Die Eroberung der Zeit - Sebastian Knell - E-Book

Die Eroberung der Zeit E-Book

Sebastian Knell

0,0
49,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Vita brevis, ars longa – das Leben ist kurz, lang ist die Kunst. In diesem antiken Aphorismus artikuliert sich die Ahnung, dass die Befristung unserer Lebenszeit dem Potenzial der Selbstverwirklichung entgegensteht, über das wir als kulturell geformte Wesen verfügen. Was jedoch, wenn es gelänge, diese Befristung auszuhebeln? Biologen sind den Mechanismen des Alterns längst auf der Spur, und einige von ihnen behaupten, diese Forschung könne uns in Zukunft befähigen, das Altern einzudämmen und die menschliche Lebensspanne erheblich auszuweiten, eventuell sogar bis zur biologischen Unsterblichkeit. Aber wäre ein sehr viel längeres Leben überhaupt ein Gewinn? Oder würden wir trotz dauerhafter körperlicher Fitness seelisch vergreisen? Ist biologische Unsterblichkeit ein erstrebenswerter Zustand? Und wie steht es mit den moralischen Problemen, die sich stellen, wenn das Geheimnis des Alterns gelüftet ist? Ist es zum Beispiel ungerecht, wenn sich nur Wohlhabende lebensverlängernde Therapien leisten können? Sebastian Knell geht diesen elementaren Fragen in seiner großangelegten philosophischen Studie auf den Grund und kommt zu klaren Einschätzungen, die spätestens dann von hoher praktischer Relevanz sein werden, wenn »Anti-Aging« nicht mehr nur ein Zauberwort der Kosmetikindustrie ist. Das könnte in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1019

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Vita brevis, ars longa – das Leben ist kurz, lang ist die Kunst. In diesem antiken Aphorismus artikuliert sich die Ahnung, dass die Befristung unserer Lebenszeit dem Potenzial der Selbstverwirklichung entgegensteht, über das wir als kulturell geformte Wesen verfügen. Was jedoch, wenn es gelänge, diese Befristung auszuhebeln?

 Biologen sind den Mechanismen des Alterns längst auf der Spur, und einige von ihnen behaupten, diese Forschung könne uns in Zukunft befähigen, das Altern einzudämmen und die menschliche Lebensspanne erheblich auszuweiten, eventuell sogar bis zur biologischen Unsterblichkeit. Aber wäre ein sehr viel längeres Leben überhaupt ein Gewinn? Oder würden wir trotz dauerhafter körperlicher Fitness seelisch vergreisen? Ist biologische Unsterblichkeit ein erstrebenswerter Zustand? Und wie steht es mit den moralischen Problemen, die sich stellen, wenn das Geheimnis des Alterns gelüftet ist? Ist es zum Beispiel ungerecht, wenn sich nur Wohlhabende lebensverlängernde Therapien leisten können?

 Sebastian Knell geht diesen elementaren Fragen in seiner großangelegten philosophischen Studie auf den Grund und kommt zu klaren Einschätzungen, die spätestens dann von hoher praktischer Relevanz sein werden, wenn »Anti-Aging« nicht mehr nur ein Zauberwort der Kosmetikindustrie ist. Das könnte in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein.

Sebastian Knell, geboren 1966, hat in Frankfurt am Main und Pittsburgh Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert. Von 2001 bis 2010 war er Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Universität Basel, seit 2011 ist er am Institut für Wissenschaft und Ethik der Universität Bonn tätig.

Im Suhrkamp Verlag hat er zusammen mit Marcel Weber herausgegeben:

Sebastian Knell

Die Eroberung der Zeit

Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2015.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2015

© Sebastian Knell

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

Inhalt

Vorwort

Allgemeine Einleitung

I.

Die eudaimonistische Bewertung verlängerter Lebensspannen

Einleitung

1.

Verdoppelte Lebensspannen

2.

Maximale Langlebigkeit und biologische Unsterblichkeit

3.

Lebensverlängerung, prudentielle Betroffenheit und rationale Suffizienz

II.

Die Moral der Lebensverlängerung

Einleitung

4.

Leben-Verlängern als »Leben-Retten«

5.

Anti-Aging-Forschung als moralische Pflicht?

6.

Lebensdauer und Gerechtigkeit I: Ungleiche Lebensspannen aus egalitaristischer Sicht

7.

Lebensdauer und Gerechtigkeit II: Ungleiche Lebensspannen aus nichtegalitaristischer Sicht

Schlusswort

Ausführliches Inhaltsverzeichnis

Dieses Leben, meine Herren, ist für unsre Seele viel zu kurz.

Johann Wolfgang von Goethe

Vorwort

Die Entstehungsgeschichte dieser Untersuchung reicht bis zu einem Forschungsaufenthalt am Center for Human Values der Princeton University zurück, wo ich im Frühjahr 2006 die ersten inhaltlichen Ideen entwickelt habe. Dass das Buch erst etliche Jahre später zum Abschluss gelangt ist, hat ganz wesentlich mit der ebenso lehrreichen wie hartnäckigen intellektuellen Begleitung zu tun, die mir während der Ausarbeitung meiner Gedanken zuteilgeworden ist. Die zentralen Kapitel sind während meiner Assistentenzeit an der Universität Basel entstanden und waren dort mehrfach Gegenstand konzentrierter Diskussionen im zugehörigen Lehrstuhlkolloquium. Die unbeirrbaren kritischen Nachfragen, insbesondere von Angelika Krebs, haben mich ein ums andere Mal genötigt, bereits entwickelte Sichtweisen als zu vorläufig zu erkennen und die Erforschung des Gegenstandes sowohl systematisch weiter aufzufächern als auch philosophisch rigoroser in die Tiefe zu treiben. Der Charakter des vorliegenden Buches wäre ohne die Erträge dieser produktiven Auseinandersetzung ein anderer.

Dank schulde ich jedoch nicht nur Angelika Krebs, sondern auch Dieter Sturma, der mir für den Abschluss meiner Forschungen nicht nur optimale Arbeitsbedingungen am Bonner Institut für Wissenschaft und Ethik gewährt, sondern mir darüber hinaus auch bei der Formulierung der finalen Fassung mit inhaltlicher Kritik und hilfreichen Anregungen zur Seite gestanden hat. Hervorzuheben ist ferner die außergewöhnlich befruchtende intellektuelle Umgebung des Instituts sowie des benachbarten Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften mit seiner einschlägigen Fachbibliothek. Die Diskussionen mit vielen Kollegen, allen voran mit Bert Heinrichs, Thorsten Galert und Dietmar Hübner, haben die Fertigstellung des Buches begleitet. Profitiert habe ich zudem von sachdienlichen Hinweisen, die mir der Geschäftsführer des Instituts, Michael Fuchs, gegeben hat.

Ein besonderer Dank gebührt neben Dieter Sturma Bert Heinrichs für seine kritische Lektüre des gesamten Manuskripts. Ebenso gilt mein Dank Elke Brendel, Christoph Horn und Michael Wagner sowie einem anonymen Fachgutachter für ihre hilfreichen Kommentare zu einer früheren Fassung des Textes, die ich im Jahr 2013 an der Universität Bonn als Habilitationsschrift eingereicht habe – auch wenn ich die meisten der zu Recht geforderten inhaltlichen Ergänzungen aus Platzgründen in die vorliegende Monographie nicht mehr habe aufnehmen können. Während der Entstehung des Buches habe ich mich mit so vielen Personen austauschen dürfen, dass ich hier nicht alle von ihnen dankend erwähnen kann. Stellvertretend genannt seien jedoch Barbara Bleisch, Hans-Joachim Crawack, Wolfram Gobsch, Matthias Haase, Christoph Henning, Franziska Martinsen, Jeff McMahan, Sebastian Rödl, Michael R. Rose, Susanne Schmetkamp, Barbara Schmitz, Hubert Schnüriger, Thomas Schramme, Peter Singer, Matthias Vogel, Marcel Weber, Lutz Wingert und Héctor Wittwer. Ebenso hervorzuheben ist Eva Gilmer, von deren stilistischem und sachlichem Scharfsinn der Text am Ende nochmals profitiert hat. Meinen Dank bekunden möchte ich schließlich jenen ganz besonders wichtigen Menschen, die dafür gesorgt haben, dass auch die Lebenszeit, die während der Arbeit an diesem Buch verstrichen ist, stets die eudaimonistisch bereichernde Fülle einer humanen Existenz für mich bereitgehalten hat.

Bonn, im November 2014Sebastian Knell

Allgemeine Einleitung

Technologischer Fortschritt hat seit jeher den von Natur aus eng umrissenen Horizont des Menschen erweitert. Ein Bereich, in dem dies besonders deutlich ins Auge springt, ist die Erschließung des geographischen und astronomischen Raums. Sieht man von den Angehörigen der Nomadenvölker ab, spielte sich das Leben des Individuums früher zumeist auf eng umgrenztem Terrain ab. Reisen waren langwierige, kostspielige und beschwerliche Unterfangen, und der Zugang zu Transportmitteln wie Pferden oder Kutschen stand nur wenigen Privilegierten offen. Geburtsort und Heimatregion steckten den provinziellen Rahmen ab, in dem der Einzelne sich bewegte, soweit die eigenen Füße eben trugen. Etliche Regionen der Erde waren lange Zeit so gut wie überhaupt nicht zugänglich. Erst die verkehrstechnische Erfindung der Überseeschifffahrt schuf die Möglichkeit, dem menschlichen Drang zur Eroberung des Raums auch im interkontinentalen Maßstab nachzukommen. Durch den Bau umfangreicher Eisenbahnnetze im 19. Jahrhundert sowie den Automobil- und Flugverkehr des 20. Jahrhunderts hat sich die großflächige Inbesitznahme des planetaren Raums schließlich zu einem globalen Massenphänomen entwickelt.

