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Wenn nicht jetzt, wann dann? Elhim und Lucille sind wieder zurück in der Vergangenheit, während ihre Kinder in der Zukunft versuchen, einen ihrer Brüder aus den Klauen Samiels zu befreien. Doch die Zeit wird für sie alle knapp, denn in der Vergangenheit bahnt sich eine verheerende Katastrophe an, die ihre Zukunft für immer verändern könnte. Wird es Elhim und Lucille gelingen, rechtzeitig dem Unglück zu entkommen und ihren Bruder Samiel endlich zu besiegen?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
J.H. Bonelli
•
Die
Blutlinie
Edens
•
Teil 3
Entfachen
Fantasy - Roman
Die Blutlinie Edens – Entfachen – Teil 3
© 2022 J.H. Bonelli
Ringstrasse 71, 7324 Vilters
www.facebook.com/J.H.Bonelli
www.jhbonelli.com
Alle Rechte vorbehalten
eBook ISBN 9783952521281
Covergestaltung: Tatiana Luís & Rafaela Silva
Lektorat & Korrektorat: Monika Popp
Alle Charaktere und Handlungen in diesem Roman sind reine Fiktion. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.
INHALT
Prolog
1. Vor der Küste Jakartas, heute in unserer Zeitrechnung n.C.
2. Ca. 300´000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, auf der Ebene des heutigen Sinai
3. Einen Tag zuvor, am gleichen Ort
4.Drei Tage später
5.Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu, erste Erdenmission
6. In Adamos Gemächern, 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung
7. Schweiz, am Crestasee, heutige Zeitrechnung n.C.
8. Jakarta, heutige Zeitrechnung n.C.
9. China, Hongkong heute in unserer Zeitrechnung n.C.
10. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu, erste Erdenmission
11. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu, erste Erdenmission
12. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, am östlichen Gebirgslauf des Tigris
13. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu, erste Erdenmission
14. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu
15. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu
16. Währenddessen zur gleichen Zeit vor dem elektrischen Zaun, der die Stadt Eridu umgab.
17. China, Hongkong heutige Zeitrechnung
18. Ca. 300`000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, Stadt Eridu
19. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Einige Zeit später.
20. Derweil in der Residenz von Adamo und Cheeva.
21. Jakarta, heutige Zeitrechnung n.C.
22. China, Hongkong heute in unserer Zeitrechnung
23. Wüste Judaà, zur Zeit Jesu Geburt
24. Ca. 300'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung
25. China, Hongkong heute in unserer Zeitrechnung
26. China, Hongkong heute in unserer Zeitrechnung
27Inselstaat Seychellen, Conceal Island
28. China, Hongkong heute in unserer Zeitrechnung
29. Inselstaat Seychellen, Conceal Island
30. China, Hongkong, wenige Stunden zuvor
31. Inselstaat Seychellen, Conceal Island
Epilog
*
Hass ist das Unvermögen, Liebe entgegenzunehmen.
*
Prolog
•
Samiel schniefte, streifte sich mit dem Handrücken das weiße Pulver von der Nase und lehnte sich mit geschlossenen Augen auf das samtbezogene Sofa zurück, die Arme weit über die Rückenlehne ausgebreitet, während zwei Konkubinen sich zu je einer Seite an ihn schmiegten und seinen nackten Oberkörper mit ihren Händen und Zungen liebkosten. Eine dritte kniete zwischen seinen Beinen und verwöhnte ihn mit ihrem Mund.
Laute elektronische Musik war zu hören und wurde von sich wechselnden farbigen Lichtern und nebelartigen Dunst begleitet. Verschwitzte nackte Leiber wogten sich eng aneinander im Takt der synthetischen Klänge auf der kreisrunden Tanzfläche nebenan. Schweiß, Alkohol und der süßliche Geschmack von Drogen hingen in der Luft.
Samiel verdrehte die Augen, als die junge Frau zwischen seinen Beinen ihn mit ihrem magischen Mund in beinahe ungeahnte Höhen beförderte. Er griff mit einer Hand in ihr Haar und zog ihren Kopf näher an sich heran. Und er wäre fast gekommen, hätte sich ihm nicht genau in diesem Moment, jemand von hinten genähert, ihm die Hand auf die Schulter gelegt und ihm etwas ins Ohr geflüstert. Samiel fluchte und stieß die junge Frau wirsch von sich. Sie kippte rückwärts und knallte mit dem Kopf auf die Kante des Salontischchens hinter ihr. Erschrocken sah sie zum ihm hoch. Auch die anderen zwei kamen seinen plötzlichen Zornesausbruch zu spüren, als er sich eilig erhob und sie dabei einfach, wie einen alten getragenen Mantel, von sich abstreifte. Hastig zog er sich die Hose hoch, knöpfte sie am Bunt zu und folgte dem Mann, ohne die drei Frauen nochmals eines Blickes zu würdigen.
«Verdammt nochmal!» Wütend schlug Samiel mit der Faust auf die Tischplatte, sodass sich das holographische Abbild seines Sicherheitsstabchefs darüber kurz verzerrte.
«Was heißt, er hat einen Raumfrachter entwendet und wie konnte er überhaupt ausbrechen?»
Die Mundwinkel des Mannes zuckten kurz und Röte stieg ihm ins Gesicht. «Sir, wir wissen selbst noch nicht, wie dies geschehen konnte. Wir sind die Daten noch am Auswerten. Auf jeden Fall musste er Hilfe von außen gehabt haben.»
Eine senkrechte Stirnfalte bildete sich zwischen Samiels Augen. Ihm war bewusst, dass es jemanden geben musste, der Angrador verholfen hatte, aus dem Gefängnis auszubrechen und dazu noch fähig war ein Raumschiff zu entwenden. Aber wer könnte dieser Jemand sein? Wer kannte sich so gut mit Computerprogrammen aus, um einen Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis zu ermöglichen und sich dann auch noch unbemerkt eines Raumkreuzers zu bemächtigen? Es konnte nur ein Insider sein, jemand auf höchster Regierungsstufe. Jemand, der Zugang zu geheimen Codes und Akten hatte und daher genau wusste, wann und wie er zuschlagen musste. Samiels Stirnfalte vertiefte sich und ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus, als ihm klar wurde, wer dafür nur in Frage kam.
«Wo ist mein Sohn? Haben Sie ihn schon informiert?», fragte er daher seinen Stabschef, mit der Gewissheit, die Antwort bereits zu kennen.
«Sir, wir haben es schon mehrmals versucht. Er ist nirgendwo aufzufinden.»
«Das habe ich mir gedacht», murmelte Samiel, sodass sein flimmerndes Gegenüber ihn nur undeutlich verstehen konnte.
«Wie bitte?»
«Ich sagte, versuchen Sie es weiter», erwiderte Samiel erzürnt. Dann presste er die Lippen aufeinander und atmete laut aus. «Und nehmen Sie irgendwie Kontakt mit dem Kreuzer auf und stellen Sie durch, sobald eine Verbindung steht.» Ohne seinem Gesprächspartner die Möglichkeit zu geben, sich weiter dazu zu äußern, schaltete Samiel die Kommunikation einfach aus.
Die Hände zu Fäusten geballt schritt er dann aufgebracht im Zimmer auf und ab. «Dieser verdammte Idiot», schimpfte er laut heraus. «Wie kann er mir so etwas nur antun. Und dann ausgerechnet noch mit Angrador! Was hat er sich dabei nur gedacht?» Er hielt in seinem energischen Schritt inne und aktivierte das winzige eingepflanzte Kommunikationsgerät hinter seinem Ohr, mit dem man sich telepathisch mit anderen unterhalten konnte.
«Echniril», sagte er ungeduldig und wartete gar nicht erst ab, bis der Angesprochene etwas zur Begrüßung sagen konnte, sondern konfrontierte ihn gleich mit der Frage: «Wie schnell kannst du den Teleporter einsatzbereit machen?»
«Einsatzbereit? Soll das ein Witz sein?», ertönte Echnirils empörte Stimme in Samiels Kopf. «Beim letzten Versuch, organisches Material hindurchzuschicken, sind die Halbleiterdetektoren komplett durchgeschmort und das Testobjekt irgendwo im Hyperraum verschwunden.»
