – auf der Seite des Geldgebers – auch der Preis für das Opfer, über die produzierten Güter nicht länger verfügen zu können.

Richson sagt, er verhelfe Robinson zur Verwirklichung seines Traums, und niemand zwinge Robinson, auf diesen Handel einzugehen. Damit hat er recht, und lediglich konkurrierende Richsons und die Entwicklung des Finanzmarktes können ihn zu gemäßigterem Verhalten zwingen. Wenn wir Robinson und Richson einige Kapitel später wieder begegnen, wird es all das schon geben. Wie wir sehen werden, wird Richson Robinson dann viel raffiniertere finanzielle Angebote machen, wie er seinen neuen Traum verwirklichen kann.

Der Hauptdarsteller betritt die Bühne

Noch fiel kein Wort über Geld, wohl aber haben wir über Zinsen gesprochen. Damit folgen wir dem Ansatz der (umfangreichen) Lehrbücher über das Finanzwesen. Im viel gelesenen Buch von Frederick S.Mishkin zum Beispiel ist von Geld erst im dritten Kapitel die Rede.2 Es beginnt mit einer Szene, in der plötzlich ein Räuber auftaucht und uns anschreit: «Geld oder Leben!» In diesem Fall fragen wir nicht: «Was genau meinen Sie mit Geld?» Es könnte uns sogar schlecht bekommen, Unverständnis vorzugeben, denn der Räuber könnte, einem plötzlichen Einfall folgend, unsere Halskette oder unsere neuen Schuhe dazuzählen. Ein weiteres Finanzlehrbuch, das von Meir Kohn, beginnt die Erörterung des Begriffs «Geld» in Kapitel 4: und zwar mit dem Satz «Wir alle wissen, was Geld ist.»3

Beide Autoren haben in den vorangehenden Seiten ihrer Lehrbücher mehrfach das Wort Geld benutzt. Und das ist in Ordnung, denn wir kennen seine Bedeutung. Gleichwohl gibt es selbst unter Volkswirten keine Übereinstimmung darüber, was genau Geld ist. Gewöhnlich wird es durch einige seiner Funktionen definiert (Zahlungsmittel, Handelsware, Recheneinheit, Maß für Vermögen, Bewahrer von Vermögen, Mittel zum Aufschieben von Zahlungen etc.) und dann werden Dinge aufgezählt, die solche Aufgaben früher einmal erfüllten (Perlen, Muscheln, Tabak, Bier, Salz, Butter, Messer, Tierfelle, Walrosszähne etc.) und dann einige, die es heute tun (Bargeld, Sparguthaben, Bankkarten, Schecks, Bonds, Anteile, Optionen, Versicherungen etc.).

Das Thema unseres Buchs betrifft einen bestimmten Aspekt von Geld, nämlich Geld, das Geld erzeugt. Dieser Aspekt ist vor allem geeignet, das Interesse naturwissenschaftlich denkender Menschen zu erregen. Naturwissenschaftler halten es für selbstverständlich, dass sich unsere Begriffe anhand von wohlgewählten und gründlich durchdachten Einzelbeispielen entwickeln, und dass der Reichtum der Natur früher oder später auch bei unseren so gut wie möglich definierten und allgemeinsten Begriffen Ausnahmen zeitigt. Deshalb werden wir den Begriff Geld weder exakt definieren noch in der strengsten alltäglichen Bedeutung des Wortes benutzen. Zunächst soll der Begriff Geld alle oben genannten Aufgaben umfassen und außerdem – wie wir bald sehen werden – die Tatsache, dass es eben auch die Form von Kapital annehmen kann.

Geld als Kapital

Fast jede Produktion lässt sich durch Verwendung geeigneter Mittel oder Instrumente vereinfachen. Zur Herstellung eines solchen Hilfsmittels muss man jedoch den gegenwärtigen Konsum zugunsten des zukünftigen einschränken. Falls Robinson sich mit vier Fischen täglich zufriedengibt, kann er sein Fischernetz aus eigener Kraft herstellen. Es besteht die Gefahr, dass er verhungert, bevor das Fischernetz fertig ist, aber wenn er diese schwierige Zeit seines Lebens durchsteht, erreicht er später vielleicht dieselbe Position wie Richson. Eine andere, weniger lebensbedrohliche Möglichkeit besteht darin, sich solcher Mittel zu bedienen, die andere hergestellt, aber nicht verbraucht haben; ein Beispiel sind Richsons 150Fische.

Mittel aus früherer Produktion, die reserviert werden, um damit die zukünftige Erzeugung effektiver zu machen, heißen Kapital. Wenn Geld seinem Besitzer Zinsen bringt (oder in komplizierteren finanziellen Zusammenhängen andere Arten von Erträgen), manifestiert es sich als Kapital. Es gibt jedoch keinerlei Garantie, dass Kapital Ertrag bringt. Falls, beispielsweise, Robinson den dreißigsten Tag nicht überlebt, ist Richsons Kapital verloren.

Spielen wir mit dem Gedanken, dass es auf vielen einsamen Inseln viele Robinsons gibt. Zunächst sind sie alle beim Fischen (auch das wird anders sein, wenn wir unseren Helden einige Seiten weiter wieder begegnen), und doch sind sie nicht völlig gleich. Richson beispielsweise war geschickter im Umgang mit der Keule und konnte pro Tag sechs Fische erlegen. Für ihn ist ein Leih-Fisch weniger Zinsen wert, weil seine Zeitpräferenz geringer war, denn er könnte früher oder später ohne jedes Darlehen ein Netz fabriziert haben (bedauerlicherweise kam er nie auf diesen Gedanken). Ein anderer Robinson flicht ein Netz womöglich viel rascher, deswegen brauchte er weniger Leihfische, außerdem muss er die Idee nicht selbst haben, es genügt, wenn er sich die Erfindung des anderen Robinson abschaut.

