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Von den Niederungen sozialistischer Bürokratie bis zu den Sternen! Ist es Liebe, wenn Res ihr Geburtsjahr ändert, oder Angst? Ist es Liebe, als der kleine Junge die Bücher seiner verstorbenen Mutter verschlingt, oder Trauerarbeit? Ist es Liebe, wenn Pietro einen Rückzieher macht, sobald seine Angebetete einen Schritt auf ihn zugeht, oder Schwärmerei? Paul Johannes Koller spürt in seinen Erzählungen Facetten der Liebe und des Lebens rund um die Welt nach. Im Spannungsfeld von persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen offenbart sich dabei viel Menschliches wie auch Allzumenschliches. Auf der Suche nach der Antwort, was den Menschen ausmacht, was die Welt und das Sein, begegnen wir besserwisserischen Professoren, Musikerinnen, rivalisierenden Schwestern, Intimfeinden, mehr oder weniger geschmeidigen Diplomaten, Ladys und sogar Königen.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Balkon
Kiko
Querflöte
Philosophie nonstop
Eine Stadt namens Marre
Der Erzähler
Vom Sonnensystem der Lurchen
Amira
Die Verjüngung
Eine namenlose Geschichte
Königin des Südens - ein Märchen
Chantal
Die Emails der Lady B.
Ileana und Victor hatten sich Mitte Februar 1960, um genau zu sein am Samstag, den 20. Februar 1960, auf dem Heimweg, unsterblich ineinander verliebt. Die beiden besuchten dieselbe Sekundarschule in der Nähe des Kiseleff-Parks. Sie die neunte und er die zehnte Klasse. Dass die Hormone plötzlich verrücktspielten, war nicht nur dem Umstand erwachter Neugier für das andere Geschlecht zuzuschreiben. Nein, dafür gab es auch einen konkreten Grund namens Bela Baseanu, Intimfeind von Victor, weil dieser so ziemlich den gleichen Geschmack in Sachen Freundinnen hatte wie er und daher ständig mit ihm um Gunst und Anerkennung wetteiferte.
Soweit war dem französischen Kulturrat die Geschichte seiner Gastgeber bereits geläufig, als er erneut bei den beiden eingeladen war. Vielleicht würde er nun etwas mehr erfahren über das Vorleben dieses Paares, das die Wirren der rumänischen Revolution scheinbar schadlos überstanden und nun die Ehre hatte, die neuentstandene Republik im Nachbarland zu vertreten.
Ileana, eigentlich Anemone Ileana Hortensia geborene Teitler, entstammte einer deutsch-jiddischen Familie aus der Bukowina, so jedenfalls teilte sie mehr als dreißig Jahre später jedem bereitwillig mit, der sich in den Prager Kreisen, in denen sie und Victor sich seit kurzem bewegten, dafür interessierte.
„Als Produkt eines Zufalles, wie er sich nur inmitten von Kriegswirren überhaupt denken lässt“, meinte sie dann immer lächelnd, „wurde ich im siebenbürgischen Schäßburg geboren – der Stadt Draculas, das kennt ihr ja – ein Ort der Vampire, des Knoblauchs und der gepfählten Herzen.“ Dazu schnitt sie eine Grimasse und fuchtelte mit gekrümmten Mittel- und Zeigefingern, die aus der geballten Hand hervorstießen wie Vampirzähne, vor den Gesichtern der Zuhörer herum, bis einer sich schließlich erbarmte oder sie vielmehr alle dazu drängten, ausführlicher über diesen sonderbaren Zufall zu plaudern. Dann erzählte sie diese Geschichte und wie diese wiederum zu weiteren Zufällen führte, bis Victor als Botschafter und sie endlich in Prag landeten, meistens bereitwillig, nicht selten mit wässrigen Augen, manchmal etwas verkürzt, ein andermal etwas ausschweifender.
„Dieser Zufall von Schäßburg steht am Anfang einer Reihe von weiteren Ereignissen, die Victor und mich im Kiseleff-Park in Bukarest zusammenführten und am Ende zu euch nach Prag brachten.
