Die Hoffnung einer neuen Welt - Jean Plaidy - E-Book

Die Hoffnung einer neuen Welt E-Book

Jean Plaidy

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Beschreibung

Das Schicksal war hart zu hier – aber ihr Überlebenswille ist stärker England, Ende des 18. Jahrhundert: Allein und ungeliebt wächst die junge Carolan Haredon bei Ihrem tyrannischen Stiefvater auf. Als sie zu einer schönen Frau herangewachsenen ist, entflieht sie endlich ihrem tristen Leben, um bei ihrer Mutter Kitty und deren Geliebten in London zu leben – doch als dieser in dunkle Geschäfte verwickelt wird, finden beide Frauen sich plötzlich auf einem Gefangenenschiff Richtung Australien wieder. Als Sträfling ist Carolan gezwungen, im Haus der schwedisch-britischen Familie Masterman zu arbeiten, doch der Hausherr Gunnar hat ein gutes Herz – welches er schon bald an die schöne Engländerin verliert. Carolan ist hin- und hergerissen zwischen den zarten Gefühlen, die sie für den verheirateten Mann empfindet und ihrer Sehnsucht nach einer Freiheit, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet …  Ein packender Australienroman mit einer außergewöhnlich starken Heldin – für alle Fans von Ulrike Renk und Patricia Shaw.

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Seitenzahl: 816

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

England, Ende des 18. Jahrhundert: Allein und ungeliebt wächst die junge Carolan Haredon bei Ihrem tyrannischen Stiefvater auf. Als sie zu einer schönen Frau herangewachsenen ist, entflieht sie endlich ihrem tristen Leben, um bei ihrer Mutter Kitty und deren Geliebten in London zu leben – doch als dieser in dunkle Geschäfte verwickelt wird, finden beide Frauen sich plötzlich auf einem Gefangenenschiff Richtung Australien wieder. Als Sträfling ist Carolan gezwungen, im Haus der schwedisch-britischen Familie Masterman zu arbeiten, doch der Hausherr Gunnar hat ein gutes Herz – welches er schon bald an die schöne Engländerin verliert. Carolan ist hin- und hergerissen zwischen den zarten Gefühlen, die sie für den verheirateten Mann empfindet und ihrer Sehnsucht nach einer Freiheit, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet …

eBook-Neuausgabe August 2025

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1947 unter dem Originaltitel »BEYOND THE BLUE MOUNTAINS« bei D. Appleton-Century Co., New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Jenseits der Berge« im Wilhelm Heyne Verlag

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1948,1964 by Jean Plaidy

Copyright © der deutschen Erstausgabe Ausgabe 1999

by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Motives von © Keitma /Adobe Stock, Robert Wilkinson Map of Asia and Australia, 1794, sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: IGP (ma)

 

ISBN 978-3-98952-881-9

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Jean Plaidy

Die Hoffnung einer neuen Welt

Roman

Aus dem Englischen von Inge Wehrmann

 

dotbooks.

KITTY KENNEDY

Kapitel 1

 

Es war brütend heiß in der Postkutsche. Die Junisonne schien gnadenlos und brannte die Erde zu trockenem Staub, der die Hecken bedeckte, ins Innere der Kutsche drang, die Reisenden zum Husten brachte und ihre Augen schmerzen ließ. In Brentford hatten sie gut gegessen und getrunken. Als sie nun die Staines-Brücke überquerten, waren sie bereits wieder durstig, verdrießlich und schläfrig. Die harten Sitze, das Rütteln der Kutsche und die quälende Langeweile einer Reise, die noch mindestens vier Tage dauern würde, all dies zerrte an ihren Nerven. Außerdem dachten sie nicht ohne Furcht an die Heide von Bagshot, die sie hofften, bei Tageslicht durchqueren zu können. Heimlich beteten sie darum, daß sie diesen Teil der Reise ohne Schaden überstehen würden.

Der Kaufmann in der Ecke der Kutsche begann zu schnarchen, auch seine Frau nickte ein. Eine Matrone in den mittleren Jahren hielt unnötigerweise ein wachsames Auge auf ihre beiden Töchter, die beide auf die dreißig zugingen. Mit ihren mausfarbenen Haaren und den pickeligen, pockennarbigen Gesichtern sahen sie eher so aus, als würden sie sich für einen Angriff auf ihre Tugend bereithalten. Darüber schienen sich das siebzehnjährige Mädchen mit dem großen Strohhut und der achtzehnjährige junge Mann mit der Ledertasche auf den Knien köstlich zu amüsieren.

Sie behielten einander im Auge, diese beiden, seit er in Kensington in die Kutsche gestiegen war. Er saß ihr gegenüber; die ganze Zeit hatte er versucht, einen Blick von ihr zu erhaschen, aber immer wenn er in ihre Richtung schaute, wurde ihr hübsches ovales Gesicht von der Krempe ihres Hutes verdeckt. Sie trug elegante Kleidung und machte einen naiven und zugleich erfahrenen Eindruck, was er ganz bezaubernd fand. Wer war sie? Warum reiste sie allein? Wie konnte ihre Familie das nur erlauben? Dies befremdete und reizte ihn gleichzeitig.

Ihr blondes Haar hatte die Farbe reifen Weizens, und wenn die Sonne darauf schien, schimmerte es golden. Er hatte ihre Augen noch nicht gesehen; dieser lächerliche Hut versteckte sie jedes Mal, wenn er versuchte, sie direkt anzuschauen. Ihr Kinn zierte ein entzückendes Grübchen. Ihr Mund war wunderschön, der Zug darum ein wenig furchtsam und doch auch bestimmt. Die vollen Lippen wirkten sinnlich und dennoch kindlich. Sie war ein sehr attraktives junges Ding, und sie war allein! Ihm selbst war es ein wenig abenteuerlich erschienen, sein Zuhause, das er mit seinem Onkel Gregory in einer kleinen Stadt in der Nähe von Exeter teilte, zu verlassen, um seinen Onkel Simon in Lincolns Inn zu besuchen. Das war ein Abenteuer für einen kühnen jungen Mann. Wieviel abenteuerlicher war es erst für eine wunderschöne junge Dame! Er betrachtete sie von oben bis unten. Ihr langer grüner Umhang hüllte beinahe ihren ganzen Körper ein, aber er konnte das gestreifte Popelinekleid sehen, das sie trug und das unterhalb ihrer schlanken Taille von einem fröhlich bunten Petticoat gebauscht wurde. Wer war sie? Er war entschlossen, es herauszufinden.

Der Kaufmann wurde plötzlich durch sein eigenes lautes Schnarchen geweckt. Vorwurfsvoll sah er seine Frau an, als ob sie schuld sei an dieser Störung. Sie wirkte sanftmütig, beinahe unterwürfig und schien es seit Jahrzehnten gewohnt zu sein, jeden seiner Vorwürfe demütig auf sich zu nehmen.

Jetzt fing er an, eine Unterhaltung mit den anderen zu suchen. Er war ein geschwätziger Mann und setzte wohl voraus, daß alle Menschen ihm die gleiche Ehrfurcht erwiesen wie seine Frau.

»Kriege! Kriege!« rief er aus. »Kriege wird es geben, solange Menschen da sind, die sie führen!«

Erwartungsvoll blickte er Darrell Grey an, den jungen Mann mit der Ledertasche, und Darrell antwortete, daß es immer Reibereien zwischen den Nationen gebe; allerdings galt seine Aufmerksamkeit auch weiterhin der jungen Dame, die ihm gegenübersaß.

»Krieg gegen Amerika!« fuhr der Kaufmann fort. »Krieg gegen Spanien!« Redegewandt zählte er die Ereignisse des vergangenen Jahres auf. »Es stimmt, Rodney hat die Franzosen in die Flucht geschlagen, aber was ist mit den Amerikanern und ihrer Unabhängigkeit ...?«

Einen kurzen Augenblick berührten Darrell Greys Knie den grünen Umhang, woraufhin der Hals und das Gesicht seines Gegenübers sich mit einer flammenden Röte überzogen.

»Der Krieg ist in der Tat eine entsetzliche Sache, Sir«, meinte die Matrone. »Nun, ich kann Euch versichern, wären diese Kriege nicht gewesen, wären meine beiden Töchter längst verheiratet. Beide waren sie verlobt mit Marineangehörigen von Rang und Namen. Ich werde nicht sagen, wie sie hießen – aber es waren große Namen! Gute Namen! Und beide sind in einer Seeschlacht gefallen! Oh, Sir, mir braucht niemand etwas von den Schrecken des Krieges zu erzählen, ich kenne sie!« Sie wandte sich an die Frau des Kaufmanns. »Habt Ihr Töchter?« wollte sie wissen, aber die Dame schüttelte nur stumm den Kopf, als wolle sie sagen: »Hört Ihr denn nicht, daß er spricht? Wie könnt Ihr ihn unterbrechen?« Die Matrone war jedoch so überzeugt von ihrer eigenen Bedeutung, daß sie sich nicht um die des Kaufmanns scherte. »Es ist gut, Töchter zu haben, wenn sie einem Ehre machen!« rief sie.

