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Teil 1: Finsternis breitete sich über das Himmelsreich aus und drohte es in Chaos zu stürzen, als Samiel sich, zusammen mit seiner Gefolgschaft, gegen die Herrschaft seines Vaters auflehnte. Und nur der mächtige Götterbote Elhim könnte noch verhindern, dass die Abtrünnigen für ihren Verrat an dem Himmel, durch das vernichtende Urteil, für alle Zeiten ausgelöscht würden. Freiwillig stellt er sich der schwierigen Aufgabe, seine untreuen Brüder auf dem Planeten Erde zu folgen, um sie aus dem Sumpf der Verdammnis erlösen zu können. Doch kaum dort angekommen, muss er nun selbst um sein eigenes Überleben kämpfen.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
J.H. Bonelli
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Die
Blutlinie
Edens
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Erwachen
Fantasy - Roman
Die Blutlinie Edens – Erwachen – Teil 1
© 2020 J.H. Bonelli
Ringstrasse 71, 7324 Vilters
www.facebook.com/J.H.Bonelli
Alle Rechte vorbehalten
eBook ISBN 9783952521205
Covergestaltung: Tatiana Luís & Rafaela Silva
Lektorat & Korrektorat: Monika Popp
Alle Charaktere und Handlungen in diesem Roman sind reine Fiktion. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.
Ich wünschte, mir wäre die Macht gegeben, am Rad der Zeit zu drehen und ungeschehen zu machen, was durch Neid, Gier und Hass wurde hervorgebracht. Dunkelheit ward geboren und hatte sich als Herrschaft über die Welt erkoren. Fortan regierte Gewalt durch diese Hand und brachte Tod, Leid, Schmerz und Schand. Besiegelt wurde das Ende dieser unsäglichen Tat, so grausam und voller Ungemach, ausgelöscht und vergessen dieser unrühmliche Verrat. Alsdann wurde im Buche der Sieben Siegel geschrieben: vergangen und begraben, dem Feuer der Finsternis übergeben, und nur die Liebe allein könnte noch ändern und vergeben. So folgt das Schicksalsende nun seinem unaufhaltsamen Lauf und nimmt dabei ein ungewisses, tragisches Finale in Kauf.
Inhalt
Prolog
1. Ca. 1 Million Jahre vor unserer Zeitrechnung
2. Ca. 400‘000 Jahre vor unserer Zeitrechnung v.C. in einer weit entfernten Galaxie
3. Ca. 300‘000 Jahre vor unserer Zeitrechnung v.C. auf der Ebene, des heutigen Sinai
4. In Elhims Höhle
5. Dreihundert Kilometer weiter südlich, in der 1. Erden-Kolonie
6. In Elhims Höhle
7. Dreihundert Kilometer weiter südlich, in der 1. Erden-Kolonie
8. Auf dem Weg zu Elhims Höhle
9. Ca. 300‘000 Jahre vor unserer Zeitrechnung v.C. auf der Ebene, des heutigen Sinai
Epilog
Prolog
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Hätte ich geahnt, was alles auf mich zukommen würde, so hätte ich den Auftrag abgelehnt und die Verräter einfach ihrem eigenen Schicksal überlassen. Doch ich hatte mich aus eigenem Antrieb zu diesem aussichtslosen Dienst gemeldet, war ich doch der naiven Überzeugung, Samiel zur Vernunft und Umkehr bewegen zu können. Aber mein Bruder ließ sich nicht von seinem düsteren Weg abbringen.
Alles begann damit, dass Samiel sich gegen die Herrschaft unseres Vaters auflehnte und zur Rebellion ausrief. Worauf siebenhundert Seraphen seinem Aufruf folgten. Alsdann legte sich ein finsterer Schatten über das Himmelsreich und drohte es in einem Strudel aus unheilvollem Chaos zu stürzen.
Um das Gleichgewicht im Himmel wiederherzustellen, schuf Vater am Rande der sieben Weltebenen ein Reich, wo er die Aufsässigen für unbestimmte Zeit darin gefangen und isoliert halten konnte. Und mir oblag die freiwillige Aufgabe, die Abtrünnigen und das neu erschaffene Universum zu überwachen und zu gegebener Zeit, wenn die Irrgeleiteten wieder zu wahrer Einsicht und neuem Glauben gelangen sollten, sie zurück zu ihrem angestammten Platz im Himmelreich zu führen. Für diese meine Berufung sandte Vater mich auf einen kleinen unscheinbaren Planeten am Gestade dieser neuen Welt. Ein heiß glühender Stern, geboren aus seinem Odem.
Ich war ein mächtiges Himmelswesen. Ein Götterbote aus reinem goldenem Licht, dem körperliche Beschwerden wie Kälte, Wärme oder Schmerz nichts anhaben konnten. Auch das Atmen, Hunger oder die Zeit waren mir fremd. Meine Energie, um auf dieser unwirtlichen Welt zu bestehen, bezog ich direkt von meinem Vater, dessen Äther alles durchdrang und umgab und damit erst Leben ermöglichte. So schuf ich nach seinem Willen und seiner Vorgabe Wasser, Land, Pflanzen und Tiere und verwandelte den Planeten in ein grünes Paradies. Eine Welt nicht Geist, aber auch nicht materiell. Und alle lebten wir in Harmonie und Liebe in diesem Garten Edens, bis zu dem Moment, als Vater das Gefängnis für die Rebellen schuf. Dies geschah, indem er die Energie des neu erschaffenen Universums vollständig in feste Materie umwandelte.
