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Wie lässt sich die Mitte der Gesellschaft in einer Stadt im Herzen Deutschlands am besten beschreiben? Nicht mit dem Wunsch nach Singularität, sondern mit dem nach Bodenständigkeit. In ihren soziologischen Feuilletons im Stil der 1920er Jahre erkundet die Autorin mit Ironie und Anteilnahme das Leben im heutigen Erfurt und Thüringen. Ebenso scharfsinnig wie unterhaltsam berichtet die Wahlerfurterin mal mit Blick aus dem heimatlichen Montreal, mal mit Blick aus dem Osten Europas. Es geht um karierte Hemden, kurze Haare, Jugendweihe, heimliches Heiraten – Themen, die den Alltag mitunter exotischer erscheinen lassen als ferne Länder.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2024
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für Noa und Doreen
Mein Leben glich […] einem großen Journal, wo die obere Abteilung die Gegenwart, den Tag mit seinen Tagesberichten und Tagesdebatten, enthielt, während in der unteren Abteilung die poetische Vergangenheit in fortlaufenden Nachtträumen wie eine Reihenfolge von Romanfeuilletons sich phantastisch kundgab.
Heinrich Heine, „Memoiren“
edition überland
Die Bodenständigen
Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft
Barbara Thériault
Unterwegs durch Erfurt
Expedition durch die Mitte
Der Geheimbund der Ehe
Das Trinken der nüchternen Mitte
Imaginäre Tattoos
Bilder von uns
Neben- und Nacheinander
Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit! LOL
„Erfurt ist nicht …“
Was der Reiseführer nicht verrät
Litfaßsäulen fürs Paardasein
Das Mittelgebirge
Etikette einer Nekrologin
Immer am falschen Ort
Der diskrete Charme des Religionsunterrichts
Soziologie der Bodenständigkeit
Karierte Hemden
#bodenständig
Bäckerei am Domplatz
Kurze Haare
Jugendweihe im Kaisersaal
Bodenständige Hexe
Gelbe Autos (bodenständige Soziologie)
Vom Rand aus gesehen
Die Karibik-Bar
Wahlkampfhitze in der Sauna
Exil von der Mitte
Textilfrei
Beaujolais nouveau
Depeche Mode und die Rhetorik der Wertschätzung
Unsichtbare Gesellschaften
Ausflug nach Lemberg
Gera in Lemberg
Das gewünschte Ende der Ambivalenzen
Prost!
Mon chéri
Instagrambeauties
Kleine umgehängte Taschen
Ich, der versteinerte Präsident
Kopflose Frauen
Menschen mit Auftrag
Tango in Lewandiwka
Negative Interaktionen
Ab durch die Mitte
Bodenständigkeit
und andere Reaktionen
Referenzen
Vor einigen Jahren verbrachte eine Freundin aus Erfurt samt Familie ihren Urlaub in meiner Wohnung in Montreal, während ich in Deutschland war. Dabei hat sie unheimlich viel fotografiert: Ecken, Möbel, Elektrogeräte, Hund und Waschbären. Daraus sind Fotoalben entstanden. In diesem wahrlich monumentalen Werk mit mehreren Bänden hat sie Details dokumentiert, die ich schon gesehen, aber noch nicht richtig bemerkt hatte, und heute nicht mehr übersehen kann.
Wenn manche im fotografischen Eifer meiner Freundin eine übertriebene Gewohnheit sehen könnten, würden andere – wie eine Bekannte von mir, Professorin für Geschichte – ein bisschen umständlich von „herméneutique croisée“ sprechen: Der Vergleich ermöglichte meiner Freundin, Details hervorzuheben und sie in ein neues Licht zu setzen. So fungierte sie auf eine Art als Detektivin des Alltags. Meine Freundin teilt viele Gemeinsamkeiten mit bestimmten Soziolog*innen: Auch sie interessieren sich mehr für Details, die sie als Indizien wahrnehmen, als für Statistiken oder Umfragen.
