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Was passiert, wenn sich der Kapitalismus zunehmend der Demokratie entzieht? Die Beiträger*innen plädieren für mehr Demokratie am Arbeitsplatz, um das Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Gesellschaft wiederherzustellen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive analysieren sie die Erfahrungen der heutigen Arbeitswelt, erklären die Ursachen der Krise und entwerfen Vorschläge für eine Reform und demokratische Erneuerung der ökonomischen Sphäre. So werden interdisziplinäre Ansatzpunkte für die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft sichtbar, die den demokratischen Prinzipien unserer Gesellschaft entspricht.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2025
Isabelle Ferreras ist Senior Tenured Fellow beim Belgian National Fund for Scientific Research in Brüssel, Professorin für Soziologie an der Katholieke Universiteit Leuven und Senior Research Associate des Labor and Worklife Program an der Harvard Law School.
Julie Battilana ist Joseph C. Wilson Professorin für Business Administration an der Harvard Business School und Alan L. Gleitsman Professorin für soziale Innovation an der Harvard Kennedy School, wo sie auch Gründerin und Vorsitzende der Social Innovation and Change Initiative ist.
Dominique Méda ist Professorin für Soziologie und Direktorin des Instituts für interdisziplinäre Forschung in den Sozialwissenschaften (IRISSO) an der Université Paris Dauphine-PSL, wo sie den Lehrstuhl für Ökologie, Arbeit und Beschäftigung des Studiengangs Global Studies der FMSH innehat.
Isabelle Ferreras, Julie Battilana, Dominique Méda (Hg.)
Die Demokratisierung der Arbeit
Ein Plädoyer zur Reorganisation unserer WirtschaftÜbersetzt aus dem Englischen von Markus Pausch
Gefördert durch das Netzwerk Wissenschaft der Arbeiterkammer Wien und die Arbeiterkammer Salzburg
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de/ abrufbar.
2025 © transcript Verlag, Bielefeld
Hermannstraße 26 | D-33602 Bielefeld | [email protected]
Originally published as »Le Manifeste Travail: Démocratiser, démarchandiser, dépolluer« (Isabelle Ferreras, Julie Battilana, Dominique Méda) by Editions du Seuil, Paris 2020. All rights reserved.
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.
Umschlaggestaltung: Maria Arndt
Druck: Elanders Waiblingen GmbH, Waiblingen
Lektorat und Korrektorat: Angelika Wulff
https://doi.org/10.14361/9783839474471
Print-ISBN: 978-3-8376-7447-7 | PDF-ISBN: 978-3-8394-7447-1 | ePUB-ISBN: 978-3-7328-7447-7
Buchreihen-ISSN: 2702-9050 | Buchreihen-eISSN: 2702-9069
Vorwort zur deutschen Ausgabe
MANIFEST
Arbeit. Demokratisieren. Nachhaltig gestalten
Einleitung
Für eine gerechtere, demokratischere und grünere Gesellschaft
Julia Battilana
Vom politisch Unmöglichen zum politisch Unvermeidbaren
Ins Handeln kommen
Isabelle Ferreras
Unternehmen demokratisieren… Warum und wie?
Hélène Landemore
Die gleiche Würde für alle Bürger:innen bedeutet gleiche Mitsprache am Arbeitsplatz
Die Bedeutung epistemischer Gerechtigkeit
Lisa Herzog
Demokratisierung der Arbeit, um die zunehmenden Ungleichheiten zu bekämpfen
Imge Kaya-Sabanci
Arbeit in Würde
Adelle Blackett
Doppelte Mehrheiten für Unternehmensleitungen
Sara Lafuente
Die Rettung des Journalismus durch eine Dekommodifizierung der Medien
Julia Cagé
Die Dekommodifizierung der Arbeit: Die Wirkmacht einer Jobgarantie
Pavlina R. Tcherneva
Alle Arbeiter:innen produzieren Wert
Neera Chandhoke
Der subalterne Arbeiter:innen-Körper spricht; werden die Privilegierten zuhören?
