Das Leuchten der Goldakazie - Jean Plaidy - E-Book

Das Leuchten der Goldakazie E-Book

Jean Plaidy

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Beschreibung

Am anderen Ende der Welt erwarten sie Liebe, Verrat und Geheimnisse 19. Jahrhundert. Nach dem Tod ihres Vaters steht die willensstarke Nora Tamasin vor dem Nichts. Entschlossen begibt sie sich auf die beschwerliche Reise nach Australien, um Zuflucht bei Charles Herrick, einem mysteriösen Geschäftspartner ihres Vaters, zu erbitten. Begleitet wird sie von dessen Sohn Stirling und auf der Überfahrt erwachen zarte Gefühle zwischen der jungen Engländerin und dem Australier – doch ihre Ankunft in der neuen Welt soll alles verändern. Denn der berüchtigte »Luchs« Herrick hat selbst ein Auge auf Nora geworfen und beansprucht sie bald für sich. Gegen die Macht seines Vaters kann Stirling nicht ankommen und auch Nora fühlt sich auf rätselhafte Weise zu Herrick hingezogen – nicht ahnend, dass sie bald zur Schachfigur wird in einem gefährlichen Spiel um Liebe, Rache und eine alte Schuld, das droht, sie alle zu verschlingen … Ein mitreißender Australienroman für alle Fans von Patricia Shaw und Anna Jacobs.

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Seitenzahl: 689

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

eBook-Neuausgabe Januar 2026

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1971 unter dem Originaltitel »The Shadow of the Lynx« bei Doubleday & Co., New York Die deutsche Erstausgabe erschien 1977 unter dem Titel »Im Schatten des Luchses« Wolfgang Krüger Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Dieser Roman ist ursprünglich unter dem Pseudonym Victoria Holt erschienen.

© 1971 by Victoria Holt

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1977 Wolfgang Krüger Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Retrieving data. Wait a few seconds and try to cut or copy again.

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-69076-890-0

 

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Jean Plaidy

Das Leuchten der Goldakazie

Australienroman

Aus dem Amerikanischen von Karin S. Krausskopf

 

NORA

1

 

Sogar als ich dann an Deck der Carron Star stand und wir langsam vom Quai zurückglitten, konnte ich es immer noch nicht glauben, daß ich wirklich England und mit ihm mein gesamtes bisheriges Leben verließ und die Reise zu einem unbekannten fernen Erdteil antrat. Dort lehnte ich nun an der Reling in meinem Schottenumhang, der sich im Wind blähte und meinen Rock aus dem gleichen, soliden Wollstoff sichtbar werden ließ. (Meinen Hut hatte ich vorsorglich mit einem langen grauen Chiffonschal festgebunden.) Ich war siebzehn Jahre alt und zur anderen Seite der Erdkugel mit einem Mann unterwegs, den ich erst seit drei Tagen kannte und von dessen Existenz ich vorher nichts geahnt hatte.

Am Quai standen einige Menschen, die eifrig ihre Taschentücher schwenkten und diese Tätigkeit nur unterbrachen, um sich verstohlen die Augen zu wischen, während sie tapfer, wenn auch etwas krampfhaft, weiterlächelten. Mir winkte niemand zum Abschied.

Ein Mann mittleren Alters mit Bartkoteletten und unverschämt dreistem Blick hatte sich, von mir unbemerkt, dicht neben mich geschoben – zu dicht!

»Na, irgendwelche Bekannten drüben?« erkundigte er sich und musterte mich abschätzend.

»Nein«, erwiderte ich abweisend.

»Und ganz allein unterwegs?« forschte er weiter und betrachtete mich mit jenem gewissen, unangenehmen Lächeln.

»Mein Mündel reist unter meiner Obhut!« ertönte da Stirlings Stimme hinter mir. Seine grünlichen Augen glitzerten verächtlich, und seine Stimme mit dem leichten australischen Tonfall ließ deutlich sein Mißfallen darüber erkennen, daß ein Unbekannter es gewagt hatte, sein Mündel anzusprechen.

Der Mann zog sich hastig zurück, während Stirling schweigend bei mir blieb. Er stand einfach neben mir, auf die Reling gestützt, und ich empfand ein warmes, glückliches Gefühl der Geborgenheit. In jenem Augenblick wußte ich, daß ich den ersten Schritt aus dem ganzen Herzeleid der hinter mir liegenden Monate heraus getan hatte. Ich hatte den einen Menschen verloren, den ich über alles geliebt hatte ... doch hier war nun Stirling ... mir zur Seite – mein »Vormund«, wie er sich selbst betitelte. Genau genommen stimmte das nicht, doch es gefiel mir, wenn er sich als diesen bezeichnete. In jenem Augenblick hatte ich, glaube ich, zum ersten Mal das Gefühl, daß Stirling und ich füreinander bestimmt waren.

Aber es fing alles ganz anders an. Vielleicht sollte ich bei meiner Geburt beginnen, weil jede Geschichte eines Lebens mit ihr beginnt, obwohl ihr Anfang in Wirklichkeit viel weiter zurückliegt. Ich habe mir oft Gedanken über das Vorspiel gemacht, das zu meiner Geburt führte, habe versucht, mir meine Eltern zusammen vorzustellen. Das war jedoch schwierig für mich, weil ich meine Mutter nie gesehen hatte. Diese Tatsache bekümmerte mich aber nicht sonderlich, denn ich hatte ja meinen Vater, Thomas Tamasin – und wie konnte ich bei einem solchen Vater traurig darüber sein, keine Mutter zu haben!

Sie war »fortgegangen«, wie er sich ausdrückte, als ich ein Jahr alt war; doch erst mit sechs Jahren verstand ich, was das bedeutete.

Das Leben mit Thomas Tamasin war einfach schön. Ich war überzeugt, daß wir zwei für unsere kleine Familie völlig ausreichten. Weshalb hätten wir uns ein drittes Mitglied wünschen sollen? Sogar eine Mutter wäre nur störend gewesen.

Wir hatten im Laufe der Jahre eine Reihe von Haushälterinnen, deren Aufgabe es war, mich zu betreuen, und erst mit sechs Jahren hörte ich das Wort »verlassen«. Die damalige Haushälterin sagte es zu einer Freundin, die sie bei uns besuchte. Wir wohnten damals in einem Haus im nördlichen Stadtteil von London. (Wir zogen dauernd um, entsprechend den jeweiligen Plänen und Projekten meines Vaters.) Ich hockte draußen auf dem Bürgersteig unter dem offenen Küchenfenster und verfolgte, wie eine Ameisenarmee zielbewußt auf dem rissigen Pflaster in schmaler Marschkolonne hin und her eilte.

»Das arme Wurm!« sagte die Haushälterin. »Was ihr fehlt, das ist eine Mutter!«

»Und ihm?«

»Ach ... ihm!« Sie lachte laut auf.

»Sie verließ ihn, nich’?«

»Ja, soviel ich weiß. Sie muß ein ziemliches Flittchen gewesen sein. Schauspielerin oder so was Ähnliches.«

»So? ... Eine Schauspielerin!«

»Taugte eh nichts! Die kleine Nora war kaum älter als ein Jahr, als die abhaute. Mit einer Frau, die ihr kleines Kind – und noch dazu ihr eigenes! – als Baby verläßt, stimmt was nicht. Er hätte wieder heiraten sollen.«

»Hast du ihm das gesagt?«

»Aber geh!«

Verlassen! Sie hatte mich und meinen Vater verlassen! Ich war das Kind, das von seiner Mutter verlassen worden war!

»Was bedeutet ›jemanden verlassen‹?« fragte ich abends meinen Vater, als er nach Hause kam.

»Jemanden allein lassen, ihn im Stich lassen ... von ihm fortgehen.«

»Es ist also nicht schön, verlassen zu werden?«

Nein, das sei es nicht, bestätigte er.

»Menschen verlassen nur jemanden, den sie nicht mögen«, überlegte ich laut.

Das sei wohl im allgemeinen so, meinte er, und ich sagte ihm nicht, daß ich nun wußte, daß meine Mutter mich verlassen hatte, denn ich wollte ihm nicht wehtun. Ich gab mir immer Mühe, ihn nicht traurig zu machen, genauso, wie er es vermied, mich zu verletzen. Was machte es übrigens schon aus, daß meine Mutter mich damals verließ, wo ich doch ihn hatte!