Die Kutsche machte einen plötzlichen Ruck. Das Mädchen mit dem Popelinekleid wurde nach vorn geworfen, und Darrell streckte seine Arme aus, um sie aufzufangen. Eine Sekunde lang berührten seine Hände ihre Schultern. Sie lächelte, und er konnte sehen, daß ihre Augen blau waren und ihre Wimpern so golden wie ihr Haar.

»Entschuldigung«, sagte sie.

»Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen«, antwortete er. »Fahrt Ihr bis zur letzten Station mit dieser Kutsche?«

»Ja.«

»Und danach?«

»Ich werde von meiner Tante oder vielleicht von ihren Bediensteten abgeholt.«

Er lehnte sich in seinen Sitz zurück. Sie reiste allein, aber es war nicht einfach, an sie heranzukommen. Nun, er konnte warten. Sie hatten den ganzen Weg nach Exeter vor sich, und Exeter war noch etwa vier Tagesreisen entfernt.

Plötzlich hielt die Kutsche an. Die Matrone und ihre Töchter rückten näher zusammen. Der Kaufmann sah fluchend aus dem Fenster.

»Wir sind in einem Schlagloch steckengeblieben!« verkündete er. »Verdammt noch mal!« Seine Frau blickte unglücklich und schuldbewußt drein.

»Wenn wir hier lange aufgehalten werden, müssen wir womöglich im Dunkeln durch die Bagshot-Heide fahren«, sagte die ältere der beiden Töchter und zitterte.

»Jenseits der Heide soll es einen sehr guten Gasthof geben«, warf die Kaufmannsfrau furchtsam ein.

»Ich hätte schreckliche Angst, die Heide in der Dämmerung zu durchqueren«, flüsterte die zweite Tochter. »Diese Vagabunden schrecken heutzutage vor nichts zurück, sagt man.«

Das Mädchen im Popelinekleid blickte Darrell ängstlich an, und er lächelte ihr aufmunternd zu. Es wäre ihm gar nicht so unrecht, im Dunkeln durch die Heide fahren zu müssen. Er würde sich um sie kümmern, und sie würde ihm dann sehr dankbar sein.

»Ich hoffe sehr ...«, begann sie zu leise.

Er rückte ihr ein wenig näher und unterbrach sie: »Es sind gefährliche Burschen, aber Ihr braucht Euch nicht vor ihnen zu fürchten.«

»So ein Unsinn!« sagte die Matrone. »Was können solch schöne Worte gegen bewaffnete Männer ausrichten! Ich versichere Euch, daß die Bagshot-Heide das beliebteste Jagdrevier dieser Verbrecher ist.«

»Meine verehrte Dame«, entgegnete der Kaufmann, »offensichtlich kennt Ihr diesen Teil des Landes nicht sonderlich gut.«

Eine ältere Frau, die am Fenster saß, warf ein: »Man sagt, daß sie den Reisenden gemeine Fallen stellen.«

»Das kann schon sein, Madam«, brummte der Kaufmann, »und sie vergessen niemals, die Passagiere um ihre Brieftaschen zu erleichtern, und sie sind schnell mit ihren Pistolen zur Hand.«

Eine der Töchter kreischte auf, und in diesem Moment fuhr die Kutsche wieder los. Daraufhin gab es ein wenig Gelächter, aber es wirkte unsicher. Eine Weile schwiegen alle. Die Sonne stand schon als roter Feuerball im Westen, als sie an den Rand der Heide kamen.

Darrell lehnte sich nach vorn, und der Strohhut hob sich eine Sekunde lang.

»Wie gut, daß wir so viele sind«, sagte sie leise. »Ich muß zugeben, daß ich sonst Angst hätte.«

Die Angst ließ sie ihre Reserviertheit vergessen. Sie lehnte sich zurück, und ihr Umhang öffnete sich ein wenig; so konnte er einen Blick auf eine schlanke Taille und einen wohlgerundeten jungen Busen unter gestreiftem Popelinestoff werfen.

»Wollt Ihr jemanden besuchen?« fragte Darrell.

»Nein.«

»Dann werdet Ihr also dort bleiben ... in der Nähe von Exeter?«

Sie nickte. Jegliche Koketterie war aus ihrem Blick verschwunden. Ihr Mund wirkte ängstlich wie der eines Kindes. Er fand sie bezaubernd.

»Das ist gut«, sagte er.

»Wieso ist das gut?«

»Weil ich zu meinem Zuhause bei Exeter zurückkehre.

Vielleicht wohnt Ihr dann ja in meiner Nähe.«

»Vielleicht.« Sie wandte ihren Kopf zur Seite, und er sah ihr mädchenhaftes Profil und ihren sanft geschwungenen fraulichen Hals; sicher würde ihre Sinnlichkeit bald erwachen.

Wo fuhr sie wohl hin? fragte er sich. Wer war sie? Sie könnte eine junge Adlige sein. Oder war sie vielleicht eine Kammerzofe? Er überlegte, wer in der Nachbarschaft eine Kammerzofe beschäftigen würde. Die Einzige, die jemals eine Zofe gehabt hatte, war, soweit er wußte, die Frau des Squire, und die war vor zwei Jahren gestorben. Etwas Geheimnisvolles umgab die junge Dame. War sie noch ein unschuldiges Mädchen, oder hatte sie schon Erfahrungen? War sie eine Adlige oder eine Bedienstete, die Kleider von ihrer Herrin trug? Und warum reiste sie allein?

Er mußte es herausfinden, und hier in der Bagshot-Heide war der richtige Ort, sich mutig zu erweisen.

Er sagte: »Mein Onkel ist Rechtsanwalt. Ich arbeite mit ihm zusammen.«

»Habt Ihr keine Eltern?«

Er schüttelte den Kopf. Seine Mutter wäre an den Pocken gestorben, als er fünf Jahre alt war, erzählte er ihr; woran sein Vater gestorben war, wußte er nicht.

»Mein Vater«, sagte sie mit niedlich gekrauster Nase, »starb vor langer Zeit. Ich habe ihn nicht gekannt. Meine Mutter?« Ihr Mund zitterte wieder. »Sie ist gerade gestorben ... ich weiß nicht, woran. Jetzt fahre ich zu meiner Tante Harriet, fünf Meilen von Exeter entfernt.«

»Eure Tante Harriet!« rief er aufgeregt. »Heißt Eure Tante etwa Miß Harriet Ramsdale?«

»Ja, genau die ist es.«

Er lachte höchst erfreut. Doch plötzlich machte er sich Sorgen. Harriet Ramsdale war also die Tante dieses charmanten Wesens! Das war kaum zu glauben. Und sie sollte bei ihr wohnen? Er war erfreut und gleichzeitig bestürzt.

»Ihr Haus ist nur ein paar Meilen von dem meines Onkels entfernt. Wir werden uns wiedersehen, hoffe ich.«

»Wie schön, daß ich schon einen Nachbarn kennengelernt habe«, meinte sie schüchtern.

»Mich freut es sehr!« antwortete er begeistert.

Nun, jetzt wußte er Bescheid. Harriet Ramsdale setzte ihre Nichte also lieber den Gefahren einer einsamen Reise aus, als das Geld auszugeben, um sie abzuholen. Er wurde von Zärtlichkeit erfüllt. Armes kleines Mädchen! Mit Harriet Ramsdale unter einem Dach wohnen zu müssen!

»Wenn Ihr meine Tante kennt«, sagte sie eifrig, »dann könnt Ihr mir vielleicht etwas von dem Leben erzählen, das nun vor mir liegt.«

Er antwortete mit einer Frage: »Wollt Ihr mir sagen, wie Ihr heißt?«

»Kitty Kennedy.«

»Und ich heiße Darrell Grey.«

Ihre Augen mit den langen goldenen Wimpern schlossen sich für eine Sekunde. Es faszinierte ihn, wie sie kokettierte und gleichzeitig wie ein ängstliches Kind wirkte.

»Ich ... freue mich, daß wir uns kennengelernt haben«, wiederholte er.

»Werdet Ihr meine Tante besuchen?«

Er lächelte bei der Vorstellung, Harriet Ramsdale zu besuchen.

»Wir werden uns sehen – seid dessen versichert!«

Sie schwiegen, nicht weil sie sich nichts zu sagen gehabt hätten, sondern weil sie über so vieles reden wollten und nicht wußten, wie beginnen.

Inzwischen hatten sie die Heide hinter sich gelassen, und die Passagiere redeten nicht mehr über die Schrecken der Straße, sie redeten über Gasthöfe. Und dann redeten sie über den Krieg und über den unsicheren Frieden.

Als sie in den Hof der Herberge fuhren, war die Sonne gerade untergegangen.

