Die Erinnerung - Bernd Strohmeyer - E-Book

Die Erinnerung E-Book

Bernd Strohmeyer

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Beschreibung

Die Erinnerung formt die Persönlichkeit. Sie kann mit Altem belasten und zu Neuem befähigen. Rahmid, der hohes Risiko im Leben braucht und eine wüste Vergangenheit hat, verliert seine Erinnerung mit einem Schlag. Er war als typischer moderner Mensch von einer religiösen Gemeinschaft ausgewählt, die krisenhaft veränderte Erde retten zu helfen. Die Mission verlief nicht wie erwartet. Doch jetzt ist er frei, hat eingefahrene Denkweisen und Vorurteile hinter sich gelassen. Zwar fehlen ihm auch Erfahrungen und Beziehungen, aber er sieht die Welt neu und bewusster. Mit den inzwischen gewonnenen Einsichten will er Rat geben. Dabei versuchen er und die trotz Verlustängsten willensstarke Christa zu klären, wie Liebe glücken kann - während beide in immer wieder dramatischem Geschehen um ihr Leben zu kämpfen haben ... Denn das Leben auf der Erde leidet unter menschlicher Gewalt, Selbstüberschätzung und Ungerechtigkeit. "Im Streben nach persönlichem Glück sehen wir immer nur uns, wir sehen, was uns fehlt und was für uns präsent ist. Für die eigentlichen Grundlagen unserer Existenz sind wir blind." Deshalb ist es notwendig, sehen zu lernen und Verantwortung zu übernehmen. Rahmid, Christa und einige, denen sie auf ihren Wegen begegnen, lernen aus verschiedenen Wirklichkeiten und beispielhaften Geschichten, in denen Erkenntnisse aufblitzen und die motivierende Botschaft zu finden ist: "Was wir zum Überleben brauchen, ist bereits in uns: Mitgefühl, Weisheit und Bewusstsein."

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ich danke meinem Freund und Lehrer Konrad Pinegger, der mir im Rahmen meiner Ausbildung die Möglichkeit gab, an zahlreichen Familienaufstellungen teilzunehmen. Die Ausbildung und die Aufstellungen waren wertvolle Inspiration für dieses Buch.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Rahmid

Christa

Hania

Die Auswahl

Die Zuführung

Die Schlacht

Ogallas

Iniundi

Die Flucht

Tauris

Die Rückkehr

Die Botschaft

Die Entscheidung

Aufgepasst!

Verrückt

Die Flucht

Aurora

Neue Heimat

Prolog

Unser Zeitgefühl – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – entsteht durch die Fähigkeit, Erlebnisse zu speichern und als Erinnerung abzurufen sowie Zukunftsszenarien auf einer imaginären Bühne in unserem Kopf anhand gemachter Erfahrungen zu extrapolieren. Mit physikalischer Zeit hat das wenig zu tun, sondern mit Vergleichen zwischen dem, was wir erinnern, und dem, was jetzt ist. Es geht also um die subjektive Wahrnehmung von Veränderungen oder Transformationen im Innen und im Außen. Je mehr Veränderung wir wahrnehmen, desto mehr Zeit scheint vergangen zu sein. Diese Sichtweise wirkt umständlich, hat aber wichtige Konsequenzen:

Die Vergangenheit ist nicht wirklich vergangen, also weg. Das kommt uns nur so vor. Sie ist auch im physikalischen Sinn immer noch in veränderter Form hier. Das „Jetzt“ unterliegt lediglich einer ständigen Transformation, bei der sich vieles verändert, einiges aber gleich bleibt. Was gehört zu dem Unveränderten? Im physikalischen Bereich sind das die Atome und Grundbausteine des Universums. Sie ändern lediglich ihre Positionen im Raum und ihre Energiezustände. Atome altern nicht. Auch im psychischen Bereich bleibt alles, was nicht bewusst wahrgenommen, nie überprüft oder an neue Gegebenheiten angepasst wurde, zeitlos. Individuelle Glaubenssätze, Bewegungsmuster des Körpers, Verhaltensmuster, auch unbewusste Muster von Ahnen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden, oder Kenntnisse, die alle Menschen unbewusst in sich tragen, sind „nicht transformierte Vergangenheit“, die im „Jetzt“ aktiv ist. Deswegen können Tarot oder astrologisches Wissen auch als „Erinnerungen“ bezeichnet werden, die im „Jetzt“ Gültigkeit haben. Es sind alte, in die Menschheit eingewobene Muster.

Das Gefühl, dass es die Vergangenheit irgendwo noch gebe (so dass sie etwa mit einer Zeitmaschine erreichbar wäre) und die Zukunft erst erschaffen werden müsse, ist ein illusionärer Nebeneffekt unserer Erinnerung und selektiven Wahrnehmung. In Wahrheit ist alles, was jemals passiert ist oder passieren wird, in der Gegenwart in transformierter Form vorhanden. Nichts verschwindet oder wird gelöscht, nichts wird jemals gelöscht sein und alles, was sein wird, ist als Möglichkeit bereits angelegt.