Wir sprachen nie von meiner Mutter. Wir hatten so viele andere Themen. Da waren zuerst einmal seine Pläne, durch die er ein Vermögen schaffen wollte – wenn seine Schilderungen sich auch weniger mit der Schaffung dieses Vermögens befaßten als mit der Art und Weise, wie wir es ausgeben wollten. Er hatte stets ein neues Projekt am Wickel. So arbeitete er einmal an einer Erfindung, durch die er das tägliche Leben von Millionen Menschen von Grund auf ändern, das heißt verbessern wollte. Ich liebte diese Perioden der Erfindungen, weil er dann zu Hause blieb und in dem Dachzimmer arbeitete. Es war so schön, ihn ganz in der Nähe zu haben! Ich kauerte dann neben seiner Arbeitsbank, und wir malten uns stundenlang in den leuchtendsten Farben aus, was wir tun würden, wenn seine geniale Erfindergabe von der Menschheit anerkannt und dadurch die ganze Welt davon profitieren würde. »Und wir auch!« pflegte er mit jenem für ihn so typischen fröhlichen Lachen zu sagen, das so ansteckend war und klang, als sprudele Wasser durch eine Regenrinne hinunter. Er bastelte ein Schnappschloß mit einer Feder, das aber nicht so funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte, und konstruierte Spielsachen mit einem Aufziehmechanismus, die sich aber nie so bewegten, wie sie sollten – bis auf den Jungen auf der Schaukel, die sich in der Luft überschlug. Doch sogar die blieb manchmal oben stecken. Mein Vater verkaufte immerhin einige Ausfertigungen dieses Modells, und so wurde »Denk an den Jungen auf der Schaukel!« eine unserer stehenden Redensarten. Der Junge auf der Schaukel war sein großer Erfolg, aber er bescherte ihm nicht das erträumte Vermögen. Als nächstes versuchte er es mit einer Gärtnerei, und wir lebten zur Abwechslung eine Zeitlang auf dem Land. Aber er hielt es nie lange bei einer Sache aus und mußte dauernd etwas Neues ausprobieren. Ein normales Leben in ruhigen, geordneten Bahnen befriedigte ihn einfach nicht.

»Wenn mein Schiff seinen Hafen findet ...«, pflegte er verheißungsvoll zu sagen, und das war dann immer der Auftakt zu unserem Lieblingsspiel. Wir segelten, beflügelt von unserer Phantasie, um die ganze Welt. Auf dem Globus suchten wir uns ferne Länder aus und beschlossen, dort hinzufahren. Wir machten diese imaginären Reisen immer gemeinsam und hatten auf ihnen alle möglichen Abenteuer zu bestehen, wie zum Beispiel den Überfall wilder Piraten oder den Kampf mit gräßlichen Meeresungeheuern, die furchterregender waren als alles, was Sindbad je begegnete. Manchmal schrieb er diese unsere Reisen und Abenteuer auf und verkaufte auch einige dieser Geschichten an eine Zeitschrift. Jetzt hätten wir es geschafft, erklärte er. Weshalb hätte er bloß nicht schon eher erkannt, daß er ein Schriftsteller sei! Doch auch damit klappte es nicht so recht. Er wollte nun einmal schnell reich werden.

Er hatte etwas Geld geerbt und legte diesen Betrag für meine Erziehung und Ausbildung zurück, was seine liebevolle Fürsorge für mich erneut bewies. Wie sprunghaft und leichtsinnig er auch sonst sein mochte, so wollte er doch auf keinen Fall, daß es meine Geborgenheit berührte. Er wolle mich auf die besten Schulen schicken, sagte er. Aber ich wolle nur bei ihm bleiben, erklärte ich. Das würde ich auch, versicherte er mir, doch während er unser Vermögen aufbaute, müsse ich etwas lernen. So schickte er mich auf verschiedene Schulen, und ich lernte alles so schnell ich konnte – um es möglichst schnell hinter mich zu bringen.

Kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag beschloß er, auf Goldsuche zu gehen. Dies sei die Gelegenheit schlechthin, das faszinierendste Abenteuer! Sein bisheriges Leben sei reich an verheißungsvollen Chancen gewesen, doch hätten sich diese alle als Reinfälle entpuppt. Dies sei nun etwas anderes ... seine wirklich große Chance! Sie würde uns reich machen.

»Gold!« sagte er mit leuchtenden Augen. »Wir werden Millionäre, Nora! Wie fändest du es, eine Millionärin zu sein?«

Natürlich herrlich, antwortete ich, aber wo würden wir das Gold finden?

»Es ist einfach da ... in der Erde ... und wartet nur darauf, aufgesammelt zu werden. Man braucht sich nur zu bücken und es aufzuheben!«

»Aber warum sind dann nicht alle Menschen Millionäre?«

»Meine kleine kluge Tochter! Was für eine logische Frage!

Aber es gibt darauf eine ganz einfache Antwort: Weil die anderen Menschen nicht so klug sind wie wir! Wir werden nämlich dorthin gehen, wo das Gold ist, und es uns holen!«

»Und wo ist das?«

»In Australien! Man findet es dort überall.«

»Wann fahren wir los?«

»Tja ... Nora ... das ist nun so, daß ich zuerst einmal allein dorthin muß, denn es ist kein Land für ein junges Mädchen, das eine gute Erziehung und Schulbildung bekommen soll.«

Ein gähnender schwarzer Abgrund tat sich vor mir auf, und die nackte Verzweiflung in meinem Gesicht muß ihn erschreckt haben.

»Du sollst doch erst eine gebildete junge Dame werden und lernen, dich als angehende Millionärin wie eine Lady zu benehmen!«

Ich hätte doch schon sehr viel in den verschiedenen Schulen gelernt, erinnerte ich ihn, und könne mich durchaus wie eine Lady benehmen und täte das auch mit Ausnahme jener Momente, in denen mich die Wut packe.

»Ja, schon, Nora, aber du bist einfach noch zu jung. Du bleibst eben noch ein Weilchen hier. Ich habe ein sehr gutes Internat ausfindig gemacht, wo du in bester Obhut sein wirst, und im Handumdrehen bin ich wieder zurück. Wir sind dann Millionäre und werden uns ein herrliches Leben machen! Wozu hättest du am meisten Lust? Wohin möchtest du gern reisen? Alles ist dann möglich. Wir können schon jetzt anfangen, Pläne zu machen, denn unser Vermögen haben wir schon so gut wie in der Tasche.«

Und es gelang ihm, mich zu überzeugen und zu überreden, in das Internat Danesworth House zu gehen. »Nur für ein paar Monate, Nora. Und dann ... dann haben wir so viel Geld, wie wir wollen! Und alles, was du dir nur wünschen kannst! Was möchtest du als erstes haben?«

»Aber es suchen doch auch viele andere Menschen nach diesem Gold! Wenn es nun Jahre dauert, bis du welches findest?«

»Aber ich versichere dir, Nora, ich habe König Midas’ Goldfinger!«

»Ich könnte dort den Haushalt für dich führen ... für dich kochen und alles andere machen ...«

»Aber, aber! Meine Millionärstochter und kochen! Wir werden ein tüchtiges Faktotum einstellen, das das alles für uns macht, wenn es soweit ist, und uns nie mehr trennen. Und keine Störenfriede dulden! Was wird das für ein wundervolles Leben! Und du brauchst nur ein Weilchen in Danesworth House zu warten, während ich losfahre und das Gold hole.«

So schilderte er mir unsere Zukunft ... voller Enthusiasmus und mit derartiger Überzeugungskraft in so leuchtenden Farben, daß wir im Geiste all die herrlich extravaganten Unternehmungen bereits gemeinsam erlebten und genossen, die er sich für uns ausdachte.

Ich ging also in das Internat, und er fuhr zur anderen Seite der Erdkugel, und jeden Tag wartete ich auf den Brief mit der Freudenbotschaft, daß er sein Gold und Glück gefunden hatte und wir Millionäre waren.

Das Leben im Internat war schrecklich öde und langweilig! Miss Emily und Miss Grainger flößten mir weniger furchtsamen Respekt ein als die meisten meiner Mitschülerinnen. Das Lernen fiel mir leicht, und ich vermied allen Ärger, denn die üblichen Schulmädchenstreiche interessierten mich nicht. Ich lebte nur für die Augenblicke, in denen mir einer der Briefe ausgehändigt wurde, und pflegte mir auszumalen, wie ich die großartige Nachricht erfahren würde. Vielleicht durch einen Brief, mit dem lapidaren Inhalt: »Komm sofort nach Australien!«? Oder würde er, da er Überraschungen liebte, eines Tages völlig unverhofft vor mir stehen und mich sofort mitnehmen? Vielleicht würde man mich aber auch ins Besuchszimmer rufen, und dort würde er dann in jenem kalten, unpersönlichen Raum stehen und mich zum mißbilligenden Erstaunen von Miss Emily und Miss Grainger – das ihm natürlich schnuppeegal sein würde! – stürmisch in die Arme schließen und triumphierend verkünden: »Pack deine Sachen, Nora! Du kommst jetzt gleich mit. Wir sind Millionäre!«

Die Briefe trafen in regelmäßigen Abständen ein. Ich wußte, daß, wie müde er auch nach des Tages Arbeit sein mochte, er doch nie vergaß, wie sehnlich ich auf Post von ihm wartete.

Anfangs kamen die Briefe aus verschiedenen Hafenstädten, die sein Schiff auf der Fahrt nach Australien anlief. Er beschrieb in ihnen sehr amüsant seine Mitpassagiere, um mich aufzuheitern. Ich hatte entsetzliche Angst, sein Schiff könnte in einen Sturm und dadurch in Gefahr geraten, und stand wahre Qualen aus, bis ich die Nachricht von seiner glücklichen Ankunft erhielt.

