Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Was ist es, das den Weg eines Menschen, ja den Menschen als Person selbst so stark verändert, dass er weit von dem endet, was er gewesen ist? Ist es ein einzelnes, gravierendes Ereignis, das ihn in der Grundstruktur so erschüttert, dass er – wenn er es überstanden hat – nicht mehr derselbe ist? Oder ist es die Summe der kleinen Entscheidungen, die man an den einzelnen Weggabelungen trifft? Sind es Momente, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen und irgendwann ist es ganz anders, als ursprünglich geplant?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Marina Köhler
Die Dunkelheit der Unschuld
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Teil 1: Am Anfang war die Tat
Teil 2: Durch das finstere Tal
Teil 3: Auf neuen Wegen
Teil 4: Ein Sturm zieht auf
Teil 5: Vom Suchen und Finden
Teil 6: Der Sog der Dunkelheit
Teil 7: Der Anfang vom Ende
Impressum neobooks
Was ist es, das den Weg eines Menschen, ja den Menschen als Person selbst so stark verändert, dass er weit von dem endet, was er gewesen ist? Ist es ein einzelnes, gravierendes Ereignis, das ihn in der Grundstruktur so erschüttert, dass er – wenn er es überstanden hat – nicht mehr derselbe ist?Oder ist es die Summe der kleinen Entscheidungen, die man an den einzelnen Weggabelungen trifft?Sind es Momente, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen und irgendwann ist es ganz anders, als ursprünglich geplant?
Emma beobachtete, wie die Zeichen am Bildschirm auftauchten und wieder verschwanden, während das Programm die Formatierung durchführte und so die letzten Spuren ihrer Suche vernichtete. Ein kurzer Ton bestätigte das Ende der Prozedur, doch die Entscheidung war bereits davor gefallen. Es hatte nie wieder so weit kommen sollen, aber es gab keinen Zweifel – die Frau war schuldig und kannte keine Reue. Sie musste sterben.
Langsam verebbten auch die letzten Stimmen der Kollegen, an der vorderen Spielwarenkasse zählte Lydia noch die Tageseinnahmen, aber ansonsten war Ruhe eingekehrt. Emma schloss kurz die Augen und streckte sich, um ihre Verspannungen im Rücken etwas zu lockern. Die Luft im Lagerraum war muffig und abgestanden, aber sie genoss die Stille nach dem nicht zu enden scheinenden Stimmengewirr der vorhergegangenen Stunden. Ein Kunde nach dem anderen hatte sich an die Kasse gedrängt, neben ihr hatten Kinder die neuesten Spielzeuge ausprobiert, andere wurden heulend oder quengelnd von ihren Eltern aus dem Geschäft gezogen. Manchmal hatte Emma sich wie in einer Blase gefühlt, in der alles an ihr vorbeizog, ohne dass sie selbst richtig beteiligt war.
Sie war müde, es war ein langer Tag gewesen, erst die Schule, dann die Arbeit. Morgen würde sie noch eine Vormittagsschicht schieben müssen und dann irgendwann nachmittags die Hausaufgaben erledigen. Und als ob das alles nicht genug wäre, hatte ihr Chef beschlossen, sie müsse jetzt noch die gelieferten Tüten verstauen. Dabei hätte das morgen auch locker gereicht. Sie mochte Fischer nicht sonderlich und sie glaubte, er spürte das auch, obwohl sie immer höflich war. Schon bei seiner Vorstellung war er ihr unsympathisch und verplant erschienen, dieser Eindruck hatte sich noch verstärkt, seit er im Dienst war. Herr Baumgart, der sie eingestellt hatte, war okay gewesen, er hatte einen jungenhaften Charme gehabt, dann war für einen kurzen Zeitraum Herr Meiller gefolgt, bis nun schließlich Fischer kam. Emma hatte nicht verstanden, warum man den zweiten Chef, Herr Brock, nicht einfach befördert hatte; er kannte das Geschäft, war höflich und verfügte über wesentlich mehr Wissen. Emma seufzte; sogar der zweite Chef war schon nach Hause gegangen, nur sie, die Aushilfe, ackerte noch. Die Tür zum Nebenbüro war eben ins Schloss gefallen, was ihr verriet, dass auch Lydia nun fertig war und Feierabend machen konnte.
Sie fluchte leise, zehn Minuten würde sie vermutlich noch brauchen und dann musste sie ebenfalls noch die Abrechnung machen, bevor sie endlich nach Hause konnte.
Emma war dankbar für das Geld, das sie hier verdiente. Bei ihnen Zuhause war nie viel dagewesen und so konnte sie sich wenigstens etwas auf die Seite legen für Urlaub oder eben den Führerschein, den sie vor kurzem erlangt hatte. Ihre Mutter Irina arbeitete im Schichtbetrieb, der Vater war verschwunden, als sie vier gewesen war. Ganz hatte ihre Mutter das nie verwunden. Sie hatte zwar immer dafür gesorgt, Emma finanziell das bestmögliche zu bieten, wie zum Beispiel die Ausbildung am Gymnasium, die durch Schulmaterialien, Ausflüge und sonstige Veranstaltungen ordentlich ins Geld ging. Auf der Gefühlsebene jedoch standen sie sich nicht sehr nah, ihre Mutter war verbittert und immer auf der Suche nach dem wahren Mann fürs Leben; letztlich blieb es jedes Mal jedoch nur ein Lebensabschnittsgefährte. Emma arbeitete hart in der Schule, weil sie auf ein besseres Leben hoffte, wollte etwas erreichen, leben, glücklich sein, die Welt sehen. Dafür nahm sie die Arbeit neben der Schule in Kauf. Und viel verpasste sie ja eh nicht, in letzter Zeit interessierten sie keine Discotheken mehr und sie hatte nie etwas davon gehalten, sich sinnlos zu betrinken. Es konnte teilweise recht einsam sein als 18-Jährige, wenn man sich mehr Gedanken über die Welt und den Sinn des Lebens als die nächste Party machte. So war es aber nun mal, wenn man aufwuchs wie sie – man wurde schneller erwachsen.
