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Im September 2019 veröffentlichte die Deutsche Zoologische Gesellschaft öffentlichkeitswirksam ihre Jenaer Erklärung. Darin heißt es: "Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung." Bereits seit Jahrzehnten erklingt in der westlichen Welt scheinbar einstimmig die Forderung, den Rassenbegriff überhaupt nicht mehr auf Menschen anzuwenden und selbst aus altehrwürdigen Verfassungstexten zu tilgen. Eine "historische Verantwortung" vor dem Hintergrund von Kolonialismus und Rassismus steht dabei ebenso im Raum wie heutige Diskriminierungsverbote. Und wer heute im deutschsprachigen Raum aufwächst, hört von Kindesbeinen an: "Rassen gibt es nicht, wir sind alle gleich." Dabei weiß in Wahrheit jeder Mensch, was Rassen sind, und kann sie mit dem bloßen Auge problemlos erkennen. Was also steckt hinter dem Dogma "Rassen gibt es nicht"? Ist es wissenschaftlich fundiert, oder gibt es Gegenargumente? Wie konnte es sich bis heute immer weiter verfestigen? Dieses mutige Buch beleuchtet die Herkunft der "Rassenleugner", ihre allmähliche Durchsetzung im westlichen Geistesleben und die gravierenden Folgen für Forschungsfreiheit und wissenschaftlichen Diskurs.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Andreas Vonderach
Sozialwissenschaftengegen die Biologie
Umschlaggestaltung: DSR – Digitalstudio Rypka/Thomas Aldrian, Dobl Umschlagabb. Vorderseite: iStock/yacobchuk
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ISBN 978-3-99081-021-7
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Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, Wien
Druck und Bindung: Finidr, s.r.o., Český Těšín
Einleitung
Am Anfang war Boas
Ashley Montagu
Etablierung einer Zivilreligion
Die Durchsetzung des Populationskonzepts
Popanz Typologie
Der Sieg der Rassenleugner
Richard Lewontin
Alan R. Templeton
Der Einfluß des Konstruktivismus
Die Verdrängung des Rassenbegriffs aus der Lehre
Der neue Rassenrealismus
Sind Cluster Rassen?
„Lewontin’s fallacy“
Gibt es psychische Rassenunterschiede?
Der allgegenwärtige Rassismus
Und die Wahrheit biegt sich …
Ist der Rassenbegriff essentialistisch?
Kommentierte Bibliographie
Quellenverzeichnis
„Eine Menschenrasse ist eine Gruppe von Individuen, die eine kennzeichnende Vereinigung von normalen und erblichen Körpermerkmalen mit beschränkter Schwankungsbreite aufweist.“
Egon von Eickstedt: Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit, Stuttgart 1934, S. 10.
„Die Subspezies oder geographische Rasse ist eine taxonomisch lokalisierte Unterabteilung einer Art, die sich genetisch oder taxonomisch von anderen Unterabteilungen der Art unterscheidet.“
Ernst Mayr: Systematics and the Origin of Species from the Viewpoint of a Zoologist, New York 1942, S. 106.
„Rasse: Eine genetisch mehr oder weniger isolierte Gruppe von Menschen, die einen gemeinsamen Gen-Bestand aufweisen, der von dem der Angehörigen anderer ähnlicher Isolate verschieden ist.“
Curt Stern: Grundlagen der menschlichen Erblehre, Göttingen, Berlin u. Frankfurt a.M. 1955, S. 509.
„[…] durch viele korrelierte erbliche Merkmale charakterisierte Bevölkerungsgruppen bezeichnet man als ‚Rassen‘. […] Menschliche Rassen gibt es, wenn man sie definiert als Korrelations-Schwerpunkte erblicher Merkmale.“
Friedrich Vogel: „Die biologische Grundlage von Gruppenunterschieden beim Menschen“; in: Eckhard J. Dittrich u. Frank-Olaf Radtke (Hg.): Ethnizität. Wissenschaft und Minderheiten, Opladen 1990, S. 217–225, hier S. 217 u. 224.
