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Ein Erzähler skurriler Geschichten über Darwin und die flache Erde, Kannibalismus und die Zahl Pi, stößt auf den Bericht eines missglückten Banküberfalls, der sein Interesse erregt. Auf der Suche nach Aufklärung begegnen ihm alte Bekannte und seltsame Orte, sowie sein Freund Gabriel, der sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden kann. Die ehrgeizige Schriftstellerin Monika beschert ihm aufregenden Sex, die liebenswerte Regina Nähe und Ernsthaftigkeit, aber auch Probleme mit einem Stalker. Eine dritte Frau, eine Prostatauntersuchung und seine demente Mutter machen ihm ebenfalls zu schaffen. Die bei gelegentlichen Besäufnissen abgehaltenen Besprechungen dieser Probleme der beiden Freunde sind möglicherweise nicht das Einzige, was die beiden verbindet.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2023
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You Can´t Get What You Want (Till You Know What You Want).J. Jackson
PROLOG
BEGINN
WALTER, DER LÜGNER
PAPIERMÄNNER (UND -FRAUEN)
WALTER, DER DIEB
FREIER FALL
DER DIEBSTAHL
KERNSCHMELZE
BOSNISCHE RIESENSUPPE
THE DAY AFTER
MIT DOPPELTER ZUNGE
DILEMMATA (DIE SELTEN GEBRAUCHTE MEHRZAHLFORM EINES WORTES, DIE ZUSEHENDS VERSCHELLT)
RUBRIK „ERSCHÜTTERNDE SCHICKSALE“
DER ÜBERFALL
UNERSÄTTLICH
DREI MÄNNER UND EIN ÜBERFALL
VATERLIEBE
3,14159265358979323846264338327950288…
PLAN C
DIE WAHREN HERRN DER FLIEGEN
SIE HABEN SO VIELE WASCHMASCHINEN GEWONNEN, WIE SIE MIT IHREN EIGENEN HÄNDEN TRAGEN KÖNNEN!
DER HINWEIS
ALS DIE BUNTEN FAHNEN WEHTEN
FRAU K.
BOOK AND A COVER
PERMANENT PRESENT TENSE
ÄQUATORTAUFE
HERDERS HÖHLE
A CURE FOR GRAVITY
MARIANAS FAIBLE FÜR DAS WETTER IN DER FERNE
EXSULTATE, JUBILATE
DER NATÜRLICHE TOD IN DER NEUZEIT
YOU CAN´T GET WHAT YOU WANT…
125% UND DIE ARTICULATIO HUMEROULNARIS
DIE KUNST DER GUTEN LÜGE
DER TEUFEL SCHLÄFT NICHT
DAS ERSTE MAL
PRETTY SICK ASSHOLE (DOKTOR HARTBACHERS KUNST DER ÜBERREDUNG)
DER INFORMANT
INTERLUDIUM
BANKTERMIN
MUTTERLIEBE
WUNDER DES GESTERN, WUNDEN DES HEUTE
MEIN FREUND FRANCOIS
DON´T EAT THE YELLOW SNOW
DER MIT DEM SCHAFSBOCK TANZT
BESUCH VON JACK
DER TURM DER KATHEDRALE
BESUCH UND IRRTUM
„I WANT TO BE DIFFERENT, LIKE EVERYBODY ELSE”
ALLES, WAS WIR JETZT NOCH BRAUCHEN
EPILOG
Im Jahre 1687 hat Sir Isaac Newton – ein Sir nicht seiner unzweifelhaften Verdienste um die Wissenschaft wegen, sondern um bei anstehenden Wahlen attraktiver für die Wählerschaft zu wirken - die Schwerkraft erfunden und seine Erfindung der Welt im Werk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica vorgestellt. Ab diesem historisch so bedeutsamen Zeitpunkt, oder vielmehr mit der anschließenden raschen Verbreitung der Gravitation in der damals bekannten Welt, schienen die Dinge auf der Erde endlich ihren festen Platz und ihre vorhersehbare Bestimmung gefunden zu haben. Von nun an ruhte ein Stein, solange er unberührt blieb, endlich fest auf dem anderen, fielen Äpfel zuverlässig von der Krone des Apfelbaumes auf die Wiese darunter, und bewegte sich eine aus einer Kanone geschossene Kugel endlich verlässlich auf einer vorherberechenbaren, durch eine Parabelfunktion beschreibbaren Flugbahn. Kurz, die Erde hatte ihre Erscheinungsform gefunden, so wie wir sie heute noch kennen, und eine bessere Erfindung hat die Schwerkraft als wesentliches Ordnungsprinzip des irdischen Lebens seither verdrängen können.
Beredtes Zeugnis für die Bedeutung dieser Erfindung liefern diverse historische Bilder, welche die chaotischen Zustände in den Epochen vor ihrer Einführung dokumentieren, naturgemäß keine Fotographien, sondern mit gekonntem Pinselstrich gemalte Dokumente der Unzuverlässigkeit. Man betrachte etwa die aus der heutigen Sicht als solche erscheinenden Verwirrungen in vielen Gemälden des so begabten Niederländers Bosch (Menschen, die sich auf fliegenden Fischen fortbewegen!), die architektonischen Verwerfungen in den Kunstwerken seines Landsmanns Bruegel (Der große Turmbau zu Babel), oder aber die perspektivischen Verzerrungen eines William Hogarth, ein Durcheinander deutlicher als bei letzterem scheint schwerlich denkbar.
