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Althea findet endlich heraus, wer eigentlich hinter dem Krieg steckt und macht sich auf den Weg, mitten ins feindliche Gebiet. Um ihren größten Feind zu vernichten, muss sie sich selbst aufgeben. Ohne jede Hoffnung für sich selbst macht sie sich trotzdem auf die Reise, eine Reise ohne Wiederkehr. Zum Glück für sie haben bei dieser Sache auch noch andere ein Wörtchen mitzureden. Sabine die Magierin, Jaritha die Elfenkönigin und zwei Unbekannte, werden die Vier Althea retten können oder ist ihr Weg in die Verdammnis unaufhaltbar?
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Drachen und Ork
Von Derik Peterson
Drachen und Ork
Althea 2
Von Derik Peterson
1. Auflage,
© Derik Peterson – alle Rechte vorbehalten.
Impressum
Autor: Derik Peterson
AutorEmail: [email protected]
Herausgeber:
Dirk Jost
Am Mühlbach 5
64853 Otzberg
Deutschland/Germany
Widmung4
Buchbeschreibung5
1. Kapitel: Rückblick6
2. Kapitel: Der Aufbruch19
3. Kapitel: Ein Drachentöter27
4. Kapitel: Eine Patrouille34
5. Kapitel: Friedrich Eberhardt40
6. Kapitel: Der wahre Feind48
7. Kapitel: Wieder Richtung Heimat56
8. Kapitel: Und erneut unterwegs67
9. Kapitel: Prag73
10. Kapitel: Christin Stadler83
11. Kapitel: Drachenfreunde91
12. Kapitel: Waschtag97
13. Kapitel: Zigeuner und eine Prophezeiung105
14. Kapitel: Der Drachenhort115
15. Kapitel: Der Rat125
16. Kapitel: Heimreise130
17. Kapitel: Ein Abschied von einem teuren Freund144
18. Kapitel: Die Heimat naht151
19. Kapitel: Vor Gericht158
Anmerkung des Autors176
Dieses Buch widme ich dem Teil meiner Familie, der mir treu geblieben ist.
Und den Freunden.
Althea findet endlich heraus, wer eigentlich hinter dem Krieg steckt und macht sich auf den Weg, mitten ins feindliche Gebiet. Um ihren größten Feind zu vernichten, muss sie sich selbst aufgeben. Ohne jede Hoffnung für sich selbst macht sie sich trotzdem auf die Reise, eine Reise ohne Wiederkehr. Zum Glück für sie haben bei dieser Sache auch noch andere ein Wörtchen mitzureden. Sabine die Magierin, Jaritha die Elfenkönigin und zwei Unbekannte, werden die Vier Althea retten können oder ist ihr Weg in die Verdammnis unaufhaltbar?
Mein Bewusstsein stieg wie eine silbrig glänzende Blase aus den dunklen Tiefen des Meeres nach oben, immer dem Licht entgegen. Als ich nach einer kleinen Ewigkeit voller Ruhe und Frieden an der glänzenden Oberfläche ankam, wurde es plötzlich hell, viel zu rot für das Meer und viel zu hell für geschlossene Augen. Ich öffnete vorsichtig die Lider einen Spalt weit und sah auf eine weiße Zimmerdecke, an der eine Raufasertapete klebte. Sie war so rein und so sauber, wie sie nur im ersten Jahr nach dem Anlegen eines nagelneuen Zimmers ist. Ich war überrascht, keine Sonne und auch keinen riesigen Scheinwerfer vorzufinden, der mir auf die geschlossenen Lider geleuchtet hatte, das Zimmer war nur mäßig beleuchtet. Eine winzige Spinne spann in einer Ecke ihr feines und eigentlich unsichtbares Netz, auf der Suche nach unvorsichtigen Opfern. Ich konnte das Netz so deutlich sehen, als ob es sich ein paar Zentimeter vor mir befinden würde.
Ich versuchte mich, immer noch sehr verwirrt, daran zu erinnern, wo ich eigentlich war. Völlige Orientierungslosigkeit, ich hatte dieses Gefühl manchmal an einem zu frühen Morgen. Diesmal war das Gefühl noch verwirrender und beklemmender als sonst, ich kam mir selbst völlig fremd vor, ich konnte mich noch nicht einmal daran erinnern, wer ich eigentlich war. Ich lag auf dem Rücken, mein linker Arm war merkwürdig weich eingeklemmt und ich konnte ihn nicht bewegen. Ein einengendes Gewicht lag auf meiner Brust und nahm mir die Freiheit, unbeschwert zu atmen. Ein weiteres Spinnennetz lag über meinem Gesicht und den Augen.
Für einen winzigen Moment, der sich wie eine weitere kleine Ewigkeit anfühlte, geriet ich in Panik. Ich öffnete den Mund, um meine Angst hinauszuschreien. Dann fingen Erinnerungen an, in mein Bewusstsein zu strömen, zappelnd und mühsam wie Lachse, die zum Laichen einen Fluss hinauf wanderten. Die Realität selbst verzerrte sich für mich mit einem fast schmerzhaften Ruck und das Universum rutschte an den richtigen Platz. Das Spinnennetz über meinem Gesicht waren in Wirklichkeit feine weiße Haare, nämlich meine eigenen. Ich blies mir die Haare erleichtert aus dem Gesicht und kam mir ziemlich töricht vor.
Das Gewicht auf meiner Brust war einmal der Kopf von Sabine, die ich mit meinem rechten Arm umschlungen hielt, und zum anderen meine eigenen, für mich immer noch ungewohnten Brüste, zum Glück sehr klein und eher kaum vorhanden. Auf meinem linken Arm lag, ebenfalls schlafend, Jaritha, die sich an meine Seite gekuschelt hatte und ihre Hand über mich hinweg auf Sabines Hüfte gelegt hatte. Der Arm war vermutlich schon seit einiger Zeit eingeschlafen und prickelte unangenehm.