Ein Geräusch dicht hinter ihr ließ Emma herumfahren. Fischer war zu ihr getreten und sah sie mit merkwürdigem Blick an. „Sie sind die Letzte, die noch hier ist.“ Emma spürte, wie Ärger in ihr aufstieg. Zuerst ließ er sie diesen undankbaren Zusatzjob machen und jetzt dauerte es ihm scheinbar auch noch zu lang. „Es waren einige Kisten, aber ich bin fast fertig“, antwortete sie kühl und um Fassung bemüht. Er fixierte sie weiter. „Es war ein langer Tag. Ich finde, es ist Zeit für etwas Entspannung.“ Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sich vorgebeugt, nach einer Haarsträhne von ihr gegriffen und versuchte nun ihr Gesicht zu seinem heranzuziehen. Sie wich entsetzt zurück und wischte sich über ihren Mund, den Fischers Lippen gestreift hatten. „Ich möchte das nicht. Bitte lassen Sie das“, presste sie hervor und spürte ihr Herz hart gegen die Rippen pochen. Er lachte auf. „Immer die Unberührbare, die sich nichts sagen lässt. – Ich weiß, dass deine Meinung von mir nicht sehr hoch ist, dabei bin ich dein Chef und als solcher verdiene ich Respekt. Gerade deswegen finde ich, ist es Zeit für eine kleine Wiedergutmachung.“ Er kam auf sie zu und sie wich entsetzt einen Schritt zurück, spürte dann aber einige Kartons in ihrem Rücken. Sie war überrumpelt von der plötzlichen Aktion, die ihr absurd und wie aus einem Film erschien, gleichzeitig spürte sie Wut in sich. „Ich war nie unhöflich zu Ihnen. Wenn Sie mit meiner Arbeit unzufrieden sind, finde ich nicht, dass das hier der richtige Rahmen für ein Gespräch ist. Und schuldig bin ich Ihnen überhaupt nichts. – Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“ Sie versuchte sich an ihm vorbeizuschieben, doch im nächsten Moment packte er sie grob am Arm und schob sie gleichzeitig nach hinten. Sie spürte die Kartons an ihren Beinen, aber er drängte sie weiter, so dass sie ins Taumeln geriet und rücklinks stürzte. Durch ihren Kopf jagte ein stechender Schmerz und ihr blieb die Luft weg, außerdem schmerzte ihr Arm, auf den sie gefallen war. Sie fühlte sich benommen, doch gleich darauf realisierte sie, dass Fischer sich auf sie gelegt hatte und sie mit einem Knie nach unten drückte. Mit der einen Hand presste er ihren freien Arm auf den Boden, die andere hatte den Kittel aufgerissen und machte sie nun an dem Reißverschluss ihrer Hose zu schaffen. Sie wollte sich aufbäumen und wehren, doch ihr Kopf fühlte sich immer noch wie in Watte und sein Gewicht lastete schwer auf ihr. Sie versuchte zu schreien, doch es kam nur ein Wimmern aus ihrem Mund. Er hatte ihr inzwischen die Hose herunter geschoben und fingerte an seiner herum, kurz darauf holte er seinen erigierten Penis heraus und drückte sie nochmal mit Macht nach unten. Dann schob er brutal mit seinem Knie ihren Schenkel nach oben, sie spürte seinen heißen Atem an ihrem Ohr… Im nächsten Moment war das Gewicht plötzlich von ihr verschwunden und sie hörte einen lauten Knall, dann Stimmen, doch sie konnte es nicht richtig einordnen. Ihr ganzer Körper schmerzte, vor ihren Augen flimmerte es und ein tiefer Schock schien sie zu lähmen. Weg, nur weg, bevor er wiederkommt, schrie ihr Kopf, doch ihr Körper versagte den Dienst.
Der Schmerz jagte in Wellen durch ihren Körper und es schien ihr, als wäre die Welt einfach stehengeblieben. Das alles konnte gerade nicht passiert sein, nein es DURFTE nicht geschehen sein. Gleich würde sie aufwachen, gleich würde sie merken, dass es wieder nur einer ihrer Albträume war. Sie spürte, wie sich jemand näherte und unbewusst hielt sie den Atem an, unfähig sich zu bewegen. Dann spürte sie eine Hand sanft auf ihrer Schulter. „Frau Schenker! Um Gottes willen, geht es Ihnen gut?“ Das war nicht Fischers Stimme, aber irgendwoher kannte sie sie. Vorsichtig öffnete sie die Augen und wandte mühsam den Kopf. Herr Brock kniete vor ihr und sah sie entsetzt an. Sie blickte ihn an, dann schüttelte sie kurz den Kopf und schloss wieder die Augen. Nein, ihr ging es überhaupt nicht gut.
Und das war der Tag, an dem alles begann.
Über Kleinigkeiten konnte sich Emma wahnsinnig schnell aufregen, aber in echten Krisensituationen nahm ihr Gehirn alles klar und akribisch auf. So auch jetzt; das einzige woran sie sich nicht mehr erinnern konnte, war, wie Fischer weggekommen war. Sie erinnerte sich, wie man ihr empfohlen hatte, zu einer Gynäkologin zu gehen und sie zugestimmt hatte. Sie wurde in ein Krankenhaus gebracht, eine Frau mittleren Alters sah sie bedrückt an und erklärte ihr, was sie machen würde. Emma beantwortete Fragen und ließ sich untersuchen. Zusätzlich holten sie auch einen Allgemeinarzt, der ihren Kopf und ihren Arm versorgte. Sie hatte eine Platzwunde am Hinterkopf, sowie einen geprellten Arm und einige Blutergüsse. Man hatte ihr angeboten, sie nach Hause zu bringen und die Aussage erst am Folgetag zu machen, doch sie hatte abgelehnt. Auch der Einwand aktuell sei keine Frau im Dienst und eine Befragung durch eine Beamtin wäre sicher angenehmer für sie, konnte ihre Meinung nicht ändern, sie wollte es einfach hinter sich bringen. Später würde sie sich wundern, wie blauäugig sie gewesen war, dass sie damals dachte, sie könnte danach vergessen.
Ein junger, sehr freundlicher Mann übernahm die Befragung. Er versuchte möglichst feinfühlig vorzugehen, an mehr konnte sie sich von ihm aber nicht erinnern. Sie wollte ihn nicht näher anschauen, vermied jeden Augenkontakt.
Sie hatte darum geben ihre Mutter zu informieren, damit sie es selbst nicht machen musste, ließ aber ausrichten, dass es ihr soweit gut gehe und dass sie nicht von der Arbeit kommen müsste. Sie wollte allein sein, niemanden sehen, sich in vertrauter Umgebung verstecken, ohne reden zu müssen.
Doch als sie die dunkle Wohnung betrat, verkrampfte ihr Magen sich und sie drückte schnell den Lichtschalter. Sie hatte oft gelesen, dass vergewaltigte Frauen stundenlang duschten, aber sie hatte kein Bedürfnis danach. Vielleicht weil sie nur FAST vergewaltigt worden war? Hatte sie überhaupt ein Recht sich so zu fühlen, wie sie es tat? Im Endeffekt war doch alles gut ausgegangen.
Sie wollte nicht duschen, sie wollte nicht weinen, sie wollte sich nur hinlegen. Doch das Bett fühlte sich nicht richtig an, ein starker Drang zog sie auf den Boden, wo sie sich zusammenrollte.
Das Blut rauschte in ihren Ohren und sie spürte ihr Herz heftig pochen. Plötzlich fing sie an am ganzen Körper zu zittern, ihre Zähne klapperten aufeinander und eine tiefe Kälte durchströmte sie. Sie zog eine Decke vom Bett und die Wolldecke dazu, aber es brachte keine Linderung. Der Schüttelfrost jagte durch ihren Körper und schien sie zu vereinnahmen. Da war nichts warmes, da waren keine heißen Tränen, da war nur die kalte Hand, die nach ihrem Herzen gegriffen hatte und sie jetzt komplett einnahm.
Irgendwann war das Zittern verebbt und sie hatte sich mit schmerzenden Gliedern ins Bett geschleppt. Als sie den Schlüssel ihrer Mutter an der Haustür gehört hatte, hatte sie schnell das Licht gelöscht. Sie hätte es nicht ertragen, mit ihr jetzt reden zu müssen.
Irina hatte sich immer schwer getan Gefühle zu zeigen und was sie jetzt am wenigsten brauchen konnte war, dass ihre Mutter das Ganze bagatellisierte aus Unsicherheit, was sie sagen sollte.