Er schrieb sehr anschauliche Briefe, und ich konnte mir daher ein klares Bild von jener Anfangszeit machen. Obgleich er immer mit dem größten Optimismus schrieb, begriff ich, welche Mühsale er zu ertragen hatte. Ich stellte mir vor, wie er mit der Ausrüstung der Goldgräber loszog: mit den Spitzhacken, dem Schwingtrog zum Goldwaschen, dem Blechkoffer, dem Kochgeschirr und den Eßvorräten. Ich stellte mir auch das Feld vor, auf dem er arbeitete – es mußte ein trostloser Ort sein mit den abgehackten Bäumen und den armseligen Zeltbehausungen. Und ich stellte mir vor, wie die Männer abends um das Lagerfeuer saßen und sich von ihren Funden erzählten, vor allem jedoch von ihren Hoffnungen und Erwartungen. Er würde der Mittelpunkt sein. Seine Geschichten würden die spannendsten sein – und seinen Charme und die Art, wie er erzählte, nicht zu vergessen! Irgendwie gelang es ihm, mir das Bild jener Männer zu vermitteln, wie sie sich mit zerzaustem Haarschopf und schmerzendem Rücken über ihre Schwingtröge beugten und in das Wasser starrten, das durch den Sand, die Erde und die Steine rann und die so ersehnten goldenen Streifen sichtbar machen konnte. Ich sah ihre finsteren Gesichter im Geiste vor mir, aus denen allein, ohne Ausnahme, die Gier nach Gold schrie – diese fieberhafte Hoffnung und Erwartung, denn sie alle setzten den gelben Staub mit der Fahrkarte ins Glück gleich.

Ich fühlte, er liebte dieses neue Leben, wenn ich bei ihm hätte sein können, wäre er rundherum glücklich gewesen. Wie ich jetzt überzeugt bin, hätte er das Leben, falls ihm das erträumte Vermögen zuteilgeworden wäre, nicht halb so genossen wie alle jene Jahre, in denen er sich mit so viel gläubiger Hoffnung und von seiner nimmermüden Phantasie beflügelt bemühte, dieses Vermögen zu schaffen, beziehungsweise es zu finden. Hätte ich nur damals bei ihm sein können! Ich hätte für ihn kochen können, während er mit den anderen Männern an den Schürfstellen arbeitete. Ich sah mich in meiner Vorstellung schon als die kleine Mutter des Goldgräberlagers. Sicherlich hätte ich mir gar nicht gewünscht, daß sie nennenswerte Mengen Gold fanden, weil dieses Leben von mir aus unbegrenzt hätte so weitergehen können.

Und so verstrichen die Monate. Er sei an eine neue Schürfstelle gezogen. Bisher hätte er zwar nur etwas Goldstaub gefunden, aber das mache nichts. Die neue Stelle stecke voller Gold, wie er fest überzeugt sei. Man müsse schließlich erstmal etwas Erfahrung sammeln!

Seine Zuversicht ließ ihn niemals im Stich; stets glaubte er, im nächsten Moment auf den großen Goldklumpen zu stoßen. Was mich betraf, so müssen meine Schulkameradinnen mich recht seltsam gefunden haben, lebte ich doch im Geiste jenes andere Leben auf den australischen Goldfeldern. Die Vorgänge im Internat interessierten mich nicht, doch vermochte ich meine Lehrer zufriedenzustellen, und es blieb mir daher verhältnismäßig viel freie Zeit. Ich war »die etwas überspannte Nora Tamasin, deren Vater als Goldgräber nach Australien ging«. Soviel hatten sie immerhin aus mir herausgequetscht.

Und dann änderte sich der Ton der Briefe auf einmal. Er hatte Lynx – den Luchs – kennengelernt.

»Lynx ist der ungewöhnlichste und faszinierendste Mensch, dem ich jemals begegnet bin! Wir mochten uns gleich vom ersten Augenblick an. Ich habe beschlossen, in sein Geschäft einzusteigen. Er kennt dieses Land wie seine Westentasche, denn er ist schon vierunddreißig Jahre hier. Wenn Du ihn sehen könntest, wüßtest Du, weshalb sie ihn Lynx, den Luchs, nennen. Er hat ein Paar Augen, die einfach alles sehen! Sie sind blau – aber nicht das übliche Hellblau, so wie das tropische Meer. O nein! Seine sind so blau wie Stahl oder gekörntes Eis. Ich habe noch nie einen Menschen mit einem derartig durchdringenden, zwingenden Blick gesehen. Er ist hier der große Mann und heißt Charles Herrick. Er kam als Sträfling her, und jetzt gehört ihm hier fast die ganze Gegend. Einen Mann wie ihn gibt es nur einmal in einer Million. Jetzt wird hier alles anders für mich! Ich steige auf große Art ins Geschäft ein und beteilige mich an seiner Goldmine. Schluß mit der Goldsuche auf den überlaufenen Feldern! Alles ist jetzt anders, und das nur, weil ich Lynx begegnet bin.«

Ich dachte oft und lange über diesen Lynx nach, und ich war etwas eifersüchtig auf ihn, weil die Briefe meines Vaters zum größten Teil von ihm handelten. Er bewunderte ihn maßlos. Erst durch diese Briefe wurde mir so richtig klar, was für eine schwere Zeit mein Vater hinter sich hatte. Die Schilderungen der fröhlichen abendlichen Runde am Lagerfeuer, die Lieder, die sie beim flackernden Schein des Feuers sangen und seine Begeisterung über die Kameradschaft unter den Goldgräbern – das alles war nur die eine Seite der Medaille gewesen. Jetzt ahnte ich plötzlich etwas von der nagenden Furcht, von den sorgsam eingeteilten Eßvorräten, von der knappen Rationierung des kostbaren Trinkwassers und von der schrecklichen Verzweiflung, wenn die Schwingtröge Tag für Tag nichts als den wertlosen Staub enthielten

»Lynx wird auf ganz große Goldfunde stoßen und dann, Nora, werde ich sein Partner sein. Er ist ein Mann mit Erfahrung. Außer seinem ansehnlichen Landsitz mit sehr viel Land und riesigen Schafherden gehört ihm ein Handelsunternehmen mit vielen Verkaufsläden in der ganzen Gegend und ein Hotel in Melbourne – die Goldmine nicht zu vergessen. Er hat im Ganzen Hunderte von Arbeitern und weiß alles, was man über Gold wissen muß. Es kann also gar nicht schiefgehen! Ich habe Lynx viel von Dir erzählt. Er findet, Du sollst herkommen, wenn Du mit der Schule fertig bist. Doch bis dahin bin ich ja längst zurück!«

Ich versuchte mir diesen Lynx vorzustellen – ein Paar durchdringend blickende stahlblaue Augen – eine markante Adlernase ... Ein Sträfling! Vor vierunddreißig Jahren hatte man ihn also zusammen mit anderen Missetätern nach Australien verfrachtet, nachdem er irgendeines strafbaren Vergehens für schuldig befunden worden war. Was mochte es gewesen sein? Vielleicht ein politisches Verbrechen? Ich war überzeugt, daß er kein Dieb oder Mörder war. Meine Neugier war geweckt, und ich wollte mehr über ihn wissen.

»Lynx ist hier eine Art König; er ist oberster Richter, Arbeitgeber von Hunderten von Menschen und ein absoluter Diktator. Mit einem Wort: ein unumschränkter Herrscher. Er ist gerecht, setzt aber immer seinen Willen durch. Ich habe noch nie für einem Mann eine so echte Freundschaft empfunden. Der Tag, an dem ich ihm begegnete, war wirklich ein Glückstag für mich! Ich habe alles, was ich besitze, als Beteiligung bei ihm in die Mine eingebracht. Er ist ganz sicher, daß wir auf eine dicke Goldader stoßen. Wir wollen, soweit wie irgend möglich, nichts von unseren Goldfunden bekannt werden lassen, denn sonst haben wir sofort die Goldgräber der ganzen Gegend auf dem Hals. Es braucht sich nur ein vages Gerücht zu verbreiten, und schon strömen sie zu Tausenden herbei. Lynx ist sehr schlau! Wir machen diese Sache gemeinsam.«

 

Die Briefe trafen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ein. Manchmal kamen mehrere gleichzeitig. Mein Vater schrieb dann, daß es durch Überschwemmungen unmöglich gewesen war, die Post nach Melbourne zu befördern oder daß ein erwartetes Schiff nicht planmäßig angekommen war. Es gab immer einen Grund für diese Verzögerungen, und er versäumte es nie, mir diesen mitzuteilen. All diese Briefe enthielten für mich die Botschaft, daß, wie hart er auch arbeitete und was immer auch dort passierte, er doch weder mich noch das endgültige Ziel aus dem Auge verlor, das für uns darin bestand, wieder vereint zu sein.

Und dann kamen keine Briefe mehr.

Anfangs beunruhigte mich das trotz meiner täglich erneuten Enttäuschung nicht sonderlich. Es lag wieder an einer jener Überschwemmungen oder an einem verspäteten Schiff. Es würden dann eben mehrere Briefe gleichzeitig ankommen.

Aber sie kamen nicht. Und die Wochen verstrichen, und ich war immer noch ohne jede Nachricht von ihm.