Kapitel 2

 

Kitty war zu aufgeregt, um in dieser Nacht viel zu schlafen. Die Niedergeschlagenheit der letzten Wochen war plötzlich wie weggeblasen; das Leben schien am Ende doch nicht so trostlos zu sein. Sie hatte eine gewisse Vorstellung von dem Leben, das sie im Hause ihrer Tante Harriet erwartete. Ihre Mutter – fröhlich, attraktiv, klug und schön – hatte ihr von ihrer Schwester erzählt. »Ach Kitty! Fast zwanzig Jahre ist es her, seit ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Aber ich kann mir gut vorstellen, was zwanzig Jahre aus der armen Harry gemacht haben!« Dabei hatte sie ihre Lippen geschürzt und mißbilligend dreingesehen, und ihr Gesicht war plötzlich das einer anderen Frau, einer ernsten, mißmutigen Frau. »Harriet war immer brav; sie war Vaters Tochter. Ich war ganz Mutters Tochter.«

Kitty wußte, daß ihre Mutter aus dem Landpfarrhaus geflohen war. Die Atmosphäre dort hatte sie erstickt. Morgengebete. Andachten. Kein Gelächter. Kein Gesang. Keine Schauspielerei. Und ihre Mutter liebte das Theater doch so sehr! Wie lebhaft sie von zu Hause erzählt hatte! Kitty konnte sich ein Bild machen von dem grauen Steinhaus in Devon mit seinen efeubewachsenen Wänden. Sie sah den Kirchturm daneben vor sich, genau wie den Friedhof am Ende des Gartens, der ihrer Mutter als kleines Mädchen immer so viel Angst gemacht hatte. Das war vor so vielen Jahren gewesen. Nun, Mutter hatte das Haus zwanzig Jahre lang nicht gesehen, das mußte also etwa 1763 gewesen sein, als ein anderer Krieg gerade vorüber war. Kitty konnte es sich genau vorstellen, wie sie dort aufgewachsen war, wie sie schließlich keine Angst mehr vor den grauen Grabsteinen gehabt hatte, wie sie auf dem Friedhof spielte mit dem Sohn von Squire Haredon, der genauso wild, verwegen und hochmütig war wie ihre Mutter selbst. Sie konnte das Eßzimmer des Pfarrhauses mit den großen Fenstern in seiner ordentlichen Reinlichkeit vor sich sehen. Die Familie versammelte sich dort zum morgendlichen Gebet. An einem Ende des Tisches saßen die Dienstmädchen mit ihren gestärkten Häubchen, und am anderen Ende thronte Großmutter Ramsdale, die wunderschön war wie ein prächtiger Vogel, eingesperrt in einen Käfig; daneben Großvater Ramsdale, ernst und gottesfürchtig. Jeffry, der Älteste, und Mutter, die Jüngste, waren beide Großmutter Ramsdale nachgeschlagen, aber Harriet, die Mittlere, fühlte sich ganz als Tochter ihres Vaters. Mutter, ihr Bruder und der Sohn des Squire heckten immer irgendetwas aus, um die arme Harriet zu ärgern. Einem einzigen verrückten Augenblick hatte Großvater Ramsdale seine äußerst unpassende Verbindung mit Großmutter Ramsdale, der Tochter eines Schmieds, zu verdanken. Sie hatte ihn bedrängt und schließlich verführt, so daß er letzten Endes, fromm wie er war, nicht anders konnte, als sie zu heiraten.

Kitty hatte eine Miniatur von Großmutter Ramsdale gesehen; dieses hübsche, schmale Gesicht, dieses schöne blonde Haar, diese eigensinnigen Augen und dieser leidenschaftliche Mund, der sie an ihren eigenen und den ihrer Mutter erinnerte. Da war es ihr nicht mehr so unverständlich, daß sogar ein Mann wie Großvater Ramsdale zur Ehe gedrängt werden konnte. Eine außergewöhnliche Ehe mußte es gewesen sein. Es war ihr nicht möglich, das Landpfarrhaus zu ertragen, und sobald ihre jüngste Tochter laufen und ihre Kleider zuknöpfen konnte, fühlte sie sich wie eine Vogelmutter, die ihren Jungen das Fliegen beigebracht hat, nicht länger an ihr Nest gebunden; sie ging auf und davon mit einem jungen Lord, der durch Exeter reiste und den sie bedrängte, wie sie einst den Pfarrer bedrängt hatte. Niemand hörte jemals wieder etwas von ihr. So wuchsen die Kinder in einer schwermütigen, gottesfürchtigen Atmosphäre auf. Sie wurden gnadenlos von ihrem Vater durchgeprügelt, der fürchtete, daß sein Sohn und seine jüngste Tochter das Blut ihrer Mutter geerbt hätten. Um sein Lieblingskind Harriet hatte er keine Angst. Sie war seine Tochter. Und seine Befürchtungen waren durchaus berechtigt, denn mit achtzehn Jahren ging Jeffry nach Oxford, und innerhalb eines Jahres hatte er sich so tief verschuldet, daß man im Pfarrhaus jahrelang knausern mußte, um ihn auszulösen; in seinem letzten Lebensjahr wurde er schließlich bei einem Streit in einer Schenke getötet. Und Bess, Kittys Mutter, war herangewachsen und sah genauso aus wie die Tochter des Schmieds. Ihre Haare und ihre Haut waren ebenso hell, ihr Mund ebenso sinnlich und ihre Augen ebenso lustig wie die ihrer Mutter. Man hatte eine Heirat mit George Haredon für sie arrangiert, aber als eine Gruppe von Schauspielern nach Exeter kam, darunter ein gewisser Peter Kennedy, ging Bess mit ihnen auf und davon.

Oft erzählte sie diese Geschichte, während sie auf dem Kanapee lag, ihr langes blondes Haar über ihre Schultern fiel und unter ihrem offenen Morgenmantel ihre überreifen Reize zum Vorschein kamen.

»Armer Peter! Ich betete ihn an, wie er auf der Bühne herumstolzierte mit seinem roten Umhang und seinem Schnurrbart! Aber Kit, mein Schätzchen, damals war ich eben noch ein dummes Mädchen vom Lande; schnell sah ich den Fehler ein, den ich gemacht hatte. Sollte ich etwa mein ganzes Leben mit einer herumziehenden Schauspieltruppe verbringen? Doch ehe ich mich versah, warst du auch schon unterwegs; ich war nicht unglücklich darüber, ich habe niemals etwas bereut. Und sobald ich dich zum ersten Mal gesehen hatte, konnte ich Peter nie mehr böse sein. Ja, meine Kleine, im Leben darf man nicht zurückblicken und traurig sein; man muß immer versuchen, das Beste aus allem zu machen. Und genau das tat ich. Nach Peter hatte ich Toby und danach meinen Lord James. Es ist ein gutes Leben gewesen, und wir haben es weiß Gott genossen, stimmt’s?«

Sie hatten das Leben genossen. Stets gab es reichlich zu essen und schöne Kleider zum Anziehen. Sie brauchten niemals zu sparen. Mit den Jahren wurde Bess molliger und reifer, und Sir Henry nahm den Platz von Lord James ein, und auf diese Weise ging es immer weiter. Sie besaßen ein hübsches kleines Haus, ein oder zwei Dienstmädchen, und die vielen netten, gutgestellten Herren, die bei ihnen ein und aus gingen, hatten stets ein freundliches Wort für Kitty. Sie besuchte eine Schule für junge Damen, wo man ein wenig Lesen und Schreiben, etwas Französisch und feine Stickerei lernte. Ab und an gab es ein paar unschöne Vorkommnisse, einen Blick, eine Geste, eine verächtliche Bemerkung über ihre Mutter. Kitty störte das nicht im Geringsten; sie bemerkte derartige Dinge überhaupt nicht. Tatsächlich war sie eine modernere Ausgabe ihrer Mutter und der Schmiedstochter; sie war freundlich, sanft und bereit, von einem stärkeren Willen geformt zu werden, und diese Eigenschaften, zusammen mit ihrer auffälligen körperlichen Schönheit, waren das Geheimnis ihrer Anziehungskraft auf jedes egoistische, selbstherrliche männliche Wesen. Ihr fester, starker, fehlerloser Körper und ihr fügsames Wesen stellte für die meisten Männer die lebendig gewordene weibliche Vollkommenheit dar. Dazu verfügte sie über die Gabe ihrer Mutter, immer nach vorn zu sehen und jegliche Reue für Vergangenes zu unterdrücken. Das alte Leben war nun vorüber; ein neues Leben, das ihre ernste Tante Harriet bestimmen würde, lag vor ihr. Diese Aussichten waren nicht gerade erfreulich, aber wie immer erwartete sie das Beste vom Leben, und schließlich hatte sie ja bereits hier auf ihrer Reise nach Westen einen jungen Mann getroffen, dessen Bewunderung sie erregte, dessen gutes Aussehen und hervorragendes Benehmen nichts zu wünschen übrig ließen und der ganz in der Nähe ihres neuen Zuhauses wohnte.

