Die Drachenkönigin - Derik Peterson - E-Book

Die Drachenkönigin E-Book

Derik Peterson

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Beschreibung

Der vorerst letzte Band der Althea Reihe, hiermit wird die Geschichte abgeschlossen. Althea reist nach Rom um das Erbe von Elida anzutreten, dass sie so lange ihren Freunden zuliebe hinten angestellt hat. Sie muss sich nicht nur den Drachen stellen, und zwar auf eine Art und Weise, wie sie es niemals erwartet hätte, sondern auch noch ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Fehlern. Sie macht eine Reise voller Wunder und Entdeckungen in einer Welt, der sie viel zu wenig Beachtung geschenkt hat, und findet sich selbst auf dem Weg. Ihr wahres Selbst.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Althea 4 - Die Drachenkönigin

 

Ein Roman von Derik Peterson

 

Impressum

Autor: Derik Peterson

AutorEmail: [email protected]

Herausgeber:

Dirk Jost

Am Mühlbach 5

64853 Otzberg

Deutschland/Germany

 

 

[email protected]

130 Seite(n)

89984 Wörter

467813 Zeichen

Inhaltsverzeichnis

Buchteaser2

Rückblick3

Die wichtigsten Charaktere5

1 Die Flucht6

2 Ein Wolf in Österreich10

3 Eine fast normale Stadt14

4 Wien18

5 Standesgemäß21

6 Der Ball25

7 Cornelia31

8 Eine schwere Entscheidung37

9 Die Königin ist tot, es lebe die Königin41

10 Ein neuer Anfang48

11 Jerusalem54

12 Ein neuer Lehrer60

13 Larithin68

14 Die Hochzeit74

15 Der Beginn einer langen Reise79

16 Japan83

17 Eine lange Nacht90

18 Eine Einladung95

19 Hayato Kobayashi99

20 Zu heiß für die Jahreszeit104

21 Eine Abkühlung und ein Bad107

22 Australien112

23 Der grüne Strahl117

24 Demosthenes121

25 Die Belagerung124

Nachwort128

Anmerkung des Autors130

Buchteaser

 

Der vorerst letzte Band der Althea-Reihe, hiermit wird die Geschichte abgeschlossen.

Althea reist nach Rom, um das Erbe von Elida anzutreten, dass sie so lange ihren Freunden zuliebe hinten angestellt hat. Sie muss sich nicht nur den Drachen stellen, und zwar auf eine Art und Weise, wie sie es niemals erwartet hätte, sondern auch noch ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Fehlern. Sie macht eine Reise voller Wunder und Entdeckungen in eine Welt, der sie viel zu wenig Beachtung geschenkt hat, und findet sich selbst auf dem Weg. Ihr wahres Selbst.

 

 

Rückblick

Das Erwachen

Die Umwandlung trifft die Erde, Elektrizität verwandelt sich in Magie, ein Wechsel, der alle paar hundert Jahre stattfindet. Diesmal jedoch sehr drastisch, mit heftigen Auswirkungen und einem riesigen Sturm unkontrollierter Magie, der auf die Erde einprasselt und die Verwandlung oder den Tod vieler Lebewesen verursacht. Da die Elektrizität bis vor ein paar hundert Jahren unentdeckt war, blieben der Wandel und die Auswirkungen bisher bei den Menschen, bis auf ein paar Hexen und Magieren, immer unbemerkt.

Althea erwacht nach monatelangem Koma, als sie gerade am Verhungern ist. Sie findet sich scheinbar im Körper einer Elfe wieder, der sich jedoch später als Drachenkörper herausstellt.

In einem Kampf um Leben und Tod hilft sie den Menschen in Riem, einer neuen Gemeinschaft aus menschlichen Überlebenden, einen Krieg gegen die Ork zu gewinnen, die sie hasst, seit dem sie von einem ganzen Trupp vergewaltigt wurde. Die Elfen von Larithin stehen den Menschen in dieser Schlacht als Waffenbrüder bei. Sie gewinnt viele Freunde in dieser neuen Welt, unter anderem eine weiße Drachin namens Elida, die Elfenkönigin Jaritha und die Magierin Sabine.

 

Drachen und Ork

Althea findet gemeinsam mit Elida heraus, dass hinter dem Verhalten der Ork mehr steckt, dass die Ork in einem normalen Zustand durchaus noch das alte Bewusstsein der Menschen haben, die sie einmal gewesen waren. Ein Drachenfluch liegt auf den Ork, und dieser Drache ist sehr alt, sehr mächtig und sein Fluch überspannt mehr oder weniger die gesamte Welt.

Die Gefährten Althea, Sabine und der Ork Friedrich machen sich auf die Suche nach dem Drachen, um seinen wahnsinnigen Plan Einhalt zu gebieten. Elida macht sich inzwischen alleine auf den Weg zum Rat der Drachen, um diesen zum Eingreifen zu überreden.

In Prag treffen die Gefährten auf eine andere menschliche Siedlung, die von der wahnsinnigen Branislava beherrscht wird. Diese nimmt Althea und die Gefährten gefangen, da sie in Gesellschaft eines Feindes reisen, die Prager hatten nämlich auch ziemlich unter den Ork zu leiden.

Althea tötet Branislava und flieht mit einer weiteren Gefangenen, einer stark verletzten Orkin, aus Prag. Sie findet heraus, dass die kleine Orkin die Ärztin ist, die sie die ganze Zeit gepflegt hatte, als sie im Koma lag. Sie lernt dort auch alles über Drachenfreunde, das sind Lebewesen, die sich an einen Drachen binden, und der Drache an sie. Sabine und Christin sind bereits Drachenfreunde, und Elida, die die Nachricht überbringt, dass der Drachenrat nicht eingreifen wird, hilft ihnen, den Bund zu besiegeln. Trotzdem kehrt Elida zum Rat zurück und versucht es weiter.

Sie trifft einen weiteren Drachen, Vitalii, der ebenfalls kaum noch bei Verstand zu sein scheint, sie können jedoch ihre Reise ohne größere Blessuren fortsetzen.

Am Ziel angekommen, dem Drachenhort von Archimedes, beschließt Althea ihren Plan umzusetzen, den sie den anderen verheimlicht hat, und sich dem Drachen ohne Aussicht auf Erfolg allein zum Kampf zu stellen. Elida kommt gerade noch rechtzeitig und opfert sich stattdessen, woraufhin Althea von Elida durch ihren letzten Feueratemzug, der bei Drachen eine ganz besondere Magie innehat, vorzeitig in die dritte Entwicklungsstufe gezwungen und so als junge Drachin, und durch schieres Glück, den Kampf gewinnt und Archimedes tötet.

Jaritha, die Elfenkönigin, kommt zu spät zum Kampf, obwohl sie ihr bestes Pferd dabei zuschanden reiten musste, und offenbart ihre Rolle als dritte Drachenfreundin. Der Rat erscheint nun doch noch auf der Bildfläche, allerdings um Althea wegen des Todes zweier Drachen zu richten. In diesem Moment wird die Vier, die Eine ist, geboren. Es ist eine Vereinigung von vier Seelen, die zusammen viel mächtiger als nur die Summe aller vier ist. Sie weist den Rat in die Schranken.

Althea fällt für zwei Tage ins Koma und erkennt, dass ihre, von Elida angestoßene erneute Verwandlung, zu drastischen Veränderungen bei ihr geführt hat, unter anderem ist sie jetzt geschlechtsreif.

Friedrich macht sich auf, um bei den Ork die Botschaft zu verbreiten, was die Gefährten für sie getan haben, und dafür zu sorgen, dass die Ork sich in Zukunft friedlichen Aufgaben zuwenden.

Zuhause angekommen schießt ein übermütiger Soldat einen Pfeil auf die Orkin Christin ab, da er sie als Feind identifiziert und Angst bekommt. Dadurch ruft er die Drachin hervor, die unkontrolliert die Siedlung angreift. Zum Glück überlebt der Soldat, und die Siedlung erleidet nur Sachschäden, allerdings muss Althea vor Gericht.