Die ursprüngliche Aufgabe unseres Gedächtnisses ist es, Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, mit denen Fehler vermieden und Ziele besser geplant werden können. Gleichzeitig verleiten uns Erinnerungen zu dem Trugschluss, dass, was schon immer funktioniert hat, auch in Zukunft funktionieren muss. Es ist ein Trugschluss, weil keine Situation einer anderen wirklich gleicht und alle Ereignisse nur selektiv und emotional verzerrt gespeichert sind. Erinnerungen schaffen daher nur vermeintliche Sicherheit und vermeintliches Wissen. Erst wenn wir sie verlieren oder unberücksichtigt lassen, können wir einen unvoreingenommenen Blick auf die Gegenwart werfen. In welchem Umfang hat sich die Welt seit unserer Jugend wirklich verändert? An welchen Werten und Regeln halten wir fest, die längst ihre Anwendbarkeit und Wahrheit verloren haben? Was erinnern wir selektiv und fehlerhaft? Erinnerungen sollten wir nur als Werkzeug betrachten. Sie sind kein Wissen, keine Handlungsanweisung und keine Wahrheit. Wahrheit finden wir nur im „Jetzt“.

Rahmid

Leise Orgelmusik atmet gedämpft eine traurige Melodie. Es sind erfüllte, präsente Töne, deren Nachhall auf einen gewaltigen Saal schließen lässt. Musik aus höheren Sphären, die alles durchflutet.

„Herr Rahmid! Herr Rahmid! Sind Sie wach? Aufwachen! Wachen Sie auf!“ – „Wer stört? Warum antwortet dieser Rahmid nicht?“ – Rahmid öffnet die Augen, ganz langsam, mit enormer Anstrengung. Diffuse Helligkeit schmerzt. Allmählich ordnen sich Nebelschwaden zu einem hübschen Gesicht, das ihn freundlich anlächelt. Der rote Mund vor seinen Augen spricht von Schrecken und Genesung. Nach und nach kehrt seine Orientierung zurück. Er liegt im Bett im Krankenhaus. Ein Abgrund, eine Teufelsfratze, Schmerz, dann ... Filmriss. Warum? Was war los? Innere Stimmen flüstern ihm zu: „Denk nicht dran. Du lebst! Das ist alles, was zählt.“

Die Krankenschwester verschwindet und Stille kehrt ein. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht ein junger Mann mit Bart und verklebten Haaren auf und serviert Essen. Kurze Zeit später stürmt ein wahnsinnig gutgelaunter Arzt ins Zimmer, gefolgt von nervösen anderen Ärzten und Schwestern. Er wiederholt mit belanglosen, umständlichen Worthülsen, was bereits beim Aufwachen die Schwester Rahmid gesagt hat. Dann wieder Stille. Die Gegenstände im Zimmer scheinen manchmal ganz klein zu werden, sich von ihm zu entfernen oder ihre Form zu verzerren, ohne sich tatsächlich zu bewegen. Die Luft um ihn herum gerinnt zu einer zähflüssigen Masse. Ab und zu klappert es vor der Tür, Stimmen kommen näher und verschwinden wieder in die Stille. Dann wird es dunkel und die Geräusche verstummen ganz ...

Ich lebe, ich lebe, ich lebe! Der Gedanke kreist wie ein Karussell im Kopf und bringt mit jeder Umdrehung gefühlte Ahnungen mit. Unzusammenhängende Worte, Geborgenheitsgefühle, Geruchsahnungen, bis Müdigkeit sich wie ein schweres Tuch auf ihn legt und ihn hinüber, ins Traumland, gleiten lässt.

Am nächsten Morgen wird er wieder von einer Schwester geweckt. Diese bringt Frühstück, lächelt aber nicht so freundlich wie die des Vortages. Aufstehen und Waschen klappen schon recht gut. Bei der Visite frohlockt der immer noch gutgelaunte Arzt, wie zufrieden er mit ihm sei und dass er bald nach Hause dürfe. In Rahmid löst dieser Gedanke Unruhe und nervöses Kribbeln aus. Nach Hause? Wo soll das sein? Jetzt nur nichts anmerken lassen.

Als der Arzt das Zimmer verlassen hat, wagt Rahmid durchzuatmen. Fragen brechen wie Meeresbrandung über ihn herein. Wer bin ich? Wo ist mein Zuhause? Kennt mich irgendjemand? Gibt es Menschen, zu denen ich eine Beziehung habe? Gibt es eine Familie? Warum bin ich hier? Halt! Die letzte Frage muss warten.

Aus dem Inhalt seines Portemonnaies – Ausweis, sonstigen Papieren und Visitenkarte – kann er schlussfolgern, dass er sechsunddreißig Jahre alt und Single ist, eine Wohnung in der Stadt hat, als irgendeine Art Berater tätig ist und tatsächlich Rahmid heißt. Ungewöhnlicher Name, klingt fremdländisch. Trotz heftiger Schmerzen schleppt er sich zum Spiegel, um sein Konterfei zu betrachten. Mein Gott, wie sieht der denn aus! Es blickt ihn ein dunkelhaariges, unrasiertes, mit Kratzern und Beulen übersätes Etwas aus dunklen, funkelnden Augen an. Abstoßend, furchteinflößend, aber auch irgendwie sympathisch. Vom Aussehen her könnte er eine arabische oder spanische Herkunft haben. Seltsam, bisher war ich einfach nur „Ich“, jetzt sehe ich dieses „Ich“ und sehe einen völlig Fremden. Wer bin ich? Wer ist dieser Rahmid? Was habe ich mit dem zu tun? Blödsinn, natürlich bin ich dieser Rahmid. Dumm nur, dass ich vergessen habe, wie dieser Rahmid sein muss, wie er sich verhält, was er denkt, wie ich ihn darstellen muss. Keine Panik, die Erinnerung kommt bestimmt zurück! Hauptsache, keiner merkt was.