Ein noch heute weithin sichtbares Mahnmal dieser ungeordneten Zustände, das sich in diesem Falle gar diesseits der Leinwände manifestierte, ist der berühmte schiefe Turm von Pisa, erbaut zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert, als das Lot als Maß der Orientierung in der Baukunst ganz augenscheinlich noch keine Gültigkeit besaß und selbst ein Turm mit so deutlicher Schieflage den nach heutigen Maßstäben augenscheinlich ungenügend ausgeprägten zeitgenössischen Ansprüchen an die Ordnung der Dinge noch zu entsprechen schien. Bei Kindern ist ja, meist bis ins 10. Lebensjahr, dieser archaische Zustand auch heute noch deutlich erkennbar, man betrachte nur ihre „naturalistischen“ Darstellungen ihrer Umwelt mit den fliegenden Kühen, schwebenden Gebäuden und die bei so vielen menschlichen Abbildern zu Berge stehenden Haare, um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie es in den Prä-Newtonschen Zeiten wohl überall ausgesehen haben mag.
Es sei noch angemerkt, dass es noch immer vorgebliche „Vertreter der Wissenschaften“ gibt, die behaupten Newton hätte die Schwerkraft nicht erfunden, sondern lediglich entdeckt, sie sei schon immer da gewesen, eine Naturkraft, die den Dingen seit Anbeginn der Zeiten innewohne. Allein, angesichts der absurden Folgen dieser Behauptung, welche es mit gleicher Gültigkeit zuließe, von einer Entdeckung des Himmels zu sprechen - von wem, von Hari Mulisch? Und erst so rezent? Was war dort oben vor Erscheinen des berühmten Buchs? -, oder von der Farbe Gelb - in welcher Farbe leuchteten Sonnenblumen in der Zeit vor ihrer Erfindung? -, scheint sich diese Mutmaßung ohne Zweifel selbst zu richten.
An diese Tatsachen sei in diesem kurzen Exkurs erinnert zum besseren Verständnis der im Folgenden geschilderten Ereignisse, die geeignet sein mögen zu verdeutlichen, wie wichtig eine ordnende Kraft im Leben eines jeden Menschen sein kann und welch unbefriedigende Ergebnisse es zu zeitigen vermag, wenn, ganz im Gegensatz dazu, Unordnung und Unentschlossenheit regieren. Man könnte daraus folgern: Der Mensch braucht Ordnung, der Mensch braucht klare Verhältnisse. Sonst droht aus einem Oben ein Unten zu werden, aus einem Ja ein Nein, und aus einem möglichen Leben in Erfüllung und Liebe ein Absturz ins Chaos und der Untergang.
Oder aber, und es fällt schwer sich in dieser Hinsicht letztgültig festzulegen, es ist eben gerade die Unordnung der Dinge, die unser Leben zu dem macht, was es ist und ihm den Reiz des Unvorhersehbaren und Besonderen verleiht. Es bleibt dem Leser dies zu entscheiden, uns hingegen bleibt nur die Tatsachen zu schildern, wie sie sich nach bestem Wissen und Gewissen zugetragen haben mögen.
Krieg, Hass? Lächerlich. Der wahre große Zerstörer dieser Welt ist die Liebe.
Die Liebe? Nein, du bist zynisch, du verdrehst die Dinge. Die Liebe ist unsere einzige Hoffnung in dieser kranken Welt. Das Einzige, was uns noch retten kann.
Nein,
du
verklärst die Dinge. Wenn uns alles egal wäre, die Mitmenschen, die Dinge, die Nationen, wir könnten friedlich zusammenleben, ohne Verzweiflung, ohne Begehren.
Aber ohne die Liebe gäbe es nichts, wofür es sich lohnt zu leben.
Und ohne die Liebe gäbe es nichts, wofür es sich lohnt zu sterben.
Walter war ein Lügner. Nicht ein Lügner aus der Not des Augenblicks („Ich habe die rote Ampel wirklich nicht gesehen, Herr Polizist!“), auch keiner aus Trägheit („Ich habe deine Rufe nicht gehört, sonst hätte ich dir doch geholfen!“). Nein, er war ein Lügner aus innerer Notwendigkeit, aus dem unstillbaren Drang, die Welt nicht als grau und langweilig zu akzeptieren, sondern ihr durch seine Lügen bunte Farbtupfer angedeihen zu lassen, ihr durch seine Lügen ein wenig Dramatik zu verleihen, und, auch dies war ein ganz wesentlicher Motor seines Tuns, um in dieser Welt durch seine Lügen einen Platz näher an der Sonne einzunehmen und sich aus der grauen Schattenwelt seiner Mitmenschen ein wenig emporzuheben ans Licht des Besonderen. Mit anderen Worten, Walter log, um das Leben spannender zu machen und cooler zu sein.
