Die Chroniken von Peter Pan - Albtraum im Nimmerland - Christina Henry - E-Book
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Die Chroniken von Peter Pan - Albtraum im Nimmerland E-Book

Christina Henry

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Beschreibung

Die wahre – und schaurige – Geschichte von Captain Hook aus der Feder von SPIEGEL-Bestsellerautorin Christina Henry!

Du glaubst, meine Geschichte zu kennen. Natürlich, jeder kennt meine Geschichte, sie wird wieder und wieder erzählt. Aber sie entspricht nicht der Wahrheit. Denn Peter Pan lügt. Peter wird euch erzählen, dass ich der Bösewicht in seiner Geschichte bin, dass ich ihm Unrecht getan habe, dass ich niemals sein Freund war. Aber wie ich schon sagte, Peter lügt. Dies ist, was wirklich geschehen ist: Ich bin Peter Pan auf seine Insel gefolgt, weil er mir ewige Kindheit und unendlichen Spaß versprochen hat. Ich war sein erster und bester Freund auf der ganzen Welt und seine rechte Hand. Aber Peters Verständnis von Spaß ist so gefährlich wie ein Piratensäbel, und als ich das erkannte, wurde Nimmerland für mich zum Albtraum.

Nichts für schwache Nerven: Henrys Neuerzählung von »Peter Pan« ist weniger brutal als »Die Chroniken von Alice«, aber nicht minder packend.

Alle Bücher von Christina Henry:
Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland
Die Chroniken von Alice – Die Schwarze Königin
Die Chroniken von Alice – Dunkelheit im Spiegelland
Die Chroniken von Peter Pan – Albtraum im Nimmerland
Die Chroniken der Meerjungfrau – Der Fluch der Wellen
Die Chroniken von Rotkäppchen – Allein im tiefen, tiefen Wald

Die Bände (außer Alice) sind unabhängig voneinander lesbar.

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Buch

Du glaubst, meine Geschichte zu kennen. Natürlich, jeder kennt meine Geschichte, sie wird wieder und wieder erzählt. Aber sie entspricht nicht der Wahrheit. Denn Peter Pan lügt. Peter wird euch erzählen, dass ich der Bösewicht in seiner Geschichte bin, dass ich ihm Unrecht getan habe, dass ich niemals sein Freund war. Aber wie ich schon sagte, Peter lügt. Dies ist, was wirklich geschehen ist: Ich bin Peter Pan auf seine Insel gefolgt, weil er mir ewige Kindheit und unendlichen Spaß versprochen hat. Ich war sein erster und bester Freund auf der ganzen Welt und seine rechte Hand. Aber Peters Verständnis von Spaß ist so gefährlich wie ein Piratensäbel, und als ich das erkannte, wurde Nimmerland für mich zum Albtraum.

Autorin

Die Amerikanerin Christina Henry ist als Fantasy-Autorin bekannt für ihre finsteren Neuerzählungen von literarischen Klassikern wie »Alice im Wunderland«, »Peter Pan« oder »Die kleine Meerjungfrau«. Im deutschsprachigen Raum wurden diese unter dem Titel »Die Dunklen Chroniken« bekannt und gehören zu den erfolgreichsten Fantasy-Büchern des Jahres 2020. Die SPIEGEL-Bestsellerautorin liebt Langstreckenläufe, Bücher sowie Samurai- und Zombiefilme. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Chicago.

Alle Bücher von Christina Henry:

Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland

Die Chroniken von Alice – Die Schwarze Königin

Die Chroniken von Alice – Dunkelheit im Spiegelland

Die Chroniken von Peter Pan – Albtraum im Nimmerland

Die Chroniken der Meerjungfrau – Der Fluch der Wellen

Die Chroniken von Rotkäppchen – Allein im tiefen, tiefen Wald

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CHRISTINA HENRY

DIE CHRONIKEN VONPETER PAN

ALBTRAUM IM NIMMERLAND

Roman

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Lost Boy« bei Berkley, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2017 by Tina Raffaele

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

This edition published by arrangement with Berkley, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Catherine Beck

Covergestaltung: Melanie Korte, Inkcraft, nach einer Originalvorlage von Titan Books

Coverdesign: Julia Lloyd

Karte: Laura K. Corless

BL · Herstellung: MR

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN978-3-641-25635-7

Für Henry und Jared und Dylan für Xander und Sam und Jake und Logan für all die Jungen, die ich kannte. Mögt ihr niemals verloren sein.

Prolog

Früher war ich jung, jung für immer und ewig. Bis ich es nicht mehr war. Früher liebte ich einen Jungen namens Peter Pan.

Peter wird euch erzählen, dass diese Geschichte nicht die Wahrheit ist, aber Peter lügt. Ich habe ihn geliebt, wir alle haben ihn geliebt, aber er lügt. Peter will immer die strahlende Sonne sein, um die wir alle kreisen. Dafür tut er alles.

Peter wird euch erzählen, dass ich der Bösewicht in dieser Geschichte bin, dass ich ihm Unrecht getan habe, dass ich niemals sein Freund war.

Aber wie ich schon sagte: Peter lügt.

Hier erzähle ich, was wirklich geschehen ist.

TEIL EINS

CHARLIE

Kapitel 1

Manchmal träumte ich von Blut. Von Blut an meinen Händen und von leeren Augen in einem grauen, bleichen Gesicht. Es war nicht mein Blut oder welches, das ich vergossen hätte – auch wenn es davon in diesem Traum mehr als genug gab. Es war ihr Blut, und ich wusste nicht einmal, wer sie war.

Ihre Augen waren tot und blau, und ihre Hände hielt sie vor sich, als streckte sie die Arme nach jemandem aus, als hätte sie mich angefleht, bevor ihr jemand diese klaffende Wunde an der Kehle beigebracht hatte. Ich wusste nicht, warum. Ich wusste nicht einmal genau, ob es ein Traum war oder etwas, das Andernorts passiert war, bevor ich mit Peter weggegangen war.

Wenn es dieses Mädchen wirklich gab, dann musste es dort geschehen sein, denn auf der Insel gab es keine Mädchen, abgesehen von den Meerjungfrauen, und die zählten nicht wirklich, halbe Fische, die sie waren.

Dennoch – jede Nacht träumte ich von aufblitzendem Silber und strömendem Rot, und manchmal schreckte ich aus dem Schlaf hoch und manchmal nicht. In jener Nacht hatte ich denselben Traum, aber jemand anderes weckte mich auf.

Ich hörte ein Geräusch, vielleicht einen Schrei, vielleicht auch nur ein Stöhnen oder einen Vogel, der draußen im Wald verschlafen piepste. Es war schwierig zu sagen, es ist immer schwierig zu sagen, wenn man etwas hört, während man schläft. Es war, wie Lärm von einem weit entfernten Berg zu vernehmen.

Ich löste mich nicht ungern aus dem Traum. Sooft Peter mir auch gesagt hatte, dass ich ihn vergessen solle, kehrten meine Gedanken doch immer wieder und wieder an denselben Ort zurück: an den Ort, wo sie tot war und ihre Augen mich um etwas anflehten, auch wenn ich nicht wusste, was das sein sollte.