In den folgenden Tagen soll er die Klinik verlassen. Eine Schwester hilft beim Packen. Angst steigt hoch: Ich muss eine Entscheidung treffen. Entweder ich offenbare den Gedächtnisverlust und bleibe in der Klinik oder ich gehe ziellos in eine völlig unbekannte Welt. Im gleichen Augenblick klopft es an der Tür. Ein Mann stürmt freudestrahlend herein. Er ist ungefähr in seinem Alter, hat graumelierte Haare und eine athletische Statur. Mit den Worten „Hallo, alter Freund! Ist das schön, dich endlich wach zu sehen!“ umarmt er ihn. Dann zwinkert er ihm zu, lacht befreit und umarmt ihn gleich nochmal. Wenn ich doch nur wüsste, wer das ist, fragt sich Rahmid und lässt geduldig die warmherzige Begrüßung über sich ergehen.

„Na, du hast mir ja einen schönen Schrecken eingejagt“, brummelt der Fremde. „Aber jetzt ist alles gut. Komm, ich bringe dich nach Hause. Du musst hier sofort weg.“ Wieso?, denkt Rahmid, hier wurde mir geholfen. Der Fremde schnappt seine inzwischen fertiggepackte Tasche, legt ihm den Arm auf die Schulter und schiebt ihn, die Schwester breit angrinsend, sanft, aber nachdrücklich durch die Tür.

„Machen Sie es gut!“, hört er noch die Schwester rufen, dann überschüttet ihn der Fremde mit einem Redeschwall. Er tut so, als ob sie seit Jahren beste Freunde seien, erzählt von unbekannten Personen und Ereignissen, während sie durch endlose Gänge und kahle Treppenhäuser irren. Für Rahmid sind die Ausführungen unzusammenhängendes, wirres Zeug. Auch die anschließende Autofahrt kann den Redeschwall nicht stoppen. Schließlich stehen sie vor einem sehr gewöhnlichen Mehrfamilienhaus. Vor der Tür schaut Rahmid sein Gegenüber hilflos an. „Was ist?“, fragt der, „willst du nicht aufsperren? Ist dir schlecht?“ Er kramt aus Rahmids Tasche einen Schlüssel, öffnet und sie gehen nach oben. Zum ersten Mal schweigt der Fremde.

In der Wohnung angelangt, wartet Rahmid artig an der Garderobe, dass er durch die Wohnung geführt werde. „Sag mal“, sagt der Fremde zögerlich, „kann es sein, dass du ein Gedächtnisproblem hast?“ Mit zittriger, leiser Stimme haucht Rahmid: „Ich habe alles vergessen! Alles!“ Stille ... „Kennst du mich noch?“ Rahmid schüttelt vorsichtig den Kopf. Seinem Gegenüber steigen Tränen in die Augen: „Deinen besten Freund kennst du nicht mehr? Wir sind zusammen aufgewachsen!“

Dass er sich nicht erinnern kann, ist für Rahmid nicht so beunruhigend wie die Tatsache, dass er nichts fühlt. Er müsste doch Vertrautheit, Zuneigung und Freundschaft empfinden. Aber da ist nichts! Absolut nichts! Er spürt nur die Trauer und Verzweiflung seines Gegenübers. „Okay, okay“, sagt der Fremde, „alles wird wieder gut!“, als wolle er sich selbst beruhigen. „Du standest am Abgrund und hast dem Tod ins Antlitz gesehen. Da darf man auch mal sein Gedächtnis verlieren.“ Er schüttelt sich wie ein nasser Hund, richtet sich auf, schaut Rahmid in die Augen und sagt: „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Klaus. Dein bester Freund und Helfer. Was willst du wissen?“ Rahmid schaut in das neugierig wirkende Gesicht, um dessen Mundwinkel ein kleines Lächeln spielt, und antwortet: „Hallo Klaus, ich bin Rahmid! Schön, dich kennenzulernen.“ Klaus schaut erst überrascht, dann platzt lautes Lachen aus ihm heraus. Rahmid muss auch lachen, ohne zu wissen, warum. Beide umarmen sich und unterhalten sich bis in die Abendstunden. Spät in der Nacht verabschiedet sich Klaus mit dem Versprechen, am nächsten Tag mit ihm gemeinsam Orte, an denen sie ihre Kindheit verbracht haben, aufzusuchen. Vielleicht hilft das dem Gedächtnis auf die Sprünge.