Ihre Mutter hatte gespürt, daß sie bald sterben würde. Eine gewisse Atemlosigkeit, eine hochrote Gesichtsfarbe, Ohnmachtsanfälle: Dies waren die Vorboten des Todes. Die Ärzte und Apotheker konnten sie nicht retten; vielleicht wollte sie auch gar nicht geheilt werden. Sie war achtunddreißig Jahre alt, und das schien ihr nicht mehr besonders jung. Sie hatte ihr Leben gelebt, und sie hatte es genossen; jetzt war sie bereit abzutreten. Aber was sollte aus Kitty werden, die gerade an der Schwelle des Lebens stand und noch so viel zu lernen hatte? Bess, die sich niemals Sorgen um ihr eigenes Wohl gemacht hatte, sorgte sich plötzlich um ihre Tochter. Und plötzlich dachte sie ständig mit einer gewissen Ehrfurcht an das behütete Leben in einem Landpfarrhaus. Sehnsüchtig erinnerte sie sich an stille Kornfelder, an das glänzende Gold der Butterblumen in der Mittagssonne; sie dachte an baumgesäumte schattige Alleen, an Hausmannskost, Morgengebete und an strenge Aufsicht. Es lag eine gewisse Sicherheit in diesen Dingen. Zwar hatte sie nichts von ihrer Familie gehört, seit sie mit Peter Kennedy fortgegangen war, aber es kam ihr nicht in den Sinn, daß ihr altes Zuhause sich in irgendeiner Weise verändert haben könnte. So schickte sie einen Brief an ihre Schwester Harriet ins Pfarrhaus und wartete gespannt auf eine Antwort, während ihre Ohnmachtsanfälle immer häufiger wurden und sie immer verzweifelter nach Atem ringen mußte.

Die Antwort kam schließlich, aber nicht aus dem Pfarrhaus. Dort wäre jetzt ein neuer Pfarrer tätig, schrieb Harriet, denn ihr Vater war vor zehn Jahren gestorben. Harriet wohnte in ihrem eigenen Haus; erinnerte sich Bess an Oaklands? Das kleine Haus, nur einen Steinwurf vom Pfarrhaus und etwa eine Meile von Haredon entfernt? Harriet war zwar alles andere als reich, aber man konnte sich darauf verlassen, daß sie sich ihrer Pflicht bewußt war. Dieser Brief beschwor ein solch vertrautes Bild von Harriet herauf, daß Bess so herzhaft lachen mußte, bis sie stark zu husten begann und fast erstickte.

Dieselbe Harriet! Verbissen und tugendhaft, entschlossen, ihre Pflicht zu erfüllen. Wie wenig sie auch von Bess hielt, die Tochter von Bess war ihre Nichte, und solange sie, Harriet, lebte, war es eben ihre Pflicht, dafür zu sorgen, daß kein Familienmitglied zu hungern brauchte. Bess hätte es vorgezogen, noch ein paar Jahre länger zu leben, um ihre Tochter glücklich verheiratet und in sicheren Verhältnissen zu wissen. Aber das sollte nun mal nicht sein. Und wer konnte schließlich wissen, ob Kitty nicht an dem Ort, von dem sie selbst als junges Mädchen geflohen war, eine weitaus bessere Partie machen würde als in London? Ehrbarkeit zählte; und Harriet war die Ehrbarkeit in Person. Es kam durchaus vor, daß gutgestellte Herren Haredon besuchten, also begann Bess, sich selbst davon zu überzeugen, daß dies wahrscheinlich des Beste für Kittys Wohlergehen sein würde. Schließlich starb sie genauso fröhlich, wie sie gelebt hatte.

Und nun war Kitty also auf dem Weg zu ihrer Tante Harriet. Vielleicht war sie ein wenig besorgt, wenn sie an ihr neues Leben dachte, aber da sie ihrer Mutter so sehr glich, hielten ihre Sorgen sich in Grenzen. Nachdem sie eingeschlafen war, träumte sie nicht von ihrem verlorenen Leben in London oder von dem Leben, das nun vor ihr lag, sondern von Darrell Grey.

Kapitel 3

 

Drei weitere Tage waren vergangen, als sie in die schöne alte Stadt Salisbury kamen. Sie gähnten und schliefen, lachten und redeten, waren gereizt und fröhlich, schweigsam und geschwätzig, während sie an den Meilensteinen vorbeifuhren. Die Reise war für alle äußerst ermüdend, außer für Darrell und Kitty, die jeden Augenblick genossen. Sie freuten sich an den schattigen Alleen; sie fanden es abenteuerlich, in der Dämmerung über einsame Straßen und Wege zu fahren; sie waren voneinander bezaubert. Es war wie eine Entdeckungsreise; für Kitty war jede Stadt neu, die sie durchquerten; dabei gab es noch aufregendere Entdeckungen. Wie amüsant war es doch, etwas über Darrells Leben zu erfahren und von ihrem eigenen zu berichten. Er hatte von der Pfarrerstochter Bess gehört, die von zu Hause fortgelaufen war. Er hatte gehört, wie sehr Squire Haredon, ja, daß die halbe Nachbarschaft in sie verliebt gewesen war; dies überraschte ihn nicht, wenn sie ihrer Tochter auch nur ein klein wenig geähnelt hatte.

Die beiden wünschten, diese Reise würde niemals zu Ende gehen! Das Wetter war wunderschön, mit strahlendblauem Himmel und herrlichen Sonnenuntergängen. Sogar der geschwätzige Kaufmann und die mißmutige Matrone amüsierten sie. Zu Darrells Vergnügen imitierte Kitty die Mitreisenden, denn sie hatte dieses Talent von ihrer Mutter geerbt. Er hatte nie jemanden wie sie getroffen. Sie war ganz anders als die Landmädchen, die er kannte. Auch wenn sie nicht so verführerisch schön ausgesehen hätte, so wäre sie allein durch ihre Fröhlichkeit und ihre Lebhaftigkeit für ihn das charmanteste Mädchen gewesen, das ihm jemals begegnet war. Kitty war ihrerseits genauso begeistert von ihm. Er war ein kleines bißchen naiv, so voller Bewunderung, so darauf bedacht, den mutigen Schürzenjäger zu spielen und war doch so scheu und ein wenig schüchtern. Mit jeder Stunde verliebte er sich mehr und mehr in sie, und sie tat desgleichen in gebührendem Abstand. Es war eine wahrhaft bezaubernde Idylle, aber als sie Dorchester erreichten, änderte sich alles ein wenig.

Es war ein schöner Gasthof. Der Wirt kam heraus, um sie zu empfangen; sein ehrliches rotes Gesicht schien sie willkommen zu heißen. Er hatte genug freie Zimmer für alle. Ein offenes Feuer brannte im Kamin des Empfangsraums; überall roch es köstlich nach gebratenem Fleisch, und die Reisenden bekamen Appetit.

Ein Dienstmädchen zeigte Kitty ihr Zimmer, und als sie allein war, warf sie sich auf das Himmelbett. Die Reise hatte sie müde gemacht. Es war noch heißer als zuvor gewesen, und die Atmosphäre in der Kutsche hatte sie eingeschläfert. Sie sorgte sich auch ein wenig, da sie am kommenden Tag ihre Tante Harriet zum ersten Mal sehen würde. Abgesehen davon hatte sie bereits Pläne für ein Wiedersehen mit Darrell geschmiedet.

Von unten drang plötzlich das Geklapper von Hufen und das Geräusch von Kutschenrädern herauf. Noch mehr Gäste? Neugierig sprang Kitty aus dem Bett und riskierte einen heimlichen Blick aus dem Fenster. Es war eine elegante Kutsche, und die Pferde waren wunderschön. Der Wirt und die Stallknechte liefen aufgeregt um die Kutsche herum, es handelte sich also offensichtlich um eine bedeutende Persönlichkeit. Dann sah sie ihn ... ein großer, dicker Mann um die vierzig – mit einem roten Gesicht und mächtigen Schultern, gut gekleidet, jedoch eher nach ländlicher Mode. Er blickte finster drein und war offensichtlich wütend. Nun konnte sie den Grund dafür sehen; eines seiner Pferde lahmte. Er verfluchte seinen Kutscher, als ob es dessen Schuld wäre, er verfluchte die schlechten Straßen und die Dummköpfe, die seine Diener waren, er verfluchte alle, die um ihn herumstanden und ihn anstarrten.

»Bringt mir was zu trinken!« schrie er, und der Wirt rannte los, um ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Eine höchst unangenehme Person, dachte Kitty; eine abscheuliche Kreatur, noch dazu häßlich mit seinem roten Gesicht und seinen unflätigen Worten. Das Dienstmädchen, das Kitty ihr Zimmer gezeigt hatte, kam mit einem Glas Ale auf einem grünen Tablett heraus. Sie stellte sich vor den Mann, knickste ungeschickt und wartete mit niedergeschlagenen Augen, während er das Glas nahm. Er leerte es mit einem Zug, schimpfte über die schlechte Qualität und forderte ein weiteres Glas, und schnell sollte es gehen, es sei denn, sie wünschte seine Peitsche zu spüren. Das Mädchen beeilte sich, ihm zu gehorchen. Kitty zog sich angeekelt zurück. Niemals zuvor hatte sie so einen Mann gesehen. Er führte sich auf, als sei er der König in dieser kleinen Welt, verfügte aber durchaus nicht über die Manieren, die sie bei einem Mann voraussetzte. Die Männer, die bei ihrer Mutter zu Besuch gewesen waren, hatten sich stets tadellos aufgeführt. Er stampfte über den Hof, und als er die Tür des Gasthofs erreichte, erschien das Dienstmädchen mit einem frischen Glas Ale auf dem Tablett. Er trank es aus und leckte sich die Lippen. Sein Gesicht war noch immer rot vor Wut, aber an der Art und Weise, wie er nun dastand, konnte man erkennen, daß seine Wut bereits nachgelassen hatte. Kitty konnte oben seine Stimme hören.