«Wie, durchgeschmort?» Samiel runzelte perplex die Stirn. «Ich dachte, das Gerät hat bereits erfolgreich seine ersten Testphasen durchlaufen.»
«Hat es auch», gab Echniril Samiel zu verstehen. «Aber das Material, aus denen die Detektoren bestanden, hielt wohl nicht genügend dem Beschuss der Gammastrahlung stand. Daher testen wir im Moment ein neues Material und ein System, das alles tiefer herunterkühlen kann, um ein weiteres solches Desaster zu verhindern.»
Samiel stieß einen leisen Fluch aus. Er brauchte den Teleporter, um noch vor Ilion auf die Erde zu gelangen. Seinem Sohn mit einem Raumschiff hinterherzujagen war keine Option. Den Vorsprung, den sein Filius hatte, war bereits zu groß, als dass er ihn noch hätte einholen und zur Umkehr bewegen können. Obwohl Ilion nur drei Tage Vorsprung besaß, würden für Samiel bei seiner Ankunft auf der Erde mit der Raumzeitverschiebung in Wirklichkeit mehrere Jahre vergehen. Also für Ilion genug Zeit, seinen verhassten Bruder Alron zu stürzen und die Macht auf Erden an sich zu reißen. Was wahrscheinlich nicht ohne blutige Gegenwehr der bereits dort ansässigen Kolonialisten vor sich gehen würde. Und dann war da ja auch noch Angrador, der bestimmt nichts unversucht lassen würde, Ilion bei nächst bester Gelegenheit hinterrücks zu meucheln, damit er selbst an die Macht kam. Samiel befürchtete bereits das Schlimmste.
«Hör mir zu, Echniril», sagte er daher mit befehlshaberischem Ton zu seinem Chefingenieur. «Es ist mir gleich, wie du das hinkriegst, aber ich brauche den Teleporter bis spätesten in zwei Monaten, und zwar einsatzfähig!»
«Aber…»
«Kein Wenn und Aber», schnitt Samiel ihm das Wort ab. «Sieh zu, dass du das hinkriegst, wie ist mir egal. Ansonsten werde ich dafür sorgen, dass du die nächsten zehn Jahre in die Salzminen Arknerons verlegt wirst.» Alron vernahm ein entsetztes nach Luftschnappen und lächelte zufrieden. Die Warnung war angekommen.
«Du kannst dich auf mich verlassen, Samiel», sagte Echniril daher rasch. «Aber ich kann nicht garantieren, dass die Person, die du da hindurchschleusen willst, auch auf der anderen Seite unbeschadet wieder herauskommen wird.»
«Darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich bin es selbst, der damit reisen wird.»
«Was?», rief Echniril überrascht aus. «Du weißt doch, was die Strahlung mit deinem Körper anrichtet. Du wirst einen langsamen qualvollen Tod sterben!»
Samiel schnaubte: «Lass das meine Sorge sein und kümmere dich besser darum, was ich dir aufgetragen habe.»
«Wie du wünschst, Samiel. Ich hoffe nur, du weißt was du tust.»
Samiel winkte ab, obwohl ihn sein Gegenüber nicht sehen konnte. «Ja, ja. Und jetzt mach dich an die Arbeit.» Ohne Echniril noch einmal zu Wort kommen zu lassen, unterbrach er die telepathische Verbindung und atmete laut aus. Samiel wusste, dass das Teleportationsgerät noch nicht genug ausgereift war, um biologisches Leben unbeschadet hindurchzuschicken. Trotzdem blieb ihm keine andere Option, wenn er seine beiden Söhne vor dem vorprogrammierten Unheil retten wollte. Wahrscheinlich würde die Teleportation ihm arg zusetzten und leiden lassen, aber bestimmt nicht töten. Denn schließlich war er so gut wie unsterblich und sein verstrahlter Körper würde wieder heilen. Und sollte er trotz allen Widrigkeiten dennoch dabei umkommen, so würde er, irgendwo auf einem anderen Planeten, im Körper eines dort fortgeschrittenen evolutionären und erwachsenen Wesens wieder aufwachen. So, wie es ihm schon seit tausenden von Jahren immer und immer wieder bestimmt war, seit er damals als Rebell aus den himmlischen Gefilden verbannt worden war. Natürlich hoffte er, dass dieser Fall nicht eintreffen würde. Denn wenn er starb, würden auch alle anderen mit ihm untergehen, so wie es bisher immer geschehen war. Sollte er dabei also sterben, so würde eine neue Ära unsäglichen Leids ins Leben gerufen werden und alles begänne wieder von vorn. Planeten und gar ganze Sonnensysteme würden untergehen und neue wiedergeboren werden. So wie auch seine Anhängerschaft, siebenhundert Seraphen an der Zahl, die ihm damals treu und ergeben gefolgt und schließlich durch ihn, mit ins Unglück gestürzt worden waren. Alle würden unter unsäglichen Qualen sterben und irgendwann auf einem neuen Planeten wiedergeboren werden, nur mit dem Unterschied zu ihm, dass sie sich nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnern konnten und sich ihre zersplitterten Seelen zudem ständig nach ihrer ursprünglichen Vollkommenheit sehnten.
Bei diesen Gedanken atmete Samiel ein weiters Mal laut aus und strich sich mit der Hand das Haar am Scheitel zurück. Dies alles war nur seinem egozentrischen Zwillingsbruder Elhim zu verdanken. Er war es gewesen, der den Zwist zwischen ihnen beiden gesät und dafür gesorgt hatte, dass Vater ihn, Samiel, nicht nur für unfähig hielt, sein Reich angemessen zu vertreten und gerecht zu regieren, sondern ihn auch noch für einen absoluten Versager hielt. Ständig hatte sein vorteilssüchtiger Bruder um die Gunst seines Vaters gebuhlt, bis dieser ihm stellvertretend das Zepter überreicht und ihn zum Herrscher der himmlischen Gefilde ernannt hatte. Samiel aber wurde einfach übergangen und sollte bloß als Botschafter zwischen diesen Himmeln fungieren. Natürlich ließ Samiel diese Schmach nicht auf sich sitzen und begehrte gegen diese Ungerechtigkeit auf, was schließlich zu einem Aufstand und Krieg gegen seinen eigenen Vater und seine Brüder führte. Doch er hatte nicht mit der Härte und dem Widerstand seines Vaters gerechnet, der ihn, zusammen mit seiner treuen Anhängerschaft, mit einem einzigen Augenzwinkern, in diesen Höllenpfuhl voller Leid und Qualen verbannte.
Dieses Königreich werde ich dir geben. Hier wirst du fortan leben und über die Länder gebieten. Herrsche gerecht und besonnen, denn hier bist du es selbst, der über dich richtet.