Nachdem Klaus die Wohnung verlassen hat, setzt sich Rahmid ins abgedunkelte Wohnzimmer, starrt auf die Spiegelungen des Fensters und auf das dahinter liegende Schwarz. „Dieser Klaus ist ja eine selbstbewusste Persönlichkeit. Seine Vorstellung davon, wer er ist, ist für ihn vollkommen klar. Er ist seine Lebensgeschichte, seine sozialen Beziehungen, der, den die anderen in ihm sehen, und der, den er in sich selbst sieht. Doch was bleibt von einer Persönlichkeit übrig, wenn alles vergessen ist? Wer bin ich ohne Lebensgeschichte, ohne die Spiegelung durch Mitmenschen, ohne meine Rolle?“ Während er vor sich hin sinniert, steigt plötzlich ein bisher unbekanntes Gefühl in ihm hoch. Er kann kein Wort für dieses Gefühl finden. Es hat mit Angst, Lust, Anspannung, Loslassen und Selbstauflösung zu tun. Warmes Vibrieren durchströmt seinen Körper vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Obwohl er eine leicht verkrampfte Körperhaltung einnimmt, entspannt sich sein Inneres in wohltuender Weise. Bilder seltsamer Gestalten mit riesigen Augen und dünner Haut, unter der blaue Adern hervorschimmern, tauchen in seiner Phantasie auf. Die Wesen haben durchsichtige schuppenartige Stäbchen, die den Körper stellenweise bedecken und in schillernden Farben Licht reflektieren. Ihr Aussehen ist nicht nur anmutig und schön, sondern erstrahlt geradezu in intelligenter Präsenz. Dieser Anblick löst in ihm tiefe Sehnsucht aus und lässt ihn gleichzeitig erschauern: Wenn ich mich doch nur erinnern könnte, wo ich diese Wesen gesehen habe und was das seltsame Gefühl zu bedeuten hat? Das Gefühl ist für ihn so wesentlich, so präsent und wichtig, dass er dafür einen Namen erfinden muss. Er beschließt, es „Glücksangstschmerzlust“ oder kurz „Ganschlu“ zu nennen. Dieses „Ganschlu“ begleitet ihn, bis er einschläft.

Am nächsten Morgen reißt ihn der Tür-Gong aus dem Sessel. Klaus steht, mit frischen Brötchen, Wurst, Käse, Müsli und sonstigen Leckereien bepackt, freudestrahlend vor der Tür. Beim Kaffeeaufbrühen erzählt er aufgeregt, dass er eine Vertretung für seine Praxis gefunden habe – Klaus ist Allgemeinmediziner und hat eine eigene Arztpraxis – und nun eine Woche Urlaub genommen habe, um sich ganz ihm widmen zu können. Er wolle ihm gleich nach dem Frühstück die Zivilisation, also die Stadt, zeigen.

Schon die erste Straßenkreuzung wird für Rahmid beinahe zum tödlichen Verhängnis. Er läuft bei Rot auf die Straße und Klaus kann ihn gerade noch an der Jacke zurückreißen, bevor ihn ein Auto erfasst hätte. Der Fahrer ist so überrascht, dass er erst Sekunden später reagiert und auf die Bremse steigt. „Sag mal, spinnst du? Du kannst doch nicht bei Rot loslaufen! Das ist lebensgefährlich.“ – „Oh, tut mir leid“, erwidert Rahmid kleinlaut. „Ich wusste nicht, dass Autos bei rotem Signal Fußgänger überfahren dürfen. Das Rot soll wohl Blut symbolisieren?“ Klaus lacht: „Ja, so ähnlich kann man es auch sehen.“

In der Fußgängerzone herrscht reges Treiben. Familien, Jugendliche, Paare, Alte, einfach alle Bewohner hasten zielstrebig von hier nach da und wieder zurück. Vor manchen Hauseingängen bilden sich Menschenschlangen, die in das Gebäude durch eine Tür hinein und durch eine andere wieder hinaus strömen. „Wo müssen die denn hin?“, fragt Rahmid. „Nun, die kaufen ein“, antwortet Klaus. Rahmid schaut verständnislos. „Sie beschaffen sich Nahrungsmittel, Kleidung und was sie sonst noch brauchen.“ Rahmids Augen beginnen zu leuchten: „Können wir auch was einkaufen? Es scheint ja wirklich lebensnotwendig zu sein, so verbissen und nervös, wie die alle sind.“ – „Klar, können wir! Was brauchst du denn?“, fragt Klaus. „Äh, ich weiß nicht. Im Moment eigentlich nichts“, antwortet Rahmid. Klaus überlegt: „Wir schauen uns einfach mal in einem Einkaufscenter um. Vielleicht entdeckst du ja was, das du unbedingt haben musst.“ Rahmid schaut Klaus fragend an: „Wieso soll ich etwas haben wollen, wenn ich doch nichts brauche?“

Gespannt und aufgeregt reihen sich die beiden in die Menschenschlange auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein. Im Inneren des Gebäudes ist Rahmid überwältigt. Eine bunte Glitzerwelt mit unglaublich vielen Dingen, die in hübschen Schachteln verpackt oder in großer Zahl in Regalen aufgereiht sind. Nicht nur Kleidung und Schuhe, auch vieles ohne erkennbare Funktion. Ab und zu fragt er einen Käufer höflich, wozu er dieses oder jenes Produkt denn brauchen würde. Viele reagieren ungehalten: „Was geht es dich an?“, oder: „Willst du mich anmachen?“ Manche antworten freundlicher: „Das ist so süß. Ich muss es einfach haben“, oder: „Es gefällt mir eben“, oder: „Das habe ich mir schon immer gewünscht.“ Keiner sagt, dass er dies oder jenes zum Überleben brauchen würde. Offenbar geht es nicht ums wirkliche „Brauchen“, sondern um Wünsche und Hoffnungen, die mit den Dingen verknüpft sind.