Ein weiterer technischer Meilenstein bestand in der Entwicklung moderner Raketenantriebe. Mit der Erkundung der Stratosphäre in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und der anschließenden Landung auf dem Mond sind bereits erste Schritte hin zu einer Inbesitznahme des Weltraums durch den Menschen erfolgt. Das 21. Jahrhundert wird voraussichtlich in dieser Hinsicht weiteren signifikanten Fortschritt bringen. Expeditionen zum Mars und darüber hinaus werden die Grenzen des durch Reisen erfahrbaren Raums weiter und weiter ausdehnen. Geht man davon aus, dass, rein technisch gesehen, bemannte Flüge zum Mars im Prinzip schon heute möglich sind – auch wenn entsprechende Planungen, unter anderem aus Kostengründen, bis dato nicht in die Tat umgesetzt wurden –, dürfte die räumliche Distanz, die ein Mitglied der Spezies Homo sapiens mittlerweile zurücklegen kann, etwa das 10 ‌000-fache jener Entfernung betragen, die im Rahmen urzeitlicher Völkerwanderungen das Maximum darstellte.[1]

Im Gegensatz zu diesen beeindruckenden Erfolgen beim Transzendieren räumlicher Grenzen hat es seit dem Aufkommen der ersten Hochkulturen kaum wesentlichen Fortschritt bei der Überwindung einer anderen, ebenso fundamentalen Begrenzung gegeben, der unsere naturwüchsige Existenzform unterliegt: des zeitlichen Rahmens, in dem sich ein menschliches Leben abspielt. Auch wenn seit der Steinzeit die durchschnittliche Lebenserwartung des Individuums, vor allem in den entwickelten Industrienationen, beträchtlich zugenommen hat, ist die maximale Lebensspanne, die ein Mitglied der Spezies Homo sapiens durchlaufen kann, im Prinzip unverändert geblieben. Sie beträgt nach wie vor wenig mehr als 100 Jahre. Zwar bieten die heutigen äußeren Lebensbedingungen dem Einzelnen eine erheblich verbesserte Chance, dieses Maximum wenigstens annähernd auszuschöpfen. Neuere demographische Prognosen sprechen sogar davon, ein beträchtlicher Teil derjenigen Menschen, die heute in Ländern mit hoher Lebenserwartung geboren werden, könne damit rechnen, ein Alter von über 100 Jahren zu erreichen.[2] Doch allem technologischen – insbesondere medizinischen – Fortschritt zum Trotz wurde bislang kein Weg gefunden, die humane Lebensspanne über die biologisch vorgegebene, oftmals als schmerzliche Beschränkung erfahrene Obergrenze hinaus auszudehnen. Eine derartige Erweiterung des chronologischen Rahmens, in dem das konkrete Leben des Individuums sich vollziehen kann, wäre ein technologisches Unterfangen, das – in Analogie zu der bereits Wirklichkeit gewordenen Eroberung des Raums – einer Eroberung der Zeit gleichkäme.[3]

Zwischen Raum und Zeit bestehen fraglos erhebliche begriffliche Unterschiede. Dasselbe gilt auch für unser subjektives Verhältnis zu räumlichen und temporalen Distanzen. Während wir uns im Raum im Prinzip beliebig bewegen können, lässt unsere lebensgeschichtliche »Reise« durch die Zeit zum Beispiel keine Richtungsumkehr zu. Daher kann die hier gezogene Analogie nur mit Einschränkungen Gültigkeit beanspruchen. Dennoch bilden Raum und Zeit die fundamentalen Koordinaten der erfahrbaren Welt, auf deren Achsen zugleich die allgemeinsten Grenzen gezogen sind, die den Horizont unseres Lebens umreißen. Mit einer Ausdehnung der erlebbaren Zeitspanne wäre die Stellung, die der Mensch innerhalb des Kosmos einnimmt, daher endgültig aus ihren naturwüchsigen Angeln gehoben. Während die Eroberung des Raums, wie zuvor skizziert, zu den Erfolgsgeschichten der wissenschaftlich-technischen Zivilisation zählt, ist die so verstandene Eroberung der Zeit ein Projekt, das noch der Realisierung harrt. Allerdings scheint sich die Menschheit im gegenwärtigen Stadium ihrer technologischen Entwicklung auf einen Punkt zuzubewegen, an dem dieses Projekt mit realistischeren Erfolgsaussichten als bisher in Angriff genommen werden könnte. Bereits erzielte sowie für die nähere und fernere Zukunft prognostizierte Fortschritte in Gentechnologie, Biogerontologie und Nanomedizin geben heute Anlass zu der Spekulation, der modernen Wissenschaft könne der außergewöhnliche Coup gelingen, den natürlichen Alterungsprozess des menschlichen Organismus, der mit dem Abschluß der Adoleszenz einsetzt und der bisher nach einer Lebensdauer von maximal 120 Jahren zum Tod führt,[4] systematisch zu verlangsamen oder eines Tages sogar komplett zum Stillstand zu bringen.

Wissenschaftliche Grundlage dieser Spekulationen ist die immer umfangreichere Erforschung der evolutionsbiologischen, genetischen und molekularen Grundlagen des Alterns, die sich die neu entstandene Disziplin der Biogerontologie zum Ziel gesetzt hat.[5] Nicht wenige Vertreter dieser Disziplin gehen davon aus, dass man die komplexen Ursachen des Alterns in absehbarer Zeit vollständig verstanden haben wird.[6] Ist jedoch erst einmal genau bekannt, warum Menschen altern, sollte es, so die grundsätzliche Überlegung, im Prinzip auch möglich sein, in die kausal zugrunde liegenden Prozesse einzugreifen und diese zu entschleunigen, anzuhalten oder zu revidieren. Die Folge eines derartigen Eingriffs wäre eine signifikante Steigerung der möglichen Lebensdauer über das bisher geltende Limit hinaus.[7] Neue Methusalems, die ein Alter von 140, 150 oder 180 Jahren erreichen, wären in diesem Fall denkbar. Manche Visionäre aus dem Bereich der Life Sciences gehen noch einen Schritt weiter und prognostizieren sogar Lebensspannen von etlichen Jahrhunderten.[8] Wieder andere fassen für die fernere Zukunft die noch radikalere Möglichkeit ins Auge, Menschen in den Zustand sogenannter biologischer Unsterblichkeit zu versetzen,[9] womit ein Zustand gemeint ist, in dem keinerlei Alterung mehr stattfindet.[10] Letzteres käme einer vitalen Existenz ohne fixe zeitliche Obergrenze gleich, wobei es hervorzuheben gilt, dass auch biologisch unsterbliche Menschen im Prinzip verwundbare Geschöpfe blieben und daher ebenfalls irgendwann – beispielsweise durch Unfälle, Kriege, Naturkatastrophen oder neuartige behandlungsresistente Killerviren – dem Tod zum Opfer fielen.

Bei realistischer Betrachtung und einer durchaus gebotenen Skepsis gegenüber allzu kühnen und vollmundigen Fortschrittsversprechen erscheinen diese extremeren Szenarien zum gegenwärtigen Zeitpunkt freilich recht weit hergeholt – auch wenn einige Forscher, wie etwa der Cambridger Biogerontologe Aubrey de Grey oder der US-amerikanische Futurologe Ray Kurzweil in diesem Zusammenhang dafür plädieren, das mögliche Tempo der durch technischen Fortschritt generierbaren Erweiterung praktischer Handlungsspielräume nicht zu unterschätzen. Dieser Optimismus stützt sich vor allem auf ein gedankliches Modell, dem zufolge die systematische Verkettung von Überbrückungsschritten einer signifikanten Verlängerung des Lebens bereits in relativ naher Zukunft den Weg ebnen könnte. Danach brauchen Techniken, die uns in die Lage versetzen, die Lebensspanne sehr stark auszudehnen, nicht unbedingt schon binnen weniger Dekaden entwickelt zu werden, damit heute bereits geborene Personen noch Gelegenheit erhalten, von ihnen zu profitieren. Hierzu genügt es vielmehr, dass in Zukunft in wiederholten Abständen rechtzeitig Mittel zur Verfügung stehen, die die Möglichkeit bieten, den Tod jeweils schrittweise bis zur nächsten medizintechnischen Innovation aufzuschieben.[11] Die Mehrheit der Biologen und Mediziner steht radikaleren Szenarien der Lebensverlängerung bisher allerdings skeptisch oder ablehnend gegenüber.[12]

Was hingegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt weniger weit hergeholt erscheint, ist die grundsätzliche Aussicht, in nicht allzu ferner Zukunft in den menschlichen Seneszenzprozess wirksam eingreifen und diesen verzögern zu können, auch wenn die so erzielbare Verlangsamung des Alterns und der daraus resultierende Aufschub von physischem Verfall und Tod sich anfangs in einem eher begrenzten Rahmen bewegen mögen.[13] Doch selbst eine zunächst bloß bescheidene Ausdehnung der menschlichen Lebensspanne über das bisherige Maximalalter von 120 Jahren hinaus würde den Auftakt zu einem grundsätzlich neuartigen technischen Eroberungsfeldzug bilden. Sie bedeutete den ersten Schritt des Homo sapiens auf einem Weg, der zur systematischen Inbesitznahme von mehr Lebenszeit führt, als die biologische Natur ihm zumisst. Dieses prometheische Unterfangen käme dem Vorstoß in neues, bis dato noch unerschlossenes Terrain gleich.