Doch mit der Wandlung schwand ebenso das Paradies und mit ihm die Harmonie und das Bewusstsein göttlichen Daseins. Samiel und seine Gefolgschaft aber waren verbannt und würden für unbestimmte Zeit nicht mehr allein aus dieser materiellen Hölle herausfinden.
Ich wusste, dass ich aus freiem Willen hier war. Ich wusste aber nicht, was mich hier alles erwarten würde. Und das, was mich schlussendlich wirklich erwartete, überstieg all meine Vorstellungskraft; denn die Umwandlung von Geist in Materie brach ebenso unvorbereitet und mit brachialer Gewalt auch über mich selbst herein.
Als dies geschah, verdunkelte sich der Himmel. Kein Licht von Sonne, Mond oder Sternen vermochte mehr zu meinem Himmelsstern durchzudringen. Es herrschte nur noch vollkommene Finsternis und plötzlich eintretende Stille. Dann, wie aus dem Nichts, erhob sich über dem Firmament eine riesige Glocke aus Feuer, Blitz und Donner und liess die Tiere in panischer Angst in alle Windrichtungen davon preschen. Mächtige Feuersäulen schraubten sich vom Himmel herab und tauchten die Welt in ein rotglühendes Licht. Und alles, was den feurigen Geißeln im Wege stand, wurde augenblicklich dem Erdboden gleichgemacht. Gleichzeitig drang lautes Getöse und tiefes Brummen tief aus dem Innern des Planeten herauf, gefolgt von einem gewaltigen Beben der ganzen Erde. Risse von ungeheuren Ausmaßen öffneten sich über dem Land und ganze Meere von Wassermassen stürzten in diese Tiefen. An anderen Orten stülpte der Planet sein Innerstes nach außen, türmte riesige Berge aufeinander und überzog den Himmelsstern mit langen glühenden Lavaströmen, wie Adern eines lebenden Organismus. Schließlich implodierte die ganze Energie rund um den Planeten, die Zeit schien still zu stehen und der Planet seinen Atem anzuhalten. Doch schon kurz darauf löste ein leises Summen die Stille ab und schwoll immer schneller und lauter zu einem unerträglichen Getöse an. Starke Orkanstürme folgten dem Gedröhne und rasten dann schließlich als eine heftige Druckwelle um den ganzen Erdball. Alles wurde hinweggefegt und zerstört, was noch hätte existieren können. Und so schnell die Winde aufgetaucht waren, so schnell legten sie sich wieder. Die Erde bäumte sich noch einmal auf, dann kehrte Ruhe ein…
1
Ca. 1 Million Jahre vor unserer Zeitrechnung
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Ich schwebte schwerelos in einem unendlichen Meer unerträglichem Nichts. Völlige Dunkelheit und Lautlosigkeit umgaben mich. Kein Licht und keine kosmischen Klänge drangen zu mir durch. Doch plötzlich erschien aus der Schwärze ein Lichtstrahl und mit ihm ein leises Rauschen und Summen. In einer Flut von Kettenreaktionen entzündete es in mir Milliarden von winzigen Sonnen. Gleichzeitig wurden das Rauschen und Summen stetig lauter und verwandelte sich schließlich in dröhnende Paukenschläge.
Ich erwachte, riss meinen Mund auf und meine Lungen füllten sich zum ersten Mal mit Sauerstoff. Dabei japste und hyperventilierte ich wie ein erstickender Fisch im seichten Wasser, während in meiner Brust gleichzeitig schnelle heftige Trommelschläge zu hören waren. Es fühlte sich an, als wenn tausende Nadeln meinen Brustkorb durchstachen. Laut keuchend sog ich das ungewohnte Gasgemisch in mich hinein. Und nur unter größter Aufbietung meiner eigenen Willenskraft, gelang es mir schließlich, langsamer und kontrollierter ein und aus zu atmen, bis sich mein Brustkorb im gleichmäßigen Rhythmus hob und senkte und der dröhnende Trommelwirbel in meiner Brust zu einem gleichmäßigen Pochen wurde. Zugleich machte sich ein unangenehmes Kribbeln und Jucken in meinem ganzen Körper breit, worauf sich ein leises Rauschen in meinem Kopf einstellte. Neue erwachte Sinne, die mit jedem weiteren Atemzug zunahmen, ließen mich noch mehrere andere Geräusche und Gerüche wahrnehmen, die aber nicht aus oder von mir selbst stammen konnten, sondern von außen auf mich einzudringen schienen. Und doch war es mir nicht möglich, diese neuen Eindrücke irgendwo richtig einzuordnen, denn ich vermochte zwar zu hören, aber nichts zu sehen. Panik erfasste meinen neu erwachten Verstand und zum ersten Mal in meinem Dasein hatte ich Angst. Angst, in einer Hülle gefangen zu sein, die nicht sehen und nichts erkennen konnte. Augenblicklich löste diese Furcht in meinem Körper ein unkontrolliertes Zittern aus, wobei sich einzelne Muskeln schmerzhaft zusammenzogen und verkrampften. Doch dank dieser heftigen Zuckungen lösten sich unerwartet meine verklebten Augenlider von den Rändern und ich starrte plötzlich in eine graue, nebelverschleierte Welt hinaus. Mehrmals musste ich blinzeln, bis sich der Schleier über meinen Augen lüftete und ich endlich etwas erkennen konnte. Ich versuchte dabei, meinen Kopf zur Seite zu drehen. Zuerst nur verschwommen, dann aber immer mehr mit klarerem Blick, sah ich in eine Welt hinaus, die nur aus düsteren Grautönen zu bestehen schien. Wieder blinzelte ich. Dann erkannte ich, dass es ein Dunstschleier aus Qualm und herabrieselnder Asche war, der meinen Blick trübte. Rauch stieg von schwarz verkohlten Baumstämmen empor. An manchen Stellen loderte noch Feuer, warf Funken in den grauen Himmel und verbrannte, was der Katastrophe noch nicht zum Opfer gefallen war. Die Welt, wie ich sie erschaffen hatte, gab es nicht mehr!