Malen Sie sich aus, wie es Ihnen erginge, wenn Sie glücklich tausend Fische angehäuft hätten. Welchem Robinson würden Sie sie am liebsten leihen? Und für wie viel? Vielleicht sind Sie nicht so hartherzig wie die Bankiers und wollen aus ihren tausend Fischen nicht unbedingt möglichst viel Profit schlagen – aber sollten Sie nicht an Ihr Alter denken und vorsorgen? Erinnern Sie sich an Somerset Maughams Lotusesser, den alten besitzlosen Mann, der sagt, er sei nicht arm, er habe nur für sein Vermögen zu lange gelebt.

Die Rolle der Psychologie

Sobald wir an unsere alten Tage denken, schätzen wir das Risiko höher ein. Vielleicht lohnt es sich, mit den geschicktesten und stärksten Robinsons zu verhandeln. Wir kommen dann rasch zu dem Schluss, den unsere Erfahrungen mit Banken uns tagtäglich nahelegen: Banken verleihen Geld am liebsten an jene, die es am wenigsten brauchen und das überzeugend demonstrieren können – wenn nicht mit Kniebeugen, so mit einigen anderen Mitteln, die Stärke zeigen.

Aber wir sind nicht die Einzigen auf dem Stockfischmarkt, auch andere haben größere oder kleinere Fischvorräte, und auch sie möchten gern mit ihrer Hilfe mehr Stockfisch gewinnen. Nicht nur Robinsons rivalisieren um Kapital, vielmehr ist auch das Kapital im Wettbewerb um Robinsons. Und Robinsons nehmen bei denen ein Darlehen auf, die es für die niedrigsten Zinsen verleihen. Die Situation hat Ähnlichkeit mit der Beziehung zwischen Herstellern und Verbrauchern auf dem Markt: Hersteller möchten für ihre Produkte einen möglichst hohen Preis erzielen, aber dem sind dadurch Grenzen gesetzt, dass sie nicht die einzigen Produzenten sind. Bei gleicher Qualität kaufen Verbraucher Ware bei dem, der sie am billigsten anbietet.

Allein durch seine Existenz schafft Geld einen eigenen Markt, der sich in einer wichtigen Hinsicht von dem üblichen Markt von Herstellern und Verbrauchern unterscheidet. Der gewöhnliche Hersteller ist nämlich überhaupt nicht daran interessiert, ob der Verbraucher die Ware mit seinem letzten Cent kauft oder ob er Geld für weitere Anschaffungen übrig behält. Das gilt nicht für Richson. Er interessiert sich sehr für Robinsons Wirtschaftslage im Allgemeinen und selbst für seine Gesundheit und seine psychologische Befindlichkeit (beispielsweise dafür, wie das Auftauchen eines britischen Schiffs Robinsons Seelenleben beeinflusst).

Genauer gesagt, interessiert sich Richson für das Gesamtrisiko, das er eingeht, wenn er ein Darlehen gewährt. Er wägt den Preis des Darlehens ab gegen dieses Risiko – und natürlich seine eigene Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Dagegen interessiert sich Robinson überhaupt nicht für Richsons allgemeine Befindlichkeit. Nachdem er das Fischdarlehen erhalten hat, kann es ihm völlig egal sein, ob Richson am Tag danach verschwindet.

Die Begriffe Kapital und Risiko sind eng verknüpft. Die Anerkennung der Rolle des Risikos veranlasste uns, Entscheidungen, die mit Kapital zu tun haben, als besondere und langfristige zu sehen. Das Vorhandensein von Kapital (einfach die Tatsache, dass sich im Lauf der Zeit ein gewisser Vorrat angesammelt hat) gibt Anlass zu ganz anderen als den täglichen Entscheidungen von Herstellern und Verbrauchern. Wenn man die Wirkung von Kapital verstehen will, muss man diesen psychologischen Aspekt verstehen. Wie wichtig er ist, wird zudem durch die Tatsache bestätigt, dass der Psychologe Daniel Kahneman 2002 für seine Theorie zur Beschreibung menschlicher Entscheidungs- und Urteilsfindung in Situationen der Unsicherheit den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt – wir erörtern die wesentlichen Ergebnisse seiner Forschung in Kapitel 8.

Die Selbstreproduktion von Kapital

Geld hat eine stark motivierende Kraft, und wir sind bereit, vieles zu tun, um in seinen Besitz zu gelangen. Wenn also Geld sich wie Kapital verhält, baut es auf festen Grund. Besonders in Form von Kapital ist Geld ziemlich einfallsreich, wenn es darum geht, die psychologischen Mechanismen der Menschen in den Dienst von Fortpflanzung und Selbsterhaltung zu stellen. Geld bringt seine Besitzer dazu, es möglichst vernünftig einzusetzen, am liebsten so, dass es weiteres Kapital erzeugt. So reproduziert Kapital sich selbst.