Ich war sofort hellwach, wie immer, denn wenn man im Wald zu fest schlief, lief man Gefahr, eines Tages aufzuwachen und zu entdecken, dass irgendwas mit scharfen Zähnen gerade dabei war, einem die Füße abzubeißen. Unser Baum stand gut versteckt und geschützt, aber das bedeutete nicht, dass hier keine Gefahr drohte. Auf der Insel drohte immer und überall Gefahr.

Die schlafenden Jungen lagen in Haufen unter ihre Tierfelle gekuschelt auf dem Erdboden. Mondlicht drang durch die Löcher, die wir wie Fenster in den hohlen Baumstamm gehauen hatten – Peter und ich hatten das gemacht, vor sehr langer Zeit. Draußen summte es, das stetige Brummen der Vieläugigen aus der Ebene, das bis hierher in den Wald zu hören war.

»Das war nur Charlie«, murmelte Peter verächtlich von oben.

Er saß lässig in einem der Löcher und blickte gleichmütig über die Baumwipfel hinweg in den Wald. In den Händen hielt er ein kleines Messer und ein Stück Holz, an dem er herumschnitzte. Die Klinge blitzte im Mondlicht auf, tanzte über das Holz. Seine Haut wirkte in diesem Licht ganz silbrig, und seine Augen waren wie tiefe Teiche aus Schatten. Er schien eins zu sein mit dem Baum und dem Mond und dem Wind, der durch das hohe Gras weiter draußen flüsterte.

Peter schlief nicht viel, und wenn, dann machte er nur ein kurzes Nickerchen. Er wollte nicht zu viel Lebenszeit mit Schlafen verschwenden, obwohl sein Leben bereits wesentlich länger dauerte als das der meisten Menschen, und er hasste es, wie wir anderen uns der Müdigkeit ergaben, wenn wir umfielen wie die Beißfliegen in der Sommerhitze und uns hinlegten, während er uns piesackte, um uns wenigstens noch ein weiteres Spiel abzutrotzen.

Ich stand auf und schlich auf Zehenspitzen zu den anderen Jungen hinüber, bis ich Charlie fand. Er lag zusammengerollt in einer gewundenen Baumwurzel wie ein Baby in der Wiege. Er war ja auch kaum älter als ein Baby. Auf seinem Gesicht standen Schweißperlen, die wie Edelsteine glitzerten, wie ein Piratenschatz im Mondlicht. Er stöhnte im Schlaf und bewegte sich unruhig.

Die Kleinen hatten es oft schwer, sich einzugewöhnen, wenn sie neu herüberkamen. Charlie war erst fünf, viel jünger, als ich damals gewesen war, als Peter mich geholt hatte. Viel jünger als alle anderen Jungen, die Peter jemals auf die Insel geholt hatte.

Ich beugte mich hinunter, hob den Kleinen aus der Baumwurzel und nahm ihn in die Arme. Charlie strampelte kurz, dann kuschelte er sich an mich.

»Du hilfst ihm damit nicht, weißt du«, sagte Peter, während er mir zusah, wie ich mit Charlie auf dem Arm auf und ab ging. »Hör auf, ihn zu verhätscheln.«

»Er ist zu klein«, zischte ich. »Ich hab dir gesagt, dass er noch viel zu klein ist.« Ich weiß nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe machte, denn es hat keinen Sinn, mit Peter zu diskutieren. Er hört sowieso nicht zu.

Peter suchte normalerweise Jungen aus, die ungefähr im selben Alter sind wie ich, als er mich erwählt hatte – etwa acht oder neun Jahre. Peter mochte dieses Alter am liebsten, weil die Jungs dann alt genug sind, um den Widerstandsgeist und den rebellischen Willen zu entwickeln, der sie dazu treibt, ihm zu folgen. In dem Alter haben sie bereits einen guten Vorgeschmack auf das Erwachsenwerden bekommen – durch Arbeit oder Schule, je nachdem, aus welcher gesellschaftlichen Klasse sie stammen –, genug, um zu wissen, dass sie ihr Leben nicht damit verbringen wollen, in einer Schreibstube trockene Zahlen hin- und her zu schieben oder auf dem Feld zu schuften oder irgendeinem reichen Mann Wasser zu holen.

Das letzte Mal, als wir nach Nachwuchs Ausschau gehalten hatten, hatte Peter diesen Winzling erspäht, der verloren zwischen den Müllhaufen in den Hintergassen umherirrte. Er hatte erklärt, der Kleine würde einen ausgezeichneten Spielkameraden abgeben, und ich hatte dagegengehalten, dass er in einem Waisenhaus wesentlich besser aufgehoben wäre. Natürlich hatte Peter die Oberhand behalten. Er wollte den Jungen, und Peter bekam, was er wollte – immer.

Und nun, da wir ihn hatten, wusste Peter nichts mit ihm anzufangen. Es machte ihm keinen Spaß, mit jemandem zu spielen, der zu zart für eine anständige Rauferei mit den größeren Jungen war. Und Charlie konnte auch nicht mithalten, wenn Peter auf der Suche nach einem Abenteuer mit uns in den Wald hinauszog. Mehr als einmal hatte ich schon den Verdacht gehabt, dass Peter versuchte, sich den ganzen Umstand mit ihm vom Hals zu schaffen, indem er Charlie einfach irgendwo zurückließ, damit er gefressen wurde. Aber ich hatte ein Auge auf Charlie (auch wenn das Peter ganz und gar nicht gefiel), und solange ich auf ihn aufpasste, konnte Peter nicht viel mehr tun, als sich über ihn zu beschweren. Was er tat.

»Du hättest ihn am Krokodilteich sitzen lassen sollen«, sagte Peter. »Dann hätte sein Gejammer dich jetzt nicht geweckt.«

Ich antwortete nichts darauf, denn es war der Mühe nicht wert. Peter verlor nie eine Diskussion – und das nicht, weil er nie im Unrecht war, das war er oft. Er war im wahrsten Sinn des Wortes unermüdlich. Immer wieder fing er von vorne an, ganz egal, wie sehr du selbst im Recht warst, bis man irgendwann aufgab und ihn gewinnen ließ, nur damit man endlich Ruhe vor ihm hatte.

Peter sagte nichts mehr, und ich ging weiter mit Charlie auf und ab, bis sein tiefer, ruhiger Atem mir verriet, dass er wieder eingeschlafen war. Dann versuchte ich, ihn auf seinem Schlafplatz abzulegen, aber sobald ich ihn losließ, fing er wieder an zu wimmern. Peter lachte leise und schadenfroh.

»Das hast du nun davon. Jetzt läufst du die ganze Nacht mit ihm auf und ab wie eine Mama mit ihrem Säugling«, sagte Peter.

