Torwege in die Freiheit - Bernd Strohmeyer - E-Book

Torwege in die Freiheit E-Book

Bernd Strohmeyer

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Beschreibung

Es ist für das Leben wichtig, was in diesem Buch erzählt wird. Geschichten und Gedichte, wie sie hier versammelt sind, können nicht nur menschliche Probleme und Konflikte anschaulich machen, sondern ebenso Rat und Lösungen erfahrbar werden lassen. Zusammen mit besonderen Bildwerken weisen die Erzählungen in der symbolischen Sprache der Phantasie, der Märchen und der Fabeln auf Wahrheiten und Möglichkeiten hin. Dabei gehen sie realistisch auf vorhandene Arten des Denkens, Fühlens und Verhaltens ein, um andere Sicht- und Seinsweisen zu verdeutlichen, Tore für selbstbestimmtes Handeln zu öffnen und zu heilsamen Veränderungen zu ermutigen. So empfindet eine Ameise auf einmal Einsamkeit und verlässt ihren Bau, um ein Mittel dagegen zu suchen; eine junge Frau sieht auf einem abenteuerlichen Weg ihrer Angst ins Auge und entschließt sich, eine freie Persönlichkeit zu werden; ein Wassertropfen erlebt, wie sich das Dasein verwandelt und erneuert...All dies ist mit überraschenden Wendungen spannend und poetisch erzählt. Das Buch möchte Lebensweisheit schenken, damit wir immer besser begreifen, wer wir sind und was wir brauchen.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2017

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INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

MEDITATION

ALLEIN

DIE MAUER

GEHEIME MISSION

DIE ZWERGENSCHULE

DER KLEINE GOTT

DER ZARDOS

DER STURM

DIE HAKOMIES

WASSERTROPFEN

DER AUTOR UND DIE KÜNSTLERIN

Vorwort

Am Anfang steht die Sehnsucht.

Sie ist es, die uns treibt, Kraft schenkt, uns im Leben auf die Suche gehen lässt. Nicht ahnend, was gefunden werden soll, brechen wir anfangs ziel- und richtungslos zu einer emotionalen Heldenreise auf. Kämpfe mit Ängsten, Vertrauen, Herausforderungen, Erfolgen, Widerständen, Mauern, Liebe, Schmerzen, Glück ... müssen bestanden werden, und mit jeder neuen Erfahrung kommen wir uns selbst ein Stückchen näher. Wir begreifen immer besser, wer wir sind, was wir brauchen und was uns ausmacht. Doch wir kommen nicht ans Ziel, weil sich im Laufe der Zeit nicht nur das Außen, sondern auch wir selbst uns ändern. So, wie sich unser Geschmack an Speisen von der Kinderzeit bis ins hohe Alter verändert, ändert sich auch unser Geschmack am Leben. Uns begegnen Speisen, die ungewöhnlich, aber faszinierend in ihrer Fremdheit sind. Sinneseindrücke, die, einmal erfahren, man nie mehr missen will. Welche Zutaten beeinflussen unser Lebensgefühl? Was kommt hinzu? Was wird anders? Was könnten wir noch mögen?

Dieses Buch will Hinweise geben. Lebensthemen sind spielerisch, verträumt in einer bunten Mischung aus Kurzgeschichten, Fabeln, Märchen und Parabeln dargestellt. Die Geschichten sind Torwege, die andere Sichtweisen offenbaren, Aufmerksamkeit in unbekannte Richtungen lenken und einen neuen Lebensgeschmack anbieten. Vielschichtige Kunstwerke meiner geliebten Frau geben Einblick in das Dahinterliegende.

Während meiner Ausbildung in humanistischen und systemischen Therapiemethoden war das Schreiben von Geschichten eine ganz persönliche Art, Erkenntnisse für mich greifbar zu machen und zu adaptieren. Die Geschichten waren Begleiter meiner persönlichen Entwicklung und halfen mir, neue Denkmuster zu etablieren. Eine Veröffentlichung war nicht vorgesehen. Später ließ ich mich überreden, auch anderen Menschen die Gedanken zugänglich zu machen. Hierbei hat mich meine Frau mit ihrer wunderbaren Art, in Bildern auszudrücken, was mit Worten nicht gesagt werden kann, ermutigt, unterstützt und vervollständigt.

Wir laden Sie ein, sich staunend durch märchenhafte Wahrheiten treiben zu lassen, sich in die Tiefen der Bilder fallen zu lassen und die Torwege in die Freiheit zu durchschreiten.