„Es war unglaublich, ich saß da mit meiner Gitarre auf der Treppe vor dem Gasthaus meines Onkels und schrieb an einem neuen Song“ – Walter hatte keinen Onkel, der ein Gasthaus besaß oder leitete oder sonst was, sein Onkel war Finanzbeamter – „und da ist ein Rolls Royce vorgefahren und der parkte direkt vor dem Haus. Und als sich nach einer Weile die hintere Türe öffnete stieg… George Harrison aus! ‚What did you play there?‘, hat er mich gefragt, denn ich hatte natürlich aufgehört zu spielen, als ich ihn aussteigen sah. ‚That sounded great. Play it again!‘ Es war einfach der Wahnsinn, das könnt ihr euch ja vorstellen! Ich war zwar irrsinnig nervös, aber ich habe ihm so gut es ging den Refrain des neuen Songs vorgespielt und er fand ihn gut. Sch-, sch-, schließlich hat ihm sein Bodyguard sogar seine Gitarre aus dem Kofferraum des Royce geholt“, - des Royce, das sollte besonders cool klingen, als wäre Walter bereits ganz ein Teil von George Harrisons Welt, einer von den Beautiful People, auch wenn sein einsetzendes Stottern bereits verriet, dass er an die Grenzen seiner eigenen Lüge zu stoßen begann, „und dann hat er ein paar Riffs dazu gespielt und ein kurzes Solo, ganz in seinem typischen Stil, diese weinerliche Leadgitarre, wie im Solo bei ‚Something‘, es hat phantastisch geklungen.“
Spätestens jetzt war uns, seinen Freunden und Mitspielern unserer ersten Band, klar geworden, dass Walter wieder einmal spintisierte, zeigen musste, dass ganz besondere Dinge nicht nur anderen, sondern auch ihm passierten.
„Nach ein paar Minuten stand er wieder auf von der Treppe und sagte, er müsse leider jetzt hinein, drinnen würde jemand auf ihn warten. Weil ich neugierig war, erzählte er nach einigem Zögern, dass er im Gasthaus Eric Clapton treffen würde, um ein neues Projekt zu besprechen, das noch geheim war.“
Damals wäre uns so eine geheime Zusammenkunft noch möglich und plausibel erschienen, zwei Weltstars konnten sich in unserer Vorstellung unmöglich einfach so, im nicht Geheimen treffen, sie wären von ihren Fans und Reportern überrannt worden, und dass auch der Inhalt des Projekts ein geheimer war, erschien uns ebenso eher normal, selbst wenn wir nicht hätten sagen können, warum.
Diese völlig absurde Story war eine typische Lügengeschichte von Walter, eine Geschichte, die so fantastisch und unglaublich war, dass sich schon niemand mehr die Mühe machte Walter offen zu widersprechen und sie als Lüge zu bezeichnen. Zu oft hatten wir erlebt, wie Walter unnachgiebig auf der Wahrheit seiner Hirngespinste bestand und wie allzu nachdrücklicher Zweifel daran lediglich die Stimmung in der Band vermieste und letztlich die Probe scheitern ließ, weil niemand mehr Lust hatte auf ein konstruktives und harmonisches Zusammenspiel.
Provoziert hatte den Lügenanfall unser Schlagzeuger Edwin, in dessen Gartenhütte auf dem Anwesen seiner Eltern sich unser Proberaum befand, oder besser gesagt, dessen Gartenhaus unser Proberaum war. Das Haus bestand nämlich nur aus einem Raum, und der war so klein, dass wir uns beinahe stapeln mussten, um mit unseren Instrumenten und den Verstärkern und Lausprechern Platz zu finden, allein das Schlagzeug nahm schon den halben Raum in Beschlag. Edwin hatte zur Probe eine alte, ziemlich ramponiert aussehende E-Gitarre mitgebracht und als wir erstaunt – er war ja Schlagzeuger und nicht Gitarrist – nachfragten, was es damit auf sich habe, erzählte er, dass diese Gitarre einmal John Lennon gehört hatte und, dass sie vor Kurzem sein Onkel – er hatte mehrere davon und, dass sie wohlhabend oder gar reich waren, schien nicht weiter ungewöhnlich – ersteigert hatte. Als diesem Onkel jemand erzählt hatte, dass sein Neffe, also Edwin, so wie wir alle damals, ein riesengroßer Fan der Beatles war, hatte er ihm die Gitarre nun für eine Weile „zur Ansicht“ geliehen. Und selbstverständlich, auch dies konnten wir mit Leichtigkeit als eine Wahrheit akzeptieren, wollte Edwin das gute Stück nicht allein im dunklen Kämmerchen bestaunen, sondern er musste es uns, seinen Bandkollegen und Freunden, vorführen, wissend und seinem großzügigen Charakter entsprechend, dass er uns damit Augenblicke allerhöchsten Glücks bescheren würde. Schließlich ergriff sofort jeder von uns die Gelegenheit zumindest kurz einmal auf jener Gitarre zu klimpern, die möglicherweise (so ganz und gar konnten wir diesem kleinen Wunder nicht trauen) einst in den Händen John Lennons gelegen hatte. Auch Walter musste darauf spielen, und er schien tatsächlich von uns vieren derjenige, der sich am allermeisten darüber freute. Die Nachwirkungen dieser Freude bescherte uns die Episode mit George Harrison, eine von vielen unglaublichen Stories, die Walter uns im Laufe unserer gemeinsamen Kindheit und Jugend auftischte und die erste, die mir nunmehr einfiel, als ich erfahren hatte, dass Walter gestorben war.