»Was weißt du schon davon«, gab ich zurück, während ich Charlies Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. »Hier gab es nie eine Mama, und du erinnerst dich nicht an deine.«

»Ich hab gesehen, wie sie das machen«, sagte Peter. »Andernorts. Die kleinen Babys heulen, und die Mamas gehen mit ihnen auf und ab und beruhigen sie und schuckeln sie genauso, wie du das jetzt machst. Und manchmal werden sie dann still und manchmal nicht, und wenn sie nicht still werden, fangen die Mamas auch an zu flennen, weil diese kleinen quengelnden Dinger den Rand nicht halten können. Ich weiß nicht, warum sie die kleinen Heulbojen nicht einfach unter eine Decke legen, bis Ruhe ist. Ist ja nicht so, als könnten sie keine neuen machen.«

Er meinte es nicht so, nicht wirklich. Zumindest dachte ich das. Für Peter war jedes Kind ersetzbar (außer ihm selbst). Wenn er hier auf der Insel eines verlor, dann ging er nach Andernorts und holte sich ein neues, vorzugsweise eines, das sonst niemand wollte, weil der Junge dann nicht viel vermisste und sich nicht nach Andernorts zurücksehnte und glücklich war, hier zu sein und zu tun, was immer Peter wollte.

Die, die nicht so gut auf ihn hörten oder nicht so glücklich waren, wie er sich das vorstellte, fanden sich recht bald im Grasland bei den Vieläugigen wieder oder wurden in der Nähe des Piratenlagers ausgesetzt oder irgendwo anders vergessen, denn Peter hatte keine Zeit für Jungen, die keine Lust auf seine Abenteuer hatten.

Nach einer Weile setzte ich mich, lehnte mich mit dem Rücken an die Borke und summte eine ruhige Melodie, die ich mal gelernt hatte, vor langer Zeit, vor Peter, vor dieser Insel. Ich wusste nicht mehr, wer sie mir beigebracht hatte, aber sie war mir über all die langen Jahre im Gedächtnis geblieben. Das Lied verärgerte Peter, und er sagte, ich solle den Rand halten, aber ich sang weiter, bis Charlies Atem wieder weich und ruhig und gleichmäßig ging und sich sein Brustkorb im selben Rhythmus hob und senkte wie meiner.

Ich starrte aus dem Fenster, an Peter vorbei, zum unerreichbaren Mond hinauf. Der Mond war immer voll hier, hing immer wie ein wachsames Auge am Himmel.

Zwei aufgerissene Augen. Kleine Hände, mit Blut bedeckt.

Ich schob den Traum weg. Es half mir nicht, mich daran zu erinnern. Das sagte Peter immer.

Ich war schon viel länger mit Peter zusammen, als ich jemals Andernorts gelebt hatte, jedenfalls länger, als ich es ermessen konnte. Die Jahreszeiten hier wechselten nicht sonderlich, und die Tage hatten keinerlei Bedeutung. Ich würde für immer hier sein. Ich würde niemals groß werden.

Peters Schnitzmesser tanzte in dem weißen Licht, bis der Mond hinter meinen geschlossenen Augenlidern verschwand.

Damals war ich kleiner, und Peter war groß und mutig und wundervoll. Er sagte: »Komm mit, wir werden Abenteuer erleben und für immer Freunde sein«, und ich legte meine Hand in seine, und er lächelte, und dieses Lächeln ging mir direkt ins Herz und blieb auch da.

Wir liefen durch die Straßen der Stadt, in der ich lebte, und Peter war so flink und lautlos, dass ich es kaum glauben konnte. Er lief, als sei der Wind sein Element, seine Füße berührten kaum den Boden, und als ich ihn da so im Dunkeln laufen sah, dachte ich, dass er jeden Moment abheben und losfliegen und mich mit in die Luft nehmen könnte. Es wäre herrlich zu fliegen, raus aus der Stadt und zu den Sternen hinauf, denn die Stadt war dunkel und schmutzig und voller Großer, die dich packten, wenn du kleiner warst als sie, und dann sagten: »Na, was haben wir denn hier?« und dir eine Kopfnuss verpassten, nur weil sie es konnten, und dir dein Brot und deine Äpfel klauten, dir schreckliche Angst einjagten und dich dann in den Dreck zurückschubsten und lachten und lachten.

Aber Peter hatte versprochen, mich aus all dem herauszuholen. Er würde mich an einen Ort mitnehmen, wo es so viel zu essen gab, wie man sich nur wünschen konnte, und niemand einen schlug und niemand einem sagte, was und wann man was zu tun hatte oder aus dem Weg zu gehen und in der Gosse zu schlafen, wo man hingehörte. Er sagte, dass man auf seiner Insel in den Bäumen schlafen und das Salz des Meeres in der Luft schmecken könnte und dass man dort den ganzen Tag Schätze suchen und Spaß haben könnte. Ich konnte es gar nicht erwarten. Aber ich hatte Angst, auf ein Schiff zu müssen, um zu der Insel zu kommen. Ich war noch nie auf einem Schiff gewesen, hatte nur welche im Hafen gesehen. Doch weil Peter mich vielleicht nicht mehr mochte, wenn er erfuhr, dass ich Angst hatte, sagte ich nichts, obwohl ich überzeugt war, dass ein Ungeheuer kommen und das Schiff in tausend Stücke brechen würde, wenn wir erst mal auf dem offenen Meer waren, und wir würden sinken, sinken, sinken bis auf den fernen Meeresgrund und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Peter zog mich mit sich, und als ich müde wurde, sagte er: »Na komm, Jamie, nur noch ein kleines Stück, wir sind gleich da«, und ich wollte ihn glücklich machen, damit er mich wieder so anlächelte, also rannte ich weiter und gab mir Mühe, genauso schnell und lautlos zu sein wie er.

Ich dachte, wir würden zum Hafen laufen, aber Peter führte uns in die entgegengesetzte Richtung. Ich zog an seiner Hand und sagte: »Gehen wir nicht auf ein Schiff?«

Und Peter lachte und antwortete: »Warum sollten wir denn auf ein Schiff gehen, du Dummkopf?« Aber er sagte es so, dass es nicht wehtat und ich mir dabei nicht dumm vorkam – eher so, als hätte er ein Geheimnis und lachte, weil er es schon bald mit mir teilen würde.

Wir liefen aus der Stadt hinaus, immer weiter und weiter weg von dem Platz, an dem ich normalerweise schlief, und schon bald wusste ich nicht mehr, wo wir waren und ob ich jemals wieder den Weg nach Hause zurückfinden könnte, und dann fiel mir wieder ein, dass ich ja auch gar nicht nach Hause zurückwollte, weil zu Hause da ist, wo sie dich schlagen und du in schmutzigem Stroh schlafen musst, und sie schreit und schreit und schreit …

Der Schrei hallte noch in meinen Ohren, als mich Peters Hahnenschrei am nächsten Morgen weckte, gerade als die Sonne über den Bergen aufging. Sein Schrei und ihr Schrei verdrehten sich ineinander zu einem einzigen, der dann verklang, als ich die Augen aufschlug und ihn im Fenster balancieren sah.

Sein fuchsroter Haarschopf war immer schmutzig, weil er es hasste, sich zu waschen, und wie immer trug er ein Hemd und enge Beinlinge aus Rehleder, das mit dem Alter weich geworden und trotz allem hell geblieben war.