Meine Mutter war eine dunkelhaarige Schönheit mit schwarzen Augen aus Timişoara – eine richtige ‚spaniolische Jüdin‘ eben. Noch bevor dort die großen Deportationen begannen, war sie als junge Magd zu einer befreundeten ungarischen Familie, die mit ihrem Vater Handel trieb, auf ein Landgut bei Schäßburg geschickt worden. Die Eltern fürchteten bereits bei Kriegsausbruch – die ‚Eisernen Garden‘ hatte schon mehrere Jahre Missgunst gesät und manch eine schreckliche Untat begangen – die Lage könnte sich für die Familie nur zum Nachteil entwickeln. Außer meiner Mutter hat den Krieg dann tatsächlich auch niemand überlebt. In ihrer Gastfamilie jedenfalls wurde sie mehr schlecht als recht behandelt. Als der Conducător Ion Antonescu an die Macht kam und die Verfolgungen zunahmen, wurde Ilana, so hieß meine Mutter, unter dem Vorwand, es könnte sie jemand verraten, in ein Nebengebäude verbannt. Wegen ihr und auch ein bisschen wegen der Tochter der rumänischen Königin Marie von Edinburgh wurde ich Ileana genannt. Fortan schlief sie im Stroh wie das Jesuskind und fror im Winter wie ein Schlosshund, obschon sie sich bis unters Kinn im Heu verkroch.“
„Irgendwie schon komisch, was meine Mutter damals erleben musste, wenn man bedenkt, dass heute superteure Heubäder in Beauty-Farmen angeboten werden“, vermerkte Ileana jeweils an dieser Stelle verschmitzt.
Der Kulturrat musste ebenfalls lächeln. Das alles war einnehmend erzählt und eine willkommene Abwechslung von den üblichen Spekulationen über irgendwelche unbedeutende politische Ereignisse. „Was steckte aber wirklich hinter dieser Verbannung?“, fragte er.
„Der wirkliche Grund für die verschlechterte Lage“, erwiderte sie, „war der Gutsherr, dem die Gräfin um dieselbe Zeit drohte, sie würde ihn mit ihren Kindern – drei halbwüchsigen Gören – verlassen, dabei erst noch meine Mutter verraten und ihn kompromittieren, falls er nicht unverzüglich von Ilana ablasse.“
„Natürlich, wieder einmal der Mann!“, warf die deutsche Botschafterin ein.
„Das war zu dieser Zeit ja wohl nicht ungewöhnlich“, erwiderte der Kulturrat.
„Was die Sache allerdings auch nicht besser macht.“
„Also, die Gräfin heischte meine Mutter jedenfalls an, es herrsche Krieg. Wenn sie den heil überstehen wolle, solle sie ihrem Mann gefälligst keine schönen Augen machen. So verbrachte meine Mutter ziemlich einsame Jahre im Transsylvanien von Bram Stoker und wurde in ihren Träumen nicht selten von Vampiren und anderen Gespenstern heimgesucht. Rund um die Uhr war sie mit Waschen, Einfeuern im Herrenhaus, Putzen und Kochen beschäftigt. Ihr einziges Vergnügen waren kleine Fluchten, wenn sie mal Zeit fand, im Wald nach Pilzen zu suchen.“
„Pilze suchen im Herbst ist eines meiner liebsten Freizeitvergnügen“, meldete sich eine Stimme aus dem Publikum und fand dabei keinerlei Beachtung.
„Im Spätherbst 1943 erschien meiner Mutter ein Schreckensengel in Gestalt meines Vaters. Ausgehungert, zitternd, nur noch halb am Leben hatte sie ihn in ihrem Stadel aufgescheucht, als sie ins Heu kriechen wollte. Er erschrak wohl noch mehr als sie. Anton Teitler war es gelungen, während des Baus an einem Straßendamm aus einem Arbeitslager in der Moldau zu entkommen. Dabei hatte er sich, um den Schergen möglichst nicht in die Hände zu fallen, bewusst nicht in Richtung seiner Heimat, sondern durch die Karpaten gegen Westen geschlagen. Er hoffte, wenn er überhaupt noch hoffte, vielleicht irgendwo im Banat unterzukommen. Jedenfalls waren ihm wunde Füße, Hunger und kein Dach über dem Kopf lieber als das Lager, in dem er - zwar zäh, aber nicht gerade kräftig - einen besonders schweren Stand hatte. Die Misshandlungen, die er nur aufgrund seiner kommunistisch angehauchten, im Grunde genommen noch unreifen Ideen zu erleiden hatte, aber vor allem der Verlust an Freiheit setzten der Psyche des jungen Mannes schwer zu.