Dies legt den Schluss nahe, dass Geld in Form von Kapital sich wie eine Art Lebewesen verhält, das sich fortpflanzen will. Die Analogie bleibt jedoch noch sehr an der Oberfläche. Es gibt eine viel bessere Analogie zwischen den Lebensformen in der Biologie und in der Wirtschaft.

Wenn wir von Lebewesen sprechen, denken wir gewöhnlich an komplizierte Organismen wie Elefanten, Wasserlilien, Ameisen oder uns Menschen. Bei ihnen bestimmen die Gene, aus welchen Proteinen diese Geschöpfe bestehen und wie diese Proteine sich zu Lebewesen organisieren. Gewöhnlich sieht man Gene nicht als Lebewesen, obwohl gerade Gene wirklich lange Zeitspannen in mehr oder weniger unveränderter Form überleben. Einzelne Lebewesen werden geboren und sterben, und die Zeit zwischen den beiden Ereignissen ist erschreckend kurz.

Geld, oder, genauer, Geld in Form von Kapital, hat ähnlich mit Leben zu tun wie die Gene: Geld erschafft eine Form von Leben. Die komplexen Lebewesen, die vom Kapital erzeugt werden, sind kleinere und größere Unternehmen. Kapital kann eine überraschende Vielfalt von Unternehmen erzeugen, genau wie Gene viele Formen biologischen Lebens hervorbringen können – noch ist jedoch nicht klar, wie das geschieht.

Die Stockfisch-Perspektive

Stockfisch ist früher gefangener Fisch, der erst lange nach dem Fang verzehrt wird. Als Kapital gesehen ist ein Stockfisch nicht lediglich ein Fisch, sondern zugleich eine wesentliche Bedingung für das Leben und die Möglichkeit, mehr Fische zu bekommen. Aber diese Bedingung ist nur erfüllt, wenn der Fisch nicht sofort nach dem Fang der täglichen Ernährung diente. Trotzdem muss der Fischvorrat (das Kapital) früher oder später verzehrt werden, und nichts garantiert, dass er sich nach dem Verzehr wiederaufbauen wird. Dieses Paradoxon macht das Wesen des Kapitals aus.

Wir werden uns bald für eine Weile von Robinson und den Fischen verabschieden. In den folgenden Kapiteln werden wir uns einer genaueren Untersuchung der Grundlagen des Lebens zuwenden, und dafür brauchen wir andere Modelle. Aber vorher wollen wir in diesem sehr einfachen Modell noch eine andere Schicht freilegen. Wir können uns unser bisschen Kapital in unserer Tasche als Stockfisch vorstellen, der im Lauf der Zeit ganz flach geworden ist, dessen Materie papierähnlich wurde, dessen Farbe jetzt Grün (oder einer anderen Farbe) ähnelt und auf den Zahlen und das Bild einer europäischen Brücke oder eines amerikanischen Präsidenten gedruckt wurden. Wesentlich ist, dass wir in der Lage sind, mit seiner Hilfe zu einer späteren Zeit unseren Magen zu füllen.

Betrachten wir die Lage jetzt auch in der Perspektive dieses Stockfischs. Dieser Fisch ist nicht länger ein Lebewesen, das sich durch Laichen fortpflanzen kann. Vielmehr hat dieser Fisch einen völlig anderen Fortpflanzungstrick erfunden. Dieses seltsame abstrakte Ding wird lebendig, wenn es irgendwie von irgendwem gefangen wird: mit einer Keule, einem Netz, einem Fischerboot oder etwas anderem. Und es ist lebendig – theoretisch sogar unbegrenzt–, bis jemand es verzehrt. Nur Fisch, der einmal gefangen wurde, kann Stockfisch werden. Es kommt nicht darauf an, wie viele andere Fische im Wasser schwimmen.

Der nächste Schritt mag ziemlich absurd scheinen. Aber gehen wir weiter. Wie der britische Politiker Lloyd George sagte: «Scheuen Sie sich nicht vor einem großen Schritt, wenn es nötig ist. Eine Kluft lässt sich nicht mit zwei kleinen Sprüngen überqueren.»4 Stellen Sie sich einfach vor, der Befehl «Seid fruchtbar und mehret euch» gelte auch für den abstrakten Kapital-Stockfisch. Er wird dann alles in seiner Macht Stehende für seine Fortpflanzung tun. Fortpflanzung bedeutet im Fall des Kapital-Stockfischs, dass es immer mehr Stockfische gibt, also solche, die gefangen, aber noch nicht verzehrt wurden. Aus dieser Perspektive ist es unwichtig, welcher einzelne Stockfisch in einem bestimmten Zeitpunkt lebendig ist: einer ist wie der andere. Wenn Robinson einen von ihnen verzehrt, damit er die Kraft hat, zwei weitere zu fangen, bieten sich ihm alle Fische als Nahrung geradezu an, denn so erfüllen sie den für sie geltenden höheren Befehl.

Natürlich springen wirkliche lebende Fische nicht unter die Keule, und sie schwimmen nicht begierig in Robinsons Netz, denn das wäre ihrer eigenen Fortpflanzung nicht förderlich. Vielmehr geht es hier um den abstrakten Stockfisch, der gefangen und gedörrt, aber noch nicht verzehrt wurde (und der sich in Übereinstimmung mit der höheren für Stockfische geltenden Ordnung verhält); er wird alles tun, damit ihn ein starker Robinson verzehrt, denn seine Vermehrung ist nur möglich, wenn Robinson in der Lage ist, mehr reale, lebende Fische zu fangen, die er nicht sofort aufzuessen braucht.