Ich reckte mich vorsichtig, um zu verhindern, dass ich die beiden aufweckte, was Sabine leider sofort dazu veranlasste, sich ebenfalls zu bewegen. Das weckte natürlich auch Jaritha sofort auf. Sabine küsste mich zärtlich und verschlafen auf den Mund, Jaritha streichelte Sabine über den Kopf und küsste dann Sabine, sobald diese mich freigab. Dann presste die wunderschöne Elfe ihre weichen und zarten Lippen auf die meinen. Meine warmen Gefühle für die beiden, die mich völlig atemlos machten, weckten mich endgültig. Um einiges später erst standen wir auf und zogen uns lachend und kichernd an. Wir waren glücklich, einander zu haben und überhaupt noch zu leben, nach allem, was wir in den letzten Wochen durchgemacht hatten.
Die Erinnerungen an die letzten Monate kehrten zu mir zurück, so schrecklich und unwillkommen, wie sie waren. Genauso unaufhaltsam, wie die Ereignisse des letzten Jahres für uns alle gewesen waren. Die vertraute Welt, die ich seit meiner Geburt kannte, hatte sich in einer unglaublichen Katastrophe verändert. Die meisten Menschen hatten die erste Nacht der Umwandlung nicht überlebt. Viele andere erfuhren drastische Veränderungen, aber sie blieben wenigstens am Leben.
Für einige wenige hatte dieser Prozess der Veränderung viele Tage, sogar Wochen gedauert. Und ich, ich hatte monatelang, fast ein halbes Jahr in einem bayrischen Krankenhaus im Koma gelegen. Irgendein gutmütiger und armer Tropf hatte mich die ganze Zeit über gepflegt, nur um dann schließlich irgendeinem Unglück zum Opfer zu fallen. Jedenfalls war er irgendwann nicht mehr aufgetaucht. Ich erwachte halb verhungert alleine im Krankenhauszimmer und schlug mich bis zur Grenzfeste von Riem in München durch.
Dass die neue Grenzfeste von Riem überhaupt existierte, war vor allem der Verdienst von Hans Schmidt, einem ehemaligen Bundeswehrgeneral, der sich nicht der allgemeinen Verzweiflung hingegeben hatte, sondern aktiv geworden war. Eine Feste war überlebensnotwendig, da sich die Überlebenden leider nicht gegenseitig halfen, sondern stattdessen ihre Wut und Verzweiflung in Konflikten auslebten, überall regierte Gewalt und Chaos die Menschen. Hans änderte das in Riem.
Soweit ich es verstand, waren während der Umwandlung hauptsächlich zwei Dinge geschehen.
Das Erste war, dass Elektrizität und Magie ausgetauscht wurden. Magie erwachte zum Leben und Elektrizität verschwand in das Reich der Legenden. Daher wurden alle elektrisch getriebenen Geräte funktionslos, stattdessen funktionierte Magie jetzt so einwandfrei wie Elektrizität vorher, jedenfalls für diejenigen, die der Magie mächtig waren. Magie ist jedoch nicht so leicht kontrollierbar wie Elektrizität, sie ist etwas anderes, Wildes. Die Magie ist wie das flüssige Innere der Erde, wie glühend heißes Magma, sie ist unkontrollierbar, sie hat ihren eigenen Willen, sie verursacht Vulkanausbrüche und Erdbeben.
Der Wechsel war auch nicht der erste in der Geschichte unseres Planeten gewesen, es gab ihn schon einige vorher. Magie oder Elektrizität, Zivilisation oder Chaos, nichts ist von Dauer. Geschichten und Legenden sind das Resultat, und man vergisst, so unendlich viel wird jedes Mal vergessen. Wenn man es nicht anfassen kann, dann existiert es auch nicht.
Diesmal kam es bei dem Wechsel zu einer Art Überladung. Die Umwandlung war so heftig gewesen, dass Stränge an unkontrollierter und wilder Magie die Lebewesen des ganzen Planeten heimgesucht hatten, vor allem die Menschen. Die Überlebenden verwandelten sich in neue Rassen, und teilweise fielen die Verwandlungen extrem aus.
Die allermeisten Menschen wurden zu Ork. Viele wurden anscheinend verschont und blieben äußerlich Menschen. Einige wurden Zwerge und Gnome. Einige wenige, die wochenlang im Koma lagen und das auch noch überlebten, wurden Elfen. Kein Elf überlebte, der nicht gepflegt wurde, sie verdursteten oder verhungerten. Der Blutzoll, den die Elfen daher während der Umwandlung zahlten, war fürchterlich. Und jedem einzelnen der Elfen waren ihre Toten deutlich bewusst, die Erinnerung daran grub sich in ihr Rassengedächtnis ein.
Und ich selbst wurde erst nach monatelangem Koma ebenfalls wiedergeboren. Und zwar als Drache. Drachen sind extrem selten, existieren aber schon seit Ewigkeiten auf der Erde. Sie waren schon immer sehr selten, was der Grund dafür war, dass die Erzählungen um sie immer nur als Geschichten und Mythen angesehen wurden. Das war allerdings einer der größten Irrtümer der modernen Wissenschaft, leider nicht der Einzige. Sie verschliefen in einer Art Winterschlaf die Zeiten ohne Magie und erwachten immer dann erneut, wenn die Magie ebenfalls wieder zum Leben erweckt wurde. Neue Drachen wurden so selten geboren, dass jede Geburt ein kleines Wunder war. Deshalb waren wir nie sonderlich viele, sondern eher ständig vom Aussterben bedroht.
Ich war in einem besonderen Entwicklungsstadium der Drachen, dem zweiten nach der Geburt eines Drachen. Das war die Zeit, in der sich Drachen nicht in ihre wahre Drachengestalt verwandeln können. Nach einigen fatalen Zwischenfällen versuchten die Drachen, ihre Jungen in dieser Zeit besser zu schützen. Sie bekommen einen Mentor zur Seite gestellt, damit sie diesen Zyklus überleben, ohne von anderen Drachen getötet zu werden. Meine Mentorin war Elida, eine weiße Drachin.
Drachen sind, seit Anbeginn der Zeit. Seit ich geboren wurde, und das war schon nicht einfach, musste ich eine Tatsache lernen. Drachen sind. Ich bin. Einfach so, wie sie sind. Einfach so, wie ich bin. Man darf auf gar keinen Fall versuchen, gegen seine Drachennatur anzugehen, so funktioniert das Drachensein einfach nicht. Ich tat es gezwungenermaßen, aber trotzdem, mit genau den fatalen Folgen, die so eine Rebellion mit sich bringt. Mein endgültiges Schicksal war bereits kurz nach meiner Geburt als Drachin besiegelt.
