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Anfang der 1860er Jahre wurden die Weichen zur weiteren Entwicklung der Stadt Thun gestellt. Thun wurde zu einem der wichtigsten Waffenplätze der Schweiz und zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie. Die imposanten eidgenössischen Kasernenbauten aus den Jahren 1868, 1901/02 und 1940 zeugen bis heute von der Entwicklung der militärischen Ausbildung.
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Seitenzahl: 46
Veröffentlichungsjahr: 2020
Siegfried Moeri • Guntram Knauer
Die eidgenössischen Kasernen in Thun
Kanton Bern
Einleitung
Die erste militärische Zentralschule kommt nach Thun
Die Eidgenösssischen Übungslager in Thun
Thun braucht eine neue Kaserne, aber wo?
Mannschaftskaserne 1
Planungsgeschichte
Baugeschichte
Baubeschrieb
Würdigung
Offizierskaserne
Planungs- und Baugeschichte
Kurzbeschrieb
Würdigung
Dufourkaserne
Baugeschichte
Kurzbeschrieb
Würdigung
Anhang
Die europäischen Grossmächte Österreich, Preussen, Russland, Grossbritannien und Frankreich hatten 1815 auf dem Wiener Kongress vereinbart, die Schweiz als Pufferstaat zwischen Frankreich und Österreich, zu dem damals die Lombardei und Venetien gehörten, wieder erstehen zu lassen. Sie verpflichteten die in einem Staatenbund organisierte Eidgenossenschaft zur bewaffneten Neutralität. Das setzte eine eidgenössische Armee voraus, die einheitlich bewaffnet und ausgebildet wurde. 1817 erliess die Tagsatzung ein «Allgemeines Militärreglement (Schaffung einer Armee mit kantonalem Gepräge im Frieden, mit eidgenössischem Charakter im Krieg)». Das Reglement sah eine Militärschule für Stabs-, Genie- und Artillerieoffiziere und die Durchführung eidgenössischer Übungslager vor.
Die Federzeichnung von 1821 zeigt die unbebaute Landschaft ausserhalb der Stadt, durchquert von der soeben gebauten schnurgeraden Allmendstrasse, die am Horizont die Zollhausbrücke über den ehemaligen Kanderlauf erahnen lässt. Entlang dieser Ausfallstrasse entwickelten sich linker Hand der Waffenplatz, rechter Hand zur Aare hin die Rüstungsbetriebe.
Am 17. August 1818 beschloss die Tagsatzung, die erste militärische Zentralschule in Thun zu gründen, obwohl Zürich, Luzern und Lenzburg dafür kämpften, dass ihre Stadt als Standort gewählt würde.
Welche Gründe führten zu dieser Wahl?
War es die zentrale Lage?
Gemäss Tagsatzungsprotokoll vom 17. August 1818 befand sich «Thun ungefähr im Mittelpunkt der Artillerie liefernden Kantone». Von Thun aus ist es in allen Richtungen gleich weit zur Landesgrenze. Es liegt geografisch im «Kern der Schweiz».
War es das Gelände?
Vor ihrer Ableitung in den Thunersee überschwemmte die Kander immer wieder die Allmenden. Durch die periodischen Kiesablagerungen war eine wasserdurchlässige Schwemmebene entstanden, die sich für die militärische Ausbildung ausgezeichnet eignete. Auch bei misslichen Wetterbedingungen fanden Hufe festen Boden, Geschütze versanken nicht im Morast. Zelte für die grossen Übungslager konnten auf festem Boden errichtet werden.
Pro Juventute-Briefmarke von 1937, Entwurf: Karl Bickel (1886–1982). Als Vorlage diente das Porträt von K. F. Irminger. Guillaume-Henri Dufour war eine der herausragenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Als Instruktor an der Eidg. Militär-Schule war er mit Thun besonders verbunden. 1848 verlieh ihm die Burgerversammlung von Thun das Ehrenbürgerrecht. An der Eröffnung der Hauptkaserne 1868 hielt er eine kurze Ansprache.