Die Stunden in der Dunkelheit hatten sich gezogen wie Kaugummi, doch irgendwann musste sie eingeschlafen sein, denn als sie die Augen öffnete, war es hell um sie. Schmerz tobte durch ihren Körper, aber in erster Linie fühlte sie sich schwer und kraftlos. Gleich darauf klopfte es an ihrer Tür und ihre Mutter schob den Kopf herein und schaute sie prüfend an. „Wie geht es dir?“
Fast hätte Emma aufgelacht. Was für eine Frage an so einem Tag! Doch sie würgte nur ein
„Geht schon“ heraus. Reden fiel ihr schwer und kam ihr unendlich anstrengend vor. „Was ist denn genau passiert?“ Emma schloss die Augen. „Hat die Polizei es dir nicht erzählt?“ „Doch, aber ich dachte, ich wollte…“ „Ich möchte bitte momentan nicht darüber reden.“ Ihre Mutter nickte. „Gehst du heute arbeiten?“ Emma zuckte zusammen und konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Sie sollte arbeiten, zurück an den Ort, an den sie nicht mal denken wollte? Sie schüttelte vehement den Kopf und fühlte ihr Herz heftig gegen ihren Brustkorb schlagen. Irina strich sich die Haare zurück, sie fühlte sich merklich unwohl. „Ich dachte nur, weil du doch eingetragen bist. Man müsste vielleicht wenigstens Bescheid sagen.“ Emma versuchte der Angst in sich Herr zu werden. Sie hob den verbundenen Arm. „Ich bin krankgeschrieben. Kannst du anrufen und Bescheid sagen. BITTE.“ Irina nickte eifrig. „Natürlich. Wenn du krankgeschrieben bist, ist das kein Problem.“ Emma schwieg, obwohl ihr auf der Zunge lag, dass sie dort nie, nie wieder auch nur einen Fuß hineinsetzen würde.
Sie wünschte sich plötzlich, ihre Mutter würde zu ihr kommen, ihr über den Kopf streichen und sie in den Arm nehmen, doch Irina sah eher aus, als hätte sie am liebsten fluchtartig das Zimmer verlassen.
„Triffst du dich Samstag nicht immer mit Anna, Mama?“ Irina blinzelte unsicher und versuchte ein Lächeln. „Ja, aber das werde ich natürlich absagen. Ich bin für dich da.“ Es klang wie eine Zeile aus einem Stück, die tausendmal wiederholt worden war, einstudiert, fremd, nicht echt.
Emma wollte nicht zu hart mit ihrer Mutter sein, sie war schon mit kleinen Gefühlen überfordert und diese Situation war neu und unkontrollierbar für sie. Doch jetzt gerade fehlte ihr jede Kraft sich auch noch damit auseinander zu setzen. Daher versuchte sie ein Lächeln, wusste aber nicht, ob es auch nur annähernd gelang. „Geh bitte, Mama. Es ist okay. Mein Körper tut etwas weh und ich bin müde, ich möchte einfach noch schlafen. Mir geht es soweit gut. Ich werde mich nachher noch mit Jenny treffen, es ist also wirklich kein Problem. Glaub mir.“ Irina zögerte, doch Emma sah, wie sehr sie ihrem Vorschlag folgen wollte. Sie versuchte das Lächeln oder was für eine Grimasse auch immer es war noch zu verstärken. Ihre Mutter holte tief Luft und schien merklich erleichtert. „Okay, aber Frühstück richte ich uns gleich her. Ich gehe zum Bäcker und rufe dann in deiner Arbeit an. In 15 Minuten ist alles fertig.“ Emma nickte und schloss wieder die Augen. Dann hatte sie noch 15 Minuten um irgendwie aufzustehen, um diese Last auf ihrem Körper loszuwerden und wieder zu lernen sich zu bewegen. 15 Minuten – Zeit schien zu einer zähen Masse geworden zu sein seit dem Moment, als Brock sie gerettet hatte, Emma schien darin gefangen, ohne eine Möglichkeit einzugreifen oder zu reagieren. Minuten waren unerträglich lang, doch jetzt rannten sie, drängten sie in eine Welt, in der sie aufstehen und sich normal benehmen sollte. Dabei schien es ihr als läge das „normale“ Leben tausende Kilometer entfernt und sie hätte bereits vergessen, wie es sich anfühlte.
***
Nur einmal hatte Emma in den Wochen nach der Tat geweint und das war gewesen, als sie ihrer Freundin Jenny davon erzählt hatte und diese sie fassungslos an sich gezogen hatte. Schluchzer hatten sie geschüttelt und die Tränen schienen nicht zu versiegen.
Als sie später den anderen wenigen Personen in ihrem Umfeld, die es wissen mussten, davon erzählte, hatte sie es abgespult wie eine Geschichte, an der sie selbst kaum beteiligt war. Keine Details, nicht zu viel Worte, sonst würden die Schatten sie vielleicht auch tagsüber jagen und nicht nur nachts in ihren Träumen.
Emma tat das, was sie am besten konnte – sie funktionierte. Und ihre Umwelt schien dankbar dafür zu sein.
Am Anfang versuchte sich ihre Freunde noch besonders Zeit für sie zu nehmen, aber nach gut einem Monat reduzierte es sich auf ein Normalmaß, es schien ihr ja ganz gut zu gehen.
Emma hatte etwas abgenommen, aber das fiel kaum auf, da sie bevorzugt weitere Klamotten trug, um keine Aufmerksamkeit auf ihren Körper zu lenken.
Sie ging zur Schule und lernte, die Arbeit hatte sie aufgegeben. Man war ihr entgegengekommen und hatte den Monat noch weitergezahlt und den Vertrag problemlos aufgelöst, nicht ohne ihr zu sagen, dass sie jederzeit wiederkommen könne. Als ob das auch nur annähernd eine Option gewesen wäre…
Die Tage vergingen und jeden Abend war sie stolz, wenn sie wieder einen geschafft hatte, ohne groß aufzufallen.
Am schwierigsten waren jedoch die Nächte. Eigentlich war sie immer müde, aber kaum lag sie im Bett, war sie hellwach. Sie wünschte sich Schlaf, aber sie fürchtete gleichzeitig die Träume, die immer wieder kamen. Irgendwann schlief sie doch vor Erschöpfung ein, aber nicht für lange. Der Körper holte sich nur das, was er zum Überleben brauchte. Manchmal wachte sie mit nassem Gesicht auf, sie schien im Schlaf zu weinen, aber am Tag kamen keine Tränen.
Innerlich fühlte sie sich wie tot, aber nach außen wahrte sie den Schein. Sie trug eine Maske, wie sie es ihr Leben lang getan hatte. Alles war also wie immer - irgendwie. Und doch war alles ganz anders. Dunkler, grauer, kälter. Manchmal spielte sie das „was wäre, wenn Spiel“: was wäre, wenn sie an diesem Tag nicht gearbeitet hätte? Oder was, wenn Herr Brock nicht mehr zurückgekommen wäre, wenn die Vergewaltigung zu Ende gebracht worden wäre? Vielleicht würde sie sich dann eher so fühlen, als hätte sie ein Anrecht auf Schmerz und Verzweiflung, auf Aufmerksamkeit und Unterstützung.
Doch meistens war ihr Kopf nur damit beschäftigt irgendwie ein Bild der Normalität aufrechtzuhalten und den Alltag zu meistern. Bis zur Nacht, wenn er die ganzen verdrängten Bilder wieder hochholte und die Dunkelheit gewann.