Aber vielleicht sollte ich Ihnen erst noch etwas mehr über mich erzählen.
Ich war einmal, in einem anderen Leben und einer anderen Welt, ein ganz normaler und durchschnittlicher Mann in der Midlife-Crisis. Was ist eine Midlife-Crisis? werden Sie vielleicht fragen, wenn Sie im Englischen nicht so gut bewandert sind. Ganz einfach. Midlife-Crisis ist, wenn Sie beschließen, eine zu haben. Ich beschloss, eine zu haben, nach einer gescheiterten Beziehung zu viel. Danach kam ein sechsmonatiges Koma, und ich erwachte in einem verwüsteten Krankenhaus.
Nicht ganz das, was man erwarten würde, wenn man so einen Beschluss fasst. Als Mann wacht man normalerweise aus seiner Midlife-Crisis auf, wenn man die Abbuchungsraten für seinen Porsche oder die Unterhaltszahlungen für seine Ex-Frau bewundert und sich spontan überlegt, ob man einen zusätzlichen Job braucht, vielleicht als Industriemagnat oder König oder so.
Ich dagegen wachte in einer völlig neuen Welt auf, die sich in fast allem von meiner alten Welt unterschied und mir so fremdartig wie mein eigener Körper vorkam. Obwohl, die Welt war genau genommen sogar noch die Gleiche, aber die Bewohner und die physikalischen Gesetze eben nicht mehr.
Die schwierigste Umstellung für mich war allerdings etwas völlig Unwissenschaftliches: Ich wachte in dem Körper eines jungen Elfenmädchens auf, mit allem, was das so mit sich brachte. Mit vierzig hat man sich so einige Dinge angewöhnt, die von einem kleinen Mädchen nicht unbedingt erwartet werden. Es half ein wenig, fast zwei Meter groß und äußerst kräftig zu sein, das relativierte jedenfalls die Probleme wieder ein bisschen.
Noch dazu kam, dass die Welt um mich herum nicht freundlich war. Ein riesiges Heer von Ork hatte mit einer erdrückenden Übermacht meine Zuflucht angegriffen, die Grenzfestung Riem, die ich nach vielen Wochen der Flucht endlich erreicht hatte. Georg, der Sohn von Hans Schmidt, und ich waren losgezogen, um Hilfe für die Feste zu organisieren. Wir waren als einziges Team von dreien erfolgreich und fanden Hilfe von weiteren Überlebenden, bei Menschen im Norden und Elfen im Westen. Mit vereinten Kräften konnten wir die Ork schließlich vernichtend schlagen.
Es gab aufgrund der allgemeinen Erleichterung über den Sieg und der Freude darüber, noch zu leben, eine ziemlich wilde Siegesfeier. Wir alle hatten einfach zu lange im Schatten des tödlichen Krieges mit den Ork und der drohenden Katastrophe der völligen Auslöschung unseres kleinen Häufleins von Überlebenden gestanden, daher war die Feier ein wenig ausgeufert.
Ich konnte mich noch an wilde Tänze zu der großartigen Musik einer einzigartigen Band erinnern. Die Elfensängerin war unglaublich stimmgewaltig und etwas ganz Besonderes, nicht zu vergleichen mit allem, was Menschen so zu bieten hatten, und wir hatten alle einen Heidenspaß dabei. Meine kleine Gruppe von neuen Freunden, Jaritha, Georg, Sabine, Hans, Petra und Elida, war an diesem Abend ständig in meiner Nähe. Eigentlich war ich mein ganzes Leben lang ein Einzelgänger gewesen, andere Menschen waren eher etwas, was mir immer wieder wehgetan hatte, mich verletzt hatte. Diese Erfahrungen waren etwas völlig Neues für mich, in meinem alten Leben kannte ich so eine Gemeinschaft nicht.
Am Ende einer sehr langen und unvergesslichen Nacht waren wir alle ziemlich betrunken und schliefen bei Hans im Haus. Ich hatte da ein eigenes Zimmer, Platz gab es seit der Katastrophe überall genug und Hans besaß ein riesiges Haus. Jaritha und Sabine verbrachten die Nacht mit mir, wirklich geschlafen haben wir jedoch nicht viel in dieser Nacht.
Am nächsten Tag versammelten sich alle in Hans´ Küche, das war so eine Art inoffizielles Hauptquartier mittlerweile, einige der Offiziere kamen ebenfalls hinzu. Nicht wenigen sah man die Folgen der langen und alkoholreichen Nacht an. Nach der unglaublichen Leistung von allen Soldaten, Menschen, Zwergen und Elfen hatten wir uns das aber auch verdient.
Das allgemeine Gesprächsthema war natürlich der Krieg, nach wie vor verstand niemand von uns, warum die Ork uns überhaupt so bösartig und selbstzerstörerisch angegriffen hatten. Viel zu schnell nach der Umwandlung hatten sie massiv und organisiert zugeschlagen, obwohl sie doch ganz offensichtlich nicht die intelligentesten waren. Stattdessen traten sie sehr emotional und hasserfüllt auf.
Wir nahmen uns ein leichtes Frühstück und einen Kaffee und setzten und an den Küchentisch. Ich genoss den Kaffee und fragte mich nicht zum ersten Mal, wie lange uns Kaffee noch zur Verfügung stehen würde. Ob jemand wieder Handelsverbindungen zu südlichen Ländern aufnehmen würde? Reisen war ein ziemlich schwieriges und zeitaufwendiges Unterfangen geworden.