Die Erkenntnis, dass es sich tatsächlich um den Walter meiner Kindheit und Jugend handelte, löste Erschrecken und anfangs auch Ungläubigkeit in mir aus. Ein Anflug von Trauer, eher getragen von Sentimentalität, Wehmut und Nostalgie als vom Gefühl des Verlusts, mischte sich erst später dazu, als der erste Schock überstanden war und ich die Tatsache als solche realisiert hatte. Ich hatte Walter seit wohl 20 Jahren nicht mehr gesehen, kaum je mehr an ihn gedacht, und er spielte in meinem Leben auch keinerlei Rolle mehr. Lediglich bei einem der inzwischen seltenen Treffen mit meinem Freund Hannes, dem Leader und Frontman unserer damaligen Band, kamen wir einmal auf Walter zu sprechen und fragten uns, was wohl aus ihm geworden sei. Bloß, dass er in einem Kaff namens F. im benachbarten Bundesland gelandet war, hatte Hannes irgendwo gehört, was unser gemeinsamer Freund dort machte und mit wem, wusste auch er nicht. Trotzdem, Walter war nur ein Jahr älter als ich, was viel zu jung ist zum Sterben, wie mir schien, das fand ich äußerst beunruhigend. Andererseits, auf die Art wie er starb, auf dem Weg, den das Schicksal für ihn vorgesehen hatte, diese Welt zu verlassen, kann beinahe jeder zu jederzeit sterben, das Alter hatte hier keine Rolle gespielt. Und dennoch, ich fühlte mich noch so jung, und trotzdem schien mir als würden sich die Todesfälle in meinem Umfeld langsam häufen. Solange es einen nicht selbst erwischte, würde Morrissey in gewisser Weise also wohl recht haben damit, wenn er sang „My life´s an endless succession of people saying goodbye.“
Wie ich später beim Begräbnis, das ich vor allem aus sentimentalen Gründen besuchte, im Gespräch mit seinen Geschwistern erfuhr, und wie es diese wiederum als die wahrscheinlichste Variante, wie sich alles abgespielt haben mochte, von der Polizei mitgeteilt bekommen hatten, war Walter, nach einer Firmenfeier leicht betrunken und jedenfalls übermüdet, beim Nachhauseweg am Steuer seines Wagens eingeschlafen, durchbrach mit dem Auto einen Gartenzaun und landete schließlich damit in einem Swimmingpool. Vielleicht um sich im Fahrtwind wachzuhalten oder aber um sich nötigenfalls zum Sich-Übergeben rasch aus dem Fenster lehnen zu können, waren die Scheiben der Vordertüren heruntergelassen, was sich letztlich als fatal erwies, weil sich so das Auto binnen Sekunden mit Wasser füllen konnte. Ob er kurz noch aufwachte und beim Sturz wieder bewusstlos wurde, weil er sich – nicht (mehr?) angeschnallt - den Kopf angeschlagen hatte, war nicht zu rekonstruieren, Tatsache war allerdings, dass er letztlich ertrank, eingeschlossen in seinem Auto, am Grunde eines ein Meter fünfzig tiefen Pools.
So ähnlich - „Mann ertrank im Auto im Swimmingpool“ – lautete auch die Pressemeldung, durch die ich auf dieses Ereignis gestoßen war. Der Vorfall klang zwar als solches noch nicht sonderlich spektakulär, aber ich beschloss nach Details zu suchen, der Unfall wäre möglicherweise durchaus geeignet für meine Zwecke. Als ich dann online fand, dass es sich beim Unfallopfer um den 46-jährigen Walter W. aus F. handelte, wurde ich stutzig, diese Kombination von Namen, Ort und Alter schien mir irgendwie bekannt und zu unwahrscheinlich für einen bloßen Zufall. Schließlich suchte ich nach seinem vollen Namen und wurde fündig, vom Bildschirm lachte mir das wohl merklich älter gewordene, aber immer noch vertraut wirkende Gesicht von Walter aus seiner Todesanzeige entgegen. Für meine Arbeit war er damit gleichsam ein zweites Mal gestorben, denn auf keinen Fall wollte ich über den Unfall eines Freundes, und sei die Freundschaft noch so sehr erkaltet und zur bloßen Erinnerung verkommen, in der Rubrik „Kuriose Ereignisse und Todesfälle aus aller Welt“ berichten, jene zwar manchmal durchaus auch sensationslüsterne, aber bislang niveaumäßig dennoch nicht völlig ins bodenlose gesunkene Unterhaltungsseite einer lokalen Zeitung, deren Ausgestaltung mein keineswegs luxuriöses Leben mitfinanzierte.
„Ghosting nennt man das, was du mir angetan hast, weißt du das?“ fragte Gabriel, schlug sein rechtes über das linke Bein und lehnte sich mit einem fragenden Blick in seinem Stuhl zurück.