Seine Füße waren nackt und dreckig, die Zehennägel rissig und abgebrochen vom Klettern in den Bäumen. Peter hob sich als Umriss gegen das Fenster ab, die Beine hüftbreit auseinandergestellt, die Hände in die Hüften gestützt, wie er da mit großem Eifer krähte.

»Kikeri-kiii! Kikeri-kiii!«

Ich war sofort wach gewesen, schließlich war ich seit Langem an Peters Morgenritual gewöhnt. Einige der neueren Jungen stöhnten und legten die Arme über die Augen.

Charlie blinzelte mich mit verschlafenen blauen Augen an. »Stehen wir jetzt auf, Jamie?«

»Aye«, sagte ich sanft, stellte den kleinen Jungen auf die Füße, stand ebenfalls auf und reckte und streckte mich. Irgendwie fühlte ich mich heute größer als gestern – nicht viel, nur einen Hauch. Meine Hände schienen näher an das Dach der Baumhöhle zu reichen als vorher. Doch ich bekam nicht viel Zeit, mir darüber Sorgen zu machen, denn Peter verjagte sie aus meinen Gedanken.

Er klatschte in die Hände und rief: »Heute gibt’s einen Überfall!«

»Wieso das denn?«, fragte ich, ohne mich zu bemühen, meine Verärgerung zu verbergen.

Es war nicht die richtige Zeit für einen Überfall. Wir hatten erst vor wenigen Tagen sechs neue Jungs herübergeholt. Die meisten von ihnen waren nicht mal ansatzweise weit genug.

»Die Piraten müssen überfallen werden, das ist doch klar!«, verkündete Peter in einem Ton, als würde er den Jungs einen riesigen Berg Bonbons schenken.

Nick und Nebel, die Zwillinge, jubelten.

Sie waren beide gertenschlank und dabei wirklich stark, mit sehnigen Muskeln an Armen und Beinen, beide mit dem gleichen blonden Haarschopf, der bei beiden gleichermaßen dunkel wirkte, denn sie hatten eine grundsätzliche Abneigung gegen jede Form des Waschens. Ich hatte nie herausgefunden, ob sie sich so ungern wuschen, um es Peter gleichzutun, oder weil sie das Krabbeln der Käfer in ihren Haaren so liebten.

Abgesehen von mir waren Nick und Nebel schon am längsten auf der Insel, und Piraten zu überfallen war ihr zweitliebstes Spiel nach Schlacht. Es gab nichts, was die Zwillinge lieber mochten als einen Vorwand, um Blut zu vergießen.

Vor langer Zeit hatte Nebel mal einen Wolf erlegt, nur mit einem geschärften Stein – eine Tat, die Peter so begeistert hatte, dass er Nebel für eine Woche zum König des Baums erklärt hatte. Nebel hatte sich den Schwanz des Wolfs um den Kopf gebunden und die Ohren daran befestigt und sich aus dem Fell Beinlinge gemacht. Kurz hatte er noch überlegt, sich einen Umhang zu nähen, die Idee dann aber verworfen, weil es im Kampf zu unpraktisch gewesen wäre.

Nick, der seinem Bruder natürlich in nichts nachstehen wollte, war prompt losgezogen und hatte eine der großen Katzen erschlagen, die durch die Berge an der Ostseite der Insel streiften. Jetzt trug er ihre Ohren und Beinlinge aus gelbem Fell und beschwerte sich immer noch gelegentlich darüber, dass Peter ihn daraufhin nicht zum König des Baums gemacht hatte.

Einige der anderen Jungen hatten versucht, es Nick und Nebel gleichzutun, und waren dafür von einer Raubkatze gefressen worden. Immer wenn wir einen Jungen verloren, holten wir uns einen neuen von Andernorts, denn Peter hatte ganz genaue Vorstellungen davon, wie viele Jungen immer um ihn herum sein sollten.

Wir waren insgesamt fünfzehn, einschließlich Peter und mir. Jedes Jahr verloren wir ein paar in der Schlacht und bei den Überfällen und einige auch an Krankheiten oder wilde Tiere. Ambro hatte Blut gehustet und war gestorben, und jetzt sah Del ganz dünn und blass aus. Schon bald würde auch er anfangen zu husten, und dann würde Peter ihn zum Schlafen nach draußen verbannen.

Peter hatte sich ständig über den Lärm beschwert, bevor Ambro gestorben war, als hätte der Junge irgendetwas dagegen tun können. Wenn, dann hätte er es mit Sicherheit getan, denn wir alle liebten Peter, auch wenn er grausam war. Seine Anerkennung wurde hungrig gesucht, und seine Ablehnung schmerzte heftiger und reichte tiefer als der Schnitt eines Piratenschwerts.

Peter sprang vom Fenster und landete trotz der Höhe leicht auf den Füßen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er unverwundbar war und es ihn deshalb so wenig berührte, wenn sich andere wehtaten, da er ihren Schmerz nicht nachempfinden konnte. Und Peter war auf irgendeine Art an die Insel gebunden, anders als wir. Er verstand das Land, und es verstand ihn. Das war der Grund, weshalb ich ein klein wenig gewachsen war und Peter nicht.

Es war die Insel, die uns alle jung hielt, auch wenn einige nicht für immer so klein blieben. Ein paar Jungen wuchsen ganz normal weiter, ohne dass wir wussten, weshalb. Es passierte nicht allzu oft, denn Peter war ziemlich gut darin, die Richtigen für die Insel auszusuchen, und ich dachte, dass es etwas mit dem Wunsch zu tun hatte, für immer ein kleiner Junge zu bleiben und für immer Kleine-Jungs-Sachen zu machen.

Aber wenn Peter mitbekam, dass ein Junge zu wachsen begann, wurde dieser Junge verbannt, ohne Rücksicht und ohne zweite Chance. Diese Jungen endeten meist im Piratenlager, wenn sie es denn schafften, die Insel lebend zu durchqueren, und wurden zu nicht wiedererkennbaren Erwachsenen mit bärtigen Gesichtern, die nicht mehr unsere Freunde waren.

Ich musste ungefähr acht gewesen sein, genau wie Nick und Nebel, als Peter mich gefunden hatte. Inzwischen wäre ich längst tot, wenn ich Andernorts geblieben wäre, denn es waren dort seither bestimmt ein- oder zweihundert Jahre vergangen. Ich wusste nicht genau, wie viele, denn wenn man nicht genau darauf achtet, verliert man leicht den Überblick. Ich sah jetzt aus wie ungefähr zwölf, ein paar Jahre älter also, als ich bei meiner Ankunft gewesen war.

Nick und Nebel waren auch ein wenig gewachsen. Nur Peter war am Anfang elf gewesen und immer elf geblieben. Nichts an ihm hatte sich verändert, alles war noch genauso wie zu der Zeit, als er mich von Andernorts geholt hatte, mich, seinen ersten Freund und Gefährten.

Manchmal machte ich mir Sorgen, dass ich wachsen und ins Piratencamp geschickt werden könnte. Peter knuffte mich immer, wenn ich so was sagte.