Obwohl Robinson Stockfische verzehrt, ist er also nicht ihr Feind, sondern eine der Bedingungen ihres Seins. Ihre Feinde (oder vielmehr Rivalen) sind für sie nur andere Wesen als Stockfische, die Robinsons Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Da Robinson von Zeit zu Zeit essen muss, müssen diese Rivalen in der Lage sein, Robinsons Magen zu füllen. Wenn sich diese alternativen Wesen ebenfalls für spätere Verwendung konservieren lassen, haben sie dieselbe Funktion wie die Stockfische, werden also ebenfalls zum Vorrat, wenngleich sie keine Fische sind, aber eine andere Form von Kapital. In der Tat herrscht zwischen den unterschiedlichen Formen des Kapitals ein harter Wettbewerb, und deshalb konnten sich Bedingungen ausbilden, unter denen die Überlebensrate durch die natürliche Auslese bestimmt wird. Hier gehört zur «natürlichen Auslese» auch das Interesse oder Desinteresse, das die Richsons dieser Welt für bestimmte Formen von Kapital aufbringen. So kam es zur Evolution des Kapitals und der unterschiedlichen Unternehmensformen, der «Wesen», die das Kapital erschuf.

Unterschiedliche Lebensformen

Früher einmal habe ich zehn Jahre lang in einem technologischen Forschungszentrum gearbeitet und dort gelernt, dass jedes gut geplante technische Gerät viel mehr Zwecke erfüllt als die, für die es ursprünglich entwickelt wurde. Ich erwähne nur ein Beispiel: Computer waren ursprünglich Rechenmaschinen. Heute jedoch verbringen die Millionen Computer der Welt nur einen Bruchteil ihrer Zeit mit mathematischen Berechnungen, vielmehr nutzen wir sie hauptsächlich zur Textverarbeitung, zum Erstellen von Tabellen, zum Briefwechsel, zur Informationsgewinnung und sogar zum Spielen.

Etwas Ähnliches passierte mit der Struktur, die der Wirkungsweise des Lebens zugrunde liegt. Deren großartige Logik bringt auch vollkommen andere Lebensformen zum Funktionieren. In diesem Buch werden wir diese Logik aufdecken und ihre Wirkungsweise im Fall des Geldes untersuchen.

Es lohnt sich schon jetzt, einen Blick auf die wichtigsten Parallelen zwischen den verschiedenen Lebensformen zu werfen. In Tabelle I kommen einige Ausdrücke vor, die, wie Meme, kognitives Schema und Replikator, eine Erklärung erfordern. Wir werden jeden einzelnen Begriff später definieren, geben uns hier jedoch mit der Zusammenschau zufrieden. Die in der Tabelle zusammengefassten Parallelen werden durch die genaueren Tabellen in Kapitel 15 überzeugender.

Tabelle 1

Ein kurzer Überblick über die Parallelen

Diese Tabelle mag ein ziemlich seltsames Bild zeichnen. Beispielsweise legt die dritte Spalte nahe, dass Kapital eine spezielle, unabhängige Lebensform erzeugt. Tatsächlich behaupten wir, dass die unterschiedlichsten Arten von Wirtschaftsunternehmen nichts anderes sind als Lebewesen, für die das Kapital ein Replikator ist (also ein Ding, dessen Logik der Funktion eines Gens entspricht) – der Unterschied ist nur, dass sie zufällig wirtschaftliche Lebewesen sind und keine biologischen Geschöpfe. Tatsächlich gehören wir modernen Menschen selbst in mancher Hinsicht in diese Kategorie. Kapital bestimmt unser Leben weitgehend; beispielsweise ermöglicht es uns, extrem lange zu studieren und damit in unsere Zukunft zu investieren.

Replikatoren (Gene) formen nicht nur den Körper des heutigen Menschen (wie auch jedes anderen Lebewesens), sondern auch seine Gedanken und sein Geschäftsgebaren werden von Replikatoren bestimmt (Memen und jenen Formen von Kapital, die wir Mone nennen werden). Wie wir in Kapitel 10 sehen, kommen die beiden letzten nur beim Menschen vor und bei keinem anderen Lebewesen.

Dieses Gesamtbild mag auf den ersten Blick frappieren. Danach wären wir nichts als von egoistischen Replikatoren in Gang gesetzte Maschinen, für die einzig gilt: «Seid fruchtbar und mehret euch», und wir hätten in der Welt keine andere Aufgabe, als den egoistischen und oft widersprüchlichen Interessen der Replikatoren in uns zu dienen (derer, die uns geschaffen haben). Glücklicherweise ist das Gesamtbild am Ende weniger düster. Die unterschiedlichen Replikatoren (darunter das Geld), die ihren eigenen egoistischen Interessen dienen, haben eine ganz besondere Art Lebewesen geschaffen: Menschen sind Lebewesen, die glücklich sein können, einfach deshalb, weil sie an diesem großartigen Schauspiel teilhaben, und zugleich frohgemut, wie in einem Film, lebenslang dem unaufhörlichen Wettstreit der Replikatoren zuschauen können.

TEIL I

HUNDELEINE UND HUNDE

2.DER MECHANISMUS DES LEBENS

Ein System, das keinen Fehler macht, kann nicht lebendig sein.