Wer heute in Deutschland aufwächst, zur Schule geht oder an einer Universität studiert, der weiß: Rassen gibt es nicht. Seine Alltagserfahrung sagt ihm zwar etwas anderes, aber wenn die Lehrer und Professoren es behaupten, wird das schon auf irgendeine besonders kluge Weise wahr sein. Außerdem sagen nur Rassisten, daß es Rassen gebe, und das sind böse Menschen, die andere Menschen versklaven oder umbringen, nur weil die eine andere Hautfarbe haben. Und wer dann noch eine Vorlesung über Konstruktivismus gehört hat, gehört zu den Eingeweihten, die es besser wissen als die anderen, nämlich: Rassen gibt es nicht.
Doch wie konnte sich eine Auffassung, die so im Widerspruch zu aller Offenkundigkeit steht, durchsetzen? Jeder Mensch weiß doch, was Rassen sind, und kann sie augenblicklich problemlos erkennen.
In diesem Buch zeichne ich den Verlauf nach, den das Paradigma „Rassen gibt es nicht“ von seinen ersten Anfängen in den 1940er Jahren bis zu seiner allgemeinen Durchsetzung in der westlichen Welt genommen hat. Auf welchen Fakten und Argumenten beruht es? Und ist es berechtigt, oder gibt es auch Gegenargumente? Wie konnte es sich bis heute immer weiter verfestigen?
Seit den 1890er Jahren war in der amerikanischen Anthropologie – sie umfaßte, anders als in Europa, sowohl die biologische Anthropologie als auch Kulturanthropologie (Ethnologie) und die vergleichende Sprachwissenschaft – Franz Boas die beherrschende Persönlichkeit. Der amerikanische Ethnologe Marvin Harris nennt ihn „one of the most influential figures in the history of social science“1. Und der amerikanische Wissenschaftshistoriker Carl Dengler schreibt: „Boas’ Einfluß auf die amerikanischen Sozialwissenschaftler in Sachen Rasse kann kaum übertrieben werden.“2
Franz Boas (1858–1942) war im westfälischen Minden als Sohn jüdischer Eltern geboren worden. Er hatte seine wissenschaftliche Ausbildung noch in Deutschland als Schüler von Adolf Bastian erhalten und war 1887 in die Vereinigten Staaten emigriert – der Legende nach, weil er für sich als Juden im damaligen Deutschland nur wenige Chancen auf einen Lehrstuhl sah, tatsächlich wohl wegen seiner Verlobung mit einer Amerikanerin.3 In Amerika erlangte er 1896 eine Dozentur für Anthropologie an der Columbia-Universität in New York, wo er 1899 auch eine Professur erhielt. Als Ordinarius an der Columbia-Universität hatte Boas in der jungen US-Anthropologie eine Schlüsselstellung inne. Diese stand erst am Anfang ihrer Etablierung als Universitätswissenschaft. Boas war eine charismatische Persönlichkeit, die viele Schüler für sich einnehmen konnte. Es gelang ihm, etliche seiner Schüler auf den neugeschaffenen anthropologischen Lehrstühlen an amerikanischen Universitäten zu plazieren.
Boas, der von der geisteswissenschaftlichen Schule des deutschen Philosophen Wilhelm Dilthey (1833–1911) geprägt war, wurde zum Begründer des amerikanischen Kulturrelativismus. Er wandte sich gegen die in der damaligen Ethnologie verbreitete Vorstellung des Evolutionismus, wonach die menschlichen Kulturen verschiedene Entwicklungsstufen von den steinzeitlichen Jägern und Sammlern bis zur modernen Industriegesellschaft repräsentierten. Er lehnte den Evolutionismus vor allem deswegen ab, weil er die Vorstellung einer unterschiedlichen Wertigkeit nicht nur der Kulturen, sondern auch der Rassen nahelegte. Boas war überzeugt, daß die „psychische Grundlage kultureller Merkmale bei allen Rassen identisch ist“4. Nach Boas’ Meinung ist jede Kultur durch eine spezifische Kombination von Kulturmerkmalen und -inhalten definiert. Welche aber diese Merkmale sind, sei historisch zufällig entstanden und durch keinen zwingenden Zusammenhang bedingt. Jede Kultur habe ihre eigenen Wertvorstellungen und sei nur aus sich selbst heraus verstehbar.