***
Erst war es nur eine leichte Nervosität. Ein Gefühl, als würde irgendwo Gefahr lauern, unvermittelt entstanden scheinbar ohne Grund. Emma schaute sich im Supermarkt um, aber die konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Die wenigen Leute, die auch einkauften, schienen alle mit sich selbst beschäftigt. Trotzdem wuchs die Unruhe in ihr, ihr Herz schlug immer schneller, es begann regelrecht zu rasen. Jetzt nur nicht durchdrehen, beschwor sie sich selbst und versuchte sich an eine Atemübung zu erinnern, die sie früher mal gemacht hatte. Vier Sekunden einatmen, kurz anhalten, dann acht Sekunden ausatmen. Doch der Fokus auf den Atem schien es nur noch schlimmer zu machen. Inzwischen pochte ihr Herz so stark, dass sie es hart an ihrem Brustkorb spürte. Sie bemerkte, dass ihre Hände zitterten und krallte sie um den Griff des Einkaufwagens. Schwindel stieg in ihr auf und ihre Knie wurden weich. Was war, wenn sie hier jetzt umkippte? Ihr Brustkorb schmerzte, ihre Lunge brannte, ohne, dass sie es gemerkt hatte, war ihr Atem schneller und kürzer geworden. In Panik drehte sie sich um und stürzte nach draußen.
***
„Darf ich fragen, was Sie dazu bewegt hat, sich doch auf eine Therapie einzulassen?“ Die Psychologin der Beratungsstellte blickte sie freundlich an. Emma schluckte. „Nachdem die Panikattacken immer öfter kamen, bin ich eines Morgens aufgewacht und hab mir gedacht, dass es so nicht weitergehen kann. Das Leben, welches ich geführt habe in den letzten Wochen war einfach kein Leben mehr. Ich schwebte irgendwo zwischen Leben und Tod und musste mich endlich für eine Seite entscheiden.“ „Und Sie haben sich letztlich für Leben entschieden?“ „Ja, aus Mangel an umsetzbaren Alternativen. Ich fand den Gedanken zu sterben wesentlich angenehmer, aber alle Tötungsmethoden, die für mich in Frage gekommen wären, waren zu unsicher. Ich wollte nicht auch noch krank vor mich hinsiechen, weil mein Selbstmord nicht geklappt hat. Ich habe sogar im Internet recherchiert, erstaunlich was man dort alles findet. Letztlich musste ich einsehen, dass keine Lösung, die nicht mit zu großen Schmerzen verbunden ist, sicher genug ist.“
Falls die Psychologin geschockt war, ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. „Eine rationale Entscheidung, also? Wie war ihr Gefühl dabei?“ Emma blickte starr auf den Boden. „Verzweiflung, Hilflosigkeit, schließlich ergebenes Hinnehmen. Aber wenn ich schon am Leben bleiben muss, dann will ich wenigstens das Beste daraus machen. Und eine kleine, sehr leise Stimme in mir sagt auch, dass ein Arschloch wie Fischer mich nicht klein kriegen soll.“ Die Therapeutin machte eine kurze Notiz. „Wenn Sie sich ein Mantra für sich aussuchen sollten, dass ihnen dabei helfen könnte, weiterzumachen, welches wäre es?“ Emma schloss die Augen und überlegte. „Alles wird besser.“ Sie spürte, wie die Therapeutin ihr einen Blick zuwarf. Ja, alles sollte besser werden, denn daran, dass es wirklich wieder gut werden würde, konnte sie nicht glauben.
Es war das eine zu beschließen weiter zu leben, aber das andere, dies auch ihrem Körper beizubringen. Tagsüber konnte sie sich beschäftigen, doch nachts, wenn das Unterbewusstsein freie Bahn hatte und sie sich nicht wehren konnte, zog es immer wieder die hässlichen Bilder heraus und konfrontierte sie damit. Nachdem sie morgens immer sofort aufgesprungen war ohne Rücksicht auf die Uhrzeit, um sich eine Beschäftigung zu suchen, bevor die Erinnerung sie einholte, änderte ihr „Es“ die Taktik. Jede Nacht suchten sie lange intensive Träume heim, die sich immer um die versuchte Vergewaltigung drehten. Die Träume schienen endlos, manchmal sagte sie sich im Schlaf, dass es nur Träume seien und es war, als würde sie aufwachen. Aber es waren Träume in den Träumen, was es noch schwieriger machte, weil sie so den Überblick verlor und die Geschehnisse ihr real erschienen.
Manchmal schreckte sie auch hoch, ohne zu wissen warum und suchte in Panik den Lichtschalter, um zumindest die Dunkelheit im Raum zu vertreiben.
Tagsüber war sie eigentlich immer müde. Sie lernte dennoch intensiv für die Schule und nebenbei Fremdsprachen, sie hatte zu joggen begonnen und lief bis zur Erschöpfung. Eine Zeit lang hatte sie im Wertstoffzentrum gearbeitet, musste aber feststellen, dass bei der stumpfsinnigen Tätigkeit ihr Kopf zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Glücklicherweise hatte sie eine Arbeit in einem kleinen Tante-Emma-Laden gefunden, wo sie Ware einräumte und der älteren Besitzerin stundenweise half. So war sie abgelenkt und fühlte sich sicher und lernte gleichzeitig auch wieder unter fremden Menschen zu sein.
Die Innenstadt hatte sie lange gemieden, die Angst vor ihrer alten Arbeitsstätte war zu groß. Auf Anraten ihrer Psychologin näherte sie sich jedoch dem Ort in immer größeren Kreisen, irgendwann schaffte sie es sogar an dem Geschäft vorbeizugehen. Sie hatten einen Stein im Magen, zitterte und schwitzte stark, aber immerhin war es ihr gelungen. Nur hinein ging sie nicht; allein der Gedanke löste grenzenlose Panik aus und sie wollte auch auf keinen der Kollegen treffen. Was hätte sie schon sagen sollen? Dass es ihr gut ging? Dass es okay war?
Sie würde Fischer vor Gericht wiedersehen müssen, dafür musste sie Kraft sammeln und jede Belastung vermeiden, die sie nicht weiterbrachte.
Die Arbeit mit ihrer Therapeutin war recht angenehm, sie hatten über die Vergewaltigung gesprochen, jetzt ging es aber generell darum Methoden zu finden, mit dem Schmerz in ihr fertig zu werden und Wege zur Bewältigung zu finden. Sie probierte jede Möglichkeit aus, die ihr aufgezeigt wurde. Sie wollte einfach nur irgendwie wieder lebensfähig werden, wenn sie schon weiter hier weilen musste. Ihre Noten waren unverändert gut, sie hatte wieder Arbeit und nach außen wirkte sie normal. Das waren riesige Schritte für sie; sie hatte beschlossen sich zurück zu kämpfen. Schritt für Schritt, um irgendwann das letzte große Ziel auf ihrer Liste erreichen – Vergessen.
***
Mick war überrascht, als er die junge Frau sah, die in sein Büro gebracht wurde. Beim letzten Mal, als er Emma gesehen hatte, stand sie stark unter Schock. Sie hatte geantwortet wie ein Roboter, ihr Erinnerungsvermögen arbeitete sehr präzise und genau, aber sonst war sie wie erstarrt. Sie war seinem Blick ausgewichen und ihre Stimme war eher leise gewesen. Einmal hatte er es geschafft in ihre Augen zu schauen und hatte dort tiefen Schmerz und große Angst gesehen, zudem etwas wie Ungläubigkeit, über das was geschehen war. Es hatte ihm einen Stich versetzt. Er war nun schon einige Jahre bei der Polizei, hatte viel gesehen und war erfolgreich in seiner Arbeit. Doch dies war sein erster Kontakt mit einem Vergewaltigungsopfer gewesen und es hatte irgendwie in ihm nachgewirkt. Wenn er sich vorstellte, jemand würde seine kleine Schwester anfassen, schnürte es ihm die Kehle zu. Es war schon öfter vorgekommen, dass ein Fall ihn nach Feierabend verfolgt hatte, gerade am Anfang seiner Dienstzeit. Warum er jedoch das Bild dieser jungen Frau nicht aus seinem Kopf bekommen hatte, wusste er nicht.