Im vorangehenden Kapitel haben wir eine genaue Definition des Begriffs Geld vermieden, sondern daran erinnert, dass jedermann im Alltag eine ziemlich genaue Vorstellung damit verbindet. Wir ergänzten dieses Bild lediglich insofern, als wir hinzufügten, dass Geld (oder besser Geld in Form von Kapital) Geld erzeugen, sich also reproduzieren kann.

Wir vermeiden ebenso eine Definition des Begriffs Leben. Wieder konzentrieren wir uns auf die Fähigkeit zur Selbstreproduktion, während wir uns in Bezug auf andere Kennzeichen auf den gesunden Menschenverstand verlassen.

Das logische Minimum der Fortpflanzung

John von Neumann, einer der genialsten Mathematiker des 20.Jahrhunderts, interessierte sich eine Zeitlang für die logische Grundlage der Fortpflanzung.5 Ist es möglich, so fragte er, eine sich selbst reproduzierende mathematische Struktur zu erschaffen und, im Fall ihrer Existenz, zu verstehen, ob diesem Gebilde tiefere mathematische Beziehungen zugrunde liegen, aus denen sich Schlüsse über die Grundlagen des Lebens ziehen lassen?

Von Neumann malte sich zunächst aus, wie ein Roboter beschaffen sein müsste, der eine Kopie von sich selbst bauen kann. Eine solche Maschine bestünde natürlich aus einigen einfachen Elementen wie Armen, Gelenken, Stützen und Fixierungen und so weiter. Wir überlassen diesen Roboter dann in einem Speicher sich selbst, in dem alle diese Standardteile in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen. Es war für von Neumann ingenieurtechnisch einfache Routine, einen Roboter zu konstruieren, der die zu seinem Bau nötigen Teile zusammensuchen und zusammensetzen konnte. Das Problem bestand seinerzeit darin, wie der erste Roboter dem neuen Roboter das Wissen vermitteln sollte, das er brauchte, um seinerseits Roboter zu bauen.

Aus heutiger Sicht ist das kein Problem: Offensichtlich muss der ursprüngliche Roboter auch sein eigenes Programm kopieren und dem zweiten Roboter mitgeben, also eine echte Kopie von sich schaffen. Das war zu von Neumanns Lebzeiten nicht so klar. Unser Denken hat sich in dem halben Jahrhundert seit seinem Tod sehr verändert.

Überlegen wir nur, welche philosophischen Hürden von Neumann zu überwinden hatte.6 Der bauende Roboter musste nach herrschender Meinung den vollständigen Plan für den zu bauenden Roboter enthalten und den Plan zugleich verstehen und ausführen können. Das schien theoretisch unmöglich, denn etwas Einfaches konnte nur in etwas Komplexerem enthalten sein, und deshalb musste der bauende Roboter komplexer sein als der zu bauende. Folglich konnte der konstruierte Roboter nicht das genaue Ebenbild des bauenden sein. Auch heute noch hört man gelegentlich ähnliche Argumente dafür, dass der Mensch sich nicht selbst verstehen kann. Unabhängig davon, ob der Mensch sich selbst in Zukunft einmal versteht oder nicht, dank von Neumann wissen wir heute, dass diese Überlegung falsch ist.

Von Neumann ließ in seinem Roboter alles außer Acht, was «sich bewegte und lebte», denn er wollte mit rein mathematischen Strukturen arbeiten. Er untersuchte mehrere Strukturen, auch eine Ansammlung identischer Zellen. Dann bewies er mathematisch streng, dass diese Gebilde haargenau dieselben Rechnungen und Konstruktionen ausführen können wie der (übrigens auch von ihm erfundene) Computer. Wir haben also nicht unzulässig vereinfacht, als wir das Problem lösten, indem wir sagten, der Roboter müsse seinem Nachwuchs sein eigenes Programm mitgeben. Wir wissen aus von Neumanns Theoremen, dass dies selbst dann möglich ist, wenn die Konstruktion des sich selbst reproduzierenden Roboters auf ganz anderen Grundlagen beruht als die des PC auf unserem Schreibtisch.

John von Neumann hat die selbstgestellte Aufgabe also erfolgreich gelöst. Wie sich zeigte, erfordert nicht einmal der allgemeinste Fall von Selbstreproduktion besonderen mathematische Tiefgang. Ein gewöhnlicher Computer genügt, und der ist ein logisch sehr einfaches Gebilde. Deshalb ist das Geheimnis des Lebens seinem Wesen nach nicht mathematisch, sagte von Neumann, und damit verlor er das Interesse an dem Thema so weitgehend, dass er seine Arbeit über selbstreproduzierende Automaten nicht einmal abschloss. Das Buch wurde erst sechzehn Jahre später, neun Jahre nach von Neumanns frühem Tod, von Arthur W.Burks herausgegeben.7

Die Doppelhelix der DNA wurde 1953 entdeckt – damals lebte von Neumann noch, nicht jedoch, als der genetische Code entziffert wurde, was sein Interesse an dem Thema wieder geweckt haben könnte, denn wie sich herausgestellt hat, ist biologisches Leben zwar weit entfernt von den Grundprinzipien der Computer, die für sie geltende Logik jedoch beruht auf ähnlich einfachen Grundsätzen. Wir kommen in Teil III auf dieses Thema zurück.

Das chemische Minimum der Selbstreproduktion

Betrachten wir jetzt einmal die Fundamente der Fortpflanzung aus Sicht einer anderen Wissenschaft, die Wesentliches über die Grundlagen des Lebens zu sagen haben könnte (und auch sagt).