Was Vater damit meinte, war Samiel immer noch suspekt. Er vermutete aber, dass dies nur eine Metapher für sein Gefängnis war, in das er und seine Gefolgschaft verbannt worden waren. Denn als ein Königreich konnte man es wahrlich nicht bezeichnen. Schon gar nicht, da ihm dabei so gut wie alle magischen Fähigkeiten genommen worden waren. Samiel schnaubte; was ihm geblieben war, war seine Unsterblichkeit, das Wissen, wer er einst war und die Gabe über Luft, Feuer und Wasser zu gebieten. Die Erinnerung daran, welche mächtigen Fähigkeiten er einst besaß und wie alle ergeben zu seinem anmutig leuchtenden Wesen aufgesehen hatten, ließ ihn schwermütig seufzen. Doch dann schüttelte er energisch den Kopf, ballte die Hände zu Fäusten und verwarf das Bild rasch wieder. Nein, er durfte sich diesem Gefühl der Melancholie nicht hingeben. Er wusste, was ihn erwarten würde, sollte er sich je dazu erniedrigen, seinen Vater anzurufen und ihn darum zu bitten, ihm zu vergeben. Vater würde ihm seinen Frevel verzeihen, daran zweifelte er nicht. Aber keiner in den Himmeln würde je wieder zu ihm aufsehen, und ihm die Anerkennung erweisen, auf die er einen rechtmäßigen Anspruch besaß. Stattdessen würde man ihm nur Ungemach und Erniedrigung entgegenbringen. Nein, dann blieb er doch lieber bis in alle Ewigkeit in dieser Schattenwelt, wo er das Sagen hatte und wo alle vor seiner uneingeschränkten Macht erzitterten und gehorsam vor ihm im Staub krochen. Samiel schob sein Unterkiefer nach vorn und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, als er über all das nachdachte, während er den langen Konferenztisch umrundete. Er trat an die dahinter liegende Wand. Dort drückte er auf ein für die Augen unsichtbares Tastaturfeld und sofort öffnete sich lautlos und wie von Zauberhand eine kleine Nische. Samiel entnahm ihr eine Flasche mit edlem Branntwein und einen gläsernen Kelch. Mit grimmigem Gesichtsausdruck zog er den Korken aus der Flasche und wollte sich gerade ins Glas einschenken, als er es sich anders überlegte und den Weinkelch wieder zurück in die Mauervertiefung zurückstellte. Er atmete laut aus, dann setzte er die Flasche an seine Lippen und schüttete beinahe den halben Inhalt davon in sich hinein. Wieder nach Atem ringend, stützte er sich mit einer Hand an der Wand ab, während sein anderer Arm, mit der Flasche in den Fingern, lahm von seinem Körper baumelte. So verharrte er einen Moment, bevor er den Kopf schüttelte, um wieder klare Gedanken zu fassen. Dann stieß er sich von der Mauer ab und stellte die Flasche zurück in die Wandvertiefung. Er hatte noch so vieles zu regeln, bevor er Ibru für immer verlassen würde. Denn dass es ein Abschied für immer war, oder zumindest für eine sehr, sehr lange unbestimmte Zeit, war ihm vollkommen bewusst. Auf der Erde gab es noch kein Gegenstück zum Teleporter, der ihn wieder in unmittelbarer nächster Zeit zurück auf Ibru bringen könnte. Und selbst wenn, wären mit der Raumzeitverschiebung mehrere Jahre, wenn nicht sogar Jahrhunderte auf Ibru vergangen, bis er wieder zurückkäme. Und wer weiß, ob sich dann durch seine Abwesenheit nicht alles in Chaos und Anarchie verwandelt hätte. Mit diesen Gedanken aktivierte er nochmals das winzige Kommunikationsgerät hinter seiner Ohrmuschel und stellte eine Verbindung zu einem seiner Neffen her, von dem er glaubte, dass er ihm die Oberhand während seiner Abwesenheit anvertrauen könnte.
1
Vor der Küste Jakartas, heute in unserer Zeitrechnung n.C.
•
Tschuruks Augen füllten sich mit Wasser, als der letzte blaue Funken vor seinem Blickfeld erlosch und sich seine Eltern für immer in Nichts auflösten. Es war schmerzlich, sie wieder so schnell zu verlieren. Nicht mal eine Woche war ihre Anwesenheit ihm und seinen Geschwistern vergönnt geblieben. So blieb ihm nur die Hoffnung, dass er sie eines fernen Tages vielleicht wiedersehen könnte, wenn sie den Weg durch die Zeit erneut zu ihnen zurückfanden. Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die geschlossenen Augenlider und wischte sich die verdächtigen wässrigen Spuren weg. Als er einen Blick auf seine Geschwister warf, musste er feststellen, dass sie ebenso niedergeschlagen dastanden. Die einen hielten stumm den Blick fest auf den Boden geheftet, während andere wiederum wie er mit Tränen in den Augen zu kämpfen hatten. Tschuruk wandte sich wieder von ihnen ab und starrte stattdessen aufs Meer in die Dunkelheit hinaus. Er blinzelte, denn auf einmal glaubte er wieder blaue Lichtpunkte zu erkennen. Doch als er genauer hinsah, erkannte er, dass es Lichter weiter draußen auf dem Meer waren, die sich ihnen stetig zu nähern schienen.
«Scheiße», fluchte er schließlich laut durch die Zähne. «Die Küstenwache ist im Anmarsch!»
Seine Geschwister, nach wie vor in Gedanken und Trauer um den Abschied ihrer Eltern versunken, horchten erschrocken bei seinen Worten auf.
«Die Küstenwache, wo?» Tschadu stellte sich an seine Seite und suchte vergebens mit zusammengekniffenen Augen den Horizont ab. Natürlich konnte er die Lichter, die sich ihnen näherten, noch nicht erkennen, da sein Sehsinn nicht so gut ausgeprägt war, wie der seines Bruders Tschuruk. So sahen für ihn im Moment all die weitentfernten Lichter am Küstenstreifen gleich aus.
«Da. Sie kommen direkt auf uns zu!» Tschuruk streckte den Arm aus und wies mit dem Zeigefinger in die Richtung, wo sich ihnen das Boot der Küstenwache näherte.
«Einen besseren Zeitpunkt hätten sie sich nicht aussuchen können», meinte Pit sarkastisch und starrte angestrengt in besagte Richtung.
Matt und Tschuruk hatten die Kommandobrücke für den kurzen Zeitraum von nicht einmal fünf Minuten verlassen, um ihre Eltern zu verabschieden und hatten dafür die Motoren abgestellt, sodass die Yacht nun gemächlich vor sich hindümpelte und sich sanft in den Wellen wog. Um aber der Gefahr zu entgehen, während dieser kurzen Zeitspanne unbeabsichtigt in der Dunkelheit von anderen Schiffen gerammt zu werden, die in den Hafen von Jakarta ein- oder ausliefen, hatten sie ihre Tarnung zur Küstennähe aufheben müssen. Was sich jetzt als gravierender Fehler herausstellte, denn genau während dieses kurzen Zeitraums hatte die Küstenwache ihr Schiff entdeckt und wie es schien, sogar versucht, sie erfolglos per Funk zu erreichen.
«Mist! Ich gehe hinauf! Bringt währenddessen Josh in Sicherheit!», knurrte Matt und eilte auch bereits die Treppe nach oben.
«Pit, schnell, hilf mir, Josh ins Versteck zu bringen und ihr anderen beseitigt alle verdächtigen Spuren unserer Eltern!», wies Tschadu seine anderen Geschwister mit einer auffordernden Armbewegung an. Dann wandte er sich ab und wollte gerade die Türe zum Innendeck öffnen, als Iunianna ihm hinterherrief: «Was ist, wenn Josh dort drinnen im Dunkeln plötzlich aus dem Koma erwacht und nicht weiß, wo er sich befindet? Er wird sich dann sicher lautstark bemerkbar machen wollen und sich und uns damit unweigerlich der Seepolizei verraten!»
«Iunianna hat Recht!», bekräftigte Iama. «Jemand muss bei ihm bleiben und dafür sorgen, dass er beim Aufwachen ruhig bleibt. Ich werde bei ihm bleiben.»
«Nein, Tschuruk soll mit ihm gehen», warf sich nun auch Drees in die Diskussion ein. «Nur für den Fall, dass sie uns für ein Verhör mitnehmen sollten. Ihr wisst ja, was mit Tschuruk passiert, wenn er mehrere Stunden ohne Blut ist! Und außerdem kann er in der Dunkelheit sehen und somit erkennen, wenn sich Josh regen sollte.»
Alle nickten zustimmend und waren sich damit einig, dass Tschuruk seinen bewusstlosen Bruder begleiten sollte.
Sie hatten es gerade so knapp geschafft, alle verdächtigen Spuren verschwinden zu lassen, als das Schnellboot der Küstenwache auch schon bei ihnen ankam und ihre Yacht nach kurzer Rücksprache enterte. Schnell setzten zehn schwerbewaffnete Soldaten über. Darunter der Kommandant der Truppe, ein hagerer Mann, kaum eins sechzig groß, die Krempe seiner Uniformmütze tief ins Gesicht gezogen, sodass seine dunklen Schlitzaugen kaum zu sehen waren. Doch er hatte nicht mit solchen Hünen von Schiffsmannschaft gerechnet, die ihn hier erwartete, sodass er jetzt seine Mütze zurückschieben musste, um in die Gesichter der Männer aufschauen zu können. Doch statt Verwunderung war nur Argwohn und Strenge in seinem Gesicht zu lesen.