Flávia Máximo
Die Erhaltung des Lebens auf diesem Planeten
Alyssa Battistoni
Arbeiten gegen ein Ende: Die Weichen stellen für einen Neuanfang
Dominique Méda
Danksagung
Über die Autorinnen
Was bedeutet Arbeit für eine demokratische Gesellschaft und wie sollte Arbeit organisiert sein, um mit demokratischen Werten im Einklang zu stehen? Diese Fragen tauchen immer wieder im öffentlichen Diskurs auf, insbesondere angesichts technischer Umbrüche, wie sie z.B. durch künstliche Intelligenz zu erwarten sind. Von besonderer Bedeutung waren sie jedoch während der Corona-Lockdowns der Jahre 2020–2022, als sich auf einmal mit selten dagewesener Klarheit zeigte, welche Tätigkeiten zumindest für eine Zeit auch ins Homeoffice verschoben werden konnten, und welche so »systemrelevant« waren, dass sie trotz großer Risiken für die Arbeitenden auch während der Pandemie weiterhin ausgeführt werden mussten. Es gab Applaus auf Balkonen für Pflegekräfte und Aufrufe dazu, die Arbeit der Kinder- und Angehörigenbetreuung, die während der Pandemie viele Familien in höchstem Maß forderte, stärker wertzuschätzen. Es schien sich die Gelegenheit zu bieten, Fragen nach Arbeit und Gerechtigkeit, nach dem Verhältnis von bezahlter und unbezahlter Arbeit und nach dem Wesen von Arbeits-»Märkten« neu zu stellen.
In diesem Kontext entstand im Sommer 2020 dieses Buch, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Ausgangspunkt war ein Manifest über die Demokratisierung, Dekommodifizierung und Dekarbonisierung von Arbeit, das im Mai 2020 von über 3000 Menschen unterzeichnet und in über 30 Ländern parallel erschienen war. Möglich wurde dies dank der Mobilisierung internationaler Netzwerke in der Wissenschaft, Gewerkschaftswelt und Welt der Kooperativen. Arbeit, so die Kernaussage, muss von den arbeitenden Menschen her verstanden werden; sie muss demokratisch organisiert, den ungeregelten Kräften des Marktes entzogen und in Einklang mit den planetaren Grenzen gebracht werden. Diese Aussagen fanden angesichts der Erschütterungen, die die Corona-Krise ausgelöst hatte, einen breiten Widerhall in den internationalen Medien.
Kurz danach haben die Initiatorinnen dieses Manifests – die Herausgeberinnen dieses Buches – auf Einladung von Éditions du Seuil ein Buch zusammengestellt, in dem führende Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Ländern die Aussagen des Manifests in einer Art Staffellauf kommentierten. Auf die französische folgten mehrere anderssprachige Ausgaben, wobei die vorliegende deutsche Ausgabe der englischen Fassung von Chicago University Press folgt. Neben der Publikationstätigkeit organisierte das Netzwerk 2021 ein digitales »Global Forum« zu den Themen des Manifests und bietet seitdem – sowohl im internationalen Netzwerk, als auch auf Ebene der nationalen Kapitel – Webinare und andere Veranstaltungen an.1
Manche Bezüge in den Texten sind aus dem Entstehungskontext der Corona-Pandemie heraus zu verstehen, und wurden bei der Erarbeitung der deutschen Übersetzung teilweise kommentiert oder sanft angepasst. Doch die Themen des Buches sind auch darüber hinaus von Bedeutung. Auch wenn »Neoliberalismus« für viele nur noch ein abgenutzter Kampfbegriff sein mag – in den Praktiken der Arbeitswelt vieler Länder ist der fehlende Schutz für Arbeitende, und die Betrachtung von Arbeit rein aus der Perspektive der Kostenminimierung, tägliche Realität. Die Errungenschaften der Arbeiterbewegung – Mitbestimmung, Tariflöhne, Betriebsräte etc. – beschützen nur noch ein Teil der Arbeitnehmer:innenschaft, während andere, z.B. in Scheinselbständigkeit, auch in Europa Bedingungen ausgesetzt sind, die man vielleicht gerne als »doch nicht bei uns« abtäte. Die internationale Perspektive des Buches zeigt auf, wie viel Europa zu verlieren hat, wenn es das, was dort historisch aufgebaut wurde, leichtfertig preisgibt – aber auch, dass Weiterentwicklungen möglich und nötig sind.
Die deutsche Fassung wäre nicht ohne die Initiative einer Reihe von Menschen zustande gekommen, denen wir an dieser Stelle unseren Dank aussprechen möchten. An erster Stelle ist Markus Pausch vom Verein für Demokratie und Dialog zu nennen, der nicht nur einen Großteil der Übersetzungsarbeit übernahm, sondern auch die Finanzierung organisierte. Éditions du Seuil und Chicago University Press danken wir für die Erlaubnis, die deutsche Übersetzung zu erstellen. Beim Verlag transcript danken wir Linda Mönnikes und Jakob Horstmann, sowie Angelika Wulff für ihr Lektorat. Last but not least gilt unser Dank dem Netzwerk Wissenschaft der AK Wien und der AK Salzburg für die großzügige Finanzierung der deutschen Fassung.