„Ja, davon habe ich schon einmal gehört,“ antwortete Regina mit leiser Stimme, „aber was es ganz genau ist, das weiß ich nicht, ich habe keine Ahnung von solchen Dingen. Ich bin wohl schon zu alt für solchen neumodischen Kram.“
„Für die Worte vielleicht, das mag sein, für die Taten ganz augenscheinlich nicht.“
Gabriel schüttelte den Kopf, neigte sich leicht vor und legte die Hände auf den Tisch, die Handflächen nach oben, als wollte er etwas in Empfang nehmen. Er fuhr fort: „Dabei haben wir uns so gut verstanden, ich hatte wirklich das Gefühl, dass wir uns näher kommen würden, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde, bis wir uns endlich einmal treffen könnten. Und dann plötzlich, ganz ohne Ankündigung, ganz ohne einen Grund anzugeben, hast du nicht mehr geantwortet, warst du von einem Tag auf den anderen weg und hast keines meiner Mails mehr beantwortet. Das nennt man Ghosting“, Gabriel nickte sich selbst zustimmend, „dass man einfach aus dem Leben von jemand anderem verschwindet, ohne Erklärung warum und weshalb, und vor allem ohne, dass der andere eine Möglichkeit hätte, noch Kontakt aufzunehmen.“
„Aber genau deshalb sind wir jetzt hier“, unterbrach ihn Regina, „genau aus diesem Grund habe ich dich um dieses Treffen gebeten. Ich hoffe nämlich, ich kann dir verständlich machen, warum das passiert ist, ich hoffe, ich kann dich dazu bringen mich zu verstehen und mir zu vergeben“.
Regina nestelte nervös am Reisverschluss ihres Sweaters.
„Es war wirklich so, ich war noch nicht bereit dich zu treffen damals, und im Grunde wäre das auch jetzt noch so, aber ich war mir sicher, dass ich es dir in einer geschriebenen Nachricht jetzt nicht mehr so vermitteln hätte können, dass du es akzeptieren würdest. Und ich wollte dir auch zeigen, dass ich es ernst meine, dass ich nicht einfach wieder verschwinden werde. Wenn du möchtest, erfährst du hier und jetzt meinen Nachnamen, meine Adresse, meine Telefonnummer, was immer du brauchst, um dir sicher zu sein. Aber höre mir bitte einfach zu und entscheide dann, ob du mich immer noch kennen lernen willst. Ich würde das liebend gerne tun. Denn genau wie du, hatte ich das Gefühl, dass wir gut zusammenpassen, dass du jemand sein könntest, mit dem ich zusammen sein will. Ich wollte mir nur noch etwas mehr Zeit geben, noch etwas geduldig sein und nichts überstürzen.“
Gabriel und Regina hatten sich über eine Dating-Plattform kennengelernt, wobei kennengelernt übertrieben oder irgendwie falsch ausgedrückt scheint, sie hatten sich virtuell kennengelernt, sich gegenseitig Nachrichten geschrieben, einer dem anderen die Ansichten über Gott und die Welt dargelegt und dabei hatten sie zunehmend mehr Gemeinsamkeiten gefunden. Ihr Austausch hatte schon einen neckischen Ton angenommen, beide freuten sich täglich darauf dem anderen zu schreiben und vom anderen zu lesen. Und langsam wurde Gabriel schon etwas ungeduldig, hatte wiederholt ein echtes Treffen vorgeschlagen, von Angesicht zu Angesicht, wurde aber nicht fordernd dabei, um Regina ja nicht zu vergrämen, gar zu vertreiben. Aber dennoch, eines Tages, ohne irgendeine Vorwarnung, ohne das geringste Zeichen einer sich anbahnenden Verstimmung, blieb plötzlich Reginas Antwort aus, ein neuerliches Schreiben am nächsten Tag blieb ebenso ohne Echo, und nachdem sie auch auf eine dritte Nachricht Tage später nicht antwortete, begann Gabriel zu akzeptieren, dass Regina ein Geist geworden war, dass er seine Hoffnung in ihr eine neue, zukünftige Partnerin gefunden zu haben, begraben musste.
Und plötzlich, Monate später, in Gabriels Leben hatte sich vieles ereignet und er hatte die Suche nach einer Partnerin auf der Plattform erfolglos abgebrochen, keine der Frauen, mit denen er sich nach Reginas Verschwinden noch austauschte oder oft sogar traf, konnte seiner virtuellen Auerwählten das Wasser reichen, da meldet sie sich wieder, hatte sie seine E-Mail-Adresse ermittelt und sich ihm zu erkennen gegeben als Regina Smetana. Ja tatsächlich, Smetana, wie der tschechische Komponist der „Moldau“, was Gabriel überaus passend erschien, war doch eines der vielen Themen, zu denen sie sich ausgetauscht hatten, klassische Musik gewesen.
Zuerst hatte Gabriel gezögert, hatte sich doch in seinem anderen Leben, dem echten diesseits der Matrix, wie er es selbst bezeichnete, etwas ergeben, gerade dann als er aufgehört hatte zu suchen, eine Beziehung, bei der es eine bloß virtuelle Annäherung gar nie gegeben hatte, bei der auch im physischen Kennenlernen einige Stufen übersprungen worden waren, direkt ins Bett hinein, das er mit dieser so ganz und gar nicht virtuellen Bekanntschaft bereits zweimal geteilt hatte.