Einer dieser geistvollen Beobachter mit soziologischem Blick war der Journalist und Filmkritiker Siegfried Kracauer (1889–1966), ohne die Lektüre seiner Schriften wäre dieses Buch so nicht entstanden.
Im Spätfrühling 1929 begab sich Siegfried Kracauer von Frankfurt am Main nach Berlin. Dort verbrachte er zehn Wochen. Er wurde beurlaubt, um die Kultur der Angestellten in der Großstadt zu untersuchen. Wie ein europäischer Ethnologe begleitete er Vertreter der neuen Mitte der Gesellschaft; er redete mit ihnen, hörte ihnen zu. Ausgehend von diesen Gesprächen, Alltagsbeobachtungen und der Materialität ihrer Welt beschrieb er das Leben in den Büros, Warenhäusern und Banken, aber auch das Leben nach der Arbeit: in Cafés, Kinos, Ausflugsorten. Seine Ergebnisse verbreitete er Woche für Woche, zuerst als Feuilletons in den Seiten der Frankfurter Zeitung, dann 1930 in einem Buch.1
In Die Angestellten bestimmte Kracauer seine Protagonisten nicht anhand sozio-professioneller Kategorien oder über Klassenzugehörigkeit, sondern vielmehr über die sie einende existenzielle Sorge nach dem Ersten Weltkrieg: ihre Aufstiegsambitionen, gepaart mit der Angst vor dem Abstieg zum Proletariat, das sie verachteten.
Heute noch rufen diese Texte begeisterte Reaktionen hervor. Die Leser mögen Kracauers Stil, seine scharfsinnigen Beobachtungen und seine spitzen Bemerkungen. „Wie hat er das damals schon schreiben können?“, fragen sie sich und spüren den Drang, sich darüber auszutauschen. Die von Kracauer beschriebenen Prozesse ökonomischer Rationalisierung sind in der Tat bis heute in vieler Hinsicht aktuell geblieben. Bei den Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Angestellten jedoch nicht „abgesunken oder proletarisiert […], sondern der umgekehrte Vorgang ist eingetreten, nämlich die Lohnabhängigen insgesamt haben sich in der gesellschaftlichen Mitte getroffen.“2
Auf den Spuren Kracauers unternahm ich – formell 2015, aber eigentlich schon Ende 2013 – eine Ethnografie der Mitte in Erfurt, eine mittelgroße Stadt im Zentrum Deutschlands und die Landeshauptstadt Thüringens. Die 214 000-Einwohner-Stadt war mir nicht unbekannt. 2001 hatten wir, die ersten Student*innen der neu gegründeten Universität, unsere Promotion dort abgeschlossen. In der Zwischenzeit lebte ich in Montreal, wo ich als Soziologieprofessorin arbeitete. Mehrmals war ich zwischendurch zu Besuch in Erfurt, oft mit Notizbuch und Fotoapparat. So wurde ich Zeugin der Veränderungen, die mir vielleicht entgangen wären, hätte ich durchgängig dort gelebt. Die letzten Lücken der damals schon sanierten Altstadt wurden bebaut. Das Auge war nicht das einzige Sinnesorgan, das Änderungen wahrnahm: Der sich wandelnde Dialekt, das Rattern und Klingeln der alten Straßenbahnen, die wie der Geruch der Braunkohle verschwunden waren. Auch die Menschen, ihre Interessen und Sorgen hatten sich geändert.
Das Alltägliche beobachtend, erforsche ich in diesem Buch Veränderungen der Nachwendezeit. Mittels Gesprächen und Beobachtungen vor Ort untersuchte ich zunächst Lebensführung, Haltung und Sinnfragen einer Gruppe von Menschen: Vertreter*innen einer Schicht – zum Beispiel Angestellte, Beamt*innen, Pädagog*innen –, die sich heute als Mittelklasse definieren und sich im Wesentlichen mit Familie und Beruf, Sport oder Kunst beschäftigen.3 Das erste Mal begegnete ich ihnen, als ihre Kinder kurz davorstanden, die Schule zu wechseln. Die Wahl der Schule – ob Regelschule oder Gymnasium – war damals ein großes Thema für die Eltern. Einige Jahre später ist nun die Rede von der Universitätsausbildung der heranwachsenden Kinder.
