Übermensch - Paul Johannes Koller - E-Book

Übermensch E-Book

Paul Johannes Koller

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Beschreibung

Luna, Tochter der theoretischen Physikerin und Kosmologin Hannah und des Philosophie-Professors Isidor, der sich für Friedrich Nietzsche und seine Ideen vom "Übermenschen" und von der "ewigen Rückkehr des Gleichen" begeistert, wird konfrontiert mit der scheinbar perfekten Liebe ihrer Eltern. Gelingt es Luna nach dem Tod ihres Vaters einen eigenen Lebensweg zu finden? Hängt alles am Zufall oder waltet ein geheimnisvolles Schicksal? Was heißt es überhaupt, Mensch zu sein oder gar zum Übermenschen zu werden? Können wir davon ausgehen, dass ein solcher sowieso bald künstlich erschaffen wird? Der Kurzroman, der vorwiegend im Engadin spielt, nähert sich aus den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten existentiellen Fragen unseres Daseins in dieser Welt.

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Paul Johannes Koller

Übermensch

Kurzroman

© 2021 Paul Johannes Koller

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-41058-9

Hardcover:

978-3-347-41059-6

e-Book:

978-3-347-41060-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Übermensch

Ja! ich weiß, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr’ ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse,

Flamme bin ich sicherlich.

F. Nietzsche

Die fröhliche Wissenschaft

(»la gaya scienza«)

»SCHERZ, LIST UND RACHE«

Vorspiel in deutschen Reimen, 62

E

Die Luftlinie von Mailand bis Sils Maria im oberen Engadin beträgt knapp Hundertzwanzig Kilometer. Die tatsächliche Distanz zwischen der Großstadt und dem Hochtal auf fast Zweitausend Meter ist an einem Tag kaum zu überwinden. Dort, wo nicht selten spiegelglatte Seen die mit Lärchen und Kiefern bewaldeten Berge so deutlich reflektieren, dass bei manchem Betrachter Zweifel aufkommen, ob die Gipfel nur gegen den Himmel streben oder sich samt den Bäumen ebenso in höllische Tiefen stürzen, gilt eine eigene Zeit und ein anderer Raum.

Sicher war es so für jenen Denker, Friedrich Nietzsche, der hier oben in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts siebenmal den Sommer verbrachte und, diese erfrischend klare Landschaft erwandernd, seine grandiosesten Gedanken entwarf und manch einen Aphorismus seines Spätwerks verfasste.

‚Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.‘, gibt uns der Philosoph in seinem Werk gegen die vorherrschende Moral zu bedenken. Geschrieben während seiner Silser Jahre, wurde ‚Jenseits von Gut und Böse‘ im Jahre 1886 erstmals veröffentlicht, also mitten in jener viktorianischen Zeit der Doppelmoral, während der sich die Männer hinter der Fassade einer gutbürgerlichen Ehe versteckten und gerne in den Betten der Bordelle und Kurtisanen verlustierten.

Über wie vielen Büchern, wie vielen Biografien und Lebensgeschichten könnte dieser Satz über die Liebe als Leitmotiv stehen? Hunderten, Tausenden. Die eine oder der andere mag sich sogar erinnern, Ähnliches bei Augustinus von Hippo, dem Kirchenvater, mehr als ein Jahrtausend vor Friedrich, gelesen zu haben: ‚Liebe und tu, was du willst.‘ Der unheilige Nietzsche und der heilige Augustinus? Nicht doch? Oder vielleicht gerade doch? Immerhin steht bei Nietzsche in der ‚Fröhlichen Wissenschaft‘ auch: ‚Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht — und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!‘.

Über hundert Jahre nach dem Tod des Denkers dauert die Fahrt mit der Eisenbahn auf seinen Spuren immer noch gut eine Stunde von Milano Centrale nach Como, dann mehr als zwei Stunden mit dem Schiff nach Colico am oberen Ende des Lario oder Lag de Comm, wie der See lokal genannt wird, eine weitere halbe Stunde mit dem Bummelzug nach Chiavenna und schließlich etwa achtzig Minuten mit dem Postauto für die letzten vierzig Kilometer durch das Bergell, und kriechend den Malojapass hinauf, hoch ins Engadin nach Sils.