»Du wirst niemals erwachsen werden. Ich hab dich doch extra hergebracht, damit das nicht passiert.«

Aber ich wurde trotzdem ein bisschen älter, genau wie Nick und Nebel. Von den anderen hatten wir zu viele verloren, um genau sagen zu können, ob nur wir drei das langsame Heranschleichen des Älterwerdens spürten. Manchmal, nachts, wenn ich den Albtraum nicht abschütteln konnte, überlegte ich, ob Peters Versicherungen, dass ich niemals erwachsen würde, nur hieß, dass ich starb, bevor so etwas passierte. Ich fragte mich, ob es nicht besser wäre zu sterben, bevor ich groß und alt und ungeliebt würde.

Unser Anführer hockte mit einem Stöckchen in der Hand am Boden und zeichnete mit raschen Strichen eine grobe Karte der Insel in den Sand, und dann eine vergrößerte Ansicht des Piratencamps. Unser Baum stand in der Mitte des Walds, der sich wiederum in der Mitte der Insel befand. An der Ostseite durchschnitt der Wald eine Bergkette. Er zog sich quer über die Insel, vom Ozean im Osten bis hin zu dem geschützten See im Westen.

Im Nordwesten der Insel lag das Grasland, wo die Vieläugigen lebten. Wenn wir es irgendwie vermeiden konnten, gingen wir nicht dorthin.

Wenn man von unserem Baum direkt nach Süden ging, kam man zum Krokodilteich und dann in den Sumpf. Er erstreckte sich bis zum Ozean, wobei er Richtung Küste zunehmend nasser und grüner wurde.

Die südwestliche Ecke der Insel bestand überwiegend aus Sand; riesigen Dünen, bei denen man lange brauchte, um hinauf- und wieder hinunterzuklettern. Hinter den Dünen lag ein Sandstrand, der einzige, an dem wir ungefährdet spielen und Kokosnüsse sammeln konnten. Am nördlichen Ende dieses Strands, versteckt von dem Wald, der sie umgab, lag die Meerjungfrauenlagune.

Die Piraten hatten sich den Strand am Nordende genommen, an ihrer Piratenbucht, wo das Grasland auf die Berge traf. An der Ostseite gab es nur nackte Felsen und eine hohe Klippe, wo der Wald bis ans Meer reichte.

Die Jungen drängten sich um Peter. Ich brauchte das nicht. Ich kannte die Insel in- und auswendig, besser als alle anderen, abgesehen von Peter selbst. Ich war über jede Wurzel, jeden Felsen und jede Pflanze geklettert, um jedes wilde Ding herumgeschlichen, hatte alle Meerjungfrauen schon hundertmal gesehen und war mehr als einmal dem zuschnappenden Maul eines Krokodils entkommen. Der Gedanke, so früh schon einen Überfall zu machen, gefiel mir nicht, aber ich wusste, was ich zu tun hatte, wenn es so weit war.

Charlie blieb bei mir, seine kleine Hand sicher in meiner vergraben. Er steckte den Daumen in den Mund, vollkommen desinteressiert an der Karte oder an dem, was als Nächstes passieren sollte.

Ich seufzte leise. Was sollte ich bei einem Überfall nur mit ihm machen? Auf keinen Fall wäre er in der Lage, sich selbst zu verteidigen, und ich traute es Peter durchaus zu, dass er den ganzen Ausflug nur plante, um den Kleinsten loszuwerden.

Die meisten der neuen Jungen wirkten verunsichert, während sie sich um Peter scharten, außer einem großen namens Nip. Er war fast genauso groß wie ich, und ich war mit Abstand der Größte hier. Nip sah aus wie ein Junge, der immer der Stärkste und Schnellste sein wollte, und hatte mich misstrauisch beobachtet, seit er gekommen war. Ich wusste, dass Nip bald einen Streit vom Zaun brechen würde, und hoffte, dass ich ihm dann keinen ernsthaften Schaden zufügen musste.

Darin lag nichts grundsätzlich Böses, ich wünschte dem Jungen genauso wenig Schlechtes wie er mir. Aber ich war der bessere Kämpfer. Peter wusste das. Alle Jungen, die länger hier waren, wussten das. Sogar die Piraten wussten es, und deshalb versuchten sie auch jedes Mal, mich zu töten, wenn es einen Überfall gab. Ich hatte gelernt, das nicht persönlich zu nehmen.

Das Piratencamp lag etwa einen Zweitagesmarsch vom Baum entfernt, je nachdem, zu welcher Eile man eine Schar Jungen antreiben konnte, und auch wenn Peter es für die Neuen wie ein Abenteuer klingen ließ, wusste ich doch nur zu gut, dass es genauso viel Arbeit wie Spiel war. Vorräte mussten gesammelt und getragen werden. Die Vieläugigen waren im Grasland unterwegs, das wir durchqueren mussten. Und obendrein war es gut möglich, dass die Piraten gar nicht im Hafen lagen. Um diese Zeit waren sie häufig selbst unterwegs, um Überfälle zu machen, Gold von Handelsschiffen auf See zu stehlen oder schreiende Mädchen aus den Städten, die sie auf ihren Raubzügen abbrannten.

Ich hielt das Ganze für keine schlaue Idee. Nicht nur musste ich mir Sorgen um Charlie machen – wir wussten auch überhaupt nicht, was in den Neuen steckte. Wir wussten nicht, ob die Hälfte von ihnen überhaupt kämpfen konnte, erst recht gegen ausgewachsene Männer, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Klinge verdienten.

Und Del würde es vielleicht nicht überleben. Ich hatte schon Bilder vor Augen, wie er unterwegs Blut aushustete, Blut, dass die Vieläugigen anziehen würde, wenn wir auf dem Weg waren, der an ihrer Ebene vorbeiführte. Es war ein gefährlicher Plan, wahrscheinlich ein verlustreicher. Selbst wenn wir annahmen, dass alle Jungen lebend beim Piratencamp ankamen, war es unwahrscheinlich, dass sie es auch zurückschafften. Wir kamen nie mit derselben Anzahl zurück, mit der wir aufbrachen.

Ich ließ Charlie mit einem beruhigenden Lächeln los. Der Kleine gab mir ein halbes Lächeln zurück, als ich ihm sagte, er solle bleiben, wo er war. Ich schlängelte mich um Peter herum, der mit großen Gesten Striche und Markierungen in den Boden schlitzte, um festzulegen, wer wo ins Piratencamp eindringen würde. Ich musste es versuchen, auch wenn wahrscheinlich nichts dabei herauskam.

»Ich glaube nicht …«, fing ich leise an.

»Glaube nicht«, antwortete Peter scharf.

Ein paar der Jungs kicherten hämisch, und ich kniff die Augen leicht zusammen und sah jeden in der Runde scharf an. Alle wandten den Blick ab, außer Nip, der so lange dreist zurückstarrte, bis ich knurrte. Dann senkte auch er die Augen, und Röte kroch über seine Wangen. Ich ordnete mich niemandem unter außer Peter, und je schneller die Neuen das lernten, desto besser.