Als sie jetzt vor ihm stand um noch etwas zu unterschreiben, war er beruhigt. Sie war schmaler geworden, aber sonst wirkte sie, als hätte sie die Situation halbwegs gut gemeistert. Sie sah ihm bei der Begrüßung kurz in die Augen und drückte fest seine Hand. Mick reichte ihr die Dokumente. Sie blickte ihn kurz prüfend an. „Kennen wir uns?“ Er war etwas überrascht, lächelte aber. „Ich habe in der Nacht damals ihre Aussage aufgenommen, Frau Schenker.“ „Oh.“ Sie lief etwas rot an. „Das tut mir leid. Sie kamen mir bekannt vor, aber die Erinnerung an diese Nacht, also an die Zeit danach, ist etwas verschwommen und...“ Sie bracht abrupt ab und strich sich verlegen eine Strähne hinter ihr Ohr. Er hob beschwichtigend eine Hand. „Das ist kein Problem, ich kann das vollkommen verstehen. Und das heißt ja zumindest, dass ich Ihnen nicht unangenehm in Erinnerung geblieben bin.“ Oh Mann, hatte er das wirklich gesagt? War er denn jetzt vollkommen bescheuert? Das klang fast, als versuchte er mit ihr zu flirten. Er setzte zu einer Entschuldigung an, aber sie lachte kurz. „Manche Leute sind doch der Meinung – lieber einen schlechten Eindruck, als gar keinen. Aber ich verspreche, ich werde diesmal versuchen mich an sie zu erinnern, falls wir uns wiedersehen. Wobei ich darauf gerne verzichten kann. – Oh.“ Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund und ihr Gesicht färbte sich noch etwas dunkler. „Tut mir leid, das hat nichts mit ihnen zu tun. Es ist nur...“ Nun musste auch er lachen. „Keine Angst, ich verstehe das schon. Mit uns Polizisten hat man nicht so gern zu tun, das ist unser hartes Los.“ Sie lächelten sich kurz an, dann erhob sie sich. Er reichte ihr die Hand und blickte sie ernst an. „Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute, vor allem viel Kraft für die Verhandlung.“ Sie zuckte zusammen, dann nickte sie kaum merklich und wandte sich zum Gehen. An der Tür drehte sie sich nochmal um, als wollte sie etwas sagen, überlegte es sich jedoch anders.
Es hätte ein Abschied für immer sein können, ein weiterer Fall, der abgearbeitet war und in den Archiven verschwand. Doch das Schicksal wollte es anders.
Emma war stolz auf sich. Trotz der widrigen Umstände – wie sie es beschönigend nannte – hatte sie ihr Abitur geschafft, sogar noch mit einer 1 vor dem Komma. Sie hatte nach außen den Schein gewahrt, als hätte sie alles im Griff und nur noch die etwas schmalere Figur zeigte eine Veränderung. Inzwischen traute sie sich auch wieder engere Sachen anzuziehen. Sie war zu einer begeisterten Joggerin geworden, hatte einen guten Abschluss hingelegt und nebenbei intensiv an zwei Fremdsprachen gearbeitet. Sprachen hatten ihr schon immer Spaß gemacht, aber jetzt war es wie ein Rausch für sie Stück für Stück eine andere Sprache zu erarbeiten. Sie konnte es sich nicht genau erklären, vielleicht lag es daran, dass ihr seit dem Vorfall immer wieder ein paar Worte auf Deutsch fehlten, vielleicht benötigte ihr Gehirn so viel Kapazität Vokabeln aus zwei verschiedenen Sprachen gleichzeitig aufzubauen, dass es sich nicht mehr unentwegt um den Vorfall drehen konnte. Der Grund war ihr eigentlich egal, Hauptsache war, dass es half.
Vielleicht war es das, was die Leute meinten, wenn sie sagten, sie seien gestärkt aus einer Krise hervorgegangen. Sie hatte überlebt und war besser geworden, das war doch etwas wert, oder?
Und diese Kraft musste sie sich in Erinnerung rufen, wenn sie nächste Woche in die Verhandlung ging. Sie würde Fischer noch einmal gegenübertreten und sie musste keine Angst haben. Sie war nicht allein und sie hatte sich nicht zu schämen. Er war es, der Angst haben sollte und dem es vor dem Termin grauen sollte. Sie hatte die Bilder von damals tausendmal gesehen, was darin sollte sie noch erschüttern? Sie atmete tief ein und suchte ihren Blick im Spiegel. Trag einfach deine Maske und überlebe, sagte sie sich. Das würde für den Anfang reichen und danach würde alles leichter werden.
***
Bewährung - das Wort hallte in ihr nach. Für ein paar Monate, nicht mehr, kein Gefängnis. Emma saß wie erstarrt. Das durfte nicht wahr sein! Für die Hölle, durch die sie gegangen war, für den ganzen Kampf bekam er nur Bewährung? Wo war da die Gerechtigkeit? Sie spürte Jennys Hand, die die ihre drückte, konnte aber nicht reagieren.
Der Gang vor Gericht war eine einzige Tortur gewesen, Nächte vorher konnte sie kaum schlafen, sie bekam fast nichts herunter und hierher hatte sie es nur mit Beruhigungstabletten geschafft. Sie hatte alles nochmal wiederholen müssen und dies vor den Fremden zu machen war erstaunlicherweise tausendmal schwieriger. Vor allem, weil sie immer das Gefühl hatte, es klang nach zu wenig, so als ob nicht wirklich viel passiert sei. Dann hatte sie sich seine Aussage anhören müssen, er habe eine sehr anstrengende Zeit hinter sich, in letzter Zeit vermehrt getrunken und sie sei ihm gegenüber schroff aufgetreten, das habe ihn geärgert. Hier hatte die Staatsanwaltschaft scharf interveniert. Er hatte weiter Ausflüchte bemüht - ihm seien die Sicherungen durchgebrannt, er könnte sich nicht wirklich erinnern; kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung. Und dann das Urteil. Sie spürte wie ihr Tränen über die Wangen liefen. Jenny nahm sie in den Arm und ihre Mutter legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Sieh es so Emma. Er ist vorbestraft und seine Arbeit ist er auch los.“ Emma schluchzte kurz auf. „Aber Bewährung? Auf Nötigung steht mindestens ein Jahr, das habe ich gelesen.“ Ihr Herz krampfte sich zusammen und eine Welle des Schmerzes wogte durch ihren Körper. „Das ist ungerecht. Das ist nicht fair!“ Ihre Mutter wrang verlegen die Hände. „Nun ja, sie konnten wohl nicht das ganze Strafmaß anwenden, weil es nur eine…“ Emma blickte sie mit zitternden Lippen an. „Weil es was war, Mama? Sag schon! Weil es nur der Versuch war? Weil er es nicht zu Ende gebracht hat? Warum fühlt es sich dann aber an, als wäre es geschehen? Für mich hat er es vollbracht, für mich ist es furchtbar! Aber er kommt davon, mit einer kleinen Mahnung, es so schnell nicht wieder zu machen. Das ist einfach falsch!“ Dann brach sie auf der Bank zusammen und ihr Körper wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt. Es war ihr egal, ob er noch da war, ob er es sah, ob er sich daran ergötzte. Die ganze Zeit hatte sie versucht stark zu sein, aber es hatte nichts geändert. Es war egal, was sie machte, sie konnte nur verlieren und jetzt konnte sie nicht mal mehr darauf hoffen, dass Gerechtigkeit ihre Wunden heilen würden. Es blieb ihr nur noch weiterzumachen, aber irgendwie konnte sie endgültig keinen Grund mehr sehen, wofür.