»Oh! Das ist schon besser, stimmt’s, Moll?« Er packte das Mädchen grob an der Schulter, zog sie an sich und küßte sie geräuschvoll auf den Mund. Kitty hörte das Mädchen kichern und wandte sich vom Fenster ab. Sie hatte keine Lust mehr, noch länger auf ihrem Bett zu liegen und zu träumen. Nachdem man ihr heißes Wasser gebracht hatte, wusch sie sich und ging nach unten. Der verführerische Geruch von gebratenem Fleisch stieg ihr in die Nase und machte ihr Appetit, aber als sie gerade die Tür des Speisesaals öffnen wollte, kam die Wirtsfrau auf sie zugerannt.

»Madam, wenn Ihr bitte noch einen Moment im Salon warten wollt«, sagte sie aufgeregt.

»Ich dachte, das Essen wäre fertig ...«, sagte Kitty.

»Eure Reisegefährten sind im Salon. Wir werden euch Bescheid geben, sobald der Speiseraum frei ist.«

Man hörte das Geräusch eines Stuhls, der zurückgestoßen wurde. Eine Stimme brüllte: »Verdammt noch mal! Schließ die Tür!« Der Türgriff wurde aus Kittys Hand gerissen, und der Mann, den sie auf dem Hof gesehen hatte, stand vor ihr; er sah Kitty nicht sofort; wütend blickte er die Wirtsfrau an, und diese stammelte: »Die Passagiere der Postkutsche, Euer Ehren ...«

»Postkutschenpassagiere! Laß doch diesen Abschaum warten! Ich sage dir eins, ich setze mich nicht mit diesem Pack an einen Tisch!« Er hielt inne, denn nun hatte er Kitty entdeckt. »Aha!« fuhr er fort und wischte sich mit der Hand Soße vom Mund. »Wer ist diese Lady?«

Die Frau antwortete: »Die Lady kam heute abend mit der Postkutsche ... mit der Exeter-Kutsche, Euer Ehren.«

»Die Exeter-Postkutsche.« Seine Augen waren groß und braun. Vor zehn Jahren mußte er ein außergewöhnlich gutaussehender Mann gewesen sein. Plötzlich lachte er. »Die Lady wird mich für ungehobelt halten.« Er verbeugte sich vor Kitty. »Ihr mögt eintreten, Madam. Es soll mir eine Ehre sein, mit Euch zu speisen.«

Kitty betrachtete seine Hände; sie waren groß und die Handrücken mit dunklen Haaren bedeckt. Sie dachte daran, wie eine dieser Hände das nicht besonders scheue Dienstmädchen an sich gezogen hatte, und wich zurück in den dunklen Flur.

»Vielen Dank, aber ich reise nicht allein. Ich werde meine Reisegefährten rufen. Wir sind alle sehr hungrig.«

Im Salon schimpfte die Matrone wütend vor sich hin. »So etwas habe ich noch nie gehört! Wir müssen warten, weil irgendeine wichtige Persönlichkeit es vorzieht, allein und natürlich zuerst zu speisen. Er soll bloß wissen, daß auch ich in besseren Kreisen verkehrt habe! Muß eine Lady es sich gefallen lassen, daß man sie so beleidigt, nur weil sie wegen der schlechten Zeiten ihre Kutsche verkaufen mußte und nun gezwungen ist, mit der Postkutsche zu reisen ...?«

Kitty näherte sich Darrell. »Das Essen ist fertig«, sagte sie, und sie gingen alle in den Speisesaal.

Der Mann sah nicht auf, als sie hereinkamen. Er aß stur weiter. Ein Diener brachte den Braten herein und stellte ihn auf den Tisch; der Wirt erschien und begann sichtlich nervös das Fleisch zu schneiden.

Das gebratene Lamm war hervorragend, und eine Weile hörte man nichts als die Geräusche hungriger Esser. Der große Mann hatte seine Mahlzeit beendet; und jedes Mal, wenn Kitty aufsah, blickte er in ihre Richtung. Eine glühende Röte stieg ihr in die Wangen. Zuerst hielt sie ihren Blick gesenkt, aber sie konnte förmlich spüren, wie er sie ansah. Er jagte ihr schreckliche Angst ein, und plötzlich wurde ihr bewußt, wie gefährlich es sein konnte, allein und ohne Schutz auf eine so lange Reise zu gehen. Sie blickte zu Darrell hinüber. Wie gut er doch aussah mit seinem sanften, klugen Gesicht und seinen grauen Augen, die seine Liebe zu ihr widerspiegelten. Er war sehr schlank und sah fast zerbrechlich aus im Vergleich zu diesem arroganten, rotgesichtigen, furchterregenden Mann, der in seinen pompösen Kleidern allein an einem Tisch saß. Sie wagte noch einen Blick in seine Richtung. Er lächelte und versuchte, ihren Blick festzuhalten, aber sie wandte sich hochmütig ab.

»Das scheint ja ein grobschlächtiger Kerl zu sein«, flüsterte sie Darrell zu; »dieser Mann, der so eifrig von unserem Wirt bedient wird. Laß uns in den Salon gehen, ich werde mich dort besser fühlen.«

Sie gingen zurück in den Salon und nahmen auf einer Bank in der Fensternische Platz.

»Das ist Squire Haredon«, erklärte Darrell. »Offensichtlich ist er heute abend schrecklicher Laune.«

»Haredon! George Haredon?« Sie versuchte sich vorzustellen, wie ihre Mutter mit diesem rotgesichtigen Mann auf dem Friedhof gespielt hatte.

Darrell fuhr fort: »Er hat sich eben von seiner schlechtesten Seite gezeigt; er ist sehr verärgert. Sein Pferd lahmt, und er muß hier übernachten, statt nach Hause zu fahren, wie er es vorhatte. Er ist ein guter Squire, aber in seiner Wut kann er fürchterlich sein. Jedermann geht ihm aus dem Weg, wenn er wütend ist.«

»Ich mag ihn nicht, ob er nun wütend ist oder nicht«, sagte sie.

Die Tür öffnete sich, und der Squire betrat das Zimmer.

»Diese Gasthöfe sind vielleicht zugig!« rief er aus. Er schien nicht mehr wütend und lächelte sie freundlich an. »Wenn das nicht der junge Grey ist! Er ist es, nicht wahr? Und die junge Lady?«

Darrell stand auf; aber es war Kitty, die zu sprechen begann.

»Mein Name ist Kitty Kennedy.«

»Kitty Kennedy!« sagte der Squire. Er zog seine schwarzen Augenbrauen hoch. »Bei Gott! Fahrt Ihr etwa zu Eurer Tante Harriet?«

»Ja, so ist es.«

Er schlug sich auf die Schenkel und lachte aus vollem Halse.

»Ihr kamt mir gleich so bekannt vor. Nun, Lady wir beide sind keine Fremden.«

Er baute sich vor ihr auf, und sie trat einen Schritt in die Fensternische zurück. Seine riesige Hand, die er ausstreckte, über sah sie.

»Ich glaube nicht, daß wir uns schon einmal getroffen haben«, sagte sie würdevoll und bedeutete Darrell, sich neben sie zu setzen; auf der Bank war nur Platz für zwei.

»Der Squire meint«, sagte Darrell, »daß er deine Tante kennt und daß er deine Mutter gekannt hat. Deshalb bist du für ihn keine Fremde.«

»Ja, so ein Rechtsgelehrter trifft doch immer ins Schwarze!« schrie George Haredon. »Es stimmt, ich kannte Eure Familie, Kitty. Und Ihr seid die Tochter von Bess! Bei Gott, ich wußte es! Du siehst aus wie Bess!«

Sein vertrautes Gehabe stieß sie ab. Sie griff nach Darrells Hand, und da sie plötzlich eine gewisse Angst verspürte, hielt sie ihren Kopf ein wenig höher.

»Ich könnte fast glauben, Bessie selbst würde hier sitzen«, murmelte George Haredon. Er war aufgeregt und atmete schwer, seine Augen glitzerten.

»Man sagte mir stets, wie sehr ich meiner Mutter ähneln würde«, erklärte Kitty kalt.

»Bei Gott, wer auch immer das gesagt hat, er hatte recht.«

Er war ihr so nahegekommen, daß sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. Sein Atem roch nach Alkohol, und seine Kleider nach Stall. Angeekelt verzog sie das Gesicht, und es war ihr gleich, daß er es bemerkte. Sie wandte sich an Darrell und begann, über die Orte, die sie durchfahren hatten, zu reden, und als George Haredon sich an der Unterhaltung beteiligen wollte, brachte sie das Gespräch auf ihre Reisegefährten, die er nicht kannte. Darrell war beschämt, da er ziemliche Ehrfurcht vor dem Squire empfand. Sie dachte, wie hübsch und kultiviert Darrell doch im Vergleich zu diesem Mann war, und weil sie fühlte, daß er sich ein wenig vor dem Squire fürchtete, hätte sie am liebsten ihre Arme um ihn gelegt, um ihn zu beschützen. Es war ein ganz neues Gefühl, diese Zärtlichkeit, ein neues und wunderbares Gefühl. In diesem Augenblick wußte sie, daß sie Darrell heiraten würde, komme was da wolle. Er brauchte sie, und sie brauchte ihn.