Bernd Strohmeyer

Meditation

Ich stehe am Strand

und schaue auf das Meer.

Das Meer ist das Leben.

Es ist wunderschön.

Ich blicke zum Horizont und renne lachend ins Wasser,

in den sanften Schmerz der Kälte.

Das Nass umspült die Beine, wird tiefer,

bis ich den Sprung wage.

Der Atem stockt, das Herz schlägt wild,

sanfte Berührung umhüllt mich

mit dem Gefühl der Belebung.

Das Leben lässt mich durch seine Schwere leicht werden.

Es trägt über dunkle Abgründe.

Aus den Tiefen steigen Tiere, Pflanzen und Andere empor.

Eine Welt der Sensationen,

die vergessen machen,

wo ich herkomme.

Doch ich muss auftauchen,

brauche neuen Atem, neue Energie,

hebe mein Haupt über das Wasser,

über das Leben,

in die Stille.

Hier kann ich frischen Atem schöpfen,

kann das Meer sehen,

kann mein Leben sehen,

kann in mein Sterben sehen,

um erneut einzutauchen,

bis ich auf den Strand zurückkehre.

Ich stehe am Strand

und schaue auf das Meer.

Das Meer ist das Leben.

Es ist wunderschön.

Allein

Unter einer Fichte in den Alpen befindet sich ein riesiger Ameisenhügel. Den Hügel gibt es schon lange. Das Volk, das den Hügel gebaut hat und in Stand hält, zählt inzwischen viele Millionen Angehörige.

Dies ist die Geschichte einer kleinen, völlig unbedeutenden Ameise. Genauer gesagt einer Arbeiterameise mit dem Namen Bernd.

Bernd lebt schon recht lange und erfüllt immer brav und fleißig seine Aufgaben. Die Pilzkulturen pflegen, Gänge ausbauen, Pflanzen und erlegte Tiere in den Bau schleppen, und so weiter. Oft, in letzter Zeit sogar sehr oft, unterhält sich Bernd mit anderen Ameisen über die Welt, die Gefahren außerhalb des Baus und über das Leben. Den Erzählungen und Erfahrungen der anderen Ameisen lauscht er andächtig und neugierig. Manchmal fragt er sich, ob er auch solche Dinge erleben möchte. „Na ja, irgendwie faszinierend, aber auch ängstigend.“ So vergeht die Zeit. Die Neugier und die Fragen über die Welt da draußen lassen Bernd nicht mehr los.

Es ist Nacht, die anderen Ameisen schlafen bereits. Da beschließt Bernd, etwas zu tun, was er noch nie getan hat. Er verlässt den Bau, geht zur Fichte, die neben dem Ameisenhügel steht, und klettert auf die oberste Spitze. Von dort erblickt er zum ersten Mal in seinem Leben die Berge der Umgebung, das weite Land und den klaren Sternenhimmel in voller Pracht. Ihm wird plötzlich klar, wie groß die Welt, wie unendlich vielfältig das Universum ist und wie klein er selbst ist. Eine kleine Ameise, die jederzeit zertrampelt werden kann, die jederzeit gefressen werden kann, die sogar in einem Regentropfen ertrinken kann. Keiner würde es merken. Er ist viel zu klein, um bemerkt zu werden. Es passiert einfach – absichtslos – zufällig.

Bernd spürt eine große Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die genauso groß und kalt ist wie das Universum – unendlich.

Er kehrt zu seinen Freunden zurück und erzählt ihnen von diesem Einsamkeitsgefühl. Die reagieren verständnislos. „Du bist Teil einer riesigen, perfekt organisierten Gemeinschaft. Du bist unser Freund! Wir lieben dich! Wie kannst du da einsam sein?“, sagen sie. Bernd kann es sich auch nicht erklären. Er liebt ja auch seine Freunde. Er fühlt sich mit seinem Volk verbunden. Trotzdem ..., das Gefühl weicht nicht. Im Gegenteil, je mehr um ihn herum sind, desto stärker wird die Einsamkeit.

Bernd beschließt, den Bau zu verlassen, um nach einer Medizin gegen die Einsamkeit zu suchen.