***
Mick wusste nicht, warum er zu der Verhandlung und zur Urteilsverkündung gegangen war. Dieses Verhalten war absolut untypisch für ihn, aber er hatte sich Erklärungen zurechtgelegt: Dass er sich ein Bild vom Vergewaltiger machen wollte. Dass es zeitlich ging und er zufällig auf den Termin gestoßen war und es ihm hilfreich sein konnte für später. Aber die Wahrheit war einfach: Die Frau war ihm wieder nicht mehr aus dem Kopf gegangen, seit er von der Verhandlung gehört hatte. Es war keine Schwärmerei oder sexuelles Interesse, dafür hätte er wohl aufgrund der Umstände auch fast pervers sein müssen. Irgendwie schwirrte sie dennoch immer wieder durch seinen Kopf und er machte sich Gedanken um sie und egal was er tat, er konnte es nicht abstellen. Er hoffte, durch den Besuch des Gerichts endlich einen Schlussstrich ziehen zu können.
Sie wirkte leicht angeschlagen, aber hielt sich erstaunlich gut. Sie straffte ihre Schultern und versuchte mit fester Stimme zu sprechen, aber sie vermied Blicke in Fischers Richtung. Ihm fiel auf, dass dennoch ihre Augen ab und zu für einen kurzen Moment zu ihm wanderten, als ob sie etwas suchten. Reue vielleicht, Scham... Aber davon konnte Mick nichts entdecken, was ihn wütend machte. Der Mann redete nur von sich, er zeigte kein Bedauern, ihm schien nicht klar zu sein, was er dem Mädchen angetan hatte.
Mick atmete tief durch als die Aussage vorbei war und versuchte seine Gefühle runterzufahren, wie er es im Laufe seiner Arbeit gelernt hatte.
Er saß hinten in einer Ecke, weit weg von ihr. Er wollte nicht, dass sie ihn sah. Vielleicht wäre es ihr komisch vorgekommen oder unangenehm und er wollte sie nicht weiter belasten.
Dann kam die Urteilsverkündung, ohne es zu merken, hielt er die Luft an…
Als er das Strafmaß hörte, war er etwas erstaunt. Bewährung konnte er in so fern nachvollziehen, dass er leider wusste, dass dies bei Ersttätern oft angewandt wurde. Aber die Länge erschien ihm wenig, gerade angesichts des kalten Verhaltens des Mannes. Er hatte das Ganze geplant, immerhin hatte er dafür gesorgt, dass sie allein im Geschäft bleiben musste, es war keine Tat im Affekt gewesen. Der Richter hatte das Geständnis als strafmindern angesehen, aber was hätte abstreiten auch gebracht? Es gab einen verlässlichen Zeugen. Mick schüttelte den Kopf und wusste wieder, warum er die Urteile nicht mehr verfolgte, oft hinterließen sie einen schalen Beigeschmack.
Er wandte vorsichtig den Kopf und blickte zu Emma. Sie war schneeweiß im Gesicht geworden, Tränen liefern über ihr Gesicht, aber sie schien es nicht zu merken. Sie saß wie erstarrt und war gleichzeitig in sich zusammengesunken. Die beiden Frauen neben ihr sprachen mit ihr und sie erwiderte etwas, sichtlich erregt. Dann brach sie weinend zusammen. Es gab ihm einen Stich ins Herz. Warum hatte er es nicht bei ihrem letzten Treffen belassen, als sie stark und zuversichtlich gewirkt hatte, hatte sich so an sie erinnert? Jetzt sah sie verloren aus, zerstört, hoffnungslos.
Der Täter ging mit seinem Anwalt an ihm vorbei und er hörte, dass er etwas über Berufung sagte. Mick lachte bitter, der Mann schien sich auch noch ungerecht behandelt zu fühlen. Keinen Blick hatte er zu Emma geworfen, nicht versucht sich zu entschuldigen. Diese saß immer noch aufgelöst da und konnte nicht aufhören zu weinen.
Eine unbändige Wut packte ihn. Womit hatte diese junge Frau, dieses Leid verdient? Er nahm seine Sachen und verließ aufgewühlt den Gerichtssaal. An solchen Tagen fühlte er sich in seiner Arbeit hilflos und erschöpft. Er konnte nur versuchen die Täter zu erwischen, aber über die Strafe entschied ein anderer. Und manchmal schien die Strafe der Tat einfach nicht gerecht zu werden.
Er ging nach Hause, schlüpfte in seine Joggingsachen und begann mit hohem Tempo zu laufen, weg von den Gedanken, weg von der Wut, weg von dem Bild von dem Häufchen Elend auf der Gerichtsbank. Er wollte nicht wissen, wie groß ihr Gefühlschaos erst sein musste, er wünschte sich nur, er wäre nicht bei der Verhandlung gewesen. Dann wäre diese große Ungerechtigkeit zwar auch geschehen, aber er hätte wenigstens nichts davon gewusst. Manchmal war Verdrängen und Abschotten vielleicht wirklich der einzige Weg um mit so etwas umzugehen, denn sein Kampf würde ihr Leid jetzt auch nicht heilen können.
***
Emma lag in ihrem Bett und starrte ins Halbdunkel. Der Wecker zeigte 6 Uhr morgens, viel zu früh für einen Samstag, insbesondere, da sie erst kurz nach 1 Uhr eingeschlafen war. Die Schlafstörungen waren zurückgekommen, stärker als zuvor, aber sie hatte nicht mal die Motivation sich neue Tabletten zu holen. Was sollte es auch bringen? Ob sie schlief, ob sie wach war, ob Albträume sie plagten oder Gedanken – was machte es schon für einen Unterschied? Es war alles gleich, egal ob sie lebte oder tot war. Sie erschrak nicht mehr angesichts dieses Gedankens, sie war es inzwischen gewohnt, dass der Wunsch zu Sterben immer irgendwo anwesend war. Angesichts des milden Urteils gegenüber dem Mann, der ihr Leben zerstört hatte, glaubte sie aber endgültig nicht mehr, dass Selbstmord eine sichere Erlösung war. Sie sollte nicht sterben, sie sollte leiden, so schien es ihr Schicksal zu sein und sie wollte nicht auch noch als Pflegefall enden. Vielleicht wurde sie auch langsam paranoid, vielleicht war das der Grund, warum sich die meisten Bekannten von ihr abgewandt hatten.
Man hatte wohl erwartet, dass sie spätestens nach dem Urteil endlich nach vorne schauen würde, vergessen würde, aber die Verhandlung war ein Schlag ins Gesicht gewesen, hatte sie komplett zurückgeworfen. Wenn sie nach vorne blickte, sah sie nur Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit und Angst.
Sie hatte einen Studienplatz bekommen, aber wozu sollte das eigentlich gut sein? Sie würde auch dort kläglich scheitern, dessen war sie sich sicher.
Trotzdem würde sie das Studium antreten, sie musste ja Geld für ihr künftiges Leben verdienen. Außerdem wollte sie hier weg, das Fremde ängstigte sie nicht. Das Verbrechen war in vertrauter Umgebung geschehen, es gab also nichts, was sie schützen würde.