Lisa Herzog, für die Herausgeberinnen und Autorinnen
1Die Aktivitäten sind auf https://democratizingwork.org/ dokumentiert.
Der folgende Text wurde innerhalb von 15 Tagen vor seiner Veröffentlichung von mehr als dreitausend Akademiker:innen1 unterzeichnet, die an mehr als 650 akademischen Einrichtungen weltweit arbeiten. Er wurde am 16. und 17. Mai in dreiundvierzig nationalen Zeitungen und Presseorganen auf fünf Kontinenten veröffentlicht, darunter die folgenden: Ambito (Argentinien), The Guardian (Australien), De Morgen (Belgien), Le Soir (Belgien), La Folha de Sao Paulo (Brasilien), Diario y Radio de la Universidad de Chile (Chile), Made in China Journal (China), A2larm (Tschechische Republik), Politiken (Dänemark), Pressenza (Ecuador), Delfi (Estland), Helsingin Sanomat (Finnland), Le Monde (Frankreich), Die Zeit (Deutschland), Epohi (Griechenland), South China Morning Post (Hongkong), Stundin (Island), The Wire (Indien), Meidaan (Iran), Davar (Israel), Il Manifesto (Italien), As-Safir Al-Arabi (Libanon), Média24 (Marokko), Lakome2 (Marokko), De Groene Amsterdammer (Niederlande), Klassekampen (Norwegen), El Comercio (Peru), Disonancia (Peru), Gazeta Wyborcza (Polen), Krytyka Polityczna (Polen), Diário de Notícias (Portugal), Publico (Spanien), El Diario (Spanien), La Vanguardia (Spanien), Le Temps (Schweiz), La Presse (Tunesien), Assahafa (Tunesien), Barr al Aman (Tunesien), Cumhuriyet (Türkei), The Guardian (Vereinigtes Großbritannien), La Diaria (Uruguay), The Boston Globe (Vereinigte Staaten).
Arbeitende Menschen sind sehr viel mehr als bloße Ressourcen. Dies ist eine der zentralen Lehren aus der gegenwärtigen Krise. Die Pflege von Kranken, die Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Gütern, die Beseitigung unseres Abfalls, das Auffüllen der Regale und das Bedienen der Kassen in unseren Lebensmittelgeschäften: Die Menschen, die das Leben durch die Covid-19-Pandemie hindurch am Laufen halten, sind der lebende Beweis dafür, dass Arbeit nicht auf ein bloßes Gut reduziert werden kann. Die Sorge um die menschliche Gesundheit und die Versorgung der Schwächsten kann nicht allein von Marktkräften geregelt werden. Sonst laufen wir Gefahr, die Ungleichheiten so weit zu verschärfen, dass wir das Leben der am stärksten benachteiligten Gruppen aufs Spiel setzen.
Wie lässt sich ein solches Szenario vermeiden? Durch die Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Zukunft am Arbeitsplatz betreffen – durch die Demokratisierung der Unternehmen. Und indem man Arbeit dekommodifiziert – indem eine sinnvolle Beschäftigung für alle gemeinsam garantiert wird. Angesichts der enormen Gefahren einer Pandemie und eines ökologischen Zusammenbruchs würden uns diese strategischen Veränderungen ermöglichen, die Würde aller Bürgerinnen und Bürger zu bewahren und gleichzeitig die kollektive Kraft und Anstrengung zu bündeln, die wir brauchen, um unser gemeinsames Leben auf diesem Planeten zu erhalten.
Jeden Morgen stehen Männer und Frauen auf – besonders auch die Angehörigen von Minderheiten, Migrant:innen und diejenigen in der informellen Ökonomie –, um denjenigen unter uns Dienste zu leisten, die in Quarantäne bleiben können. Die Würde der Arbeit dieser Dienstleister drückt sich in keinem Begriff besser aus als in dem der »Systemrelevanz«. Dieses Wort enthüllt auch einen entscheidenden Umstand, den der Kapitalismus schon lange mit einem anderen Begriff unsichtbar zu machen versuchte: Menschen sind nicht nur eine Ressource unter vielen, auch wenn der Begriff »Human Resources« das impliziert. Ohne diejenigen, die ihre Arbeitskraft investieren, gäbe es keine Produktion und keine Dienstleistungen.