Boas förderte konsequent nur solche Schüler, die seine politischen und wissenschaftlichen Prämissen teilten. Wie sein Schüler Alfred L. Kroeber berichtet, verlangte er, daß man „kompromißlos dieselben Werte anerkannte wie er selbst“5. Um 1915 kontrollierten die Boasianer die American Anthropological Association und verfügten über eine Zweidrittelmehrheit in deren Vorstand.6 Und um 1926 wurde jede größere anthropologische Fakultät in den USA von Boas-Schülern geleitet, von denen die meisten Juden waren.7
Boas vertrat eine extrem milieutheoretische Auffassung von der Natur des Menschen. Angesichts der gewaltigen Macht des kulturellen Milieus seien genetische Einflüsse „gänzlich irrelevant“8. Boas ging zwar nicht so weit, die Existenz von Rassenunterschieden generell zu leugnen, meinte aber bereits 1894, daß sie für kulturelle und individuelle Entwicklungsunterschiede und damit auch für die (Kultur-)Anthropologie und Ethnologie irrelevant seien.9 Seine Schülerin Margaret Mead schrieb, daß „wir niemals nach psychologischen Erklärungen sozialer Phänomene suchen sollten, solange die Erklärungsversuche im Sinne der Kultur noch nicht ausgeschöpft sind“10. Boas’ Buch „The Mind of Primitive Man“ von 1911 wurde vom amerikanischen Anthropologen Leslie Spier die „Magna Charta der Rassengleichheit“ genannt.11
In diesem Buch, das auf die physische Anthropologie nur wenig einging, führte Boas die Eigenschaften der Naturvölker auf ihre von der Biologie unabhängigen Kulturen zurück. Er räumte zwar ein, daß die Negriden ein wenig altertümlichere physische Merkmale und ein kleineres Gehirn besitzen; das habe aber mit ihren kognitiven Eigenschaften nichts zu tun. Sein wichtigstes Argument gegen die Ansicht, daß mit der morphologischen Altertümlichkeit auch eine psychische einhergehe, war, daß es keine Korrelation von Gehirngröße und Intelligenz gebe.12 Dieses Argument taucht teilweise auch noch heute in der „antirassistischen“ Literatur auf, obwohl es schon lange durch viele Untersuchungen widerlegt ist. Die Korrelation zwischen Intelligenz und Gehirngröße beträgt gemessen an der Schädelkapazität 0,3 und mit modernen bildgebenden Verfahren gemessen 0,4 (Korrelationsgrade werden in Werten von 0,0 bis 1,0 ausgedrückt).
