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"Je mehr wir uns verhüllen, desto größer wird unser Schatten." Zum Miterfahren und Miterleben lädt dieses außergewöhnliche Buch ein, zur Teilnahme an einer Reise, bei der sich reiche Erkenntnisse gewinnen lassen. Was hindert Menschen an einem erfüllten Leben? Was erzeugt Selbstwertprobleme, Konflikte und Krisen? Drei verschiedene Wege führen zum "verborgenen Tempel" und so zur Überwindung der inneren und äußeren Spaltung und zur Harmonie mit sich selbst und der Welt. Der erste Weg ist eine Lebensgeschichte: Sowohl realistisch als auch symbolisch geht sie durch dramatische Wendungen, wobei sie der Leserin oder dem Leser Spielraum lässt, sich selbst in ihr zu finden. Es ist die Geschichte von einem, der in einer anderen Welt mit zerstörerischen Kräften konfrontiert ist und auf die Erde kommt, um zu lernen. Der zweite Weg sind beeindruckende Bilder von Marah Strohmeyer-Haider, die anregen, sich sinnlich mit den Fragen des Daseins auseinanderzusetzen. Schließlich dokumentiert ein Tagebuch die Stufen, auf denen der suchende Mensch immer bewusster wird, bis er so weit ist, dass er sich mit sich versöhnt. Dieser Bericht bringt psychotherapeutische und systemische Ansätze ein, fasst die Erfahrungen der Lebensreise zusammen und erklärt die Hintergründe spirituell. So kann das Buch helfen, sich in der Welt zu orientieren. Lösungen werden möglich, um in Selbstbestimmung und Liebe zu leben. Es wird deutlich, wie nahe die Einheit liegt.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dieses Buch ist ein Experiment. Es wurde von zwei Autoren geschrieben und einer Künstlerin illustriert. Die drei sind sehr verschieden und wirken doch zusammen. So, wie die Leserinnen und Leser Wahrheit aus unterschiedlichen Blickwinkeln sehen, stellt das Buch seine Botschaft auf unterschiedliche Weise dar: als Geschichte, als Tagebuch und in Bildern. Die Mitwirkenden gehen dabei drei Wege an den Grenzen der Erkenntnis – Wege, die am Ende zusammenlaufen. Irgendwo lässt sich so Wahrheit finden, Wahrheit über sich, über die eigenen Gefühle und über das Leben. Es bietet sich ein beispielhafter Blick in das menschliche Dasein zwischen innerem Frieden und in innerer Spaltung.
Im ersten Teil erzählt Bernd Strohmeyer die spannende, fiktive Lebensgeschichte eines „Helden“ in märchenhafter Form mit symbolhaften Erlebnissen und Bildern. Die Geschichte durchläuft die wichtigsten Entwicklungsstationen und erreicht schließlich eine spirituelle Sichtweise. Es folgt der Teil „Der rote Faden“, in dem Konrad Pinegger die Geschichte zusammenfasst und im spirituellen Kontext erläutert. Vom selben Autor ist das „Tagebuch“ im dritten Teil, das die Gedanken und Hintergründe systemisch und spirituell weiter erklärt.
Wir laden Sie ein, in die Erzählungen, Illustrationen und Gedanken einzutauchen, Ihr Herz berühren zu lassen und die Augen zu öffnen.
Vorwort
Die Geschichte
Urgrund
Spaltung
Aufbruch
Eine andere Welt
Schatten
Sumpf
Suche
Erster Schritt
Der Seefahrer
Ein Weg
Ankunft
Der rote Faden
Das Tagebuch
Erster Tag: Die Suche der Menschen
Zweiter Tag: Das wiedergefundene Paradies
Dritter Tag: Die Spaltung des Menschen
Vierter Tag: Das Karma
Fünfter Tag: Die Rolle der Beziehungen
Sechster Tag: Die Beobachtung und die Lösung
Siebter Tag: Festhalten und Loslassen
Achter Tag: Geben
Neunter Tag: Dienen
Zehnter Tag: Im Kontakt mit dem Geistigen
Elfter Tag: Die Bereitschaft
Zwölfter Tag: Die Verantwortung
Dreizehnter Tag: Die Versöhnung
Bildverzeichnis
Die Autoren und die Künstlerin
Eigentlich bin ich eher wortkarg. Worte vermitteln nicht Erkenntnisse, Erfahrungen oder Gefühle, sondern nur Informationen, die uns an Erkanntes, Erfahrenes und Gefühltes erinnern und zu neuen Erfahrungen veranlassen können. Es ist für mich wie bei der Musik. Sie braucht Stille, um wahrgenommen zu werden. So kann auch die geschriebene Sprache erst durch das Zusammenwirken von Wörtern mit Abständen, Pausen, Leerräumen, dem, was zwischen den Zeilen steht, Erkenntnisse vermitteln. Die Stille zwischen den Wörtern und Sätzen in diesem Buch soll den Leserinnen und Lesern Raum für eine Reise ins „Ich bin“ öffnen. Dabei erweitern die Bilder, die von der Kunsttherapeutin Marah Strohmeyer-Haider, meiner Ehefrau, für das Buch geschaffen wurden, den Raum durch die visuelle Dimension.