Zur Entdeckung des chemischen Minimums der Fortpflanzung hat vor allem die Entdeckung des autokatalytischen Prozesses geführt. Das Prinzip der Autokatalyse ist sehr einfach, allerdings können die speziellen Prozesse sehr kompliziert sein. Denken wir uns ein Molekül mit zwei Kohlenstoffatomen, das auch andere Atome enthält. Dieses Molekül kann mit einem anderen Molekül wechselwirken, das ein Kohlenstoffatom enthält, und dann entsteht ein Molekül mit drei Kohlenstoffatomen. Auch dieses Molekül kann mit einem Molekül mit einem Kohlenstoffatom wechselwirken und ein Molekül mit vier Kohlenstoffatomen bilden. Dieses Molekül ist jedoch sehr instabil und zerfällt leicht in zwei Moleküle mit je zwei Kohlenstoffatomen, wobei ein Rest übrig bleiben kann. Es kann jedoch auch passieren, dass jedes der beiden neu gebildeten Moleküle mit zwei Kohlenstoffatomen dem anderen und auch dem ursprünglichen Molekül mit zwei Kohlenstoffatomen völlig gleicht.

Diese Reaktionskette heißt Autokatalyse. Bei diesem Prozess wird das Molekül mit zwei Kohlenstoffatomen (in anderen Fällen sind es andere Atome) reproduziert: Am Schluss habe wir immer noch das ursprüngliche Molekül, aber auch eine genau gleiche Kopie. Im obigen Fall «verzehrt» das Molekül mit den zwei Kohlenstoffatomen die Moleküle mit einem Kohlenstoffatom, und der Stoffwechsel kann sogar Residuen erzeugen.

Möglicherweise entstehen in der Natur ganz leicht solche Verbindungen, die sich autokatalytisch fortpflanzen können, vielleicht aber sind sie auch nur sehr selten und lediglich das Ergebnis eines glücklichen Zufalls. Das hat für uns hier keine Bedeutung, es zählt vielmehr das Grundsätzliche des Vorgangs, der zeigt, dass auch das chemische Minimum der Selbstreproduktion sehr einfach ist. In Lebewesen spielen sich Dutzende ähnlicher Prozesse ab. Auch der primäre Energieträger in Lebewesen, das ATP-Molekül, entsteht in ähnlichen autokatalytischen Reaktionsketten immer wieder; allerdings sind die Schritte komplizierter und viel zahlreicher.8

Diese Verbindungen können nicht lebendig genannt werden. Dafür gibt es viele Gründe, wir betrachten nur einen: Obwohl diese Verbindungen sich selbst reproduzieren können, wenn geeignete «Nährstoffe» zur Verfügung stehen, so können sie doch keine Varianten von sich selbst herstellen. Deshalb können diese Verbindungen die Entwicklung von unterschiedlichen Lebensformen nicht erklären.

Die Grundlagen des Lebens: Die Chemotone9

Die Entdeckung der Polymerisation der Vorlagen ermöglichte einen entscheidenden Schritt zum Verständnis der chemischen Grundlagen des Lebens, obwohl sie überhaupt nicht für diesen Zweck bestimmt war. Polymerisation bedeutet, dass einfache Moleküle zu einer Kette verbunden werden, also Makromoleküle oder Polymere bilden. Gewöhnlich ist dies ein sehr langsamer Vorgang, weil kleine Moleküle einander nur selten spontan nahe kommen.

Wenn einmal ein Makromolekül gebildet ist, gesellen sich gewöhnlich kleinere Moleküle locker zu dem größeren, und wenn kleinere einander sehr nahe kommen und geeignet angeordnet sind, können sie sich ihrerseits miteinander verbinden. Sie brechen dann weg vom originalen Makromolekül, an das sie sowieso nur locker gebunden waren, und bilden ein anderes stabiles Makromolekül. Bei diesem Vorgang spielt das frühere Makromolekül die Rolle eines Vorbilds oder einer Schablone.

Die Kenntnis dieses Vorgangs ist beispielsweise bei der Herstellung von Kunststoffen sehr nützlich. In diesem Fall genügt es oft, ein mühsam hergestelltes Schablonen-Makromolekül in einen großen Tank zu setzen und fortwährend geeignete Einzelmoleküle hinzuzufügen. Die Schablonenpolymerisation sorgt dann dafür, dass die gewünschten Polymere rasch in großen Mengen erzeugt werden. Dies kann man als Fortpflanzung von Makromolekülen bezeichnen, hat aber immer noch nichts mit Leben zu tun.

Manche Polymere verbinden sich gern zu Paaren und bilden dabei eine Spirale. Nehmen wir einmal an, wir hätten noch nie von der Doppelhelix gehört und betrachten dieses Phänomen mit Staunen. Und spielen wir ein Spiel, das britische Diplomaten früher einmal lernen mussten: Sich, wenn nötig, dumm stellen, außer man ist es wirklich.

Die so verzwirnten Polymere können nicht mehr als Schablone dienen, weil sich kleinere Moleküle nicht mehr an sie binden können. Wenn jedoch die Dichte kleiner Moleküle um die gewundenen Polymere einen gewissen kritischen Wert erreicht, kommt es zur Trennung der beiden Polymere. Einige von ihnen können ihrerseits wieder als Schablonen dienen und rasch ein neues Polymer entstehen lassen. Das wiederum verringert die Dichte der kleinen Moleküle, und nichts kann zwei Polymere hindern, sich wieder zu Paaren zu verbinden. Wir haben damit eine neue gute Idee zur Herstellung von Kunststoffen, insbesondere, wenn wir Stoffe erzeugen wollen, die aus einander umwindenden Polymerpaaren bestehen.