»Ich weiß, was du willst«, sagte Peter, ohne den Blick von seiner Zeichnung zu nehmen. »Hör auf, sie zu verhätscheln, behandele sie nicht wie Kleinkinder.«

»Es ist kein Verhätscheln, wenn man wartet, bis sie bereit sind«, sagte ich.

»Hör auf, sie zu verhätscheln«, wiederholte Peter

Und das war’s. Peter hatte gesprochen, und wir würden alle tun, wie uns geheißen. Es war seine Insel. Er hatte uns hierher eingeladen, uns versprochen, dass wir für immer jung und glücklich sein würden.

Also waren wir das auch. Bis wir krank wurden oder starben oder von den Piraten gefangen genommen wurden. Und Peter war es vollkommen gleichgültig. Für ihn waren die Jungen nichts als Spielkameraden, die ihm halfen, sich die Zeit zu vertreiben, auch wenn das keinem von ihnen bewusst war. Sie dachten alle, sie seien etwas Besonderes für ihn, weil er sie auserwählt hatte. Dabei war ich der Einzige, für den das galt. Mich hatte Peter als Ersten ausgewählt, mich hatte er so viele Jahre als seine rechte Hand behalten. Doch selbst ich hatte nicht die Macht, ihn etwas tun zu lassen, das er nicht wollte.

Peter wollte einen Überfall, also würden wir einen Überfall machen.

Ich steckte die Hände in den Bund meiner Hirschlederhose, hakte die Daumen über den Rand und hörte mit halbem Ohr zu, wie er seine Pläne erläuterte. Ich hatte das alles schon gehört und wusste sowieso, was ich zu tun hatte. Ich kämpfte immer gegen den Ersten Maat.

Die meisten hatte ich getötet, und die, die überlebten, trugen mein Zeichen. Ich hackte all meinen Opfern die rechte Hand ab, lebend oder tot, damit sie wussten, wer ich war, und sich an mich erinnerten. Dazu benutzte ich immer ihr eigenes Schwert, denn ich selbst trug nur einen Dolch, und außerdem dachte ich, dass es ihnen mehr wehtat, wenn ich ihre eigene Waffe gegen sie verwendete.

Peter kämpfte immer gegen den Kapitän. Über die Jahre hatte es zahllose Kapitäne gegeben, auch wenn der jetzige schon eine ganze Weile im Amt war. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Peter es immer besonders ernst meinte im Kampf. Es schien ihm mehr zu gefallen, den Kapitän zu necken, als ihn zu töten.

Kurz darauf stand Peter auf und klopfte sich den Staub von den Händen. »Also los, holt euch was zu essen. Dann brechen wir zu unserer Mission auf.«

Die meisten Jungen verließen den Baum durch die kleine Spalte, die uns als Ein- und Ausgang diente. Der Baum war riesig und innen vollkommen hohl, groß genug, um dreißig Jungen Platz zu bieten, wenn sie sich nebeneinander auf den Boden legten. Wurzeln wanden sich über den Boden und dienten als Stühle und Betten für diejenigen, die sie wollten, auch wenn sich die meisten ein Lager aus Fellen machten.

Die neuen Jungen trugen noch die Kleidung, in der sie von Andernorts gekommen waren, während wir anderen einen Mischmasch aus Tierhäuten und Kleidern trugen, die wir aus dem Piratencamp gestohlen hatten. Ich hatte einen roten Rock, den ich vorne zuknöpfen konnte. Vor sehr, sehr langer Zeit hatte ich ihn einem der Kapitäne gestohlen, der so dumm gewesen war, ihn auf einer Wäscheleine hängen zu lassen. Er war zu groß für mich, deshalb hatte ich die Ärmel und Schöße etwas abschneiden müssen, aber er gehörte mir.

Eine Weile war Peter fast ein bisschen eifersüchtig darauf gewesen, denn es war ein tolles Beutestück, und hatte ständig darüber geredet, dass der Rock eigentlich ihm zustünde, hatte mir geschmeichelt und gedroht, aber ich gab nicht nach. Ich hatte ihn als Erster gesehen und ihn mir von der Leine geschnappt, während er wie immer nach etwas Glänzendem Ausschau hielt. Er konnte nur nicht ertragen, dass ich ihn bei irgendetwas übertroffen haben sollte. Dann beschloss er eines Tages, dass der Rock doof sei und ich dämlich darin aussähe, weil er viel zu groß für mich war, aber ich wusste, dass er ihn immer noch gern gehabt hätte.

Charlie wartete da, wo ich ihn hatte stehen lassen, bis ich zu ihm ging und ihm einen kleinen Schubs mit dem Knie gab, damit er den anderen nach draußen folgte.

Der kleine Junge sah mit ernstem Blick zu mir auf und fragte um den Daumen in seinem Mund herum: »Kommst du auch mit nach draußen?«

»Gleich«, sagte ich und tätschelte ihm die Schulter. »Geh schon vor.«

Ich wollte mit Peter sprechen, ohne dass die anderen uns hörten. Als ich mich umdrehte, stand Peter mit verschränkten Armen da und beobachtete mit beiläufigem Interesse die Zwillinge.

»Worum geht’s da?«, fragte ich.

Peter zuckte die Achseln. »Worum geht es denn sonst? Sie prügeln sich einfach gern.«

Nick und Nebel rangen am Boden miteinander, jeder schlug den anderen so heftig ins Gesicht, wie er nur konnte. Einer der beiden – es war schwer, sie auseinanderzuhalten, so ineinander verschlungen und im Dreck herumrollend – blutete, und das Blut tropfte und spritzte von ihren umherfliegenden Körpern.

Wir beobachteten sie noch eine Weile. Peter hätte sie sich prügeln lassen, bis sie beide tot waren, aber ich wollte so kurz vor einem Überfall nicht, dass sich jemand etwas brach. Peter dachte nicht an so etwas. Er sagte immer, dass er dafür ja mich hätte, damit ich ihm die Mühe abnehmen konnte.

Einmal hatte Nebel Nick das Handgelenk gebrochen, und obwohl ich versucht hatte, es mit einem Stück Rinde und etwas Seil zu schienen, das ich aus einer Schlingpflanze gemacht hatte, war es nicht wieder ganz richtig zusammengewachsen. Das Handgelenk war jetzt leicht schief, und da, wo der Bruch gewesen war, fühlte sich der Knochen unter der Haut knubbelig an.

Nick hatte der Bruch nichts ausgemacht und auch nicht, dass er alles andere als perfekt geheilt war, aber in den Tagen danach hatte er heftiges Fieber bekommen, und eine ganze Weile war nicht sicher gewesen, ob er überleben würde. Ich hatte in dieser Zeit über ihn gewacht und dafür gesorgt, dass er durchkam. Aber wenn einer der Zwillinge sich direkt vor einem Überfall etwas brach, würde Peter mir nicht erlauben zurückzubleiben, um über ihn zu wachen. Ich hatte eine Aufgabe, und außerdem würde sonst niemand auf Charlie aufpassen. Wir würden zu einer Leiche zurückkehren, die früher mal ein Zwilling gewesen war, und ich würde ihn bei den anderen auf der Lichtung im Wald begraben.