Der von mir verfasste erste Teil, „Die Geschichte“, will nicht lehren, sondern zum absichtslosen Gedankenspiel animieren und vorbereiten. So wie wir unser eigenes Leben erleben und beobachten, können wir in Toms Leben eintauchen. Dabei brauchen wir nicht zu verurteilen oder zu werten. Wir dürfen es so sehen, wie es ist. In „Der rote Faden“ werden von meinem Freund Konrad Pinegger entwickelte Interpretationen und Erläuterungen angeboten, die das erzählte Geschehen aus einem spirituellen Blickwinkel beleuchten. Anschließend legt er in „Das Tagebuch“ grundsätzliche Gedanken zu verschiedenen Lebensthemen dar, denen jeder in irgendeiner Form begegnet. Es geht um Einsichten, die dem „Helden“ in verschiedensten Lebenssituationen wertvolle Hilfestellung geleistet hätten. Einsichten, die auch der Leserin und dem Leser wertvolle Lösungsansätze bieten können.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Erinnern, Sinnieren, Entdecken und Genießen!
Bernd Strohmeyer
Die Geschichte von Igorius beziehungsweise Tom ist in Sprache und Form absichtlich so gehalten, dass sie ein Beispiel darstellt, damit man hinter diesem Beispiel seine eigene Geschichte entdecken kann. Die Geschichte ist die archaische Geschichte von uns allen. Sie erzählt davon, wie wir unsere Urheimat, welche wir aus der metaphorischen Geschichte als „Paradies“ kennen, verlassen haben, um in eine illusionäre Welt, nämlich unser „Erdenleben“, einzutauchen und um dann in bewussterer Form das Paradies wiederzufinden, das sich uns eröffnet, wenn wir die innere Spaltung, die dieses illusionäre Leben mit sich bringt, ausgleichen und uns wieder versöhnen. Es ist eine Art universelle Geschichte, also auch unsere eigene, so dass sie Raum lässt, sich selbst darin zu finden.
Die Geschichte als Ganzes nimmt wie ein Kaleidoskop mit jeder Bewegung immer wieder die Grundthemen auf, variiert sie und stellt Verbindungen her. In der Form einer Spirale entwickeln sich die drei Teile des Buches so, dass sie die gleichen Themen auf tieferen Ebenen wieder behandeln und damit in die Tiefe des Verstehens führen. Am Ende soll dies den Leser oder die Leserin ausgehend von einer Lebensgeschichte, die vielleicht in Teilen der eigenen Biographie ähnelt, zu einem tieferen Verständnis der Lebenszusammenhänge und des Sinns des Lebens bringen.
Bitte lassen Sie sich von uns dreien mitnehmen und in die Tiefen der Existenz führen, damit Sie sich in der Geschichte selbst begegnen und sich im Lichte dieser Geschichte besser verstehen. Genau dazu sind auch die Wunder-vollen Illustrationen Marah Strohmeyer-Haiders gedacht, welche beim Betrachten jenseits von Text und Wortsprache eine andere Dimension des Verstehens öffnen, ähnlich wie tibetische Mandalas. Gemeinsam mit den Bildern, die in ihrer Sprache die Aussage des Textes ergänzen, bildet der Inhalt eine Art „Stargate“ zum Verständnis des eigenen Lebens und der eigenen Geschichte.