Aber trotzdem, als Regina ihm ein zweites Mal geschrieben hatte und diesmal gleich ein Treffen vorschlug, konkret einen Treffpunkt und eine Uhrzeit nannte, da siegte seine Neugier, und vielleicht, das musste er sich trotz allem eingestehen, keimte auch erneut Hoffnung in ihm auf, Hoffnung darauf, dass es doch noch klappen könnte, und er sagte dem Treffen zu.
Und ehe ich vergesse es zu erwähnen, weil es zu allem anderen so gut passt und das Bild, das ich von Walter stets erinnern werde, sich erst mit diesem Aspekt vollends abrundet: Walter war nicht bloß ein Lügner, er war auch ein Dieb. Aber ebenso wie seine Lügen nicht etwa einem verdorbenen Charakter entsprangen, sondern vielmehr einem Bedürfnis nach Anerkennung, war auch das Stehlen nicht einer kriminellen Veranlagung meines Freundes geschuldet, sondern Walters Familie war einfach etwas ärmer als die meine oder auch als die unserer meisten Freunde. Und so ergab es sich, dass immer wieder einmal nach dem gemeinsamen Schlagen wilder Schlachten zwischen Cowboys und Indianern oder zwischen Nord- und Südstaaten-Soldaten auf den weiten Ebenen des Fußbodens meines Zimmers und den gefahrvollen Anhöhen meines Bettes und meines Schreibtisches die eine oder andere Spielfigur fehlte, die dann später, bei den selteneren Gelegenheiten, bei denen wir in Walters Wohnung zusammenkamen, dort unerwartet wieder auftauchte. Im Lügen geübt und phantasiebegabt, wie Walter es war, erklärte er die Herkunft der Figuren stets mit den unwahrscheinlichsten und absurdesten Geschichten, reduzierte er die Gleichheit „seiner“ Figuren mit meinen vermissten zur bloßen oberflächlichen Ähnlichkeit und tat gar bestimmte unleugbare, wiedererkennbare Eigenheiten wie die an charakteristischer Stelle abgeblätterte Farbe oder einzigartige Kratzer als Zufall oder schlichten Irrtum ab. Aber weder ich noch sonst jemand, der einmal betroffen war von Walters „Sammeleifer“, konnte ihm ernsthaft böse sein, dazu war Walter viel zu bescheiden und, man muss das anerkennen, klug in seinen Untaten. Denn nie klaute er ein Prunkstück oder sonst eine Figur, an der das Herz des Bestohlenen allzu sehr gehangen hätte, immer beschied er sich mit dem Mittelmaß, war er zufrieden mit einer halbwegs tauglichen Beute, deren Verlust den Bestohlenen nicht allzu sehr bekümmern mochte.
Ein Diebstahl, wahrscheinlich ein ohnehin bloß erfundener, noch dazu der eines wohl ebenso erfundenen Objekts, war es auch, der mir diesen Job beschert hatte, diese seltsamen aber doch unzweifelhaft perfekt in unsere eigenartige Zeit passende Art des Broterwerbs.
„Er war am Anfang echt nett und charmant, so wie du. Ich meine, nicht genau wie du, aber eben auf seine eigene Art, auch sehr nett.“
Regina atmete tief durch, schien sich zu sammeln, nach den rechten Worten zu suchen.
„Wir haben uns über ganz andere Dinge geschrieben, nicht über Bücher oder Musik, aber über Haustiere zum Beispiel, das war zwischen uns beiden ja kein Thema wegen deiner Katzenallergie. Er hingegen hatte selbst eine Katze, obwohl ich mir da inzwischen nicht mehr so sicher bin, vielleicht war das nur eine Erfindung von ihm, um mehr mit mir gemeinsam zu haben. Und ein Monty Python Fan war er auch, so wie du und ich, aber auch da habe ich jetzt meine Zweifel. Jedenfalls wollte er mich auch immer treffen, viel dringlicher als du, aber ich konnte ihm das stets ausreden, auch wenn es ein bisschen lästig war. Du warst da viel geduldiger, ich weiß das jetzt zu schätzen.“
Gabriel hörte interessiert zu, nickte kurz, warf aber ein: „Naja, ob ich es noch sehr lange ausgehalten hätte, weiß ich nicht, ich wollte ja keine Brieffreundin, sondern eine Partnerin aus Fleisch und Blut. Aber ich denke, ich hätte dich schon noch sanft überredet, es ging mir ja nicht darum gleich Sex zu haben, sondern endlich ein reales Gegenüber. Ich wollte dich reden hören, lächeln sehen, einfach mit einem Menschen kommunizieren, nicht mit einem Bildschirm.“
„Ich denke schon auch, dass ich irgendwann bereit gewesen wäre, noch nicht sofort, aber bald. Aber lass mich weiter erzählen“, unterbrach Regina Gabriels Einwurf. „Als er dann trotzdem allzu sehr drängte, da unterbrach ich den Kontakt, schrieb auf seine Nachricht zwei Tage lang nicht zurück. In derselben Zeit hatten wir beide, du und ich, es sehr lustig online und ich war mir schon ziemlich sicher, dass du in Frage kämst für mich, mit ihm hatte ich da eigentlich schon abgeschlossen.“
Reginas Blick wanderte durchs Lokal, ihr Gesichtsausdruck verriet, dass ihr die Erinnerung unangenehm war.