Diejenigen Männer und Frauen dagegen, die in Quarantäne sind, stehen jeden Tag in ihren Häusern auf, um aus der Ferne die Aufgaben der Organisationen zu erfüllen, für die sie arbeiten. Sie beweisen denjenigen das Gegenteil, die glauben, dass man Angestellten nicht zutrauen kann, ihre Arbeit ohne Aufsicht zu erledigen; sie müssen nicht überwacht und extern diszipliniert werden. Sie führen Tag für Tag vor, dass Arbeitnehmer:innen nicht nur eine Art von Stakeholder unter vielen sind: Sie sind der Schlüssel zum Erfolg ihrer Arbeitgeber:innen. Sie sind die Kerngruppe des Unternehmens, aber dennoch sind sie meist von der Beteiligung an der Führung der Unternehmen ausgeschlossen – ein Recht, das von der Kapitalseite monopolisiert wird.
Wenn man sich ernsthaft fragt, wie die Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes diese Beiträge ihrer Mitarbeitenden in Krisenzeiten anerkennen könnten, ist die Antwort: durch Demokratisierung. Gewiss, wir müssen die Kluft der Einkommensungleichheit schließen und die Mindestlöhne erhöhen – aber das allein reicht nicht aus. Nach den beiden Weltkriegen war der unbestreitbare Beitrag der Frauen zur Gesellschaft ein wichtiger Faktor dafür, ihnen das Wahlrecht zuzugestehen. Jetzt ist es aus den gleichen Gründen an der Zeit, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Stimmrechte in den Firmen zu verleihen.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es in Europa die Vertretung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch Betriebsräte. Diese Vertretungsorgane haben jedoch oft nur eine schwache Stimme in der Unternehmensleitung und sind den Entscheidungen der von den Aktionär:innen ernannten Führungsriegen untergeordnet. Sie waren nicht in der Lage, die unerbittliche Dynamik der Kapitalakkumulation zu verhindern, die immer stärker zur Zerstörung unserer Umwelt beiträgt. Diesen Arbeitnehmervertretungen sollten gleiche Rechte eingeräumt werden wie den Aufsichtsräten. Die Unternehmensleitung (d.h. die oberste Führungsebene) könnte verpflichtet werden, für Entscheidungen doppelte Mehrheiten zu erhalten: sowohl von einer Arbeitnehmer:innen – als auch von einer Aktionär:innenkammer.
In Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Skandinavien waren verschiedene Formen der Mitbestimmung, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach eingeführt worden waren, ein entscheidender Schritt, um den Arbeitnehmer:innen eine Stimme zu geben – aber sie reichten nicht aus, um echte Teilhabe in den Unternehmen zu schaffen. Sogar in den Vereinigten Staaten, wo das Recht auf gewerkschaftliche Organisation stark unterdrückt wurde, wird inzwischen zunehmend gefordert, Arbeitnehmer:innen das Recht einzuräumen, Delegierte mit einer qualifizierten Mehrheit in die Aufsichtsräte zu wählen. Fragen wie die Wahl des – oder auch der! – CEO, die Festlegung wichtiger Strategien und die Gewinnverteilung sind zu wichtig, um sie den Aktionär:innen allein zu überlassen. Diejenigen, die ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ja, ihr Leben, in eine Firma investieren, sollten auch das kollektive Recht haben, derartigen Entscheidungen zuzustimmen oder ein Veto einzulegen.
Diese Krise zeigt auch, dass nicht Marktmechanismen allein das Sagen über die Entscheidungen haben können, die für unsere Gesellschaften so zentral sind. Seit Jahren unterliegen die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Beschaffung von Material im Gesundheitssektor dem Prinzip der Profitabilität. Die Pandemie zeigte, wie sehr dieses Prinzip uns blind gemacht hat. Bestimmte strategische und kollektive Bedürfnisse müssen gegen Rentabilitätsüberlegungen immun gemacht werden. Die weltweit steigende Zahl der Todesopfer mahnt schmerzhaft daran, dass manche Dinge niemals als Ware behandelt werden dürfen. Diejenigen, die weiterhin das Gegenteil behaupten, folgen Ideologien, die uns alle in Gefahr bringen. Die Rentabilitätslogik kann nicht alles entscheiden und bestimmte Bereiche müssen vor unregulierten Marktkräften geschützt werden, während gleichzeitig jedes Individuum Zugang zu einer Arbeit, die mit der eigenen Würde vereinbar ist, haben sollte.