Zwar ist unter Biowissenschaftlern sogar die grundsätzliche praktische Möglichkeit, in den Alterungsprozess einzugreifen, nach wie vor umstritten;[14] doch eine wachsende Anzahl von Biogerontologen und Biomedizinern hält solche Eingriffe in Zukunft für denkbar.[15] Damit tritt eine gegenüber früheren Zeiten grundlegend veränderte Situation ein. Bildeten die Behauptung, das Leben lasse sich verlängern, sowie Jungbrunnen-Versprechen jahrhundertelang die Domäne von Alchemie, Obskurantismus und unseriöser Quacksalberei, so rückt die Aussicht auf die Überwindung der naturwüchsigen Befristung der menschlichen Existenz heute erstmals in den prinzipiellen Fokus einer rationalen Wissenschaftskultur. Die Eroberung der Zeit wird dadurch zu einem möglichen Ziel im Fortgang jener zivilisatorischen Fortschrittsgeschichte, deren bahnbrechender Erfolg seit der Epoche der Aufklärung in der praktischen Einheit von naturwissenschaftlicher Forschung und deren technologischer Anwendung gründet.[16]

Ohne Zweifel kommt die biotechnische Zukunftsvision, dem naturwüchsigen Verfall, dem unser Körper ausgesetzt ist, systematisch zu begegnen und dadurch den altersbedingten Tod hinauszuschieben oder eines Tages sogar ganz aus unserem Dasein zu verbannen, einer archaischen Sehnsucht des Menschen entgegen. Bei dem Wunsch, die Überwindung von Altern und Tod Realität werden zu lassen, handelt es sich um einen uralten Menschheitstraum. Er findet in den Mythen und Schriftzeugnissen sämtlicher Hochkulturen seinen Niederschlag, vom babylonischen Gilgamesch-Epos über die griechische Tithonos-Sage und die Calypso-Episode der Odyssee bis hin zu jenen alttestamentarischen Textpassagen, die von Methusalem und dessen langlebiger Ahnenreihe berichten.

Auch von medizinischer und philosophischer Seite aus wird seit der Antike die Kürze des menschlichen Lebens beklagt.[17] Berühmt ist das auf Hippokrates zurückgehende Dictum: Vita brevis, ars longa. In dieser Gegenüberstellung von Lebensdauer und »Kunst« artikuliert sich die Ahnung, es bestehe ein prinzipielles Missverhältnis zwischen dem Potenzial, das der Mensch in seiner Eigenschaft als kulturell geformtes Wesen besitzt, und der strikten Beschränkung seiner naturwüchsigen Lebensspanne.[18] Gelänge es der Biotechnologie tatsächlich, uns einen signifikanten Zugewinn an Lebenszeit zu verschaffen, ließe sich dieses Missverhältnis womöglich überwinden. Und unabhängig davon: Wer von uns wäre nicht erfreut, das Ende der eigenen Existenz in die fernere Zukunft transferieren zu können? Schließlich brächte die systematische Verlangsamung des Alterns eine Ausdehnung der vitalen Lebensspanne – der sogenannten health span – mit sich. Die Befürchtung, im Ergebnis drohe lediglich die Verlängerung senilen Leidens, ist daher ungerechtfertigt.

Gleichwohl ruft die Perspektive einer möglichen biotechnischen Verwirklichung des Traums vom längeren Leben auch andere Intuitionen auf den Plan als freudige Erwartung. Gerade Philosophen melden oftmals Vorbehalte an, ob die künstliche Ausweitung der begrenzten Spanne, die wir zwischen Geburt und Tod passieren, tatsächlich zu begrüßen wäre. Ein häufig geäußertes Bedenken besteht in der Frage, ob nicht die subjektiv erfahrene Knappheit der verfügbaren Lebenszeit den Lebensinhalten allererst ihren charakteristischen Wert und der individuellen Lebensführung jenen ernsthaften Antrieb verleiht, der dem Erfordernis entspringt, ohne Möglichkeit des Aufschubs im Hier und Jetzt zu handeln.[19] Beides, so die Befürchtung, könne im Falle einer weniger strikten Befristung des Daseins verloren gehen. Die Vermutung, die dieser Skepsis zugrunde liegt, besagt mithin, die Inbesitznahme zusätzlicher Zeit werde die anthropologischen Koordinaten des humanen Existenzmodus auf eine fundamentalere Weise verschieben als die Eroberung zusätzlichen Raums: Wird die Zukunft, die sich vor den Augen des Einzelnen erstreckt, signifikant in die Länge gedehnt, so verändert dies den Kern unseres personalen Lebensvollzugs womöglich nachhaltiger, als dies jede Ausweitung unseres räumlichen Bewegungshorizonts zu bewirken vermag. Diese grundsätzliche Einschätzung hat auf den ersten Blick einiges für sich. Auch anthropologisch gesehen jedenfalls scheinen sich unsere Verortung im Raum und unsere Positionierung in der Zeit nicht einfach symmetrisch zueinander zu verhalten.

Weitere Bedenken beziehen sich auf die gesamtgesellschaftlichen Folgen eines kollektiven Aufschubs des Todes. Hierzu zählt etwa die Warnung vor institutioneller Verkrustung und erlahmender Innovationsbereitschaft, die jeweils einer spezifisch mentalen Form der Alterung geschuldet sein könnten, welche die Nutznießer biotechnischer Seneszenzverlangsamung trotz fortdauernder körperlicher Vitalität unausweichlich erfasst.[20] Jenseits dieser Erwägungen, die im Wesentlichen einem prudentiellen, auf individuelle oder kollektive Eigeninteressen bezogenen Blickwinkel entspringen, begegnet man in der philosophischen Debatte zum Thema Lebensverlängerung auch Überlegungen spezifisch moralischer Art. Ein Teil dieser Überlegungen liefert Argumente zugunsten der Entwicklung und Bereitstellung radikaler Anti-Aging-Therapien, während ein anderer Teil Gründe beisteuert, die gegen diese praktischen Zielsetzungen sprechen. Entschiedene Befürworter künstlicher Lebensverlängerung appellieren zum Beispiel an den fundamentalen ethischen Wert des Lebens und an die in unserer moralischen Kultur tief verwurzelte Pflicht, menschliches Leben zu retten. Im Gegensatz hierzu verweisen Gegner unter anderem auf drohende Ungerechtigkeiten, die womöglich entstehen, wenn sich nur Wohlhabende kostspielige lebensverlängernde Eingriffe leisten können.[21]

Diese wenigen Andeutungen lassen bereits erkennen, dass durch die teils verheißungsvollen, teils beunruhigenden Perspektiven, die das biotechnische Projekt einer gezielten Verlangsamung des Alterns und Entgrenzung der menschlichen Lebensspanne eröffnet, ebenso vielfältige wie fundamentale Fragen aufgeworfen werden, die genuin philosophischen Orientierungsbedarf hervorrufen. Dieser reicht einerseits hinein in die komplexen Diskussionszusammenhänge einer prudentiellen Ethik des guten Lebens, indem das Versprechen zusätzlicher Lebensjahre dazu herausfordert, das grundsätzliche Verhältnis aufzuklären, das zwischen Lebensdauer und Lebensqualität im Sinne diachron sich entfaltender eudaimonistischer Erfüllung besteht: In welchen Hinsichten ist ein längeres Leben dem sukzessive realisierbaren Wohlergehen des Individuums zuträglich? Oder pointierter ausgedrückt: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Zeit und Glück? Zum anderen betrifft der fundamentale Orientierungsbedarf, der aus der Aussicht auf den biomedizinisch generierten Zugewinn vitaler Lebenszeit erwächst, grundlegende Elemente des Selbstverständnisses unserer moralischen Kultur: Sind wir moralisch dazu angehalten, die Erforschung und Bereitstellung lebensverlängernder Technologien voranzutreiben, weil hierdurch das Leben von Menschen im buchstäblichen Sinne »gerettet« werden kann? Und wie ist die massive Ungleichheit von Lebensspannen, die dann zu entstehen droht, wenn nicht jeder Zugang zu den Früchten dieser Technologien erhält, im Lichte gerechtigkeitstheoretischer Standards zu bewerten?

Bei der Frage, ob die Ausdehnung der naturwüchsigen Daseinsfrist durch zukünftige Anti-Aging-Therapien all things considered erstrebenswert ist oder nicht, handelt es sich mithin um eine Fragestellung der angewandten Ethik in einem denkbar umfassenden Sinne. In ihr kreuzen sich gleich mehrere zentrale Problemfelder der praktischen Philosophie. Das Hauptanliegen, das ich mit dem vorliegenden Buch verfolge, besteht darin, dieses bis dato noch vergleichsweise neuartige und infolgedessen in Teilen unbeackerte Feld der Ethik begrifflich zu durchleuchten, ihm eine systematische Kartographierung zu verleihen und einige besonders hervorstechende Detailfragen ausführlicher zu diskutieren.