Ähnlich wie in den Feuilletons von Kracauer geht es mir weniger um die in der Soziologie üblichen sozioökonomischen Formulierungen und Definitionen, sondern mehr um eine Tendenz: eine innere Notwendigkeit zum Maß und zur Mitte.
Einige Indizien sprachen dafür: Als ich über Alkoholkonsum und Temperantia in Erfurt schrieb, kommentierte ein Professor nach der Lektüre des von mir verfassten Artikels, dass Temperantia eine Chiffre der Moderne sei. „Sie schreiben oft über Alkohol“, merkte mir gegenüber mal ein Gymnasiallehrer aus Jena etwas vorwurfsvoll an.
Die Mitte, so stellte sich heraus, ist nüchtern, untätowiert, unparfümiert, gemäßigt und trägt gerne karierte Hemden. Sie bezeichnet sich selbst als „bodenständig“, ein in fremden Sprachen unübersetzbares Wort, das mir lange nicht wirklich vertraut war. Als ich mir Aufnahmen von Interviews anhörte, wurde das Wort stets benutzt, wie ein Grundbegriff, der ein Ethos des Maßhaltens ausdrückte. Diese Haltung – nicht zu viel, nicht zu wenig – prägte den Diskurs, aber auch das Verhalten und den Geschmack (in Sachen Schönheit, Essen und Trinken, Beziehungen). Auch das Träumen. In Ansprachen bei einer Jugendweihe stellten sich junge Menschen ihr Leben in fünfzig Jahren vor: In Erfurt wollten sie leben und mit ihren Enkelkindern spielen. Die beobachtete Tendenz zur Mitte ging einher mit einer Verbindung zur Stadt, die auch dem Anbieter der Zeremonie nicht fremd war.
In der Tradition des Feuilletons der 1920er und frühen 1930er Jahre und insbesondere in den in Zeitungen veröffentlichten Texten Siegfried Kracauers fand ich Inspiration und einen Weg, Soziologie, Reportage und Literatur zu verbinden. Zusammen bilden die entstandenen Texte, die oft durch ein Detail, eine Person, ein Ereignis oder ein Artefakt thematisch verbunden sind, für den Leser ein Mosaik, das ihm wie ein Fotoalbum die Stadt und ihre Bewohner ein wenig näherbringt.
Siegfried Kracauer als Modell zu betrachten, bedeutet nicht nur den Rückgriff auf bestimmte Herangehensweisen und Methoden, er beeinflusste auch die Wahl der Form und des Mediums meiner Studie. Statt in der üblichen Sprache und den Kanälen der Wissenschaft wurde ein Teil der Ergebnisse dieser Arbeit in einer regionalen Zeitung, in einem Magazin und auf einem Blog, den ich als Stadtschreiberin im westukrainischen Lemberg schrieb, veröffentlicht.4
Während Verpflichtungen, soziale Erwartungen und Themen wie Feiern, Kindererziehung, Urlaub, Liebe, Genderverhältnisse sowie ästhetische und existenzielle Fragen Gegenstand der ersten Texte sind, rücken bei den folgenden Texten Gegenstände wie Modeaccessoires und andere Details – zum Beispiel karierte Hemden, Fotoalben, Tattoos, Haarschnitte und das Trinkverhalten – ins Zentrum der Beobachtenden.
Weil Lebensführung, Haltung und Sinnfragen der Mitte oft so gegenwärtig und selbstverständlich sind, werden sie nicht selten übersehen – von der Mitte sieht man bekanntlich die anderen, sich selbst eher weniger. Neben den Treffen mit der festen Gruppe von Menschen führten meine späteren Recherchen an den Rand, von dem aus sich die Mitte manchmal besser betrachten lässt: Orte wie Bars, Seen und Saunas, wo diese Gruppe sonst nicht zu verkehren pflegt. Mit der Zeit entwickelte sich die Stadt – samt dieser Orte – zu einer weiteren Akteurin dieses Buches.