Wir können auch zu Beginn zu einem einzelnen Paar von verwundenen Makromolekülen nur wenige kleine Moleküle in den Tank geben, und dann fügen wir nur solche Stoffe hinzu, die weder mit den kleinen Molekülen noch mit den Makromolekülen direkt zu tun haben. Wir nennen solche Stoffe Nährstoffe. Wenn wir Nährstoffe sammeln können, mit deren Hilfe die einzelnen Moleküle durch die im vorigen Abschnitt erwähnte Autokatalyse mehr kleine Moleküle erzeugen können, haben wir eine Maschine, die sich selbst reguliert. Im Tank bilden sich immer mehr Moleküle, und wenn eine gewisse Dichte erreicht ist, werden die verwundenen Makromoleküle getrennt und ziehen viele kleine Moleküle an, und wenn alle kleinen Moleküle zusammen sind, verdoppeln sich die Makromoleküle. Das führt zu einer Abnahme der Dichte der einzelnen Moleküle. Die Makromoleküle winden sich wieder paarweise umeinander, aber die Autokatalyse geht weiter. Die Dichte der einzelnen Moleküle erreicht einen Wert, an dem sich die Makromoleküle wieder trennen.

Die Menge der Mikro- und Makromoleküle nimmt weiter zu, solange die Versorgung mit Nährstoffen gesichert ist. Dabei sammeln sich auch die Abfallprodukte der Autokatalyse an. Nun könnte eines dieser Abfallprodukte sehr wohl eine Art Membran bilden. Diese Haut umgibt dann allmählich die im Tank angesammelte Materie und hindert die Nährstoffe offenbar, in das System zu gelangen, aber tatsächlich können die leichten kleinen Nährstoffmoleküle die Membran durchdringen. Sie können jedoch nicht hinausgelangen, und auch die Makromoleküle nicht, und auch die kleineren Moleküle haben dabei Schwierigkeiten. Außerdem kommt hier ein nichtchemischer Prozess ins Spiel.

Unabhängig von den chemischen Vorgängen im Tank nimmt, physikalischen Gesetzen zufolge, die Oberfläche der Membran Kugelform an, genau wie eine Seifenblase. Der Druck auf die Oberfläche nimmt zu, bis die Kugel platzt oder sich in zwei kleinere Blasen aufspaltet. Das lässt sich bei guten Membranen leicht beobachten, manchmal sogar schon bei Seifenblasen.

Sie ahnen vermutlich schon, dass unsere Überlegung auf eine Erklärung der Zellbildung hinausläuft, und fragen zu Recht, warum dazu Makromoleküle nötig sind. Die Membran bildet sich durch Autokatalyse sowieso und kann ihre Aufgabe als Hülle auch ohne Schablonenreaktion erfüllen. Das stimmt theoretisch, geschieht hier jedoch nicht, weil der Mechanismus externe, also nichtchemische, sondern physikalische Merkmale des Mechanismus hat. Die Entwicklung einer das ganze System einhüllenden Membran braucht relativ ruhige Phasen, in denen das System nur vergleichsweise wenige Moleküle enthält. Solche stillen Zeiten gibt es nach der Schablonenpolymerisierung. Wie wir jedoch bald sehen werden, erfüllen diese das Gesamtsystem schützenden Schablonenpolymere eine weitere wichtige Aufgabe.

Der oben erwähnte externe physikalische Mechanismus ordnet also den gesamten selbstreproduzierenden Prozess zu «Einheiten». Jede Sphäre ist eine selbstreproduzierende Einheit. Ein Mathematiker könnte sie sogar eine Zelle nennen, aber natürlich erst, nachdem er abstrakt und genau definiert hat, was eine Zelle ist. Ein Biologe jedoch zögert zu Recht, dieses Gebilde als «Zelle» zu bezeichnen, denn es enthält keine DNA, die Biologen bisher in allen von ihnen untersuchten lebenden Zellen gefunden haben.

Der Entdecker dieses Gebildes, der Chemiker Tibor Gánti, nannte das Gebilde Chemoton. Ein Chemoton hat also eine Hülle, durch die Nährstoffe in das System diffundieren können. Im Inneren des Chemotons finden sich einige wenige Schablonenpolymere und einige einzelne Moleküle. Die kleinen Moleküle vermehren sich durch autokatalytische Vorgänge, und wenn sie hinreichend dicht liegen, verdoppeln sich auch die Schablonenpolymere. Wenn all das ein gewisses Maß überschreitet, teilt sich das Chemoton, und es gibt zwei Chemotone.

Gánti interessierte sich für den Ursprung des Lebens, für das Entstehen des ersten Lebewesens. Gemeinsam mit seinen Kollegen gelang es ihm, mehrere Arten von Chemotonen herzustellen, und zwar aus Stoffen, die nachweislich in der vorkambrischen Erde existierten. Ihre theoretischen Berechnungen zeigten auch, dass sich DNA auf rein chemische Weise aus den im Chemoton enthaltenen Schablonenmolekülen bilden kann. Weiter wollen wir hier ihrem Gedankengang nicht folgen; für uns ist ihr präziser Nachweis wichtig, dass auch Chemotone als Lebewesen betrachtet werden können. Im Folgenden wollen wir uns auf die Frage nach der Vererbung konzentrieren und die anderen Merkmale des Lebens beiseitelassen.