Und so vergingen zwei lange Monate. Ich war inzwischen halb irre vor Angst und Sorge.

Und dann ließ mich eines Tages Miss Emily zu sich rufen. Ihr Arbeitszimmer war ein unpersönlicher Raum; auf dem glänzend gebohnerten Parkett lag kein Teppich, und die ehrfurchtsvolle Stille wurde nur von dem Ticken der Bronzeuhr auf dem Kaminsims unterbrochen. Miss Emily saß an ihrem Schreibtisch, und ihr gequälter Gesichtsausdruck gab zu verstehen, daß das, was nun folgen würde, ihr schmerzlicher war als mir, was natürlich ganz und gar nicht zutraf. Die Eltern der Schülerinnen fanden Miss Emily sehr nett und vertrauten ihr dankbar ihre Töchter an. Sie hatten das Gefühl, daß sie ihre Lieblinge vor dem härteren Regiment von Miss Grainger beschützen würde. In Wirklichkeit führte jedoch die scheinbar so milde Miss Emily das Kommando, erweckte aber sehr geschickt den Eindruck, als kämen die unbeliebten Anordnungen und Vorschriften von ihrer Schwester.

»Ich bin überzeugt«, begann sie, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und preßte die Fingerspitzen zusammen, während sie mich mit einer gewissen, wohldosierten Strenge ansah, »ich bin wirklich überzeugt, daß du keine barmherzigen Almosen möchtest. Es ist jetzt zwei Monate her, daß wir zuletzt von deinem Vater hörten, und obwohl Miss Grainger immer bereit ist, mit sich reden zu lassen, kann man nicht von ihr erwarten, daß sie für deinen gesamten Unterhalt aus der eigenen Tasche aufkommt und dir noch dazu eine erstklassige Ausbildung und Erziehung zuteilwerden läßt.«

»Ein Brief meines Vaters ist ganz bestimmt unterwegs!«

Miss Emily hüstelte. »Er braucht aber diesmal sehr lange!«

»Er kommt ja auch aus Australien, Miss Emily! Da hat die Post oft Verspätung.«

»Das waren auch anfangs Miss Graingers Worte, doch jetzt ist seit drei Monaten keine der Rechnungen mehr bezahlt worden.«

»Aber ich bin sicher, es wird sich alles klären! Irgendetwas hat die Briefe aufgehalten. Ich bin überzeugt davon!«

»Ich wünschte um deinetwillen, ich könnte das auch sein. Miss Grainger ist sehr bekümmert, aber sie ist zu dem Entschluß gekommen, daß sie nicht noch länger warten kann. Sie kann nicht weiter für deinen Unterhalt aufkommen. Für deine Ernährung! Deine Kleidung! Deinen Unterricht! Und deine Erziehung!« Sie ließ jeden dieser Punkte wie eine wahre Sisyphusarbeit klingen. »Aber sie will dich trotzdem nicht vor die Tür setzen.«

»Vielleicht wäre es besser, wenn ich Sie verließe«, erklärte ich hochmütig.

»Das ist ein ziemlich törichter Ausspruch, Nora! Wo würdest du denn, bitte sehr, hingehen?«

Wenn Miss Emily »bat«, bedeutete es, daß sie wirklich verärgert war, aber ich war viel zu bestürzt, um darauf Rücksicht zu nehmen. Die Sorge um meinen Vater ließ mir Miss Emilys Drohung völlig unwichtig erscheinen, denn ich wußte, nur wenn ihm etwas Furchtbares zugestoßen war, würden keine Briefe kommen.

»Vermutlich könnte ich irgendeine Stellung annehmen«, sagte ich trotzig.

»Du hast ja keine Ahnung vom Leben! Du ein Mädchen von ... wie alt bist du jetzt? Sechzehn?«

»Ich werden nächsten Monat siebzehn, Miss Emily.«

»Nun, wie dem auch sei. Miss Grainger wird dir gegenüber sehr großzügig sein. Sie wird dich nicht auf die Straße setzen. Sie macht dir einen Vorschlag, den du selbstverständlich wirst annehmen wollen. Du kannst wahrhaftig gar nicht anders, wenn du dir die Alternativlösung überlegst.«

Miss Emily verzog das Gesicht zu einem frommen Lächeln; sie hielt jetzt die Handflächen gegeneinander gepreßt und blickte zur Zimmerdecke auf. »Du kannst hier bei uns als eine Art Hilfslehrerin bleiben. Auf diese Weise verdienst du dir zumindest einen kleinen Teil deines Unterhalts.«

So wurde ich also Hilfslehrerin und lernte tiefste Verzweiflung kennen. Es war nicht meine veränderte Stellung im Internat, sondern die Tatsache, daß mit jedem Tag, der verging, ohne daß der ersehnte Brief kam, die Angst und Sorge um meinen Vater sich ins Unerträgliche steigerte. In meinem ganzen bisherigen Leben war ich noch nie derartig unglücklich gewesen. Jeden Morgen sagte ich mir: Heute kommt ganz bestimmt der Brief! Und jeden Abend, wenn ich in meinem schmalen Bett in der kleinen Dachkammer lag – ich hatte aus dem Schlafsaal ausziehen müssen –, fragte ich mich verzweifelt: Wird dieser Brief überhaupt jemals kommen? Würde ich den Rest meines Lebens in Danesworth House zubringen müssen und auf eine Nachricht von meinem Vater warten? Ich würde alt und mißmutig wie Miss Graeme, deren Haar einem Vogelnest aus graubraunem Werg glich; ich würde bleich und fahl wie Miss Carter und kurzsichtig vor mich hinblinzeln wie Mademoiselle und mich aufregen, weil die Mädchen meiner Unterrichtsklasse mir auf der immer spitzer werdenden Nase herumtanzten.

Da ich jetzt im Internat weniger galt als sie, hatte ich in die kleine Dachkammer mit den nackten Dielenbrettern und den Binsenmatten zu Mary Farrow ziehen müssen. Mary hatte schon als kleines Kind beide Eltern verloren und war bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Als sie sechzehn war, starb die Großmutter und ließ Mary ohne einen Pfennig zurück. Miss Grainger hatte ihr gegenüber die gleiche Großmut bewiesen wie mir, und so war Mary Hilfslehrerin in Danesworth House geworden. Ihr Wesen war ebenso farblos wie ihr Teint. Sie hatte sich resigniert mit ihrem Schicksal abgefunden, wie mir das niemals möglich sein würde.

Unser Los war schlechter als das des Hauspersonals, denn die wurden zumindest nicht dauernd daran erinnert, daß sie ihre Stellung Miss Graingers Großmut und Barmherzigkeit zu verdanken hatten. Im Übrigen waren sie ja auch nützlicher als wir. Wir mußten dafür aber mehr als alle anderen arbeiten. Wir mußten nicht nur die jüngeren Klassen unterrichten, sondern auch noch als Kindermädchen für die Jüngsten fungieren, mußten unsere Dachkammer selber saubermachen und jede Art von Arbeit übernehmen, die uns Miss Emily oder Miss Grainger auftrug – und die beiden sorgten dafür, daß uns keine freie Minute blieb.

Die Lehrerinnen schauten verächtlich auf uns herab, ebenso die Dienstboten, und sogar die Schülerinnen begriffen, daß sie sich bei uns Freiheiten erlauben konnten, die sie bei keiner der anderen Lehrkräfte riskiert hätten. Miss Emily hatte die Angewohnheit, auf leisen Sohlen während des Unterrichts plötzlich in der Tür zu stehen – natürlich immer im unpassendsten Moment! – und mit ihrem milden Lächeln schweigend zuzuhören, bevor sie uns dann vor der gesamten Klasse einen Verweis erteilte. Dies bestärkte unsere Schülerinnen selbstverständlich mehr denn je in ihrer Überzeugung, uns nach Herzenslust quälen zu können. Die arme Mary hatte mehr unter ihnen zu leiden als ich, denn sie war sanft und zaghaft. Ich dagegen konnte durchaus recht heftig werden, und ich glaube, die Mädchen hatten deshalb einen gewissen mit Furcht gemischten Respekt vor mir.

Manchmal, wenn ich nachts in meinem schmalen Bett lag, das in der einen Ecke der Dachkammer stand, und auf das geisterhafte Klopfzeichen des Kastanienbaumes vor dem Fenster wartete, dessen Zweige sich sanft im Wind bewegten, sagte ich mir: Verlassen und im Stich gelassen! Zum zweiten Mal in meinem Leben! Warum? Es muß doch einen Grund dafür geben! Nun schon zum zweiten Mal! Aber mein Vater würde mich niemals im Stich lassen! tröstete ich mich dann. Er würde zurückkommen. Ich vermochte den Gedanken an ein Leben ohne ihn nicht zu ertragen. Ich hatte durch unser Zusammenleben das Glück der völligen Zufriedenheit kennengelernt, und bis vor kurzem war mir auch jenes höchste Geschenk einer Kindheit vergönnt gewesen: das Gefühl absoluter Sicherheit. Nicht finanzielle Sicherheit, sondern jene andere Art von Sicherheit, jene Geborgenheit, die einzige, die für ein Kind zählt – die Sicherheit, geliebt zu werden.