„Schnelligkeit und mit ihr die Zeit ist eine durch und durch relative Angelegenheit.“, erklärte der ältere, elegant gekleidete Herr dem gut fünfzehnjährigen Mädchen, das gerade heranwuchs, um schnell eine junge Frau zu werden, im Zug nach Como. Vertieft in ihr Comicheft zeigte sie keinerlei Reaktion.

„Nietzsche hat für diese Reise sicher einen langen Tag gebraucht“, fuhr er unbeirrt fort, „wenn nicht mehr, obschon die Eisenbahn damals nicht viel langsamer unterwegs gewesen sein kann als heute - auf diesen Strecken hier in Norditalien jedenfalls. Aber dann sein Dampfschiff und erst sein Postwagen durch das enge Tal von Chiavenna den Malojapass hoch - du wirst schon noch sehen - sind bestimmt nur viel, viel langsamer vorwärtsgekommen.“

„Mit dem Flugzeug wären wir aber im Nu dort oben gewesen. Im Winter sind wir doch auch schon nach Samedan geflogen“, meinte die Fünfzehnjährige und gähnte.

„Das ist zwar richtig, entspräche aber nicht dem Sinn unserer Reise. Dieses Mal will ich dir das Engadin möglichst so zeigen, wie es Nietzsche wahrscheinlich erlebt hat. Außerdem bleibt genügend Zeit, bis wir in Venedig deine Mutter wieder treffen werden. Hannahs astrophysikalischer Kongress in Bologna dauert die ganze Woche.“

Die junge Frau fächelte sich Wind ins Gesicht. Der Sommertag war brennend heiß, und die Luft im Bahnwagen schwül und stickig. Schon auf dem Bahnsteig in Mailand war das Paar aus der wuselnden Masse der Reisenden und Touristen herausgestochen. Er in einem graubeigen, nur ganz leicht zerknitterten Leinenanzug und Panamahut. Sie mit Schlapphut, Converse Sneakers, hellblauen Minishorts, einem armfreien dunklen Oberteil, das Schultern und Hals betonte, und einem riesigen, lose um die Hüfte geschlungenen blau karierten Hemd. Man suchte unwillkürlich nach dem Gucci-Täschchen, stieß indes auf eine bauchige hellbraune Ledertasche und ihr zu Füßen auf einen Lederkoffer mittlerer Größe der gleichen Machart. Beide trugen Sonnenbrillen, die es erlaubten, überall hinzuschauen, ohne dabei beobachtet zu werden. Jetzt im Abteil des Waggons erster Klasse warf sie einen herausfordernden Blick auf ihr Gegenüber, und in der schwülen Atmosphäre des Tages und angesichts ihrer Vertrautheit hätte manch ein Beobachter möglicherweise an ‚Lolita‘ gedacht, bevor er das weitere Gespräch mitbekam, das ganz und gar nicht zu einem ‚Humbert Humbert‘ passte.

„Du bist jetzt alt genug, um etwas mehr über den Denker zu erfahren, der mich seit Jahrzehnten beschäftigt, und mit dem die Welt bis heute nicht zurande kommt.“

Luna dehnte die noch junge Brust, wie um den letzten Rest an Schläfrigkeit abzuschütteln, und sagte: „Ok. Wenn man es so sieht. - Ich mag dich ja, auch wenn du mir ab und zu schon ziemlich alt vorkommst.“ Erst jetzt legte sie die Bildgeschichte zur Seite.

Der Vater lachte. „Ganz schön keck, meine Kleine. Aber das war Nietzsche auch, und ich werde im Alter komischerweise auch wieder mutiger. Im Übrigen bin ich nur knapp fünfzig Jahre älter als du, weit weniger als ein Wimpernschlag im Universum deiner Mutter und nur ein paar Kehren im Leben, wie du noch früh genug erfahren wirst.“

Die Teenagerin schaute gleich viel munterer in die Welt.