«Wir sind auf der Suche nach flüchtenden Sträflingen und haben Order, jedes Schiff nach ihnen zu durchsuchen, das sich in unseren Hoheitsgewässern aufhält», sagte der Mann schließlich mit rauer Stimme und in gebrochenem Englisch an Matt gewandt, der sich mit verschränkten Armen vor seinen Geschwistern aufgebaut hatte.
«Dürfen wir die Durchsuchungspapiere sehen?», fragte Matt den Kommandanten. Dieser kramte in seiner Brustinnentasche und zog ein verknittertes Dokument hervor, das er dann Matt überreichte. «Sie sind der Kapitän?»
Mattuschkal nickte und überflog kurz den Text des ihm überreichten Belegs. Als er mit der letzten Zeile durch war, gab er das Papier wieder zurück und trat dann mit ausgebreiteten Armen zur Seite. «Bitte.»
Der Kommandant nickte und machte dann seinen Leuten ein Zeichen auszuschwärmen und das Schiff zu durchsuchen.
«Und jetzt hätte ich gerne ihre Bordpapiere und die Pässe sämtlicher Schiffspassagiere und Crewmitglieder», forderte der Kommandant.
Matt wies mit einer Kopfbewegung zum Kontrollturm: «Wenn Sie mir bitte folgen wollen.»
Nachdem der indonesische Offizier sämtliche Schiffsdokumente durchgesehen und die Fotos in den Pässen mit seinen Besitzern verglichen und kontrolliert hatte, runzelte er argwöhnisch die Stirn. «Und ihr habt wirklich keine Passagiere und kein Schiffspersonal mit an Bord, wie das?»
«Nein, Sir», gab Matt höflich zur Antwort und wies mit dem Kinn zu dem Stapel Pässe und Dokumenten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. «Wie Sie aus den Papieren ersehen können, sind wir allesamt Wissenschaftler im Auftrag der Universität Hamburg und arbeiten an einem nicht gerade ungefährlichen Forschungsprojekt: dem Nachweis für präbiotische Ammoniaksynthese aus Gasen von Tiefseevulkanen.»
«Aha», machte der Kommandant und starrte Matt von unten herauf mit offenem Mund an. «Es ist ja allein schon nicht gerade gewöhnlich, dass Wissenschaftler ohne Personal auf einem Forschungsschiff unterwegs sind, aber, dass ihr alle zudem noch von so außergewöhnlich riesiger Statur seid, ist schon irgendwie verdächtig. Wie erklären Sie mir das?»
Matt schnaubte belustigt, was den Indonesier nur dazu veranlasste, ihn mit einem stechenden Blick zu strafen.
Sofort räusperte sich Matt entschuldigend. «Nun ja, wir sind alles alte Kollegen aus einer ehemaligen Studenten-Basketballverbindung und haben einst sogar zusammen in der höchsten Liga gespielt.» Er drehte sich um, und wies mit der Hand auf die hintere Wand, wo mehrere gerahmte farbige Zeitungsbilder hingen, die verschiedene Basketballteams in Action oder Gruppenfotos mit lachenden jungen Spielern zeigten, die neckisch einen riesigen Pokal in die Höhe stemmten. Matt ging darauf zu und tippte mit dem Finger auf eines der Bilder, worauf ein Spieler zu sehen war, der gerade in die Höhe sprang, und den Ball in den Korb über sich versenkte.
«Sehen Sie, der hier bin ich. Und auf den anderen Fotos können Sie sicher auch einige von meinen Kollegen hier wiedererkennen.»
Der indonesische Kommandant trat näher an das Bild heran und studierte es aufmerksam. Dann blickte er plötzlich erstaunt auf und sein Blick streifte dabei verblüfft alle Gesichter der sich hinter ihm im Raum befindlichen Personen.
«Ihr habt bei den Harlem Globetrotters gespielt?»
Matt kratzte sich verlegen an seinen Bartstoppeln: «Nun ja, ich habe doch gesagt, wir haben in der höchsten Liga gespielt.»
Auf dem Gesicht des Indonesiers spiegelte sich nun Überraschung, Ehrfurcht, aber auch ein bisschen Missfallen. Ihm wäre es lieber gewesen, er hätte seinem Vorgesetzten die geflohenen Sträflinge präsentieren können, als einen Haufen junger Wissenschaftler, die zudem einst Profibasketballer waren. Zumal er für solche westliche Sportarten überhaupt nichts übrighatte. Und doch waren ihm die Harlem Globetrotters ein Begriff, da er genug Kollegen in seiner Stammbeiz hatte, die über nichts anderes Reden konnten als über Ballsport. Nachdenklich studierte er nacheinander die Gesichter der Männer vor sich auf den Zeitungfotos. Er stutzte, irgendetwas kam ihm merkwürdig vor. Irgendwas war faul, etwas, das nicht zusammenpassen konnte. Irgendein winziges Detail, das nicht mit diesen Fotos übereinstimmte und doch konnte er im Moment noch nicht sagen, was es war. Er schaute genauer auf eines der Bilder und las im unteren Teil die Berichterstattung dazu. Und dann erkannte er, was nicht sein konnte. Das Foto war vor mehr als vierzig Jahren aufgenommen worden und doch sahen die Männer in diesem Raum nicht einen Tag älter aus als auf diesem Zeitungsschnappschuss.
Ein Unteroffizier seiner Garde stürzte plötzlich laut und in indonesischer Sprache gestikulierend in den Kontrollraum und unterbrach den Kommandanten in seinen Gedankengängen.
«Wir haben im oberen Deck hinter der Bühne in einem Hohlraum zwei verdächtige Personen entdeckt. Sir, Sie müssen sich das unbedingt selbst ansehen! So etwas habe ich noch nie gesehen! Einer der Männer ist riesig! Mindestens zwei sechzig oder siebzig groß! Doch er ist bewusstlos und daher nicht ansprechbar. Und der andere weigert sich zu sprechen!»
Der Kommandant warf einen abschätzigen Blick zu Matt, der sich mit keiner Mimik zu verraten gab, dass er alles verstanden hatte, was eben in indonesischer Sprache gesagt wurde. Die beiden Männer der Küstenwache konnten nicht ahnen, dass Matt und seine Geschwister alles verstanden und dass sie im Verlauf der Jahrtausende, in der sie nun schon auf der Erde wandelten, sämtliche Sprachen der Welt beherrschten. Matt warf seinen Geschwistern unbemerkt einen sorgenvollen Blick zu, während der indonesische Kommandant sich zu seinem Unteroffizier wandte und sagte: «Du bewachst diese Männer hier! Und sollte einer auch nur einen Finger rühren, erschießt du ihn.»
Der Unteroffizier nickte: «Verstanden!»
Dann richtete er, wie ihm befohlen wurde, sein Sturmgewehr auf die zwölf Geschwister, die sich besorgte Blicke zu warfen und befahl in gebrochenem Englisch: «Runter auf Boden und Hände hinter den Kopf!»
Matt runzelte die Stirn und tat so, als ob er nicht verstanden hätte, warum man sie dazu aufforderte. Doch als der Offizier ihm den Lauf der Waffe an die Schläfe drückte, ging er sofort, mit verschränkten Händen hinter dem Nacken, auf die Knie. Doch das war anscheinend noch nicht genug. Matt spürte, wie das kalte Eisen ihn weiter zu Boden drückte.
«Flach hinlegen!»