„Sie dürfen Gotha nicht mit Erfurt vergleichen!“, „In Weimar ist es ganz anders!“, „Erfurt ist nicht Dresden!“, „Erfurt ist ein Dorf!“, stets wurde ich mit solchen Aussagen konfrontiert. Ich selbst kommentierte einmal: „Erfurt ist nicht Chemnitz“, als Kolleg*innen in Prag ein Bild von der sächsischen Stadt benutzten, um meinen Vortrag über Erfurt anzukündigen. Wochenendtouristen aus dem Rheinland äußerten ihre Überraschung beim Spazierengehen durch die Altstadt Erfurts: „Wir sind spontan hierhergefahren. Schön ist es! Fast wie in Paris. Wenn man vom Osten hört …“ Um den Charakter Erfurts herauszubilden, habe ich den Ort mit anderen Städten in Thüringen – oft mit Blick auf Lemberg und Montreal – verglichen.
Aber natürlich gab es nicht nur Kracauer an meiner Seite. Mit vielen Menschen war ich unterwegs. Ich möchte mich an dieser Stelle bei ihnen bedanken. Mein erster Dank geht an Noa Beschorner, die es so regelmäßig schafft, in ihren Videos unheimlich kreativ zu sein, und die mir viel beigebracht hat.
Danken möchte ich Thomas Schmidt-Lux für die langjährige Zusammenarbeit mit den Studierenden in Montreal und Leipzig und für die Seminare über das Feuilleton und das soziologische Schreiben. Anna Xymena Tissot bin ich verbunden für das Redigieren und Kommentieren aller Texte. Brigitte Schröder, meiner treuesten Leserin, möchte ich ebenfalls einen Dank aussprechen. Mit seiner stetigen Unterstützung und Begeisterung war Johannes M. Fischer, der frühere Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, eine wichtige Hilfe. Und ich danke den vielen Ko-Detektiven, die mit mir unterwegs waren, vor allem der Freundin, die mich am Anfang so sehr unterstützt hat. Dankbar bin ich meinen Freund*innen in Erfurt: Laurent und seinen Mitarbeiter*innen, Ulrike und ihren Mitbewohner*innen, Petrov und seinen Kolleginnen. Eberhard Tiefensee und Andreas Anter waren an der Universität Erfurt gute Gesprächspartner. Thomas Beschorner war über die Jahre ein wichtiger Gesprächspartner und konstruktiver Kritiker. Ich bedanke mich beim Deutschen Kulturforum östliches Europa e. V. – ganz besonders bei Klaus Harer –, beim Lviv City of Literature, die das Lemberger Abenteuer und die Gelegenheit, den Osten vom Osten her zu betrachten, ermöglicht haben, und beim Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, wo das Buch letztlich Gestalt annahm.
Nun hoffe ich, dass sich die Leser*innen dieser kurzen Feuilletons – die sie in der Straßenbahn, im Garten oder in der Badewanne lesen können – anregen lassen, etwas Neues zu sehen. Dass sie sich zum Nachdenken verleiten lassen. Dass vielleicht der Wunsch erwacht, ihre Geschichten zu erzählen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
1 Siehe Kracauer (2006 [1930/1929]).
2 Siehe König (1961) S. 88–89.
3 Die ersten Teilnehmer*innen der Studie waren Eltern von Kindern einer Erfurter Kindergartengruppe. Anhand eines Gruppenbildes von 2006 wurden die Eltern ausgewählt und für die Untersuchung von einer Kollegin und mir angeschrieben. Einige waren bereit, mitzumachen.
4 Ein Teil des Materials wurde auch in wissenschaftlichen Aufsätzen verarbeitet (Thériault 2019; 2017).
Manchmal ist der Alltag exotischer als ferne Länder
Bist du verheiratet?“
„Nein, aber ich könnte mir vorstellen,
dass wir mal heiraten. Nur wir zwei, ohne die Kinder. Ich würde es erst sechs Monate später bekannt geben“, das sagte mir unlängst Jenny, eine Erfurterin Anfang vierzig.