Nun, es geschah, wie es kommen musste. Meine Mutter päppelte ihn auf und die beiden verliebten sich. Als sie entdeckt wurden, gab es ein großes Donnerwetter, aber die Herrschaft erbarmte sich ihrer, nicht zuletzt, weil sich die rumänischen Geschicke und Allianzen bereits wieder zu wenden schienen. Im Herzen Royalisten geblieben, selbst wenn ihre Träume von Groß-Ungarn schon längst verloren waren, hatten sie mit Diktator Antonescu nichts am Hut.“
„Dieser Antonescu, ein Verbündeter Hitlers, war schlimmer als alles, was nach ihm in Rumänien noch gekommen ist“, meldete sich der russische Gesandte zu Wort, worauf die Stimme, die vor kurzem noch nach Pilzen suchen wollte, einwarf: „Das kennt ja jeder. Lassen wir doch die Gastgeberin weitererzählen.“
„Gut dann. So gelang es meinen Eltern, sich nach meiner Geburt in die Bukowina durchzuschlagen, wo sie im Sommer 1944 von den Kommunisten zuerst mürrisch und misstrauisch, dann - nachdem ihre Haltung jeder Überprüfung standhielt - doch freundlich empfangen wurden. Und nach dem Krieg zogen sie nach Bukarest, wo mein Vater Redaktor bei der deutschen Zeitung ‚Neuer Weg‘ wurde, während meine Mutter Französisch unterrichtete. Die Sprache hatte sie in Timişoara schon als Mädchen gelernt.“
Während mehrere Zuhörer nickten oder nach Fragen suchten, die sie nicht allzu dumm aussehen lassen würden, fragte der französische Kulturrat, dem immer daran gelegen war, seine umfassende Bildung unter Beweis zu stellen, ob Ileana denn mit Paul Celan verwandt sei, dessen Mutter doch auch eine Teitler war.
„Ja sicher. Mein Vater ist tatsächlich ein entfernter Vetter, ein Großcousin von Celan gewesen.“
„Sehr interessant. Einer meiner Lieblingsdichter. Der wirklich schöne Kiseleff-Park ist mir übrigens ebenso bekannt“, meinte der Rat darauf und warf sich dabei in die Brust, „der ist doch nach dem russischen Gouverneur des moldauischen und walachischen Staatsrates im 19. Jahrhundert benannt?“
Ileana nickte.
„In Schäßburg war ich übrigens auch schon, da sieht es fast so aus wie in der Schweiz oder im Schwarzwald.“
„Na, Schweiz oder Schwarzwald ist ja wohl ein ziemlicher Unterschied“, warf die Stimme aus dem Hintergrund dazwischen.