Als die Nachricht kam, war ich gerade einen Monat lang Hilfslehrerin gewesen – mir erschien dieser Monat jedoch so lang wie ein ganzes Jahr.

Ich las an jenem Morgen meiner Klasse eine Geschichte vor, war aber mit den Gedanken nicht bei der Sache. Es war ein warmer Frühlingstag. Eine Biene krabbelte nun schon zum wievielten Mal an der Fensterscheibe hoch, flog dann verärgert zurück ins Zimmer, um sich erneut in einem verzweifelten Versuch, sich zu befreien, gegen die Glasscheibe zu werfen. Sie war eine Gefangene. So würde sie nie ihre Freiheit wiedererlangen. Das Fenster auf der anderen Seite des Klassenzimmers stand offen, doch das dumme Geschöpf flog nicht dorthin, sondern fuhr mit seinen sinnlosen Befreiungsversuchen fort. Gefangen! Wie ich!

Plötzlich öffnete sich die Tür und Miss Graeme erschien. Sie sah mich sonderbar an. Ich verfolgte, wie der Luftzug von der geöffneten Tür die Biene erfaßte und in die andere Richtung trug. Sie fand das offene Fenster und flog hinaus.

»Sie möchten zu Miss Emily kommen«, sagte Miss Graeme.

Mein erster Gedanke war: Eine Nachricht von ihm! Vielleicht ist er sogar selbst da! Ich stürzte zur Tür.

»Wollen Sie Ihren Schülerinnen denn keine Aufgabe erteilen?« fragte Miss Graeme tadelnd. Also befahl ich ihnen, die Geschichte weiterzulesen und flog dann hinter Miss Graeme die Treppe hinauf. Ich klopfte an die Tür von Miss Emilys Zimmer und wartete mit Herzklopfen auf ihr »Herein«! Sie saß an ihrem Schreibtisch und hatte einen Brief vor sich liegen.

»Setz dich, Nora. Ich habe hier einen Brief erhalten. Die Post ist durch Überschwemmungen in Australien aufgehalten worden.« Ich saß wie auf glühenden Kohlen und starrte sie mit kaum zu ertragender Ungeduld an. »Du wirst tapfer sein müssen, meine Kleine«, fuhr sie sanft fort.

Mir wurde plötzlich ganz übel von dem drohenden Vorgefühl, das mich überkam. Es mußte eine sehr schlimme Nachricht sein, da sie mich »meine Kleine« genannt hatte. Und das war es! Die allerschlimmste ...

»Wir haben so lange nichts von deinem Vater gehört, weil er ... gestorben ist ...«

 

Ich wankte zu meiner Dachkammer hinauf und ließ mich aufs Bett fallen. Die Blätter des Kastanienbaumes pochten sacht an das Fenster und seufzten leise in dem sanften Windhauch, und das Sonnenlicht zeichnete tanzende Arabesken an die Wand. Niemals würde ich ihn wiedersehen! ... Vorbei der Traum von unserem herrlichen, glücklichen Leben! ... Von dem großen Vermögen! ... Den interessanten Reisen! ...

Der schwärzeste Abgrund totaler Verlassenheit und Verzweiflung tat sich vor mir auf. Sie hatten meinen Vater auf der anderen Seite der Erdkugel begraben! Während ich hier all die Wochen so sehnsüchtig auf einen Brief von ihm gewartet hatte, lag er bereits in einem Sarg unter der Erde!

Sogar Miss Emily empfand Mitleid mit mir. »Geh auf dein Zimmer!« hatte sie gesagt. »Du mußt dich erstmal etwas von diesem Schock erholen.«

Wie eine Schlafwandelnde war ich hinaufgetaumelt. Was sie sonst noch zu mir sagte, hatte ich nicht in mich aufgenommen, doch während ich auf meinem Bett lag, kamen mir ihre Worte wieder ins Gedächtnis. »Aber deine Zukunft ist gesichert.« Was kümmerte mich eine Zukunft ohne ihn! Meine grenzenlose Verzweiflung machte jeden Gedanken daran unmöglich. Eine nicht abreißende Folge von Bildern lief vor meinem inneren Auge ab ... Vater! Ich sah seine lachenden, fröhlichen Augen ... hörte seine zuversichtlich dröhnende Stimme: »Wenn mein Schiff seinen Hafen findet ...«

Und nun war die furchtbare Wirklichkeit, daß sein Schiff nie mehr seinen Hafen finden würde, wie er es genannt hatte. Es war auf den Klippen des Todes zerschellt.

Er hatte mir, schon im Sterben liegend, diesen letzten Brief geschrieben. Wie auch im Leben, so hatten seine liebenden Gedanken bis zuletzt mir gegolten. Der Brief war mir von seinen Anwälten mit der Nachricht von seinem Tode geschickt worden. Miss Emily hatte einige Stunden gewartet, bevor sie ihn mir gab, um mir ein wenig Zeit zu geben – wie sie sich ausdrückte – mich von dem ersten Schock zu erholen.

»Trauere nicht zu sehr um mich! Wir hatten eine feine Zeit zusammen! Laß Deine Erinnerungen an mich von keinem Schatten der Traurigkeit verdunkeln, Nora! Sollte der Gedanke an mich Dich traurig machen, so möchte ich lieber, daß Du mich ganz vergißt. Es war ein Unfall ... und nun geht es mit mir zu Ende, aber Du, Nora, hast ein schönes Leben vor Dir. Mein guter Freund hat mir versprochen, dafür zu sorgen. Lynx ist ein Mann, der zu seinem Wort steht. Er hat mir sein Wort gegeben, und so kann ich ruhig sterben. Er wird für Dich sorgen, Nora, und er wird das besser tun, als ich es konnte. Wenn Du dies liest, ist es aus mit mir, aber Du wirst nicht allein sein ...«

Die Schrift war kaum leserlich. Die letzten Worte waren »Werde glücklich!« ... sie waren nur mühsam zu entziffern. Ich sah in Gedanken, wie ihm der Federhalter aus der Hand gefallen war, nachdem er sie mit großer Anstrengung geschrieben hatte. Bis zum traurigen Ende hatte seine ganze Liebe und Fürsorge mir gegolten.

Wieder und wieder las ich den Brief. Er war alles, was mir von Vater geblieben war. Ich würde ihn von nun ab immer bei mir tragen.

Und so lag ich wie betäubt auf meinem Bett, unfähig, an die Zukunft zu denken, überhaupt unfähig, an irgend etwas anderes zu denken als die unfaßliche Tatsache, daß er tot sein sollte.

Miss Emily ließ mich erneut zu sich rufen. Miss Grainger war bei ihr ebenso wie ein Herr in Schwarz mit weißer Krawatte und einem sehr würdevollen Gesichtsausdruck. Ich hielt ihn für meinen neuen Beschützer, doch konnte er unmöglich der Mann sein, den Vater in seinen Briefen als den Luchs beschrieben hatte.

»Dies ist Nora Tamasin«, stellte Miss Emily mich vor. »Und das, Nora, ist Mr. Marlin von Marlin Sons und Barlow ... der Anwaltskanzlei deines Vaters.«

Ich setzte mich und hörte dem Herrn höflich zu, ohne seine Worte jedoch richtig in mich aufzunehmen; ich war immer noch wie in einem Nebel des Schmerzes. Ich verstand nur, daß alles von der rechtlichen Seite einwandfrei geregelt war und ich der Obhut von Mr. Charles Herrick übergeben werden sollte, dem Mann, den Vater zu meinem Vormund bestimmt hatte.

»Mr. Herrick möchte Sie natürlich bei sich in seinem Heim aufnehmen, und so werden Sie sich sobald wie möglich dorthin begeben. Er lebt in Australien, und es war der letzte Wunsch Ihres Vaters, daß Sie zu ihm reisen. Mr. Herrick ist es selbst nicht möglich, nach England zu kommen, doch ein Mitglied seiner Familie wird Sie hier abholen und in Ihre neue Heimat begleiten. Mr. Herrick wollte auf keinen Fall, daß Sie allein reisen.«

Ich nickte und dachte: Vater hätte es so gewollt. Er mußte Lynx gebeten haben – mir fiel es schwer, mir diesen Lynx mit einem so bürgerlichen Namen wie Herrick vorzustellen –, sehr gut auf mich aufzupassen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach würde die Abgesandte meines Vormunds in wenigen Wochen in England eintreffen. In der Zwischenzeit sollte ich meine Abreise vorbereiten.

Mr. Marlin verabschiedete sich, und Miss Emily meinte erleichtert, daß alles nun bestens geregelt sei, womit sie natürlich die jetzt beglichenen Rechnungen der vergangenen Monate meinte. Die kommenden Wochen könne ich mich um die Vorbereitungen für meine Abreise kümmern. Sicherlich würde ich das eine oder andere kaufen wollen. Ich dürfe das auch – allerdings natürlich innerhalb vernünftiger Grenzen –, und Miss Emily würde großzügigerweise einer Lehrerin gestatten, mich in die Stadt zu begleiten und mich bei den Einkäufen zu beraten. Vielleicht hätte ich aber auch den Wunsch, mich weiterzubilden, weil Arbeit bekanntlich das beste Heilmittel gegen Kummer sei, und würde gern weiter unterrichten. Ich schiene übrigens eine Begabung für diesen Beruf zu haben, auch wenn das bisher noch nicht erwähnt worden sei.