Während die Zwillinge über- und umeinanderrollten, dachte ich über all das nach. Dann trat ich vor, um sie voneinander zu trennen.

Ich hörte Peter noch »Spielverderber« murmeln, aber er hielt mich nicht davon ab. Vielleicht dachte auch er an den Schaden, den sie einander zufügen könnten. Oder es war ihm einfach nur langweilig geworden, sie weiter kämpfen zu sehen.

Einer der beiden drückte mit den Knien die Arme des anderen auf den Boden und schlug wild auf das Gesicht seines Bruders ein. Letzterer hatte schon eine gebrochene Nase, aus der das Blut lief, das überall auf Wurzeln und Erde spritzte.

Ich packte den angreifenden Zwilling – jetzt konnte ich an den gelben Katzenohren sehen, dass es Nick war – am Nacken seiner Lederweste und riss ihn von Nebel herunter. Nebel sprang sofort auf, senkte den Kopf wie ein Ziegenbock, stürmte auf seinen Bruder zu und rammte ihn in den Bauch.

Nick baumelte in meinem Griff, seine Zehen berührten kaum den Boden, und stieß laut den Atem aus, als Nebels Kopf ihn direkt unter den Rippen erwischte.

»Schluss jetzt«, rief ich und stieß Nick zu einer Seite, damit ich Nebel an den Schultern packen konnte, während er einen weiteren Angriff auf seinen Zwillingsbruder startete.

»Er hat mein bestes Messer genommen!«, rief Nebel, während er wild mit den Armen um sich schlug.

Eine seiner Hände erwischte mich am Kinn, nicht doll genug, um wehzutun, nicht mal ansatzweise, aber das machte mich jetzt richtig sauer, zumal ich sowieso schon schlechter Laune gewesen war wegen Peter und dem verfluchten Überfall.

»Es reicht, hab ich gesagt!«, rief ich und landete einen ordentlichen rechten Haken auf Nebels Mund.

Er fiel nach hinten, landete auf dem Hintern und wischte sich das Blut von der Lippe.

Nick lachte schadenfroh, als er seinen Bruder so bestraft im Sand sitzen sah. Ich drehte mich zu ihm um, hob ihn hoch und spendierte ihm die gleiche Behandlung.

Nun saßen die beiden nebeneinander im Dreck, und zwei gleich aussehende, hellblaue Augenpaare starrten mich aus blut- und dreckverkrusteten Gesichtern an.

Ich holte tief Luft und ballte die Fäuste.

»Tschuldigung, Jamie«, sagten sie im Chor.

Ich zeigte auf Nick. »Gib ihm sein Messer zurück. Er hat tagelang an dieser Klinge gearbeitet.«

»Aber …«, setzte Nick an, verstummte jedoch angesichts meines Blicks. Nick und Nebel wussten ganz genau, wann es genug war und sie mich lieber nicht weiter reizen sollten.

Nick zog das Feuersteinmesser unter seiner Weste hervor und gab es Nebel, der es liebevoll in die Lederscheide an seiner Hüfte steckte.

Ich zeigte mit einem Nicken auf den Spalt im Baum. »Geht etwas essen.«

Sie rappelten sich hoch, anscheinend trotz allem unbeschadet. Als sie am Spalt waren, war der Streit schon wieder vergessen, und Nick boxte Nebel freundschaftlich gegen den Oberarm.

Peter lachte leise. »Deshalb tritt nie einer von ihnen bei der Schlacht gegen dich an.«

Ich holte noch mal tief Luft und wartete, dass sich der rote Nebel vor meinen Augen lichtete, damit ich nicht auch noch auf Peter losging.

Einen Moment lang hatte ich nicht übel Lust, mein eigenes Messer zu ziehen, das aus Stahl, das ich den Piraten gestohlen hatte. Ich würde Peter zu Boden schlagen, ihn am Hals packen, bis ihm die Zunge rausquoll, und sie ihm so glatt abschneiden wie den Saum eines Piratensegels.

Dann lichtete sich der Nebel ein wenig, das irre Brennen in meinem Blut kühlte sich ab, und Peter stand grinsend vor mir, unversehrt und ohne die geringste Ahnung davon, was mir gerade durch den Kopf gegangen war.

Es erschreckte mich sehr, denn ich liebte Peter – jedenfalls meistens – und verbrachte einen großen Teil meines Lebens damit, ihn vielleicht wieder so zum Lächeln zu bringen wie damals, als wir uns kennengelernt hatten.

»Manchmal gehen sie mir echt auf die Nerven«, sagte ich nach einer Weile. Allmählich wurde ich wieder ich selbst, der Jamie, den ich kannte.

Peter legte mir den Arm um die Schultern. »Du bringst die Neuen schon in Form. Und dann starten wir einen exzellenten Überfall.«

»Es wäre besser, es gäbe gar keinen Überfall«, versuchte ich es noch mal, auch wenn ich wusste, dass es vergeblich sein würde.

»Das wird ein Spaß!«, sagte Peter und schubste mich auf die Spalte im Baum zu.

Draußen tobten ein paar Jungen herum, spielten Fangen und schlugen einander ab. Ein paar hatten Früchte gesammelt und auf einem Haufen gestapelt. Del zeigte den Neuen, wie man die Schale von der orangegelben Frucht schälte, bevor man sie essen konnte.

»Das Äußere macht euch krank, wenn ihr das esst. Aber das Innere ist lecker und süß«, erklärte er, während er die Frucht an den Mund hob und hineinbiss. Saft troff über sein Kinn. Das klebrige gelbe Zeug hob sich deutlich von seiner weißen Haut ab, wie eine Warnung.

Ich blieb stehen, mit einer Hand gegen den Baum gestützt. Peter stellte sich zu mir und folgte meinem Blick.

»Del hält nicht mehr lange durch«, sagte ich. »Und einen Überfall schon gar nicht, so viel steht fest.«

Peter zuckte die Achseln. »Wenn er krank ist, kann er ja hierbleiben. Besser, er hustet diesen Dreck aus, wenn ich nicht dabei bin. Ich kann das nicht hören.«

Das war mehr oder weniger das, was ich erwartet hatte, aber ich spürte wieder diese seltsame Wut in mir hochsteigen, die mich schon eben gepackt hatte. Sie ließ mich reden, obwohl ich besser den Mund gehalten hätte.

»Was, wenn ich derjenige wäre, der sich die Lunge aus dem Leib hustet?«, fragte ich. Meine Wut lag gefährlich dicht unter der Haut, heiß und wild. »Würdest du mich auch allein zurücklassen?«

Peter sah mich an, nur den leisesten Hauch einer Frage in den Augen. »Du wirst nicht krank, Jamie. Die ganze Zeit, die du hier bist, hattest du kaum mal einen Schnupfen.«

»Aber was, wenn doch?«, bohrte ich nach.