Wie unzufrieden müssen all diese Menschen sein, dass sie so viele Wünsche haben!, denkt Rahmid und fragt: „Warum machen die Menschen nicht etwas, das besser funktioniert, um zufrieden zu werden?“ – „Was soll das sein?“, erwidert Klaus erstaunt. „Na ja, ich hatte letzte Nacht ein Gefühl, das alle Unzufriedenheit beseitigt. Ich hatte keine Wünsche und musste nichts haben. Wenn diese Menschen dieses Gefühl auch hätten, würden sie nur noch Dinge kaufen, die sie wirklich zum Leben brauchen.“ – „Ah“, sagt Klaus, „du hast was getrunken.“ Rahmid erwidert überrascht: „Wasser und Saft. Meinst du, dass das ‚Ganschlu‘ auslöst?“ – „Äh, was auslöst?“, erwidert Klaus verwirrt. „Ich weiß nicht, wie man das Gefühl nennt, das ich gestern hatte. Deshalb nenne ich es ‚Ganschlu‘.“ Klaus nimmt die Haltung eines Lehrers ein und doziert: „Also es gibt Drogen, da spürst du dumpfe Entspannung und Unbekümmertheit, bei anderen fühlst du dich total relaxed, absolut genial und vollkommen unzuständig, oder du hältst dich für hellwach, superintelligent, unbesiegbar und unbegrenzt leistungsfähig und kannst vermeintliche Zusammenhänge erkennen, die sonst keiner wahrnimmt. Aber das sind alles Illusionen. Dein Hirn arbeitet nicht korrekt, produziert Fehleinschätzungen und Falschdeutungen. Andererseits gebe ich zu, dass es einen gewissen Reiz hat, Urlaub von sich selber zu machen und nach ‚Phantasien‘ zu reisen.“ – „Nein, nein“, antwortet Rahmid mit Nachdruck. „Ich habe keine Drogen genommen. Es war keine mentale Fehlfunktion, sondern ein ganz reales Gefühl, so wie Wut, Freude oder Lust. Mir fällt nur der Name des Gefühls nicht ein!“

„Rahmid! Klaus! Wo kommt ihr denn her? Das ist ja Wahnsinn, dass ich euch treffe!“ Eine gutaussehende Frau mit wallenden braunen Haaren, groß, schlank, mit leuchtend braunen Augen, kommt zwischen den Regalen auf die beiden zugestürmt und strahlt übers ganze Gesicht. Auch bei Klaus geht die Sonne auf. Er geht, nein, er schwebt der Frau entgegen, umarmt sie und küsst sie auf die Wange: „Hallo Christa! Gott sei Dank bist du wieder auf den Beinen!“ Dann dreht sich Christa wortlos zu Rahmid, der verunsichert ihre sehr innige und langanhaltende Umarmung entgegennimmt. Er spürt, wie etwas „Ganschlu“ in ihm aufsteigt. „Was ist?“, lacht sie ihn mit erwartungsvollen Blicken an. „Du bist so anders? Was ist los? Du siehst ja ganz schön mitgenommen aus. Wo kommst du denn plötzlich her? Komm, wir gehen ins Café und dann erzählst du, was passiert ist. Das ist ja der Hammer, dass du endlich wieder da bist. Ich kann es noch gar nicht fassen und bin gespannt wie ein Flitzebogen, was du erlebt hast. Wieso hast du dich über ein halbes Jahr lang nicht bei mir gemeldet? Ich dachte schon, du bist tot! Weißt du eigentlich, wie furchtbar schlecht es mir deswegen ging?“

Während sich die drei in Richtung Café bewegen, erklärt Rahmid, dass er alles vergessen habe. „Krass, ein halbes Jahr einfach weg?“, platzt es aus Christa heraus, „oder willst du nichts erzählen? Du brauchst dir keine Gedanken machen. Ich bin nicht sauer. Nachdem ich monatelang keinerlei Lebenszeichen von dir bekam, ging ich davon aus, dass du dich endgültig aus dem Staub gemacht hast oder womöglich sogar tot bist. Auf jeden Fall habe ich dich abgeschrieben.“ Rahmid spürt die prüfenden Blicke von Klaus und Christa auf sich ruhen und hat das Gefühl, dass ihm die Situation irgendwie entgleitet.

Im Café angelangt, bricht Klaus das inzwischen betretene Schweigen: „Du verstehst nicht, Christa. Er hatte einen schrecklichen Unfall und erinnert sich an nichts mehr, was vor dem Unfall war. Auch nicht an dich.“ Christa schaut Rahmid mit entsetzten Augen an: „Ist das wahr? Du kennst mich nicht mehr?“ Tränen steigen in ihre großen braunen Augen. Rahmid würde sich am liebsten unsichtbar machen oder in eine Maus verwandeln: „Es tut mir so leid, aber das ist wahr. Ich weiß nichts mehr. Kannst du mir nicht sagen, was war?“