„War Nietzsche eigentlich auch einmal mit seiner Freundin Lou dort oben, von der du mir immer wieder erzählt hast?“

„Nein, zumindest ist nichts davon bekannt. 1882 hat er vielmehr einen Sommeraufenthalt in Sils verpasst, weil er der um fast siebzehn Jahre jüngeren Lou Salomé - sie war damals noch nicht mit Andreas verheiratet - am Rockzipfel hing und Lou im Kreis seiner Familie in Naumburg überzeugen wollte, in die Ehe mit ihm einzuwilligen.“

„Was diese Wonder Woman mit der Peitsche in der Hand natürlich nicht wollte.“

„Ah, das Foto der ‚Dreieinigkeit‘ kennst du? Die Domina Lou, die Nietzsche und seinen Freund - und Rivalen - Paul Rey vor den Leiterkarren gespannt hat und mit der Peitsche antreibt.“

„Selbstverständlich. Ich habe dein Steckenpferd doch schon ein-, zweimal gegoogelt.“

„Solche Bilder, eigentlich alle Bilder, sind nicht selten eine trügerische Sache. Sie geben lediglich einen Augenblick wieder - vielleicht einen momentanen Einfall - und schreiben diesen dann über Jahrzehnte hinweg fest, als ob er zum innersten Wesen der Abgebildeten gehörte. Du solltest daher mit deinem eigenen Bild immer äußerst vorsichtig umgehen.“

„Ja doch, Papa. Ich weiß. – Nicht zu viel Privates ins Netz. Eine meiner Freundinnen hat ihrem Freund ein harmloses Selfie aus ihren Sommerferien am Meer zugeschickt, mit etwas viel nackter Haut. Der Depp hat es überall herumgezeigt, als ob es auf dem Bild nicht um ihr lachendes Gesicht gegangen wäre. Und jetzt wird sie schon überall eine Schlampe geschimpft, obschon sie das wirklich nicht ist.“

„Genau. Du hast verstanden. - Das Bild der ‚Dreieinigkeit‘ - den Namen hatte Lou erfunden, um die besondere geistige Nähe oder, wenn du willst, Seelenverwandtschaft auszudrücken, die sie zwischen den beiden Männern und sich selbst feststellte, nachdem sie sich in Rom getroffen hatten - ist auf der Durchreise gegen Norden in Luzern entstanden. Es ist selbstverständlich eine ausgeklügelte Inszenierung und spielt auf die Mär von Aristoteles und Phyllis an.“

„Huch. Jetzt bringst du auch noch diesen alten Philosophen ins Spiel.“

„Keine Sorge, meine Dame. Die Geschichte um die schöne, jugendliche Phyllis, die den weißbärtigen Weisen aus Rache und zur Strafe sattelte und durch den Garten ritt, weil der ihre Liebe zum Prinzen zerstört und sich selbst in Phyllis verguckt hatte, ist ein mittelalterliches Gleichnis der ‚Weiberlist‘. Es geht um die Klugheit der Frau, vor der sich die Männer in Acht nehmen sollten, und hat mit dem historischen Griechen Aristoteles wenig zu tun. Es zeigt die totale Ambivalenz - will sagen, den doppeldeutigen Wert, die Zwiespältigkeit - des Zustandes des Verliebtseins.“

„Aber ist es nicht einfach nur schön, verbliebt zu sein?“

„Nicht nur, wie du vielleicht bald erfahren wirst und das Bild eben zeigt. - Die lachhaft lakonische Wiederkehr der Mär von Aristoteles und Phyllis im Zeichen einer zerstörerischen Flut der Gefühle, von Liebe, Schmerz und Lust an der Rache. So etwas wie der Siegeszug der zugleich gebieterischen und unterwürfigen Liebe über die Vernunft und den Verstand. - Manche Sprachen gebrauchen ein und dasselbe Wort für Liebe und Schmerz.“

„Langsam Papa! Jetzt hebst du wieder einmal ab.“

Den Vorwurf hörte der Vater wohl nicht zum ersten Mal. Er schwieg einen Moment lang, dachte nach und sagte dann: „Es ist doch wie bei deiner Wonder Woman im Comic. Jedenfalls ähnlich, nicht wahr?“

„Keine Ahnung. Die ist emanzipiert! Wonder Woman befreit sich immer wieder aus den Fesseln und bricht auf zu neuen Großtaten.“