Ich wusste nicht, ob ich sauer auf Peter sein sollte oder nicht. Es war ja nichts Schlimmes an seinen Gefühlen. Peter würde sich freuen, wenn Del am Leben blieb, aber es würde ihm auch nichts ausmachen, wenn nicht. Er wünschte keinem der Jungen etwas Böses.

»Du wirst nicht krank«, sagte Peter und rannte davon, um sich den rennenden Jungen anzuschließen. Inzwischen spielten sie Fechten, wedelten und stachen mit Stöcken um sich, die sie aus den langen Ästen gemacht hatten, die von den Obstbäumen fielen.

Ich starrte ihm nach und spürte die vertraute Mischung aus Liebe, Verehrung und Frustration, die ich so oft empfand. Man konnte ihn nicht ändern. Er wollte sich nicht verändern lassen. Schließlich lebte Peter deswegen überhaupt auf der Insel.

Ich ging zu der Gruppe, die sich um den Berg Früchte geschart hatte. Die meisten kamen zurecht, nur Charlie tat sich schwer mit dem kleinen Steinmesser, das einer der anderen ihm geliehen hatte.

Ich ging neben ihm auf ein Knie und nahm ihm die ungeschälte Frucht aus der kleinen Hand. »Guck mal, so geht das, siehst du?«, sagte ich, schälte schnell die Frucht und gab sie ihm zurück.

Seine Augen glänzten, als er mit Appetit hineinbiss. »Schmeckt gut«, sagte er.

Ich wuschelte ihm durchs Haar, weißblond im Sonnenlicht. Er wirkte wie ein kleines Entenküken mit seinem Kopf voller Flaum, ein Entenküken, das mir überallhin nachlaufen und von mir erwarten würde, dass ich es vor allen Gefahren bewahrte. Doch im Augenblick konnte ich daran nichts ändern. Ich würde einfach dafür sorgen müssen, dass er immer in meiner Nähe blieb, bis er größer und gewitzter wurde.

Ich stand auf und rief Nick und Nebel zu mir. Die Zwillinge waren damit beschäftigt, sich gegenseitig mit Stöcken zu hauen, hörten aber sofort auf, als sie meine Stimme hörten, und standen vor mir stramm wie kleine Soldaten.

»Nehmt Kit und Harry und kontrolliert die Fallen«, sagte ich.

Wir brauchten Fleisch, wenn wir die Insel durchqueren wollten. Essen für uns und für die Geschöpfe, denen wir unterwegs begegnen würden. Es gefiel mir gar nicht, wie sich die Vieläugigen in letzter Zeit verhielten. Sie waren dreister als jemals zuvor.

»Okay«, sagten die Zwillinge.

»Und nehmt den Neuen mit, Nip«, sagte ich.

Nip sah aus, als versuchte er, den Mumm aufzubringen, sich auf mich zu stürzen, und ich war nicht in der Stimmung, jetzt schon zu kämpfen. Deshalb war es am besten, wenn er irgendwie beschäftigt war.

Nick und Nebel sammelten die anderen ein, einschließlich eines widerwilligen Nip, und verschwanden zwischen den Bäumen. Ich sah zum Himmel hinauf und schätzte, dass sie gegen Mittag zurück sein würden.

Dann rief ich die anderen Jungen zusammen und gab ihnen verschiedene Aufgaben – Messer und Bögen sammeln und sauber machen, Beutel für die Lebensmittel vorbereiten, in Streifen geschnittene Früchte zum Trocknen in die Sonne legen. Peter machte ein mürrisches Gesicht, als er merkte, dass ihm alle Spielkameraden zugunsten irgendwelcher Pflichten entzogen wurden.

»Was soll das?«, fragte er.

»Du willst doch einen Überfall, oder?«, antwortete ich und drehte mich dabei weg, damit er die Genugtuung in meinem Gesicht nicht sehen konnte. Wenn er diesen Überfall unbedingt wollte, konnte er auch gern alles andere haben, was damit einherging, einschließlich der Arbeit bei der Vorbereitung.

»Aye«, sagte Peter.

»Dann müssen Sachen vorbereitet werden, das macht Arbeit.«

»Nicht für mich«, sagte Peter. Demonstrativ legte er sich in den Schatten eines Obstbaums und holte das Stück Holz hervor, an dem er nachts geschnitzt und das er in eine kleine Flöte verwandelt hatte. Während er hineinblies, ließ er mich nicht aus den Augen, beobachtete mich die ganze Zeit aus dem Augenwinkel.

Ich drehte ihm absichtlich den Rücken zu und machte mich an die Arbeit. Peter beobachtete mich weiter, auch wenn ich so tat, als würde ich es nicht bemerken – beobachtete mich wie eine Mutter ihr Kind oder ein Wolf etwas, das zwischen ihm und seiner Beute stand.

Kapitel 2

Der Trupp, der die Fallen kontrollieren sollte, war zurück, kurz bevor die Sonne am höchsten Punkt stand, genau wie ich erwartet hatte. Alle Fallen waren voll gewesen, was eine wunderbare Überraschung war. Es bedeutete, dass wir auf dem Weg zum Piratencamp weniger jagen mussten. Im Wald gab es immer reichlich zu essen, aber je näher wir an die Berge und die Ebene herankamen, desto spärlicher wurde es.

Peter wollte natürlich ein Kaninchen zu Mittag, solange es so viele davon gab. Und ich sagte nichts dagegen, auch wenn ich lieber mehr für die Reise aufgehoben hätte.

Zufrieden bemerkte ich, wie verschwitzt Nip nach der Tour in den Wald mit den Zwillingen aussah, die zweifellos ein für den großen Jungen ungewohntes Tempo angeschlagen hatten. Wenn Nip von der Anstrengung müde genug war, würde er hoffentlich auch zu müde sein, um Ärger zu machen.

Schon bald brannte ein knisterndes Feuer auf der Lichtung, und ein paar der fettesten Kaninchen steckten auf Stöcken, sorgsam beobachtet von Del, der der beste Koch von uns war. Del streute etwas von den süß duftenden Blättern darüber, die er gesammelt hatte, und mir lief das Wasser im Mund zusammen.

Die besten Stücke bekam Peter, dann kam ich an die Reihe, und danach die anderen in der Reihenfolge der Größe, der Zeitspanne, die ein Junge schon auf der Insel war, und seiner derzeitigen Position in Peters Gunst. Also bekamen Nip und Charlie als Letzte etwas zu essen und auch die kleinsten Portionen.

Charlie biss trotzdem mit Genuss in das Kaninchenfleisch. Das winzige Stück Fleisch war mehr als genug für einen Jungen seiner Größe, ganz besonders wenn er vorher den ganzen Morgen so viele gelbe Früchte gegessen hatte, wie er bekommen konnte.

Nip blickte verächtlich auf den Fetzen Fleisch, den Del ihm hinhielt. »Was soll das? Wo ist der Rest?«

Del blickte unsicher zwischen Nip, mir und Peter hin und her. Peter hatte nicht vor, irgendetwas zu unternehmen. Er aß schmatzend und leckte sich nach jedem Bissen genüsslich die Lippen.