1840 führte Dufour in Thun das freischwebende weisse Kreuz im roten Feld als gemeinsames Feldzeichen ein, das zur Schweizer Fahne wurde (aquarellierte Federzeichnung von Carl Stauffer, 1841).
Waren es die guten Verbindungen zwischen der Stadt und dem Übungsgelände?
Seit 1807 führte eine schnurgerade Ausfallstrasse vom Allmendtor zum Zollhaus an der ehemaligen Brücke über die Kander.
War es, weil sich Thun bereits früher als Truppenübungsplatz bewährt hatte?
Während der Helvetischen Republik (1798–1803) wurden in Thun, der Hauptstadt des damaligen Kantons Oberland, Truppen geschult. Im staatlichen Kornhaus im Bälliz wurden 1799 französische Truppen untergebracht.
Das Kornhaus, das für die Lagerung des Getreidezehnten des Amts Thun gebaut wurde, genügte als Truppenunterkunft den gestiegenen Anforderungen nicht mehr. Die Räume waren stickig und dunkel, die Latrinen kaum besser als auf dem Feld. Die Offiziere waren in Privatzimmern und im Gasthaus Freienhof einquartiert, was zu einem Mangel an Disziplin führte.
Auf dem 1814 entstandenen Thun-Panorama von Marquard Wocher erkennt man das langgestreckte Kornhaus, davor das Waisenhaus.
Am 1. August 1819 wurde die «Eidgenössische Central-Militärschule» in Thun feierlich eröffnet. Oberst Jost Göldlin von Tiefenau wurde der erste Direktor der Schule. Ihm zur Seite standen die Oberinstruktoren für Artillerie, Hauptmann Salomon Hirzel, und für Genie, Ingenieur-Stabshauptmann Guillaume-Henri Dufour.
Die Soldaten waren im staatlichen ehemaligen Kornhaus im Bälliz untergebracht. Der Strättligturm im Gwatt diente als Pulvermagazin. Die Stadt Thun richtete im Salzmagazin neben dem Gasthaus Freienhof einen Theoriesaal ein und stellte die Waisenhausscheune und den Werkhof an der Aarestrasse zur Verfügung. Das Vereinigte Familiengut der Burger vermietete die Allmend und gestattete die Errichtung eines Polygons.
Die Ausbildung erfolgte in Französisch, zu jener Zeit die lingua franca in Europa. Auf dem Wiener Kongress sprachen alle Teilnehmenden Französisch. Die ersten Offiziere der neu gebildeten Schweizer Armee waren vorher meist in französischen Diensten, wie auch Dufour, der Offizier unter Napoleon I. war. 1833 erteilte die Tagsatzung der Militäraufsichtsbehörde auf Wunsch der Gesandtschaft von Schaffhausen den Auftrag, nicht mehr ausschliesslich französisch zu unterrichten.
Louis Napoléon in der Uniform eines Berner Hauptmanns, gemalt von F. F. B. Genaille: Charles Louis Napoléon Bonaparte (1808–1873) war ein Neffe von Napoleon I. Er wuchs auf Schloss Arenenberg im Kanton Thurgau auf. Als Kaiser Napoleon III. vermittelte er auf Wunsch von General Dufour im Neuenburger Handel 1856/57. Er überzeugte den preussischen König Friedrich Wilhelm IV., als Landesherr von Neuenburg abzudanken. Seit dessen Tod gehört Neuenburg vollumfänglich zur Eidgenossenschaft.
Die Übungslager fanden in der Regel alle zwei Jahre während der Monate August und September statt. Bis zur neuen bundesstaatlichen Verfassung von 1848 wurden vierzehn eidgenössische Übungslager durchgeführt, davon sechs in Thun (1819, 1826, 1834, 1842, 1844 und 1846). Auf den Allmenden von Schoren und Allmendingen (beide Gemeinde Strättligen), Thierachern, Thun und Uetendorf wurden Artillerie- und Geniekader ausgebildet, ab 1828 auch Generalstabsoffiziere und Kader der Infanterie. Prominentester Teilnehmer war Prince Louis Napoléon. Er nahm an mehreren Ausbildungsgängen teil, so 1834 im Rang eines bernischen Artillerie-Hauptmanns.