Boas’ Überzeugung von der „Plastizität“ des Menschen ging aber noch weiter und bezog dessen physisches Erscheinungsbild mit ein. In einer großangelegten Untersuchung der Schädel von europäischen Einwanderern aus verschiedenen Ländern kam er zu dem Schluß, daß sich die unterschiedlichen Kopfformen auch ohne Vermischung, nur durch das Milieu, schon in der nächsten Generation an eine mittlere amerikanische Kopfform anglichen. Boas’ Arbeit wurde weltweit zitiert und galt als Beleg für die Formbarkeit des Menschen durch seine Umwelt. Erst im Jahr 2001 ergaben Nachprüfungen der Untersuchung durch den amerikanischen Anthropologen Richard L. Jantz, daß Boas’ Schlüsse nicht zu halten sind – daß die Daten vielmehr die genetische Verankerung und die Umweltstabilität der Kopfform belegten und Boas folglich seine Daten manipuliert haben mußte.13
Zu Boas’ Schülern, die in der Folge die amerikanische Ethnologie bis in die 1970er Jahre hinein dominierten, gehörten Ruth Benedict (1887–1948), Margaret Mead (1901–1978), Alfred L. Kroeber (1876–1960), Ashley Montagu (1905–1999), Abram Kardiner (1891–1981) und Geoffrey Gorer (1905–1985). Die Boas-Schule sah die Kulturen durch Erlerntes geprägt. Menschliches Verhalten sei kulturell bedingt und damit äußerst variabel. „Eine Kultur stellt, einem Individuum vergleichbar, ein mehr oder weniger konsistentes Denk- und Handlungsmuster dar“, schrieb Ruth Benedict.14 Dabei sei jede Kultur im Prinzip so gut wie jede andere. Unsere eigene Kultur zu bevorzugen, sei provinziell, imperialistisch und beruhe auf „Rassenvorurteilen“ (Ruth Benedict).
Für die Vertreter der Boas-Schule, die vielfach – wie Boas selbst – ethnischen oder sexuellen Minderheiten angehörten (viele stammten als jüdische Emigranten aus Europa, Ruth Benedict und Margaret Mead waren ein lesbisches Paar), war die eigene Kultur nicht ein positiver Bestandteil der eigenen Identität, sondern etwas, von dem sie sich bedroht und eingeengt fühlten und von dem man sich befreien müsse und auch könne. Erst wenn es gelinge, die „Fesseln der Tradition“ abzuwerfen, so meinte Boas, sei eine freie Gesellschaft möglich. Er schrieb: „In der Tat basieren wohl alle meine Gedanken über das Sozialleben auf folgender Frage: Wie kann man erkennen, welche Fesseln uns die Vergangenheit anlegt? Wenn wir sie erkennen, können wir sie auch brechen.“15 Die Feindseligkeit der heutigen Linken unserer eigenen Kultur gegenüber hat hier eine ihrer Wurzeln.
Die metapolitische Botschaft der Kultur-und-Persönlichkeit-Schule war offensichtlich und wurde auch so verstanden: Kulturen sind von Menschen gemacht und damit veränderbar. Die jüdischen Wissenschaftler hatten sich oft unter inneren Kämpfen von ihrer jüdischen Ursprungkultur losgesagt und fühlten sich zugleich von der nichtjüdischen Mehrheitskultur bedroht. Hinzu kamen das traditionelle jüdische Auserwähltheitsgefühl und der Messianismus, die sie nun auf eine säkulare Menschheitsutopie übertrugen.16 Sie verstanden unter „Rassismus“ in erster Linie Antisemitismus und nahmen ihn entsprechend persönlich, ein Aspekt, der ihren Gegnern oft nicht bewußt war. Viele jüdische Organisationen wie das American Jewish Committee (AJC) unterstützten in den 1930er Jahren die Forschungen Franz Boas’ und seiner Schüler auch finanziell.
Indem man die Institutionen und Überzeugungen einer Gesellschaft verändere, sei es möglich, auch die Persönlichkeiten zu ändern und einen neuen, emanzipierten („befreiten“) Menschen zu schaffen. Die Boasianer glaubten an die Möglichkeit der sozialtechnischen Herstellbarkeit einer globalen Rassengleichheit.17 Eine Allmachtphantasie, die bis heute hinter vielen linken Politikvorstellungen steckt. Wären erst einmal alle Rassenvorurteile beseitigt und spielten körperliche Unterschiede keine Rolle mehr, stünde einer universalen Gleichheit nichts mehr im Wege.18 Daß diese zugleich die Auflösung der traditionellen Kulturen und Ethnien bedeuten würde, die man ja (abgesehen von der eigenen) zu schützen vorgab, machte man sich nicht bewußt. Letztlich waren die Überzeugungen der Boasianer keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern spekulativ begründete ideologische Postulate.