Ich versuchte, mich zu bewegen, hustete und verspürte unglaubliche Schmerzen. Schmerzen, die ich bisher noch nie gekannt hatte und die mich gleich wieder in tiefe Bewusstlosigkeit sinken ließen.
Als ich erneut zu mir kam und meine Augen aufschlug, glaubte ich mich zuerst in einem unwirklichen Traum. So unerträgliche Schmerzen, so unsagbare Pein! Noch nie zuvor hatte ich je solche Schmerzen. Nein, ich kannte nicht einmal das Wort Schmerz, denn als ein höheres Geistwesen trug ich bisher keine solche Bürde auf mir. Und zu dieser Zeit war mein Verstand noch zu benebelt, zu verwirrt, um zu begreifen, dass ich nicht mehr das sein konnte, was ich einmal war. Ich spürte nur diese furchtbaren, unerträglichen Schmerzen, die keine rationalen Gedanken in mir zuließen.
Mit immenser Kraftanstrengung hob ich meinen Kopf und schaute entsetzt, aber sogleich auch fasziniert auf einen mit Brand- und Schürfwunden übersäten nackten Körper herunter. Ein Körper, der sich fremd, schwer und schmerzhaft anfühlte und teilweise mit einer dicken Schlamm- und Ascheschicht überzogen war. Ächzend ließ ich meinen Kopf wieder nach hinten fallen und blickte mich zur Seite um. Rings um mich herum erhoben sich leicht abfallenden Uferwälle. Es sah aus, als ob ich mich mitten im Becken eines kleinen, versickerten Gewässers befand. Ich versuchte, meine Arme zu heben, was mir nur unter enormer Willensanstrengung gelang. Fassungslos betrachtete ich schließlich das, was ich als meine Hände erkannte, drehte sie hin und her, wackelte mit den einzelnen Fingern, schloss sie zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann versuchte ich auch den Rest meines Körpers, zwei lange Beine, aus dem Schlick zu befreien, was nicht einfach war, da ich mich zuerst an die Schwerkraft gewöhnen musste, welche mich wie Blei nach unten drückte und mir nur schwerfällige Bewegungen zuließ.
Mit großer Mühe gelang es mir schließlich, meine neuen ungewohnten Gliedmaßen koordinierter zu bewegen und mich sogar auf den Bauch zu drehen. Zitternd schaffte ich es, mich hochzurappeln und mich auf Händen und Knien zu stützen. Doch als ich versuchte, mich vorwärts zu bewegen, rutschte ich aus und platschte kopfüber in den Matsch. Ich prustete und spuckte Dreck, doch ich gab nicht auf und versuchte es erneut, bis ich mich mit robbenden Bewegungen von der Stelle schieben konnte. Schwer nach Atem ringend, ließ ich mich schließlich außerhalb des Beckens auf einem etwas trockeneren und festeren Untergrund fallen und verlor abermals das Bewusstsein.
Kalte, schwere Wassertropfen holten mich erneut in die Realität zurück. Ich stemmte mich auf alle Viere und schüttelte meinen benommenen Kopf. Lange nasse Haarsträhnen klatschten mir dabei ins Gesicht. Ich atmete schwer, versuchte einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Dann hob ich den Kopf und blinzelte in eine rauchverhangene düstere Welt. Um mich herum qualmte, dampfte und zischte es. Nebelschwaden und Qualm, der vom Boden emporstieg, versperrten mir die Sicht in die Ferne. Zwischen solchen einzelnen Schwaden hindurch glaubte ich, hohe, gezackte, dunkle Schattengebilde in die Höhe ragen zu sehen und vereinzelt ein Glimmen und Glühen. Der Regen, der auf meinen nackten Körper niederprasselte, kühlte herrlich die Wunden meiner geschundenen Haut. Die vielen neuen Sinneseindrücke, die darauf auf mich einstürmten, verwirrten meinen Geist. Ich wusste weder wer, warum oder wo ich war.