»Vielen Dank, Miss Emily, aber ich glaube, ich bereite mich in den nächsten Wochen lieber auf das vor, was mich erwartet – was auch immer es sein mag – und kümmere mich um die Einkäufe, die ich für nötig halte.«

Miss Emily neigte zustimmend den Kopf.

Ich wohnte weiter in meiner Dachkammer. Die arme Mary war neidisch. Sie sah nur, daß ein neues aufregendes Leben in einem fernen Erdteil auf mich wartete; welches Herzeleid der Grund dafür war, das sah sie nicht.

Ich kaufte mir jenen Schottenrock und Umhang sowie feste Stiefel, da ich annahm, daß ich solche in meiner zukünftigen Heimat brauchen würde. Die Einkäufe interessierten mich jedoch nicht sonderlich, wie mir überhaupt alles ziemlich gleichgültig war. Der furchtbare Verlust meines Vaters ließ keinen Raum für irgendetwas anderes in meinem Fühlen und Denken.

Und schließlich wurde ich erneut zu Miss Emily beordert.

»Du wirst in Begleitung von Miss Herrick reisen, die vermutlich die Tochter deines Vormundes und eine Dame reiferen Alters ist. Du wirst sie in dem Gasthaus Falcon Inn treffen, das etwa acht Kilometer außerhalb von Canterbury liegt. Aus irgendeinem Grunde erwartet die Dame dich dort. Es war die Rede von irgendwelchen dort zu erledigenden Geschäften. Mir erscheint es etwas unpraktisch, da ihr euch doch sicherlich in Gravesend oder Tilbury einschiffen werdet. Aber wie dem auch sei, so lauten nun einmal die Instruktionen. In Canterbury wird eine Droschke auf dich warten und dich zu dem Gasthof bringen. Miss Graeme wird dich nach London begleiten und dich wohlbehalten in den Zug nach Canterbury setzen. Von da an ist dann alles geregelt und dir kann nichts mehr passieren.«

»Natürlich nicht, Miss Emily.«

»Wenn Miss Graeme sich von dir im Zug verabschiedet hat, darfst du auf keinen Fall mit Fremden sprechen«, sagte Miss Grainger.

»Das werde ich bestimmt nicht tun, Miss Grainger.«

»Dann wäre also alles geregelt. Du wirst uns hier in Danesworth House am Donnerstagmorgen um neun Uhr verlassen. Die Droschke wird Miss Graeme und dich zur Bahnstation bringen. Der Zug geht um halb zehn. Die Köchin wird dir einige Sandwiches zurechtmachen.«

»Ich glaube, es ist wirklich nicht nötig, daß mich Miss Graeme begleitet. Ich kann doch alleine umsteigen, wenn ich in London ankomme.«

»Das kommt gar nicht in Frage«, erwiderte Miss Emily. »Du müßtest ganz London allein durchqueren. Völlig undenkbar! Weshalb ausgerechnet Canterbury als Treffpunkt festgesetzt wurde, will mir wirklich nicht einleuchten. Aber so ist es nun mal, und dein Vormund hat uns über seine Anwälte gebeten, dafür zu sorgen, daß du in sicherer Begleitung reist, bis du im Zug nach Canterbury sitzt. Es ist folglich ganz undenkbar, es anders zu machen.«

Die despotische Herrschaft dieses Lynx zwang sogar Miss Emily unter ihren Bann.

Ich packte meine Koffer und wartete, und die Schülerinnen und Lehrerinnen umgaben mich mit neuem, respektvollem Interesse. In ihren Augen war ich ein Mensch, dem seltsame Dinge widerfuhren. Ich hätte meinen neuen gewichtigen Status vielleicht genossen, wäre es mir möglich gewesen, den Tod meines Vaters zu vergessen.

Und eines Tages war es dann soweit, und ich verließ Danesworth House in Begleitung von Miss Graeme. Wir bestiegen den Zug nach London und saßen Seite an Seite und sahen auf die grünen Wiesen und die sich golden verfärbenden Weizenfelder hinaus. Gold! dachte ich verbittert. Wenn er nie ausgezogen wäre um Gold zu suchen, wäre er jetzt hier bei mir.

Meine Augen füllten sich mit zornigen Tränen. Weshalb hatte er nicht damit zufrieden sein können, ein Mensch wie andere zu sein! Aber dann wäre er eben nicht er gewesen. Miss Graeme berührte mich leicht am Arm, und ich sah, daß ihr die Tränen in den Augen standen. Sie begann mir zu erzählen, daß jeden von uns, den einen früher, den anderen später, ein schwerer Schicksalsschlag ereile, mit dem wir fertig werden müßten, denn das Leben gehe weiter. Es gäbe jemanden, der sich niemals erklärt habe, der es aber vorgehabt hätte, und der es getan hätte, wenn er aus dem Krieg zurückgekommen wäre. Er sei jedoch eines sinnlosen und grausamen Todes auf dem Schlachtfeld gestorben. Auf der Krim, wie ich vermutete, und so war Miss Graeme keine vollbusige, glückliche Familienmutter geworden, sondern eine verschrumpelte, graubraune Maus von einer Lehrerin.

Ich hörte mir ihre Geschichte an und bemühte mich, ihr mein Mitgefühl zu zeigen. Dann aßen wir unsere Sandwiches und langten pünktlich in London an. Miss Graeme rief aufgeregt und sich ihrer Verantwortung voll bewußt eine Droschke herbei, und wir fuhren zur Charing Cross Station, wo ich schließlich den Zug nach Canterbury bestieg. Das Letzte, was ich von Miss Graeme sah, war ihre schmächtige Silhouette in dem braunen Mantel, dem braunen Rock und dem grauen Hut mit dem braunen Schleier, wie sie dort nachdenklich und ganz verloren auf dem Bahnsteig stand und dem Zug nachblickte, der mich ihrer Obhut entführte.

 

Ein ungemütliches Gefühl bemächtigte sich meiner. Das neue Leben hatte nun begonnen, und ich mußte mich ganz alleine in ihm zurechtfinden. Ich konnte mich jetzt aus dem Staube machen, falls ich das wollte. Ich hatte etwas Geld, allerdings nur sehr wenig. Ich konnte eine Stellung als Gouvernante antreten, hatte ich doch einige Erfahrung als Lehrerin. Doch mein Vater hatte gewollt, daß ich nach Australien zu seinem Freund ging, und so blieb mir keine andere Wahl. Aber wenn ich nun in Australien ankam und diesen Mann nicht ausstehen konnte? Oder wenn ich bei denen gar nicht willkommen war? Ich wußte wirklich rein gar nichts von dem, was mich erwartete. Ich hatte mich nicht genug nach allem erkundigt. Ich war von Schmerz überwältigt gewesen, und nun saß ich plötzlich hier, im Zug nach Canterbury, und blickte hinaus auf die Obstgärten, in denen die Äpfel und Birnen erst in zwei Monaten reif sein würden, doch wo würde ich dann sein? Wir kamen auch an den Hopfenfeldern vorbei, in denen es in einem Monat von der emsigen Geschäftigkeit der Pflücker nur so von Leben wimmeln würde; jetzt beherrschten die Hopfendarren das Bild. Am liebsten wäre ich zum Zugführer gelaufen und hätte ihn angefleht: Halt! Ich eile einer unbekannten Zukunft entgegen und möchte noch etwas Zeit haben, mir alles zu überlegen!

Vielleicht ließ die Heftigkeit meines Schmerzes in jenem Augenblick etwas nach, denn zum ersten Mal empfand ich jenes Unbehagen vor der Zukunft, während ich bisher ganz von der tragischen Gegenwart absorbiert gewesen war. Der Zug ratterte jedoch ungerührt weiter. Und dann hielt er auch schon im Bahnhof von Canterbury. Ich stieg aus, und ein Gepäckträger bemächtigte sich meiner Koffer. Die Droschke, die mich in das Gasthaus bringen sollte, stand verabredungsgemäß wartend da.

Wir fuhren durch die Stadt mit ihren alten Stadtmauern und hinaus auf das freie Land.

»Ist es weit bis zum Gasthaus Falcon Inn?« erkundigte ich mich beim Kutscher.

»Nun, es ist schon ‘ne kleine Wegstrecke, Miss. Die meisten Herrschaften steigen in der Stadt ab.«

Warum, so überlegte ich mir, hatte Miss Herrick, die extra nach England gekommen war, um mich abzuholen, nur dieses Gasthaus als Treffpunkt ausgewählt! Es war wirklich, wie Miss Emily gesagt hatte, recht eigenartig. Vielleicht hatte der Lynx es so bestimmt.