Der Kommandant nickte zufrieden, als sich die anderen zwölf ebenso gehorsam auf den Boden legten und ihre Hände hinter dem Kopf verschränkten, dann machte er auf dem Absatz kehrt und eilte die Treppe hinunter zum Hauptdeck. Dort angekommen, musste er nicht lange suchen, bis er zwei seiner Männer im Verbindungsgang zwischen Speisesaal und hinterem Deck vorfand. Beide richteten ihre Waffen in eine dunkle schmale Kammer, deren Wandvertäfelung sie vorher herausgerissen und einfach achtlos auf dem Boden neben sich geworfen hatten. Es war nicht zu übersehen, dass dieser Raum vorher von außen gut für das Auge getarnt gewesen war und als Versteck diente. Doch dank der neuesten Generation von Hohlraumdetektoren blieben solche Verstecke nun nicht mehr weiter verborgen. Der Kommandant warf einen Blick in den dunklen Hohlraum zwischen der Bühne vom Speisesaal und der Bordküche und erkannte im Inneren einen weiteren Kollegen seiner Mannschaft, der mit seiner Gewehrlampe in das Gesicht einer wahrhaft riesigen und scheinbar bewusstlosen Gestalt leuchtete, die rücklings auf dem Boden lag. Ein weiterer Mann, ebenfalls ein Hüne, aber bei Weitem nicht so groß wie der andere, wurde von zweien seiner Soldaten mit ihren Waffen in Schach gehalten und lag bäuchlings mit den Händen hinter dem Kopf verschränkt, auf dem Boden ausgestreckt.
«Los, steh auf. Die Hände bleiben, wo sie sind, und dann kommst du langsam raus!», befahl der Kommandant, der sicherheitshalber ebenfalls seine Handfeuerwaffe gezogen hatte und sie nun gegen den Hünen richtete. Der Mann am Boden hob zuerst vorsichtig den Kopf und blinzelte ins Licht, doch er war zu sehr geblendet, als dass er etwas erkennen konnte. Und damit er überhaupt ohne Hilfe seiner Hände aufstehen konnte, musste er zuerst das eine, dann das andere Bein an seinen Körper ziehen, erst jetzt konnte er sich auf die Knie stellen und dann aufstehen. Der Kommandant lächelte, denn immer wieder konnte er beobachten, wie sich die Leute nur zu dämlich anstellten, wenn es darum ging, ohne Hände aufzustehen. Doch dieser hier hatte damit keine Probleme. Der Mann, der ihm nun entgegentrat, war riesig, sicher über zwei Meter zwanzig groß, was den Kommandanten aber nicht davon abhielt, ihn grob an der Schulter zu packen und ihn dann mit dem Gesicht zur Wand zu stoßen, während einer seiner Männer dem Hünen den Lauf seiner Waffe zwischen die Beine stieß und ihm damit derb zu verstehen gab, diese zu spreizen. Der Kommandant tastete ihn währenddessen erfolglos nach einer Waffe ab. Dann wurde dem Hünen das kalte Eisen des Gewehrlaufs in den Nacken gedrückt.
Tschuruks Herz und Verstand rasten. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, diese drei Männer hier außerhalb der Kammer zu überwältigen. Doch der vierte, der drinnen Josh bewachte, machte ihm Kopfzerbrechen, denn dieser zielte mit seiner Waffe direkt auf den Kopf seines bewusstlosen Bruders und würde sicher nicht zögern, sofort abzudrücken. Nur zu dumm, dass er nicht schon vorher in der Kammer drin gehandelt hatte, tadelte sich Tschuruk selbst, dann hätte er alle vier gleichzeitig ausschalten können. Aber er musste die Lage schließlich vorher zuerst abchecken, um sicher zu gehen, dass nicht noch mehr Soldaten draußen auf ihn warteten. Fieberhaft überlegte er, wie er sich und seinen Bruder unversehrt aus dieser verschanzten Situation retten konnte. Dann kam ihn ein anderer Gedanke. Wie konnte es überhaupt sein, dass seine Geschwister es zuließen, dass man ihr Versteck hier fand? Das konnte doch nur bedeuten, dass sie selbst in argen Schwierigkeiten steckten und Hilfe brauchten.
Gerade als einer der Soldaten ihm derb die Arme auf den Rücken drehte, um ihm Handschellen anzulegen, handelte Tschuruk. Er wirbelte so schnell herum, dass den Soldaten keine Zeit mehr blieb, sich auch nur irgendwie noch zur Wehr zu setzen. Mit Bewegungen, die so schnell waren, dass kein normal Sterblicher sie mehr mitbekam, schlug er die Männer mit gezielten Schlägen bewusstlos. Auch der vierte Mann in der Kammer wurde von ihm so schnell außer Gefecht gesetzt, dass dieser keine Möglichkeit mehr fand, den Finger am Abzug auch nur ein wenig zu krümmen. Tschuruks Puls raste immer noch heftig, als er erleichtert auf seinen Bruder hinabsah. Josh lag nach wie vor in einem komatösen Zustand, doch das konnte sich jeden Moment ändern, da seine Eltern und somit Joshs eigenes Selbst, nicht mehr in dieser Zeit verweilten und sich damit sein Körper wieder selbst regenerieren konnte. Er kniete sich zu ihm nieder und legte ihm seine flache Hand auf die Stirn. Das Fieber war abgeklungen und er atmete wieder gleichmäßig, auch hatte sein Gesicht bereits wieder etwas Farbe bekommen. Ja, es würde nicht mehr lange dauern und Josh würde aus seiner Bewusstlosigkeit erwachen. Doch im Moment musste Tschuruk ihn sich selbst überlassen, denn seine anderen Geschwister brauchten offenbar ebenso Hilfe. Er kniff Josh freundschaftlich in die Wange, erhob sich und trat hinaus auf den Flur. Gerade als er über die drei niedergestreckten Soldaten am Boden stieg, hörte er das leise Stöhnen seines Bruders. Er schaute zurück und sah, wie Josh knirschend seine Glieder reckte und sich dann blinzelnd aufsetzte. Tschuruk grinste: «Hey, Josh, alter Knabe, schön, dass du wieder unter den Lebenden bist! Wie geht es dir?»
Josh runzelte die Stirn, sah fragend zu Tschuruk und erhob sich dann schwerfällig auf die Beine. Er rollte mit den Schultern, dehnte den Hals, gähnte noch einmal kräftig und trat dann aus der Dunkelheit des Hohlraumes ins Licht. Er blinzelte noch etwas benommen und wäre dabei beinahe über eine der Wachen gestolpert, hätte ihn Tschuruk nicht im letzten Moment aufgefangen. Josh starrte verwirrt zu den drei Männern der Küstenwache, die zu seinen Füßen bewusstlos auf dem Boden lagen.
«Was…» Er hustete und musste offenbar erst seine Stimme wiederfinden. «Was ist passiert?», fragte er schließlich mit belegter Stimme. Doch bevor Tschuruk ihm antworten konnte, bemerkte dieser aus dem rechten Augenwinkel eine Bewegung. Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig, Josh wieder in den Hohlraum hinter sich zu stoßen, als auch schon ein erster Schuss fiel. Tschuruk strauchelte, ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Brustkorb und nahm ihm den Atem. Offenbar hatte das Geschoss seine Lungen durchdrungen. Und obwohl er kaum Luft fand, brüllte er wütend auf und wandelte dabei gleichzeitig seinen Körper in seine furchterregende Echsengestalt. Er wirbelte herum und wollte sich auf seinen Gegner stürzen, der vor seinem entsetzlichen Anblick zurückwich und vor lauter Schreck nicht mehr fähig war, den Abzug seiner Waffe zu betätigen. Doch weitere Geschosse, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung, ließen ihn innehalten und seinen Körper unkontrolliert aufbäumen. Kreisrunde rote Flecken übersäten seinen Körper. Blut spritzte aus diesen Wunden auf Fenster, Boden und Wände. Und noch währen Tschuruk stürzte und sich bereits ein grauer Schleier auf sein Bewusstsein zu legen versuchte, nahm er wahr, wie die Geschosse, die auf ihn abgefeuert wurden, plötzlich und wie von Geisterhand aufgehalten wurden und einfach in der Luft schwebend verharrten.
«Josh!», war sein letzter Gedanke, als er mit einem Lächeln zu Boden sank und sich dann gänzlich Schwärze über ihn legte.