Das Ticken ihrer Armbanduhr bahnte sich einen Weg in ihr Gedächtnis, rational war ihr klar, dass es nicht so laut sein konnte, aber in ihrem Kopf hallte es wider und schien wie ein Flipper-Ball von der einen Kopfseite in die andere zu schießen. Vor ihren Augen begann es zu flimmern und Lichtblitze tanzten in Ihrem Blickfeld.
Scheiße, es ging wieder los, ihr Kopf wehrte sich gegen das ständige Grübeln und den wenigen Schlaf mit einer erneuten Migräneattacke mit starker Aura. Sie spürte wie eine kalte Faust sich um ihren Magen legte und Galle ihren Hals hinaufstieg. Mühsam richtete sie sich auf und suchte fahrig nach ihren Migränetabletten. Sie wusste in ein paar Minuten würde ihr Kopf fast explodieren und sie würde zu keinem Gedanken mehr fähig sein. Doch danach würde sie in einen tiefen traumlosen Schlaf fallen, der alles verschluckte. Vielleicht suchte der Körper also auch nur einen Weg sich zu schützen.
***
Noch ein Schritt, ein weiterer Schritt, immer einer nach dem anderen. Ihre Lunge brannte und ihre Beine waren schwer, aber sie war nicht gewillt aufzugeben. Sie konnte sich nicht zu viel aufraffen, aber das Joggen und Sprachenlernen hatte sie beibehalten. Inzwischen trainierte sie jeden Tag, stets dieselbe Runde im Park. In der weitläufigen Grünfläche war immer etwas los, aber es verlief sich gut, so dass man genug Platz hatte und sich nicht ständig in die Quere kam. Sie mochte das Grüne dort, die großen Büsche und die kleinen Ecken, in die man sich zurückziehen konnte, wenn man wollte. Die Natur beruhigte sie zumindest etwas. Sie hatte immer ihre Kopfhörer dabei, die Musik half ihr den Kampf durchzustehen, sie war einfach keine Sportskanone und ihr Körper versuchte immer wieder die tägliche Anstrengung abzuwehren. Sie schaute sich die einzelnen Menschen, die sie passierten, nicht an; wenn sie grüßten, nickte sie kurz zurück. Bestimmt hatte sie einige von ihnen schon öfter hier gesehen, aber es war ihr egal. Sie wollte niemanden kennenlernen, sie brauchte keine Kontakte, sie war nur zum Laufen hier.
Ein frischer Luftzug wehte ihr entgegen und sie atmete tief ein. Der Wind tat ihr gut, er war angenehm in ihren Lungen und sie stellte sich vor, wie er dunkle Gedanken wegblies.
Sie wusste, sie musste irgendwie in ihrem Leben weiter machen, aber ihr fehlte einfach ein Grund. Immerhin aß sie, sie wusch sich, machte Sport und lernte. Sie fand das ganz gut. Außerdem hatte sie sich ein neues Hobby gesucht, sie verschlang Reiseberichte. Sie träumte sich dann in andere Länder und Städte und tat so als wäre sie dort ein ganz normaler Tourist ohne dunklen Fleck in der Vergangenheit.
Andere mochten ihren Alltag für jämmerlich halten, da sie ja nicht mal „richtig“ vergewaltigt worden war, aber für sie war es manchmal mehr als sie sich vorstellen konnte zu bewältigen.
Sie war seit der Verhandlung nicht mehr bei der Psychologin gewesen, diese konnte auch nichts ändern. Sie konnte nur versuchen, Wunden zu heilen, aber sie nicht vor weiteren schützen.
Sie störte immerhin niemanden, ging keinem auf die Nerven oder zwang die Leute sich ihre Geschichte nochmal anzuhören. Sie existierte, wie es von ihr verlangt wurde. Manchmal hatte sie zwar das Gefühl in Wirklichkeit tot zu sein, aber ihr schneller Herzschlag beim Joggen rief ihr ins Gedächtnis, dass sie noch lebte. Sie war noch da, zumindest Teile von ihr.
***
Einatmen, ausatmen, immer schön in den Brustkorb, damit das leichte Ziehen sich nicht zu einem Seitenstechen auswachsen konnte. Sie war so konzentriert auf ihren Körper, dass sie alles andere ausgeblendet hatte. Sie nahm nicht wahr, dass sie an der kleinen Nische vorbeikam, die in die Büsche gebaut war. Warum auch, sie lief dort jeden Tag, sie kannte die Strecke in und auswendig. Der dunkle Schatten dort war neu, doch sie realisierte auch ihn nicht. Erst als er größer wurde und direkt neben ihr auftauchte, gab ihr Auge eine Meldung ans Gehirn. Im nächsten Moment stolperte sie, knallte hart auf den Boden und spürte wie ihr Kopf aufschlug. Benommen schnappte sie nach Luft. Was war passiert? Hatte sie eine Wurzel übersehen? Kaum hatte sie das gedacht, jagte ein scharfer Schmerz durch ihre Rippen und sie japste auf. Sie krümmte sich zusammen und sah einen schwarzen Schuh vor ihren Augen, dann packte sie jemand am Hals und zog sie grob nach oben. Sie wusste noch immer nicht, wie ihr geschah, da jagte schon die nächste Schmerzsalve durch ihren Körper, als eine Faust heftig ihr Gesicht traf. Oh Gott, was passierte hier?
Fast schon erwartete sie einen neuen Schlag, doch ruckartig wurde sie auf den Rücken geschoben, ein schweres Gewicht drückte sie auf die Erde und dann spürte sie wie jemand ihre Hose nach unten schob. Sie zwang sich ihre Augen zu öffnen, das linke war warm und pochte und sie konnte kaum etwas erkennen, doch was sie sah, ließ ihr endgültig das Blut in ihren Adern gefrieren. Fischers Gesicht war dicht an ihrem, sie roch Alkohol und Schweiß und spürte seinen Körper auf ihren brennenden Rippen. Er schaute sie kurz verächtlich an, während er sich zwischen seinen Beinen zu schaffen machte. „Na, du kleines Miststück? Du dachtest wohl, du kommst so einfach davon?! Wenn ich schon wegen dir Schlampe verurteilt werde, will ich doch auch wenigstens den Spaß haben.“ Erneut schlug er ihr mit voller Wucht ins Gesicht und sie schmeckte Blut. Das konnte nicht passieren, das war nicht wahr, es war nur ein weiterer Albtraum, gleich würde sie aufwachen. Wach auf Emma, wach endlich auf! In diesem Moment rammte er ihr brutal seinen Penis hinein, sie schrie auf vor Schmerz und sofort lag seine Hand schwer auf ihrem Mund, so dass sie kaum mehr Luft bekam. Sie versuchte ihn zu beißen oder sich zu wehren, aber sie hatte keine Chance. Ihr Kopf war benommen von den Schlägen, die Rippen brannten wie Feuer und sie merkte wie ihr schummrig wurde von der eingeschränkten Sauerstoffzufuhr. Immer wieder stieß er tief in sie hinein, ihre Scham glühte, mit jedem Mal wurde der Schmerz heftiger. Dann drückte er sich plötzlich auf ihrem verletzten Brustkorb nach oben und stöhnte laut auf. Seine Hand rutschte von ihrem Mund und sie schnappte in Panik nach Luft. Emma war unfähig sich zu bewegen, wollte nicht glauben, was da gerade geschehen war. Fischer hatte soeben zu Ende gebracht, was er damals geplant hatte. Aber warum war sie letztes Mal gerettet worden, wenn es jetzt doch geschah? Was hatte sie verbrochen? Der Schmerz tobte durch ihren ganzen Körper, sie ekelte sich vor der Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen und sein Geruch hatte sich in ihre Nase gebrannt. Jetzt war sie nicht mehr „fast“ vergewaltigt, jetzt war es geschehen. Dufte sie jetzt endlich sterben?