Althea erkennt endlich, dass ihre Verwandlung noch einige Folgen hatte, die sie einfach noch nicht kannte, und fängt an, sich mit ihrer Drachennatur auseinanderzusetzen, die als eine Art gespaltene Persönlichkeit in Erscheinung tritt.

Der Richter erkennt Altheas Wert und spricht sie frei, woraufhin die Gefährten alle nach Larithin abreisen, wo sie das nächste Jahr in Frieden verbringen.

 

Feuer und Tod

Friedrich Eberhardt wird der Anführer der Ork in Deutschland und muss gegen einen Ork kämpfen, der Krieg gegen alle anderen Rassen führen will. Er kommt mit seinem Heer nach Deutschland, um seine Freunde um Hilfe zu bitten. Althea weigert sich erst, weil sie es nicht ertragen kann, noch mehr Ork zu töten, folgt ihm aber trotzdem, und nicht nur sie, auch Christin und Sabine schließen sich dem Orkheer an.

Als sie das erste Mal auf den Gegner treffen, finden sie heraus, dass der feindliche Ork nur sehr wenige lebendige Gegner zu ihnen schickt, sondern ein Heer von toten Menschen. Ihr Gegner ist ein Totenbeschwörer, der mit Hilfe seiner Magie den Toten ein neues, unnatürliches Leben einhaucht.

Althea findet heraus, dass es ihre Drachenseele nicht verletzt, sondern sogar heilt, wenn sie diese Untoten vernichtet, weshalb sie von da an mit Feuer und Flamme bei der Sache ist. Der erste Kampf geht ziemlich eindeutig aus, was natürlich auch ihr Gegner erkennt. Er erkennt die Gefahr, die von der Drachin und der Magierin ausgehen, und holt zum Gegenschlag aus. Inzwischen erkennt Christin, dass sie den Willen der Göttin vollstrecken kann, für die jeder Untote ein unnatürliches Gräuel ist.

Die Falle schnappt zu, einige Ork nageln Althea mit einer Ballista an einen Baum, lassen sie als tot zurück, und entführen Sabine. Diese soll mental zerbrochen, und dann als willenlose Marionette eingesetzt werden. Althea wird von Friedl und einem anderen Ork von der Ballista befreit und heilt sich im letzten Moment, dann verliert sie vor Erschöpfung das Bewusstsein.

Als sie erwacht, fliegt sie los und befreit Sabine, allerdings nicht ohne ihren Preis dafür zu bezahlen, die Überanstrengung triggert bei ihr ein weiteres Koma, das über ein Jahr zuvor unterbrochen wurde, als Christin sich nicht mehr um sie kümmern konnte und Althea zu verhungern drohte, was sie frühzeitig erwachen ließ.

Christins Erinnerungen erzählen die Geschichte hier weiter, da Althea nicht mehr zur Verfügung steht. Das Heer zieht trotz allem weiter und transportiert Althea auf einer Bahre mit. Als sie Prag erreichen, trifft Christin in einem Krankenhauskeller, den sie nicht als Einzige plündert, die Schwester von Branislava, die sie eingekerkert hatte.

Nathalie sieht ihr ziemlich ähnlich und schließt sich Christin an, da sie hofft, ihre Rache am Tod ihrer Schwester zu bekommen. Christin hofft wiederum, dass sie Nathalie von ihrem Wahnsinn erlösen kann, die eine Elfe ist und so traumatisiert wurde, dass sie den Ruf ihrer Elfenkönigin nicht mehr vernimmt.

Prag wird von den Untoten attackiert und bittet die Ork um Hilfe, obwohl sie eigentlich Angst vor ihnen haben, da sie die Ork noch aus den Zeiten von Archimedes fürchten. Zusammen bekämpfen sie die Untoten, bis es irgendwann zu viele werden und der Kampf schon verloren scheint. In diesem Moment erwacht Althea wieder, als voll ausgewachsene weiße Drachin, und setzt Prag in Brand, wobei die Untoten größtenteils verbrennen und der Rest von ihren Freunden erledigt wird.

Jaritha treibt unterdessen ihr Volk sehr hart an, da sie endlich ihren Teil in dem Krieg gegen die Untoten beisteuern möchte, und die Menschen rüsten in der Zwischenzeit ebenfalls kräftig auf, was von Hans Schmidt, dem alten General der Bundeswehr, geleitet wird. Die drei Heere vereinen sich irgendwann in Polen und stellen sich dem gemeinsamen Gegner. Der hat inzwischen Warschau, die polnische Hauptstadt, fast völlig von den Toten der Apokalypse dort befreit, und so ein millionenstarkes Heer aufgebaut. Ork oder andere lebendige Mitstreiter gibt es außer ihm mittlerweile kaum noch, da sein Wahnsinn immer weiter fortschreitet und die lebendigen Ork, die ihm gefolgt sind, entweder tot oder desertiert sind.

Es kommt zu einer riesigen Schlacht, die Nathalie für die Lebenden entscheidet, als sie ihren eigenen Bruder tötet, der alle Toten gesteuert hat und der Fadenzieher hinter dem Krieg ist. Althea glaubt zu erkennen, dass der Grund für den Krieg der ist, dass sie die Schwester des Totenbeschwörers getötet hat, und will sich das Leben nehmen. Nathalie hindert sie daran und wird so zur Drachenfreundin.

Althea kommt wieder ein wenig zu Sinnen, kann aber mit ihrer Schuld nicht leben und flieht vor ihren Freunden, um sich Elidas Erbe zu widmen und in der Einsamkeit ein wenig Frieden von ihren Schuldgefühlen zu finden.

 

 

Die wichtigsten Charaktere

 

Althea: Weiße Drachin, zweibeinige Gestalt Drachenelfe, weißhaarig und -häutig, goldene Reptilienaugen, Mitglied der Vier, die Eine sind, Geliebte von Sabine, Jaritha und Christin

Elida: Weiße Drachin, zweibeinige Gestalt Mensch, verstorben im Kampf gegen Archimedes

Cornelia: Schwarze Drachin, Mentorin von Elida und ehemalige Geliebte des heiligen Georgs, der versucht hat, sie zu erschlagen und die katholische Kirche ihr vorzog

Archimedes: brauner Drache, völlig wahnsinnig, verstorben im Kampf gegen Althea und Sabine

Clemens: grauer Drache und Magier, sehr gutmütiger Charakter und geistig fast gesund

Vitalii: blauer Drache, zweibeinige Gestalt Mensch, Zigeuner, sehr kräftig und durchtrainiert, charmant und egoistisch

Demosthenes: schwarzer Drache, Sprecher und Vorsitzender des Rats der Drachen

Sabine: Mensch, Magierin, blond und sieht eher wie ein Model als eine Kämpferin aus, sollte aber nicht unterschätzt werden, mächtigste Magierin der Menschen in Deutschland, Mitglied der Vier, die Eine sind

Jaritha: Königin der Elfen, sehr mächtige Kämpferin und Naturmagierin, Mitglied der Vier, die Eine sind

Christin Stadler: Ork, sehr fähige Ärztin und äußerst intelligent, Mitglied der Vier, die Eine sind, Priesterin der Göttin

Petra: Erste Generalin und enge Vertraute und Freundin von Jaritha, Geliebte und spätere Ehefrau von Georg

Georg Schmidt: Mensch, Soldat, erster Freund von Althea in der neuen Welt, treuer Gefährte und aufrichtiger Freund

Hans Schmidt: Mensch, General, hat mit seinem taktischen Genie die Schlacht um Riem für die Menschheit entscheiden können, Vater von Georg

Friedrich Eberhardt: Ork, Drachenfreund und enger Gefährte von Althea, als die nach Polen gereist ist, um Archimedes aufzuhalten, später General der Ork Armee

Branislava: Mensch, ehemalige Anführerin von der Niederlassung Prag

Nathalie: Elf, Schwester von Branislava, war in Ork Gefangenschaft

Vladimir: Ork, Bruder von Branislava und Nathalie, wahnsinniger Totenbeschwörer

 

 

1 Die Flucht

 

Es war deutlich zu kalt für die Jahreszeit und dennoch sah es mir zusätzlich auch noch stark nach einem ungemütlichen Regen aus. Ich flog aber trotzdem immer weiter, genau in diese grauen Regenschleier, Richtung Süden, meinem Schicksal entgegen. Endlich war ich auf dem Weg, den letzten Willen meiner Mentorin zu erfüllen und ihr Erbe anzutreten, das ich so lange aus Liebe zu den Freunden und Drachenfreunden ignoriert und verweigert hatte.