Sie sind also herzlich eingeladen, sich mit dem „Helden“ der Geschichte zu identifizieren, der seine Urheimat verlässt und sich in der Welt der Dualität auf die innere Spaltung einlässt, dann im Heilen seiner Spaltung seine wahre Natur wieder erkennt und so diese lebt. Am Ende mögen wir vielleicht erkennen, dass in einer Wirklichkeit, die durch unseren Glauben an die „Alltagswirklichkeit“ verstellt wird, wir selbst dieser Held sind, der durch den liebevollen Umgang mit sich selbst wenn auch nicht gerade unseren Planeten rettet, so doch zur harmonischen Koexistenz aller Lebewesen beiträgt.
Konrad Pinegger
Als noch nichts war,
war die Stille.
Stille war und ist alles was war
und war noch Nichts.
Sie ist das All-Eine,
Ozean der Möglichkeiten,
unendliches Potential,
unendlicher Geist,
unendliches Glück.
In Glückseligkeit beginnt das All-Eine zu tanzen.
Tanz, der alles schwingen lässt,
Alles wird Pendel,
Rhythmus,
Verdichtung und Leere,
Anfang und Ende,
Pol und Gegensatz.
Der Tanz wird wilder, schneller, ausdrucksstärker
bis ein Urknall geboren ist.
Dimensionen, Energie, Zeit und Regeln
wachsen zu einem Universum.
Das All-Eine umarmt das Geborene
in unendlicher Liebe
und verwebt Galaxien und Sterne
in rhythmischer Verbundenheit
zu einem vollkommenen Kleid.
Ein perfektes System
auf der Bühne aller Möglichkeiten
in Sein getaucht.
Dies ist eine der unendlich vielen Geschichten des Universums. Eine Geschichte vom Werden, vom Sein, vom Leben, vom Nicht-Leben, von der Spaltung und vom Eins-Sein. Eine Geschichte in einer von Millionen Welten. Es ist auch Deine Geschichte, Dein Tanz, denn Du bist mit allem verbunden. In Dir ist alles, was ist. Du bist Tänzer und Tanz, Alles und Eines, All-Eines.
Bild 1: Urgrund
Es gibt auf einen fremden Planeten ein Volk, das lebt in Glück und Harmonie. Getragen wird das Zusammenleben des Volkes und aller sonstigen Lebewesen von Rhythmus und Resonanz. Der Planet sendet eine Schwingung gleich einem Ton aus, deren Takt niemand bewusst wahrnimmt. So wie wir etwas, das immer da ist, immer da war und immer da sein wird, nicht bewusst wahrnehmen. Dennoch beeinflusst es uns und unseren Rhythmus.
Das Volk nannte sich „Hatom“.
Das Leben auf dem Planeten ist sehr arten- und formenreich. Es gibt Pflanzen, die umherlaufen, Tiere, die fest verwurzelt sind, Schwebepflanzen, die wie Ballons durch die Luft fliegen, und Lichttierchen, die die Nacht zum Tag machen können. Eine bunte, ungewöhnliche und fremde Welt. Trotz aller Verschiedenheit leben die Tiere, die Pflanzen und die Hatoms in friedlicher Koexistenz. Alle sind voneinander abhängig und einander verbunden, wie enge Freunde, Mutter und Kind, oder wie Jäger und Beute. Jedes hat seinen Platz, seine Funktion, seine Aufgabe, wie die Teile eines Puzzles. Fehlt ein Teil oder wird es beschnitten, entsteht ein Loch im Gesamtbild. Selbst kleine Löcher stören das Gesamte empfindlich und machen es unvollständig. Alles und jedes ist, so wie es ist, passend und wichtig.
Alle Lebewesen sind über die Planetenseele verbunden und kommunizieren durch Signale auf optischem, akustischem, taktilem, chemischem und energetischem Wege miteinander. Gemeinsam bilden sie einen Organismus. Ähnlich, wie Millionen einzelner Zellen unseren Körper bilden und in Symbiose mit Bakterien, Pilzen, Algen und Viren leben, bilden die Lebewesen des Planeten eine symbiotische Lebensform. Einen komplexen Organismus, der weit mehr als die Summe seiner Teile darstellt. Die Hatoms nennen diesen Superorganismus „Biosphäre“. Für sie ist die Verbindung mit allen anderen Lebewesen genauso deutlich spürbar wie die Verbindung zum eigenen Körper. Sie sind geborgen und im Gleichgewicht.