Die mit diesem Unterfangen verbundene Systematisierungs- und Klärungsarbeit fällt, wie gesagt, im Wesentlichen in das Gebiet der praktischen Philosophie. Die Untersuchung des eudaimonistischen und moralischen Werts, der der Verlängerung des humanen Daseins womöglich zuzuschreiben – oder aber abzusprechen – ist, stellt jedoch nicht den einzigen Orientierungsbeitrag dar, der angesichts entsprechender Zukunftsvisionen aus genuin philosophischer Perspektive geleistet werden kann. Die philosophische Reflexion kann darüber hinaus auch zu der fach- und populärwissenschaftlichen Debatte über die grundsätzliche Möglichkeit der Lebensverlängerung Stellung beziehen, wenn auch freilich nur in gewissen Grenzen. Eine solche Stellungnahme fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Ethik. Vielmehr erfordert sie eine Art spekulativer Synthese aus Wissenschaftstheorie, Technikphilosophie und rationaler Futurologie. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, die kontroversen Ansichten darüber, was auf dem Feld der Biomedizin in welchem Zeitrahmen tatsächlich in den Bereich des Möglichen rücken könnte und was dagegen für immer Wunschdenken bleiben dürfte, auf ihre allgemeinsten Plausibilitätsgrade hin zu überprüfen. Bei dem Versuch, dies zu bewerkstelligen, gilt es freilich den Umstand im Blick zu behalten, dass diejenigen Forscher, die mit den empirischen Grundlagen der zur Debatte stehenden Möglichkeitsbehauptungen und Prognosen aus erster Hand vertraut sind, etliche der dabei relevanten Aspekte kompetenter beurteilen können, als dies die eher grobkörnige Betrachtungsweise vermag, deren sich die distanzierte Reflexion bedient. Die Tatsache, dass die Meinungen der empirischen Wissenschaftler auf diesem Gebiet zum Teil erheblich auseinanderklaffen, bietet allerdings dennoch einen gewissen Anreiz, die biomedizinische Kontroverse in Sachen Anti-Aging aus der Meta- und Vogelperspektive der Philosophie in den Blick zu nehmen.

Diese wissenschaftstheoretisch-technikphilosophische Kommentierung ist nicht das primäre Ziel meiner Untersuchung. Dennoch erscheint es angebracht, im Rahmen dieser allgemeinen Einleitung zu der kontrovers diskutierten Frage der technologischen Perspektiven wenigstens ein paar kurze Bemerkungen zu machen, verbunden mit der Skizze einiger einschlägiger naturwissenschaftlicher Hintergründe dieser Auseinandersetzung.

Zur Plausibilität der technologischen Zukunftsszenarien

Vorweg ist eines klar hervorzuheben: Jede noch so radikale Ausdehnung unserer biologischen Lebensspanne und jeder noch so rigorose Eingriff in die Mechanismen des Alterns werden immer nur imstande sein, unsere endliche Lebensdauer zu steigern. Ein Sieg über den Tod als solchen lässt sich dadurch nicht erringen. Ein zeitlich unbegrenztes Dasein, das ein irdisches Äquivalent zu jenem ewigen Leben im Jenseits böte, von dem die Lehrgebäude mancher Religionen künden, wird und kann es nicht geben. Dem steht allein schon das kosmische Entropiegesetz entgegen, das die zeitlich unlimitierte Fortexistenz komplexer Organismen innerhalb des natürlichen Universums ausschließt. Ein weiterer Grund, der gegen die Hoffnung spricht, dem Tod lasse sich mit technischen Mitteln definitiv das Handwerk legen, besteht darin, dass – auch unabhängig von den Gesetzmäßigkeiten der Thermodynamik – innerhalb des physikalischen Kosmos, in dem gewaltige Kräfte herrschen, die intelligente Wesen niemals vollständig unter Kontrolle zu bringen vermögen, Einzeldinge im Prinzip kaputt gehen können. Auch wir Menschen werden stets solche Einzeldinge bleiben, die im Prinzip der Zerstörung anheimfallen können, wie radikal auch immer wir unsere Körper auf biotechnischem Wege ummodeln oder im Zuge anders gearteter Enhancementmaßnahmen nachrüsten mögen. Man denke nur an mögliche Meteoriteneinschläge auf der Erde oder an den in fernerer Zukunft bevorstehenden Kollaps des Sonnensystems, der jegliches Leben auf der Erde sowie auf sämtlichen eventuell besiedelbaren Nachbarplaneten unabwendbar auslöschen wird.

Mithin wird die Verlängerung des Lebens einen endlichen Zeithorizont nie überschreiten können. Am Ende der Wegstrecke wartet der Tod. Eine Versetzung in den Zustand der Unsterblichkeit ist nur in dem zuvor erwähnten, eingeschränkten Sinne denkbar, in dem Vertreter der Life Sciences von »biologischer Unsterblichkeit« sprechen. Eine darüber hinausgehende, gleichsam metaphysische Unsterblichkeit kann es hingegen nicht nur aus den bereits genannten physikalischen Gründen nicht geben. Ihr steht zusätzlich ein begriffliches Hindernis im Wege: Solange der Mensch zur Kategorie der Lebewesen zählt, bleibt seine Sterblichkeit eine konzeptuelle Notwendigkeit.[22] Denn ein Lebewesen ist unter anderem durch den Umstand definiert, dass es seine Selbsterhaltung durch Stoffwechsel vollzieht. Dies bedeutet, dass es auf die stetige Zufuhr äußerer Ressourcen angewiesen ist. Da diese Zufuhr gekappt werden kann, bleibt der Mensch in seiner Eigenschaft als Lebewesen notwendigerweise vom Tod bedroht und mithin in einem dispositionalen Sinne sterblich. Ein unsterblicher Mensch ist folglich eine begrifflich widersinnige Vorstellung,[23] auch wenn eine de factoendlose Lebensdauer, rein konzeptuell betrachtet, denkbar scheint. Letzteres wird allerdings, wie wir gesehen haben, spätestens auf empirischer Ebene durch kosmologisch-physikalische Gegebenheiten ausgeschlossen. Was daher vernünftigerweise allein Gegenstand spekulativer Zukunftsszenarien sein kann, ist eine zeitlich begrenzte Form der Lebensverlängerung unter den Bedingungen fortwährender Sterblichkeit.

Diejenigen Biowissenschaftler, die eine solche endliche Ausdehnung des Lebens im Prinzip für möglich halten, sehen die Hoffnung auf eine Modellierbarkeit der menschlichen Lebensspanne unter anderem in zwei Arten von Fakten begründet, die die moderne Biogerontologie zutage gefördert hat. Zum einen gilt nämlich: Weder ein bestimmtes Tempo des Alterns noch das Altern als solches stellen offenbar eine strikte biologische Notwendigkeit dar. Was das Tempo des Alterns betrifft, so scheint es sich hierbei um ein kontingentes Erzeugnis der Evolution zu handeln. Hierfür spricht, dass auch bei solchen Organismen, die einander biologisch stark ähneln, sehr unterschiedliche Lebensspannen – und folglich divergierende Geschwindigkeiten des Alterns – zu verzeichnen sind. So übertrifft etwa die maximale Lebensspanne des Menschen mit 120 Jahren um knapp 65 Prozent diejenige unseres nächsten Verwandten, des Schimpansen, der maximal 74 Jahre alt werden kann.[24] Nacktmulle leben bis zu zehnmal länger als die mit ihnen genetisch eng verwandten Mäuse.[25] Stark auseinanderklaffende Lebensspannen lassen sich zudem bei unterschiedlichen Vogelsorten beobachten. Dies alles sind Indizien, die dafür sprechen, dass es sich beim Tempo des biologischen Alterungsprozesses nicht um eine starre, sondern im Prinzip um eine plastische Größe handelt.

Hinzu kommt eine weitere, durchaus bemerkenswerte Tatsache: Es hat den Anschein, als stelle – im Gegensatz zur dispositional verstandenen Sterblichkeit – das Altern überhaupt keine biologische Notwendigkeit dar. So gibt es Hinweise darauf, dass manche Organismen – beispielsweise bestimmte Schwammsorten oder die Süßwasserhydra – schlechterdings nicht altern.[26] Diese erstaunlichen Fakten zeigen, dass die Annahme verfehlt wäre, es sei ein notwendiger und unabwendbarer Vorgang, dass ein biologischer Organismus im Laufe der Jahre verfällt – gleichsam nach dem Motto, dass in dieser unvollkommen verfassten Welt eben jedes Ding irgendwann einmal den Geist aufgibt oder strukturell kollabiert, von Laptops, Staubsaugern und Automobilen, die früher oder später auf dem Schrottplatz landen, bis hin zu Felsfigurationen und Landschaftsformationen, die allmählich der Verwitterung anheimfallen. Diese Vorstellung ginge schon deshalb in die Irre, weil lebendige Organismen – anders als zum Beispiel technische Gebrauchsgegenstände, für die das Prinzip einer verschleißbedingten Begrenzung ihrer Lebensdauer Gültigkeit besitzen mag – ihre Teile beständig austauschen und erneuern. Sie sind daher bereits von Natur aus eher gegen Destruktion durch Verschleiß gewappnet.[27]