Natürlich beweist die Analyse der Chemotone nicht, dass Leben aus solchen Chemotonen entstanden ist, wie sie im Labor erzeugt wurden. Aber diese Studien beweisen, dass die Wirkungsweise des Chemotons den Ursprung des Lebens hinreichend gut erklären kann, und nur das interessiert uns hier. Wir gehen aus von der Logik der Wirkungsweise der Chemotone und überlassen das Problem, aus welchen chemischen Strukturen sich das Leben auf der Erde konkret entwickelte, der chemischen Forschung.

Leben verdankt sich Fehlern

Moleküle, die sich durch Autokatalyse vermehren, geben alle ihre Merkmale an ihre Nachfahren weiter, sie können keinerlei Varianten ihrer Art erzeugen. Wir sagten schon, dass sie deshalb keine Erklärung für die Vielfalt des Lebens liefern können.

Demnach scheint es, als sollte sich auch ein Chemoton haargenau reproduzieren, was aber aus zwei Gründen nicht zutrifft. Erstens kommt es nur sehr selten vor, dass die beiden Hälften, in die sich das Chemoton spaltet, genau gleich viele Moleküle enthält. Gewöhnlich hat zufällig eines etwas mehr Moleküle als das andere. Deshalb sind Chemotone bei ihrer Entstehung nicht identisch, sondern es gibt kleinere und größere. Das ist jedoch kein Erbmerkmal, denn dies geschieht unabhängig von der Größe des vorhergehenden Chemotons. Es wird auch nicht weitergegeben: Externe physikalische Mechanismen garantieren, dass sich das größere Chemoton rascher teilt als das kleinere, und seine Nachkommen werden deshalb nicht größer sein als die Nachkommen des kleineren. Diese Feststellung gilt nicht für komplexe Lebewesen, wohl aber für Chemotone.

Der zweite Grund ist wichtiger, er erlaubt es, den Nachkommen des Chemotons von seinem Vorgänger zu unterscheiden. Beim Vorgang der Schablonenpolymerisation passieren ziemlich oft mehr oder weniger große Fehler, und deshalb ist das neu entstandene Polymer kein genaues Abbild des ursprünglichen. In der Kunststofffabrik nennen wir solche Fehler «Ausschuss», und die chemischen Ingenieure tun ihr Bestes zur Entwicklung einer Produkttechnologie, die Defekte möglichst klein hält. In Chemotonen jedoch gibt es keine Möglichkeit für einen solchen ingenieurtechnischen Eingriff von außen. Wenn aufgrund eines Kopierfehlers ein Makromolekül entsteht, das selbst als Schablone wirken kann (und das ist gar nicht so selten), enthalten das Chemoton und seine Nachkommen ebenfalls dieses Schablonenmolekül.

Hier haben wir es bereits mit echter Vererbung zu tun. Die unterschiedlichen Versionen der nach diesem Prinzip erzeugten Chemotone entwickeln sich weiter und werden den Nachkommen als Erbgut weitergegeben. Dieser Mechanismus der Vererbung genügt, um uns schon eine vollgültige Erklärung für die Entstehung einer anscheinend endlosen Vielfalt von Lebensformen zu geben. An diesem Punkt scheint es angebracht, einen Augenblick lang darüber nachzudenken, was wir mit Vererbung meinen.

Im wirklichen Leben betrachten wir keineswegs all jene Merkmale als unser Erbgut, in denen wir unseren Vorfahren ähnlich sind, sondern nur solche, in denen wir ihnen ähneln und uns von anderen unterscheiden. Wenn die Verwandten neugierig ein Neugeborenes betrachten, hören wir sie sagen: «Wie kraus sein Haar ist – das muss er vom Vater geerbt haben» oder «Sie hat dieselben Augen wie ihre Großmutter». Niemals hören wir: «Schau, das Baby hat zwei Beine – von wem könnte es das geerbt haben?»

Die physikalischen, chemischen und, wie wir jetzt sagen können, biologischen Merkmale von Chemotonen sind durch die Schablonenpolymere in ihrem Inneren festgelegt. Eine kleine Veränderung im prägenden Polymer kann riesige Veränderungen sowohl in der Erscheinungsform als auch in der Funktion des Chemotons bewirken. Und da die Schablonenpolymere des Chemotons dem Nachwuchs weitergegeben werden, vererben sich auch die großen, von außen wahrnehmbaren Veränderungen des ganzen Chemotons.

Genauer: Im Fall eines veränderten Schablonenpolymers kann es passieren, dass es nach der Teilung in nur einem der Nachkommen vorliegt und nicht in dem anderen. In den Nachkommen der Nachkommen kann es dann in einigen vorliegen und in anderen nicht, und das hängt nur vom Zufall ab. Es ist auch möglich, dass ein Chemoton entsteht, in dem nur das veränderte Polymer vorhanden ist, nicht aber das Original. Das Chemoton-Modell erklärt auch, warum die Vererbung in der Vielfalt des Lebens notwendig zufällig ist.

Das wohl wichtigste Kennzeichen des Lebens ist, dass es über lange Zeiten Bestand hat, obwohl die Einzelwesen sterblich sind. Das liegt wesentlich an der Vielfalt