Zusammenspiel - Bernd Strohmeyer - E-Book

Zusammenspiel E-Book

Bernd Strohmeyer

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Beschreibung

Es beginnt scheinbar damit, dass der Schlachthofarbeiter Helfried von einem Tag auf den anderen seinen Beruf aufgibt. Er kann sich dies selbst nicht erklären und will herausfinden, was mit seinem Leben los ist. Seine Suche führt ihn mit einer Gefährtin auf einem abenteuerlichen Weg nach Tibet, wo er durch die Begegnung mit einem Mönch Klarheit gewinnt, und er erfährt eine befreiende Verwandlung. Die Geschichte hat aber schon viel früher begonnen, in einem Bauernhaus, bei einem jungen Paar, vor langer Zeit, und reicht wohl noch weiter zurück ... Immer wieder handeln Menschen nach unbewussten Mustern so, dass sie und andere unter den unglücklichen Folgen zu leiden haben. Solche Verhaltensweisen zu erkennen und über sie hinauszuwachsen, das gelingt Helfried auf seiner Reise, indem er sich selbst durch andere Menschen und deren Lebensgeschichten wahrnimmt. Gleichermaßen kann dieses Buch diejenigen, die es wie ein Mandala, ein Meditationsbild lesen, nachdenklich machen, dazu ermutigen, lebenswichtige Fragen zu stellen, und zu hilfreichen Antworten inspirieren.

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Seitenzahl: 74

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort

Impulse

Verstrickt

Morgenrot

Verwoben

Das Dach der Welt

Die Nomaden

Der Meister

Helfrieds Traum

Abschied

Neue Runde

Epilog

Der Autor

Vorwort

Vor vielen Jahren habe ich – eher zufällig – den Vortrag eines tibetischen Mönchs über das Bhavachakra, das Rad des Lebens, besucht. Das war der erste intensivere Kontakt mit der Idee von Wiedergeburt und einer sich wiederholenden persönlichen Lebensgeschichte. Buddha soll das Leben als ewigen Kreislauf gesehen und bei seiner Erleuchtung den Weg der Befreiung aus diesem Kreislauf erkannt haben. Illustriert wird diese zyklische Lebensbetrachtung durch ein kreisförmiges, in Sektoren unterteiltes Mandala, das im Buddhismus als Meditationshilfe dient. In den verschiedenen Sektoren sind verschiedene Stadien menschlicher Entwicklung und Möglichkeiten dargestellt, wie man unter anderem durch Bewusstmachen von Handlungsfolgen den Zyklus gestalten und formen und ihm schließlich entkommen kann.

Unbewusste Handlungsmuster und unüberprüfte Glaubenssätze werden nicht nur auf Kinder übertragen und so von Generation zu Generation weitergegeben, sondern auch auf Seelenebene tradiert. Diese unbewussten Muster beeinflussen unser Karma, also unser Wirken im Leben auch über Blutlinien hinaus. Nur weil die Muster nicht bewusst wahrgenommen werden, erscheint es uns so, als ob wir einem unentrinnbaren Schicksal ausgeliefert wären. Das Bewusstsein ist der Schlüssel, um aus diesem vermeintlichen Gefängnis zu entkommen.

Die folgenden Jahre konnte mich das Thema zunächst nicht berühren. Im Jahr 2015, ich hatte erst vor wenigen Monaten mit dem Schreiben begonnen, wuchs in mir die Sehnsucht, das Leben unter karmischen Aspekten zu beleuchten. Bei systemischer Aufstellungsarbeit nahm ich immer wieder Verhaltensmuster bei Klienten wahr, die nicht aus deren Lebensgeschichte oder Denkweise stammen konnten. Bearbeitet werden diese Muster unter anderem durch „Finden“, das heißt, durch bewusstes Wahrnehmen, in Kontakt Gehen und Annehmen.

Daraus entwickelte sich die Idee, eine Geschichte zu schreiben, die sich, analog zum Karma, nicht nur mit jedem neuen Kapitel entfaltet, sondern auch einen Kreis bildet. Ein Kreis in dem Sinne, dass nach dem Ende der Geschichte der Leser wieder beim Anfang beginnt. Beim zweiten, dritten, vierten, ... Lesen sollten sich immer wieder neue Aspekte erschließen, die erst aus der Kenntnis des bereits Gelesenen sichtbar werden. Ein Mandala, aus Worten und Stille geformt, das inspirieren und nachdenklich machen soll. Mögen Ihre Inspirationen, aus der Stille geboren, in die Wirklichkeit tönen!