Bei der zweiten Sorte von Fakten, auf die die Optimisten unter den Biowissenschaftlern ihre Hoffnung stützen, die Lebensdauer des Homo sapiens lasse eine signifikante Steigerung zu, handelt es sich um Experimente mit sogenannten Modellorganismen. In diesen Experimenten ist es bereits gelungen, die natürliche Lebensspanne von Versuchstieren künstlich auszudehnen.[28] So konnten Forscher genetisch veränderte Fruchtfliegen züchten, deren Dasein zwei- bis dreimal länger währt als das ihrer natürlichen Artgenossen.[29] Im Falle von winzigen Fadenwürmern ist es durch genetische Eingriffe sogar gelungen, die naturwüchsige Lebensspanne um das Sechs- bis Zehnfache auszudehnen.[30] Und schließlich wurde bei einer genetisch veränderten Labormaus eine Steigerung der Lebensdauer um etwa 80 Prozent festgestellt.[31]

Ein naheliegender Einwand lautet, diese sensationell anmutenden Resultate seien kaum jemals auf den Menschen übertragbar, da der menschliche Organismus ungleich komplexer ist. Auch die Ursachen des Alterns sind beim Menschen allem Anschein nach sehr viel komplexer als bei Würmern oder Insekten.[32] Der kalifornische Biologe Michael Rose bezeichnet das Altern des Menschen dementsprechend als ein vielköpfiges Monster, ein many headed monster, das an vielen Fronten gleichzeitig bekämpft werden müsste.[33] Hinzu kommt, dass zum Beispiel Eingriffe in das Erbgut – oder auch die körperinterne Aktivierung medizinischer Nanoroboter zur Behebung altersbedingter Schäden – extrem riskant erscheinen. Gerade angesichts der enormen biochemischen und strukturellen Komplexität des menschlichen Organismus liegt prima facie die Vermutung nahe, dass sich solche Interventionen kaum ohne unkontrollierbare und unerwünschte Nebenwirkungen durchführen ließen.

Diese Einwände sind durchaus gewichtig. Sie lassen es ratsam erscheinen, das mögliche Tempo des biomedizinischen Fortschritts, der zu wirksamen Anti-Aging-Therapien führen könnte, nicht zu überschätzen. Technikutopistische Propheten, die einen baldigen zivilisatorischen Sieg über Verfall und Tod prognostizieren, dürften sich diesbezüglich im Irrtum befinden. Was das Problem der Komplexität angeht, ist jedoch zumindest eines zu bedenken: Auch bei der Krankheit Krebs, so wissen wir heute, handelt es sich um ein »vielköpfiges Monster«, und Krebs hat, ebenso wie das Altern, vielfältige und komplexe Ursachen auf sowohl zellulärer als auch molekularer Ebene. Dennoch erscheint es verfehlt, zum heutigen Zeitpunkt apodiktisch zu behaupten, Krebs werde sich in Zukunft niemals systematisch heilen oder im Vorfeld verhindern lassen. Kein ernsthafter Forscher im Bereich der Krebsmedizin käme vermutlich beim gegenwärtigen Stand des Wissens auf die Idee, eine derart defätistische Behauptung aufzustellen. Ebenso ungerechtfertigt mutete es daher an, wollte man heute definitiv behaupten, das Altern werde sich in Zukunft niemals gezielt beeinflussen und verlangsamen lassen.

Das grundsätzliche Problem, mit dem sich jeder Versuch konfrontiert sieht, diese pessimistische Einschätzung zu verteidigen, besteht darin, dass man zu diesem Zweck eine der beiden folgenden Behauptungen aufstellen muss, die sich beide nur schwer mit einer stichhaltigen Rechtfertigung versehen lassen:

1.

Die biogerontologische Forschung wird zu keinem zukünftigen Zeitpunkt die Mechanismen und Ursachen des menschlichen Alterns vollständig verstanden haben.

2.

Keine noch so vollständige Kenntnis der Mechanismen und Ursachen des Alterns wird uns jemals befähigen, den Prozess des Alterns zu manipulieren.

Behauptung 1 erscheint nicht nur angesichts der bereits erzielten Fortschritte auf dem Feld der Biogerontologie mehr als fragwürdig. Sie steht ferner auch im Widerspruch zu dem, was Vertreter dieser Disziplin selbst vorhersagen.[34] Darüber hinaus sind Behauptungen, die die prinzipielle Unerkennbarkeit eines Wirklichkeitsbereichs zum Gegenstand haben, tendenziell jenen logischen Schwierigkeiten ausgesetzt, die schon Kants berüchtigter Ding-an-sich-Konstruktion anhaften. Wer die grundsätzliche Nichterkennbarkeit der Ursachen des Alterns zu seiner These macht, erhebt schließlich seinerseits den Anspruch, etwas Allgemeines über diese Ursachen zu wissen. Gerade dann jedoch erscheint es, wenngleich nicht formal inkonsistent, so doch in hohem Maße unplausibel, auszuschließen, dass sich über jene ursächlichen Faktoren Spezifischeres in Erfahrung bringen lässt.

Wer sich nicht auf das Glatteis der Unterstellung begeben will, die kausalen Grundlagen des Alterns seien für immer dem Zugriff wissenschaftlicher Erkenntnis entzogen, dem steht zwar der alternative Weg offen, seinen Pessimismus hinsichtlich der möglichen Entwicklung wirksamer Anti-Aging-Therapien auf Behauptung 2 zu stützen. Allerdings ist nicht zu erkennen, welche spezifischen Gründe deren Verteidigung dienen könnten, zumal zu einem Zeitpunkt, zu dem die biochemischen Ursachen und Mechanismen des Alterns ja gerade noch nicht im Detail bekannt sind, auch wenn sich dies, entgegen der in Behauptung 1 aufgestellten Prognose, in Zukunft voraussichtlich ändern dürfte. Ein allgemeines Naturgesetz jedenfalls scheint der Manipulierbarkeit des Alterns nicht im Wege zu stehen.[35] Insofern ist der begründungstheoretische Status von Behauptung 2 ein anderer als zum Beispiel derjenige der Behauptung, zukünftigen Angehörigen der Gattung Homo sapiens werde niemals das technische Kunststück gelingen, schneller als mit Lichtgeschwindigkeit zu reisen.

Ein weiteres Problem, das Behauptung 2 in der vorliegenden Form anhaftet, besteht darin, dass diese eine nicht näher erläuterte Abweichung von dem einsichtigen Prinzip postuliert, wonach grundsätzlich ein interner Zusammenhang zwischen unserer experimentell gestützten Fähigkeit zur kognitiven Erschließung kausaler Zusammenhänge und unserem praktischen Vermögen zu deren technisch-manipulativer Indienstnahme gegeben ist. Die systematische Ursache eines Ereignisses des Typs E durch ein Experiment nachweisen heißt in einem gewissen Sinne nichts anderes, als das Eintreten bzw. Ausbleiben von E-Vorkommnissen durch die Generierung bzw. Unterdrückung dieser Ursache gezielt herbeiführen zu können.[36]

These 2 behauptet somit eine Ausnahme von diesem epistemisch-pragmatischen Zusammenhang. Derartige Abweichungen sind im Prinzip möglich, und sie sind mit dafür verantwortlich, dass nicht jede wissenschaftlich erkennbare physikalische Möglichkeit auch in eine technische Möglichkeit überführbar ist.[37] Für die in Behauptung 2 unterstellte Abweichung wären allerdings spezifische Gründe anzuführen. Solche Gründe sind durchaus denkbar. Hierbei könnten etwa die weiter oben erwähnte Komplexität biologischer Wirkzusammenhänge sowie die damit verbundene Unkontrollierbarkeit nichtintendierter Nebenwirkungen eine wichtige Rolle spielen. Schließlich ist aufgrund der immensen Komplexität der involvierten kausalen Vorgänge zum Beispiel auch die Bewegung einer Roulettekugel, anders als das Geschehen auf einem Billardtisch, für die beteiligten Spieler de facto unkontrollierbar. Dennoch dürfte es schwerfallen, zum jetzigen Zeitpunkt der kategorischen Prognose Glaubwürdigkeit zu verleihen, im Falle des Alterns werde die entsprechende ätiologische Komplexität für immer pragmatisch unbeherrschbar bleiben. Diese Behauptung mutet insbesondere dann voreilig an, wenn man in Betracht zieht, dass Synergieeffekte zwischen Bio- und Nanotechnologie auf der einen Seite und moderner Informationstechnologie auf der anderen Seite in Zukunft dazu beitragen könnten, die Kapazitäten zur zielgenauen Manipulation diffizil verzweigter Kausalzusammenhänge auch im mikroskopischen Bereich erheblich zu steigern.[38]

Nichtsdestotrotz mag vielen Menschen die Vorstellung, man werde in Zukunft imstande sein, Verfall und Tod in wirklich massiver Form hinauszuzögern, wie das Versprechen übermenschlicher Magie erscheinen. Freilich liefert dieser subjektive Eindruck als solcher ebenfalls keine Rechtfertigung für eine strikt ablehnende Haltung gegenüber jenen kühneren Visionen, mit denen Biogerontologen vom Schlage Aubrey de Greys die populärwissenschaftliche Öffentlichkeit verblüffen und Teile der Zunft gegen sich aufbringen. Technologischer Fortschritt weist stets das Merkmal auf, uns Handlungsoptionen zu eröffnen, die zu einem historisch früheren Zeitpunkt für völlig undenkbar gehalten wurden und deren vorauseilende Imagination daher anmuten musste wie wilde Science-Fiction. Richard Dawkins weist darauf hin, dass jede grundsätzliche technische Neuerung, die im Fortgang der Menschheitsgeschichte entsteht, vom Standpunkt und vom Erfahrungshorizont vorangehender Generationen aus betrachtet, wie Zauberei erscheint.[39] Oder, um es mit Arthur C. Clarke zu formulieren: Jede hinreichend weit entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.[40] Der Grund hierfür liegt zum Teil in der Natur kreativer Prozesse selbst. Wissenschaftliche Entdeckungen und darauf gestützte Erfindungen sind im Prinzip unvorhersehbar. Sie lassen sich aus der bisherigen Geschichte des zivilisatorischen Fortschritts nicht extrapolieren. Die möglichen Resultate schöpferischer Intelligenz liegen im toten Winkel unserer Prognosefähigkeit.