Die Wiesen ringsum leuchteten in üppigem Grün. Wir kamen durch mehrere Dörfer, deren Häuschen sich eng um die Dorfkirche kuschelten, mit ihren Marktplätzen und alten Kneipen. Schließlich erreichten wir das Dorf Widegates mit seiner alten Kirche und den Häusern, von denen die meisten aus der Tudorzeit stammten, einige jedoch aus noch weiter zurückliegenden Zeiten. Ich erhaschte in der Ferne einen flüchtigen Blick auf stolze, graue Türme und fragte den Kutscher, was das sei.

»Das wird Whiteladies sein, Miss. Das ist er große Besitz dort drüben.«

»Whiteladies? Weshalb wird es so genannt? ... Die weißen Frauen?«

»Es war früher einmal ein Kloster, und die Nonnen sollen weiße Gewänder getragen haben, wie es heißt. Die Gebäude sind zum Teil noch erhalten. Die Familie baute das Haus dort mit dem Material, das von dem Kloster noch übrig war.«

»Welche Familie?«

»Die Cardews. Sie leben hier schon seit dreihundert Jahren oder sogar noch länger.«

Und damit hielten wir vor dem Gasthaus Falcon Inn. Die zur Haustür emporführenden Steinstufen waren in der Mitte tief ausgetreten, aber das Schild mit dem Falken war frisch gemalt, und über der Tür prangte die Jahreszahl 1418.

Der Kutscher trug mein Gepäck hinein. »Alles in Ordnung, Miss«, sagte er. Ich ging also hinein und teilte der Frau am Empfang mit, wer ich sei.

»Ach ja«, meinte sie. »Ich lasse Sie gleich auf Ihr Zimmer bringen. Und hier ist eine Botschaft für Sie. Sie möchten, sowie Sie sich von der Reise etwas erfrischt haben, in den Salon herunterkommen.«

Ich ging als erstes also in mein Zimmer. Es war groß, doch ziemlich dunkel wegen der kleinen Butzenscheiben. Der Fußboden senkte sich nach der einen Seite, und die Deckenbalken verkündeten das ehrwürdige Alter dieses Hauses. Im Waschkrug war frisches Wasser, und so wusch ich mir schnell Gesicht und Hände und kämmte mein dichtes dunkles Haar.

Als ich fertig war, ging ich in den Salon hinunter, zu dem ein Hausmädchen mir den Weg zeigte. Es war keine Dame in dem Raum, doch dafür erhob sich ein Herr bei meinem Eintreten. Er faltete die Hände auf dem Rücken und betrachtete mich prüfend, und mir fiel wieder Miss Emilys ausdrücklicher Befehl ein, nicht mit Fremden zu sprechen. Mit diesem hier würde ich ganz bestimmt nicht sprechen, wenn es sich irgend vermeiden ließ, denn ich fand die Art, in der er mich anstarrte, ziemlich unverschämt.

Doch er sprach mich an. »Sie suchen jemanden?« Er hatte einen etwas ungewöhnlichen Akzent. Er war groß und schlank, und sein Gesicht war von Sonne und Wind gebräunt, soweit ich sehen konnte, denn er stand mit dem Rücken zum Licht, von dem sowieso nicht sehr viel durch die Fenster mit den gleichen Butzenscheiben wie in meinem Zimmer hereindrang.

Ich nickte kühl.

»Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.«

»Danke, ich brauche keine Hilfe.«

»Oh, ich sehe, Sie sind sehr überheblich.«

Ich drehte ihm den Rücken zu. Vielleicht sollte ich zurück zum Empfang gehen und dort nach Miss Herrick fragen. Miss Emily würde es ganz und gar nicht billigen, daß ich hier in diesem Raum mit einem ziemlich zudringlichen fremden Mann wartete. Obgleich ich nicht beabsichtigte, mein Leben nach den Grundsätzen von Miss Emily auszurichten, so war ich doch in diesem Augenblick ganz ihrer Meinung.

»Ich bin überzeugt, ich kann Ihnen behilflich sein«, beharrte er.

»Ich wüßte nicht wie.«

»Dann will ich es Ihnen erklären. Sie warten auf eine Miss Herrick – stimmt’s?«

Verdutzt sah ich ihn an, und er begann zu lachen. Es war ein sehr irritierendes Lachen. Dieser Mensch war ungehobelt und zu selbstsicher.

»Zufällig haben Sie recht«, entgegnete ich kühl.

»Nun, Sie werden diese Miss Herrick hier nicht finden.«

»Was meinen Sie da?«

»Genau das, was ich sagte. Ich sage immer das, was ich meine.«

»Verwechseln Sie mich nicht mit jemandem?«

»Keineswegs, und das wissen Sie sehr genau. Sie sind Nora Tamasin. Jawohl.«

Mich ärgerte die Art, in der er seine Fragen selbst beantwortete. Das ganze Gespräch verwirrte mich. Wie konnte er nur so viel über mich wissen?

»Und Sie sind hierhergekommen, um Miss Herrick zu treffen. Sie ist aber nicht hier.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Weil ich weiß, wo sie ist!«

»Und das wäre?«

»Etwa sechzig Kilometer nördlich von Melbourne.«

»Sie irren sich! Die Miss Herrick, mit der ich verabredet bin, ist hier in diesem Gasthaus. Sie hat mir eine Droschke an die Bahn geschickt.«

»Ich habe das getan!«

»Sie?!«

»Ja, ich! Vermutlich hätte ich mich schon etwas eher vorstellen sollen, aber es hat mir einfach Spaß gemacht, Sie etwas auf den Arm zu nehmen, weil Sie so hochnäsig aussahen. Meine Schwester Adelaide ist nicht gekommen. Sie hatte zu viel zu Hause zu tun. Und so fand mein Vater, sollte ich Sie abholen. Er wollte außerdem, daß ich etwas von England sehe. Und hier bin ich also, um Sie abzuholen. Stirling Herrick. Ich heiße Stirling nach dem Fluß Stirling, genauso, wie Adelaide, meine Schwester, nach der Stadt benannt ist. Das war meines Vaters Tribut an seine neue Wahlheimat.«

»Ihr Vater ist demnach Charles Herrick?«

»Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, wie man so sagt. Ich bin hier, um Sie mit nach Australien zu nehmen. Sie machen ein skeptisches Gesicht. Wollen Sie meine Papiere sehen? Jawohl. Also, hier ist ein Brief von der Anwaltsfirma Marlin und so weiter ... und ich kann Ihnen noch auf alle möglichen anderen Arten beweisen, daß ich höchstpersönlich ich selbst bin.«

»Dies ist alles äußerst sonderbar!«

»Im Grunde ist es ganz einfach. Mein Vater hat versprochen, für Sie zu sorgen, und deshalb kommen Sie jetzt mit mir nach Australien. Ich bin so eine Art Bruder. Aber diese Vorstellung scheint Sie nicht sehr zu erfreuen.«

»Ich kann nicht verstehen, weshalb er Sie hergeschickt hat.«

»Ganz einfach: Er wollte, daß ich nach England komme. Ich habe hier geschäftliche Verhandlungen über den Absatz unserer Wolle geführt.«

»Hier in Canterbury?«

»Genau. Ich mußte im ganzen Land herumreisen. Ich habe Sie hierherkommen lassen, damit wir einen Tag Zeit haben, um uns etwas zu beschnuppern, bevor Sie aufs Schiff gehetzt werden. Und jetzt schlage ich vor, lassen wir uns Tee bringen, und dabei unterhalten wir uns dann weiter.«

Er zog den Glockenstrang und bestellte für uns Tee, als das Dienstmädchen erschien. Als ich die dünnen Toastscheiben, die Butter und die kleinen Kuchen mit dicker saurer Sahne und Erdbeermarmelade erblickte, merkte ich plötzlich, daß ich Hunger hatte.

Er sah mir zu, wie ich uns Tee einschenkte, und in seinen Augen, die von einem ungewöhnlichen Grünton waren, blitzte es amüsiert auf; sie verschwanden fast in lustigen Fältchen, wenn er lachte, und er schien es gewohnt zu sein, sie in grellem Sonnenlicht zu schmalen Schlitzen zusammenzukneifen. Ich schätzte ihn auf Mitte Zwanzig – etwa acht Jahre älter als ich – und ich fand es sehr erstaunlich (oder besser: unkonventionell!), daß man mir tatsächlich einen jungen Mann als Reisebegleiter geschickt hatte. Er war so ganz anders als die Miss Herrick, die ich mir vorgestellt hatte! Miss Emily würde es schärfstens missbilligen – und dieser Gedanke machte mir Spaß. Ich fühlte mich unbeschwerter als je, seit jener furchtbaren Nachricht vom Tode meines Vaters.

»Weshalb sagte man mir, daß Miss Herrick mich abholen würde?« fragte ich.

»Anfangs war es so geplant, doch Lynx fand dann, daß der Haushalt ohne Adelaide nicht auskommen könne. Mich konnte er eher eine Zeitlang entbehren.«

Lynx! Der magische Name. Es war das erste Mal, daß er ihn aussprach, und ich wiederholte fragend »Lynx?«, weil ich mehr über diesen eigenartigen Menschen hören wollte.