Was war geschehen? Warum habe ich einen Leib, der schmerzt und nach Sauerstoff ringt? Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Eine vage Erinnerung bahnte sich einen Weg durch meinen Kopf und brachte verschwommene Bilder hervor, von lichten geflügelten Wesen mit langen Feuerschwertern in den Händen. Wer war ich und warum war ich? Schwerfällig drehte ich meinen Körper, sodass ich mich setzen und mein Gesicht gegen den Himmel in den Regen recken konnte, so, als ob ich von dort die Antwort erhalten würde. Und tatsächlich sprudelten allmählich die Erinnerungen in mein Gedächtnis zurück. Doch das Ausmaß der Erkenntnis ließ mich den Atem anhalten und das Herz in meiner Brust beinahe zum Stillstand bringen.
Ich bin mit in die Materie gefallen und bin nun das, was ich einst selbst erschaffen hatte, ein Geschöpf aus Fleisch und Blut und jetzt selbst gefangen in Raum und Zeit!
Ich schnappte entsetzt nach Luft und ein grauenvolles schmerzliches Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus. Zu dieser elenden Empfindung gesellte sich auch noch die schmerzliche Feststellung, dass ich meinen Vater nicht mehr in mir wahrnehmen konnte! Nur ein beklommenes Vakuum füllte nunmehr meinen Fleisch gewordenen Körper aus! Eine Leere, die sich so furchtbar falsch und schlecht anfühlte. Abgeschnitten von Vaters göttlicher Präsenz, war ich nun wohl völlig auf mich allein gestellt!
Aber das war noch nicht alles, denn zu dieser grauenvollen Erkenntnis musste ich zudem noch feststellen, dass gleichzeitig noch etwas Anderes in mir fehlte. Etwas, das mich bisher als Ganzes ausgemacht hatte und nun nur noch zur Hälfte in mir war.
Ein brennend heißes Gefühl kroch über meine Haut und dies, obwohl sich ein kühler Regen über mich ergoss. Mein Herz fing an zu rasen, Angst erfasste meinen Verstand und mir wurde übel, sodass ich kaum noch atmen konnte. Die unglaubliche Tatsache, dass gut die Hälfte meiner eigenen Seele bei der Wandlung entrissen wurde, versetzte mich in abgrundtiefe Panik! Nun war ich nicht nur kein Lichtwesen mehr, sondern ich war jetzt auch nicht mehr vollkommen. Eine Abscheulichkeit, gefangen in Fleisch und Blut.
Ein Krüppel ohne geistigen Intellekt, eine minderwertige Kreatur! klagte meine verzweifelte innere Stimme. Und verdammt dazu, nun das gleiche Schicksal zu teilen, wie Samiel!
Plötzlich fühlte ich nur noch eisige Kälte und mein Herz krampfte sich zusammen. Ich schlang meine Arme um meinen zitternden Körper und schrie mit belegter Stimme meinen Schmerz und meine ganze ohnmächtige Wut in den wolkenverhangenen Himmel: „Neiiin, Neiiiiin, Neiiiiiiiiiiin! Warum bestrafst du mich?“
Doch ich erhielt keine Antwort, die Verbindung zu Vater war tatsächlich gekappt und ich wirklich auf mich allein gestellt!
Verzweifelt und voller Selbstmitleid schloss ich meine Augen, atmete ein paar Mal tief ein und aus und versuchte mich auf jenes tiefste Inneres zu konzentrieren, was mir noch geblieben war. Zuerst nur vage, dann aber immer mehr mit Gewissheit, vernahm ich aus meinem Hinterkopf, wie aus weiter Ferne, Vaters Stimme: „Erinnere dich, wer du bist und warum du hier bist. Alles geschieht und wird geschehen, wie es vorgesehen ist. Hab Vertrauen, ich bin immer bei dir!“
Dann war er weg und nur noch ein leises Echo seiner Stimme füllte die gähnende Leere in meinem Kopf.
Als ich aus meiner Trance erwachte, atmete ich tief durch. Tief in mir drin glaubte ich nach wie vor, Vaters Präsenz zu spüren, seine Liebe und Wärme und wie seine Energie nun durch mein Herz pumpte und sich wärmend in meinem ganzen Körper ergoss. Zuversichtlich legte ich meine Hände auf die Brust und horchte dem regelmäßigen Pochen meines Herzens und der Stimme meines eigenen Ichs. Und mit einmal wusste ich, dass der entrissene Teil meiner eigenen Seele nicht verloren war, sondern irgendwo an einem anderen Ort auf diesem Planeten, überlebt haben musste und sich wahrscheinlich, so wie ich, nun selbst fragte, wo seine andere Hälfte abgeblieben war. Diese Eingebung gab mir neue Kraft und neuen Mut, und so versuchte ich mich zu erheben und auf wackligen Beinen meine ersten Gehversuche zu machen. Doch es war nicht leicht, der Schwerkraft zu trotzen und dann noch aufrecht auf zwei langen Beinen das Gleichgewicht zu halten. Ständig stürzte und rutschte ich auf dem nassen, schlammigen Untergrund aus und schürfte mir dabei Knie, Ellbogen und Hände auf. Aber ich gab nicht auf. Vorsichtig versuchte ich immer wieder, einen Fuß vor den anderen zu setzen und so, ein paar unsichere, wacklige Schritte vorwärts zu kommen. Öfters musste ich Pausen einlegen und mich setzten, um wieder zu Atem zu kommen. Dann entdeckte ich vor einer kleinen Anhöhe und geschützt durch einen halbkreisförmigen Erdwall, einen riesigen Baum, der, wie durch ein Wunder, der ganzen Naturkatastrophe fast vollständig getrotzt hatte. Eine Seite seines mächtigen Stammes war zwar schwarz angesengt und die meisten seiner dickfleischigen fächerartigen Blätter in seiner Krone von den Winden zerfetzt, doch die dicken Äste mit den wenig übrig gebliebenen zerfledderten Blättern würden mir genug Schutz vor dem niederprasselnden Regen bieten.