Er packt einen großen Rucksack – Ameisen können ihr 100-faches Körpergewicht tragen – und marschiert nach Süden, der Sonne entgegen. Nach einigen Stunden Fußmarsch klettert er auf einen Grashalm, um sich einen Rundblick zu verschaffen. „O je, am Horizont ist der Ameisenbau immer noch zu sehen. Wie soll ich so nah am Bau etwas finden, das mir hilft?“

Rums! Ein Steinbock rennt über den Grashalm. Bernd kann sich gerade noch am Fell des Tieres festklammern. Jetzt geht es in raschem Tempo über Stock und Stein. Atemlos rast der Steinbock in eine Felswand und klettert geschickt auf einen Berggipfel. Dort lässt Bernd sich fallen und betet inständig, nicht von dem Steinbock zertrampelt zu werden.

Er hat Glück. Der Steinbock geht weiter und nichts passiert.

Als in der folgenden sternenklaren Nacht das Band der Milchstraße die leere Unendlichkeit des Universums verhüllt, fühlt sich Bernd nicht nur einsam, sondern auch verlassen. „Das ist jetzt die ganze Wahrheit“, denkt er und weint sich in den Schlaf.

Ist es ein Traum oder ein Wunder? Er sieht einen Stern in der Milchstraße, der sich auf ihn zubewegt. Der Lichtpunkt kommt immer näher, wird immer größer und heller. Als sich die Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, kann er inmitten des Lichtpunktes eine ganz kleine, hübsche Fee erkennen. Sie umkreist Bernd ein paarmal, kichert leise und sagt schließlich: „Du bist ja ein komisches kleines Kerlchen. Du siehst sooo hässlich aus mit diesen Fühlern und den großen Facettenaugen. Solltest du nicht bei deinem Volk in einem Bau sitzen und arbeiten?“ Als Bernd das hört, denkt er: „Recht hat sie“, und fängt leise zu schluchzen an. „Waaas!“, ruft die kleine Fee. „Du bist ja ein richtiges Sensibelchen. Ich will dich doch bloß ein wenig provozieren, damit du mich fangen willst. Ich will mit dir spielen.“

„Zum Spielen habe ich wirklich keine Lust“, sagt Bernd. „Ich bin auf einer langen und sehr gefährlichen Suche.“ „Huch!“, entfährt es der Fee. Ihre kleinen Flügel schlagen ganz aufgeregt. „Das klingt ja unheimlich spannend. Was suchst du denn?“ „Eine Medizin gegen die Einsamkeit“, antwortet Bernd. Die Fee schaut völlig verdutzt, vergisst mit den Flügeln zu schlagen und stürzt unsanft zu Boden. „Wow, jetzt hast du mich kalt erwischt“, sagt sie. „Glaubst du wirklich, dass es dagegen etwas gibt? Manchmal könnte ich auch so eine Medizin brauchen. Ich bin so klein, dass mich die anderen Feen kaum beachten. Wenn sie davonfliegen, komme ich nicht hinterher. Ich bin immer die Letzte und habe keine Lust mehr, mich dauernd als fünftes Rad am Wagen behandeln zu lassen. Deshalb bin ich ausgebüxt. Die vermissen mich sowieso nicht. Aber so ganz alleine in der Welt ist es sehr, sehr einsam. Darf ich mit dir mitkommen? So schlimm ist es auch wieder nicht, dass du so hässlich bist. Ich will auch diese Medizin.“

„Ob das gut geht?“, denkt sich Bernd. „Noch unterschiedlicher können wir ja gar nicht mehr sein. Jeden Tag wird sie erzählen, wie hässlich und verkehrt ich bin. Klar, gegen eine zauberhafte Fee ist eine Ameise ein Monster. Soll ich mir das wirklich antun? Die Schöne und das Biest? Andererseits: Ihr geht es auch nicht gut und zusammen haben wir vielleicht größere Chancen, was zu finden.“

„Okay“, sagt Bernd. „Yippie“, ruft die kleine Fee und setzt sich freudestrahlend auf Bernds Rücken. „Da lang“, ruft sie und zeigt aufgeregt hüpfend zum Horizont. Bernd schüttelt nur den Kopf. Er muss doch erstmal einen Plan machen.