So wäre das alle Zeit geblieben, wenn nicht eines Tages etwas Schreckliches geschehen wäre.
Bild 2: Spaltung
Vom Nachbarvolk kommt ein verzweifelter Hilferuf. Immer mehr von den Angehörigen dieses Volkes lösen sich aus der Matrix, aus der Einheit und verlieren die Verbindung zu den anderen Lebewesen. Sie sondern sich ab, haben unverständliche Gedanken und fangen an, verrückte Dinge zu tun. Die Angst vor einer Seuche geht um.
Der Ältestenrat der Hatoms beschließt, einen jungen Mann mit dem Namen Igorius, der sich durch besonders stabile Gesundheit, mentale Stärke und große Klugheit auszeichnet, zum Nachbarvolk zu entsenden. Er soll herausfinden, was der Grund für die Seuche ist, wie gefährlich sie ist und wie sie gestoppt werden kann.
Als Erstes reist Igorius zum nächstliegenden Dorf des Nachbarvolks. Dort angekommen, kann er kaum glauben, was sich ihm zeigt. Um das ganze Dorf ist eine hohe Mauer errichtet. Bevor Einlass gewährt wird, befragen Wächter ihn misstrauisch, wo er herkomme, was er wolle, welche Absichten er habe, wer ihn gerufen habe. Igorius versteht die Welt nicht mehr. Statt, wie sonst, mit Freude und offenen Armen empfangen zu werden, stößt er auf Ablehnung und Misstrauen. Bisher war ihm das Gefühl, ein Fremder zu sein, unbekannt. Erstmals fühlt er, wie es ist, mit anderen Wesen nicht wirklich verbunden zu sein. Hat ihn die Krankheit bereits befallen?
Was Igorius im Dorf zu sehen bekommt, verwirrt ihn noch mehr. Auf den ersten Blick fallen die neugebauten Häuser, gepflegte Straßen und der Einsatz praktischer fortschrittlicher Gerätschaften auf. Die Bewohner scheinen wie Besessene zu arbeiten. Sie bringen an ihren Häusern schwere Türen und Fensterläden mit Schlössern und Riegeln an, um sich vor „Feinden“ zu schützen. Sie häufen Besitztümer und Vorräte für „schlechte Zeiten“ an. Untereinander liegen sie im Streit darüber, welchen Wert dieser oder jener Gegenstand hat, wem was gehört oder wer was benutzen darf. Sogar die Nutzung des Wassers löst heftige Reibereien und manchmal sogar Gewaltakte aus.
Einige Bewohner sitzen weinend am Straßenrand. Als Igorius fragt, was ihnen Schlimmes passiert sei, können sie keinen konkreten Anlass nennen. Sie fühlen sich einsam, allein, ängstlich, schwach und hilflos. Sie behaupten, dass sie alles verloren hätten und auch selbst nichts mehr wert seien. Für Igorius sind dieses Verhalten und diese Aussagen rätselhaft und unverständlich.
Er muss lange suchen, bis endlich jemand das Vertrauen hat, mit ihm ein tiefergehendes Gespräch zu führen. Schließlich begegnet er Anga, einer Frau in ungefähr seinem Alter. Als er sie anspricht, lächelt sie so freundlich, dass ihm ganz warm ums Herz wird. Behutsam erklärt er, wie wichtig seine Mission sei, und fleht sie schließlich inständig an, ihm zu helfen. Anga, die Igorius recht nett findet, erzählt, wie die Veränderungen bei ihr begonnen haben: „Vielleicht hältst du mich für verrückt, Igorius“, sagt Anga, „aber ich bin der festen Überzeugung, dass das alles etwas mit einer Wolke zu tun hat.“
„Egal, was es ist“, erwidert Igorius, „erzähle, was dir in den Sinn kommt.“