So machte ich mich auf und schleppte mich mühsam und mit letzter Kraft, mehr auf allen Vieren kriechend als gehend, zu dem riesigen Baum. Mit dem Rücken zum Stamm setzte ich mich schließlich nieder und schaute an dem Riesen empor. Ich spürte, wie Leben durch diese riesige Pflanze pulsierte und der Baum mir seine Energie darbot. Dankend nahm ich diese entgegen und ließ sie nun selbst durch meinen Körper fließen. Augenblicklich fühlte ich mich besser, schloss meine Augen und fiel in einen tiefen, entspannten Schlaf.
Als ich von neuem erwachte, hatte es aufgehört zu regnen. Der Baum durchflutete mich nach wie vor mit seiner Energie und wärmende Sonnenstrahlen kitzelten meine nackte Haut. Zu meinem eigenen Erstaunen waren die meisten meiner Wunden bereits wieder verheilt.
Ich schloss die Augen und versuchte mich zu erinnern, wie ich, damals noch als Götterbote, alles erschaffen konnte, was ich nur wollte. Ich brauchte bloß an etwas zu denken und schon hatte sich das Gewünschte augenblicklich manifestiert. Pflanzen, Früchte, ja selbst Tiere, die sich wiederum von diesen Pflanzen und Früchten nährten. So konzentrierte ich mich auf mein tiefstes Inneres, suchte, ob noch etwas von dieser Magie in meinen nun Fleisch gewordenen Körper vorhanden war. Ich streckte meine geistigen Fühler aus und tastete damit meinen Körper ab. Drang durch Muskeln, Sehnen und Adern und zu meiner eigenen Überraschung stieß ich dabei auf hauchdünne goldschimmernde magische Fäden, die meinen ganzen Organismus durchzogen, wie ein fein gewobenes Netz. Ihre Kraft bezogen diese Fäden aus einem wabernden goldstrahlenden Energieball, direkt aus meiner Körpermitte. Zu wissen, dass ich doch noch etwas von meiner Magie besaß, ließ mich erleichtert aufatmen und ich schlug wieder die Augen auf. Voller Enthusiasmus hegte ich sogleich die Absicht, den Planeten wieder in seinen ursprünglichen heilen Zustand zu versetzen. Doch schnell musste ich einsehen, dass die Magie in dieser Dimension nicht mehr so funktionierte, wie ich es bisher gekannt hatte. Denn so sehr ich mich auch bemühte, das ursprüngliche Paradies wiederherzustellen, es funktionierte einfach nicht. Die Welt ließ sich nicht mehr in ihren alten Zustand versetzen! Wieder schnürte es mir die Kehle zu und ein unangenehmes Gefühl schloss sich, wie eine eiskalte Hand, um mein Herz. Dabei tropfte mir aus meinen Augenwinkeln eine warme Flüssigkeit, die mir langsam die Wangen hinunter kullerte. Ich schniefte und rieb mir mit den Fingern über meine Augen, dabei fing ich einen solchen warmen Tropfen dieser eigenartigen Flüssigkeit auf und betrachtete ihn neugierig.
Was ist das? Warum läuft mir eine Flüssigkeit aus den Augen? Langsam öffnete ich meine Lippen und leckte vorsichtig mit der Zunge über den feuchten Finger. Es schmeckte leicht salzig. Doch kaum hatte ich den Tropfen geschmeckt, fing mein Bauch auch schon an zu rumoren, gefolgt von einem unangenehmen Ziehen und Stechen in meinen Gedärmen. War das Hunger? Ich kannte dieses Verlangen bisher nicht, wusste aber, dass meine eigenen erschaffenen Tiere sich von Pflanzen und Früchten ernähren mussten, um ihren Energiebedarf zu stillen. Ich fragte mich, da ich jetzt keine Energie mehr direkt von Vater beziehen konnte, ob ich mich jetzt wohl auch wie diese Tiere ernähren musste. Was aber sollte ich zu mir nehmen, wenn meine Magie nicht mehr funktionierte? Außer dem Baum, an dem ich mich gerade lehnte, gab es keine Pflanzen oder Früchte mehr. Alles war vom Feuersturm vernichtet! Mit knurrendem Magen schaute ich mich verzweifelt nach etwas Essbarem um. Doch außer schlammverschmutztes Wasser, verbrannte Erde und verkohlte Pflanzenreste gab es nichts, was ich hätte essen können. Wieder rumorte es laut in meinen Bauch. Ich rieb mit beiden Händen darüber, als ob ich dem Schmerzen damit hätte Einhalt bieten können. Dabei glitt mein Blick zufällig den dicken Wurzeln des riesigen Baumes entlang, die sich über den erdigen Untergrund schlängelten. Zwischen einer solchen Wurzel und einer Steinplatte hatte sich in einer Vertiefung klares Regenwasser gesammelt. Ächzend stemmte ich mich auf alle Viere, senkte den Kopf und schlürfte vorsichtig ein wenig davon in meinem Mund. Das Wasser hatte keinen Geschmack, fühlte sich aber auf der Zunge angenehm kühl an. Als ich die Flüssigkeit jedoch schlucken wollte, musste ich zuerst würgen und dann husten, denn die Muskeln meines Gaumens kannten diese Bewegung noch nicht und mussten sie erst noch erlernen. Meine Zunge, mein Gaumen, ja mein ganzer Rachen fühlten sich an, als wäre er mit Staub und Dreck angefüllt und mein Hunger und Durst so riesig, sodass ich weiter versuchte zu schlucken, bis ich das Wasser schließlich, ohne zu würgen, hinunterbrachte. Danach saugte ich gierig mit vollen Zügen das erquickende Nass in mich auf.