Das ungleiche Paar läuft inzwischen seit zwei Stunden der aufgehenden Sonne entgegen. Das heißt, Bernd läuft und die Fee sitzt quengelig auf seinem Rücken. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Für eine Strecke, die sie im Flug in fünf Minuten zurücklegt, braucht Bernd eine Stunde. Er muss um jeden Grashalm herumlaufen, jeder Stein muss erklommen werden, jedes Erdhäufchen muss mühselig überwunden oder weiträumig umgangen werden. Für die Fee der blanke Wahnsinn. „Wie konnte die Schöpfung nur ein so langsames, umständliches und verletzliches Tier wie die Ameise hervorbringen?“, jammert die Fee. Bernd fühlt sich, obwohl die Fee diesmal das Wort hässlich nicht gesagt hat, wieder sehr einsam. Zuhause hat er seine Langsamkeit nie wahrgenommen. Gut, im Wettrennen war er nur Mittelfeld, beim Gewichteheben war er dagegen immer stolz auf seine Leistungen. Aber jetzt ...

„Ich muss was tun“, sagt die Fee. „Wir kommen nicht vom Fleck. So finden wir nie die Medizin.“ Die Fee fliegt davon und lässt Bernd traurig wartend zurück.

„Wäre ich doch auch eine Fee“, denkt Bernd, „dann könnte ich fliegen, müsste keine Angst haben, zerquetscht zu werden, wäre attraktiv und alles wäre einfach und leicht. Ja ..., Ameisen erhalten im Wald das Ökosystem aufrecht. Sie sorgen dafür, dass sich Schädlinge nicht zu sehr vermehren, schützen Pflanzen, und so weiter. Aber eine Fee sein, das wäre der Hit! – Welche Aufgaben haben Feen eigentlich? Das muss ich mal fragen.“

Erst am späten Abend kehrt die Fee zurück. Begleitet wird sie von einem sehr alten, völlig verschrumpelten Feenwesen, das mehr wie ein Nachtschwärmer oder ein ähnliches Insekt aussieht. „Das ist Void“, sagt die Fee. „Void ist Medizinmann und geistiger Führer der Feen. Du glaubst nicht, was für ein Theater es war, dass ich überhaupt wieder herdurfte. Es war auch ein langer Kampf, Void davon zu überzeugen, dass er dir helfen soll. Aber das erzähle ich dir alles später.“

Void stellt sich vor Bernd und der Fee auf. Er steht ganz still und betrachtet die beiden genau. Dann fragt er mit leiser, aber fester Stimme: „Was brauchst du?“ Bernd erklärt ihm seine Geschichte, dass er eine Medizin gegen die Einsamkeit suche, dass die Fee mithelfen wolle und dass er viel zu langsam vorankäme, nicht wüsste, woran er die Medizin überhaupt erkennen solle, und kaum noch Hoffnung hätte, überhaupt etwas zu finden. Void hört ohne äußere Regung alles genau an.

Nach einer Pause sagt er: „Einsamkeit hängt von der Weite deiner Wahrnehmung ab und von der Definition dessen, wer und was du bist. Du hast deine Wahrnehmung erweitert. Nun ist es an der Zeit, dich selbst zu erweitern.“

Er fuchtelt mit einem kleinen Beutelchen in seinen Händen und wirft den Inhalt auf Bernds Rücken. Brennen und Stechen auf dem Rücken lassen Bernd zusammenzucken. Ihm wird schwindelig und er verliert das Bewusstsein.

Als er aufwacht, hält ihn die Fee in ihren Armen und streichelt seinen Kopf. Irgendetwas ist jetzt total anders. Aber was? Er schaut in die Feenaugen, die ihn erwartungsvoll anblitzen. Der Rücken, er tut nicht mehr weh, aber irgendetwas hängt daran. Er windet sich, um seinen Rücken zu ... „Flügel! Flügel!“, ruft Bernd. „Ich habe Flügel!“ Bernd und die Fee springen auf und tanzen vor Freude.

Der Rest des Abends ist sehr lustig. Bernds erste Flugversuche in der Dunkelheit und unter Anleitung der Fee enden meist im Gebüsch oder an Baumstämmen. Auf jeden Fall immer auf recht unsanfte Weise. Egal, Bernds Hochgefühl lässt alle Schrammen und Beulen sofort vergessen. Das Fliegen klappt auch mit jedem Versuch besser.

Am nächsten Morgen steht das ungleiche Paar auf einer Anhöhe und schaut freudestrahlend über das weite Land zum Horizont. „Da lang!“, ruft Bernd. Die beiden fliegen der aufgehenden Sonne entgegen. Nach langer Zeit fühlt sich Bernd endlich nicht einsam. Er hat die Möglichkeit, überallhin zu fliegen. Die Berge, Wälder und Seen sind nicht feindliche, fremde und unüberwindliche Hindernisse, sondern aufregende, interessante Orte, die er jetzt jederzeit besuchen kann. Sie sind Teil seiner neuen Welt geworden, und er hat eine Begleiterin, die das gleiche Ziel verfolgt wie er. Mit ihr kann er gemeinsame Abenteuer bestehen. Ein Gefühl der Verbundenheit und Geborgenheit überkommt ihn.