George Haredon beobachtete die beiden, und seine großen Hände hingen hilflos herunter. Sie konnte diese Hände nicht vergessen, wie sie das Dienstmädchen gepackt hatten, und sie wußte, er hätte sie gern genauso gepackt. Er war abstoßend, er war hassenswert, dazu war er überheblich; er versuchte, sich zwischen sie und Darrell zu drängen.

»Donnerwetter!« sagte er und kam ihr so nah, daß sie seinen Schnapsatem riechen konnte. »Bess hat eine vornehme, hübsche Lady aus ihrer Tochter gemacht. Und ich mag diese Lady, ich mag sie sogar sehr!«

Das paßte zu ihm, zu diesem eingebildeten Gockel, der mit seinen prächtigen Federn daherstolzierte. »Ich mag diese Lady sehr! Fühlst du dich nicht geschmeichelt? Denn ich bin hier der Hahn auf dem Hühnerhof!« Aber Kitty würde ihm schon zeigen, daß sie nicht eines seiner Dorfmädchen war, das man in einer Sekunde beschimpfen und im nächsten Augenblick küssen konnte. Auf seiner geblümten Weste prangte ein Soßenfleck. Er sollte wissen, daß sie den Stallgeruch verabscheute, der ihn umgab, und daß seine großen, haarigen, nicht besonders sauberen Hände und vor allem sein ungehobeltes Benehmen sie abstießen.

»Es bedeutet mir nicht allzu viel, ob Ihr mich nun mögt oder nicht«, teilte sie ihm mit.

Er lachte, schien aber doch ein wenig verwirrt. Die stolze Art, wie sie den Kopf hob, verwirrte ihn, und auch die Respektlosigkeit, die man schließlich von Bess’ Tochter erwarten konnte. Ihre Ähnlichkeit mit Bess bewegte ihn tief. Aber sie hielt ihn wohl für grobschlächtig? Bess hatte in den alten Tagen ebenso empfunden. Ihre Verachtung war damals verletzend für ihn gewesen, und er hätte sie am liebsten für ihren Hochmut geprügelt. Andererseits war es das, was ihn an Bess immer so fasziniert hatte. Und nun geschah es wieder, diesmal mit der Tochter von Bess, und sein unfreiwilliger Aufenthalt in diesem Gasthof war zu einem anregenden Abenteuer geworden.

»Ihr reist also ganz allein? Hätte Harriet mir das erzählt, wäre ich bereit gewesen, Euch selbst abzuholen. Ihr hättet nicht allein reisen dürfen.«

Sie lächelte Darrell verliebt an und sagte: »Mr. Grey hat sich sehr gut um mich gekümmert, vielen Dank.«

»Den Teufel hat er getan! Ein Rechtsgelehrter zieht aus jeder Situation für sich selbst den größten Nutzen.«

Die Tür wurde plötzlich geöffnet, und die Matrone mit ihren beiden Töchtern trat ein.

»Das Lamm war wohl eher ein Schaf«, sagte sie laut, »aber man konnte es essen. Setzt euch ein bißchen, Kinder ... Wir wollen recht bald auf unsere Zimmer gehen. Das Reisen kann wirklich sehr ermüdend sein. Wie sehr ich doch meine eigene Kutsche vermisse!«

George Haredon sah die Töchter spöttisch an. Sie kicherten und warfen schüchterne Blicke in seine Richtung. Ihre Mutter war wachsam, obwohl sie Gleichgültigkeit vortäuschte.

Der Squire ging auf sie zu. »Auch das Reisen in der eigenen Kutsche kann ermüdend sein, Madam«, sagte er. »So bin ich gezwungen, die Nacht hier zu verbringen, nur weil eines meiner Pferde plötzlich lahmt. Eine verteufelte Sache. Darf ich mich vorstellen? Squire Haredon, zu Euren Diensten, Madam.«

Er lächelte die beiden Mädchen an. Ihre Mutter stellte sie ihm vor: »Meine liebe Tochter Emily – meine liebe Tochter Grace.«

Der Squire wollte sich ein wenig einschmeicheln; er setzte sich zwischen die beiden Mädchen.

»Ich hätte ja ein anderes Pferd nehmen können, aber es ist nichts – es lahmt nur ein wenig. Wenn es der Stute morgen nicht bessergeht, werde ich sie hier zurücklassen. Aber ich glaube, sie braucht nur eine Nachtruhe.«

Der Kaufmann und seine Frau kamen herein, und der Kaufmann begann wieder vom Krieg zu reden.

»Es ist so heiß hier drinnen«, sagte Kitty nach einiger Zeit. »Darrell, ich werde jetzt auf mein Zimmer gehen. Ich bin müde. Es war ein langer Tag.«

Sie wünschte der Gesellschaft eine gute Nacht und ging hinauf in ihr Zimmer. Schnell zog sie sich aus und legte sich ins Bett. Ihr Gesicht brannte. Diese frechen braunen Augen und diese starken, behaarten Hände gingen ihr nicht aus dem Kopf. Von unten hörte sie noch das Gemurmel von Stimmen. Sie konnte sie alle vor sich sehen – George Haredon machte Emily und Grace bestimmt noch immer schöne Augen. Sie war den beiden richtig dankbar. Welch eine Erleichterung, daß diese unverschämten braunen Augen sie nicht länger anstarrten!

Sie hörte Schritte auf der Treppe. Alle würden nun zu Bett gehen. Plötzlich wurde sie von Panik ergriffen, sie sprang aus dem Bett und schloß ihre Tür ab. Dann lehnte sie sich dagegen und mußte über sich selbst lachen. Wie absurd war es, sich so vor ihm zu fürchten! Er hatte seine Aufmerksamkeit nun auf Grace oder Emily gerichtet. Sie legte sich wieder ins Bett. Der Mond schien in ihr Zimmer. Nun, da die Tür abgeschlossen war, fühlte sie sich besser. Langsam döste sie ein. Plötzlich wurde sie wieder geweckt und setzte sich erschreckt auf. Irgendein Geräusch hatte sie gestört. Sie lauschte. Da hörte sie es wieder. Ein Klappern an ihrer Fensterscheibe.

Sie versteckte sich unter ihrer Decke – bis es wieder klapperte. Ängstlich sah sie sich im Zimmer um, stand auf und ging zum Fenster. Auf die Fensterbank kniend sah sie hinaus.

Unter ihrem Fenster stand George Haredon. Gerade wollte er noch eine Handvoll Kies zu ihr hochwerfen.

Zwei Sekunden starrten sie sich an, dann trat sie zurück. Hastig warf sie sich einen Umhang um die Schultern, ging wieder zum Fenster und verriegelte es.

Sie sah ihn nicht noch einmal an, aber sie konnte ihn leise lachen hören. Schnell legte sie sich wieder ins Bett; sie zitterte, nicht vor Kälte, sondern vor Wut.

Kapitel 4

 

Harriet Ramsdale war gerade in ihrer Vorratskammer, als sie die Kutsche vor ihrem Tor halten hörte. Hastig verschloß sie eine Schranktür, band sich die Schürze ab und strich ihr Musselinkleid glatt. Sie war eine große Frau mit dünnem dunklem Haar, das sie immer sehr schlicht frisierte. Ihre Augen unter den buschigen Brauen waren grau, die Lippen ein dünner Strich. Jetzt wurde der Ausdruck um ihren Mund ein wenig weicher, denn sie vermutete, daß es die Kutsche des Squire war. Beim Blick aus dem Fenster wurde ihre Vermutung bestätigt. Sie sah, wie er ausstieg, sie sah, wie er in seiner forschen Art, die sie so sehr bewunderte, ihr Tor öffnete und zur Eingangstür schritt.

Jetzt war sie so aufgeregt, wie eine Harriet Ramsdale es nur werden konnte. Schnell beherrschte sie sich jedoch und ging in ihrer üblichen steifen Art zum Tisch zurück, um die Gläser mit Blaubeergelee mit ihrer hübschen, sauberen Handschrift zu kennzeichnen: »Juni 1783«.