Ich hatte vor einigen Wochen die Stelle besucht, an der sie von Archimedes getötet worden war, seine Höhle, die auch heute noch oft genug meine Albträume heimsuchte, und war in seinem alten Hort auf Vitalii getroffen. Er war ein wunderschön anzusehender blauer Drache und genauso verrückt wie alle anderen seiner Gattung. Unserer Gattung. Er kämpfte mit mir, um sich für etwas zu rächen, was er sich selbst angetan hatte. Am Ende flehte er mich an, die Drachen zu retten und vom Wahnsinn zu erlösen, es gab anscheinend so gut wie keinen Drachen mehr, der noch einigermaßen bei Verstand war. Auch Elida hatte mir, damals als sie noch gelebt hatte, ein wenig darüber erzählt, aber genau wie mit allem Anderen bei Weitem nicht genug, denn unsere gemeinsame Zeit war viel zu kurz gewesen.

Drachen sind die Wächter der Natur, sie müssen die Welt beschützen, und um diese Pflicht zu erfüllen, muss man hin und wieder auch kämpfen, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist. Drachen war es jedoch verboten zu töten, es war wider ihre Natur, ihre Seelen wurden dadurch in kleine Fetzen geschnitten, und der Geist wurde einem krank dabei. Ich hatte es oft genug an mir selbst erfahren. Was Elida und das Erbe mit all dem zu tun hatten, ich hatte nicht die geringste Ahnung, Vitalii glaubte anscheinend jedoch fest an irgendeine Rolle meinerseits in diesem Drama, das sich bereits über viele Jahrtausende hinzog.

Und dann war da natürlich das Versprechen, das ich ihr in dem Moment gegeben hatte, als sie starb. Und vor ein paar Wochen hatte ich sogar noch einmal eine Nachricht der Göttin selbst erhalten, die die Drachen Mutter nennen. Wobei ich mir nie ganz sicher sein konnte, ob das nicht jedes Mal paranoide Wahnvorstellungen gewesen waren. Wer glaubt schon an eine Göttin, wenn man selbst nicht sonderlich religiös war. Und falls ich es gewesen wäre, hätte die Göttin nicht in das christliche Bild gepasst, da Frauen keinen wirklichen Platz im Christentum haben, der darüber hinausgeht, Mutter zu sein oder gut auszusehen. Oder Männer zum Bösen zu verführen.

Auch der Grund dafür verschloss sich mir nach wie vor. Die Drachen waren älter als die Göttin und die Mutter Natur, nicht einmal meine Drachin, also der beim Kampf mit Archimedes abgespaltene Teil der eigenen Persönlichkeit, wusste, warum sie sie so nannten.

Eine gespaltene Persönlichkeit ist nicht gerade ein Zeichen geistiger Normalität, jedenfalls nicht bei Menschen. Ich ignorierte die kleine, aufdringliche Stimme immer wieder, die mir sagte, dass Schizophrenie auch bei Drachen eigentlich nichts Gutes bedeuten konnte.

Der wahre Grund, warum ich nicht mehr bei meinen Freunden war, kam nämlich aus meinem eigenen, tiefsten Inneren. Es war für mich die Rechnung, die ich für meine Taten zahlen musste, die Taten, die ich begangen hatte, als ich versucht hatte, für diese neue Welt zu kämpfen.

Mittlerweile zogen sich die Wolken immer weiter zu, bis ich kaum noch etwas sehen konnte, der einsetzende Regen peitschte in die Augen und nahm mir die Sicht, ich flog daher zunehmend langsamer.

Der Herbst hielt wieder einmal Einzug in dieser merkwürdigen Welt, die schon lange nicht mehr die Meine war. Ich hatte den Gedanken noch nicht ganz fertig gedacht, als er mich irgendwie auch schon wieder störte und irritierte. Eigentlich war es doch für mich mittlerweile viel eher so, dass diese neue Welt sich für mich deutlich mehr als meine Welt anfühlte, als es die Alte je gewesen war, vielleicht eben weil ich so viel für sie geopfert hatte. Meine Gedanken drehten sich in irren Kreisen, die mir Angst einflößten. Also von vorn.

Der Herbst hielt Einzug in der wunderbaren, schrecklichen, gleichzeitig neuen und alten Welt, die meine wahre Welt war.

Schon besser.

Ich hatte Fehler gemacht, und viele Menschen, Ork und Elfen haben für meine Fehler mit dem Leben bezahlt, auch wenn ich immer mit den besten Absichten gehandelt hatte. Manchmal passieren aber leider die furchtbarsten Dinge, völlig unabhängig davon, mit welchen Intentionen man vorgeht.

Ich hatte eine Frau getötet und damit ihre Familie gegen mich aufgebracht. Ihre Schwester Natalie hatte mir irgendwann mehr oder weniger verziehen, ihr Bruder jedoch war Amok gelaufen und hätte fast die ganze Welt in seiner Trauer mit in den Abgrund gerissen. Am Ende tötete Natalie dann auch noch ihren eigenen Bruder anstelle meiner, da sie mir die Schuld ersparen wollte, noch ein weiteres Mitglied ihrer Familie zu töten.

Unfähig ihr danach in die Augen zu sehen, lief ich davon und brachte möglichst viel räumlichen Abstand zwischen uns. Was leider auch ziemlich viel Abstand zwischen meinen Freunden, den Liebsten und mir bedeutete. Sie zu verlassen brach mir das Herz, aber ich war ebenso wenig, wie ich in der Lage gewesen war, Natalie in die Augen zu sehen, im Moment dazu in der Lage, in die der Freunde zu blicken, nach allem, was ich getan hatte.

Dass sie mir gegenüber keine Vorwürfe artikulierten, machte die Sache nicht besser, die wahre Enttäuschung über mein Versagen lag in den goldenen und geschlitzten Augen, die mich vorwurfsvoll aus dem Spiegel heraus ansahen.

Die Einsamkeit in dem peitschenden Regen und der kalten Wolken legte sich um mich wie ein Mantel, ein alter und abgetragener Mantel, den ich nur zu gut kannte. Ich hieß sie diesmal willkommen, wie einen guten und alten Freund, vielleicht weil ich insgeheim hoffte, dass der Abschied nicht wirklich von Dauer war, sondern dass ich mir irgendwann selbst verzeihen würde und zu den Freunden und Liebsten zurückkehren konnte.

Jetzt gerade genoss ich die Einsamkeit wieder einmal, und sie war schon immer ein vertrauter Begleiter in meinem alten Leben gewesen. Sie gibt einem in diesen Zeiten die Gelegenheit, sich selbst zu finden.

Die Wolken verdichteten sich immer weiter, wurden dunkler und dunkler, ein Gewitter zog auf, direkt vom Süden her, also ausgerechnet genau dort, wo mein Ziel lag. Blitze aus wilder Magie zuckten in der Atmosphäre auf und tauchten die Landschaft in ein geisterhaftes Licht, es war Zeit entweder über die Wolken zu gehen oder sich ein Nachtlager zu suchen. Ich entschied mich für die zweite Alternative und ging hinunter an den Rand eines kleinen Wäldchens, wo ich mir ein einigermaßen ruhiges Plätzchen zum Übernachten unter den Bäumen erhoffte.