Das Erfurter Standesamt meldet, dass mehr Ehen als früher geschlossen werden, über 1000 jährlich, war in der Thüringer Allgemeinen am 9. September 2019 zu lesen.1 Viele von diesen standesamtlichen Hochzeiten erinnern an kirchliche, mit weißen Kleidern, Gästen und Konfetti. Wenn ich durch die Stadt spaziere, stehe ich oft vor Fotoateliers und schaue mir Hochzeitsbilder an (dort hängen auch sexy Fotos, aber das ist ein Thema für sich). Im Zeitungsgeschäft am Bahnhof blättere ich manchmal durch die Magazine für Braut und Bräutigam. Auf satiniertem Papier wird Pracht, Romanze, Magie versprochen, alles für die Ausrichtung eines unvergesslichen und unvergessenen Tages.
Das Phänomen, das Jenny anspricht, steht in keiner Statistik; man kann es auch nicht im Schaufenster oder in den Hochglanzmagazinen sehen. Es ist unsichtbar: Es soll auch so sein, denn es geht um einen Geheimbund, oft ohne Ringe, Kleid oder Trauzeugen, jedoch nicht ohne Magie.
Dass es unsichtbar ist, soll nicht heißen, dass es das nicht gibt. Jedes Mal, wenn ich das Thema anspreche, kommt ein „Schau, wir haben auch so …“, „Genau wie bei …“ Jenny hat es nicht – oder noch nicht – gemacht, aber Marlene, Myriam, Judith und Anja schon. Frauennamen, ja. Das sind Frauen, die darüber reden. Das hat einen praktischen Grund: Wenn ich Männer um ein Gespräch bitte, bringen sie oft ihre Frauen mit und fügen zu ihren späteren Grüßen „auch im Namen meiner Frau“ hinzu. Redakteure von Hochzeitsmagazinen scheinen das gleiche Problem zu haben, denn über die Bräutigame wird kaum berichtet. Sich mit Männern darüber zu unterhalten, wäre sicher ebenso erhellend.
Das Geheime erzeugt Faszination: Es macht die Mitglieder des Bundes einzigartig, besonders, individuell und verbindet sie zugleich gegen die Umwelt, gegen die, die nichts davon wissen und es nicht merken. So berichten Frauen, sie fühlten sich durch den Geheimbund ihrem Partner nah. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählen sie, wie abenteuerlich die Eheschließung war. So fürchteten sie, ertappt zu werden, wenn sie das Standesamt verließen – in Erfurt kann es durchaus passieren; wie damals als sie versuchten, sich mit ihrem Freund in ihr Zimmer im Elternhaus zu schleichen.
Weil die Regeln dieser Art der Trauung ungeschrieben sind, heißt es lange nicht, dass es kein wiederkehrendes Muster gibt. Es soll unkompliziert sein: in Jeans oder im einfachen Kleid; in Erfurt oder woanders, zum Beispiel während eines Urlaubs an der Ostsee oder im Thüringer Wald; mit oder ohne Kinder, aber definitiv ohne Eltern, Bekannte und Freunde. Auffällig ist die betonte Leichtigkeit des Aktes: Es soll „ganz spontan“ sein, „ohne große Vorbereitung“, „schnell“ gehen.
Die Betonung der Leichtigkeit macht mich stutzig: Ob alles tatsächlich so spontan ist? Und so einfach? Der Geheimbund scheint ein empfindliches Thema zu sein.
Typisch für die neue Hochzeitsform ist auch, dass die Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt werden, denn zum Geheimnis gehört auch seine Enthüllung. Dies geschieht in der Regel einige Monate nach der Eheschließung. Auch nach der Einweihung bleibt es ein schwieriges Thema. Die Eltern sind manchmal enttäuscht, die Freunde beleidigt; und Schuldgefühle sind bei den Vermählten nicht auszuschließen. Auch wenn Frauen Jahre später durchaus gerne von der Hochzeit erzählen, fällt doch eins auf: Unter den Bildern, die an den Wänden ihrer Wohnungen hängen, gibt es keine Hochzeitsfotos, die Besucher an den Tag erinnern könnten; um Verstimmungen zu vermeiden, sind sie im Fotoalbum versteckt.