Wie herrlich, wie belebend! Ich tauchte auch meine Hände in die kühlende Frische und bespritzte mein Gesicht damit. Und erst da wurde mir auf einmal klar, dass das Wasser lebte, es war voller Energie! Vaters Energie! Ich hob den Kopf und sah mich genauer um, kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Und da nahm ich es erst wahr; alles war von seiner Energie durchflutet. Alles pulsierte und lebte! Wasser, Steine, Erde und, ja, selbst die Luft, dich ich atmete. Wie war ich doch dumm zu glauben, ich sei von Vaters Lebenselixier abgeschnitten. Dabei lebte Vater in allem Sein hindurch!
Zu meinen Füßen entdeckte ich kleine Steine. Ich hob einen davon auf, fühlte seine Beschaffenheit und stellte mir dabei vor, wie sich die Energie, die Struktur dieses Steins, in eine rote süße Frucht verwandelte. Und genau eine solche Frucht hielt ich im nächsten Augenblick in meinen Händen. Da verstand ich, dass ich zwar nicht mehr aus dem Nichts Neues erschaffen konnte, dafür konnte ich aber mit meiner Magie Materie in etwas Anderes, vollkommen Neues umwandeln.
Voller Ehrfurcht betrachtete ich die reife Frucht in meiner Hand und war gespannt darauf, wie sie wohl schmecken würde. Also zögerte ich nicht lange und biss herzhaft hinein. Die Frucht zerplatzte regelrecht in meinem Mund. Gallertartiger Saft lief auf beiden Seiten meiner Mundwinkel hinunter und tropfte auf meinen Bauch. Doch als der süßsaure Geschmack auf die Geschmacksknospen meiner Zunge traf, löste dies hinter meinen Augen einen regelrechten Sturm an regenbogenfarbigen Explosionen aus. Noch nie hatte ich so ein unbeschreibliches Wonnegefühl. Gierig verschlang ich den Rest der Frucht und leckte am Schluss sogar noch den klebrigen Saft von meinen Fingern ab. Doch ich hatte noch lange nicht genug, mein Bauch, aber auch mein Gaumen, verlangten nach mehr! So suchte ich mir hastig weitere Steine zusammen, die ich schnell in süßes Obst wandeln konnte.
Schließlich, nach etlichen Früchten und mehreren Handvoll Nüssen, wischte ich mit dem Handrücken über meine Lippen und wusch danach meine Hände und mein Gesicht in der Wasserpfütze vom klebrigen Saft ab. Danach lehnte ich mich gesättigt mit dem Rücken zum Baumstamm zurück, verschränkte die Hände über meinen Bauch und schlummerte zufrieden ein.
Als ich einige Zeit später erwachte, fühlte ich mich erholt und gestärkt. Die Sonne stand hoch am blauen Himmel und nur noch ein leichter Dunst bedeckte das verwüstete Land, der hie und da noch durch ein schwaches Glimmen unterbrochen wurde. So wagte ich es aufzubrechen und mich auf die Suche nach meiner abhandengekommene Seelenhälfte zu machen. Dafür musste ich aber aufstehen, was im ersten Moment alles andere als einfach war. Doch indem ich meine Finger fest in die Ritzen der Baumstammrinde hinter mir krallte, gelang es mir, mich mit Müh und Not daran hochzuziehen. Und als ich dann endlich selbständig auf wackligen Beinen stand, umarmte und bedankte ich mich beim Riesen und machte mich dann unverzüglich auf den Weg.
Doch das Vorwärtskommen war beschwerlich und mehr ein Stolpern als Gehen. Trotzdem gab ich nicht auf, sondern bahnte mir voller Eifer einen Weg durch das völlig verwüstete Land. Ich watete durch kniehohen Schlick, kletterte über Felsen und ausgerissene verkohlte Baumstämme, überquerte gefährlich abrutschende Geröllmuränen, kraxelte über erkaltete Lavaströme an Hängen von steilabfallenden Hängen und schwamm durch stehende und fließende Gewässer. An spitzkantigen Ecken riss ich mir dabei immer wieder tiefe und schmerzhafte Schnittwunden in mein Fleisch. Verwundert konnte ich jedoch beobachten, wie sich diese Wunden in kürzester Zeit, Hautschicht für Hautschicht langsam schlossen, bis nur noch leicht rosafarbene Narben an diesen Stellen übrigblieben.