„Wir müssen herausfinden, wer hinter allem steckt. Es gibt garantiert eine zentrale und wichtige Figur, die wir noch nicht kennen“, meinte Hans. „Nur wie finden wir sie, wir verstehen die Orksprache ja nicht einmal, und Folter ist nicht unbedingt etwas, mit dem ich leben kann. Ich bin davon überzeugt, dass unser Überleben davon abhängt, wie viel Menschlichkeit wir uns in diesem Krieg bewahren. Wenn wir zu den gleichen Tieren wie die Ork werden, dann ist das Überleben nichts mehr wert. Wir müssen es einfach besser machen als die Generationen vor uns. Wir müssen endlich beweisen, dass wir etwas aus den schlimmen Zeiten, all den Kriegen gelernt haben. Es darf keinen Holocaust wie damals in Deutschland mehr geben. Es darf einfach nicht. Auch nicht, wenn es um Ork geht.“
Ich stimmte ihm zu: „Ich bin voll und ganz deiner Meinung, Hans, wir müssen es besser machen, egal, wie gefährlich die Lage ist.“
Jaritha meinte trocken:
„Hat jemand eine gute Idee, wie wir das hinbekommen, ohne alle Ork zu töten?“
Hans und ich blickten betreten zu Boden.
Elida sprang uns beiseite.
„Und wenn wir noch keine haben? Was dann? Dann müssen wir uns eben stärker bemühen. Ich bin absolut der gleichen Meinung, und wenn es keine einfache oder offensichtliche Lösung gibt, dann muss es eben eine werden, bei der wir uns ein wenig stärker anstrengen müssen. Den schnellen und einfachen Weg sind eure Vorfahren gegangen, dahin wollt ihr definitiv nicht zurück. Also muss jemand auf die Suche gehen. Auf die Suche nach der Wahrheit, ich glaube nicht, dass wir die hier im kuscheligen Zuhause bekommen.“
Georg meinte verbissen: „Kuschelig war einmal, Deutschland ist nur noch ein Schatten von dem, was es einmal war. Ohne Sabine und die vielen Magier, die wir auch nur deshalb haben, weil wir uns hier intensiv um die vielen komatösen Leute gekümmert haben, hätten wir überhaupt nicht überlebt. Wie es den anderen im Norden und Westen wohl ergangen ist ...“
Petra legte eine Hand auf seine Schulter und drückte zart zu.
„Die Elfen schulden euch viel dafür, wir lagen am Längsten im Koma und brauchten die Pflege dringend, es sind so viele von uns gestorben. Dank euch gibt es die Elfenstadt überhaupt. Nur Althea lag noch länger im Koma.“
Ich sah sie an. „Ich frage mich immer wieder, wer sich so lange um mich gekümmert hat und was mit ihm passiert ist. Nun, wie auch immer, Elida hat recht.“
Ich wurde blass, als ich für einen Moment eine ziemlich klare und sehr dunkle Vision meiner Zukunft hatte, aber ich sprach die Worte trotzdem aus:
„Ich werde gehen.“
Elida nickte mir zu. „Und ich werde sie begleiten.“
Sabine und Jaritha sahen mich beide unglücklich an. Jaritha schwieg, die Ablehnung von dem, was ich gerade gesagt hatte, stand ihr jedoch deutlich ins Gesicht geschrieben. Sabine sprang auf, sie war nicht nur unglücklich, sondern ziemlich wütend.
„Und warum ausgerechnet immer du? Du wirst da draußen töten müssen, wieder und wieder. Und du kommst mit Abstand am schlechtesten von uns allen damit klar. Du wirst dich da draußen selbst umbringen.“
Sie hieb mit der flachen Hand so fest auf den Tisch, dass das Geschirr nur so klapperte. Völlig außer sich rannte sie aus der Küche und schlug die Tür hinter sich zu.
„So ganz unrecht hat sie nicht, Althea“, meinte Jaritha leise.
„Aber wenn jemand da draußen überlebt, dann Althea“, sagte Hans traurig. „Sie hat es oft genug bewiesen, immer wieder.“
„Und ich werde euch ebenfalls begleiten“, antwortete Georg.
„Völlig unmöglich!“, meinten Elida und ich gleichzeitig. Dann fuhr Elida fort: „Du wirst unmöglich mithalten können, und wir wissen ja nicht einmal, wie weit wir reisen müssen. Und falls wir fündig werden und schnell Hilfe holen müssen, kann ich nur eine Person tragen.“
„Außerdem wirst du hier gebraucht, jemand muss den Kontakt zu den anderen Festen herstellen und sie warnen und Botschaften etablieren, ich hoffe ja immer noch, dass es genug davon gibt, um die ganze Grenzlinie zum Osten zu sichern“, sagte Hans.
„Und wir brauchen einen Botschafter der Elfen, der ihn begleitet“, meinte Petra hoffnungsvoll.
Jaritha nickte nur müde:
„Ja, ja, du darfst. Ich will aber auch einen regelmäßigen Report über die Fortschritte von euch.“
Georg schaute nicht mehr ganz so bitter drein und Petra strahlte über das ganze Gesicht.
Nur Hans meinte niedergeschlagen:
„Und Jaritha und ich bleiben alleine zurück und trösten uns hier gegenseitig mit gelegentlichen Besuchen? Das habt ihr euch ja fein ausgedacht.“
Jaritha sah ihn lächelnd an. „Du bist mir jederzeit sehr willkommen, Hans, das Schicksal hat für jeden auch eine freundliche Seite, wenn man sie denn nur zu schätzen weiß. Und ich erwarte von dir, dass du die arme Sabine ebenfalls mitbringst.“
Hans lachte nun laut und grinste schelmisch wie ein Junge, der das Geheimnis eines Piratenschatzes mit jemandem teilt.
„Ihr habt mein Wort, eure Majestät.“
Petra blickte die beiden entsetzt an. „Es sollte doch niemand erfahren, dass Ihr mit Althea und jetzt auch noch Sabine …“ sie verstummte mitten im Satz.
Jaritha sah sie selbstbewusst an. „Es ist mir egal, wer es weiß. Wenn jemand nicht mit mir einverstanden ist, suche ich mir gerne einen anderen Job. Ich könnte auch Althea begleiten.“
Petra erbleichte und kniete vor Jaritha nieder.
„Falls es irgendjemand wagen sollte, Eure Herrschaft infrage zu stellen, dann machen sie Bekanntschaft mit meiner Klinge. Das schwöre ich Euch bei meinem Leben, Jaritha. Ihr seid für mich die Königin meines Herzens, auf ewig. Bitte ...“
Jaritha nahm Petra bei den Armen und zog sie hoch.