„Erzählst du wieder einmal eine deiner alten, langen Geschichten?“ Victor war zur Gruppe um seine Frau gestoßen. „Man hat mich darum gebeten“, antwortete Ileana nur. „Magst du vielleicht erzählen, wie wir uns kennengelernt haben?“
„Mach mal du weiter“, erwiderte Victor. „Ich muss unbedingt mit einer Kollegin noch besprechen, wie sie den Stand unserer Beitrittsverhandlungen zur EU einschätzt.“
„Also dann“, ergriff Ileana wieder das Wort, nachdem die Zuhörer sie mit ihren Blicken dazu aufzufordern schienen, „zurück zu diesem Tag im Februar. Es war an einem Samstag und ich auf dem Heimweg mit Bela Baseanu. Bela ging in die gleiche Schule wie Victor und ich in Bukarest. Wir hatten ein bisschen herumgealbert im Park und waren ziemlich erhitzt, als dieser Bela mich plötzlich um die Hüfte fasste und mir einen Kuss auf die Lippen drückte. Ich war überrascht, aber warum nicht, dachte ich mir, mal schauen wie das schmeckt. Doch dann wurde er immer drängender und zerrte mich hinter ein paar Sträuchern auf den Boden. Ich wehrte mich und schrie. Aber er war wie von Sinnen, hielt mir den Mund zu und zerrte an meinen Kleidern. Victor muss uns gefolgt sein, jedenfalls riss er Bela von mir weg und verdrosch ihn mit einem Furor, wie ich es seither nie mehr erlebt habe. Ich war wie gelähmt, halb erfroren, steif vor Schrecken. Minutenlang muss ich wie erstarrt liegen geblieben sein. Bela flüchtete schließlich mit blutendem Gesicht, wie mir Victor später erzählte, und mein künftiger Ehemann beugte sich gütig wie ein Engel über mich, und half mir endlich behutsam wieder auf die Beine. Seitdem waren wir unzertrennlich und heirateten einige Jahre später. Eigentlich gegen den Willen seiner Familie, die dem walachischen Adel entstammte und lieber eine standesgemäße Heirat gesehen hätte. Victor studierte Ingenieurwesen. Ich französische Literatur und englische Sprache.“
„Sie wird immer gleich so ausschweifend. Eben eine echte Literatin.“ Victor gesellte sich wieder zur Runde, offensichtlich zufrieden mit der Antwort der Kollegin. Er lachte freundlich. Tatsächlich, er hatte ein markantes Engelsgesicht - Gabriel oder Michael - und war von kräftiger, schon fast korpulenter Gestalt. Es war leicht, in ihm einen Helden des Volkes, wenn nicht der Frauen zu sehen.
„Nein, nein. Deine Frau erzählt richtig spannend.“
„Und es geht mal nicht um Tagespolitik.“
„Lass sie doch, Victor.“
Gegen alle Stimmen zusammen gab es nichts mehr einzuwenden. „Dann solltest du aber unbedingt die Geschichte von unserem Balkon auch noch erzählen.“
„Mach du mal!“ Ileana stieß Victor dabei in die Rippen.
„Ja, erzähl mal du, Victor“, sagte die deutsche Botschafterin.
„Die Geschichte ist ja recht spannend“, raunte der Kulturrat seinem deutschen Kollegen ganz leise zu, „aber hast du gehört, dass die beiden Mitglieder der Securitate gewesen sein sollen und alles aus den alten Dossiers des Staatssicherheitsdienstes zusammengeschustert haben?“
„Ach was! Kaum zu glauben.“, tuschelte dieser zurück und grinste dazu.
„Also dann. Anfang der Siebzigerjahre hatten wir endlich eine eigene Wohnung in einer neuen Plattenbaute ergattert. Ileana war schwanger und wir freuten uns auf ein kleines, bescheidenes, aber glückliches Familienleben. Ich war ein junger, durchaus begabter Bauingenieur und sollte ans Institut für Architektur und Stadtplanung Ion Mincu berufen werden, wo ich übrigens Anca Petrescu kannte, die bald den Bau des unsäglichen ‚Palatuls‘ des neuen ‚Conducătoruls‘ verwirklichen sollte.“
Victor sagte das so abschätzig, dass keinerlei Verdacht an seiner Haltung aufkommen konnte.
„Als angehende Fremdsprachenprofessorin war Ileana ebenfalls gut etabliert. Wir waren beide sozusagen ‚volksnotwendig‘, also jedenfalls gut aufgestellt, um einen Beitrag zur immer fortschreitenden Entwicklung des rumänischen Volkes unter der weisen Führerschaft usw., usf., zu leisten.