Ich zupfte vorsichtig an den Bändern, mit denen eine freundliche Elfenwache, zum Glück, ohne groß Fragen zu stellen, meinen Rucksack an mir festgebunden hatte. Mit einem Ork wäre mir das ohne neugieriges Forschen und eventuell sogar einem Alarm so nicht gelungen. Ich war letztlich mit den Ork emotional am Ende enger als mit den Elfen verbandelt gewesen, die allein schon aus ihrer Natur heraus immer ein wenig distanzierter waren. Die Bänder gingen nicht auf und ich musste sie zerreißen, ich hatte aber nicht wirklich mit etwas anderem gerechnet.

Der Rucksack fiel auf den Boden und ich verwandelte mich in die Elfengestalt, dann sah ich an mir herunter. Mein Blick fiel auf die nackten Füße, viel zu kleine und zierliche Füße, die so gar nicht zu all dem passten, was ich getan hatte. Ich hob die Hände und starrte sie ebenfalls an, sie waren viel zu weich, nicht vernarbt und oder schwielig, die Fingernägel kurz und schmutzig. So gar nicht passend zu meinen Händen, wie ich sie mir insgeheim vorstellte, nach allem, was ich getan hatte.

Der Regen kam inzwischen in Strömen, ich bemerkte es nicht einmal, das Wasser lief mir in die Augen und das Haar wurde gemeinsam mit dem Rest meines Körpers triefend nass. Mir war nicht kalt, Elfen waren nun mal sehr temperaturresistent, selbst Temperaturen nahe dem Nullpunkt empfand ich noch als angenehm warm.

Der Rucksack fiel mir auf dem Boden zu meinen Füßen ins Auge und riss mich aus der Starre. Ich hob ihn auf und ging zur nächsten Baumgruppe, die mir eine einigermaßen trockene Nacht versprach, wo ich ihn nach einem Handtuch und dem zum Glück wasserdichten Schlafsack durchsuchte.

Viel hatte ich nicht eingepackt, nicht einmal das Kettenhemd. Ich hoffte, Sabine würde sich um die Sachen kümmern und sie nicht in einem Zornesausbruch verbrennen, was ich ihr aber auch nicht wirklich hätte verübeln können. Ich trocknete die Haut und die Haare ab und setzte mich auf den Schlafsack, umklammerte die Beine und legte die Stirn auf die Knie. Meine Brust schmerzte, die Ursachen dafür waren allerdings keine körperlichen Beschwerden, sondern rein geistige.

Dann war es auf einmal nicht ganz mehr so dunkel, ein schwaches blaues Licht beleuchtete meinen Körper, und ich war auch nicht mehr allein. Das war etwas, was ich schon seit einer guten Weile mit ziemlich gemischten Gefühlen erwartet hatte. Ich konnte sehr genau drei andere Präsenzen spüren, schweigend und abwartend. Diese Begegnung verlief bereits jetzt schon definitiv nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Vor dem geistigen Auge erschien das wunderschöne Bild von Sabine, die mich mit einem unendlich traurigen Blick ansah. Ihr Gesichtsausdruck zog meine Brust noch enger zusammen, als sie es bereits gewesen war, dann setzte sie an, zu sprechen, in der üblichen Geistsprache, in der sich die Vier schon immer unterhalten hatten.

‚Sag nichts, hör mir bitte erst zu. Die anderen hier verstehen es nicht wirklich, deshalb rede ich diesmal für uns drei hier. Niemand hier macht dir einen Vorwurf, Althea. Ganz im Gegenteil, du hast uns alle gerettet, es war nicht deine Schuld, nichts von dem, was passiert ist, du hättest es nicht verhindern können.‘

‚Ich ...‘

‚Nein, bitte lass mich ausreden. Ich glaube zu wissen, was in dir vorgeht, und ich glaube auch zu wissen, was du jetzt tun musst, und es ist in Ordnung. Geh und heile deine Seele, Althea, und kümmere dich um die Drachen. Und wenn du so weit bist, dann kehre zurück zu mir. Zu uns allen. Natalie richtet dir aus, sie will ihre neue Schwester wiederhaben, und Friedl sagt, dass du gut auf dich aufpassen sollst, sonst kommt er dich mit seinem ganzen Heer holen. Bitte vergiss uns nicht, Althea, es gibt hier sehr viele Leute, die dich sehr lieben. Sag jetzt am besten einfach gar nichts. Ich weiß. Ich liebe dich, meine Althea.‘

Von Jaritha kam ein sehr sanftes und anscheinend schmerzerfülltes: ‚Und ich dich auch‘, dann kam das Gleiche noch leiser von Christin, danach brach die Verbindung der Vier zusammen und ich war wieder allein.

Ich legte den Kopf in den Nacken und heulte wie ein verwundetes Tier meinen Schmerz in die Nacht hinaus, dann sprang ich auf, weil ich gerade nicht mehr so still herumsitzen konnte, und rannte in den Wald hinein, viel schneller, als gut für mich war. Bodengewächse und Dornen zerschnitten meine Beine, die Äste der Bäume griffen peitschend nach mir und zerkratzten Gesicht, Arme und Hände, schlicht und einfach jedes Körperteil, welches sie erreichen konnten.

Der Wind peitschte den Regen in mein Gesicht und trug die Tropfen fast parallel über den Boden, als ob sie nie auf dem Waldboden ankommen sollten, ich sah kaum noch etwas. Immer wieder erhellten Blitze die Umgebung und tauchten sie in ein grelles und unwirkliches Licht, viel heller, als ich es für meine Drachensicht gebraucht hätte.

Ich sprang über einen Bach und rannte immer weiter durch den Sturm und den Wald, bis direkt vor mir ein Blitz aus wilder Magie in einen Baum einschlug. Das alte Gewächs fing nicht an zu brennen, sondern verwandelte sich stattdessen, er wurde plötzlich sehr lebendig und überaus beweglich.

Seine Wurzeln brachen blitzschnell aus dem Boden heraus, umschlagen meine Beine, dann noch den restlichen Körper, zogen sich immer enger zusammen und hoben mich an, so dass die Füße über mir in der Luft hingen. Ich konnte einen entsetzten Schrei nicht verhindern, eiskalte Schauer der Angst überfluteten mich, reichlich Adrenalin schoss mir in die Adern.

Dann zogen die Wurzeln meinen Körper dicht zu dem Stamm und brachten mich wieder einmal dazu, an meinem Verstand zu zweifeln, als der Baum nämlich anfing, mit mir zu sprechen. Er sprach in genau der langsamen und knarrenden Stimme, wie man es sich sie von hölzernen Stimmbändern erwarten würde.

„Sieh mal einer an, Althea die Weiße läuft splitterfasernackt durch meinen Wald und stattet mir einen Besuch ab. Wie überaus freundlich von dir.“

Ich drückte wütend aber völlig ergebnislos gegen seine Äste und zerrte an den Wurzeln, dann antwortete ich ihm zornesbebend:

„Falls du wirklich eine Ahnung hast, wer und was ich bin, dann weißt du auch, dass du gleich ein echtes Problem kriegst, wenn du mich nicht sofort loslässt!“

Gehorsam öffneten sich seine Wurzeln und er lies mich zu meiner Verwunderung tatsächlich ohne einen Widerspruch auf der Stelle los. Misstrauisch sah ich ihn an, als er unbeeindruckt fortfuhr:

„Dieser Wald hat gehört, was Althea die Weiße getan hat, du hast sehr viele Bäume gemeinsam mit Untoten verbrannt. Du sollst wissen, dass die Wälder dir ihre Toten vergeben und dir dafür danken, dass du den widernatürlichen Tod aufgehalten hast.“

Ich starrte ihn völlig verstört an und es dauerte eine ganze Weile, bevor ich dazu in der Lage war zu sprechen.

„Woher willst du den wissen, was alles passiert ist?“

„Wir Bäume tun es, glaub mir, denn wenn man so alt wie wir wird, dann weiß man einfach. Vielleicht kommt es davon, dass wir so viel Zeit haben, die Wahrheit zu sehen.“

Ich schüttelte meinen Kopf, es kam nicht oft vor, dass man von einem Baum angesprochen wurde.