„Du gönnst mir einfach nicht den leichten Ausweg, oder? Ich wollte diesen Job als Königin nie, ehrlich, ich bin doch gar nicht der Typ dafür“, seufzte sie. Sie nahm Petra in den Arm, ihre Augen brannten vor Rührung über die unerschütterliche Treue ihrer Generalin.
Petra sah sie sanft an.
„Und genau deshalb müsst Ihr es sein, versteht Ihr es denn nicht. Ihr seid die einzig Richtige für uns. Wenn Ihr nicht mehr da seid, wird jemand den Thron besteigen, der nicht so gut geeignet ist oder vielleicht sogar machtgierig. Und wir brauchen einen Erben von euch. Er wird ebenfalls der Richtige sein. Oder sie die Richtige. Zum Glück habt Ihr vermutlich noch ein paar Jahrzehnte Zeit dafür.“
„Alles wird gut, Petra, du machst dir zu viele Sorgen“, entgegnete Jaritha lächelnd sie an. Dann wandte sie sich mir zu.
„Sabine hat recht, weißt du. Du solltest mit mir nach Larithin kommen oder hier bleiben. Wenn du wieder da raus gehst, unter die Ork, dann wirst du mit Sicherheit sterben. Wenn dich die Ork nicht töten, dann deine Drachenseele, die du immer wieder verrätst, wenn du so viele von ihnen tötest, und du musst mitten in das Wespennest.“
Ich hob an etwas zu erwidern, sie brachte mich jedoch mit einer Geste zum Schweigen.
„Ich fühle aber auch etwas anderes tief in meinem Herzen, dir ist im Moment noch ein anderes Schicksal bestimmt als mir. Aber unsere Wege werden sich wieder kreuzen, und dann kommt unsere Zeit. Das musst du mir versprechen. Du musst. Ich bitte dich.“
Den letzten Teil flüsterte sie so leise, dass ich es kaum verstehen konnte. Ich nahm sie in die Arme und flüsterte ihr leise ins Ohr:
„Ich verspreche es dir, ich werde nicht sterben, ich werde wiederkommen.“ Ich lächelte sie ermunternd an, sie ging jedoch nicht darauf ein. Eine einzelne Träne erschien in ihrem Auge, die sie zornig wegwischte.
„Zeit, nach Hause zu gehen“, meinte Jaritha plötzlich forsch, nachdem sie mich noch einmal fest umarmt hatte. Sie stürmte aus der Küche, Petra folge ihr. Georg sprang auf, und als Hans ihm zunickte, folgte er den beiden nach draußen. Die Elfenarmee würde sicher heute noch abmarschieren, auch schon, weil sie ihr Königreich nicht ungeschützt lassen konnten - das redete ich mir jedenfalls ein.
Ich sah Hans traurig an.
„Sie ist unglaublich, nicht wahr? Ich wünschte, ich könnte hier bleiben oder mit ihr gehen, aber ...“
Ich verstummte mitten im Satz. Hans sah mich ebenfalls traurig an.
„Dein Zimmer hier bei mir bleibt dein Zimmer, immer. Du bist wie eine Tochter für mich. Althea, du hast hier ein Zuhause, vergiss uns bitte nicht und komm wieder.“
„Hans, das ist der Grund, warum ich gehen muss, ihr seid es. Ich muss doch euch, einfach alle, die ich lieb gewonnen habe, beschützen. Und ich bin entbehrlich.“
Er blickte mich zornig an.
Ich sagte schnell:
„Du weißt, was ich meine, ich bin nicht mal mehr von eurem Volk.“
Diesmal unterbrach er mich wütend:
„Du redest Unsinn, und du solltest es wirklich besser wissen.“
Er nahm mich am Arm, sehr fest, und meinte knapp: „Komm mit mir.“
Elida sah uns fragend an, ich zuckte mit den Schultern und stolperte Hans hinterher, der ziemlich schnell aus dem Haus und dann durch die Straßen von Riem lief. Wir erreichten bald ein Haus und er klopfte lautstark mit der Faust an die Tür. Manfred öffnete; er sah erschöpft aus. Ich hatte Manfred und Anton kurz nach meiner Ankunft kennengelernt, als sehr fremdenfeindliche Menschen, sie hatten beide mir gegenüber ziemlich reserviert reagiert, um es milde auszudrücken. Manfred hatte verweinte Augen, was eigentlich gar nicht zu dem Bild passen wollte, das ich von ihm hatte.
„Kommt herein, ich habe heute eigentlich niemanden erwartet.“
„Ich danke dir, keine Angst, wir werden nicht lange bleiben“, meinte Hans.
Wir setzten uns in Manfreds Küche. Die Wohnung war sehr schön eingerichtet, aber eher konservativ. Die Möbel waren aus dunklem Echtholz gefertigt und die Küche war komplett in einem hellen Beige gehalten. Sie sah ganz so aus, als wäre sie ein Erbstück gewesen, vielleicht von Eltern oder Großeltern. Vielleicht war er jedoch auch einfach, wie wir alle, irgendwo eingezogen, wo Platz war.
„Ich möchte, dass du Althea etwas erzählst, ich möchte, dass du ihr das sagst, was Anton dir zum Schluss über sie sagte.“
Er blickte uns verwirrt an, fing sich jedoch und fing an zu reden.
„Anton, das wisst ihr doch bestimmt mittlerweile, meinte, Althea sei sein persönlicher Engel, von Gott selbst geschickt, um ihn zu prüfen und um ihn dazu zu bringen, den wahren Weg zu erkennen. Nämlich dass alle Wesen Gottes Kinder sind und wir alle zusammenhalten müssen. Ich habe gesehen, wie du um Anton auf dem Feld geweint hast. Er hat dich vergöttert, seit ihm klar geworden war, was du für uns bist.“
Hans schaute ihn ernst an.
„Althea meint, sie gehöre nicht zu uns, sie sei schließlich eine andere Rasse, und deshalb können wir hier nicht ihre wahre Heimat sein.“
Manfred sprang erregt auf und schlug seine Hände auf den Tisch.