Mit dem Standesdünkel kamen die Ansprüche. Da unsere Wohnung fast ebenerdig lag und nach Südwesten ausgerichtet war, dachten wir, es wäre doch schön, mit unserer kleinen Tochter, wie sich bald herausstellen sollte, die Abende in der untergehenden Sonne zu genießen und wollten dazu einen kleinen Balkon bauen. Natürlich war uns bewusst, wie schwierig es sein würde, dafür eine Bewilligung zu erhalten. Dennoch, in unserem jugendlichen Übermut scheuten wir keine Behördengänge. Balkone sind in Bukarest, das städteplanerisch lange Paris nacheiferte, ja keine Seltenheit, und so hofften wir, dass sich die zuständigen Stellen von unseren Argumenten überzeugen ließen.“
„Sicher nicht!“, platzte der bulgarische Kollege dazwischen, dem das alles nur zu gut bekannt vorkommen musste.
„Nun, wir hofften mit Blabla über diese offensichtliche Hebung der Lebensqualität für das ins Neue aufbrechenden rumänischen Arbeitervolk zu punkten. Der Balkon könnte so in einem sozialistischen Sinne neu erfunden werden und der klassenlosen Gesellschaft zugutekommen. Und so fort. Unser Gang durch die Instanzen endete jedenfalls im Büro des kommunistischen Funktionärs Bela Baseanu!“
„Was für ein unglaublicher Zufall!“, kam es aus dem Publikum, was aber Viktor nicht aus dem Konzept brachte.
„Ileana hat euch von Bela ja schon berichtet. Nun, Baseanu hatte im kommunistischen Apparat eine steile Karriere gemacht. Ausgerechnet er war nun Stellvertreter des für die bauliche Sicherheit zuständigen Dienstes im rumänischen Sicherheitsapparat, der von Tag zu Tag weiterwucherte und durch den auch das Hinterletzte abgesegnet werden musste, was in diesem paranoiden Staatswesen geschah.
Nachdem wir uns schon fast zwei Jahre erfolglos mit unteren Dienststellen herumgeärgert hatten - unsere Tochter kroch inzwischen überall herum –, zitierte Bela uns also zu sich und begegnete uns mit der herablassenden Sicherheit eines Mannes, der sich vor nichts mehr zu fürchten braucht als der Ungnade von höchster Stelle. Und eine solche Stelle würde dieses arrogante Paar von Professoren bestimmt nicht so leicht erreichen und bewirtschaften können wie er selbst.
„So, so“, sagte Baseanu, „Victor Bibescu, geb. 1943, stolzer Spross einer walachischen Bojaren-Familie - aus bestem adeligen Geschlecht, auch wenn inzwischen etwas unter die Räder unserer sozialistischen Revolution gekommen - und Ileana, geborene Teitler, wohl jüdischer Abstammung – dem Namen nach - und ziemlich sicher zugewandert … Ihr wollt also einen Balkon, einen eigenen Balkon bauen. Und ausgerechnet ich – Bela Baseanu – soll euch wohl dafür die Bewilligung verschaffen.“
Ileana kochte innerlich noch mehr vor Wut als ich, aber was sollten wir tun, wenn nicht unsere Idee gleich aufgeben. So warfen wir uns nur einen versteckten Blick zu.
Er wolle ja nicht nachtragend sein, obgleich sich dafür wohl gute Gründe finden ließen. Und Ileana sei ja immer noch eine attraktive Frau, obwohl er selbst inzwischen bestens verheiratet sei und bereits zwei Kinder hätte – eine echte kommunistische Rumänin eben und dazu wohl noch überaus attraktiv, überaus attraktiv! Sachlich gesehen, sei der Wunsch nach einem Balkon zwar wohl nicht vollkommen abwegig. Dennoch blieben dazu wohl doch noch etliche Fragen offen. Sicherheitsüberlegungen, denen sich unser Staat pflichtbewusst zu stellen habe. Sein Überleben – des Staates natürlich - dürfte selbstverständlich unter keinen Umständen wegen nichtiger partikulärer Interessen mutwillig aufs Spiel gesetzt werden. Damit seien ja wohl sicher sogar sie, Herr und Frau Professor, einverstanden.
Wir nickten verhalten, aber einigermaßen deutlich, denn wir wussten genauso gut wie Bela, wie schnell man sich in Sachen Staatssicherheit und Staatsunabhängigkeit auf gefährliches Terrain begab.