Plötzlich schreit die Fee hysterisch: „Achtung!“ Bernd erschrickt so, dass er vergisst, mit den Flügeln zu schlagen, und fällt. Das ist sein Glück. Haarscharf über ihm rauscht ein Vogel mit offenem Schnabel vorbei. Bernd sieht, wie die Fee im Sturzflug nach unten saust, und er beschließt, sich einfach fallen zu lassen. Doch der Vogel ist unglaublich wendig. Mit einem eleganten Looping dreht er um und rast, einen Kampfschrei ausstoßend, der die Luft zerschneidet und das Blut gefrieren lässt, wie eine MiG-29 auf Bernd zu. Fallenlassen ist dagegen viel zu langsam. Mit der Kraft der Verzweiflung schafft Bernd gerade noch ein Ausweichmanöver. Der Vogel saust an ihm vorbei und packt die wenige Meter unter ihm fliegende Fee. Sie brüllt und schreit: „Hilfe! Bernd, hilf mir! Hilf mir!“ Der Vogel verschwindet, wie er gekommen ist. Lautlos, und mit ihm die Fee.

Bernd landet und muss sich erstmal übergeben. Er ist wie erstarrt.

„Um Gottes willen, der Vogel hat die Fee gefressen. Das kann, das darf einfach nicht sein! Feen sind doch privilegierte Zauberwesen. Die können doch nicht einfach so gefressen werden wie – wie Ameisen.“ Bernd spürt zuerst Verzweiflung, dann Angst, dann Trauer und schließlich eine tiefe Leere im Herzen. „So gerne würde ich jetzt von dir hören, was für ein hässlicher, langsamer Tollpatsch ich bin. Ich habe mich so mit dir gefreut, ich habe dir so vertraut. Wir haben doch noch so viele gemeinsame Pläne! Ich vermisse dich so! Wo bist du?“

Am liebsten möchte er zu seinem Bau zurückkehren, die Flügel abschneiden und in stiller Trauer den Rest seiner Tage mit Arbeiten verbringen. Dort ist er wenigstens unter seinesgleichen. Wie lautet das Sprichwort: „Schuster, bleib bei deinem Leisten.“ „So eine blöde Idee mit der Medizin. Hätte ich nichts gemacht, würde die Fee noch leben. Aber darf ich jetzt einfach gehen? Vielleicht lebt sie ja doch noch und braucht dringend Hilfe.“ Irgendetwas in Bernd bäumt sich auf, schreit und tobt, als ob eine Horde wilder Indianer durch seinen Kopf galoppieren würde, und reißt ihn aus der Lethargie. Er wird die Fee suchen und nicht eher ruhen, bis er sie gefunden hat. Egal, welchen Preis er zahlt. Doch wo soll er suchen? Er kann ja nicht Vögel nach ihrer letzen Mahlzeit befragen.

Es herrscht Windstille und die Mittagssonne brennt unbarmherzig auf die Szene. Die Hitze wird immer unerträglicher. Bernd schaut verzweifelt nach oben und denkt: „Das Licht, das mich in diesem Augenblick berührt, berührt im gleichen Moment auch dich. Könnte ich doch dieses Licht sein, dann wären wir jetzt zusammen. Wie kann es sein, dass wir auf demselben Planeten, unter derselben Sonne, in derselben Umgebung sind, dieselbe Luft atmen und uns dennoch nicht wahrnehmen? Im Universum geht nichts verloren. Aber wir konzentrieren uns immer nur auf das, was nicht da ist. Warum nehmen wir immer nur das Trennende wahr?“ Bernd beschließt, sich nur noch auf das zu konzentrieren, was sowohl für ihn als auch für die Fee wahrnehmbar ist. Er folgt dem Lufthauch, der vielleicht die Fee schon gestreichelt hat. Er sieht in das Licht, das vielleicht die Fee schon in Farbe getaucht hat, und lässt sich sanft von den Impulsen leiten, die vielleicht der Fee schon Trost und Hoffnung gaben.