„Dann hat er mir gleich mehrmals hintereinander geschrieben, drei Nachrichten an einem Tag, zuerst mit der flehentlichen Bitte, dann immer dinglicher fordernd, dass ich endlich antworten möge. Schließlich gab ich nach und schrieb ihm, dass ich sein Drängen nicht mochte, dass es mir unangenehm war. Da wechselte er wieder den Ton und fragte noch einmal ganz freundlich, ob nicht doch ein Treffen möglich wäre. Und weil ich mir das Problem für den Moment beiseiteschieben wollte, erfand ich eine Ausrede, schrieb, dass ich diesen Monat Nachdienste hätte und wenig Zeit untertags, er müsse sich weiter gedulden. Und ab da wurde es plötzlich ganz seltsam.
Er schrieb: du hast doch um 16 Uhr Dienstschluss, da ginge sich ein Kaffee perfekt aus, bevor du nach Hause fährst!
Ich fragte zurück: Was? Woher weißt du das, wie kommst du zu der Information?
Er: Das hast du mal erwähnt in einer deiner Nachrichten.
Ich durchsuchte unsere Nachrichten, fand aber nichts dazu, fragte nach: Stalkst du mich, weißt du wer ich bin?
Er antwortete: Nein, ehrlich, das hast du mir geschrieben…
Damit war für mich dieser Kontakt erledigt, ich beschloss nicht mehr zu schreiben, ihn aus meiner Kontaktliste zu löschen, das war mir richtig unheimlich geworden. Blöderweise schriebst aber du mir genau ab diesem Zeitpunkt auch nicht mehr, ich war mit einem Schlag von meiner virtuellen Polygamie in ein ungewolltes Jungferndasein zurückgeworfen, der eine entpuppte sich als verrückt, der andere war plötzlich verschollen.“
„Aber wie kann das sein“, fragte Gabriel nun, „ich habe dir doch mehrmals geschrieben und du hast mir nicht geantwortet, nicht umgekehrt!“
Um verständlich zu machen, wie mir die traurige Geschichte von Walter letztlich zu meinem Job verhalf, muss ich ein wenig ausholen, von einer bereits früh entwickelten und noch immer bestehenden Leidenschaft berichten. Schon seit ich denken kann, hege ich nämlich ein ausgeprägtes Interesse an naturkundlichen Dingen, wenn vielleicht auch nicht in dem Ausmaß wie es die Biografien manch berühmter Entdecker und Erfinder so blühend schildern. Weder riss ich als Kind einer Fliege die Flügel aus um ihr Verhalten am Boden zu studieren, noch steckte ich einem Frosch eine Zigarette in den Mund, um zu beobachten, ob er sich dann tatsächlich aufbläht und letztlich explodiert, wie einige meiner Freunde gehört oder irgendwo gelesen hatten. Zugegeben, ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass wir mit einer Lupe bewehrt Ameisennester ausräucherten, aber das war weniger biologischem Interesse geschuldet als kindlichem Sadismus beziehungsweise dem Ausleben vorpubertärer Allmachtsfantasien, die zum Glück nicht von Dauer waren. Ich war auch nicht am Innenleben komplizierter mechanischer oder elektronischer Geräte interessiert, zumindest nicht so dringend, dass ich alles unbedingt zerlegen musste, um es danach nie mehr wieder zusammensetzen zu können. Aber die Erkundung und Eroberung der Welt, das beflügelte schon früh meine Fantasie, der Vorstoß der Entdecker in unbekannte Gefilde, ihre Reisen ins Ungewisse, die Gefahren und Abenteuer, die damit verbunden waren. Dabei verschlag ich ernsthafte, naturwissenschaftlich fundierte Bücher mit gleicher Begeisterung wie vorwiegend fantastische Bücher, Abenteuerbücher, die es mit den Fakten nicht ganz so genau nahmen. Bei Letzteren faszinierten mich vor allem jenen Geschichten, die das Ende der Welt zum Thema hatten, den unendlichen Abgrund, der sich am Rande der Erde auftun würde. Für die großen Entdecker, so wollten diese Geschichten ihre Leser glauben machen, lauerte dort die Gefahr über den Weltenrand zu segeln, auch nur in seine Nähe zu kommen wäre gefährlich, weil sich dort, am Ende der Welt, das Wasser der Meere in unbekannte Tiefen ergießen und alles, was dem Rand zu nahe käme, mit dem Sog eines überdimensionierten, gigantischen Wasserfalls, ins Verderben ziehen würde. Dabei wussten ja nicht erst Kolumbus und seine Entdeckerkollegen, sondern schon die ganze mittelalterliche Welt von der Kugelform der Erde. Und ja, die großen Schiffsreisen jener Zeiten waren gefährlich, man war abhängig von Wind und Wetter, selbst harmlose Erkrankungen konnten den Tod bedeuten, und sogar der Skorbut blieb bis ins 19. Jahrhundert eine Bedrohung für die Seemänner dieser Welt. Aber über den Weltenrand zu stürzen, dieser Gefahr wähnten sich die Seeleute damals nicht mehr ausgesetzt. Über die Erdkugel wusste man bereits seit dem Altertum Bescheid, schon Platon hatte 400 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung über die Kugelgestalt der Erde spekuliert, Ptolemäus keine 300 Jahre später bereits den ersten Globus konstruiert. Und um noch einmal auf Kolumbus zurückzukommen, vor gar nicht langer Zeit erst wurde die Vermutung geäußert, dass die Entdeckung Amerikas auf die falsche Berechnung des Umfangs der ihm bekannten Erdkugel zurückgeht, auf den Unterschied zwischen italienischer und arabischer Meile, welchen der Italiener vergaß zu berücksichtigen. Hätte Kolumbus nämlich dem Erdumfang richtig berechnet, so wird spekuliert, und gewusst wie groß die Kugel tatsächlich ist, er wäre wohl gar nicht erst losgesegelt, weil ihm das viel zu weit gewesen wäre.