„Also gut: Vor ungefähr zwei Wochen, es war ein schöner sonniger Tag, fiel mir eine ungewöhnliche Wolke am Himmel auf. Die Wolke war kompakt, fast rund und passte einfach nicht in den strahlend blauen Himmel. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas überhaupt nicht stimmte. Seit dieser seltsamen Erscheinung bin ich müde und schlapp, richtig krank. Alles kommt mir dumpf und vernebelt vor. Mein Blick ist irgendwie verschwommen und ich höre auch schlechter, als ob die Wolke eine Kiste über meinen Kopf gestülpt hätte. Das Essen schmeckt fad und ich nehme Gerüche kaum noch wahr. Das Auffälligste und Schlimmste aber ist, dass ich meinen eigenen Körper und die Anwesenheit der anderen um mich herum nicht mehr richtig spüre. Nur noch intensive Reize dringen durch. Mein Verstand ist dauernd mit irgendwelchen Phantasien und Problemen beschäftigt. Zuerst glaubte ich, dass das irgendeine Kreislaufschwäche oder Krankheit ist, die bald vorübergeht. Doch es wird einfach nicht besser. Obwohl ich kein Fieber habe, geht es mir richtig schlecht. Der Zustand bleibt auch unverändert. Ich gewöhne mich langsam daran, aber ich will endlich wieder klar denken können und mein Leben spüren. Allmählich verblassen sogar die Erinnerungen daran, wie es vorher war. Mein Rhythmus, meine Verbindung mit der Welt ist verloren. Ich bin wie ein Fremdkörper, der nicht mehr dazugehört. Wie kann ich das nur ändern?“
Anga umarmt Igorius und fängt laut zu schluchzen an. Bei der Umarmung spürt Igorius, dass nicht nur Anga, sondern auch noch irgendetwas anderes in seinen Armen liegt. Irgendeine Entität, eine fremde Substanz oder sogar fremde Wesenheiten? Er weicht erschrocken zurück und schaut Anga mit großen Augen an. „Anga, hast du das Gefühl, dass dich etwas beeinflusst oder lenkt?“
„Gelenkt werde ich nicht“, erwidert Anga. „Eher spüre ich, dass mir was entzogen wird, dass ich irgendwie ausgesaugt werde. Als ob meine Zufriedenheit, meine Wahrnehmung des Hier und Jetzt, mein innerer Frieden aus mir herausgesaugt würde. Gibt es Energievampire?“
Igorius lacht: „Nein, Vampire sind Märchengestalten. Obwohl? Ich habe schon von Kräften oder Verdichtungen gehört, die wie Wesen wirken können. Der Wirt dieser Verdichtungen nimmt diese selber nicht als solche wahr. Vielleicht hast du was eingefangen, das sich von Bedürfnissen ernährt und deshalb deine Bedürfnisse immer stärker und fordernder macht.“
Anga zuckt zusammen: „Wäre sowas möglich? Meine Sehnsucht nach Nähe, Liebe, Geborgenheit und Wärme wird jeden Tag größer. Erst als ich dich umarmte, waren für einen winzigen Moment die Bedürfnisse und die Kraftlosigkeit weg. Ich spürte wieder Verbundenheit. Ich fühlte mich für eine Sekunde wie früher. Igorius, wie werde ich diese Krankheit los? So kann ich nicht weiterleben!“
Igorius ist ratlos. Er beschließt, mit Anga zu seinem Volk zurückzukehren. Sie wollen den Ältestenrat und die Medizinfrauen und -männer um Hilfe bitten. Vielleicht haben die eine Idee.
Die Folgezeit wird für Anga die schrecklichste Zeit ihres Lebens. Klar, sie kann durch ihr Opfer für die Gemeinschaft womöglich eine ganze Zivilisation retten. Aber Igorius zerspringt das Herz angesichts dessen, was Anga erleiden muss. Die Behandlungen und Anwendungen der Heiler sind ein einziges Irren in dichtem Nebel. Alle möglichen Kräuter, Salben, Tinkturen, Drogen, Massagen werden ausprobiert. Schamanen machen stundenlange Rituale. Alles ist wirkungslos. Es geht ihr immer schlechter. Der Schmerz der Einsamkeit und die innere Leere sind unerträglich. Sie beginnt zu phantasieren. Ihre Gedanken kreisen um Erinnerungen an die gute alte Zeit, oder sie malt sich in allen Einzelheiten Zukunftsvisionen vom großen Glück aus. Gegenwart nimmt sie kaum noch wahr.