Christa ringt um Fassung und kämpft ihre Enttäuschung und Wut nieder. „Also“, sagt sie, „jetzt werde ich dir was erzählen, das dich vermutlich umhaut ... Hast du ihm das nicht gesagt?“, wendet sie sich vorwurfsvoll an Klaus. „Ich wollte ihn nicht überfordern“, antwortet der schuldbewusst und bekommt von Christa einen kräftigen Fausthieb auf den Arm. „Was soll das denn heißen!“, brüllt Christa. Klaus kontert: „Er weiß doch nicht mal, wer er selber ist, da wollte ich ihn nicht mit Beziehungen konfrontieren. Sag du ihm doch, wer er ist!“ Einen kleinen Moment denkt Christa intensiv nach, dann lehnt sie sich mit einem entspannten Lächeln zurück und sagt: „Rahmid, ich hätte nie gedacht, dass ich mal die Chance bekomme, dir zu sagen, wer du wirklich bist. Danke, lieber Gott, für diese Gnade! Also Rahmid, ... du bist ein riesengroßes Arschloch!“ – „Mann, Christa!“, sagt Klaus. „Das ist nicht lustig!“ – „Also ich finde eure Nummer zum Totlachen“, erwidert Christa, steht auf und stürmt weinend davon.

Rahmid sitzt mit belämmertem Blick vor seiner Tasse und kauert sich zusammen. „Die beruhigt sich schon wieder“, beschwichtigt Klaus. – „War ich so schlimm?“ – Klaus lächelt: „Du warst auch nicht anders als andere. Sie war dir und deinen Ideen einfach nicht gewachsen.“ Auf Rahmids Bitte erzählt Klaus ausführlich, wie er ihn in den letzten Jahren erlebt und gesehen hat. Er erzählt aufs Geratewohl, was ihm in den Sinn kommt, und Rahmid kann kaum glauben, was er zu hören bekommt. Sein Leben, ein einziger Scherbenhaufen! Die Geschichte eines unzufriedenen Mannes, der sich Lebensgefühl durch gefährliche Sportarten, sexuelle Abenteuer und Drogenerfahrungen verschafft hat. Keine Feier war zu heavy oder zu abgefahren, kein Geschäft zu schmutzig oder zu gefährlich. Seine Freunde nannten ihn „Kamikaze-Pilot“.

In einer Gleitschirmflugschule lernte er Christa kennen. Sie war Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik und, so wie er, ein Adrenalin-Junkie auf der Suche nach dem Kick. Zwischen ihnen hatte es gleich gefunkt. Sie wurde seine längste Beziehung, seine große Liebe. Klaus schaut Rahmid in die Augen: „Du wolltest sie sogar heiraten!

Dann kam dein Anruf. Du erzähltest mir, dass ihr im Café – sonst kein Platz frei – euch zu einem seltsam aussehenden Paar an den Tisch gesetzt habt. Das Paar sah aus wie einem Indianerfilm entsprungen. Er, groß, stattlich mit braungebranntem, gegerbtem Gesicht, hatte buntbestickte Lederklamotten, wie im Fasching, an. Sie war in ihrem schlichten weißen Kleid mit den langen schwarzen Haaren, der seidig glänzenden Haut und den großen schwarzen Augen eine perfekte Schönheit. Ihr kamt ins Gespräch und fandet die beiden so interessant und beeindruckend, dass ihr sie spontan zum Abendessen eingeladen habt. Ich sollte unbedingt dazustoßen. Es werde bestimmt ein toller Abend und ich müsse die beiden kennenlernen. Mein Gott, daran will ich gar nicht mehr denken.“ – „Wieso?“, ruft Rahmid. „Was ist passiert?“

„Die Frau des seltsamen Paares nannte sich Chusi und er Hania. Nachdem die üblichen Nettigkeiten ausgetauscht waren, erzählte Chusi – Hania sprach eigentlich nichts –, dass sie Hopi-Indianer seien. Chusi würde übersetzt sowas wie ‚Schlangenblume‘ heißen und Hania ‚geistiger Krieger‘. Er sei ein Antilopenpriester. Als ich das hörte, bereute ich es, die Einladung angenommen zu haben. Ein Abend mit zwei Verrückten! Gut, für Gesprächsstoff war gesorgt. Mit geheucheltem Interesse stellte ich Fragen zur genauen Herkunft und der Lebensweise der Hopis und natürlich zu den allseits im Internet kursierenden Prophezeiungen der fünften Welt, deren Anbruch jedes Jahr angekündigt und dann doch wieder verschoben wird. Auch Christa wurde im Lauf des Abends ungeduldiger und ihre Fragen wurden zunehmend provokanter. Obwohl Chusi und Hania eine Engelsgeduld bewiesen, war deutlich zu spüren, dass sie sehr feinfühlig die größer werdende Ablehnung registrierten. Doch sie ließen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Irgendwann kam das Gespräch auf die ‚Liebe‘. Dass die Liebe das Höchste und das Wichtigste für uns Menschen und die ganze Schöpfung sei und so weiter. Chusi lachte und meinte: ‚Was ihr für die Liebe haltet, ist nur eine Illusion, erzeugt durch körpereigene chemische Substanzen, durch Glaubenssätze und Bedürfnisse, die Abhängigkeiten zur Folge haben.‘ Alles großes Theater und Verstrickung. Wirkliche Liebe sei beziehungslos, absichtslos, einseitig und heilig. In den europäischen Kulturen werde die Liebe missbraucht, um an seinen Partner Forderungen zu stellen und um ihn zu manipulieren. Sie behauptete sogar, dass wir unsere Partner mit Erwartungen und Vorstellungen davon, was ein Liebender denken und tun sollte, unterdrücken würden. Zu Christa gewandt meinte sie: ‚Auch du forderst diese Erwartungen geradezu ein, bist enttäuscht und gekränkt, wenn dein Partner deinen Vorstellungen nicht entspricht. Du willst die Einzige in seinem Leben sein, für die er etwas empfindet. Du willst mit ihm einen Ehevertrag schließen, um dir das Monopol auf seine Liebe zu sichern. Ich kann dich schon verstehen, das sind alte Programme und Instinkte, die eine Bindung aufrechterhalten sollen, damit der Nachwuchs gesichert ist. Und diese Programme werden durch Liebesgefühle untermauert. Nur …, willst du wirklich Sklave deiner Gefühle sein und den anderen zum Sklaven seiner Gefühle und gesellschaftlicher Konventionen machen?