Eine nützliche Analogie liefert in unserem Zusammenhang das Beispiel des Fliegens. Ebenso wie die Überwindung von Altern und Tod ist auch der Wunsch, es den Vögeln gleichtun und sich in die Lüfte emporschwingen zu können, ein uralter Menschheitstraum. Die Geschichte der vergeblichen Bemühungen, mittels erfundener Fluggeräte der Schwerkraft Herr zu werden, zieht sich durch die Jahrhunderte hindurch, von der mythischen Ikarus-Sage über den verspotteten Schneider von Ulm bis hin zu gescheiterten Flugtests noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. All diesen Fehlschlägen zum Trotz gelang den Gebrüdern Wright im Jahr 1903 schließlich der entscheidende Durchbruch. Es steht außer Frage, dass der heutige Massenflugverkehr einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden Beobachter wie der Inbegriff magischer Geschehnisse vorkäme. Noch kurze Zeit vor den ersten erfolgreichen Flugversuchen von Wilbur und Orville Wright notierte ein zeitgenössischer Physiker, es sei vollkommen evident, »dass keine denkbare Kombination bekannter Substanzen, bekannter Maschinen und bekannter Formen von Energie zu einer praktischen Maschine vereint werden kann, mit der Menschen über lange Strecken hinweg durch die Luft fliegen könnten«.[41] Wie es um die Haltbarkeit dieser Negativprognose bestellt war, ist hinlänglich bekannt.

Auch im Fall des Wunsches, dem Altern entgegenzutreten und die enge zeitliche Begrenzung der menschlichen Existenz zu überwinden, sind wir Zeugen einer schier endlosen Historie vergeblicher Bemühungen und kurioser Fehlschläge. Sie reichen von den Elixieren der Alchemisten, über die Quacksalbereien zurückliegender Jahrhunderte bis hin zu mancher vermeintlichen Anti-Aging-Therapie der Gegenwart, wie etwa der umstrittenen Hormonbehandlung, die in jüngster Zeit Verbreitung gefunden hat.[42] Dennoch wäre es verfehlt, unter dem Eindruck der bisherigen Geschichte des Scheiterns grundsätzlich auszuschließen, dass der biomedizinische Fortschritt uns eines Tages in die Lage versetzen könnte, dem naturwüchsig näherrückenden Tod mittels Seneszenzverlangsamung die Stirn zu bieten. Das Beispiel des Fliegens lehrt vielmehr, dass die vorschnelle Induktion, die vergangene Fehlschläge zur Datenbasis für generalisierende Aussagen erhebt, zu kurz greift. Ähnliche prognostische Irrtümer finden sich darüber hinaus auch jenseits dieses besonders plakativen Exempels. Man denke etwa an die noch im Jahr 1974 aufgestellte Behauptung, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms werde für immer ein Ding der Unmöglichkeit bleiben,[43] oder an jene Zeitgenossen Thomas Edisons, die dessen Vorhaben, elektrischen Strom mittels Gluterzeugung in eine dauerhaft nutzbare Lichtquelle zu verwandeln, für ebenso abwegig wie technologisch aussichtslos hielten.[44]

Freilich wäre es umgekehrt ebenso verfehlt, aus der Vielzahl irrtümlicher Negativprognosen, die jeweils in der fehlgeleiteten Annahme gründeten, die Geschichte vergangener Fehlschläge biete eine verallgemeinerbare Lehre, in einer Art Metainduktion zu folgern, auch im Fall der Bekämpfung des Alterns müsse sich die pessimistische Extrapolation als falsch erweisen.[45] Die genannten Beispiele lassen es lediglich ratsam erscheinen, keiner allzu vorschnellen Skepsis hinsichtlich der Möglichkeit zukünftiger Anti-Aging-Behandlungen aufzusitzen. Sie belegen, dass es besser ist, im Zweifelsfall Kreativität, Erfindungskraft und möglichen Fortschritt in den Bereichen Wissenschaft und Technologie nicht zu unterschätzen.

Dies entkräftet allerdings nicht die weiter oben angeführten Argumente, die durchaus vorläufige Vorbehalte begründen, die sich gegen allzu kühne biomedizinische Heilsversprechen in Sachen Lebensverlängerung richten. Der rationale Kern dieses Zweifels bezieht sich dabei weniger auf die grundsätzliche Möglichkeit effektiver Anti-Aging-Behandlungen als vielmehr auf das Tempo des von manchen Autoren in diesem Bereich für möglich gehaltenen Fortschritts. Die erwähnte Komplexität des menschlichen Organismus sowie der Ursachen seines alternden Verfalls, aber auch der riskante Charakter möglicher Interventionen, der bei Tests am Menschen enorme Sorgfalt und äußerste Vorsicht gebietet, dürften die prognostische Annahme rechtfertigen, mögliche erste Schritte zu einer künstlichen Ausdehnung der vitalen Lebensspanne seien eher noch nicht in der näheren Zukunft zu erwarten. Ferner sprechen die genannten Gründe dafür, sich der These des Evolutionsbiologen Michael Rose anzuschließen, dass sich solche Schritte zunächst in einem recht bescheidenen Rahmen bewegen werden und dass sich ihre Resultate erst allmählich zu einem signifikanten Zugewinn an Lebenszeit akkumulieren werden.[46] Darüber hinaus ist zu bedenken, dass Experimente, die dem Nachweis der Wirksamkeit lebensverlängernder Therapien dienen sollen, selbst dann, wenn sich ernsthafte Risiken für die Probanden ausschließen lassen, bedingt durch die Natur der Sache, sehr viel Zeit benötigen. Soll etwa der lebensverlängernde Effekt einer biotechnischen Intervention getestet werden, die bereits zu Beginn des Erwachsenenalters erfolgen muss, um das spätere Fortleben über das heutige Maximalalter hinaus zu ermöglichen, so wird man auf das definitive Resultat der experimentellen Studie etliche Jahrzehnte warten müssen. Daher mag es sein, dass wir erst lange Zeit nachdem wir bereits de facto im Besitz wirksamer Anti-Aging-Therapien sein werden, sicher wissen können, dass diese Therapien tatsächlich den intendierten Effekt zeitigen.[47]

Aus all den genannten Gründen gilt: Selbst wenn die Life Sciences uns mit einem immer präziseren Verständnis der Ursachen und Mechanismen des Alterns erstmals den kognitiven Schlüssel in die Hand geben sollten, um die bisherigen Grenzen der humanen Lebensspanne mit technischen Mitteln zu überwinden, so dürfte dieser Prozess voraussichtlich langsam in Gang kommen und sich eher in kleineren Etappen als sprunghaft vollziehen. Die Eroberung der Zeit, dieser vielleicht letzte prometheische Eroberungsfeldzug des Menschen, wird weniger rasch voranschreiten als manche sich dies erhoffen. Dennoch handelt es sich bei diesem Unterfangen um ein Projekt, das durch die bisherigen Entwicklungen der Biowissenschaften in den Bereich des Möglichen gerückt zu werden scheint und das im Ergebnis den gewohnten existenziellen Horizont unseres Daseins beträchtlich verschieben könnte.

So weit einige kursorische Bemerkungen zu der kontrovers diskutierten Frage, ob die Verlängerung des Lebens durch zukünftige hochwirksame Anti-Aging-Therapien überhaupt ein in Ansätzen realistisches Szenario darstellt. Wie gesagt, bildet diese Frage nicht den eigentlichen Gegenstand der vorliegenden philosophischen Untersuchung. Anstatt mich ausführlicher mit ihr zu beschäftigen, werde ich von nun an von den beiden folgenden Prämissen ausgehen, die im Lichte der zuvor skizzierten Überlegungen hinreichend plausibel erscheinen:

1.

Biotechnische Interventionen, die zu einer signifikanten Steigerung der menschlichen Lebensdauer führen, sind in Zukunft im Prinzip denkbar.

2.

Zumindest mittel- bis langfristig betrachtet, dürften sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch zu einer realen Option werden.[48]

Eudaimonistische und moralphilosophische Gesichtspunkte

Gestützt auf diese allgemeinen Hintergrundprämissen sowie eingedenk ihres hypothetischen Charakters, werde ich den Versuch unternehmen, einige der grundlegendsten prudentiell-ethischen und moralischen Fragen einer Klärung zuzuführen, die die so umrissene Aussicht auf die Überwindung der naturwüchsigen Befristung unseres Daseins aufwirft.