„Das ist Unsinn! Anton sagte zu mir, dass du jetzt zu uns gehörst, ob du willst oder nicht. Er sagte mir auch, was ich damals noch nicht richtig verstanden habe, dass du vielleicht überzeugt werden müsstest, weil er dich doch am Anfang so falsch eingeschätzt hat und nicht sehr nett zu dir war. Althea, er wäre für dich gestorben, er war es auch, der mich dazu überredete, dich zu holen, als du am Turm lagst. Wir waren ein Paar, hielten es aber geheim. Er war doch streng katholisch.“
Ich sah Hans erstaunt an.
„Wir sind alle Kinder Gottes, Althea, auch du. Du gehörst jetzt zu uns, wir wissen es alle hier, du musst es doch ebenfalls fühlen. Es gibt nicht nur eine Heimat des Blutes. Wer von uns hat die heutzutage schon noch, und seit der Umwandlung hat sich sowieso alles geändert, die Karten wurden neu gemischt. Es gibt nur noch die Heimat des Geistes. Und deine ist jetzt hier bei uns und bei Jaritha, den Elfen.“
Ich schlug die Augen nieder.
„Ja, vielleicht hast du recht. Und das ist ja auch genau der Grund, warum ich gehen muss. Ich danke dir, Manfred, dass du mich daran erinnert hast.“
Ich umarmte ihn, so fest ich konnte.
„Heute ist nicht alle Tage. Ich komme wieder, keine Frage.“
Das Zitat aus dem rosaroten Panther brachte uns alle zum Lachen, obwohl mir eigentlich nicht danach zumute war. Ich umarmte Manfred noch einmal, er tat mir so leid. Allein der Gedanke, Sabine so zu verlieren, war mehr, als ich ertragen konnte. Deshalb durfte ich sie bei dieser Sache auch nicht mit hineinziehen. Ich legte Manfred meine Hand auf die Schulter.
„Habe ich mich eigentlich schon bei dir bedankt, Großer? Ohne dich und Anton wäre ich immer noch da draußen.“
Es war ein ziemlich knappes Spiel für uns gewesen, den Belagerungsturm zu zerstören. Elida, Manfred und Anton hatten mich danach vor den Ork gerettet und ins Lager getragen. Ich hatte einige Pfeile im Körper und war bewusstlos, mit sehr viel Glück erwachte ich noch einmal, bevor für mich das Licht ganz ausging.
Hans hatte erreicht, was er beabsichtigt hatte, ich war ziemlich gerührt und tief bewegt, dass die Menschen hier meine Gefühle für sie teilten. Ich sah ihn nachdenklich an, mir fiel aber nichts Intelligentes mehr ein.
Also umarmte ich die beiden schweigend und machte mich auf den Weg zu Sabine.
Die Magierschule kam kurz darauf in Sichtweite, ich war zu Fuß ziemlich schnell unterwegs. Das durch die Feindseligkeit der Ork erzwungene Training hatte erstaunliche körperliche Veränderungen mit sich gebracht, vor allem auch sehr viel schneller, als ich es als Mensch gewöhnt war. Es wurde nicht nach außen sichtbar, meine Leistungsfähigkeit nahm aber trotzdem auf eine ganz unglaubliche Art und Weise zu. Manchmal wünschte ich mir, auch etwas muskulöser auszusehen, aber ich fand mich damit ab.
Ich betrat die Magierschule, sie war wie üblich offen. Dieses Mal sah ich niemanden auf dem Innenhof. Die Magier hatten beträchtlichen Schaden unter den Ork angerichtet, ohne sie hätten wir die Schlacht um Riem nicht überlebt. Ich überquerte den Hof und ging auf die Tür zu, hinter der ich Sabines Wohnung vermutete.
Ich lief die Treppe hinauf und klopfte leise an die Tür. Niemand antwortete, ich drückte leise die Klinke hinunter, es war nicht abgeschlossen. Ich betrat das Zimmer und ging zum Schlafzimmer. Es war niemand hier, vielleicht war es doch nicht ihre Wohnung, nur hatte ich sie bis jetzt immer hier angetroffen. Ich lief durch die Stadt und fragte die Leute auf der Straße nach Sabines Wohnung, ein kleines Mädchen konnte mir schließlich kichernd den Weg weisen. Ich klingelte, fluchte leise, weil natürlich mangels Strom nichts passierte, und klopfte. Aus dem Inneren kam ein ziemlich genervtes „Komm rein!“
Ihre Stimme klang nicht so, als hätte sie sich beruhigt.
„Was auch immer du sagst, du kannst es vergessen, Gerda, ich - oh ...“
Sie schaute mich erschrocken an und erstarrte mitten in der Bewegung. Sie hielt einen Stapel T-Shirts in den Händen, den sie einfach fallen ließ.
„Du bist es, Althea.“
Ich betrat ihr Wohnzimmer, es war sehr gemütlich. Der flauschige Teppich war dunkelrot und sah ein wenig orientalisch aus. Die Couchgarnitur war aus einem dunklen braunen Stoff und sah bequem aus. Anstelle von Glasvitrinen mit Geschirr waren die Wände größtenteils mit Bücherregalen bedeckt. Der Fernseher saß nutzlos auf einem Tisch in der Ecke, die Kabel waren jedoch verschwunden. Sie hatte einen Rucksack auf ihr Sofa gestellt und packte gerade ihre Sachen zusammen. Mir war sofort klar, was das bedeutete.
„Sabine.“
Ich sah sie seufzend an und sie mir trotzig in die Augen. Ich ging auf sie zu und nahm sie in den Arm.
„Gerda hat dir bestimmt auch schon gesagt, dass du hier gebraucht wirst, nicht wahr?“
„Ja“, flüsterte sie leise hinter meinem Rücken und hielt mich weiter eng umschlungen, als wollte sie mich nie wieder loslassen. Mir ging es genauso, wir hatten sehr viel gemeinsam durchgemacht. Sie reagierte ähnlich wie ich auf den Tod, den sie verursacht hatte.
