Die Einsamkeit der Haut - Bodo Kirchhoff - E-Book

Die Einsamkeit der Haut E-Book

Bodo Kirchhoff

0,0

Beschreibung

»Die Einsamkeit der Haut« umfasst sechs Erzählungen Bodo Kirchhoffs, die Ausschnitt für Ausschnitt eine Kartografie des Frankfurter Bahnhofsviertels entwerfen und mit schonungsloser Offenheit Einblick in das Leben eines Einzelgängers gewähren. Bodo Kirchhoff ist nicht nur als Verfasser groß angelegter Romane bekannt, auch in der Kurzform brilliert der renommierte Stilist seit mehreren Jahrzehnten. Von der kompromisslosen und polarisierenden Radikalität des Frühwerks, das mit sezierendem Blick gesellschaftlichen Randfiguren nachspürt, wird der Leser zunehmend in einen umfassenderen Handlungsrahmen geführt, hinein in einzigartige Augenblicke einer Ehe, Momentaufnahmen einer Familie. Lakonisch, präzise und geprägt von einer subtilen Hintergründigkeit schreibt der Autor immer auch über die Schwierigkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden. Bodo Kirchhoffs Erzählungen sind eine literarische Kostbarkeit, anhand derer die Entwicklung des Autors vom »bad boy« der Literatur zu einem der profiliertesten Schriftsteller der Gegenwartsliteratur lesend nachvollzogen werden kann.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 94

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



»Die Einsamkeit der Haut« umfasst sechs Erzählungen Bodo Kirchhoffs, die Ausschnitt für Ausschnitt eine Kartografie des Frankfurter Bahnhofsviertels entwerfen und mit schonungsloser Offenheit Einblick in das Leben eines Einzelgängers gewähren.

Bodo Kirchhoff ist nicht nur als Verfasser groß angelegter Romane bekannt, auch in der Kurzform brilliert der renommierte Stilist seit mehreren Jahrzehnten.

Von der kompromisslosen und polarisierenden Radikalität des Frühwerks, das mit sezierendem Blick gesellschaftlichen Randfiguren nachspürt, wird der Leser zunehmend in einen umfassenderen Handlungsrahmen geführt, hinein in einzigartige Augenblicke einer Ehe, Momentaufnahmen einer Familie. Lakonisch, präzise und geprägt von einer subtilen Hintergründigkeit schreibt der Autor immer auch über die Schwierigkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Bodo Kirchhoffs Erzählungen sind eine literarische Kostbarkeit, anhand derer die Entwicklung des Autors vom »bad boy« der Literatur zu einem der profiliertesten Schriftsteller der Gegenwartsliteratur lesend nachvollzogen werden kann.

»Ein Leseschatz, eine Fundgrube für Kirchhoff-Leser und Leser, die es werden wollen oder auf Empfehlung werden sollten.« (Hessischer Rundfunk)

»Jede einzelne Erzählung ist lesenswert. In ihrer Gesamtheit sind sie ein literarisches Autorenportrait der Sonderklasse.« (Kölnische Rundschau)

»Kirchhoff ist ein Meister erotischen Erzählens, was heutzutage nicht oft vorkommt.« (Deutschlandradio Kultur)

»Kirchhoff ist grandios beim Ausloten menschlicher Gefühle. Er nutzt das Körperliche und Triebhafte, um unser Wesen zu erkunden.« (Mannheimer Morgen)

Inhalt

Grausamkeit des Augenblicks

Zehn Minuten vergehen

Haarscharf verfehltes Glück in der Liebe

Unnatürlichkeit der Lust

Die Einsamkeit der Haut

Notwende

Grausamkeit des Augenblicks

Rücksichtslos an den Entgegenkommenden vorbei, auf einen Ausgang zu. Der Frankfurter Bahnhof ist ein Kopfbahnhof. Ich weiß nicht, was ich heute schon in dieser Stadt zu suchen habe, es hätte auch die Möglichkeit gegeben, erst morgen in der Früh zu fahren. Etwas drängt mich seit geraumer Zeit. Doch nicht mal die Vorstellung, was es gewesen sein könnte, besteht.