Diese Klärungsbemühung gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beinhaltet den systematischen Entwurf einer eudaimonistischen Theorie der Lebensverlängerung. Unter einer eudaimonistischen Theorie verstehe ich in eher loser und abstrakter Anlehnung an antike Eudaimoniakonzepte eine Untersuchung, die das umfassend verstandene objektive Wohlergehen des Individuums – und in einem hierauf bezogenen Sinn von »gut« dessen gutes Leben – zum Gegenstand hat. Eine Untersuchung dieses Typs analysiert, was das so aufgefasste gute Leben ausmacht, und beschreibt gegebenenfalls Wege, die zu Glück und Wohlergehen in diesem weiten Sinne führen. Die so verstandene eudaimonistische Theorie beinhaltet per se noch keine Ethik. Zwar enthält sie, indem sie den Begriff des Guten verwendet, evaluatives Vokabular, sie verzichtet jedoch zunächst auf die Formulierung normativer Vorgaben. Sofern die Resultate, zu denen diese Theorie gelangt, Handlungsorientierungen liefern, die innerhalb der prudentiellen Perspektive des Individuums eine normative Verbindlichkeit entfalten können, können sie jedoch im Prinzip den integralen Bestandteil einer Ethik des guten Lebens bilden. Eine eudaimonistische Verhaltenslehre oder »Ethik« dieses Typs muss allerdings nicht zwangsläufig zugleich auch einer moralphilosophischen Konzeption systematischen Unterschlupf gewähren, die tugendhaftes oder moralisch korrektes Verhalten im Allgemeinen zur Bedingung individuellen Wohlergehens erhebt – was ebenfalls eine mögliche Bedeutung des Ausdrucks »eudaimonistische Ethik« ist.[49] Vielmehr kann sie sich auf eine Untersuchung beschränken, die von sozialethischen und anderen genuin moralischen Fragen bewusst abstrahiert und den Blick allein auf das aufgeklärte Eigeninteresse des Individuums richtet.[50]

Das spezifische Anliegen der hier ins Auge gefassten eudaimonistischen Theorie der Lebensverlängerung ist die Beantwortung der Frage, welche voraussichtlichen Vorzüge oder Nachteile ein verlängertes Leben aus der prudentiellen Perspektive des jeweiligen Individuums böte, das sich zusätzlicher Lebenszeit erfreuen könnte, sofern diesem an einem guten Leben im Sinne eudaimonistischer Selbstverwirklichung gelegen ist. Diese Frage ist für die Beurteilung des möglichen Zukunftsszenarios radikal verlängerter Lebensspannen ohne jeden Zweifel von fundamentaler Bedeutung: Läge ein längeres Leben, unter dem Strich betrachtet, gar nicht im Interesse der betroffenen Personen, entfiele ein wesentliches rationales Motiv, in Forschung und Technologie nach Wegen zu suchen, den altersbedingten Verfall des Körpers zu bremsen und dadurch den Tod in die Warteschleife zu zwingen.

Während der erste Teil des Buches der eudaimonistischen Bewertung verlängerter Lebensspannen gewidmet ist, indem er aufzuklären versucht, welchen eudaimonistischen Gewinn ein zeitlich großzügiger bemessenes Dasein dem jeweiligen Individuum brächte – bzw. ob ein solcher Gewinn überhaupt zu erwarten wäre –, befasst sich der zweite Teil mit der Moral der Lebensverlängerung. Hierbei richtet sich der Fokus auf zentrale moralphilosophische Problemstellungen, die sich mit der Aussicht auf Therapien verbinden, die der Verlangsamung des Alterns und dem Aufschub des Todes dienen. Hierzu zählen die grundsätzliche Frage, ob es eine moralische Verpflichtung gibt, Menschen lebensverlängernde Medizin zur Verfügung zu stellen, sowie das Problem des gerechten Zugangs zu entsprechenden Behandlungen.

Die Anordnung der beiden Teile folgt der Überlegung, dass die eudaimonistische Theorie der Lebensverlängerung wesentliche Grundlagen für die Behandlung der moralischen Aspekte gesteigerter Langlebigkeit liefert. So muss man zum Beispiel wissen, ob ein signifikanter Zugewinn an Lebenszeit dem Einzelnen überhaupt einen relevanten Zuwachs an Wohlergehen bietet, um erörtern zu können, inwiefern der ungleiche Zugang zu lebensverlängernden Therapien ein Gerechtigkeitsproblem aufwirft. Von Kritikern in Sachen biotechnischer Lebensverlängerung ist zuweilen ein doppelter Vorbehalt zu hören: Zum einen sei fraglich, ob eine extensivere Lebensdauer wirklich geeignet sei, uns ein glücklicheres oder erfüllteres Dasein zu bescheren; und zum anderen bestehe die Gefahr, dass sich am Ende nur reiche Leute ein künstlich verlängertes Leben leisten können, was dem Gipfel sozialer Ungerechtigkeit gleichkäme.[51] Eine solche Argumentation droht jedoch inkonsistent zu werden, wenn sie unterstellt, die fragliche Ungerechtigkeit entstehe durch die einseitigen Vorteile, die diejenigen erhalten, die sich Behandlungen zum Aufschub des Todes leisten können, während sie zugleich Skepsis gegenüber der Annahme äußert, ein längeres Leben bedeute einen eudaimonistischen Gewinn. Zu bestimmten verteilungsbedingten Ungerechtigkeiten kommt es überhaupt nur dann, wenn das gute Leben der beteiligten Personen durch dasjenige, was in spezifischer Weise verteilt ist, positiv oder negativ tangiert wird. Daher bildet die kritische Einschätzung jener eudaimonistischen Effekte, die die Aufstockung der individuell verfügbaren Lebenszeit erwarten lässt, eine Voraussetzung für die Erörterung möglicher Gerechtigkeitsprobleme, die sich beim Zugang zu lebensverlängernden Therapien stellen. Unter anderem aus diesem Grund ist die eudaimonistische Theorie der Lebensverlängerung dem philosophischen Diskurs über die Moral der Lebensverlängerung methodisch vorgeordnet.

Zwar besteht die Zielsetzung der vorliegenden Untersuchung darin, die systematisch grundlegendsten eudaimonistischen und moralphilosophischen Gesichtspunkte unter die Lupe zu nehmen, die es bei der ethischen Reflexion und Beurteilung des möglichen Zukunftsszenarios signifikant verlängerter Lebensspannen zu berücksichtigen gilt. Dennoch kann ich im Rahmen dieser Monographie nicht alle hierbei relevanten inhaltlichen Aspekte und ethischen Fragestellungen behandeln. Ebenso wenig kann ich mit der erforderlichen Gründlichkeit auf sämtliche Argumente pro und kontra Lebensverlängerung eingehen, die im Zuge der bisherigen, größtenteils in verstreuten Ansätzen geführten Debatte zu diesem Thema bereits mobilisiert wurden.[52] Vielmehr werde ich unter diesen Argumenten, Aspekten und Fragestellungen eine systematische Auswahl treffen und dabei gewisse, durchaus auch einseitige Akzentsetzungen vornehmen. Diese unvermeidliche Auswahl bzw. Schwerpunktsetzung geschieht jedoch nicht willkürlich, sondern gehorcht spezifischen Kriterien: Sie folgt einerseits der Maxime, solche Gesichtspunkte, die in der bisherigen Debatte lediglich in rudimentärer Form zur Geltung gebracht und entfaltet wurden, die jedoch für die ethische Entscheidungsfindung von fundamentaler Bedeutung sind, einer besonders gründlichen systematischen Analyse zu unterziehen. Andererseits liegt ihr das Motiv zugrunde, einer zum Teil einseitigen Konstellation von Argumenten entgegenzusteuern, die die bereits existierende Kontroverse über die Vorzüge und Nachteile radikaler Anti-Aging-Interventionen beherrscht. Dies bedeutet umgekehrt, dass bestimmte Gesichtspunkte und Überlegungen, die das philosophische Nachdenken über diese Thematik bis dato relativ stark geprägt haben, im Folgenden entweder komplett ausgeblendet oder aber weniger ausführlich in die Betrachtung einbezogen werden.

Dieses Prinzip der kompensatorischen Selektion und Schwerpunktsetzung schlägt sich vor allem im ersten Teil der Untersuchung nieder, der sich mit der eudaimonistischen Bewertung verlängerter Lebensspannen befasst und dabei die prudentielle Perspektive des jeweiligen Individuums in den Fokus rückt, für das ein längeres Leben zur konkreten Option werden könnte. Diese systematische Fokussierung bedeutet zugleich eine gewisse Restriktion des klugheitsethischen Blickwinkels. Denn prudentielle Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem möglichen Zukunftsszenario verlangsamter Alterungsprozesse stellen, beziehen sich nicht allein auf die möglichen Vor- und Nachteile, die ein weniger stark befristetes Dasein dem Einzelnen brächte: Sofern dasjenige, was im objektiven Interesse einer größeren Gemeinschaft liegt, den prudentiellen Horizont gemeinsamer Überlegungen bestimmen kann, lassen sich unter einer prudentiellen Perspektive ebenso auch die Konsequenzen analysieren, die die gesteigerte Langlebigkeit anti-aging-behandelter Individuen für das Gedeihen der Gesellschaft im Ganzen oder für das Wohl der menschlichen Gattung hätte.[53] Zwar mag man sich auf den Standpunkt stellen, die Rede von gesamtgesellschaftlichen Interessen oder dem sogenannten »Gemeinwohl« stelle ein irreführendes Konstrukt dar, solange das kollektive Anliegen nicht am Ende wiederum auf die Interessen konkreter Individuen heruntergebrochen werde. Dennoch lässt sich die Frage, ob und, falls ja, in welchen Hinsichten ein verlängertes Leben dem Wohl des jeweiligen Individuums zugutekäme, in einem ersten Schritt durchaus von der Frage unterscheiden, welche begrüßenswerten oder schädlichen Folgen eine universell erfolgende Lebensverlängerung für das zukünftige Schicksal und Florieren der Gesellschaft im Ganzen hätte. Nichtsdestotrotz werden diese positiven oder negativen gesamtgesellschaftlichen Effekte in indirekter Form auch das Wohl der beteiligten Individuen tangieren. Sie können somit über zweckrationale Erwägungen auf den eudaimonistischen Horizont des Einzelnen zurückbezogen werden.

