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Vordiplomarbeit aus dem Jahr 2000 im Fachbereich Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...), Note: 1,0, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover (Politisches Institut), Sprache: Deutsch, Abstract: Staat, Reich und Nation sind differente Konzepte. Es sind Ordnungen von unterschiedlicher Beschaffenheit und unterschiedlichem Wesen. Doch ihre Vereinbarung war und ist Ziel reaktionären Interesses. Im Zentrum des Texts steht die Philosophie des einflussreichen Staats- und Verfassungsrechtlers sowie Theoretikers Politischer Theologie Carl Schmitt, der in seinem "Leviathan" das Völkische eines Deutschen Reiches als Motor und Absicherung für einen totalen Staat denkt und propagiert. Dem Antisemitismus wird von ihm eine buchstäblich – entscheidende – Bedeutung beigemessen. Schmitt wurde in der BRD weitgehend rehabilitiert und wieder hoffähig gemacht. Seine Staatsrechtslehre, wie die Wendung gegen den Rechtspositivismus des liberalen Verfassungsstaates, floss in die substanzhafte Wertordnung Grundgesetz ein und half bei der Restauration der 1945 zerstörten bürgerlichen Ordnung zur 'wehrhaften Demokratie'. Vor allem in den Notstandsgesetzen fand das 'Freund-Feind-Denken', wenig überraschend, eine treffliche Verwendung und intellektuellen Beifall. Die politische Philosophie Schmitts verspricht eine moralische und identitätsbildende Politik zu rekonstruieren, die ein technokratisch-rationalistisches Leitbild ablöst und wieder Moral, Ethik und Sinn der Gemeinschaft stiftet – nicht weniger als die Wiederkehr der großen gemeinsamen Werte.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Die Erfindung des völkischen Staats
Carl Schmitts Interpretation des „Leviathan“ von Thomas Hobbes
Ralf Steckert / Januar 2000
(Überarbeitet im Juni 2020)
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Coverbild: Briefmarken Deutsches Reich, Jahrgang 1924, Neuer Reichsadler, Paar 10 Pfennig, waagerecht gestempelt
Einleitung: Warum der „Leviathan“?
I. Macht und Wille als Politik
1.) Der faschistische Staat: Staatswerdung und Wesen des Staates bei Carl Schmitt
2) Die Volksgemeinschaft: Das Verhältnis von Bekenntnis und Glauben bei Carl Schmitt
3.) Die Gleichschaltung: Legalität und Legitimität bei Carl Schmitt
4.) Die Negation des Widerstandsrechts
5.) Ein neues Völkerrecht : Das Verhältnis der Leviathane zueinander
II. Deutscher Mythos und Antisemitismus als Politik
1.) Die antisemitische Mythologie bei Carl Schmitt
2.) Der völkische Staat: Carl Schmitt im Kampf gegen den „jüdischen Geist“
III. Reaktion und Rezeption
1.) Rückblick
2.) Ausblick
Literatur
Wenn man heute von Carl Schmitt (1888 - 1985) gemeinhin hört oder liest, werden für gewöhnlich, ganz um objektive Ausgewogenheit bemüht, drei Informationen mitgeliefert. Erstens sei er „umstritten“, zweitens wäre seine Biographie „vieldeutig“ oder „schillernd“, drittens, und das wäre wohl das beachtlichste, wäre sein Werk von höchstem wissenschaftlichen Rang. Nun, die Wissenschaft soll dem Mann schließlich gerecht werden. So wird Schmitt nach wie vor tapfer gegen den Vorwurf verteidigt, er sei der „Kronjurist“ des Dritten Reiches gewesen, dabei ist eine derartige Position faktisch seit langem aus der akademischen Diskussion verschwunden. Seit einigen Jahren also sehen daher eben jene Informanten wieder eine auch öffentlich brauchbare Referenz in ihm. Inspirierend wirkte sein Denken ohnehin durchgängig. Innerhalb des Nachkriegskonservatismus ist Schmitts Wirkmächtigkeit umfassend: es gibt nahezu keinen konservativen oder neokonservativen Autor, der sich nicht von ihm beeinflußt fühlen muß. Schmitt wurde in der BRD weitgehend rehabilitiert und wieder hoffähig gemacht. Seine Staatsrechtslehre, wie die Wendung gegen den Rechtspositivismus des liberalen Verfassungsstaates, floß in die substanzhafte Wertordnung Grundgesetz ein und half bei der Restauration der 1945 zerstörten bürgerlichen Ordnung zur „wehrhaften Demokratie“. Vor allem in den Notstandsgesetzen fand das „Freund-Feind-Denken“[1], wenig überraschend, eine treffliche Verwendung und intellektuellen Beifall[2]. Schmitt starb hoch anerkannt, als Träger mehrerer Festschriften, im ebenso hohen Alter von 97 Jahren.