Durch Unterführungssysteme, im Hin- und Rückfluß zahlloser Menschen, deren Tod mich nicht berühren würde, und wieder hinauf auf eine Straße, in der sicher niemand mehr wohnt; vorüber an Spielhallen, Schnellwäschereien, Ausländerscharen, einem Mannschaftswagen und Gebäuden voller Frauen. Nirgends ein Lebensmittelgeschäft – ich habe Lust auf eine Tüte Milch. Hinter den Fenstern statt dessen vielversprechendes Licht oder überhaupt nichts, aufgegebene Räume, nehme ich an, verwaiste Zimmer, schwer zu sagen. Ich biege um die nächste Ecke und betrete das erste Gebäude auf der rechten Seite. Im Treppenhaus und in den Fluren streunende Freier, in den offenstehenden Türen überwiegend Schwarze, andere Rassen sind schwächer vertreten. Ich weiß auch nicht, was ich im einzelnen will, und folge meinem Blick, wohin er fällt.

Die junge Frau ist aus dem Mittelmeerraum, vermutlich. In ihrer Kammer steht eine Liege, und neben der Liege, auf einem Schränkchen, reizt mich etwas von weitem, das ich nicht bezeichnen kann, eine mechanische Lichtorgel? Wieviel, will ich wissen und dazu noch ihren Namen, und sie deutet mit der ganzen Hand Richtung Brustbein, auf sich. Rosalia.

Möglichkeiten gehen mir durch den Kopf, während sie anfängt zu reden, meinen Spielraum verengt. Ihr Sprachschatz ist gering, einige Begriffe für das, was sie bietet, die Zahlen Dreißig und Vierzig, das Hauptwort Gummi und die Verhältniswörter mit und ohne. Ich merke, daß sie mich erreicht hat. Etwas zumindest, das mich durchzieht, und komme mir entblößt vor. Nicht auszudenken, daß sie mit nur einem, noch dazu falsch ausgesprochenen, verstümmelten Wort zur Sprache bringen konnte, was ich unter Umständen wirklich will. Wie heißt das neben deinem Bett, das Bunte da?

Die kleinen Hausaltäre fallen mir ein, die ich im Süden ab und zu gesehen habe, wenn ich in den Armeleutevierteln einen Blick in die offenen Fenster warf, auf Betten, in denen Greisinnen lagen, unterhalb der bunten Lichter. Anregend der Gedanke, daß sie noch fromm ist; aber es könnte sich auch schon erledigt haben.

Du wollen? fragt und löchert sie mich, und ich gehe in die Kammer. Sie schließt die Tür hinter mir, sagt noch einen weiteren Halbsatz, verwendet den Ausdruck schön, und ich greife ihn auf.

Was ist das für ein Ding da neben deinem Bett?

Sie streicht mit den Fingern darüber, sie tippt es an und steigert das Spiel der Farben. Einen Augenblick lang scheint sie sich zu freuen, dann möchte sie Geld. Als sei etwas Bestimmtes vereinbart worden, besteht sie auf Vierzig, und ich reiche ihr zwei Scheine, die sie in einer Schachtel verstaut. Danach zieht sie ihre Wäsche aus, wendet mir dabei den Rücken zu und lenkt mich ab.

Für einige Sekunden, bis eben, mußte ich an etwas anderes denken, an den kommenden Tag. Woher bist du? unterbreche ich die Stille, und sie deutet auf einen Schemel: dort soll ich meine Kleider hinlegen; und während ich das Hemd aufknöpfe, sagt sie Portugal.