Echte Liebe ist kein Gefühl, sondern ein Bewusstseinszustand, der alle Kreaturen auf dem Planeten, ja sogar die gesamte Schöpfung einbezieht. Doch was ihr füreinander empfindet, ist nichts anderes als eine Wunschvorstellung, angereichert mit Ängsten, Bedürfnissen nach Anerkennung, Geborgenheit und Sicherheit, die durch sexuelle Belohnungen genährt, verstärkt und bestätigt werden. Doch die Gefühle verschwinden im Lauf der Zeit, so wie auch Schmerz oder Angst verschwinden. Zurück bleibt dann nur noch die Illusion der Liebe. Die Illusion, dass es eine unsichtbare Verbindung, etwas Höheres oder Göttliches gäbe. Eine Illusion, die auf Idealen beruht, die dir von Eltern, von Freunden oder von der Kirche eingetrichtert wurden. An diese Illusionen klammerst du dich wie eine Ertrinkende an einen Strohhalm. Deine Liebe ist nur ein Traum gepaart mit Pflichterfüllung.‘

Das war zu viel für Christa. Sie kannte deine Affären und deine Sprunghaftigkeit, Rahmid! Gleichzeitig war sie in dich verliebt und wollte dich für immer festhalten. Also ging sie ab wie eine Rakete! Sie brüllte Chusi an: ‚Also meine Liebe ist echt und hält ewig. Egal, was Rahmid macht, ich werde ihn immer lieben!‘

Anfangs versuchte Hania, sich zu beherrschen, doch seine Mundwinkel entglitten ihm, seine Körperhaltung verkrampfte sich und er musste lachen. Christa lief rot an und verlor die Kontrolle. Sie brüllte Hania an: ‚Du Idiot!‘ und spuckte ihm ins Gesicht.

Hania erstarrte. Der ganze Raum schien sich in derselben Sekunde in eine Skulptur aus Eis zu verwandeln. Chusi entfuhr ein kurzer Schrei, dann wurde sie leichenblass und stammelte mit zitternder Stimme: ‚Du hast gerade einen heiligen Priester unseres Stammes beleidigt. Jetzt muss er für einen Ausgleich sorgen.‘

Ich glaube, Christa spürte, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte, und stammelte kleinlaut eine Entschuldigung. Sie habe es nicht so gemeint, die Pferde seien mit ihr durchgegangen. Hania erhob sich von seinem Stuhl, zog ein Messer und schnitt der vor Schreck erstarrten Christa eine Haarlocke ab. Dann drehte er sich um, schob Messer und Locke ein und verließ wortlos den Raum. Chusi kullerte eine Träne über die Backe, dann stand auch sie auf und folgte schweigend ihrem Partner.

Ich bin noch geblieben und wir haben den Vorfall besprochen. Letztendlich kamen wir zu dem Schluss, dass der Ausgleich durch den demütigenden Lockenraub abgegolten und alles bereinigt sei. Welch grandioser Irrtum!

Rahmid, am nächsten Morgen hast du mich angerufen und berichtet, dass dieser Indianer Christa mitgenommen habe. Er habe geklingelt, Christa habe geöffnet und sei, so wie sie war mit Hausschuhen und Kleidchen, einfach mitgegangen. Du hast aus dem Fenster nach ihr gerufen, aber sie sei reaktionslos, brav hinter ihm hergetrottet und ins Auto gestiegen.“ – „Warum hat sie das gemacht?“, fragt Rahmid verwirrt. – „Keine Ahnung! Frage sie selbst! Auf jeden Fall bist du ihnen mit dem Wagen gefolgt und hast mich mit dem Handy angerufen. Du berichtetest aufgeregt, dass sie mit dem Indianer Richtung Wald fahre. Dann riss die Verbindung ab. Kein Empfang. Was habe ich mir Sorgen gemacht! Ich wollte schon die Polizei einschalten, doch dann kam dein Rückruf. Alles sei in bester Ordnung. Hania habe sich nur bei Christa entschuldigen wollen und habe sie als Wiedergutmachung zu sich nach Hause eingeladen. Als du dazukamst, sei alles in bester Ordnung gewesen. Ihr hättet gemeinsam was getrunken und euch bestens unterhalten. Du erwähntest auch, dass er dich in die USA eingeladen habe und du ihm ganz spontan zugesagt habest.

Danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Tage später traf ich Christa auf der Straße. Sie behauptete, sie sei von dem Besuch damals allein zurückgekehrt. Du seist bei Hania geblieben und von dort direkt zum Flughafen gefahren, um in die USA zu reisen. Christa wirkte verstört und wollte niemanden sehen. Auch mich nicht. In der Folgezeit hat sie alle weiteren Nachfragen und Kontaktversuche abgeblockt. Ich wollte dich natürlich anrufen – einfach so verschwinden ohne Erklärung und Verabschiedung fand ich ziemlich unverschämt –, aber dein Handy war ausgeschaltet.“ Klaus beugt sich zu Rahmid: „Für mich war da was oberfaul! Dann bist du ein halbes Jahr später plötzlich wieder aufgetaucht, ohne dich bei mir zu melden, und hattest diesen Unfall.“ Rahmid schluchzt: „Wenn ich mich nur erinnern könnte. Mir kommt das alles so unlogisch und seltsam vor.“

Christa

Als kleines Mädchen hatte Christa einen Albtraum, der sie bis heute wenigstens einmal pro Jahr heimsucht: Sie läuft über eine Wiese, die sich bis zum Horizont erstreckt. Vor ihr geht ihre Mutter, die Vater nachfolgt. Obwohl die kleine Christa so schnell, wie es ihr möglich ist, rennt, kommt sie den Eltern nicht hinterher. Verzweifelt ruft sie: „Mama, Mama, warte auf mich! Ich kann nicht so schnell!“ Vater dreht sich kurz um, lacht sie an, um dann mit noch rascheren Schritten davonzueilen. Mutter versucht ihn festzuhalten und jammert: „Warte auf mich! Warte auf mich!“ Doch Vater lässt sich nicht bremsen. Er geht mit aller Kraft voran, während Mutter an ihm zerrt und hinterherstolpert. „Mama! Nimm mich mit!“, ruft die kleine Christa weinend. Mutter beachtet sie nicht und ist nur damit beschäftigt, Vater hinterherzukommen. Christa läuft, so schnell sie kann, doch der Abstand zu den Eltern wird immer größer. Schließlich erkennt sie nur noch zwei tanzende Punkte am Horizont. Sie steht im Wind, allein, ängstlich, einsam und verlassen. Am ganzen Körper zitternd, kniet sie nieder und betet mit bebender Stimme: „Lieber Gott, bitte sende mir eine Mutter, die nicht wegläuft. Ich will alles tun, was du verlangst, aber bitte, bitte, lass mich nicht allein sein.“

An dieser Stelle erwacht sie jedes Mal weinend und zitternd. Sie fühlt sich dann unbedeutend, falsch und innerlich leer. Eine leere Hülle, aus der sich das Leben verflüchtigt hat. Tiefe Sehnsucht, sich aufzulösen, fließt bis in die Zehenspitzen. „Sich selbst einfach abgeben, die leere Hülle verschenken, wie man einen Mantel verschenkt, der an der Garderobe vergessen und nie abholt wurde.“ Dieser Gedanke versetzt sie in sexuelle Erregung, ihre Angst verwandelt sich in Wärme, die sich im Körper ausbreitet. Das ist meistens der Moment, wo sie in sexuelle Phantasien abdriftet oder ihre Gefühle wegpackt und sich mit irgendeiner Arbeit ablenkt.

Eigentlich ist Christa mit ihrem Leben zufrieden. Nur mit den Männern hat sie Pech. Sie sieht gut aus, ist nicht auf den Mund gefallen und kann auf Menschen offen zugehen. Es fällt ihr leicht, Männerherzen zu begeistern, aber ihre Beziehungen sind von kurzer Dauer. Schon nach den ersten Monaten gehen die neuen Flammen fremd oder verlassen sie. Christa bemüht sich, alle Wünsche zu erfüllen, um eine begehrenswerte Geliebte zu sein. Okay, bei manchen Sachen weigert sie sich, schließlich ist sie ein anständiges Mädchen. Trotzdem, es ist zum Verzweifeln! Warum nur fällt sie immer wieder auf so schräge Typen rein? Warum kann sie keinen festhalten?

Mit Rahmid ist das anders. Von Anfang an ist er die große Liebe. Auch er will nicht mehr von ihrer Seite weichen. Sie ist so glücklich. Endlich, einer der sie liebt, sich nicht nur in ihrer Bewunderung aalen will und seine sexuelle Befriedigung sucht. Endlich einer, der ihre Liebe annehmen kann, ohne dass sie sich unterwirft. Sie muss sich zusammenreißen, um nicht zu viel von sich aufzugeben. Sie will ja interessant und eigenständig wirken. Diesmal muss es einfach klappen.

Christa zieht alle Register, liest Liebesromane, übt vor dem Spiegel möglichst authentische Bewegungen und Gesichtsausdrücke und denkt sich interessanten Gesprächsstoff aus. Endlich! Der Mann fürs Leben! In ihrer Phantasie wächst schon eine Familie mit Kindern und Haus heran. Rahmid ist so lieb und süß. Die Grübchen in seinem Gesicht, wenn er lächelt, erzeugen in ihr Verschmelzungsphantasien. Gefährlich! Das war meistens der Moment, in dem sie verlassen wurde.