„Dann weißt du sicher auch, dass ich den Totenbeschwörer erst erschaffen habe, weil ich seine Schwester getötet habe.“

Die alte Eiche schüttelte sich so heftig, dass einige Eicheln und Blätter auf den Waldboden rieselten.

„Du musst dich irren, Althea die Weiße, denn Bäume wissen alles, und wir sehen nicht, dass du ihn erschaffen hast. Er folgte nur seinem Pfad, den Pfad, den er erwählt hatte, genauso wie du dem Pfad folgst, den du erwählt hast.“

Ich sah ihn immer noch völlig verwirrt an, ohne dass mir eine einigermaßen intelligente Antwort eingefallen wäre, er setzte seine Rede nach einem kleinen Moment aber auch ohne so fort.

„Wir Bäume bitten dich darum, dass du weiterhin einen Pfad wählst, in dem du der Natur und uns freundlich gesonnen bist, Wächterin.“

Nach diesen Worten verflog die wilde Magie, die alte Eiche erstarrte wieder zu Holz und ich fragte mich unwillkürlich, ob das jetzt ein Traum gewesen war, oder ob ich mich gerade wirklich mit einer Eiche unterhalten hatte.

Das Ende unseres Gesprächs hatte auf jeden Fall eines bewirkt, ich war mir meiner schmerzenden Verletzungen überdeutlich bewusst, daher rief ich die Schleier und heilte mich. Die Heilungsschmerzen waren diesmal sogar durchaus erträglich, aber vielleicht stumpfte ich ja auch den heilenden Flammen gegenüber so langsam ab.

Dann verwandelte ich mich und versuchte, den Baum wiederzufinden, unter dem mein Rucksack lag, was mir zum Glück irgendwann gelang. Und zwar ohne in der Luft von einem der magischen Blitze getroffen zu werden, die gerade mit dem Gewitter weiterzogen.

Ich wusch mich in dem immer noch strömenden Regen und trocknete mich dann erneut ab, bevor ich mich erschöpft in den Schlafsack verkroch, ich zitterte, es war allerdings nicht die Kälte, die meinen Körper erbeben ließ.

Irgendwann schlief ich zwar ein, die Nacht ließ mir jedoch keine Ruhe, ich sah die Gesichter all der toten Soldaten vor mir, der Kameraden, die in der Schlacht um Warschau gefallen waren. Dann tauchte auch noch Natalie auf, die mich immer wieder anbettelte, ihre Schwester doch nicht zu töten. Mein Messer zuckte aber bereits nach vorne und die Klinge verwand jedes Mal in Branislavas Brust, die mich völlig verblüfft anstarrte, ganz genau so, wie es damals wirklich geschehen war. Ich erwachte am nächsten Morgen schreiend und war trotz der unendlichen Müdigkeit und Erschöpfung erleichtert, dass diese grauenhafte Nacht endlich vorbei war.

Zum Glück hatte es mittlerweile wenigstens aufgehört zu regnen, ich packte den Rucksack aus und machte eine kleine Bestandsaufnahme. Schon nach sehr kurzer Zeit war es offensichtlich, dass ich mir einiges an Ausrüstung zu besorgen hatte, ich konnte ja nicht einmal etwas kochen. Ich brauchte auch noch mehr Seile, da ich ja die Seile und Gurte jedes Mal aufbeißen musste, wenn ich den Rucksack als Drache auszog, wenigstens war das aber überhaupt möglich, ihn selber anzuziehen, ging natürlich gar nicht. Ich flickte die Riemen, so gut es möglich war, und hoffte, dass ich irgendwann auf jemanden treffen würde, der mir damit behilflich war, oder ich würde gefühlt Jahre bis nach Italien brauchen.

Ich ging in ein nahegelegenes Dorf, das genauso wie alle weiteren verlassen war, besorgte mir alles, was ich für die Reise alleine noch brauchte, unter anderem auch einen neuen Kompass, denn der Alte war irgendwo verschwunden, und ging dann zu Fuß weiter in Richtung Italien, da ich den Rucksack und meine Ausrüstung nicht zurücklassen wollte.

Ich schätzte die Strecke nach Rom auf knapp zweitausend Kilometer, ich hatte allerdings gestern bereits gut fünfhundert davon geschafft, und wenn ich mich nicht völlig verflogen hatte, dann sollte ich eigentlich irgendwo in der Nähe von Wien sein. Was mir in einer kurzen Pause ein Blick auf eine Karte, die ich in dem Dorf hatte mitgehen lassen, auch bestätigte. Spontan beschloss ich, meinen Kurs in Richtung Wien einzuschlagen und die Stadt zu besuchen, vielleicht traf ich dort jemanden, der mir den Rucksack umschnallte, dann wäre wenigstens die Alpenüberquerung kein Problem mehr.

 

 

2 Ein Wolf in Österreich

 

Es passierte, als ich durch einen Wald lief, ich war eigentlich gerade ziemlich hin und weg, weil die Natur um mich herum wieder einmal so unfassbar lebendig war. Natürlich war sie das die ganze Zeit über gewesen, seitdem ich Drachin geworden war, allerdings oft schaut man eben nicht so genau hin, wenn sich erst einmal die Gewohnheit eingeschlichen hat, aber an diesem Tag tat ich exakt das. Ich sah und hörte richtig hin, wie schon viel zu lange nicht mehr.

Eventuell war es wegen der Begegnung mit dem zum Leben erweckten Baum, oder da es mir gerade nicht sehr gut ging, oder vielleicht einfach, weil ich endlich einmal frei von Zeitdruck unterwegs war, ohne gleich wieder viele Menschen vor dem sicheren Tod bewahren zu müssen. Jedenfalls hoffte ich das, die Drachen würden bestimmt auch ohne meine Hilfe noch eine Weile überleben, Drachen sind doch ziemlich zäh.

So kam es, dass ich den Wolf erst viel zu spät bemerkte, als ich nämlich bereits zu nahe herangekommen war. Er war ganz offensichtlich auf der Jagt, überernährt sah er mir jedenfalls nicht aus. Er knurrte mich zähnefletschend aus dem Gebüsch heraus an, in welchem ich ihn vorher nicht bewusst wahrgenommen hatte, weil ich fasziniert auf einen Bach hinter mir und seine Bewohner geachtet hatte. Ich hatte zwei Möglichkeiten, entweder lief ich vor dem Wolf davon, oder ich kämpfte.

Ich entschloss mich für die Dritte und fing damit an, mich mit sehr langsamen Bewegungen und überaus vorsichtig auszuziehen. Ich hatte noch nie so ein wunderschönes Tier gesehen, außer vielleicht im Fernsehen, sein relativ dünner Sommerpelz war braun, schwarz und weiß gescheckt. Seine Zähne waren weiterhin gefletscht und er knurrte mich immer aggressiver an.

Ich fragte mich, warum er die Drachin nicht wittern konnte, eigentlich hätte ich seiner Nase mehr zugetraut. Die Drachin in mir meldete sich bei diesem Gedanken zu Wort, sie hatte seit unserem Suizidversuch nicht mehr mit mir geredet, ich vermutete, dass sie von mir genauso enttäuscht war, wie es alle anderen waren.

‚Er wittert uns, er ist verängstigt und verwirrt, deshalb knurrt er auch so aggressiv, er überlegt gerade, ob er fliehen oder angreifen soll. Und nein, ich bin nicht enttäuscht von dir, ich versuche, genau wie du, mit der Schuld umzugehen, es ist für uns beide nicht leicht.‘

Ihre Geiststimme klang am Ende sehr leise und niedergeschlagen, wir waren offensichtlich in gleichem Maße unglücklich mit dem, was ich getan hatte. Ich hörte bei dem Gedanken ein energisches und bestimmtes ‚Wir haben das alles gemeinsam getan, nicht du allein!‘, was mir ziemlich guttat, denn es ist gar nicht so schlecht, wenn man mit seinen Sünden nicht ganz einsam dasteht. Vielleicht kommt daher das Krankheitsbild einer Schizophrenie. Ich zuckte jedoch sehr schnell von dem Gedanken zurück, vor allem, da ich mir über meinen eigenen Geisteszustand gar nicht so sicher war.