„Also in etwa wie Lou Andreas-Salomé. Die ‚Dreieinigkeit‘ war auch ein Entwurf für ein selbstbestimmtes Leben jenseits aller damals geltenden gesellschaftlichen Konventionen.“

„Nietzsches Frauenbild ist aber schon irgendwie verdreht, oder? Soll er nicht auch gesagt haben: ‚Wenn du zu einer Frau gehst, vergiss die Peitsche nicht‘?“

„Ja und nein, in seinem Werk ‚Also sprach Zarathustra‘ steht so was Ähnliches. Das wäre dann das umgekehrte, umgestülpte Bild zur Phyllis oder zur ‚Dreieinigkeit‘ mit der Peitsche in der Hand der Frau. Tatsächlich gibt in der Geschichte ein altes Weiblein Zarathustra einen Ratschlag, nachdem er sie danach gefragt hat. „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“, ist die kleine Wahrheit, die ihm das Weiblein daraufhin anvertraut. Diese Worte kommen demnach nicht aus dem Mund des Philosophen, nicht einmal aus dem Munde Zarathustras.“

„Okay. Aber meine Lehrerin würde Nietzsche trotzdem für einen Frauenhasser halten und finden, das gehe nun mal gar nicht.“

„Da hat sie recht. Das ginge gar nicht“, sagte der Vater lächelnd. „Aber du könntest deiner Lehrerin zu bedenken geben, dass es vielleicht in Wirklichkeit etwas komplizierter ist. An anderen Stellen äußert sich Nietzsche sehr zuvorkommend über die Frauen. Und von Lou oder Wonder Woman würdest du auch nicht behaupten, sie hassten die Männer, weil sie über deren Köpfen die Peitsche schwingen. Oder?“

„Schon. Das alles klingt jetzt aber ziemlich widersprüchlich für mich.“

„Genau Luna. Darauf wollte ich hinaus. Bei Dichtern und Denkern - insbesondere den aphoristischen, geistreichen, die sich oft in Sprachbildern äußern - muss man sehr genau hinschauen, bevor man ihre Ideen beurteilt und auf etwas festlegt. Über das Frauenbild bei Nietzsche sind Bücher geschrieben worden und es kommen bestimmt noch weitere dazu. Immerhin so viel zum Inhalt solltest du noch wissen: Im kleinen Kapitel, in dem der anrüchige Satz steht, geht es um das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, Sex und Liebe. Hinderliche Begierden und Wege zur Selbstermächtigung, um für den Übermenschen Platz zu schaffen. Dabei steht die Peitsche wohl als Symbol für die notwendige Selbstüberwindung.“

„Das ist mir jetzt, glaube ich, zu anstrengend. Da mache ich mir doch lieber meine eigenen Gedanken oder blättere in Comics.“ Sie zog etwas übertrieben eine Grimasse und griff nach der Bildgeschichte auf dem Sitz neben ihr.

Der Vater lachte. „Da bist du jetzt schon ganz bei Nietzsche, Luna. Er war ein außergewöhnlich eigenständiger Denker und hätte vielleicht in diese experimentelle Partnerschaft platonischer Art zu dritt eingewilligt, wäre da nicht Verschiedenes dazwischengekommen. Möglicherweise hatte er sich aber auch gerade deshalb so in Lou verliebt, weil sie ihm Widerstand bot und geistreich widersprochen hat. Widersprüche sind oft das Salz in unserem Leben.“

Obschon mit den Augen im Comic schien Luna mit den Ohren weiter halb zuzuhören.

“Wir kommen gleich in Como an“, fuhr der Herr fort, um ihre Aufmerksamkeit zu erheischen. „Zum Thema Widerspruch will ich dir noch eine kleine Anekdote erzählen vom ersten Treffen zwischen Lou und Friedrich, das übrigens von Paul Rée, dem späteren Rivalen, in der Peterskirche in Rom arrangiert worden war. Nietzsche soll Lou gefragt haben: ‚Von welchem Stern bist du mir zugefallen?‘ Worauf Lou antwortete: ‚Ich bin von Zürich mit dem Zug gekommen.‘ - Köstlich, nicht wahr?“