Impulse

Dies ist die erstaunliche Geschichte von Helfried. Helfried arbeitet in einem Schlachthof. Er tötet zusammen mit den Kollegen jeden Tag circa 3000 Schweine, das heißt, ein Stromschlag betäubt das Tier und Helfried öffnet mit einem sogenannten Hohlstechmesser die Hauptschlagader. Das Tier verblutet.

„Das ist nichts für Weicheier“, sagt er jedem, der seinen Beschreibungen mit Abscheu und Gänsehaut zuhört. Dann lächelt er und ergänzt mit tiefer, rauchiger Stimme: „Irgendeiner muss das eben machen.“ Neulich fragte ihn jemand: „Hast du keine Angst vor dem Hass und den Seelen der toten Tiere? Vielleicht rächen sich die Seelen irgendwann an dir.“ Helfried lachte herzhaft: „Rächen? Bei mir oder bei dem, der das Fleisch verspeist? Unsinn! Tiere hassen nicht und Seelen rächen sich nicht. So was machen nur Menschen.“

Tonnie ist ein Schwein. Genauer gesagt, ein Hausschwein. Es wächst auf einem kleinen Bauernhof als Lieblingstier der achtjährigen Bauerstochter auf. Schweine sind recht intelligente Tiere. Tonnie lernt von dem Kind allerlei Kunststückchen und sogar Gehorchen. Das eigentlich Ungewöhnliche an Tonnie ist jedoch, dass es nicht wirklich verstanden hat, dass es ein Tier ist. Es hat nie seine Eltern gesehen. Auch lebte es nie mit anderen Schweinen zusammen. Außer Hühnern, Katzen, Hunden, Pferden und Menschen kennt es keine anderen Lebewesen, zumindest keine größeren. Tonnie ist fest davon überzeugt, dass es so etwas wie ein Mensch ist. Okay, mit dem Aufrechtstehen klappt es nicht. „Noch nicht“, denkt Tonnie. „Ganz kleine Menschenkinder krabbeln ja auch auf allen Vieren. Vielleicht brauche ich für das aufrechte Stehen einfach etwas länger, vielleicht wird mein Aussehen ja auch noch menschenähnlicher, vielleicht ist mein Sprachvermögen durch eine seltene Krankheit eingeschränkt.“ Tonnie hält sich für ziemlich genial, zeigt das natürlich nicht nach außen. Das sollen die anderen selber herausfinden. „Die verkennen mich alle!“ Nur eine Sache beunruhigt Tonnie: Es wächst sehr schnell und legt enorm an Gewicht zu. Zwischenzeitlich ist es so schwer, dass es vom Bauernmädel nur noch kurz hochgehoben wird. Ins Haus darf es auch nicht mehr. Immer seltener spielt das Mädchen mit ihm, was Tonnie sehr traurig macht.

Eines Tages kommt ein Fremder. Der Bauer und der Fremde bugsieren Tonnie in einen Transporter. Das Letzte, was es vom Hof sieht, bevor der Transporter geschlossen wird, ist das Bauernmädel, das weinend am Fenster steht und zaghaft winkt.

Aufgeregt und verwirrt spürt Tonnie, dass sich irgendetwas nun grundlegend ändern wird. Die Angst wird immer größer. Was habe ich falsch gemacht? Warum schickt mich der Bauer weg? Der Bauer und das Mädchen haben mich immer versorgt und beschützt. Sie lieben mich doch! Natürlich hat Tonnie keine Ahnung, was ihm wirklich bevorsteht.

Nach langer Fahrt kommt es zusammen mit anderen Schweinen in einen engen Pferch. Zum ersten Mal begegnet Tonnie seinesgleichen. Ihm wird schrecklich klar, dass es kein Mensch ist. Das heißt, tief in seinem Inneren denkt es, dass es ein Mensch ist, der als Baby in ein Schwein verwandelt wurde. Vielleicht der Fluch einer bösen Hexe. Irgend so etwas muss es einfach sein.