Josh trat mit finsterer Miene auf den Gang. Mit einer saloppen Handbewegung ließ er die schwebenden Geschosse einfach zu Boden fallen. Dann trat er zu seinem Bruder, der schwer verwundet zu seinen Füßen am Boden lag. Er kniete sich zu ihm nieder, nahm vorsichtig seinen Kopf in seinen Schoß und strich ihm sanft mit den Fingern über das blutbesprenkelte Gesicht. Tschuruks Augen flatterten, er wollte etwas sagen, doch es kam nur ein gequältes Gurgeln aus seiner Kehle. Blut füllte seine Mundhöhle, welches sich dann über sein Kinn und Hals in einem Rinnsal auf Joshs Schoß ergoss. Tschuruk hustete und spuckte erneut Blut, dann fiel sein Kopf auf Joshs Knien schlaff zur Seite. Josh atmete hörbar laut aus. In diesem Moment wünschte er sich, er hätte die Gabe seiner Mutter geerbt, andere in Sekundenschnelle heilen zu können. Er besaß die Kunst des Heilens zwar auch, aber nicht so, wie es seine Mutter konnte und schon gar nicht mit einer solchen Geschwindigkeit. Er wusste, dass sein Bruder nicht tot war und Tschuruk sich auch selbst wieder heilen würde, denn schließlich war er unsterblich. Doch der Selbstheilungsprozess würde langwierig und sehr schmerzvoll für Tschuruk werden. Im Moment konnte er nichts für seinen Bruder tun, denn ihm war es nicht möglich, gleichzeitig den Geist der Soldaten zu kontrollieren und dann auch noch Tschuruk seine Heilmagie zu übertragen. Man würde sich also später um seinen Bruder kümmern müssen; erst einmal musste er ein anderes Problem aus dem Weg schaffen. Er strich noch einmal zärtlich über Tschuruks Wange, faste mit beiden Händen unter seinen Hinterkopf, sodass er mit seinen Knien darunter wegrutschen konnte und bettete ihn dann sanft auf den Boden. Noch bevor er aufstand, streckte er seine geistigen Fühler aus und tastete das Schiff nach seinen Geschwistern ab. Erleichtert atmete er auf, als er ihre Anwesenheit immer noch auf der Yacht wahrnahm
Matt! Alles in Ordnung bei euch?
Mattuschkal hob seinen Kopf, als er Josh mentale Stimme in seinem Kopf vernahm. Er war gleichzeitig erstaunt und erfreut, seinen Bruder zu hören. Erst jetzt nahm er wahr, dass ihr Bewacher in seiner Bewegung erstarrt war und ihnen somit nichts mehr anhaben konnte. Hastig sprang er auf die Beine
Ja, alles in Ordnung! Dann zu seinen Geschwistern gewandt, «Hey, Josh ist wach, ihr könnt jetzt wieder aufstehen!» Dann mit besorgter Miene wieder zu Josh: Wir haben Schüsse gehört, euch ist doch hoffentlich nichts passiert?
Mir geht’s gut, doch Tschuruk hat es arg erwischt! Er wird einige Zeit brauchen, bis er wieder auf dem Damm sein wird. Hör zu, Matt, uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich nehme zwölf fremde Energien in unsere Nähe wahr, die ich im Moment noch allesamt kontrolliere. Sechs davon sind hier bei mir, zwei im Gang zu unseren Schlafsuiten, einer unten im Salon und einer im Maschinenraum und dann sind noch zwei außerhalb unseres Schiffes. Ich nehme an, ein Boot der Küstenwache?
Korrekt! bekam er umgehend die Antwort.
Und ohne weiter auf Matts Antwort einzugehen, fuhr er fort: Ich brauche deine Hilfe hier und bring gleich noch Iunianna und Nat mit, damit sie sich um Tschuruk kümmern können. Die anderen versammeln alle Männer der Küstenwache unten vor dem Steg, damit ich ihnen vorher noch eine andere Erinnerung einpflanzen kann!
Verstanden! bestätigte Matt mental. Er gab seinen Geschwistern die entsprechenden Anweisungen und eilte dann auch schon, gefolgt von Nat und Iunianna die Treppe ins untere Deck hinab.
Bei Josh angekommen, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick. Tschuruk lag in einer Pfütze seines eigenen Lebenssaftes und regte sich nicht mehr. Sein ganzer Körper war übersät mit unzähligen Schusswunden, aus denen immer noch stetig Blut sickerte. So wie es aussah, hatte der Schütze wohl in blinder Panik sein ganzes Magazin auf ihn abgefeuert. Was ihm jedoch nicht zu verdenken war, musste er Tschuruk, in seiner gewandelten Gestalt, für einen Dämonen gehalten haben, der gerade dabei war, sich auf einen seiner Kollegen zu stürzen.
Ja, so musste es wohl für den Schützen ausgesehen haben, dachte Matt.
Als Iunianna ihren leblosen Bruder am Boden liegen sah, entfuhr ihr vor Entsetzen ein leiser Schrei und sie stürzte sich sogleich zu ihm auf die Knie.
«Oh, Tschuruk, du dummer, dummer Narr! Warum musst du immer den Helden spielen und dich in solche Situationen begeben?» Sie bettete seinen Kopf in ihren Schoß und strich ihm sanft die blutverklebten Haare aus dem Gesicht. Dann zog sie ein kleines Messer aus dem Oberschenkelhalfter unter ihrem Rock hervor und wollte sich damit gerade über das Handgelenk fahren, als Josh mit einem der indonesischen Männer auf dem Buckel aus dem Hohlraum trat und sie davon abhielt. «Er kann noch nicht trinken, seine sämtlichen inneren Organe sind zerstört! Ihr müsst ihm Infusionen verabreichen, anders kann er noch kein Blut zu sich nehmen.»
Nats Hand legte sich ihr auf die Schulter. «Komm, hilf mir, ihn auf die Krankenstation zu bringen. Dann können wir ihn mit Blut versorgen.»
Iunianna nickte, stand auf und steckte dabei ihr Messer zurück in den Halfter. Zusammen packten sie ihren verletzten Bruder an Beinen und Schultern und trugen ihn zur Krankenstation.
Keine zehn Minuten später schritt Josh unten an der Reling, die Gruppe Männer von der Küstenwache, die in einer Reihe vor ihm aufgestellt waren, ab und schaute dabei jedem einzelnen tief in die Augen. Alle standen so da, als ob sie zu Schaufensterpuppen erstarrt wären, ihre leeren Blicke dabei in die Ferne geheftet.
Josh war gerade mit der Gedankenkontrolle beim letzten Mann durch und wollte mit den Fingern schnippen, um alle wieder aufzuwecken, als Matt seine Hand packte. «Warte!» Er wies mit dem Kinn zu dem Kommandanten. Josh verstand zuerst nicht, was sein Bruder wollte. Doch als dieser das Hemd und die Hose des Indonesiers kurz berührte und die blutbespritzten Kleider wie von Geisterhand wieder sauber wurden, wusste er, dass er beinahe einen Fehler gemacht hätte. Matt säuberte noch schnell die Kleider aller anderen, dann drehte er sich wieder zu Josh um und grinste: «Jetzt kannst du weitermachen.»
Josh nickte dankbar, hob seinen Arm und schnippte dann mit den Fingern. Sofort kam Bewegung unter den indonesischen Männern auf. Sie blinzelten kurz und sahen sich um, doch keiner schien sich zu erinnern, was wirklich vorgefallen war. Auch war keinem von ihnen anzumerken, dass sie soeben manipuliert worden waren. Der Kommandant trat zu Drees und erklärte ihm, dass alles in Ordnung sei, und dass sie wieder freie Fahrt hätten. Dann gab er seinen Männern Anweisung, in ihr Boot überzusetzen, wo bereits die zwei anderen ihrer Mannschaft warteten, denen zuvor ebenfalls falsche Erinnerungen eingepflanzt worden waren. Als sie sich von der Yacht abstießen und Fahrt aufnahmen, drehte sich der Kommandant sogar noch einmal um und winkte freundlich.
«Ich liebe es, wie du das immer wieder hinbiegst!» Matt trat schmunzelnd neben Josh und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Gemeinsam sahen sie dem Boot nach, wie es sich langsam von ihnen entfernte.
«Nun ja», meinte Josh und fummelte nachdenklich an den Muscheln seiner Halskette herum. «Leider ist es für Tschuruk nicht so gut ausgegangen, wie für uns. Ich wünschte, ich wäre früher aus meinem Dämmerzustand erwacht und hätte noch rechtzeitig eingreifen können!»
Matt wandte den Kopf zu seinem Bruder und drückte ihm fester die Schulter. «Er wird schon wieder!»