„Darüber hinaus könnte man sich natürlich auch aus soziopolitischer Sicht fragen, ob ein solcher Spezialwunsch nicht Ausdruck einer vertrackten, im Grunde genommen sogar bourgeoisen Einstellung ist“, fuhr Baseanu fort, „im sozialistischen Rumänien gibt es zwar Balkone, sogar viele Balkone, aber nur ab dem ersten Stock und nicht ebenerdig, wie der Herr Ingenieur doch bestimmt bestens weiß.“
Worauf Ileana sofort protestierte, sie sei wie Bela Mitglied der kommunistischen Partei und Victor werde auch bald eintreten, und die Arbeiterschaft verdiene ja wohl Besseres als irgendwelche bourgeoise Schmarotzer …
„Wenn er denn überhaupt aufgenommen wird! Aber das zu beurteilen ist wohl nicht wirklich meine Aufgabe. Dafür sind andere höchst qualifizierte Genossinnen und Genossen zuständig.“
Obgleich schon fast verzweifelt, wagte ich mich dennoch mit der Bemerkung vor: „Unsere Idee ist an anderer Stelle nicht ungünstig aufgenommen worden, verspricht doch die Aussicht auf einen eigenen kleinen Balkon – wenn auch ebenerdig, schon fast mehr eine Terrasse - nicht zuletzt eine Steigerung der Produktivität, da sie ja dem allgemeinen Wohlbefinden jener Arbeiterschaft zugutekommen wird, der Wohnungen im Parterre zugewiesen worden sind.“ Und wegen der Sicherheit gäbe es im sozialistischen Rumänien, wo doch Diebstähle bald der Vergangenheit angehören würden, auch kaum etwas zu befürchten. Außerdem würden sich solche Balkone dann wie kleine offene Höfe benutzen lassen und einen direkten Zugang zur Umgebung erlauben und somit das Kollektiv stärken …
„Genug! Genug! Gut gesprochen, Herr Bauingenieur, wohl durchdacht! Aber nicht in deiner Kompetenz, nicht Sache eines Bauingenieurs!“ Bela stand auf und war kurz davor, uns rauszuwerfen. Urplötzlich schien er sich jedoch anders zu besinnen und meinte sanft: „Nun denn, ich werde prüfen, wie sich das Ganze mit Blick auf die eigentliche Staatssicherheit ausnimmt, die wir garantieren - jawohl garantieren, nicht etwa nur verbessern - müssen. Nämlich das und nur das ist meine Aufgabe. Kleine Balkone sind ja wahrscheinlich nicht ganz so schlecht für unser Volk. Allerdings werdet ihr wohl noch mal vorsprechen müssen, um letzte Details zu klären. Garantieren kann ich für nichts. Versprechen tue ich schon gar nichts - euch wohl zu allerletzt.“
„Wie ekelhaft doch unsere Beamten damals sein konnten! Das ist zum Glück vorbei“, rief der bulgarische Kollege in die Runde.
„Bist du dir da wirklich so sicher?“, fragte der Kulturrat.
„Na, hör mal!“
„Ileana und ich jedenfalls waren froh, mit ein paar blauen Flecken davongekommen zu sein und verließen das Gebäude fluchtartig. Erst später waren wir in der Lage, die Angelegenheit zu überdenken. Wir beschlossen, uns das von diesem furchtbaren Bela nicht gefallen zu lassen, und setzten unsererseits alle Hebel in Bewegung, damit unser Dossier wenigstens in andere Hände gelangte. Über ihre Familie hatte Ileana einen guten Draht zu Kreisen, die in der Partei und bei der Securitate etwas zu sagen hatten. Die Sache war vielleicht noch zu retten.
Zwei, drei Monate später wurden wir erneut zur Staatssicherheit vorgeladen. Eigentlich genüge es, wenn Ileana alleine kommen würde, wurde uns mitgeteilt, der Herr Bauingenieur habe sicher Wichtigeres zu tun.
Natürlich war ich alarmiert. Ich wollte nicht, dass Ileana alleine vor Bela saß, und ging mit.