»Mach dich doch nicht lächerlich, Harriet Ramsdale«, sagte sie leise zu sich selbst. Als sie ein kleines Mädchen war und Jeffry und Bess sie immer von ihren Spielen ausgeschlossen hatten, war ihr nichts anderes übriggeblieben, als mit sich selbst zu reden, und damit hatte sie nie aufgehört. »Vergiß bloß nicht, daß du gerade vierzig geworden bist!«

Sie war äußerst praktisch veranlagt; sie war dogmatisch; sie war gerecht. Es war ein enger Rahmen, den sie sich selbst gesetzt hatte – Harriet, die Tochter ihres geliebten Vaters, die Einzige in der gesamten Familie, die ihn nicht enttäuschen wollte. Daß ihr Haus mit den geschmackvollen Möbeln, den polierten Fußböden, auf denen kein Stäubchen lag, so in Ordnung war, konnte sie ganz allein sich anrechnen. Denn was würden Peg und Dolly schon tun, wenn sie ihre Herrin nicht beständig im Nacken hätten? Sie waren richtige Schlampen, Mädchen aus dem Arbeitshaus, verschwenderisch und faul; Harriet vermutete, daß sie auch lasterhaft waren. Aber da es in ihrer Familie Personen wie ihre Mutter, ihren Bruder Jeffry und ihre Schwester Bess gegeben hatte, war sie geneigt, jeden der Lasterhaftigkeit zu verdächtigen. Als ihr geliebter Vater vor zehn Jahren gestorben war, hatte sie diesen Schock mit großer Fassung ertragen, denn sie hatte einen starken Körper und eine starke Seele. Ihre einzige große Schwäche war ihre unerschütterliche Zuneigung zu George Haredon; es war eine romantische Liebe, die jeglichen gesunden Menschenverstand, den sie immer bei anderen, besonders aber bei sich selbst voraussetzte, vermissen ließ. Es hatte begonnen, als sie gerade sechzehn und Bess vierzehn Jahre alt war; George mußte zu dieser Zeit etwa achtzehn gewesen sein. Er sah so atemberaubend gut aus, schon damals wie ein Mann von Welt, daß Harriet ihn glühend verehrte, obwohl er sie zusammen mit Jeffry und Bess manchmal aufs grausamste ärgerte. Bess war bereits mit vierzehn ein zauberhaftes Wesen, und George hatte nur Augen für sie. Trotz Harriets gesundem Menschenverstand, trotz der unbestreitbaren Tatsache, daß sie zweifellos über alle Eigenschaften verfügte, die eine vernünftige Ehefrau ausmachten, war George wie alle seine Geschlechtsgenossen zu dumm, diese Tugenden zu erkennen. Aber: Wenn Männer älter werden, dann werden sie auch weiser, diese Tatsache ging Harriet beständig im Kopf herum.

Es hatte dem armen George das Herz gebrochen, als Bess mit ihrem Schauspieler davongerannt war, und Harriet war sicher, daß er nur aus verletztem Stolz seine dumme kleine Ehefrau geheiratet hatte. Sie hatte sich dann auch als äußerst schlechte Hausherrin erwiesen und George vier Kinder geboren, von denen nur zwei überlebten. Bald nach der Geburt des letzten Kindes war sie gestorben, da sie sich auf dem Weg zur Kirche erkältet hatte.

George war so unberechenbar und launisch, er brauchte einfach eine führende Hand. Wenn er doch jetzt sie fragen würde! Zwei Jahre waren nun schon seit dem Tod seiner Frau vergangen. Er hatte ja wohl lange genug enthaltsam gelebt. Sie errötete ein wenig. Man erzählte sich gewisse Geschichten über den Squire, aber wurde nicht immer über hochgestellte Persönlichkeiten geklatscht? Man hörte Gerüchte über das wilde Leben des jungen Prinzen von Wales, nur weil er eben der Prinz von Wales war. Diener tratschen; du kannst sie auspeitschen, du kannst ihnen mit Entlassung drohen, und sie tratschen dennoch. Er sollte sogar vor dem Tod seiner Frau ..., aber was auch immer geredet wurde – sie, Harriet, war keine, die solch schlimme Geschichten über einen alten Freund glauben würde.

Es klopfte an der Tür.

»Komm herein!« sagte Harriet, und Peg trat in die Kammer. Ihr Haar war zerzaust, und ihr Gesicht war gerötet.

»Madam, der Squire ist da.«

»Peg! Dein Haar! Dein Kleid! Ist das ein neuer Riß? Was soll bloß der Squire davon denken, daß ich eine solche Schlampe in meinem Haus habe? Du machst mir Schande! Geh jetzt. Ich werde in einer Minute beim Squire sein.«

Sie war beunruhigt. Sogar Pegs Anblick in dem alten, abgetragenen Kleid, das sich aufreizend über ihrem Busen spannte, beunruhigte sie. Harriet strich ihr Kleid über ihrer eigenen flachen Brust glatt und ging in den Salon. George stand mit dem Rücken zur Tür. Er drehte sich sofort um, als er sie kommen hörte.

»Harriet!« sagte er und kam schnell auf sie zu. Er nahm sie bei beiden Händen, und wie immer zwinkerte er mit seinen großen braunen Augen, als er Harriet ansah. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, aber ihr Gesicht veränderte sich nicht; nur sehr selten färbte ein Hauch von Rot ihre weiße Haut.

»George! Wie nett, daß du mich einmal besuchst! Ein Glas Schlehenwein? Den mochtest du doch immer so gern.«

»Ja, natürlich, Harry, da sag’ ich nicht nein.«

Sie nickte ein wenig steif mit dem Kopf, begann aber zu lächeln. Seine tiefe, ziemlich heisere Stimme erregte sie. Bess hatte vor vielen Jahren, als sie zusammen im Bett lagen, einmal gesagt: »George ist so grob. Manchmal ist es aufregend, aber manchmal ist es auch schrecklich. Ich weiß nicht, ob es mir gefallen wird, mit ihm verheiratet zu sein.« Harriet war immer noch empört. Wie konnte Bess es wagen, sich über die Grobheit anderer zu beklagen? Bess, die mit einem Schauspieler davongerannt war, und niemand wußte, ob er sie geheiratet hatte oder nicht. Bess, die nicht bei ihrem Schauspieler geblieben war und danach noch unzählige Männer gekannt hatte, die eine eigene Kutsche besaß und Seide, Spitze und Bänder, um damit ihren verderbten Körper zu bedecken. Denn Bess hatte regelmäßig an Harriet geschrieben – natürlich nur, um sie zu ärgern –, und diese Briefe waren gespickt mit Männernamen. Harriet hatte nie geantwortet. Sie blieb zurückhaltend, die tugendhafte Tochter eines guten Mannes, die ihren ganzen Ehrgeiz in ihr eingemachtes Obst legte. Wie konnte ausgerechnet Bess Georges Grobheit beklagen? Und doch ... wenn sie mit ihm zusammen war, konnte auch sie nicht umhin, seine Grobschlächtigkeit zu bemerken. Hielt er sich in ihrer Nähe auf, begann sie sogar, die Geschichten, die man über ihn erzählte, zu glauben. In ihrer Vorstellung gab es zwei Georges, den einen, an den sie in seiner Abwesenheit dachte, und den anderen, der leibhaftig vor ihr stand. Der gute Squire – und der ungestüme Mann. Der gute Squire brauchte ihre Hilfe, denn er war unberechenbar, und seine Wutausbrüche waren schon sprichwörtlich. Jede praktische, kluge Frau weiß, daß Wutausbrüche nur an den Kräften zehren und daß man durch sie keinen Schritt weiterkommt. Andererseits war da der Mann, der wilde Gedanken durch ihren Kopf schießen ließ, Gedanken, vor denen sie Angst hatte und die ihr dennoch Freude bereiteten.

Würdevoll schritt sie zur Tür. Peg hatte offensichtlich gelauscht. Die Manieren dieser Mädchen! Es geschah nicht oft, daß sie sie mit der Peitsche züchtigte, aber verdient hätten sie es viel öfter. Leider waren sie so verderbt, daß selbst Schläge fast keinen Eindruck auf sie machten.

»Peg, bring den Schlehenwein und zwei Gläser. Bring auch den frischen Kümmelkuchen – und sieh zu, daß das Tablett sauber ist«, flüsterte sie.

Peg verließ das Zimmer, und Harriet ging zurück zu George, der sie geheimnisvoll anlächelte.

»Man kann diese Mädchen nicht aus den Augen lassen«, sagte sie entschuldigend.

»Du bist eine wunderbare Frau, Harriet«, entgegnete er und wippte mit den Füßen.

Plötzlich wurde sie von Panik ergriffen. Sie dachte, er wollte ihr einen Antrag machen, und mußte an all die Geschichten denken, die man sich über ihn erzählte. Dieses Kindermädchen, das ihm gleichzeitig den Haushalt führte und von der man berichtete, daß sie das Bett mit ihm teilte ... ein wahrhaftiger Zankteufel mit blitzenden schwarzen Augen und stets ein wenig geöffneten Lippen. Sie war die Schlechtigkeit in Person, als Pfarrerstochter hatte Harriet schließlich einen Blick für Schlechtigkeit und Sünde.

»Auf dieses Haus kannst du wirklich stolz sein, Harriet. Ah! Jetzt kommt der Schlehenwein. Es ist wirklich der Beste, den ich jemals getrunken habe!«

Die praktisch eingestellte Harriet hielt derartige Bemerkungen für den Beginn eines Heiratsantrags.

»Nett, daß du das sagst, George.«

»Nett? Nein! Es ist nur die Wahrheit, und das weißt du auch, Harriet.«

Peg stand mit ihrem Tablett in der Hand vor ihm; ohne sie anzusehen wußte er, daß sie verschlagen lächelte, wie eine Untergebene, die weiß, daß man sie begehrt. Die Begierde beseitigt alle sozialen Schranken ... für den Moment. Man konnte sie verdreschen, sie mißbrauchen, sie behandeln wie das Arbeitshausflittchen, das sie nun einmal war, und im nächsten Augenblick grinste sie einen an. Unverschämte Schlampe! Ihm war die andere lieber, obwohl er diese hier zu jeder Stunde der armen alten Harriet vorgezogen hätte.