Igorius, der in Anga verliebt ist, zieht in seiner Verzweiflung eine letzte Heilungschance in Betracht. Er erinnert sich an beeindruckende Erzählungen aus seiner Kinderzeit. Sie handelten von einem alten Tempel hoch in den Bergen. Es ist ein Tempel, der angeblich von geheimnisvollen, spirituellen Wesen bewacht wird. Unzählige Geschichten ranken sich um ihn. In manchen Geschichten wird behauptet, der Tempel berge wertvolle Schätze. Andere erzählen von übernatürlichen Geschehnissen und Wundern. Keiner kennt die Wahrheit. Die meisten Hatoms halten den Tempel für ein reines Phantasiegebilde.
Drei Tage und drei Nächte irrt Igorius in den Bergen umher. Er ist völlig entkräftet und hat kaum noch Hoffnung, den Tempel zu finden. Außer Beeren bekommt er nichts in den Magen. Die Füße schmerzen und Kälte lässt ihn zittern. Da blinkt aus einer Felswand ein helles Licht. Wahrscheinlich ein Bergkristall, der sich im Sonnenlicht spiegelt, denkt Igorius und geht weiter. Doch trotz Positionsveränderung verfolgt ihn das Licht. Das will er nun genauer ansehen.
Nach kurzem Marsch gelangt er zur Felswand. In der Mitte der Wand ist ein schmaler Spalt. Igorius zwängt sich hindurch. Allmählich weitet sich der Spalt und mündet in ein kesselförmiges Rondell. Dieses ist von hohen senkrechten Felswänden umgeben, die bis in den Himmel zu reichen scheinen. In den Felswänden sind Stufen eingehauen. Stufen, die eine Wendeltreppe nach oben bilden und sich hinter einem Felsvorsprung verlieren. Igorius wagt sich die Stufen empor. Ganz nah drückt er sich an der Felswand entlang, denn er ist nicht schwindelfrei. Immer höher geht es und jeder Blick in den Abgrund lässt die Knie weich werden. Schließlich erreicht er den Felsvorsprung und sieht ein Plateau. Inmitten des Plateaus steht er! Groß und mächtig! Der Tempel. Ganz aus Stein. Er scheint aus einem einzigen Stück Felsen gehauen und das Plateau um ihn herum abgetragen worden zu sein. Der Tempel wurde nicht erbaut, sondern durch Befreien von überflüssigem Gestein in die Sichtbarkeit und Begehbarkeit, sozusagen in den „Ausdruck“ gebracht. Ein riesiges, rundes, mit Säulen versehenes Monument, das schon immer war.
Igorius nähert sich vorsichtig. Niemand zu sehen. Nur der kalte scharfe Wind pfeift durch die Säulen. Schließlich gelangt er zu einer großen Pforte aus dunklem, kupferfarbenem Metall. Das Tor öffnet sich einen Spalt, wie von Geisterhand bewegt. Er betritt eine hell erleuchtete runde Halle mit hoher Kuppel. Die Halle ist rundherum von Balustraden, Balkonen und Gängen, die sich bis zur Kuppel hinauf schrauben, umgrenzt. Im Zentrum steht ein weißer Altar. Es ist angenehm warm, sphärische Klänge und wohlriechende Düfte erfüllen den Raum. Obwohl niemand zu sehen ist, spürt Igorius deutlich die Anwesenheit von zahlreichen Wesen. Sind für ihn die Wächter des Tempels etwa unsichtbar? Er erschrickt, als ihn eine Stimme, die aus dem Nichts zu kommen scheint, anspricht. Die Quelle der Stimme liegt direkt neben ihm, doch niemand ist zu sehen.
„Hab keine Angst, Igorius. Du kannst uns nicht sehen, weil sich unsere Körper teilweise in einer anderen Dimension befinden. Wir sind aber genauso existent wie du. Wir leben in einer höheren Bewusstseinsdimension. Doch das ist jetzt nicht wichtig. Wir haben dich gerufen, weil dein Volk vor einem großen Entwicklungsschritt steht. Es kann den Schritt nicht alleine schaffen. Es braucht Hilfe. Unsere Wahl ist auf dich gefallen. Du sollst der Wegweiser sein, der die Hatoms und die anderen Völker aus dem Tal führt.“
Igorius ist völlig durcheinander. Tausende Gedanken und Fragen schwirren durch seinen Kopf und bekämpfen sich gegenseitig. Er steht da, wie angewurzelt, unfähig, klare Sätze zu formulieren. Eine lange Pause entsteht ...