Für uns „aufgeklärte“, moderne Menschen scheint, bei allem Wahnsinn, der auch in diesen Zeiten noch allgegenwärtig ist, zumindest die äußere Form der Erde seit langer Zeit kein Streitpunkt mehr. Zwar wundert sich jedes neugierige Kind in einer bestimmten Entwicklungsphase immer wieder von Neuem, warum „die Menschen da unten“ denn nicht einfach von der Erde fallen oder wenigstens, wenn sie schon den ganzen Tag auf dem Kopf stehen müssen, nicht unter ordentlichen Kopfschmerzen leiden. Aber trotzdem, im Großen und Ganzen hat sich unter den Erwachsenen die Vorstellung von der Erde als einer Kugel weitgehend durchgesetzt.
In den letzten Jahren, allerdings, stimmt sogar das nicht mehr wirklich, und eine scheinbar wachsende Anzahl an Menschen, die sich selbst stolz als Flat-Earther oder Flacherdler bezeichnen, zieht die Kugelform der Erde wieder ernsthaft in Zweifel, vertritt mit Vehemenz die Überzeugung, dass die Erde letztlich doch eine Scheibe ist, und dass wir Andersgläubigen einer weltweiten Verschwörung auf den Leim gegangen sind, ohne dass je deutlich würde, wozu diese Verschwörung dienen sollte und wer einen Nutzen davon hätte.
Ich hatte diesen Irrsinn in den letzten Jahren mit Amüsement und zugegeben auch einer gewissen Irritation verfolgt, diverse „Videobeweise“ angeschaut, die die „Kugellüge“ zu widerlegen glaubten und mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, wie groß diese Gruppe der Flacherdler geworden war, oder zumindest wie lautstark sie sich im digitalen Raum zu äußern vermag, es ist ja schwer zwischen Zahl und Penetranz zu unterscheiden im Internet.
Zu einem nicht unbeträchtlichen Teil war mein Interesse für diesen Unfug dem Wirken meines Freundes Herder geschuldet, einem gestrauchelten Genie, glänzenden Fotographen, Philosophen und Trinker. Wann immer wir spät abends oder nachts aufeinander trafen, zumeist zufällig als Treibende zwischen den Bars dieser Stadt, hatten wir es uns zur Angewohnheit gemacht, philosophische Konzepte, technische Entwicklungen und nicht zuletzt abstruseste Weltverschwörungstheorien zu diskutieren, wobei jene von der Scheibenerde und ihren wahnwitzigen Verfechtern einen besonderen Platz eingenommen hatte.
Warum Herder gerade die Flacherde so sehr beschäftigte, weiß ich selbst heute noch nicht, ich nahm an, dass ihm manchmal einfach langweilig war, weil er keinem geregelten Job nachging, seinem Beruf und seiner Berufung als Fotograph nur nach Lust und Laune nachging. Ab und zu jedenfalls, das hatte er mir selbst eröffnet, überkam Herder der unstillbare Zwang den „Beweisen“ der Flacherdler etwas entgegenzusetzen, ihre zuweilen verwirrend komplexen Argumente auseinanderzuklauben und sich und der ganzen Welt deutlich zu machen, welchen Unsinn sie von sich gaben. Zumeist begnügte er sich damit auf den sozialen Plattformen, wo die Flat-Earther ihre kruden Gedanken abgesondert hatten, seine eigenen Kommentare anzufügen und in wunderschön formulierten, logisch strukturierten und ellenlangen Sätzen ihre Beweisführung nach Strich und Faden auseinanderzunehmen. Und wenn die Flacherdler mit besonders großem Aufwand gar einen Film fabriziert hatten, mit komplexen Grafiken und scheinbar wissenschaftlich-fundierten Animationen aufgepeppt, dann zahlte er manches Mal gar mit gleicher Münze zurück, scheute weder Aufwand noch Mühe, um ebenso elaborierte Filme zu gestalten, in denen er die Fehlschlüsse seiner Kontrahenten gnadenlos offenlegte und die absurden Folgen, wären die Flacherdler-Theorien wahr, bis in die letzte haarsträubende Konsequenz ins Lächerliche zog.