Er hob sein Glas, ohne Peg zu beachten.

»Auf dich, Harriet! Mögest du ein langes, glückliches Leben haben, du hast es verdient!«

»Danke, George. Dasselbe wünsche ich dir auch.«

Er räusperte sich und genoß dieses Schauspiel. Sogar Harriet, die flachbrüstige, prüde alte Harriet begehrte ihn. Das gefiel ihm, das brauchte er. Dieses hochmütige Mädchen im Gasthof hatte ihn entnervt. Sie hatte nicht einmal kokettiert oder ihn hingehalten. Sie hatte ihn nur verspottet, wie es Jahre zuvor schon ihre Mutter getan hatte.

Er dachte nicht viel über sich selbst nach, aber er wußte, daß Bess ihm damals einen schweren Schlag versetzt hatte, als sie ihm versprochen hatte, ihn zu heiraten, und dann mit einem drittklassigen Schauspieler davongerannt war. Deswegen konnte er Bess nicht vergessen. Immer war er auf der Suche nach der Befriedigung, die ihm nur Bess hätte geben können und die er bei keiner anderen fand ... bei keiner von ihnen. Deshalb waren es auch so viele gewesen; nur deshalb war er manchmal brutal zu ihnen und manchmal unglaublich zärtlich. Immer auf der Suche, und das alles nur wegen Bess. Manchmal hatte er davon geträumt, seine großen Hände um ihren weißen Hals zu legen und sie zu erwürgen. Sie hatte es verdient. Er durfte nicht an Bess denken – sonst schoß ihm das Blut ins Gesicht, und seine Adern schwollen an. Aber da war noch etwas anderes in seinem Wesen, etwas Sentimentales, das einem Ideal nacheiferte. Squire! Dies war ein großartiger Titel. Er war stolz darauf, stolz auf seine Ländereien und Pferde, stolz auf die Position, die er innehatte. Er genoß es, wie sie sich ehrerbietig auf der Straße verbeugten, wenn er vorbeifuhr. Aber es gab auch freche Schlampen wie diese beiden aus dem Arbeitshaus, und die lächelten auf andere Weise und hielten ihre Köpfe hoch. Dann war er wütend auf sich selbst und beklagte seine verlorene Würde. Er konnte sie zwar verprügeln und wann immer es ihm beliebte mit ihnen schlafen, aber er konnte nicht diesen Blick aus ihren Augen vertreiben, der zeigte, was sie von ihm hielten: Sie wußten, er war ein Mann, der es nicht ohne Frauen aushielt. Alle Frauen wußten das und ließen ihn dies auch spüren – wie jetzt gerade Peg, die ihn hinter Harriets Rücken frech angrinste. Und das war ganz allein die Schuld von Bess. Bess allein hätte ihn befriedigen können. Er konnte sie immer noch vor sich sehen, wie sie lachte, als er auf dem Friedhof hinter ihr herjagte, sah ihre verführerischen blauen Augen, die ihn quälten, weil sie ihn durchschauten, wie sie alle Männer durchschauen konnten; diese Gabe mußte Bess von der Tochter des Schmieds geerbt haben. Mit Bess verheiratet, hätte er seine Würde bewahren können. Es hätte keine heimlichen Balgereien gegeben, keine flüchtigen Abenteuer mit Küchenmädchen, keine Demütigungen. Welch eine Familie wären sie geworden! Sie hätten Kinder gehabt, einen ganzen Stall voll, denn Bess war dazu geschaffen, Kinder zu gebären, und er dazu, Kinder zu zeugen. Er hätte immer ein wachsames Auge auf Bess haben müssen, aber auch das hätte ihm nichts ausgemacht; wie bei seinen Pferden schätzte er es, wenn Frauen temperamentvoll waren. Und nun wäre sie beinahe vierzig, und auch sie würde ein wenig ruhiger werden, darüber hätte er sich gefreut. Sie wären beliebt. Das beste Squire-Ehepaar, das man jemals in dieser Gegend gesehen hatte! Auch allein war er ein guter Squire ... bisweilen. Oft stand er seinen Untergebenen mit Rat und Tat zur Seite. Aber mit Bess neben sich wäre es in all den Jahren anders gewesen. Er wußte, was sie über ihn sagten: »Der Squire ist zwar kein schlechter Squire, aber besser wäre es, wenn er seine lüsternen Finger von unseren Töchtern ließe!« Dies hätten sie nicht sagen müssen, wäre Bess mit ihm zusammen gewesen. Doch nun war sein Schmerz ein wenig gemildert, denn die Situation amüsierte ihn. Er richtete sich zu seiner ganzen Größe auf, immerhin fast ein Meter neunzig. Seine Kleider waren die eines Landsquire, dunkel, eher praktisch als elegant, doch heute trug er feine Spitze an seinem Hals und an seinen Handgelenken. Und Harriet, eine der wenigen Frauen, die niemals auch nur einen Funken Begierde in ihm geweckt hatte, stand vor ihm und war ganz aufgeregt, weil er ihren Schlehenwein gelobt hatte.

Seine Augen nahmen einen grausamen Ausdruck an. Er war immer am grausamsten, wenn sein Stolz verletzt wurde. Innerlich lachte er Harriet aus, weil Harriets Nichte ihn erzürnt hatte. Es würde ein Spaß werden, über jemanden zu lachen, der in einer schwächeren Position war als er selbst.

Das Schicksal hatte es nicht gut mit ihm gemeint. Zuerst wurde ihm Bess angeboten und dann wieder weggenommen; und dann hatte er Amelia geheiratet. Die arme, leidende Amelia, die seine leidenschaftlichen Umarmungen gehorsam über sich ergehen ließ und ihn damit zur Weißglut getrieben hatte. Sie hielt ihn für grob und vulgär, auch wenn sie das niemals ausgesprochen hätte: Zu sehr war sie sich ihrer ehelichen Pflichten bewußt, als daß es ihr eingefallen wäre, ihren Ehemann zu kritisieren. Ihre unausgesprochene Kritik jedoch war für einen cholerischen Mann wie ihn noch schwerer zu ertragen, und deshalb hatte er beschlossen, sie irgendwie aus der Fassung zu bringen; vielleicht hatte er es deshalb noch zu ihren Lebzeiten mit Jennifer getrieben.

Er mußte an Jennifer denken, während er noch über Harriets Schlehenwein lächelte. Jennifers glühender kleiner Körper; Jennifers geöffnete Lippen. Jennifer war eine Teufelin, aber sie amüsierte ihn mehr als jede andere nach Bess. Sie verschaffte ihm ein klein wenig von der Befriedigung, die er sich immer von Bess erhofft hatte. Leidenschaftlich und berechnend war sie und gefährlich schlau. Sie wollte Hausherrin auf Haredon werden. Das wußte er, und er lachte darüber. »Warum sollte ich dich denn heiraten, Jennifer? Was hätte ich denn davon als das, was ich jetzt schon von dir bekomme?« Er konnte schrecklich grausam und schonungslos sein. Er mochte es, wenn sie wütend wurde; er mochte es, wenn sie zur Tür rannte und damit drohte, sein Haus zu verlassen. Solche Szenen liebte er.

»Sei vernünftig, Jennifer«, hatte er zu ihr gesagt, »warum sollte ich dich heiraten? Du willst Kinder? Meinetwegen kannst du Kinder kriegen!« Wie rasend er sie damit machen konnte! Aber sie ging nicht; sie hoffte, sie würde ihn am Ende besiegen. Niemals, Jennifer! Niemals, meine Liebe!

Er sah Harriet wieder an.

»Wie du deinen Haushalt so in Ordnung halten kannst, wo du doch nur diese beiden Schlampen zu deiner Hilfe hast, das weiß ich wirklich nicht, Harry. Aber bald hast du ja deine Nichte bei dir, die dir zur Hand gehen wird.«

Harriet machte eine abwinkende Geste. »In dieser Beziehung darf ich nicht das Geringste hoffen, das sag’ ich dir, George Haredon.«

Er lächelte. Dann dachte er daran, wie Kitty in der Fensternische gesessen hatte; sie war Bess so ähnlich, daß er sie am liebsten umgebracht oder mit ihr geschlafen hätte, oder vielleicht beides. Als er seine Augen schloß, konnte man beinahe das rote Blut unter den Lidern pulsieren sehen. Er öffnete die Augen und sah Harriet an, die sehr stolz auf ihr sauberes und ordentliches Zuhause war. Sie hat einen Körper wie ein Brett! dachte er und versuchte sich vorzustellen, mit ihr verheiratet zu sein. Diese Ehe würde anders sein als die mit Amelia. Sogar Harriet war noch temperamentvoller als Amelia. Hatte sie vielleicht doch etwas von der Tochter des Schmieds in sich?

Harriet schlug die Augen nieder. Sie fühlte, daß er ans Heiraten dachte, und sie war ein wenig beunruhigt. Die Ehe ihrer Träume war wahrscheinlich ganz anders als eine reale Ehe. Unwillkürlich wich sie ein Stück zurück.

»Ach!« sagte er. »Und ich dachte, du ließest das Mädchen kommen, damit sie dir im Haushalt hilft.«