Einige Eltern sind, laut Frauenberichten, gekränkt, wenn sie irgendwann von der Eheschließung erfahren. Diskretion ist geboten. Die Inhalte dieser vertraulichen Berichte werden hier nicht wiedergegeben. Bei einem solchen Anlass kann ich mich erinnern, nicht gekränkt, aber doch überrascht gewesen zu sein, als ich – zusammen mit Freund*innen und Bekannten – durch einen E-Mail-Verteiler benachrichtigt wurde, dass eine gute Freundin geheiratet hatte. Dies erinnert mich an ein anderes Kuriosum: Den Namen von Kindern bis zur Geburt geheim zu halten. Man will sich wohl gegen den Druck der Umgebung panzern und vor Unglück schützen.
Als ich die Frauen fragte, wieso sie heimlich geheiratet hatten, begründeten sie dies unterschiedlich: Angst vor Familienstreitigkeiten und Einmischungen, Unlust, die ganze Familie samt entfernten Verwandten einladen zu müssen, Unwille zum Tanzen, Unmut über eine traditionelle Hochzeit. Der Druck der Familie, die Erwartungen der Eltern und Schwiegereltern erfüllen zu müssen, allgemein den sozialen Erwartungen gerecht zu werden, sind wohl die entscheidenden Gründe für den Geheimbund. Geld mag auch eine Rolle spielen, aber darüber sprach niemand, zumal das Thema weder magisch noch romantisch wirkt.
Der Geheimbund ist eine Form mit eigener Geselligkeit und Etikette. Sie steht den glamourösen Hochzeiten entgegen, die in den Magazinen abgebildet werden: Statt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein, spielt er sich weit vom Blick der anderen ab. Ob durch Glanz oder Nüchternheit, Magie ist im Spiel. Das Geheimnis verleiht einen Hauch Mysterium, dessen Effekte zu verschwinden drohen, sobald festgestellt wird, dass man kein Einzelfall ist. Vielleicht sind deshalb bestimmte Hochzeitsdaten – wie zum Beispiel der 11. 11. 11 oder der 07. 07. 17 – bei Standesämtern so begehrt. Bei aller Hoffnung weiß man nie, wie die Hochzeit – ob zur Schau stellend oder geheim geschlossen – ausgehen wird. Am besten bringt man alle Chancen auf seine Seite.
„Und, Jenny, werdet ihr mal heiraten?“
„Wir werd… ich weiß nicht, ob ich es dir verraten sollte.“
„Über die Magie der heimlichen Hochzeit“, Thüringer Allgemeine, 22. September 2017, S. 4
1 „Heiraten liegt im Trend“, Thüringer Allgemeine, 9. September 2019.
Wer Tugend sucht, sollte Mühlhausen besuchen. Sie ist dort zu Hause, an den Wänden der großen Ratsstube. Sechs gemalte Figuren aus dem 16. Jahrhundert: justitia (Gerechtigkeit), fortitudo (Tapferkeit), spes (Hoffnung), caritas (Liebe), prudentia (Weisheit) und temperantia (Mäßigung). Zusammen bilden sie ein mahnendes Gruppenporträt.
Temperantia wird als Mann dargestellt, der eine Schale und einen Krug trägt. Die Figur steht für die Zähmung von Trieben und lässt auf einen vorsichtigen Umgang mit Alkohol schließen. Das notierte ich mir jedenfalls, als der dortige Archivar das Bild kommentierte. Denn es passte gut zu einer von mir beobachteten Tendenz: Hierzulande wird weniger getrunken als in der Vergangenheit. Diese Beobachtung wurde gleich nach dem Besuch der Ratsstube bestätigt. Zum Mittagessen ließen sich die drei Männer, mit denen ich den Vormittag verbracht hatte, Obstsäfte bringen. Als ich mir ein Bier wünschte, machte der Kellner, der unsere Bestellung entgegennahm, ein Zeichen der Erleichterung.