«Ja, das wird er», sagte Josh gedankenvoll und sein Blick schweifte ab ins Leere. Und nach einer kurzen Pause fragte er leise: «Unsere Eltern, sind sie…?» Er räusperte sich. «Ich meine, wie haben sie’s aufgenommen?»
«Nun, beide taten sich sichtlich schwer, uns schon so früh wieder verlassen zu müssen und in die Vergangenheit zurückzukehren.» Matt drückte nochmals fest die Schulter seines Bruders, bevor er seinen Arm senkte. «Aber um dein Leben zu retten, haben sie damit keine Sekunde gezögert. Und ich denke, sie haben es geschafft, denn sonst wären wir nicht mehr hier an Bord. Und die Welt, wie wir sie kennen, hätte sich um uns herum verändert.»
«Können wir das wirklich mit Gewissheit sagen?» Josh betrachtete besonnen die Lichter in der Ferne, dann drehte er sich zu Matt um. «Ich meine, wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob unsere Erinnerungen noch die gleichen sind, wie jene, die wir noch hatten, bevor unsere Eltern wieder in die Vergangenheit gereist sind.»
«Nun ja, das mag ja stimmen. Aber wichtig ist doch, dass wir überhaupt Erinnerungen haben. Erinnerungen zu wissen, wer wir sind und vor allem, wer unsere Eltern sind!»
Josh nickte grimmig, presste die Lippen aufeinander und lächelte schließlich seinen Bruder an. «Du hast Recht. Na dann, nehmen wir Kurs zu unseren Freunden und…» Er unterbrach sich selbst im Satz und runzelte die Stirn als er Iunianna schwer atmend und bleich hinter Matt im Türrahmen auftauchen sah.
«Tschuruk!», presste Iunia laut atmend hervor und musste sich dabei mit einer Hand an einem der Türzargen abstützen. «Er hat sich einfach vor meinen Augen in Nichts aufgelöst!»
Matt und Josh starrten ihre Schwester ungläubig an.
«Was heißt das, er ist verschwunden?», fragte Josh.
Doch bevor Iunianna antworten konnte, erschien Nats Kopf neben dem seiner Schwester und drängte sich mit seinen breiten Schultern an ihr vorbei.
«Wir waren gerade dabei, ihm einen weiteren Beutel Blut zu verabreichen, als seine Haut plötzlich zu flimmern begann und blaue Funken warf», erklärte Nat, anstelle seiner Schwester. Auch er klang völlig außer Atem und ebenso stand ihm Sorge im Gesicht geschrieben.
«Es ist wahr. Ich kann es selbst kaum glauben. Er ist verschwunden. Da war plötzlich so ein Flimmern, das immer stärker wurde, bis plötzlich nur noch blaue Funken um seinen Körper tanzten und er sich dann schließlich mit einem grellen Blitz einfach ins Nichts auflöste!» Iunianna schluchzte und schlug beide Hände vor ihr tränenüberströmtes Gesicht. «Was ist nur mit ihm passiert?»
Matt betrachtete seine beiden aufgebrachten Geschwister nachdenklich «Wie bei unserem Vater», sagte er dabei leise und mehr zu sich selbst. «Damit hat sich dann wohl das dritte Siegel erfüllt!»
Seine Geschwister rissen bei seinen Worten die Augen auf und sahen ihn bekümmert an. Und dies aus gutem Grund, denn sie alle wussten, dass die Prophezeiung den Tod ihres Bruders vorhersagte. Ihre eigene Mutter hatte in einem Trancezustand und mit fremder Stimme diese Prophezeiung ausgesprochen. Sie besagte, dass Tschuruk der Schlüssel sei, um Licht und Dunkelheit zu vereinen, er aber dafür den Tod wählen muss. So interpretierten die Geschwister zumindest diese Voraussagung. Und bis jetzt sind bereits zwei der fünf Prophezeiungen eingetroffen. Was unter anderem waren, dass das Licht auf den Schlüssel traf und es danach mit Blut besiegelt wurde. Und nun sah es so aus, als habe sich das dritte Siegel ebenfalls bewahrheitete, indem ihm die Gabe gegeben wurde, durch Raum und Zeit zu reisen. Keiner zweifelte jetzt mehr daran, dass es ihr Bruder Tschuruk war, von dem das Orakel sprach. Denn er war es, der das blaue Licht seines Vaters empfangen hatte, und er war es auch, der das Blut seines Vaters getrunken hatte. Und jetzt hatte sich sein Körper in Nichts aufgelöst. Zu hoffen war nur, dass er nicht irgendwo hilflos zwischen Raum und Zeit dahintrieb. Denn Tschuruk war durch ein Feuergefecht mit der indonesischen Seepolizei arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Genauer gesagt war sein Körper, wie ein Schweizer Käse, nur so mit Kugeln durchsiebt worden. Ein normaler Mensch hätte diese Verletzungen nie überlebt. Doch Tschuruk war kein normaler Mensch. Er war ein Unsterblicher, wie seine Geschwister auch. Aber er war auch ein Halbreptiloide, gezeugt aus den Genen seiner Eltern Lucille und Elhim und einem zugefügten Genom eines Reptiloiden vom Planeten Ibru. Halb Erdling halb Reptil, besaß er die Fähigkeit, seinen Körper, je nach Bedarf, in die eine oder andere Gestalt zu verwandeln. Nur benötigte er für die Aufrechterhaltung seines menschlichen Erscheinungsbildes sehr viel Energie, die er jedoch nicht durch Essen aufnehmen konnte, wie es Normalsterbliche taten, denn dafür fehlten ihm die inneren Organe eines Verdauungstraktes. Er benötigte Blut, frisches Blut, dass er durch die Kapillaren seiner Zähne direkt in seinen Blutkreislauf aufnehmen konnte. Doch nun war sein Körper durch die schwere Verletzung in einer Art Starre gefallen, die ihn in seiner Hybridengestalt gefangen hielt. Und er würde so lange darin eingeschlossen bleiben, bis ihm wieder genügend Blut zugeführt wurde.
Obwohl er und seine Geschwister unsterblich waren, verspürten sie bei Verletzungen genau die gleich starken Schmerzen, wie Unsterbliche, nur mit dem Unterschied, dass sie nicht an ihren Verletzungen sterben konnten. Dies hatte jedoch den Nachteil, dass ihre Schmerzen dann nur umso schlimmer wurden, sobald der Heilungsprozess einsetzte.
Allerdings rätselten die Geschwister jetzt darüber, wie es Tschuruk überhaupt möglich war, sich einfach so weg zu teleportieren, denn er war zu diesem Zeitpunkt ja nicht einmal bei Bewusstsein.
Nat hatte ihm zwar schon zwei Beutel Blut intravenös verabreicht, aber das genügte bei Weitem nicht, um den Heilungsprozess so schnell in Gang zu setzen. Erfahrungsgemäß bräuchte er noch mindestens drei Tage und einen großen Vorrat an Blut, um wieder zu Bewusstsein zu gelangen und noch weitere zehn Tage, um einigermaßen wieder zu Kräften zu kommen. Also wie in Himmels Namen, war es ihm möglich gewesen, sich so einfach in Luft aufzulösen?
«Er kann nicht verschwunden sein. Sein Herz hatte doch aufgehört zu schlagen…» Josh schluckte trocken und schüttelte den Kopf. «Er ist gestorben, als er in meinen Armen lag.»
Natürlich war Tschuruk nicht wirklich gestorben, das wusste auch Josh. Aber sein Bruder war in einem todesähnlichen Zustand gefallen, was einige Zeit in Anspruch nehmen würde, um daraus wieder ins Leben zu erwachen. Er konnte nicht verschwunden sein, das war einfach nicht möglich!
«Vielleicht liegt er ja noch da und ist einfach nur unsichtbar.»
«Josh, glaub mir, er ist weg. Er ist nicht unsichtbar», gab Nat zu verstehen und fuhr sich schnaubend mit der Hand durch sein strubbeliges rotbraunes Haar.
«Was sollen wir jetzt tun? Und wo sollen wir nur nach ihm suchen?», schluchzte Iunia neben ihm.