Boas verstand sich nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als politischer Aktivist, der leidenschaftlich den „Rassismus“ und den Antisemitismus bekämpfte und sich für die Belange der amerikanischen Schwarzen einsetzte. Wissenschaft war für Boas, wie er selbst sagte, „Politik im Kleinen“19. Nicht in den genetisch bedingten Eigenschaften der Afroamerikaner, sondern in deren rassistischer Diskriminierung lägen die Ursachen ihrer sozialen Situation.20 Erst wenn es eine umfassende Vermischung der Schwarzen mit der weißen Bevölkerung gäbe, nur wenn die Schwarzen vollständig in den Weißen aufgingen, könnten die Probleme der afroamerikanischen Bevölkerung gelöst werden.21
Boas war Mitglied zahlreicher politisch links ausgerichteter Organisationen.22 Seit 1920 führte das FBI eine Akte über ihn.23 In dieser werden allein 19 kommunistische Organisationen angeführt, denen Boas angehörte, darunter die Society for Cultural Relations with Russia, das American Committee for the Defense of Leon Trotzky, das National Committee for the League Against Fascism und die Association for the Advancement of Atheism.
„Sowjetrußland stand für das Ende der Unterscheidungen“, schreibt der jüdisch-amerikanische Historiker Yuri Slezkine (geb. 1956). „Die Problematik des Nationalstaates sollte durch Abschaffung der Nationen und aller Staaten gelöst werden. Die jüdische Frage sollte zusammen mit allen Fragen, die sich je gestellt haben, nebenbei mitgelöst werden.“24 Und der israelische Historiker Jacob L. Talmon (1916–1980) schreibt: „Die Juden nahmen Rache an einer feindlichen Welt in völlig neuer Weise […], indem sie die Menschen von jeder Religion befreiten, von jedem patriotischen Gefühl.“25
Boas radikale Entwertung des Rassenbegriffs wurde von den nichtjüdischen Anthropologen zunächst nicht ernst genommen und als Parteilichkeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft angesehen.26 Dennoch gerieten diese immer mehr in die Defensive, was sich zum Beispiel darin äußerte, daß sich amerikanische Anthropologen wie Ernest A. Hooton (1887–1954) oder Carleton S. Coon (1904–1981) – beide angelsächsischer Herkunft – in ihren Büchern auf die rein körperlichen Merkmale beschränkten und psychische Merkmale ausklammerten.
Vor dem Hintergrund des aufsteigenden Nationalsozialismus fanden die Vorstellungen der Boasianer ab den 1930er Jahren in der gebildeten Bevölkerung breite Akzeptanz. Man glaubte jetzt, daß es „aufgeklärt“ sei, zu behaupten, daß Rassenunterschiede belanglose Äußerlichkeiten seien. Keiner wagte mehr, von Rassenunterschieden zu sprechen – aus Angst, den Anschein zu erwecken, er würde für die Sache der Nationalsozialisten eintreten.
1MARVIN HARRIS zit. n. EGON RENNER: „Franz Boas’ Historismus und seine Rolle bei der Begründung der amerikanischen Ethnologie“; in: MICHAEL DÜRR, ERICH KASTEN u. EGON RENNER (Hg.): Franz Boas. Ethnologe – Anthropologe – Sprachwissenschaftler. Ein Wegbereiter der modernen Wissenschaft vom Menschen, Wiesbaden 1992, S. 125–167, hier S. 125.
2CARL N. DEGLER: In Search of Human Nature. The Decline and Revival of Darwinism in American Social Thought, New York u. Oxford 1991, S. 61.