Wann immer ich wieder auf überlebende Bäume stiess, rastete ich und nahm dankbar deren Energie entgegen, aß ein paar Früchte, die ich mir mit Hilfe meiner Magie schuf und schlief im Schutze dieser riesigen Gewächse. So überquerte ich schließlich hohe Berge, tiefe Täler und Ebenen, Flüsse und Seen; und überall, wo ich vorbeikam, bot sich mir immer wieder das gleiche Bild der erdumfassenden Verwüstung.
Vereinzelt begegnete ich verletzten Tieren, die wie durch ein Wunder die Katastrophe überlebt hatten und nun wehleidig vor sich hin klagten. Ich half ihnen, indem ich mit meiner Magie, ihre Wunden schloss oder ihre gebrochenen Knochen heilte. Dann ließ ich Gräser und andere früchtetragende Pflanzen aus dem Boden sprießen, damit sie sich daran stärken und danach ihren Weg fortsetzen konnten. Dabei machte ich die Beobachtung, dass diese Tiere nicht mehr dem Ursprung meiner eigenen Schöpfung entsprachen, sondern sonderbare Abweichungen davon aufwiesen.
Erst später auf meiner langen Reise wurde mir bewusst, dass es sich bei diesen Tieren jeweils um zwei verschiedene Wesensarten handelte, eine, die zeugte, und eine, die das gezeugte Leben aus sich selbst gebar. Wobei beide nicht, ohne das andere, neues Leben erschaffen konnten. Selbst die Pflanzen brauchten den Samen ihresgleichen, um sich selbständig weiter zu mehren. Vater hatte dem Planeten und wahrscheinlich auch diesem ganzen Universum eine absolute, noch nie dagewesene Magie eingehaucht, in der die Natur aus sich selbst heraus neu erschaffen konnte! Doch ich fragte mich, warum Vater so eine einzigartige materielle Welt schuf. Waren all diese Wesen nun ebenfalls dazu verdammt, in Ewigkeit mit mir in Zeit und Raum zu leben, oder sollten sie mir im Kampf gegen Samiel beistehen? Und wo in Himmels Namen war Samiel nur? Ich konnte seine Anwesenheit, im Gegenteil zu meiner anderen Seelenhälfte, nicht auf diesem Planeten spüren! War es vielleicht gar nicht Vater, der die Katastrophe heraufbeschworen hatte, sondern mein abtrünniger Bruder selbst? Was, wenn Vater den Kampf um den Thron verloren hatte und stattdessen nun Samiel das Zepter schwang? Konnte es sein, dass es mein eigener Bruder war, der mich nun in dieser Hölle schmoren ließ? Immer mehr zweifelnde Gedanken bahnten sich einen Weg in meinen Verstand und lösten so einen pochenden Schmerz auf beiden Seiten meiner Schläfen aus. Ich drückte beide Handballen dagegen, schloss die Augen und wehrte mich dagegen, weitere solche finsteren Gedanken zuzulassen. Doch das Pochen wurde immer stärker, zwang mich auf die Knie und ließ mich aufschreien. „Geht weg! Geht weg! Ich hasse euch!“ Ja, ich hasste dieses neu erlangte Gefühl von Zweifel und ich hasste, dass ich plötzlich überhaupt hassen konnte. Ich hasste, dass ich hier an diesem schrecklichen Ort war und ich hasste es, was aus mir geworden war. Furchtbare, widerliche Gefühle, die ich bisher noch nie gekannt hatte.
„Nein, nein. Geht weg. Ich will das nicht spüren! Ich will euch nicht! Geht!“, heulte ich nun völlig aufgelöst und krümmte mich weiter vor Schmerzen. Doch es wollte sich nicht bessern, stattdessen gesellten sich noch weitere unbekannte Sinneswahrnehmungen dazu, die wie eine unaufhaltsame Flut in meinen Schädel flossen und alle rationalen Gedanken hinwegfegten. Wut, Zorn, Neid, Trauer und Schmerz. Wut auf Samiel, der an dem ganzen Dilemma schuld war. Neid auf meine anderen Brüder, die friedlich ihr Dasein im Himmelreich frönten und sich nicht mit solchen schrecklichen Empfindungen herumschlagen mussten. Trauer, was ich zurückgelassen und verloren hatte und schließlich Schmerz, nicht mehr das zu sein, was ich einmal war. So wand ich mich am Boden, heulte und zeterte und gab jedem und allem die Schuld. Doch der Schmerz wollte nicht nachlassen, erst als ich diese nie gekannten Emotionen zuließ und sie als einen Teil von mir selbst betrachtete, ließ das Pochen in meinem Schädel nach und ich konnte wieder etwas ruhiger durchatmen. Schniefend drehte ich mich auf den Rücken und starrte in den Himmel. Gleichzeitig versuchte ich, mich an Vaters verblassendes Bild zu klammern. Ich sah sein Lächeln und seine Liebe, die mein Herz wärmten, mir Trost spendeten und Mut zusprachen. Tatsächlich gab mir das die Kraft aufzustehen und weiterzugehen. Und immer, wenn in mir solche schrecklichen Gedanken und Emotionen wieder aufkeimten, dachte ich an seine Liebe. Ich wusste, er war hier bei mir. Zwar nicht sicht- und fassbar, aber als Geist in allem Sein.