«Was ist das hier für eine Trauerveranstaltung?» Tom kam grinsend die Reling entlang geschlendert, hinter ihm der Rest der anderen Geschwister. Sie lachten, plauderten wild durcheinander und schienen ausnahmslos ohne Sorge zu sein. Doch als sie nun die betrübten Gesichter ihrer anderen vier Geschwister wahrnahmen, verstummte nacheinander ihr Lachen.
«Was ist los?» Tom schaute zwischen Iunia und Nat hin und her, dann wanderte sein Blick zu Josh und Matt.
«Tschuruk ist verschwunden und wir wissen nicht wohin», erklärte Josh mit knappen Worten.
«Was, wie verschwunden?»
Die anderen Geschwister drängten sich näher heran. «Unmöglich!»
«Das kann nicht sein!»
«Er ist doch bewusstlos, wie kann er dann so einfach verschwinden?»
«Verschwunden, wie das?»
«Ist er über Bord gesprungen?»
Alle redeten wild durcheinander und wollten wissen, was genau geschehen war.
Plötzlich erschallte Joshs lauter Ruf über das Stimmengewirr seiner Geschwister. «Ruhe!»
Augenblicklich wurde es still und alle Augen wandten sich Josh zu.
«Danke.» Josh atmete sichtlich erleichtert aus. Dann erklärte er dem Rest seiner Geschwister in kurzen Worten, was vorgefallen war und erläuterte ihnen, dass sie keine Ahnung hatten, wo sie nach ihrem Bruder suchen sollten.
«Ich schlage vor, dass wir, wie geplant, zuerst an Land gehen und von dort aus, dann sämtliche Stützpunkte informieren, damit sie Augen und Ohren für uns offenhalten.»
«Da bin ich absolut derselben Meinung», befürwortete Matt Joshs Vorschlag und sah die anderen fragend an. Alle nickten einstimmig.
«Ja, mit seinem Aussehen wird es bestimmt nicht lange dauern, bis irgendwo eine Berichterstattung über ihn in den Medien zu finden ist», meinte Matt daraufhin sarkastisch und raufte sich sein blondes Haar.
Josh drückte Matts Schulter. «Hoffen wir, wir finden ihn, bevor es Samiel tut!»
Die Yacht schaukelte sanft in den Wellen als Shakur und Pit vom Bord auf den hellerleuchteten Ankersteg sprangen und die Leinen befestigten. Ein Indonesier, bekleidet mit einem chamoisfarbenen Hemd, das er über einem farbenfroh gemusterten Seiden-Sarong trug, trat ihnen lächelnd auf dem Steg entgegen.
«Putu, mein alter Freund», sagte Pit und umarmte den Mann herzlich auf die Schulter klopfend. «Schon lange nicht mehr gesehen.» Er trat einen Schritt zurück und begutachtete seinen älteren Freund lächelnd. «Wie geht es dir, Putu?» Putu erwiderte das Lächeln, kam aber nicht mehr dazu, Pit zu antworten, denn nun trat Shakur mit feucht glänzenden Augen an seinen Bruder Pit vorbei und drückte den älteren Mann herzlich an sich. Erst als sich beide wieder voneinander lösten, fand der Indonesier die Worte wieder. Tränen der Freude standen den beiden Männern in den Augen geschrieben.
«Lass dich ansehen», sagte der ältere Mann, während er Shakurs Oberarme immer noch festhielt und ihn dabei genau musterte. «Es ist kaum zu glauben, du hast dich überhaupt nicht verändert.» Tränen glitzerten in seinen Augen. «Ich hatte es kaum zu hoffen gewagt, dich je wieder zu sehen, bevor mein Los des Lebens das Zeitliche segnet.» Er ließ Shakurs Arme los, trat einen Schritt zurück und wischte mit einer Hand über seine feuchten Augen und dann über den Stoff seines Udeng, den er kunstvoll um seine Stirn gewickelt trug. Goldene Brokatfäden durchzogen den blaurotgemusterten Kopfwickel und verliehen dem Mann eine besondere Würde. Seine Augen weiteten sich abermals erfreut, als er hinter den beiden Brüdern auch noch den Rest der kleinen Schiffsbesatzungstruppe auftauchen sah. Herzlich wurde er von jedem Einzelnen begrüßt und gedrückt.
«Viele Jahre sind ins Land gezogen», sagte Putu wenig später, als sie alle auf der Veranda seines kleinen bescheidenen Anwesens zusammensaßen und sich mit Köstlichkeiten der indonesischen Küche stärkten. «Mein Haar ist grau geworden und meine Augen nicht mehr so scharf, wie sie einmal waren, Kinder und Enkelkinder wurden mir geboren, aber ihr…» Er stockte kurz und sein Blick wanderte mit einem warmherzigen Ausdruck zu Shakur, der seinen Blick ebenso gefühlvoll erwiderte. Dann hob Putu den Arm und zeigte mit einer entsprechenden Handgeste in die Runde der Geschwister. «Ihr habt euch kein bisschen verändert, dabei ist es bestimmt schon dreißig Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.»
Die Brüder lächelten allesamt peinlich gerührt.
«Putu, du weißt, es war mir nicht möglich…», setzte Shakur zu einer Erklärung an.
«Das weiß und verstehe ich doch, Großvater», unterbrach Putu Shakurs Worte mit einem wohlwollenden Lächeln. «Du wolltest mich und meine Familie mit deiner Abwesenheit nur schützen. Ich wollte dich mit meinen Worten nicht kränken. Es ist nur eine Feststellung, und für mich als Sterblicher, einfach so unfassbar, dass ihr nicht altert.»
Shakur presste bei seinen Worten die Lippen aufeinander, atmete laut aus und lächelte dann seinen Enkel gezwungen an. Ihm war in diesem Moment anzusehen, wie sehr er darum bemüht war die Fassung zu wahren, um nicht von Schuldgefühlen überwältigt zu werden. Putu war sein Enkel, sein einziger direkter Nachkomme, der noch lebte und gleichzeitig auch Angehöriger eines engen Freundes und Familienzirkels war, denen er und seine Geschwister vollkommen vertrauen konnten. Und es gab nur noch wenige, die diesem inneren Kreis von Vertrauten angehörten und die, die volle Wahrheit über sie kannten. Denn vor etwas mehr als achtzig Jahren hatten sich die Geschwister gemeinsam darauf geeinigt, bis auf weiteres keine Kinder mehr in die Welt zu setzten. Zu gefährlich waren die modernen Zeiten mit den technischen Errungenschaften, die Samiel allesamt kontrollierte. Es gab nichts, was Samiel nicht verborgen blieb. Jeder einzelne Mensch auf der Erde wurde von ihm auf Schritt und Tritt überwacht und manipuliert. Selbst auch diejenigen, die ohne Internet, Natel oder Kreditkarten, glaubten, auf einer einsamen Insel oder einer abgelegenen Öde vor ihm sicher zu sein, wurden von Satelliten aus beobachtet und abgehört. So wurde es für die Geschwister immer schwieriger, ihre Liebsten vor Samiel zu beschützen und geheim zu halten. Sicher, sie hatten auch ihre technischen Instrumente und Methoden entwickelt, mit denen sie Samiels Überwachungen austricksen konnten, aber nicht für eine solche riesige Anzahl von Menschen, der ihr Nachwuchs zwischenzeitlich bildete. Doch nichtsdestotrotz, gab es unter ihren eigenen Familien auch immer wieder schwarze Schafe, die für Macht und Reichtum sogar ihre eigenen Eltern und Geschwistern verraten hatten. So wussten die Geschwister nicht, wem sie noch wirklich trauen und wen sie zu ihrem aufrichtigen Freundeskreis mit einbeziehen durften. Aus all diesen Gründen hatten die Geschwister daher geschworen, keinen Nachwuchs mehr zu zeugen. Putu, mit seinen zweiundachtzig Jahren, war der letzte von Shakurs direkter Ahnenreihe, der das Geheimnis der unsterblichen Geschwister wahrte. Umso mehr bedauerte Shakur jetzt, mit Putu nie mehr Zeit verbracht zu haben, und seine Ur- und Ururenkel nie aufgewachsen gesehen, geschweige denn, je kennengelernt zu haben.