3THOMAS HAUSCHILD: „Kultureller Relativismus und anthropologische Nationen. Der Fall der deutschen Völkerkunde“; in: ALEIDA ASSMANN, ULRICH GAIER u. GISELA TROMMSDORFF (Hg.): Positionen der Kulturanthropologie, Frankfurt a.M. 2004, S. 121–147, hier S. 144.
4FRANZ BOAS: The Mind of Primitive Man, New York 1911, S. 24; zit. n. DEREK FREEMAN: Liebe ohne Aggression. Margaret Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker, München 1983, S. 52.
5Zit. n. ABRAM KARDINER u. EDWARD PREBLE: Wegbereiter der modernen Anthropologie, Frankfurt a.M. 1974, S. 145.
6GEORGE W. STOCKING: Race, Culture, and Evolution. Essays in the History of Anthropology, New York 1968, S. 285.
7KEVIN B. MACDONALD: Die Kultur der Kritik. Eine evolutionäre Analyse jüdischer Einflüsse auf intellektuelle und politische Bewegungen des 20. Jahrhunderts, Gröditz 2013, S. 107 f.
8FRANZ BOAS: „Race“, in: Encyclopaedia of the Social Sciences 13, 1934, S. 34, zit. n. FREEMANN, Liebe ohne Aggression, S. 334.
9BERNHARD TILG: „Franz Boas’ Stellungnahmen zur Frage der ‚Rasse‘ und sein Engagement für die Rechte der Afroamerikaner“; in: HANS-WALTER SCHMUHL (Hg.): Kulturrelativismus und Antirassismus. Der Anthropologe Franz Boas (1858–1942), Bielefeld 2009, S. 85–99, hier S. 87.
10Zit. n. FREEMAN: Liebe ohne Aggression, S. 78.
11ERICH KASTEN: „Franz Boas: Ein engagierter Wissenschaftler in der Auseinandersetzung mit seiner Zeit“; in: DÜRR, KASTEN u. RENNER: Franz Boas, S. 7–37, hier S. 33.
12FRANZ BOAS: Kultur und Rasse, 2. unveränd. Aufl., Berlin u. Leipzig 1922.
13COREY S. SPARKS u. RICHARD L. JANTZ: „A Reassessment of Human Cranial Plasticity: Boas revisited“; in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 99, 2002, S. 14636–14639.
14RUTH BENEDICT: Urformen der Kultur, Hamburg 1955; zit. n. SYLVIA M. SCHOMBURG-SCHERFF: „Ruth Fulton Benedict: Patterns of Culture“; in: CHRISTIAN F. FEEST u. KARL-HEINZ KOHL (Hg.): Hauptwerke der Ethnologie, Stuttgart 2001, S. 41–47, hier S. 43.
15Zit. n. KARDINER u. PREBLE: Wegbereiter, S. 141.
16JUSTIN STAGL: Kulturanthropologie und Gesellschaft. Wege zu einer Wissenschaft, München 1974, S. 86.
17CHRISTIAN GEULEN: „Franz Boas und der Kulturdeterminismus“; in: SCHMUHL: Kulturrelativismus und Antirassismus, S. 121–139, hier S. 131.
18Ebd., S. 132.
19CHRISTIAN GEULEN: „Blonde bevorzugt. Virchow und Boas: Eine Fallstudie zur Verschränkung von ‚Rasse‘ und ‚Kultur‘ im ideologischen Feld der Ethnizität um 1900“; in: Archiv für Sozialgeschichte 40 (2000), S. 147–170, hier S. 169.
20SILKE HENSEL: „Immigration und Rassendiskurs in den USA. Der Beitrag Franz Boas’ zum Niedergang rassistischer Wissenschaft und Politik“; in: SCHMUHL: Kulturrelativismus und Antirassismus, S.101–120, hier S. 110.
21Ebd., S. 111.