Die Wesen warten geduldig, bis Igorius wieder ansprechbar ist und die Situation verarbeiten kann. Unsicher stottert er: „Ich bin hier, weil ich ein Gegenmittel gegen eine Krankheit brauche.“
„Ihr habt keine Krankheit“, antworten die Wesen. „Ihr habt etwas dazubekommen. Es nennt sich ‚Spaltung‘. Durch sie gewinnt ihr Entscheidungsfreiheit und Verantwortung. Gleichzeitig bringt euch das aus dem Gleichgewicht, aus dem inneren und äußeren Frieden. Es raubt euch Energie. Nichts kann bleiben, wie es war. Auch eure friedliche, symbiotische Lebensweise unterliegt einer Entwicklung. Um weiterzukommen, müsst ihr aus der dienenden Lebensweise austreten und als Durchgangsstadium ein individuelles Bewusstsein entwickeln. Individualität heißt Trennung. Ihr trennt euch von eurem eigentlichen Selbst, von eurer Umwelt, von den anderen Wesen. Ihr löst euch aus der symbiotischen Verbundenheit und geht in das ‚Ich will‘. Dieses Feld der Individualität wird durch die Anbindung an die Planetenseele wie eine Krankheit rasend schnell auf alle Individuen übertragen. – Diese Spaltung ist jedoch auch eine Chance, auf eine höhere Bewusstseinsstufe zu gelangen. In euerm bisherigen Leben habt ihr wenig selbstverantwortlich gehandelt. Ihr wart glückliche, liebevolle, naive Kinder ohne Selbstreflexion und Selbstkenntnis, nur zum Reagieren fähig. Individualität lässt euch Visionen und Ziele verfolgen, sie lässt euch das Besondere anstreben. Gleichzeitig zwingt sie euch, die Verantwortung für euer Handeln zu übernehmen. Nun bestimmt ihr selbst, ob die Konsequenzen eurer Handlungen positiv oder negativ für das gesamte System sind. – Doch der Verstand ist komplett überfordert, wenn er die Konsequenzen einer Handlung bezüglich des ganzen Planeten abschätzen soll. Hierfür braucht ihr die Weisheit eures Herzens gepaart mit dem Bewusstsein dessen, wer ihr seid, was wahr ist und was Illusion ist. Diese Transzendenz, die Sicht aus einer höheren Warte, ist die Heilung, die ihr sucht. Findet euer wahres Selbst und nehmt mit ihm Kontakt auf. So überwindet ihr die Spaltung und kehrt in die Verbundenheit zurück, auf höherem Bewusstseinslevel. Das war auch unser Weg.“
„Was soll das bedeuten? Wie soll das gehen? Was soll ich tun? Ich verstehe nicht“, erwidert Igorius verwirrt.
„Du wirst einen Prozess, eine Entwicklung durchlaufen“, antworten die Wesen. „Diese Entwicklung müssen alle deines Volkes durchlaufen. Du sollst der Funke, die Keimzelle, der Navigator sein, der den Hatoms den Weg zurück in die Einheit weist.“
Der Altar beginnt plötzlich die Farbe zu wechseln. Er wird bunt und Bilder sind zu sehen. Ein blauer Planet taucht auf.
„Das ist die Erde“, sagen die Wesen. „Auf ihr befindet sich eine Biosphäre, die in der Grundstruktur der Euren ähnelt. Auf der Erde gibt es ebenfalls höher entwickelte Wesen, die sich Menschen nennen. Leider leben diese armen Wesen schon seit Jahrtausenden in der Spaltung, in dem Gefühl, getrennt zu sein. Es ist dieselbe Spaltung, die nun deinem Volk zu schaffen macht. Die Erde ist daher ein idealer Schulungsplanet für dich. – Die Menschen haben gelernt, sich mit dem gespaltenen Zustand zu arrangieren, und nehmen ihn als unvermeidbar hin. Nur wenige erkennen, dass ein viel glücklicheres Leben möglich ist, dass Spaltung überwunden werden kann. Noch weniger haben sie tatsächlich überwunden. Deine Aufgabe ist es, zu lernen und zu erfahren, was Spaltung für das Leben bedeutet und wie man mit ihr umgeht. Du und dein Volk können den Zustand der Einheit noch erinnern, daher ist es für euch einfacher als für die Menschen. Ihr seid noch bereit und willens, euch zu ändern. Ihr habt noch Sehnsucht. – Bist du bereit, diese Mission anzunehmen?“