Portugal, da bin ich auch schon gewesen, sage ich. Aber das beeindruckt sie nicht. Lisboa? hake ich nach, du aus Lisboa? Und ich betone das Wort, und sie sieht mich an und wiederholt es, leise, wie eine Parole. Denkbar also, daß sie dort schon tätig war, in den Bairros von Lissabon lauern die Frauen neben Gemüse- und Fischverkäufern, in Hauseingängen und Nischen, und heben für den, der einen Blick riskiert, blitzschnell den Rock, um ihr Werkzeug zu zeigen; man mag das beklagen, aber so ist es.

Sie ist nackt, und ich stehe noch immer in Hosen herum, streife mir aber die Schuhe jetzt ab, und sie tritt vor eine Waschgelegenheit. Ihr Körper wirkt jünger als ihr Gesicht und zeigt keine großen Farbunterschiede. Nur um die natürlichen Falten herum ist die Haut dunkel, dort liegen die Gefahrenherde. Ich fürchte mich vor einer Infektion und schaue vorsichtig an ihr entlang – an manchen Stellen treten Muskeln in Erscheinung, Folgen einer gleichförmigen Verrichtung, Feldarbeit vielleicht. Ganz verschiedene Prägungen auf ihrem Körper, Welten zwischen ihren Händen und den Augen: plumpe Finger, vielsagende Art zu schauen. Vergleichbar beschaffen hingegen Schenkel und Brüste; auf beidem noch keine Spur von Geschichte, keine erzwungenen Formen, keine unnatürlichen Eindrücke. Und sicher weiß sie um die Wirkung dieser Bereiche.

Du hast schöne Schenkel, bemerke ich. Das rutscht mir so heraus, und mit einem eigentümlichen A-Laut stimmt sie mir zu. Ich lege meine Hose über den Schemel, die Socken behalte ich an. Lissabon ist eine recht schmutzige Stadt, ich fange an mich zu erinnern. Doch sie bricht es ab, mein Zurückschauen, zum Glück; sie führt mich ans Licht und fängt mit einer Untersuchung an.

Bist du aus Lissabon? Lisboa du zu Hause? Man muß freundlich sein, mit jedem Menschen, ich versuche das, obwohl sie an mir herumdrückt, sich mit dem Zeigefingernagel einen Einblick verschafft. Sie fahndet nach Indizien, ihre Routine beruhigt mich und ängstigt zugleich; es ist die erste Untersuchung dieser Art, der ich unterzogen werde.

Wie lange bist du schon hier? Wie lange in Frankfurt?

Zwei Monat, sagt sie.

Monate, verbessere ich und lege meine Hand auf ihre Schulter. Für Vierzig ist es inbegriffen, sie auch zu berühren. Langsam fahre ich an ihrem Oberarm herab, springe über zur unteren Hälfte der Brust, streife den Hof um die Warze und gleite weiter bis zum Nabel, wo wir uns plötzlich in der Quere sind. Ich ziehe meine Hand zurück und sehe ihr zu: wie sie mein Haar untersucht, womöglich nach Läusen, aus alter Gewohnheit. Als sie damit fertig ist, beginnt sie mich zu waschen.

Wie alt bist du? Wie alt?

Sie schweigt, und ich sehe ihr abermals zu. Sie benützt gewöhnliche Seife, und ihre Finger sind geschickter, als ich annahm. Falls sie mich reinlegen will, auf ein vorzeitiges Ende spekuliert, hätte sie keine Chance; ich bin ganz woanders, weit entfernt von mir. Ich streichle über ihren Rücken, entlang der Wirbelsäule, bis in die Höhe des Steißbeins und merke, daß ihr schauert. Ich wiederhole den Weg, doch sie entzieht sich kurz vor dem Punkt.

Die Waschung ist gründlich, nicht nur auf bestimmte Stellen konzentriert. Augenblicklich hat sie die Oberhand.