‚Es ist schön, dass du wieder da bist, ich habe dich vermisst, Kleines.‘

‚Hah, bin viel größer als du, Große. Ich bin ein Teil von dir, ich bin genauso Althea wie du, ich war nie weg, ich werde ständig bei dir sein, für immer und ewig, wir sind untrennbar verbunden. Selbst in dem, was wir tun. Es wäre gut, wenn du uns endlich auch als genau das verstehen würdest, denn es ist essenziell wichtig für uns.‘

‚Ich habe ihr das Messer in die Brust gestoßen‘, meinte ich störrisch zu ihr. In diesem Moment war ich plötzlich wie erstarrt und für eine Sekunde lang war ich zu keiner Bewegung mehr fähig. Ich stand völlig still und starr. Mir wurde sofort klar, was passiert war, die Drachin hatte jede weitere Bewegung unseres Körpers verhindert.

‚Alles, was du tust, hat meine Zustimmung, oder du tust es nicht. Wir tun alles gemeinsam, all die schönen und guten Dinge, aber auch die Fehler begehen wir zusammen.‘

Sie entließ mich aus der Starre, obwohl ich ihr die Antwort schuldig blieb, wonach ich kurz danach endlich die Entkleidung beenden konnte und splitternackt vor dem Wolf stand. Er hatte sich jetzt wohl doch noch für eine Möglichkeit entschieden, und zwar für den Kampf, und kam daher sehr, sehr schnell und grimmig zähnefletschend auf mich zu, und er hatte ein wirklich angsteinflößendes Gebiss. Ich verwandelte mich in meine wahre Gestalt, brüllte ihn sehr laut an und zeigte ihm die eigenen Zähne, die natürlich deutlich größer als seine waren.

Der Wolf reagierte so, wie ich es erhofft hatte. Er blieb kurz stehen, kniff den Schwanz ein, winselte einmal und rannte dann panikerfüllt davon. Selbst ohne Drachenfurcht, und das war gerade vermutlich genau sein Problem, gab es nicht viele Lebewesen auf diesem Planeten, die mir bei einigermaßen heilem Verstand in meiner Drachengestalt alleine entgegengetreten wären, außer vielleicht einem anderen Drachen natürlich.

Ich lachte leise in Gedanken über den eingekniffenen Schwanz des Wolfs und die Drachin fiel prompt ein. Das befreiende Lachen tat uns beiden gut, wir hatten mit einem sehr einfachen Trick dem schönen Tier das Leben gerettet, und das Gefühl war ein klein wenig Balsam auf den tiefen Wunden in meinem Geist.

Natürlich hatte ich mich bei der Verwandlung prompt an einem Baum verletzt, es war zwar ein relativ lichter Wald, ich war aber doch mittlerweile eine sehr große Drachin, und es war einfach deutlich zu eng für die Flügel hier. Ich verwandelte mich zurück und rief die Schleier, um die stark blutende Wunde an meiner Schulter zu heilen, dann wusch ich das blutverschmierte Körperteil, so gut es ging, und zog mich wieder an.

‚Das war aber nicht sehr nett von dir.‘

Die unverkennbar männliche Stimme hallte in meinem Kopf, das glockenhelle und ein wenig piepsige Lachen passte allerdings überhaupt nicht dazu. Ich drehte mich erschrocken herum, hinter mir war jedoch niemand, jedenfalls sah ich zunächst keinen. Ich nahm trotzdem eindeutig eine Präsenz wahr. Ich beruhigte mich und lauschte noch genauer auf meine Drachensinne, was ich schon viel zu lange nicht mehr in dieser Intensität getan hatte, ich fühlte mich in diesen Momenten so ... lebendig.

Irgendjemand war an oder in der Eiche, ob es wieder ein sprechender Baum war? Nein, die Stimme war deutlich zu hoch und nicht so knarrig gewesen. Endlich kam aus einem Astloch ein feenartiges Wesen mit sehr zarten und durchsichtigen Flügeln geflogen, das sogar ein winziges magisches Glöckchen erklingen lies, wenn ich ganz genau hin hörte.

Ich rieb mir die Augen, es beziehungsweise er, hatte eindeutig einen menschlichen Körper, war aber höchstens zehn Zentimeter groß und hatte lange Libellenflügel. Mir wurde in diesem Moment klar, dass die Umwandlung sehr viel mehr neue und fremde Wesen geschaffen hatte, als ich bisher angetroffen hatte.

‚Was hätte ich den sonst tun sollen, ihn darum bitten, zu gehen?‘, antwortete ich ihm ein wenig pikiert, immerhin hatte ich dem Wolf quasi das Leben gerettet, indem ich ihn nicht gefressen hatte.

‚Genau das, selbstverständlich, was den sonst? Du hast eine wirklich merkwürdige Art an dir.‘

‚Er hätte mich doch gar nicht verstanden?‘, fragte ich ihn mit gemischten Gefühlen, seine Antwort war so selbstsicher gewesen.

‚Natürlich versteht er dich, alle verstehen dich, du bist doch Althea, bist du nicht? Vielleicht hätte er die Worte und Gedanken nicht begriffen, aber sehr wohl deine Gefühle.‘

Meine Kinnlade sackte nach unten. ‚Du kennst mich? Woher kennst du mich?‘

‚Wir kennen dich sehr gut, du bist … oh, du bist es gar nicht.‘

Ich fragte mich unwillkürlich, ob einem von uns beiden ein paar Tassen im Set fehlten, den eigenen Geisteszustand hätte ich sicherlich nicht als völlig gesund bezeichnet, seiner war aber anscheinend auch nicht ganz mitten in der Spur. Die Frage war eigentlich nur noch, wer von uns beiden sich wohl weiter weg von der gesunden Mitte bewegte.

‚Was meinst du damit, ich bin es nicht? Ich bin Althea die Weiße, das ist mein Name seit ...‘

‚Seit Anbeginn der Zeit, ich weiß, ich weiß. Ich heiße Elias Wieser und gehöre zum Volk der Faerie, aber du darfst uns auch Feenkinder nennen, falls dir das lieber ist. Erweist du uns die Ehre eines Besuches? Der Älteste würde dich mit Sicherheit gerne kennenlernen, wenn du schon mal hier bist. Bist du auf dem Weg nach Rom oder warst du bereits dort?‘

Schauer liefen mir den Rücken hinunter, keiner konnte das außer meinen Freunden und Vitalii wissen, dass ich auf dem Weg zu Cornelia war.

‚Woher weißt du das denn, wo ich mich hinbegebe und was ich vorhabe, niemand weiß davon?‘

‚Es ist nicht an mir, dir das zu erzählen, der Älteste muss entscheiden, was wir dir mitteilen dürfen und was nicht.‘

Ich sah ihn misstrauisch an, er hatte ganz offensichtlich völlig den Verstand verloren. Ob ich ihm trotzdem trauen konnte? Ich fürchtete mich ein wenig vor ihnen, und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen.

‚Geh ruhig mit ihm mit, er wird dir nichts tun, genau wie die anderen Faerie. Es ist höchste Zeit, ein uraltes Bündnis zu erneuern, das zwischen Drachen und Faerie. Ich habe sie in unseren Erinnerungen gesehen, sie sind immer freundlich zu uns Drachen gewesen.‘

‚Unseren Erinnerungen? Sind es nicht eher Deine ...‘

Der Rest meiner Gedanken ging in ihrem Zorn unter, sie sagte nichts mehr, aber ihre Emotionen kamen so deutlich zu mir rüber, als würde sie vor mir stehen und mich in unserer Drachengestalt anbrüllen.