Ein Weg, um dies zu erreichen, ist die Schaffung einer Arbeitsplatzgarantie (»job guarantee«). Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte erinnert uns daran, dass jeder Mensch »das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit« hat. Eine Arbeitsplatzgarantie würde nicht nur jeder Bürgerin und jedem Bürger Zugang zu einer Arbeit bieten, die ein Leben in Würde ermöglicht, sie würde auch unsere kollektive Fähigkeit entscheidend stärken, die vielen drängenden sozialen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen wir gegenwärtig stehen. Eine Arbeitsplatzgarantie würde es den Regierungen ermöglichen, auf lokaler Ebene menschenwürdige Arbeit bereitzustellen und gleichzeitig zu den immensen Anstrengungen im Kampf gegen den ökologischen Zusammenbruch beizutragen.
Die Europäische Union muss ein solches Projekt in ihren Green Deal aufnehmen. Eine entsprechende Änderung in der Mission der Europäischen Zentralbank, – sodass sie dieses für unser Überleben notwendige Programm finanzieren kann, – würde ihre Legitimität im Leben all ihrer Bürgerinnen und Bürger sichern. Als antizyklische Lösung für die explodierende Arbeitslosigkeit, die sich abzeichnet, würde ein derartiges Programm einen entscheidenden Beitrag zum Wohlstand der EU leisten.
Wir sollten jetzt nicht mit der gleichen Naivität wie 2008 vorgehen, als wir auf die Wirtschaftskrise mit einer Rettungsaktion ohne Auflagen reagierten, die die Staatsverschuldung in die Höhe trieb, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Wenn unsere Regierungen in der gegenwärtigen Krise eingreifen, um Unternehmen zu retten, dann müssen auch Unternehmen in die Pflicht genommen werden, die allgemeinen Grundbedingungen der Demokratie zu erfüllen. Unsere Regierungen müssen ihre Hilfe für Unternehmen von bestimmten Änderungen in deren Strategien abhängig machen – im Namen der demokratischen Gesellschaften, denen die Regierungen dienen und durch die sie konstituiert werden, und im Namen ihrer Verantwortung, unser Überleben auf diesem Planeten zu sichern.
Zusätzlich zur Einhaltung strenger Umweltnormen müssen die Unternehmen bestimmte Bedingungen demokratischer Governance erfüllen. Ein erfolgreicher Übergang von der Umweltzerstörung zur Umweltsanierung und -erneuerung wird am ehesten von demokratisch regierten Unternehmen ausgehen, in denen die Stimmen derjenigen, die ihre Arbeitskraft investieren, bei strategischen Entscheidungen das gleiche Gewicht haben wie die derjenigen, die ihr Kapital investieren.
Wir hatten mehr als genug Zeit, um zu sehen, was passiert, wenn Arbeitende, unser Planet und Kapitalgewinne im gegenwärtigen System gegeneinander ausgespielt werden: die Arbeitenden und der Planet verlieren immer. Dank der Forschung der Fakultät für Ingenieurwesen der Universität Cambridge wissen wir, dass »erreichbare Designveränderungen« den globalen Energieverbrauch um 73 Prozent senken könnten.2
Aber diese Änderungen sind arbeitsintensiv und erfordern Entscheidungen, die auf kurze Sicht oft kostspieliger sind. Solange Firmen rein auf die Maximierung der Kapitalgewinne ausgerichtet sind – und dies in einer Welt, in der Energie billig ist –, gibt es keine Gründe, diese Änderungen vorzunehmen. Sozial orientierte oder genossenschaftlich geführte Unternehmen dagegen verfolgen hybride Ziele, bei denen finanzielle, soziale und ökologische Erwägungen berücksichtigt werden, und sie werden demokratisch geführt. Sie beweisen, dass ein solcher Weg gangbar ist.
Machen wir uns nichts mehr vor: Die meisten Kapitalanlegerinnen und -anleger werden sich, wenn sie sich selbst überlassen sind, weder um die Würde der Beschäftigten kümmern, noch werden sie den Kampf gegen die ökologische Katastrophe führen. Es gibt eine Alternative: Demokratisieren wir die Unternehmen, dekommodifizieren wir die Arbeit, hören wir auf, Menschen als Ressourcen zu behandeln – damit wir uns gemeinsam um die Erhaltung des Lebens auf diesem Planeten kümmern können.