Im nächsten Moment hörte sie laute Stimmen, Fischers Gewicht verschwand ganz von ihr und sie sah Gestalten um sich rum. Sie konnte erkennen, wie jemand ausholte und Fischer schlug, ein anderer schien ihn festzuhalten. Dann schloss sie die Augen. Sie hörte jemand reden, blinzelte kurz und konnte einen jungen Mann im Trainingsanzug erkennen. Ihr seid zu spät, ihr könnt nichts mehr retten. Lasst ihn machen, vielleicht bringt er mich um und es hat ein Ende, wollte sie sagen, doch aus ihrer Kehle kam kein Laut. Die Geräusche um siehe herum wurden immer lauter, sie hörte einen Hund bellen, sie wollte nichts sehen oder hören. Wenigstens fasste niemand sie an, sie hätte keine weiteren Berührungen ertragen.
Plötzlich war es als würde sich tief drinnen irgendetwas in ihr lösen und ein Teil von ihr verschwinden. Die Schmerzen ließen nach und ihre Gefühle verstummten, es war als läge nur noch ihr Körper da und der Rest existierte nicht mehr.
Sie öffnete die Augen, immer noch konnte sie links wenig erkennen. Rechts sah sie scharf, sie nahm wahr, was um sie herum geschah, aber sie bezog es sich nicht wirklich auf sich. Es war als wäre sie eine Fremde, die die Situation von außen beobachtete. Das hier war nicht mehr sie, das war nicht mehr ihr Leben, was jetzt passiert war, war zu viel gewesen. Sie hatte gekämpft, sie hatte gelebt, sie hatte weitergemacht. Aber jetzt war es vorbei, Emma Schenker war soeben gestorben. Ihre Seele war verschwunden und alles, was blieb, war ein schmutziger, missbrauchter Körper.
Alles einfach abarbeiten wie beim letzten Mal. Die Person, die sie mal gewesen war, wusste ja wie es ging. Man brachte sie in die Praxis zur selben Ärztin wie letztes Mal, man dachte wohl es würde es ihr erleichtern. Als ob es irgendetwas geben konnte, was es besser machen würde. Zur Polizei, wo diesmal eine junge Inspektorin ihre Aussage aufnahm. Sie würde diese Sache genau einmal erzählen, dann nie wieder, das hatte sie sich geschworen – für die Akten, für eine Anklage vielleicht, als Beweis für ein gescheitertes Gerichtssystem.
***
Manche Dinge ließen sich nur mit Schicksal oder Vorbestimmung erklären, auch wenn man normalerweise kein Mensch war, der an solche Dinge glaubte
Mick kam von einem Einsatz zurück und sprach gerade mit Kollegen, als er Emma ein Stück weiter vorbei gehen sah. Er musterte sie erstaunt und erschrak. Nur kurz hatte er einen Blick auf ihre Augen erhaschen können, doch diese wirkten wie tot. Ihr Gesicht war bleich und schmutzig, es war geschwollen und wund und sie bewegte sich abgehackt und wie ferngesteuert.
Sein Kollege sagte etwas und er entschuldigte sich. Er ging nach draußen und suchte die Kollegin, von der Emma gekommen sein musste. Er fragte, warum sie da war. Seine Kollegin musterte ihn erstaunt und er erklärte, dass er sie kannte – dienstlich, vom letzten Fall. Sie fragte, worum es gegangen war und er fasste es in kurzen Worten zusammen. Bestürzung trat in ihr Gesicht, dann erzählte sie, was passiert war. Eine kalte Hand fasste nach seinem Herz und er schnappte fassungslos nach Luft. Fischer war also zurückgekommen, er hatte wirklich die Unverfrorenheit und Kälte besessen die Vergewaltigung zu beenden und das kurz nach seiner Verurteilung und am helllichten Tag. Ohne nachzudenken wirbelte er um und lief nach draußen, um Emma zu suchen. Doch sie war verschwunden.
***
Ihre Mutter war informiert worden und Emma hatte ihr geschrieben, dass sie allein sein wollte und nicht reden.
Sie wurde nach Hause gebracht, duschte sich, bis die Kälte wenigstens etwas wich und ihre Haut rot glühte. Es war egal, zwischen ihrem Körper und ihrem Herz gab es keine Verbindung mehr und das Gehirn reagierte nur noch automatisch. Sie schrieb einen kurzen Brief an Jenny, auch zu ihr war der Kontakt weniger geworden. Ein einziges Mal schrieb sie auch die Geschichte nieder.
Dann las sie verschiedene Dokumente und machte Vorbereitungen bis spät in die Nacht, erstellte Listen, was es noch zu erledigen gab.
Die nächsten Tage verbrachte sie viel in verschiedenen Internetcafés, recherchierte und löschte ihre Daten danach bestmöglich. Sie machte ein paar wenige kurze Besuche, sie sprach nicht über das, was geschehen war. Sie ging zu Banken, hob immer wieder Geld ab.
Es dauerte nur gut 2 Wochen, dann war alles erledigt, ihr Plan stand fest und gab kein Zurück mehr: Sie musste gehen, um irgendwie zu überleben.
Emma ließ ihre Schultern kreisen und versuchte eine bequeme Position in ihrem Sitz zu finden, was nach der stundenlangen Fahrt praktisch unmöglich war. ICE, Regionalexpress, Bummelbahn, Bus, jetzt noch circa ungefähr 20 Minuten, dann würde ihre Odyssee ein Ende haben. Sie war erschöpft und ihr ganzer Körper schmerzte von der Menge an Gepäck, die sie mit sich herumtrug.
Kurz nach der Vergewaltigung war ihr klar geworden, dass sie wegmusste. Sie konnte nicht in ihrer alten Heimat bleiben, sonst würde sie durchdrehen. Es würde aber nicht reichen in eine andere Stadt zu gehen, denn das war ja sowieso ihr Plan gewesen nach der Schule. Dies war ein Teil ihres alten Lebens gewesen und das gab es nicht mehr. Sie musste weg von allem, musste ganz von vorn anfangen. Vielleicht konnte sie dann einen Teil ihres Schmerzes zurücklassen, der ihre jede Kraft zum Atmen nahm.
Die Wahl war schnell gefallen, in einem ihrer Reiseführer hatte sie einmal über Margerita gelesen, eine kleine Stadt am Meer. Sie war noch nicht völlig von Touristen überlaufen, hatte aber ihre Liebhaber und Stammgäste, auch die Spanier aus den angrenzenden Städten reisten gern dort hin, so dass das ganze Jahr über Leben dort herrschte.
Zudem war die nächstgrößere Stadt, Castillo, nicht allzu weit entfernt. Das war wichtig, da sie nicht so blauäugig war zu vergessen, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen musste, sobald die Ersparnisse aufgebraucht waren. Sie kam frisch von der Schule, hatte kein Studium, mit ihr würden sich viele auf dem Arbeitsmarkt tummeln. Sie konnte nur hoffen, dass ihre fünf Sprachen ihr helfen würden.