Auf der weiteren Suche nach meiner verlorenen Seelenhälfte sah ich die Sonne untergehen und es wurde Nacht. Ich sah, wie sie wieder aufging und der Tag unter strahlendem Licht zu neuem Leben erwachte. Ich sah, wie sich dunkle Wolken am Himmel zusammenballten, sich über die Sonne legten, ihre Wasserschleusen öffneten und sich schließlich mit Blitz und Donner über die geplagte Erde ergossen. Ich sah, wie der Mond am Himmel als schmale Sichel sich zu einer großen runden Scheibe wandelte, um nur kurz danach wieder zu einer Sichel zu werden. Ich sah, wie feuerspuckende Vulkane neue Berge formten, die sich weit in den Himmel erhoben. Ich sah, wie sich neues Land im Wasser bildete und bald schon wieder von riesigen Flutwellen überspült wurde und in den Tiefen versank. Ich sah, wie weiße kalte Federn vom Himmel fielen, sich als dicke eisige Schicht über Land und Wasser legten und alles wie in Tiefschlaf versetzten. In Höhlen musste ich mir Schutz vor Nässe und Kälte suchen und mit Hilfe meiner Magie entzündete ich Feuer und erschuf mir Bekleidung, um meinen frierenden Körper warm zu halten.
Und mit der Zeit taute Eis und Schnee und die Sonne nahm an den Tagen wieder an Kraft zu, sodass ich es riskieren konnte, erneut aufzubrechen und die Suche nach meinem getrennten Seelenteil fortzusetzen.
So wandelte ich wohl Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende über den Planeten, ohne je meiner anderen Seelenhälfte zu begegnen. Dafür konnte ich aber mit Erstaunen beobachten, wie sich die Natur von der weltumfassenden Katastrophe allmählich selbst wieder erholte und Tiere und Pflanzen hervorbrachten, die ich zuvor noch nie gesehen hatte.
Dem Ruf meiner getrennten Seele weiterhin folgend, wanderte ich schließlich etliche Monate lang einem tosenden Wasserlauf entlang. Dabei begegnete ich immer mehr seltsameren Pflanzen- und Tierarten. Kleine vierbeinige Kreaturen, mit braunem Pelz, runden rosa Ohren und nackten Schwänzen, die mich neugierig aus ihren kleinen schwarzen Kulleraugen anstarrten, aber dann immer flink ins Unterholz huschten, sobald ich ihnen zu nahe kam. Riesige weiß gefiederte Vögel mit langen spitzen Hakenschnäbeln und mit weitausgebreiteten, an den Spitzen schwarz gefärbten Schwingen kreisten über meinem Kopf am Himmel. Mit ihren lauten Schreien ließen sie die anderen Tiere um mich herum verstummen und erstarren, nur um sich dann mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit und Präzision vom Himmel herabzustürzen und sich ein unschuldiges Opfer mit ihren langen messerscharfen Krallen zu packen und dann mit ihm wieder in die Lüfte zu entschwinden. Oder sonderbare lange schmale Getiere, die sich wie Wurzeln am Boden oder um Äste wandten und mich zischend mit zwei langen spitzen Zähnen anfauchten, sobald ich an ihnen vorbeikam. Oder handgroße achtbeinige behaarte Kreaturen, die feine klebrige Netze zwischen den Pflanzen spannten und darauf warteten, dass sich ein geeignetes Opfer darin verfing, um es dann schnell in einen weißen Kokon einzuwickeln. Auch an seichten Wasserläufen, die vom Hauptfluss abzweigten sonnten sich am Ufer seltsame langgestreckte Kreaturen mit einer dicken schuppenartigen Panzerung, die ihre mit dolchartigen Zähnen bestückten Schnauzen in die Höhe reckten. Einmal hätte mich ein solches Untier sogar fast gepackt, als ich mich über das Wasser beugte, um meinen Durst zu stillen. Zum Glück hatte ich die Bewegung im Wasser noch rechtzeitig erkannt und mich mit einem Satz zurück in Sicherheit bringen können, als das sonderbare Tier plötzlich aus den Fluten schoss und nach mir schnappte. Und wie ich zu meiner Verwunderung, gleichzeitig aber auch zu meinem blanken Entsetzen, feststellen musste, hatten all diese fremdartigen Kreaturen eines gemeinsam: Sie alle nährten sich vom Fleisch anderer lebender Wesen! Vor der Katastrophe existieren auch fleischfressende Tiere, die aus meiner Idee ersonnen waren, doch sie waren allesamt Aasfresser und dazu gedacht, den Planeten von den sterblichen Überresten zu säubern. Sicher, ich hätte die Säuberung auch selbst machen können, mit nur einem Gedanken.