Seit der Erledigung des „short century“ (E. Hobsbawm) 1990 wird sein Werk zunehmend im Konservatismus und der Neuen Rechten, wie auch von pragmatischen ‚Querdenkenden‘ verschiedenster Couleur rezipiert und angeeignet. Es wird in politischen Kommentaren, rechtsphilosophischen Arbeiten und in Publikationen wie der „Jungen Freiheit“, „Nation Europa“ und dem Feuilleton der „FAZ“ diskutiert. Zahlreiche Schmitt-Apologeten, wie Armin Mohler, Günter Maschke, Helmut Rumpf oder Rüdiger Altmann finden dort ihre Geistesverwandten. Andere wieder, wie der Schmitt-Biograph Paul Noack geraten in faszinierte Beliebigkeit. Heute liegt in diesen ‚neuen‘ alten Einflüssen auf das politische Geschehen im Zuge der vollendeten „geistig-moralischen Wende“, der Herstellung einer „selbstbewußten Nation“, die „wieder Werte braucht“, einer gelungenen revisionistischen „Vergangenheitsbewältigung“ und „visionären“ Problemlösungen, eine gefährlich gesteigerte Aktualität der politischen Philosophie Carl Schmitts. Sie verspricht eine moralische und identitätsbildende Politik zu rekonstruieren, die ein technokratisch-rationalistisches Leitbild ablöst und wieder Moral, Ethik und Sinn der Gemeinschaft stiftet – nicht weniger als die Wiederkehr der großen gemeinsamen Werte. Die Grundlage der heutigen Debatten bestellt beileibe nicht allein das konservative Personal, Sozialdemokratie und Öko-Pax haben vor allem durch außenpolitische Richtlinien und Praxis (jüngst aber auch durch innenpolitische Begünstigungen) die parteipolitische Konkurrenz in Fragen der Standortbestimmung deutscher Befindlichkeiten geradewegs ‚deklassierend‘ überflügelt.
Die Auseinandersetzung um Schmitt ist tatsächlich eine akademische. Dennoch, wie die individuelle Biographie dieses Juristen gleichsam „normalisiert“ wird, ist beispielhaft für das politische Klima im Umgang mit deutscher Historie. Die Würdigung des „Theoretikers der Gegenrevolution“[3] bedurfte schon einer geschichtsklitternden Beschönigung, ehe sie erfolgreich sein konnte. So wurde Schmitt selber gerne beim Wort genommen, wenn es um seine Vergangenheit vor 1945 ging. Dieser verwies auf seine gescheiterte Karriere und genierte sich nicht, sich als politisch Verfolgten darzustellen dessen verdeckter Widerstand enttarnt worden war. Als ein Beleg galt ihm, wie später auch seinen Exegeten, die 1938 verfaßte Schrift - „Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes - Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols“ [4]. Dort, meinte Schmitt, habe er zum einen das herrschende System als gescheitert entlarvt, also fundamental kritisiert. Zum zweiten gab er vor, seine Rolle, als klandestiner, subversiv denkender Widerständler gegen den NS, ob des Terrors natürlich versteckt, verewigt zu haben. Er sei Angehöriger jener Schwäche ausnutzenden „stillen“ Gruppe von Menschen gewesen, die als eine „Gegenkraft des Schweigens“ die gebotene Souveränität der Staatsführung untergraben habe. Willig wurde dieser Versuch der Rettung angenommen. Für seine Anhänger ohnehin ein opponenter Geist, war er für andere ein großer Denker mit zwischenzeitlicher Indisponiertheit, dessen „schlimme Entgleisungen“, „Irrtümer“ oder „opportunistische“ Anpassung einer kurzen Periode einen nicht zu kleinlichen Umgang erfahren sollten; zumal er ja, wenn auch zugegebenermaßen zu leise, dokumentiert eine ablehnende Position bezogen habe. Das Gegenteil erscheint mir richtig.