Ich dich auch? frage ich und deute es an. Sie reicht mir die Seife und hockt sich auf den Beckenrand. Ich habe noch nie eine Frau gewaschen, nur zugesehen dabei. Genau verfolgt sie meine Hände, und ich lasse nichts aus, spüle den Schaum dann noch weg, trockne sie überall ab und nenne meinen Namen. Sie spricht ihn nach, ich korrigiere. Beim vierten Mal betont sie ihn richtig, in Verbindung mit einer Geste. Ein seltsames Zeichen, das meinen Namen unterstreicht und mich vorübergehend sprachlos macht; sie weist mir einen Platz auf ihrer Liege an, sie flüstert ein Wort dazu.

Die Liege muß unendlich dreckig sein, anzunehmen, daß sie schon seit Jahren in der Kammer steht. Das Muster aus Rauten ist kaum noch erkennbar. Über die Mitte der Liege ist ein Tuch gebreitet. Auch das Tuch ist nicht mehr frisch. Ich setze mich auf die Kante.

Wie alt bist du?

Sie drückt meinen Oberkörper nach unten, beugt sich über ihre Arbeitsstelle und sagt zwanzig.

In der Decke oberhalb von meinem Kopf ist ein Loch. Sicher hing dort mal eine Lampe, wenn nicht ein Lüster. Die Kammer ist im nachhinein entstanden, durch Unterteilung eines großen Raumes in mehrere Verschläge. Ich drehe meinen Kopf zur Seite, spüre, wie sie tätig wird, mich teilnahmslos macht, ein Stück weit verschlingt, während ich schaue. In meinem Blickfeld nichts Persönliches von ihr, oder ich nehme es nicht wahr. Vieles zieht ja an mir vorbei, ohne daß es auffällt. Es erreicht mich so wenig, daß ich mir ungestört das Gegenteil einbilden kann, das Gegenteil von dem, was mir passiert; alles ist denkbar. Denkbar, daß ihr die Arbeit Vergnügen bereitet, nirgends ein Hinweis auf Haß. Meine Hand liegt jetzt auf ihrem Schenkel, dort ist es warm.

Draußen sind jetzt Stimmen zu hören, ich verstehe kein Wort; an ihrer Körperhaltung hat sich etwas verändert. Wie spät mag es sein? Zwanzig nach vier vielleicht, allenfalls halb fünf; mein Zeitgefühl ist in Ordnung. Wir liegen nebeneinander, ich auf dem Rücken, sie auf der Seite. Gerne würde ich ihre Brüste halten, wenigstens eine davon, umgehe sie aber. Ich möchte mich nicht vergreifen, das muß nicht sein, und biete meine Hand als Stütze an für ihren Kopf, und so komme ich, ganz nebenbei, mit der Wange in Kontakt.

Überrascht von dieser Wendung zögert sie. Es dauert eine Zeitlang, bis der Kopf Gewicht erhält. Behutsam richte ich mich auf, und beide sehen wir zu der Stelle, um die sich unser Vorgespräch gedreht hat. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Sie will mich in der Hand behalten, soviel steht fest.

Als ich in gleicher Höhe bin mit ihrer Schulter, benützt sie noch einmal das Stichwort, gegen mich gerichtet. Ich sinke wieder zurück, versucht, sie dabei mitzunehmen. Ihre Finger setzen die Arbeit noch fort, mit ihren Augen scheint sie mir nachzugeben; nicht mehr diese Wachsamkeit, bilde ich mir ein.

Bist du müde? Du schlafen? Sag …

Rosalia sieht mich an; sie möchte wissen, was die Frage soll, da könnte ich wetten. Ich stehe auf, gehe zu meiner Hose und hole aus der Tasche einen weiteren Schein und lege ihn auf die Schachtel.

Wie lange kann ich bleiben? Wie lange ich hier? Ich, hier bei dir, wie lang?

Sie greift nach dem Geld, gibt einen A-Laut von sich, irgendwie erfreut, und findet dann ein Wort für Dauer und Art des Aufenthalts: Gemutlich.