15. Mai 2020
1Neben den zwölf Autorinnen dieses Buches haben diesen offenen Brief tausende Akademiker:innen unterzeichnet, darunter: Elizabeth Anderson (University of Michigan), Thomas Piketty (EHESS-Paris School of Economics), Saskia Sassen (Columbia University), Noam Chomsky (University of Arizona), Axel Honneth (Columbia University), Katharina Pistor (Columbia University), Eva Illouz (EHESS, Paris), JaYati Ghosh (Jawaharlal Nehru), Debra Satz (Stanford), Michele Lamont (Harvard), Susan Neiman (Einstein Forum), Albena Azmanova (University of Kent), Susan Silbey (MIT), Nancy Fraser (New School for Social Research), Chantal Mouffe (Westminster), Léa Ypi (London School of Economics), Lisa Wedeen (Chicago), Isabelle Berrebi-Hoffmann (CNRS-Cnam, Paris), Bea Cantillon (Antwerpen), Sakiko Fukuda-Parr (New School for Social Research), Valeria Pulignano (KU Leuven), Sarah Song (UC Berkeley), Françoise Tulkens (UC Louvain, European Courts of Human Rights 1998–2012), Melanie Walker (University of the Free State), Charles W. Mills (CUNY Graduate Center), Ingrid Robeyns (Utrecht), Tommie Shelby (Harvard), Rahel Jaeggi (Humboldt Universität), Brandon M. Terry (Harvard), Serene J. Khader (CUNY Graduate Center), Alison Jaggar (University of Birmingham, UK – University of Colorado at Boulder), Annabelle Lever (Sciences Po), Isabelle Martin (Montréal), Dani Rodrik (Harvard), William Sewell (Chicago), Gabriel Zucman (UC Berkeley), Rainer Forst (Frankfurt a.M.), James K. Galbraith (University of Texas-Austin), Peter Hall (Harvard), Frederic Vandenberghe (Universidade Federal do Rio de Janeiro), Tim Jackson (CUSP-Surrey), Benjamin Sachs (Harvard), Pablo Servigne (in-Terre-dependentresearcher), Loïc Blondiaux (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Jean Jouzel (Académie des Sciences de France), Scott Viallet-Thévenin (Université Mohammed VI Polytechnique), Sophie Weerts (Lausanne), Alberto Alemanno (HEC Paris-NYU Law), Philippe Askénazy (CNRS-Paris School of Economics), Aurélien Barrau (CNRS und Université Grenoble-Alpes), Neil Brenner (Harvard), Craig Calhoun (Arizona State University), Ha-Joon Chang (Cambridge), Erica Chenoweth (Harvard), Joshua Cohen (Apple University, UC Berkeley), Philippe Van Parijs (UC Louvain), Christophe Dejours (CNAM), Olivier De Schutter (UC Louvain, UN Special Reporter on extreme poverty and human rights), Elaine Unterhalter (University College London), Archon Fung (Harvard), Stephen Gliessman (UC Santa Cruz), Hans R. Herren (Millennium Institute), Sanford Jacoby (UCLA), Pierre-Benoit Joly (INRA, National Institute of Agronomical Research, France), Lawrence Lessig (Harvard), Margaret Somers (Michigan), Ewan McGaughey (King’s College London), David Marsden (London School of Economics), Jan-Werner Müller (Princeton), Gregor Murray (Montréal), Steven Vogel (UC Berkeley), Michel Pimbert (Coventry), Raj Patel (University of Texas), George Steinmetz (Michigan), Laurent Thévenot (EHESS), Nadia Urbinati (Columbia University), Jean-Pascal van Ypersele (UC Louvain), Judy Wajcman (London School of Economics), Sandra Laugier (Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Hartmut Rosa (Friedrich Schiller Universität), und Tausende andere. Eine vollständige, aktualisierte Liste ist unter https://democratizingwork.org/signatures verfügbar (letzter Zugriff am 03.12.2024).
2Jonathan M. Cullen, Julian M. Allwood und Edward H. Borgstein, »Reducing Energy Demand: What Are the Practical Limits?«,Science & Technology 2011 45 (4), 1711–1718.