22FRIEDRICH PÖHL: „Einleitung“; in: FRIEDRICH PÖHL u. BERNHARD TILG (Hg.): Franz Boas – Kultur, Sprache, Rasse. Wege einer antirassistischen Anthropologie, Wien u. Münster 2009, S. 1–25, hier S. 19.
23BERNHARD TILG: „Gegen den Strom der Zeit. Franz Boas, ein Anti-Rassist und politischer Aktivist“; in: PÖHL u. TILG: Kultur, Sprache, Rasse, S. 97–110, hier S. 105 f.
24YURI SLEZKINE: Das jüdische Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 213.
25JACOB L. TALMON: Israel Among the Nations, London 1970, S. 25.
26VERONIKA LIPPHARDT: „‚Investigation of Biological Changes‘. Franz Boas in Kooperation mit deutsch-jüdischen Anthropologen, 1929–1940“; in: SCHMUHL: Kulturrelativismus und Antirassismus, S. 163–185, hier S. 165.
Eine Vorreiterrolle bei der Tabuisierung des Rassenbegriffs spielte Boas’ Schüler Ashley Montagu. Montagu war 1905 als Israel Ehrenberg im Londoner Arbeiterviertel East End geboren worden und hatte am Londoner Universitätskolleg Psychologie und Anthropologie studiert. Dort legte er sich den nach altem englischen Adel klingenden Namen Ashley Montagu – Montagu stammt aus dem Normannischen – und einen Oberschicht-Akzent zu, den er sein Leben lang beibehalten sollte. Montagu hatte einen tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex und mißtraute seinen Mitmenschen. „Wenn man als Jude aufgewachsen ist, dann weiß man, daß alle Nichtjuden Antisemiten sind. […] Ich denke, das ist eine gute Ausgangshypothese.“27
1926 ging Montagu nach Amerika, wo er nach einigen Jahren Doktorand von Franz Boas an der Columbia-Universität in New York wurde. Boas’ Einfluß auf ihn war so stark, daß Montagu von der „Neuerschaffung des Ashley Montagu“ sprach. Wie Boas gehörte auch Montagu zahlreichen kommunistischen Organisationen an. 1942, während des Zweiten Weltkriegs, erschien Montagus Buch „Man’s Most Dangerous Myth: The Fallacy of Race“, in dem er offensiv die Boassche Position zum Rassenbegriff vertrat. Dieser sei teilweise willkürlich, tendenziell rassistisch und sollte durch den Begriff „ethnische Gruppe“ ersetzt werden.28
Montagus Buch war der Grund dafür, daß er 1950 als Vorsitzender eines internationalen Komitees von Fachleuten mit der Formulierung des Texts einer UNESCO-Resolution gegen Rassismus beauftragt wurde. Zu dem Komitee gehörten acht Kulturanthropologen und Sozialwissenschaftler, darunter neben Montagu der Franzose Claude Lévi-Strauss und der Brite Morris Ginsberg, aber kein physischer Anthropologe.
In der am 18. Juli 1950 veröffentlichten Erklärung hieß es – völlig zu Recht –, „daß Gleichheit als ethisches Prinzip in keiner Weise von der Behauptung abhängt, die Menschen seien tatsächlich gleich ausgestattet.“ Die Erklärung bestritt zwar nicht die Existenz von Rassen, behauptete aber: „Rasse ist weniger ein biologisches Phänomen als vielmehr ein gesellschaftlicher Mythos“, und sprach sich dafür aus, den Begriff der Rasse abzuschaffen und durch die Bezeichnung „ethnische Gruppe“ zu ersetzen. Es hieß darin außerdem, es gebe „keinen Beweis, daß die Menschengruppen sich in ihren angeborenen Eigenschaften unterscheiden, sei es in Intelligenz oder im Temperament. Die wissenschaftlichen Befunde deuten darauf hin, daß das Spektrum der geistigen Fähigkeiten bei allen ethnischen Gruppen ziemlich gleich ist […].“29