Bela begrüßte uns mit einem jovialen Grinsen: „Ach, Herr Bauingenieur wollen seine Frau wohl nicht alleine lassen, würden wohl lieber auf einem Balkon sitzen und Händchen halten. Ileana hätte uns genügt, vollauf genügt. Hatte wohl auch nichts Wichtigeres zu tun, der Bauingenieur, für das Wohlergehen des Volkes. Wollte wohl von seinem Balkönchen aus mächtige Reden schwingen.“
Ich wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen, hätten da im Hintergrund nicht zwei Männer im Ledermantel gesessen.“
Ein Zittern schien durch den Körper Ileanas zu gehen.
„Was war ich doch blind gewesen! Es war natürlich eine Falle. Augenblicke später stand ich in Handschellen da, umringt von zwei Männern und wurde abgeführt. Bela lachte hemmungslos, weil ich ihm auf den Leim gegangen war, was fast noch schlimmer war als Ileanas verzweifelte und wütende Schreie.“
„Der misslichste Moment in meinem Leben. Wirklich der schlimmste“, warf Ileana ein. Tränen schossen ihr in die Augen. „Die sozialistische Haltung Victors steht im Zweifel. Er genießt nicht mehr das Vertrauen der Partei“, sagten sie mir. „Ob ich, Ileana, seine Frau, etwas von seinen konterrevolutionären, staatsfeindlichen Umtrieben mitbekommen hätte. Es werde volle Kooperation erwartet.“
„Ileana wusste natürlich nichts von solchen Umtrieben“, setzte Viktor fort. „Wie sollte sie auch, wo es überhaupt keine gab. Mehr noch, Ileana hielt all den Verdächtigungen und Bedrohungen tapfer stand und setzte dabei mindestens ihre relativ angenehmen Lebensumstände aufs Spiel. In mühsamster Kleinstarbeit und Dutzenden von Gesprächen gelang es Ileanas Vater, für mich ein paar Hafterleichterungen zu erreichen. – Ich stand kurz davor, alles einzugestehen, was man mir vorhielt, obschon über neunzig Prozent erfunden war und der Rest nicht annähernd stimmte. - Später konnte ihr Vater hochrangige Mitglieder der Securitate wenigstens überzeugen, dass von mir keinerlei Staatsgefährdung ausgehe und sich ein so begabter junger Ingenieur doch für Bauzwecke einsetzen lassen würde, die Ceausescu und seiner Frau Elena am Herzen lägen.
„Konnte man nicht die alte Geschichte mit Bela zu euren Gunsten in die Waagschale werfen?“, fragte der deutsche Kulturrat.
„Nicht wirklich. Wie denn? Wenn Bela nur aus Rache gehandelt hätte, vielleicht, aber er genoss im Gegensatz zu mir das Vertrauen der Partei und war deshalb wahrscheinlich von ganz oben gedeckt. Nach fünfzehn Monaten im Untersuchungsgefängnis wurde ich jedenfalls zu drei Jahren Lagerhaft an der Moldau verknurrt, wegen ‚staatsfeindlicher Äußerungen ohne offensichtliche Absicht der Verschwörung‘. Das Einzige was in meinem persönlichen Dossier D.U.I. (dosar de urmarire individuală) verbürgt blieb, war meine Anmerkung unter Fachkollegen, der ‚Palatul‘ des Führers ließe sich eigentlich viel schneller, in besserer und sicherer Lage, und zudem noch günstiger, in einem gebäudefreien Park innerhalb des Perimeters der Stadt errichten als auf dieser kleinen Anhöhe mitten in der Stadt, wo er noch heute steht. Sogar Anca Petrescu, die beauftragte Architektin, fand diesen Gedanken damals zumindest nicht ganz abwegig. Aber das stand da natürlich nicht drin. Tja, so wurden dann die Häuser von Zehntausenden von Bukarestern geschleift, um für das ‚Haus des Volkes‘ und die rumänischen ‚Champs-Elysées‘ – selbstverständlich noch breiter und länger als die in Paris - Platz zu schaffen.“