Als Sandra aus ihrer brasilianischen Heimatstadt Vitória in Boston ankam, fühlte sich alles fremd an. Wenn sie heute auf diese ersten Monate zurückblickt, schaudert es sie. Durch eine andere brasilianische Immigrantin hatte sie kurz nach ihrer Ankunft einen Job als Haushälterin bekommen. Sie arbeitete ununterbrochen und ging meist erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause – zu spät und oft zu müde, um noch Zeit mit ihrem Sohn zu verbringen. Die Arbeit war anstrengend, der Lohn gering und die Tage lang. Sie konnte nicht glauben, dass der amerikanische Traum oder auch nur die Chance auf ein würdiges Leben für sie erreichbar sein würde, egal wie früh sie zur Arbeit ging oder wie lange sie blieb. Da sie vor ihrem Umzug in die USA in einer Fabrik für die Sicherheit der Arbeiter:innen zuständig gewesen war, wusste Sandra auch, wie giftig viele der Reinigungsmittel, mit denen sie nun arbeiten musste, für sie selbst und für die Umwelt waren.
Als sie also von Vida Verde hörte, einer von brasilianischen Immigrantinnen organisierten Arbeiter:innengenossenschaft, die Hausreinigungsdienste mit gesünderen, natürlichen Produkten anbietet, ergriff sie die Gelegenheit und schloss sich der Organisation an. Sie wusste nicht, was sie erwartete. Diese Entscheidung hat in Sandras Leben viel verändert. Nicht nur waren die anderen Arbeiter:innen, die auch Eigentümer:innen waren, eine wichtige Informationsquelle und eine Stütze für sie; auch die Möglichkeit, nach den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen zu arbeiten, bewirkte positive Veränderungen. »Ich habe das Gefühl, dass ich Superkräfte habe«, sagte sie mir. »Ich bin meine eigene Chefin. Ich bestimme meinen Zeitplan selbst. Ich kann gar nicht sagen, wie wichtig das ist. Ich habe jetzt Zeit, mich um meinen Sohn zu kümmern und er ist der Grund, warum ich überhaupt eingewandert bin! Ich habe Ausbeutung gegen Autonomie eingetauscht.«
Durch ihren Zusammenschluss haben diese Hausangestellten eine Organisation aufgebaut, die ihnen die Kontrolle über ihr Arbeitsleben gibt. Dabei haben sie das Machtgefüge zu ihren Gunsten verschoben, indem sie zu Arbeitnehmer:innen-Eigentümer:innen wurden, die ihren sozial- und umweltbewussten Kund:innen ein wertvolles Produkt anbieten: Zugang zu ethischen Reinigungsdienstleistungen, die die Arbeitnehmer:innen in den Mittelpunkt stellen und umweltfreundlich sind. Weil sie selbst entscheiden können, wann sie arbeiten, wie sie entlohnt werden und sogar, wie sie sich sicher auf eine globale Pandemie einstellen, hat diese Macht ihr Leben verändert. Im März 2020, als die COVID-19 Pandemie Boston in den Lockdown schickte, sagten Kund:innen Aufträge ab. Neue Kund:innen ließen sich nicht finden; Sandras und Vida Verdes Arbeit kam zum Stillstand. Gemeinsam beschlossen sie, einen Teil der Mittel der Kooperative zu verwenden, um die Arbeiter:innen für die entgangenen Aufträge zu entschädigen, so dass Sandra während der drei härtesten Monate der Schließung ein gewisses Einkommen bezog.
Der Grad an Kontrolle, den Sandra und ihre Kolleg:innen über ihre Arbeitsbedingungen haben, mag wie eine vernünftige Grundvoraussetzung für alle Arbeitnehmer:innen klingen. In der Tat sind menschenwürdige Arbeitsbedingungen, demokratische Führung, die Gesundheit der Menschen und des Planeten zentrale Werte, die für jede Arbeit gelten sollten. Dennoch ist dies für die meisten Menschen nicht der Fall, schon gar nicht in der informellen und häuslichen Arbeit. Die Arbeitsplätze bleiben weitgehend hierarchisch, die meisten von ihnen sind eher autoritär als demokratisch organisiert. Die Philosophin Elizabeth Anderson formuliert es provokant: »Die Chef:innen sind Diktator:innen und die Arbeiter:innen sind ihre Untertanen.«2
Nur wenige Arbeiter:innen haben die Macht von Sandra, die strategischen Entscheidungen zu beeinflussen, die sich auf ihr Arbeitsleben beziehen. Dieser Mangel an Kontrolle ist mit Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, größerer psychischer Belastung und schlechterer körperlicher Gesundheit verbunden.3