Wir fühlten uns seit den Geschehnissen in den Nächten nach den Kämpfen sehr stark miteinander verbunden. Das Tempo, das Elida und ich veranschlagen würden, wäre aber viel zu scharf für Sabine, und wir brauchten so schnell wie möglich Antworten. Im Kampf wäre sie eine unglaublich wertvolle Hilfe. Der wahre Grund, warum ich sie nicht mitnehmen wollte, war jedoch von äußerst egoistischer Art. Alleine der Gedanke, sie zu verlieren, weil ich sie irgendwann nicht gut genug beschützen konnte, drehte mir den Magen um. Ja, ich wollte sie unbedingt dabei haben, aber ich knüppelte diesen Gedanken unbarmherzig nieder.
„Sabine, was erwartest du denn von der Welt da draußen, was glaubst du, was uns passieren wird? Ich sage es dir - wir werden sterben da draußen.“
Sie sah mich mit vor Entsetzen geweiteten Augen an, ich ergriff fest ihre Arme und drückte so fest zu, dass es ihr wehtun musste. Die nächsten Worte schrie ich, unbarmherzig angetrieben von meiner Angst und meinen Gefühlen für sie.
„Was glaubst du denn, was passieren wird? Bist du bereit, für mich zu sterben, bist du das, Sabine? Willst du wirklich sterben, willst du das?“
Ich schüttelte sie heftig und verzweifelt. Ihre Augen füllten sich mit salziger Flüssigkeit, die zu bitteren Tränen wurde und ihre Wangen hinunterlief. Sie sah mich trotzdem fest an und meinte fast kühl:
„Ja, das werde ich, wenn es sein muss.“
Etwas leiser sagte ich. „Ich werde da draußen nicht so schnell sterben, ich werde leben, genau wie Elida. Aber du nicht.“
Ihre Tränen wurden zu einem Schluchzen, bis sie sich an meine Schulter warf und heftig weinte. Ich sprach einfach weiter, ganz so, als würde sie nicht gerade mein Herz in winzig kleine Stücke zerbrechen.
„Wir werden erst mal in den Norden ziehen und dann sehr weit nach Osten. Mitten hinein in die Gebiete, wo wir fast ausschließlich Ork vermuten. Ich glaube nicht, dass dort viele Menschen überlebt haben. Es wird ein sehr harter Marsch werden.“
Sie erzitterte noch heftiger bei diesen Worten, und ich biss mir auf die Zunge, fuhr dann aber fort:
„Es gibt nur eine Chance, und die habe ich nur dann, wenn ich alleine bin, dann kann ich mich vielleicht ungesehen durchschlagen. Elida wird meistens in der Luft und außer Sichtweite sein.“
Sabine verzog ihr Gesicht, als hätte ihr jemand die Brust aufgeschnitten. Sie schrie jetzt ebenfalls, mindestens so wütend wie ich:
„Und was glaubst du, was mit dir da draußen passieren wird, Althea, was glaubt du denn eigentlich? Ich sage es dir, du wirst so lange töten, bis du zu einem Monster wirst. Oder, bis du das Vergessen im Nichts suchst. Und was ist dann mit mir, was glaubst du, was ich dann hier tun soll, eine Scheiß-Witwe für eine beschissene Elfe spielen?“
„Was du tust, das interessiert mich dann nicht mehr. Das ist dein Problem.“
Sie sah mich an, als hätte ich sie gerade geschlagen, und für einen Moment war es mir, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich sah ihre von Entsetzen geweiteten Augen und wartete regungslos auf ihren finalen Stoß, der mich mitten ins Herz treffen würde.
„Verschwinde von hier, Althea, und lass dich bei mir nicht mehr blicken. Du bist ein herzloses Miststück. Geh. GEH!“
Ich drehte mich um, ging aus ihrem Haus und schloss die Tür. Nicht fähig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun, brach ich zusammen, ich fiel auf die Knie und weinte mir die Seele aus dem Leib. Ihr Stoß hatte genau da getroffen, wo ich ihn hingelenkt hatte. Ich hörte irgendwann ihre Schritte im Flur hinter mir, sprang auf und floh, voller Furcht. Dieses Opfer war zu viel für mich, es brach mir das Herz. Aber ich konnte nicht anders; wenn ich sie mit mir nahm, dann würde ich sie genau so sicher töten, als wenn ich ihr gleich hier das Schwert in die Brust rammen würde.
Ich rannte mit tränenüberströmtem Gesicht zu Hans´ Haus zurück. Die Intensität meiner Gefühle für Sabine war unerträglich, ich konnte nur hoffen, dass sie mir irgendwann verzeihen würde. Sie mitzunehmen war viel zu gefährlich für sie. Und hier abzuwarten, bis die Ork irgendwann mit der nächsten Armee kamen, besser vorbereitet und mit richtigen Belagerungsmaschinen, das hätte das gleiche Ergebnis gehabt. Ich wusste genau, dass ich das einzig Mögliche tat, Alternativen gab es keine.
Wieso fühlte ich mich dann nur so schlecht dabei? Ich fühlte mich, als hätte ich gerade mein Herz in kleine Stücke gerissen, meine Brust zog sich voller Schmerzen zusammen und ich bekam kaum noch Luft.
Ich packte meinen Rucksack, inklusive Kettenhemd und meiner gerade frisch geflickten schwarzen Lederklamotten. Das Schwert befestigte ich außen am Rucksack, sodass ich es im Notfall schnell ziehen konnte, dann verabschiedete ich mich von der Dusche und von Hans. Elida sprach ebenfalls gerade mit ihm und bat mich vorauszugehen, sie wollte anscheinend noch einen Moment mit ihm alleine sein. Drachen sind Einzelgänger. Wir sind immer alleine. Da ich mich jedoch weigerte, mich an diese Grundregel zu halten, zog ich Elida mit mir in den Strudel zwischenmenschlicher Beziehungen. Ob ich ihr wirklich damit einen Gefallen tat? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Ich rannte zum Tor und wollte nur noch diesen Ort hinter mir lassen, den Ort, an dem ich mein Herz zurückließ.