Im Garten, wo sich inzwischen fast alle Gäste versammelt hatten, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen, wurde es kühl. Der Kulturrat machte sich erneut wichtig: „Verrückt! Allein der Gedanke, Paris mit Bukarest zu vergleichen. Natürlich gibt es in einem solchen System keinerlei Platz für Individualisten. So selbstverständlich wie es für den Diktator war, einen Riesenpalast zubauen mit einem Balkon, grösser als ich ihn sonst irgendwo gesehen habe. Ich habe den Palast selbst besucht.“
„Ausschlaggebend für unsere Misere“, fiel Victor ihm ins Wort, „war zweifellos das menschenverachtende System der Diktatur in Rumänien. Bela Baseanu war letztlich nur ein unbedeutendes Rädchen im Getriebe. Seine Frau hatte bei einem Treffen mit der Frau des Führers aufgeschnappt, wie diese sich humorig, aber scharf gegen private Balkone wendete. So was sei lediglich eine Gefährdung der Staatssicherheit, wenn ihr lieber Nicolae, nicht selten mit Staatsgästen aus dem Westen, durch die Straßen fahre. Ein wirklich großzügiger Balkon – selbstverständlich nicht nur ein kleiner wie jener Mussolinis – zieme sich allein für den Conducător selbst. Für Bela, wie auch jeden anderen in seiner Position, war dieser Hinweis Anlass genug, um die Maschinerie zum eigenen Vorteil und zum Schutze gegen jedweden ‚Volksverführer‘ in Gang zu setzen. Ganz besonders aber gegen mich, seinen ehemaligen Intimfeind.
Seinen vorauseilenden Gehorsam bezahlte der liebe Bela übrigens einige Jahre später teuer. Bei den Säuberungen in den Achtzigerjahren geriet er seinerseits in Haft. Unter anderem, hieß es, habe er seine Aufgaben exzessiv wahrgenommen - Balkone seien nicht als staatsgefährdend einzustufen, selbst wenn sie ebenerdig nicht viel Sinn ergäben und nur unnötig Kosten verursachen würden. Unterdessen trieb der Bau des ‚Palatul‘ samt seinem riesigen Balkon unser Land in den Ruin und der Unterhalt kostet uns bis heute Millionen. Aber es wird frisch hier draußen auf dem Balkon. Lasst uns in den Salon gehen.“
Victor nahm seine Frau liebevoll unter den Arm und ging mit ihr voraus ins Haus.
„Se non è vero, è ben trovato!”, murmelte der französische Kulturrat.
„Ja, ja, selbst wenn es nicht wahr wäre, so wäre es doch gut erfunden.“, übersetzte ein anderer Gast, der die Bemerkung aufgeschnappt hatte.
„Auf jeden Fall traurig.“
„Ein guter Teil unserer Jugend war verloren“, beendete Victor die Geschichte, als sich im Empfangsraum die Gäste abermals um ihn und Ileana scharten. „Nach der Lagerhaft folgte die Verbannung als Straßenbauingenieur in Bacău - wo ich doch viel lieber städteplanerisch tätig gewesen wäre , was jedoch Ileanas Vater im Kreise der engsten Familie wiederholt zur erheiternden und spöttischen Bemerkung veranlasste, Straßenbau scheine nun mal die schicksalshafte Bestimmung des Bibescu-Teitler-Klans zu sein. Nun, so schlimm war es nicht in der Provinz. Ileana, die mir immer treu gefolgt ist“ - Victor legte den Arm um die Schultern seiner Frau - „und ich setzten uns dort später für den Aufbau einer Universität ein, die tatsächlich vor einigen Jahren eröffnet wurde. Und dann wurden wir durch eine weitere Fügung des Schicksals in den diplomatischen Dienst der neuen Republik berufen … und Ileana und ich haben uns geschworen, unseren individuellen Wunsch ab jetzt gnadenlos umzusetzen.“
Victor hob lachend seine Stimme: „Nie mehr eine Wohnung, ein Haus oder gar eine Residenz ohne Balkon, möge es sonst auch noch so bescheiden sein!“
Kiko träumte, er sei ein Mensch, und er war wirklich ein Mensch. Nun weiß Kiko nicht mehr, ob er ein Mensch ist, der träumte Kiko zu sein, oder Kiko, der träumte, er sei ein Mensch. (nach Lao-tze)