Nach einigen Stunden Suche, in denen er von Eingebungen geleitet wird, kommt Bernd neben einer Raupe zum Stehen. Raupen gehören zu seinen Lieblingsspeisen. Doch diesmal hat er keinen Hunger. Er beobachtet die Raupe, wie sie ein Blatt in kleine Stückchen zerlegt und gierig verschlingt. Sie scheint ihn gar nicht zu bemerken.

„Hast du keine Angst vor mir?“, fragt Bernd. „Mir ist eigentlich alles egal“, sagt die Raupe zwischen zwei Schmatzern. „Heute Morgen sind alle meine Brüder und Schwestern von einem Vogel verspeist worden. Ich bin ganz alleine. Friss mich ruhig. Ich bin die letzte meiner Art. Was habe ich davon, ein Schmetterling zu werden, wenn ich der einzige Schmetterling auf der ganzen Welt sein werde?“

„Ein Vogel?“ Bernd horcht auf. „Kannst du den Vogel beschreiben?“ „Oh, ich weiß nicht. Der war so schnell wie ein Blitz oder eine MiG-29. Auf jeden Fall wahnsinnig schnell.“ „Und?“, ruft Bernd aufgeregt. „Wo ist der hin?“ „Der muss hier ganz in der Nähe sein Nest haben“, sagt die Raupe, „aber du Ameise solltest dem besser nicht begegnen.“ „Mir ist es auch egal, ob ich gefressen werde“, sagt Bernd traurig. „Nicht weil ich der Einzige meiner Art bin, sondern weil ich jemanden verloren habe. Jemanden, der nicht mal zu meiner Art gehört. Ach übrigens, so Raupen wie dich gibt es noch viele Millionen oder gar Milliarden auf der Welt. Wenn du erst Schmetterling bist und fliegen kannst, wirst du ihnen begegnen.“ Die Raupe ist außer sich vor Freude. „Echt! Ich bin nicht allein?“ „Mit Sicherheit nicht“, sagt Bernd und startet seinen Erkundungsflug in die Umgebung.

Es dauert nicht lange, da saust ein Vogel pfeilschnell durch die Baumwipfel in den Himmel. Irgendwo da oben muss sein Nest sein, denkt Bernd und will schon emporfliegen. Aber irgendetwas hält ihn zurück und zwingt ihn innezuhalten. Er hört das leise Rascheln und Wispern der Blätter. Irgendwo plätschert Wasser. Das Summen einer Biene verstummt, nachdem sie auf der Blüte gelandet ist. Irgendwo nagt und schmatzt ein Eichhörnchen an einer Nuss ... „Da! War das ein Stöhnen?“

Bernd geht in Richtung des Geräusches und sieht am Boden ein Stöckchen, nein, ein kleines Wesen liegen. „Das ist die Fee!“ Bernds Herz steigt wie ein Adler in die Lüfte. Als ob schwere Gewichte von ihm abgefallen wären. Mit einem Satz ist er bei ihr und nimmt die Fee in die Arme. Doch sie wirkt fast leblos, hat keinerlei Kraft. Gott sei Dank, ein ganz schwaches Atmen ist zu spüren. „Wie kann ich helfen, was kann ich tun?“ Er holt schnell Wasser, betupft vorsichtig ihr Gesicht und benetzt ihre Lippen.

Nach einiger Zeit kommt die Fee zu sich. „Bitte rufe den Medizinmann“, flüstert sie. „Suche einen hohlen Baumstamm und trommle auf ihm, so laut du kannst. Dazu sagst du:

Unendlicher Allgeist des Lebens,

Urgrund allen Seins.

Im Bewusstsein der Einheit mit dir

öffnen wir unsere Licht-Hände,

auf dass Licht, Liebe und Wärme strahle

in die Herzen aller Geschöpfe.

Dadurch ströme der Segen des Allerhöchsten

auf die Luft, das Feuer, das Wasser, die Erde,

alle Kreatur, alles Sichtbare und Unsichtbare,

bis ins kleinste Atom.

So manifestiere sich Einheit durch die allumfassende

Liebe, Weisheit und Kraft

des All-Einen

und sende uns Void.“

Bernd tut, was sie sagte. Neben ihm scheint die Luft zu einer Glaswand zu gerinnen. Die Glaswand fängt plötzlich an zu wabern und zu schwingen. In der Bewegung materialisiert sich Void wie eine Energie, die schon die ganze Zeit da war, sich aber nun zur Realität verdichtet.