Draußen sah ich traurig die wunderschöne und in der Sonne glitzernde Elfenarmee mit einem anderen Stück meines Herzens davon ziehen - Jaritha, der Königin der Elfen. Ich hasste mich dafür, dass ich es nicht einmal hinbekam, mich an ein einziges Herz zu binden. Wenn es doch einfach nur Sex gewesen wäre, wäre alles so viel einfacher. Aber das war es nicht, es war alles so kompliziert und so schwierig.
Sie waren ein wunderbarer Anblick, so stolz, aufrecht und glitzernd in der Sonne. Georg und die zurückgebliebene Petra standen mitten auf dem Feld und winkten dem Heer nach, ich gesellte mich zu ihnen und winkte mit.
Ein Reiter brach aus der Formation aus und galoppierte auf uns zu. Es war Jaritha. Sie zügelte ihr Pferd und sah nachdenklich auf mich herunter. Dann beugte sie sich nach unten und küsste mich vor aller Augen auf den Mund. Vor Überraschung steif stand ich nur da und ließ es mit mir geschehen, ich erwiderte ihren Kuss jedoch sehr schnell und schlang meine Arme um sie. Fast hätte ich sie vom Pferd heruntergezogen.
Petra seufzte laut auf, da löste sich Jaritha von mir und sah ihre Generalin lächelnd an. Sie beugte sich erneut zu mir herunter, ergriff meine Wange und sah mir in die Augen.
„Ich glaube immer noch, es sind wirklich deine Augen.“
Bei ihr war ich mir ziemlich sicher, was es war, es war schlicht und einfach alles an ihr. Sie sah mich streng an.
„Warum hast du geweint?“
„Sabine. Ich glaube, sie braucht dich jetzt, sie hat den Abschied nicht leicht genommen. Ich habe ihr ziemlich weh getan.“
Sie sah mich kurz an, dann pfiff sie lautstark mit zwei Fingern und gestikulierte dem Heer, weiterzuziehen. Dann lächelte sie mich an und meinte: „Mach dir keine Gedanken, Althea, es wird alles wieder gut.“
Dann wuschelte sie mir noch einmal durch die Haare, wendete ihr Pferd und ritt wieder nach Riem hinein. Ich sah ihr traurig nach, verabschiedete ich mich etwas kurz angebunden von Georg und Petra und machte mich wieder auf die Reise.
Ich fragte mich oft, ob in mir nicht nur körperliche Veränderungen stattgefunden hatten, früher war ich eher der häusliche Typ gewesen, ein Stubenhocker. Aber vielleicht hatte ich auch einfach nur mein wahres Ich entdeckt, das Ich, dass sich in einer Welt, die nicht dafür passend war, zurückgezogen hatte. Der Drang, unterwegs zu sein, war ziemlich stark, selbst wenn ich alle anderen Gründe dafür gedanklich beiseiteschob.
‚Drachen sind nun mal so‘, meinte Elida in meinem Geist. Ich zuckte zusammen.
‚Wie kommt es eigentlich, dass du mich ständig belauschst und ich dich nie höre?‘, antwortete ich schlecht gelaunt.
‚Du tust es halt nicht, also, mich belauschen‘, sagte sie mit einem geistigen Schulterzucken. ‚Du solltest lernen, wie man andere aussperrt, wir werden auch unfreundliche Drachen treffen, die möchtest du ganz sicher nicht in deinem Kopf haben. Jedenfalls, wenn du geistig einigermaßen gesund bleiben möchtest.‘ fügte sie düster hinzu.
‚Wie belausche ich jemanden?‘, fragte ich sie, die Ablenkung kam mir gerade ziemlich gelegen.
‚Du denkst intensiv an die entsprechende Person und dann streckst du deine geistigen Fühler aus. Wenn die Person dich nicht bewusst aussperrt, solltest du in der Lage sein, ihre Gedanken zu hören.‘
Ich dachte intensiv an Elida und rief die Schleier herbei. Sie kamen sofort, und dann schickte ich meine geistigen Fühler aus. Ich erreichte Elida sofort. Ich konnte nicht nur ihre Gedanken hören, sondern auch ihre Gefühle. Es fühlte sich fast so an, als wären es meine Gefühle.
‚Elida!‘, rief ich erschrocken aus. ‚Du hättest mich echt warnen oder aussperren können.‘
Sie lachte glockenhell und war offensichtlich sehr zufrieden mit sich. Sie hatte gerade mit Hans im Bett gelegen und ließ sich verwöhnen. Es störte sie nicht im Geringsten, sich dabei mit mir zu unterhalten oder mich ihrem Liebesspiel beiwohnen zu lassen. Ich zog mich zurück, es blieb jedoch ein starkes Gefühl der Erregung in mir zurück, ein Echo ihrer Gefühle. Es reichte mir fürs erste, in die privaten Gefühle von jemandem einzudringen. Vielleicht war genau das ihre Absicht gewesen, die Erregung passte gerade überhaupt nicht zu dem aufgewühlten Rest von mir.
‚Du musst dich immer darauf gefasst machen, etwas mitzubekommen, was du eigentlich nicht wolltest.‘
Ich dachte darüber nach - es gab immer mal trübe Momente, in denen man sehr viel dunklere Gedanken als sonst hatte. Oder auch deutlich kritischere über andere. Wie oft war man kurzzeitig auf jemanden ziemlich sauer, was einen Tag später keine Rolle mehr spielte. Ich widerstand dem Impuls, Sabine oder Jaritha zu belauschen, und konzentrierte mich stattdessen lieber auf meinen Weg. Solange ich nach Norden lief, war sicherlich Geschwindigkeit ein Vorteil, und ich brauchte auch nicht soviel Angst vor marodierenden Ork haben.
Ich beschloss, den Ortschaften erst mal nicht aus dem Weg zu gehen, so wie ich es damals im Grenzland gemacht hatte. Und ich wollte mir ein neues Fahrrad besorgen. Im übernächsten Ort fand ich alles, was ich suchte. Ein kleines Lädchen mit genügend Auswahl. Es gab unglaublich viele verlassene Dörfer und Städte, und die wenigsten waren geplündert, zu viele Menschen waren gestorben, es war so vieles zurückgeblieben, traurige und jetzt nutzlose Überreste unserer einstmals so blühenden Zivilisation.