‚Ich gebe mir Mühe.‘, meinte ich ziemlich kleinlaut. Sie sagte nichts, ihr Zorn loderte jedoch weiterhin so hell wie die Flamme eines Reisigfeuers. Ich erinnerte mich plötzlich an ihre eisige Zustimmung, als wir uns entschlossen, uns in Nathalies Schwert zu stürzen, und sandte ihr meine Liebe und jedes bisschen Hoffnung zu, dass ich in diesem Augenblick noch besaß.

Es beruhigte sie diesmal jedoch nicht sonderlich. Ich hoffte, dass Elias von unserem stillen Zwiegespräch nichts mitbekommen hatte. Die Drachin war echt empfindlich geworden, wenn es darum ging, dass wir zwei getrennte Wesen waren, und nicht wirklich eins, auch wenn wir uns ja eigentlich wohl kaum hätten näher stehen können.

‚Weil du die Verantwortung für die schlimmen Dinge immer allein tragen musst und mich nicht an unserem Schmerz teilhaben lässt. Es ist mehr als nur wichtig, dass wir das alles gemeinsam tun! Du bist unverantwortlich!‘

Ich erkannte in dem Moment endlich die mentalen Barrieren, die ich unbewusst zwischen uns errichtet hatte, und sie so von meiner Schuld aussperrte. Das war wohl die Ursache, weswegen sie so aufgebracht war. Alle die Gefühle, die ich ihr und dem Elfenmädchen gegenüber empfand, das ich geworden war, und die ich beide beschützen wollte, übermannten mich.

Und mir wurde in diesem Moment auch klar, dass ich es alleine nicht schaffen würde. Ich brauchte sie, so dringend wie die Luft zum Atmen, oder wir würden es beide nicht durchstehen, die Last war zu viel für mich derart isoliert. Ich lies also die Mauern fallen und ihr Bewusstsein strömte wie ein Meer in die Regionen meines Geistes, zu denen ich ihr bisher den Zugang verwehrt hatte.

Ich erlebte dabei in einem einzigen Augenblick vieles noch einmal, die Vergewaltigung, die toten Ork, meine gefallenen Freunde und Kameraden und schließlich auch Branislava, Nathalie und sogar Vladimir. Ich fiel auf die Knie und zitterte heftig, die Emotionen waren einfach zu viel für mich. Dann wurde mir plötzlich schwarz vor Augen.

Als ich irgendwann durch tränende Augen Elias erneut sehen konnte, der jetzt direkt vor meinem Gesicht herumflog, ohne dass ich seine Annäherung mitbekommen hatte, hörte ich seine Stimme, die mich wieder ein wenig in der Realität festzurrte.

‚Du bist auch nicht sonderlich fest in der Gegenwart verankert, nicht wahr. Komm mit, vielleicht können wir dir ja dabei helfen.‘

Ich sah ihn völlig perplex an und fing plötzlich lauthals an zu lachen, eine männliche Fee, die gerade mal zehn Zentimeter klein war und wie verrückt kreuz und quer vor meinem Gesicht herumflog, wollte mich in der Gegenwart verankern. Die Situation war genauso unreal wie alles andere, das ich seit der großen Umwandlung erlebt hatte. Er sah mich zu meiner Beruhigung jedoch nicht verletzt an, sondern wartete lediglich gelassen auf Antwort, jedenfalls so ruhig, wie man es von einer ständig hin und her fliegenden Fee erwarten konnte, die einen damit echt kirre machte.

Als ich mich einigermaßen im Griff hatte, nickte ich ihm zu, packte die Sachen zusammen und warf mir den Rucksack über die Schultern. Dann stapfte ich ihm wortlos hinterher, ich war noch nicht dazu in der Lage, zu sprechen, genauso wenig wie meine Drachin, vielleicht hatte sie die pure Menge der angesammelten Schuldgefühle doch ein bisschen unterschätzt.

Ich erhöhte trotzdem bald darauf das Tempo und folge Elias rennend, dem offensichtlich eine schnellere Geschwindigkeit sehr recht war, denn so kam ich wenigstens durch die körperliche Bewegung wieder auf andere Gedanken, genau wie schon so oft davor.

Der Wald um uns herum wurde mit jedem Meter dunkler und dichter, die Äste der Bäume peitschten mir ins Gesicht, als ob sie mich von unserem Weg abbringen wollten. Elias sah sich bereits immer wieder ungeduldig zu mir um, warum ich auf einmal so langsam geworden war. Ich hätte ja ebenfalls fliegen können, meinen Rucksack hätte er allerdings bestimmt nicht auf mir festschnallen können, wenn ich mich verwandelte. Ich war mir auch nicht ganz sicher, ob ich im Flug einem so kleinen Wesen auf dem Waldboden folgen konnte, Drachensinne hin oder her.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der wir immer tiefer in einen zunehmend dichteren Wald rannten, kamen wir endlich an unserem Ziel an. Ich rief die Schleier, um die Kratzer zu heilen, die der Wald bei mir verursacht hatte, und näherte mich zwei Bäumen, die mit ihren Kronen ein Tor aus Stamm und Blättern bildeten. Direkt dahinter war der Wald in eine unwirkliche Dunkelheit gehüllt, es war fast wie eine Nebelwand aus beinahe schwarzem Rauch, die sich hinter dem Tor auftürmte.

Davor standen zwei Wächterinnen, mit einer silbernen Rüstung und winzigen Schwertern bewaffnet, auf einem Ast. Sobald sie uns wahrgenommen hatten, flog eine der beiden zu mir, bis sie sich direkt vor meinem Gesicht befand, streckte ihre Hand aus und zeigte mir die Handfläche, woraufhin ich gehorsam stehen blieb. Dann sprach sie mich aufgeregt an:

‚Ich erkenne dich, Althea! Du bist hier nicht willkommen, du bringst den Tod mit dir! Oder willst du es etwa bestreiten, dass du den Tod mit dir bringst? Ich kann ihn doch sehen, er sitzt dir direkt auf der Schulter!‘

Ich senkte den Blick und starrte auf den Waldboden, dann antwortete ich auf die einzige Art und Weise, die mir in dieser merkwürdigen Situation ehrlich und angemessen erschien.

‚Du hast recht, Wächterin, der Tod ist seit zwei Jahren ein ständiger Begleiter, und er wird mir weiter folgen, wohin ich mich auch immer begebe. Ich bitte um Verzeihung, ich werde euch meine Anwesenheit nicht aufbürden und auf der Stelle gehen, ich bitte nur darum, dass ich mich genauso in Frieden zurückziehen darf, wie ich gekommen bin.‘

Ich sah sie ernst und aufrecht an, ich glaubte zwar nicht wirklich daran, dass sie mir ernsthaft gefährlich werden konnten, aber derart magische Wesen, die so offensichtlich und natürlich wie sie mit der Magie verbunden sind, hatten mit Sicherheit die eine oder andere äußerst unangenehme Überraschung für diejenigen parat, die ihnen Übles wollten.

Die Wächterin zuckte jedoch bei meiner Bemerkung zurück und beeilte sich, mir etwas ganz anderes und für mich in diesem Moment sogar Befremdliches zu versichern.

‚Wir wollen keinen Krieg mit den Drachen, neinnein, wer will schon Krieg mit den Drachen oder mit den Menschen oder mit den Elfen oder mit den Ork oder gar mit allen zusammen.‘

Sie hob bei ihrer Aufzählung vor jedem *oder* einen neuen Finger und sah diesen dann kopfschüttelnd an.

‚Wer Althea nicht friedlich ziehen lässt, der kriegt einen Haufen Ärger, jaja. Du und der Tod, ihr seid uns heute willkommen, ihr dürft so lange bleiben, wie wir euch ernähren können. Aber bitte füttere den Tod nicht mit Feenkindern, ja?‘

Ihr Blick, den sie mir dabei zuwarf, war zwar nicht flehentlich, er gab mir aber trotzdem deutlich zu verstehen, dass die Faerie sehr traurig über tote Feen wären.