»Ja, das ist mein Vater. Er wird oft so genannt. Weil er so scharfe Augen hat wie ein Luchs und ihm nichts entgeht.«

»Das dachte ich mir.«

»Sie sind wirklich eine gescheite Person, wie ich sehe«, meinte er mit ironischem Lächeln.

»Will er tatsächlich, daß ich zu ihm nach Australien komme ... dieser Lynx?«

»Er hat Ihrem Vater versprochen, für Sie zu sorgen, und so will er natürlich, daß Sie kommen.«

»Aber vielleicht denkt er, er müßte es aus einem Pflichtgefühl heraus tun, weil er sonst Gewissensbisse hätte.«

»Er besitzt weder ein Pflichtgefühl noch ein Gewissen. Er tut nur was er will, und er will nun einmal, daß Sie bei uns leben.«

»Warum?«

»Niemand fragt ihn jemals nach seinen Motiven. Er weiß, was er will, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«

»Er klingt wie ein unmöglicher Mensch!«

»Lynx ist alles andere als unmöglich, obwohl Sie das vielleicht bezweifeln, bis Sie ihn kennenlernen werden.«

»Sie reden von ihm, als wäre er eine Art Halbgott.«

»Nun, das ist wohl gar keine so schlechte Beschreibung.«

»Muß jeder ebenso ehrfürchtig zu ihm aufschauen wie sein Sohn?«

Er lachte. »Sie haben eine scharfe Zunge, Nora Tamasin!« »Glauben Sie, sie wird mich vor Ihrem Lynx beschützen?«

»Sie haben nicht begriffen: Er ist derjenige, der Sie beschützen wird!«

»Aber wenn ich nicht dortbleiben möchte, komme ich wieder nach England zurück!«

Er neigte zustimmend den Kopf.

»Ich bin sicher, es würden sich Wege und Möglichkeiten dafür finden«, fügte ich hinzu.

»Sie würden sie bestimmt finden!«

Ich hatte mittlerweile einen der Kuchen gegessen, er dagegen die ganze Platte! Er lehnte sich mit gekreuzten Armen im Sessel zurück und betrachtete mich, als amüsierte ich ihn. Ich wußte nicht, was ich von ihm halten sollte. Einer Sache war ich jedoch ganz sicher: Die ehrenwerten Herren von Marlin Sons and Barlow konnten nicht gewußt haben, daß er allein gekommen war, um mich mit zurückzunehmen, denn sie hätten das bestimmt ebenso unschicklich gefunden wie Miss Emily.

»Aber vermutlich ...« sagte ich zögernd, indem ich laut weiterdachte, »sind Sie so etwas wie eine Art Bruder.«

Er lachte. »Ich würde sagen, ja, Schwesterchen. Und damit ist alles in Ordnung. Aber du bist nicht dieser Ansicht.«

»Sie haben eine Art zu versuchen, die Gedanken anderer Menschen zu lesen ... Es gelingt Ihnen jedoch nicht immer.«

»Aber du freust dich.«

»Es ist noch zu früh, um diese Frage zu beantworten. Ich kenne Sie ja gar nicht.«

»Wir freuen uns, eine neue Schwester zu haben.«

Ich schwieg einen Augenblick und fragte dann: »Wie starb mein Vater?«

»Haben die dir das nicht gesagt?«

»Nein, es hieß nur, es sei ein Unfall gewesen.«

»Ein Unfall? Er hätte ihnen das Gold aushändigen sollen, dann wäre er nicht erschossen worden.«

»Erschossen!? Wer hat ihn erschossen?«

»Niemand weiß es. Er kam von der Goldmine und war auf dem Weg nach Hause. Er hatte Gold bei sich. Es war ein Hinterhalt. Sowas kommt oft vor. Diese Kerle haben einen Riecher für Gold. Sie wissen, wann jemand es bei sich trägt. Sie hielten das Fuhrwerk acht Kilometer vor Cradle Creek an. Dein Vater wollte das Gold nicht hergeben. So erschossen sie ihn.«

Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte geglaubt, er sei von einem Baum oder Pferd gestürzt. Der Gedanke an einen Mord war mir nie gekommen.

»Jemand hat ihn also ermordet!« sagte ich langsam.

Stirling nickte. »Es kommt hin und wieder vor. Es ist ein wildes Land, und ein Menschenleben ist dort weniger wert als hier.«

»Es war mein Vater!« Rasender Zorn packte mich, daß jemand mit einem Gewehr dahergekommen war und leichtfertig dieses kostbare Leben ausgelöscht hatte. Und so verdrängte ein neues Gefühl die Trauer und den Schmerz – der Zorn auf seinen Mörder.

»Wenn er das Gold hergegeben hätte, lebte er noch«, erklärte Stirling.

»Das Gold!« entfuhr es mir zornig.

»Hinter dem sind sie alle her. Das wollen sie alle haben.«

»Und dieser ... Lynx ... ebenfalls?«

Stirling lächelte. »Er will es auch. Er ist entschlossen, es eines Tages zu finden – also wird er es finden.«

»Wie sehr wünschte ich, mein Vater hätte sich diese Idee niemals in den Kopf gesetzt! Dann wäre er jetzt hier ...«

Diese Vorstellung war nicht zu ertragen. Ich wandte mich ab, denn Stirling sollte meine tiefe innere Bewegung nicht sehen.

»Es ist wie ein Fieber«, fuhr er fort. »Es setzt sich im Gehirn fest. Man denkt an all das, was man sich im Leben wünscht und daß man es alles haben kann, wenn man Gold findet ... echtes Gold ... Tausende von Klumpen.«

»Alles?«

»Alles was man sich vorstellen kann.«

»Mein Vater fand offensichtlich Gold und verlor sein Leben im Bemühen, dies Gold zu behalten – und ich verlor ihn.«

»Du stehst jetzt unter dem Eindruck dieses Schocks. Warte, bis du Australien kennenlernst. Dann wirst du es verstehen. Es ist ein herrliches Leben. Man weiß nie, wann man einen Fund macht. Es ist eine permanente Herausforderung, ein dauerndes Hoffen.«

»Und wenn man etwas findet, wird man von jemandem genau deshalb ermordet!«

»So ist das Leben dort. Dein Vater hatte Pech.«

»Ich ... ich hasse es!«

»Das Leben ist nun einmal so. Aber ich habe dich erschreckt. Ich hätte es dir schonender beibringen sollen. Aber die einzige Tatsache, die zählt, ist ja leider, daß es geschah.« Er stand auf. »Geh jetzt auf dein Zimmer, und ruhe dich ein Weilchen aus. Nachher werden wir beim Abendessen weiterreden. So ist es am besten.«

Ich ging in mein Zimmer hinauf. Sollten die Schocks denn gar kein Ende nehmen?, fragte ich mich. Mein Vater war ermordet worden! Kaltblütig ermordet! Es war einfach nicht zu fassen. Ich stellte mir vor, wie das Fuhrwerk die Landstraße entlangrumpelte, sah im Geiste die maskierte Gestalt hinter den Bäumen lauern und hörte die schrecklichen Worte »Halt! Her mit dem Gold! Wähle zwischen deinem Gold oder deinem Leben!« Ich sah meinen Vater ganz deutlich ... mit dem Gold in kleinen Säckchen an seinem Gürtel. Er hatte sich bestimmt gesagt: »Nein! Dies ist mein Gold ... meins und Noras.« Vielleicht plante er schon, mich nachkommen zu lassen, damit ich das große Glück und Vermögen mit ihm teilen konnte, falls es ein Vermögen war. Als der Gewehrlauf sich auf ihn richtete, weigerte er sich, sein Gold herzugeben, und bezahlte dafür mit dem Leben.

»Ich hasse Gold!« entfuhr es mir verzweifelt. »Ich wünschte, es wäre nie entdeckt worden!« Voll zornigen Hasses dachte ich an die gierig glitzernden Augen hinter der schwarzen Maske, an jene Hand, die kaltblütig abdrückte, und an den Schuß, der all mein Glück zerstörte. Oh, wie haßte ich den Mörder meines Vaters!

Er war nicht sofort gestorben. Man hatte ihn noch zu Lynx gebracht, wo er mir jenen Abschiedsbrief schrieb, als er schon im Sterben lag. Und es hätte nicht zu sein brauchen!

Stirling hatte recht. Ich mußte jetzt allein sein. Der Schock war fast ebenso grauenvoll, wie bei der Nachricht vom Tode meines Vaters. Es war also gar kein Unfall gewesen! ... Ein kaltblütiger, vorsätzlicher Mord!

Ich ging ans Fenster und schaute hinaus auf die Straße mit ihren alten Häusern. Ich konnte den Kirchturm sehen und die Türme jenes Besitzes, den sie Whiteladies nannten. Er sollte früher ein Kloster gewesen sein ... Die Nonnen hatten weiße Gewänder getragen ... Dieses Gasthaus hatte es bestimmt damals schon gegeben. Hier hatten die Pilger auf ihrem Weg nach Canterbury Rast gemacht – die letzte Rast vor Erreichen ihres Zieles. In den Anblick dieser alten Straße versunken, sah ich sie geradezu vor mir ... erschöpft und mit wundgelaufenen Füßen, aber erleichtert, weil der Wirt der Falcon Inn