Die anderen Schweine sind in ihrem Wesen ganz anders. Kommunikation ist nur mit Mühe möglich. Den Sinngehalt ihres Grunzens und Quiekens kann Tonnie nur erraten. Selbst einfachste Dinge verstehen sie nicht. Es ist ihm zum Beispiel nicht gelungen zu erklären, wo es vorher lebte. Die Begriffe „Freiheit“, „Liebe“, „Unabhängigkeit“, „Recht“ und „Unrecht“, „richtig“ und „falsch“ kann es nicht verständlich machen. Die anderen Schweine haben auch keinerlei Vorstellung von Vergangenheit oder Zukunft. Es ist ihnen unbegreiflich, dass man verschiedene Handlungsmöglichkeiten oder Wahlmöglichkeiten hat oder gar auf verschiedene Weise sein Leben gestalten kann. Sie sind einfach nur da. Im Hier und Jetzt. Ihr Ich-Empfinden beschränkt sich auf essenzielle Bedürfnisse – ich fresse, ich schlafe und so weiter. In ihrem Geist herrscht Frieden mangels Bewusstsein.

Tonnie treibt das in den Wahnsinn. Es brüllt die anderen an: „Wacht auf und wehrt euch! Gemeinsam können wir hier ausbrechen! Das ist kein Leben!“ Die Schweine schütteln nur verständnislos die Köpfe.

So geht das über einen Monat. Eines Nachts, alle schlafen, erscheint ihm ein helles Licht. Das Licht nähert sich und umhüllt es wie ein dichter Vorhang. Tonnie hat das Gefühl, aus der Welt herausgelöst zu sein und in einer anderen Dimension zu schweben. Ihm wird plötzlich klar, dass sein derzeitiges Dasein nur ein winziger Abschnitt einer sehr langen und aufregenden Geschichte ist. Einer Geschichte, der eine wichtige Episode, sein jetziges Leben, die derzeitige Bestimmung, beigesteuert wird. Nur so kann sich ein übergeordneter Auftrag erfüllen und neuen Raum für das Ganze zur Verfügung stellen.

Am nächsten Tag geht es, zusammen mit den anderen Schweinen, zum Schlachthaus. Helfried steht rauchend vor der Tür und sieht emotionslos zu, wie das „Lebendmaterial“ entladen wird. Ein paar hastige Züge an der Zigarette und schon muss er wieder an den Arbeitsplatz. Ein mechanischer Schieber presst die Tiere in den Betäubungsautomaten. Helfried macht sich an den Messern bereit. Als Tonnie an den Hinterbeinen aufgehängt die Förderstraße entlang schwebt, kommt es kurz zu Bewusstsein, öffnet die Augen und sieht Helfried mit dem Hohlstechmesser vor sich stehen. Er ist in das ungewöhnliche Licht getaucht.

Tonnie denkt unwillkürlich: „Endlich habe ich dich gefunden.“

In diesem Moment stößt Helfried zu und hört gleichzeitig Tonnies Gedanken klar und laut: „Endlich habe ich dich gefunden.“

Er ist wie vom Donner gerührt. Seine Beine knicken weg. Er fällt weinend und schluchzend zu Boden, während sich Tonnies Blut über ihn ergießt.

Er hat das Gefühl, als ob er sein Kind erstochen habe, gleichzeitig spürt er noch nie da gewesene tiefe Entspannung und Frieden. Als ob etwas beendet worden wäre, das schon seit ewigen Zeiten auf Erlösung gewartet hätte. Als ob sein Leben eine Aufgabe erfüllt hätte.

Die Kollegen bringen Helfried nach Hause. Sie scherzen über den Zusammenbruch und trösten ihn: „Das wird schon wieder.“ Helfried kann nicht einordnen, was da in ihm berührt wurde, aber irgendetwas hat sich grundlegend für ihn geändert. Doch was? Eines ist sicher: Das Schlachthaus wird er nie wieder betreten.

Ab diesem Zeitpunkt erscheint ihm sein Leben irgendwie unwirklich. Wie ein Traum, aus dem er jederzeit erwachen könnte. Nach einigen Tagen, die Helfried mit Grübeln verbringt, beschließt er, jemanden zu suchen, der ihm sein Erlebnis und seine Emotionen erklären kann. Er erinnert sich an ein Plakat, das irgendwo hing. Es kündigte einen Vortrag über einen indischen Guru an. Vielleicht hilft ihm das weiter. Die genaueren Recherchen ergeben, dass der Vortrag bereits vorbei ist, aber in einer anderen Stadt wiederholt wird. Kurz entschlossen nimmt er den Zug.