‚Leider ist der Tod, wie schon gesagt, mir ein ständiger Begleiter geworden, allerdings werde ich ihn nicht mit Feenkindern füttern.‘

Sie strahlte mich nach der Antwort dermaßen überglücklich an, dass mir die Bilder all der toten Ork in den Kopf sprangen, die durch meine Hand gefallen waren, und ich erneut ziemlich betreten zu Boden sah. Offensichtlich war ich mittlerweile wirklich das Monster geworden.

Sie winkte die andere Wächterin heran, woraufhin sie sich beide seitlich zwischen mir und den zwei Bäumen in der Luft schwebend platzierten, dann verbeugten sie sich und wiesen mit ihren Händen einladend zu ihrem Baumtor.

Zweifelnd sah ich Elias an, die Ansprache der Wächterin hatte mich doch sehr verunsichert. Er nickte mir jedoch aufmunternd zu und flog voraus, direkt in die düstere Nebelwand hinter den beiden Torbäumen, die irgendwie gar nicht zu dem gerade wieder recht warmen Spätsommerwetter passen wollte.

Ich folgte ihm mit hängenden Schultern, sonderlich wohl würde ich mich sicherlich nicht bei diesem Besuch fühlen. Als ich jedoch endlich durch die dunkle Nebelwand getreten war und dahinter wieder normale Luft anstelle des kalten und feuchten Nebels auf meiner Haut fühlte, erblickte ich einen Anblick, der mich für alle unangenehmen Gefühle entschädigte, und ich kam die nächsten Minuten aus dem Staunen nicht mehr heraus.

 

 

3 Eine fast normale Stadt

 

Die Faerie hatten eine Stadt in den Bäumen errichtet, und zwar nicht so, wie man sich eigentlich eine Stadt vorstellte, sondern vollkommen natürlich in die Bäume eingepasst. Ihre Häuser sahen alle wie gewachsen aus, und nicht wie erbaut, hatten aber alles, was man benötigt. Fenster, Türen, winzige Schlösser, und überall konnte man ein sehr angenehmes Licht sehen, das sanft in vielen verschiedenen Farben leuchtete.

Auf dem Waldboden hatten sie viele kleine Felder angelegt, auf denen sie Ackerbau betrieben, anscheinend kam hier entweder genügend Licht auf dem Boden an, oder sie halfen magisch nach. Überall konnte ich Feenkinder sehen, es waren so viele, viel mehr, als ich es erwartet hätte, es war fast so, als hätte sich ein Dorf komplett verwandelt.

Ich hatte allerdings noch nie von solchen Verwandlungen gehört, also fragte ich Elias danach.

‚Nein, es gibt keine Menschen, die sich in Feen verwandelt haben, jedenfalls weiß ich nichts darüber, wir haben es schon immer genauso wie ihr Drachen gehalten, wir … stimmt, du bist noch zu jung, du hast das noch nie gemacht, dich für eine E-Zeit zurückgezogen, nicht wahr?‘

‚Was ist das, eine E-Zeit?‘

Er hielt kurz an und flog mir direkt vor das Gesicht, vielleicht um mir seine ernste Miene bei diesem traurigen Thema zu verdeutlichen.

‚Das sind die Zeiten ohne Magie, wenn wir uns zurückziehen und die Jahrhunderte schlafend verbringen, es sind die Zeiten der Elektrizität. Du wirst das vielleicht auch noch einmal machen müssen. Wenn du ...‘

Er verstummte mitten im Satz, vielleicht wollte er so etwas sagen wie: wenn du das nächste Jahr überleben solltest. Ich musste unwillkürlich kichern, dann bemerkte ich das fast nicht hörbare Raunen um mich herum, es waren nur Wortfetzen, aber anscheinend geriet der ganze Ort gerade in helle Aufregung.

Was ich definitiv hörte, war unter anderem eine sehr piepsige Stimme, die murmelte:

‚... und wie groß sie ist, und sie riecht nach Drache.‘

Ich war also für die Feen offenbar nicht minder merkwürdig als sie für mich, was mich etwas beruhigte. Elias führte mich zu dem schönsten und größten Baum in der Mitte und bedeutete mir dann, dass ich mich setzen sollte, um auf ihn zu warten. Also warf ich den Rucksack auf eine einigermaßen trockene Stelle, setzte mich darauf, zog die Schuhe aus, um das weiche Moos an den Füßen fühlen zu können, und schloss die Augen.

In ruhigen und tatenlosen Momenten wie diesem, fühlte ich mich mit meinem neuen Körper und meiner neuen Identität völlig im reinen. Sämtliche Zweifel und Schuldgefühle wurden in den Hintergrund gedrängt und ich genoss einfach nur das Gefühl dieses Körpers und meiner Seele.

Die Sinne drängten sich förmlich nach außen und ich fühlte die Natur und die Feen um mich herum, ich spürte sie fast so, als wären sie alle ein Teil von mir, beinahe so wie damals kurz nach dem Erwachen, als ich spontan vor lauter Körperfreude alleine im Regen getanzt hatte.

Dann hörte ich direkt vor mir ein weiteres flüsternd geführtes, mentales Gespräch, die Gedanken kamen bei mir nur sehr, sehr leise an.

‚Sie sieht sehr hübsch aus, aber auch sehr jung. Meinst du, wir sollten sie stören?‘

Ich schlug die Augen auf und richtete mich auf, die beiden Faerie mussten deswegen ein wenig zurückweichen, da sie zu dicht über meinem Gesicht geflogen waren, und lächelte ihnen zu. Der eine war Elias und der andere war ein älterer Mann, allerdings ohne graue Haare oder andere typischen Anzeichen des Alters, sondern eher wie ein Mensch in seinen Mittvierzigern. Ich hegte jedoch den Verdacht, dass er deutlich mehr Jahre als das zählte.

‚Althea, ich grüße dich, mein Name ist Waldemar Baumgartner. Ich heiße dich bei den Feenkindern herzlich willkommen! Um auch gleich auf den Punkt zu kommen, ich würde mich sehr darüber freuen, wenn wir unser altes Bündnis mit dir erneuern könnten, auch wenn du noch gar nicht im Rom gewesen warst.‘

Ich überlegte einen Moment lang, ob ich vielleicht aufstehen sollte, um mich zu verbeugen oder so etwas in der Art, lies es aber dann bleiben, ich war auch so schon groß genug für diese Leute hier. Meine Drachin gab mir die traditionelle Antwort für ihn, ihre Gedanken klangen allerdings ziemlich müde und erschöpft. Ich wollte sie bereits deswegen ansprechen, sie schickte mir aber ein ‚Später‘ zu, und ich musste ihr recht geben, es war schon Elias gegenüber nicht richtig gewesen, ihn so lange warten zu lassen.

‚Ich danke dir für dein Willkommen und deine Gastfreundschaft. Ich werde mich selbst verpflegen und für euch und euren Schutz kämpfen, solange ich euer Gast bin.‘

Waldemar zog seine Augenbrauen hoch und lächelte erfreut, ich hatte die Floskel also richtig wiedergegeben. Da er mich ebenfalls auf Rom angesprochen hatte und auch gleich auf den Punkt gekommen war, vielleicht weil er mich nicht allzu lange als Gast hier haben wollte, stellte ich ihm auch sofort meine brennendste Frage.

‚Ich würde gerne wissen, woher ihr das mit Rom wisst, habt ihr Kontakt mit jemandem von meinen Freunden oder geht das bereits um?‘

Er lachte hell und laut auf, trotz seines Alters klang er ebenfalls eher wie ein Glöckchen als wie ein Mann, dann erklärte er mir ohne Zögern die rätselhaften Worte von Elias.

‚Ich brauche da kein Geheimnis draus zu machen, ihr Drachen wisst es sowieso, auch wenn du es selbst vielleicht noch nicht weißt. Wir Faerie sind nicht sehr stark in der Gegenwart verankert, wir leben zwar im Hier und Jetzt, träumen aber sehr oft von anderen Zeiten. Es ist manchmal sehr schwierig, sich daran zu erinnern, was bereits geschehen ist, und was noch kommen wird. Oder was nicht kommen wird, weil es nicht mehr kommen kann.

---ENDE DER LESEPROBE---