Beschäftigte haben meist kein Mitspracherecht bei Lohn- und Gehaltsfragen (kein Wunder, dass CEOs 351-mal mehr verdienen als die/der Durchschnittsarbeiter:in US-Unternehmen4), bei der Einstellung von Führungskräften oder beim Umgang der Unternehmen mit gesundheitlichen oder finanziellen Krisen. Stattdessen liegt die Kontrolle über diese Entscheidungen, insbesondere in nicht gewerkschaftlich organisierten Betrieben, in den Händen von Spitzenmanager:innen und Vorstandsmitgliedern, die die Interessen der Aktionär:innen vertreten. Da sich Macht aus der Kontrolle über Ressourcenzugang ableitet, führt diese Ungleichheit bei strategischen Entscheidungen zu einem großen Machtgefälle zwischen Arbeitnehmer:innen, Topmanager:innen und Kapitalanleger:innen. Die Arbeitnehmer:innen sind in einer sehr benachteiligten Position.5
Dieses Machtungleichgewicht ist nicht neu. Ganz im Gegenteil. Aber im vergangenen Jahrhundert schwang das Machtpendel eine Zeit lang in den Vereinigten Staaten etwas mehr in Richtung der Arbeitnehmer:innen. So wurde beispielsweise mit dem National Labor Relations Act von 1935 (auch als Wagner Act bekannt) das Recht auf Tarifverhandlungen (Kollektivverhandlungen) eingeführt und den Arbeitnehmer:innen die Möglichkeit eröffnete, legal zu streiken, eine Gewerkschaft zu gründen und gemeinsam mit der Unternehmensleitung zu verhandeln. Arbeitnehmer:innen wie Sandra schützte das Wagner-Gesetz jedoch nicht (und tut es immer noch nicht): Arbeiter:innen in der Landwirtschaft und Hausangestellte waren ausgeschlossen, was eine weitere Diskriminierung und Marginalisierung von Schwarzen und anderen farbigen Arbeitnehmer:innen bedeutet, die in diesen Berufen überproportional häufig vertreten sind.6
Trotz dieser Einschränkungen hat sich die Organisation der Arbeitnehmer:innen zwischen 1910 und 1970 stark entwickelt. Öffentliche Umverteilungsmaßnahmen und Investitionen in die Sozialfürsorge haben zu einem Anstieg der allgemeinen Einkommensgleichheit beigetragen, einschließlich einer Verringerung der Einkommensunterschiede zwischen schwarzen und weißen Amerikaner:innen.7
Die 1970er und 1980er Jahre markierten jedoch einen weiteren Wendepunkt, als eine aggressive neoliberale Wirtschaftsagenda, zu deren lautesten Befürwortern der Ökonom Milton Friedman gehörte, dominant wurde und die Arbeitnehmer:innen entmachtete. Diese neoliberale Form des Kapitalismus hat die Deregulierung der Märkte, eine ausschließliche Maximierung des Profits und des Shareholder-Value sowie die Vorherrschaft des Kapitals zum Ziel.8 Sie hat massive Ungleichheiten geschaffen und dazu beigetragen, diese zu rechtfertigen.
Bis 2014 war der Anteil der obersten 1 Prozent der Bevölkerung am Eigentum des Gesamtvermögens des Landes von 22 Prozent auf fast 40 Prozent gestiegen.9 Vor vierzig Jahren waren noch 20 Prozent der Amerikaner:innen gewerkschaftlich organisiert (ein niedriger Wert im Vergleich zu anderen industrialisierten Demokratien); bis 2020 waren es nur noch magere 10,8 Prozent.10 In etwa demselben Zeitraum stiegen die Gehälter der Vorstandsvorsitzenden um 1.322 Prozent, während die Löhne der Arbeiter:innen nur um 18 Prozent stiegen.11 Für die meisten Amerikaner:innen ist das Versprechen des amerikanischen Traums, also die Möglichkeit, aufzusteigen und sozioökonomische Mobilität zu erleben, unerreichbar geworden.12
Die Folgen dieser Konzentration von Macht in den Händen einer wohlhabenden Minderheit, die nur auf Gewinnmaximierung aus ist, betreffen uns alle. Sie hat die Arbeitnehmer:innen zu Waren gemacht und sie von menschlichen Mitarbeiter:innen zu bloßen »Humanressourcen« degradiert, zu Instrumenten der Gewinnerzielung.
Die Märkte, auch der so genannte Arbeitsmarkt, entscheiden, wer arbeiten darf und zu welchen Bedingungen. Doch Märkte sind weder neutral noch fair. Sie sind durch Verzerrungen und Unvollkommenheiten gekennzeichnet, die einige von uns begünstigen und andere benachteiligen.13