Als ich eine Gruppe von Erfurtern aus der Mitte der Gesellschaft – Angestellte, Beamt*innen, Pädagog*innen zwischen 40 und 55 Jahren – fragte, was für sie „gut essen“ heißt, erwähnte niemand Alkohol. Mich wunderte es. Ich fragte also nach: „Gehört nicht der Alkohol zu einem guten Essen dazu?“ „Vielleicht ein schönes Bier oder ein Glas Wein zum Braten“, war die vorsichtige Antwort.
Die Erinnerung sagt, dass es nicht immer so war. Ein Blick in die Fotoalben der befragten Erfurter genügt, um sich zu vergewissern: Neben Zigaretten gab es früher bei Familienfesten immer viele Flaschen auf dem Tisch. Das bekräftigte auch meine Schwiegermutter, indem sie lapidar bemerkte: „Früher hat man kein Wasser getrunken.“
Ich weiß nicht genau, wann „früher“ war, aber es handelt sich bei der beobachteten Tendenz um einen beträchtlichen Wandel, der mit neuen Formen von Geselligkeit einhergeht. Die Statistik gibt weitere Auskünfte: Man konsumiert heute tatsächlich weniger hochprozentigen Schnaps und Bier, dafür mehr Whisky und vor allem Wein. Man trinkt weniger, aber besser, ohne dabei unbedingt ein Kenner zu sein oder vom eigenen Weinkeller zu träumen. Das bestätigt der französische Wirt, der in den frühen 1990ern nach Erfurt kam: Er verkauft nicht nur Weine und Produkte aus Bordeaux, auch aus der Bourgogne und anderen Regionen – allerdings keinen süßen bulgarischen Wein mehr.
Beim Alkoholkonsum scheint heute temperantia, Mäßigung, das Leitwort zu sein. Nicht in dem Sinne, dass Menschen gar nicht mehr trinken würden, aber der Alkohol widerspricht möglicherweise einem „Ethos“ der Mäßigung. Man sollte nicht zu viel trinken, aber auch nicht ganz auf Alkohol verzichten. Die Anhänger der temperantia bilden eine nüchterne Mitte, die durch die Unterscheidung von zwei Typen sichtbar wird: von denjenigen, die zu viel trinken, und von denjenigen, die gar nicht trinken.
Die Vertreter des ersten Typus kennzeichnen sich durch ihre Redseligkeit und ihren Sprachgebrauch: Sie trinken euphemistisch ein „Bierchen“ oder einen „Tropfen“ und verkünden gerne Sprüche wie „Das Bier ist trocken, deshalb muss ich Korn trinken!“, „Ich unterstütze die Nordhäuser Industrie!“ oder das legendäre „Das ist Medizin!“. Viel trinken ist weiterhin erlaubt, wirkt aber irgendwie unbürgerlich. Mögliche Ausnahmen sind Kirmes, Fasching, Junggesellenpartys und bestimmte Frauensektgesellschaften, wo man sich – in Gruppe – gehen lassen darf.
Die Vertreter des zweiten Typus, diejenigen, die keinen Alkohol trinken, müssen nichts sagen. Der Verzicht auf Alkohol drückt für sich schon viel aus. Er erweckt den Verdacht, man habe es mit einem trockenen Alkoholiker, einer kranken oder religiösen Person zu tun. Die Abstinenten werden nicht verhöhnt, müssen aber damit leben, dass sie die anderen vom Trinken abhalten und deshalb eine sozial etwas isolierte Existenz führen müssen.
Zu diesen Kategorien kommen die „falschen Trinker“ hinzu. Während Bier getrunken wird, tun sie, als ob sie mittrinken, was in Wahrheit oft Apfelsaft ist. Solche Vertreter sind mir auch schon mal begegnet, und ich fand sie unfair. Es gibt auch die „falschen Nichttrinker“, die insgeheim Alkohol und Pfefferminzdrops konsumieren, aber das ist etwas Anderes. Ihnen bringt man eher Mitleid als Ärger entgegen.