Ein großer Teil der prudentiellen Argumente pro und kontra Lebensverlängerung, die in der bisherigen Debatte durchdekliniert wurden, bezieht sich auf soziale Effekte des zuletzt genannten Typs. Hierzu gehören die bereits erwähnten Warnungen vor nachlassender gesellschaftlicher Innovationsfähigkeit oder auch das Argument, im Falle der kollektiven Ausdehnung der Lebensspanne drohe bei zugleich unveränderter Geburtenrate eine fatale Bevölkerungsexplosion.[54] Auf der Pro-Seite steht der Hinweis, die gesellschaftliche Entwicklung könne von der größeren gewachsenen Lebensweisheit und Erfahrung langlebigerer Menschen insgesamt erheblich profitieren,[55] wobei als Lösung für das bevölkerungspolitische Problem strengere Geburtenkontrollen vorstellbar seien.[56]

Im Gegensatz hierzu wurde die wesentlich elementarere prudentielle Frage, inwiefern genau ein längeres Leben – unter gegenüber heute nicht allzu stark veränderten sozioökonomischen Rahmenbedingungen – überhaupt im eudaimonistischen Interesse des Einzelnen läge, bisher selten im Detail erörtert.[57] Stattdessen stellen viele Autoren, ohne sich dabei auf ausführlichere systematische Analysen zu stützen, fest, dass ein längeres Leben für das Individuum in mancherlei Hinsicht durchaus erstrebenswert erscheint (oder mindestens attraktive Verlockungen bereithält),[58] um dann zu einer extensiveren Diskussion gesamtgesellschaftlicher Effekte oder moralischer Probleme überzugehen. Die Überlegungen im ersten Teil der vorliegenden Untersuchung nehmen daher eine gegenläufige Akzentsetzung vor, indem sie sich im Wesentlichen darauf beschränken, die eudaimonistische Signifikanz zu untersuchen, die einem spürbar prolongierten Dasein aus Sicht des Individuums zukäme.

Eine weitere kompensatorische Akzentsetzung besteht darin, dass ich mich primär mit der Frage befassen werde, welche genauen Gründe aus derjenigen normativen Perspektive, die der prudentielle Horizont des Einzelnen eröffnet, für ein verlängertes Leben sprechen. Denn einflussreiche Autoren wie Hans Jonas, Leon Kass oder Bernard Williams, die auf die eudaimonistische Frage teils in nur knappen, aber gleichwohl plakativen Bemerkungen eingehen, führen vor allem Erwägungen ins Feld, die auf mögliche Nachteile für das Individuum verweisen. Hierzu zählt unter anderem das bereits erwähnte Argument, die allzu massive Ausdehnung der Wegstrecke, die Geburt und Tod voneinander trennt, könne zu einer Entwertung der Lebensinhalte führen und uns des Antriebs berauben, unsere knappe Zeit entschlossen und sinnvoll einzusetzen.[59] Diese durchaus ernstzunehmenden Kassandrarufe werden in meine Erörterung zwar einbezogen; sie werden jedoch nicht so viel Raum einnehmen wie der Versuch, präzise zu eruieren, in welcher Weise ein verlängertes Leben das Wohl des Einzelnen auf der anderen Seite befördern könnte.

Das Ergebnis dieser Schwerpunktsetzung wird dennoch kein einfaches Plädoyer zugunsten der Ausdehnung der vitalen Lebensspanne sein. Vielmehr werde ich mich für eine Betrachtungsweise stark machen, die auf eine mehrfache Differenzierung Wert legt. Wie sich zeigen wird, zwingen nämlich der mehrdimensionale begriffliche Zuschnitt menschlicher Lebensqualität sowie das komplexe Verhältnis, das zwischen dem Wohlergehen des Individuums und der zeitlichen Dimension seines Daseins besteht, dazu, diverse Hinsichten voneinander zu unterscheiden, in denen ein verlängertes Leben dem Wohl des Einzelnen zuträglich sein kann. Eine detailliertere Analyse, die diesen unterschiedlichen Gesichtspunkten Rechnung trägt, führt daraufhin zu dem Ergebnis, dass ein handfester Zugewinn an Lebenszeit in manchen dieser Hinsichten vorteilhaft erscheint, in anderen jedoch nicht. Eine zusätzliche, ebenso unumgängliche systematische Differenzierung besteht ferner darin, drei Fragen deutlich voneinander zu unterscheiden: Erstens die Frage, ob aus der prudentiellen Perspektive des Individuums, dem die eigene Eudaimonia am Herzen liegt, ein längeres Leben wünschenswert erscheint; zweitens die Frage, ob es für das eigene Wohlergehen von Vorteil ist, möglichst lange am Leben zu bleiben; sowie drittens die Frage, ob es sich bei biologischer Unsterblichkeit um einen Zustand handelt, nach dem es sich, sofern man sich von eigeninteressierten eudaimonistischen Motiven leiten lässt, zu streben lohnt. Wie sich herausstellen wird, gelangt man bei diesen drei Fragen zu unterschiedlichen Antworten.

Im zweiten Teil der Untersuchung richtet sich der Blick sodann auf die spezifisch moralischen Aspekte des Einsatzes von Technologien, die die individuell verfügbare Lebenszeit ausweiten. Zunächst werde ich dabei ein Argument untersuchen, wonach es generelle moralische Gründe gibt, Menschen lebensverlängernde Therapien zugänglich zu machen, Gründe, die auch in einer Situation greifen, in der noch niemand von derartigen Therapien Gebrauch gemacht hat. Im Anschluss daran folgen dann zwei Kapitel, in denen die Frage im Mittelpunkt stehen wird, ob spezifischere moralische Gründe existieren, Individuen den Zugang zu lebensverlängernden Therapien in einer Ausgangssituation zu eröffnen, in der andere bereits von solchen Therapien profitieren. Die Überlegungen, die ich in diesem Zusammenhang jeweils anstellen werde, dienen nicht so sehr dem Zweck, die bereits geführte Debatte zu moralischen Fragen der Lebensverlängerung um bisher fehlende Gesichtspunkte zu ergänzen oder einseitige Akzentsetzungen innerhalb der Konstellation der dabei vorgebrachten Argumente auszugleichen. Vielmehr besteht ihr Hauptziel darin, die Argumentationsansätze bestimmter, an dieser Debatte beteiligter Autoren auf rekonstruktivem Wege zu präzisieren, alternative mögliche Begründungsstrategien voneinander zu unterscheiden und deren jeweilige Stichhaltigkeit einer sorgfältigen kritischen Bewertung zu unterziehen.

Dies betrifft unter anderem die von John Harris und Nick Bostrom ins Feld geführte These, die Bereitstellung lebensverlängernder Technologien sei nichts anderes als eine neuartige Form, menschliches Leben zu retten, und stelle daher ein durchaus dringliches moralisches Anliegen dar. Darüber hinaus werde ich mich mit dem Argument befassen, der Zugang zu lebensverlängernden Behandlungen sei aus Gründen der Gerechtigkeit für jedermann zu gewährleisten. Sofern dies unmöglich sei, liefere umgekehrt die drohende Ungerechtigkeit radikal divergierender Lebensspannen einen handfesten moralischen Grund, auf den Einsatz entsprechender Technologien ganz zu verzichten. Beide Argumentationsfiguren werden einer ausführlichen kritischen Würdigung unterzogen. Die moralphilosophische Einordnung der Argumente, die ich dabei vornehmen werde, dient zugleich dazu, einen allgemeineren systematischen Orientierungsrahmen für den normativen Diskurs über den Umgang mit lebensverlängernden Therapien zu gewinnen.

Weitgehend ausklammern werde ich hingegen die generellere ethische Debatte über die Zulässigkeit von Enhancement, die seit einiger Zeit verstärkt geführt wird. Auch diese Entscheidung ist zum einen der Intention geschuldet, den inhaltlichen Fokus der Untersuchung nicht allzu sehr ausufern zu lassen. Zusätzlich liegt ihr jedoch auch eine skeptische Überlegung zugrunde, die ich in Kapitel 7 näher ausführen werde und der zufolge Lebensverlängerung, entgegen dem ersten Anschein und entgegen gängigen thematischen Zuordnungen, keinen typischen und eindeutigen Fall von Enhancement darzustellen scheint.

Etliche der Themen, die in den beiden Teilen des Buches behandelt werden, erweisen sich im Fortgang der Analyse als komplexer, als der erste Anschein dies vermuten lässt. Sowohl die begriffliche Durchleuchtung der eudaimonistischen Dimension als auch die Erörterung der moralischen Dimension verlängerter Lebensspannen lassen diffizile Problemlagen zutage treten, denen sich eine umfassend angelegte praktische Philosophie zu stellen hat, die jedoch kaum einer einfachen Lösung zugeführt werden können. Dies gilt etwa für die Frage, welcher evaluativer Kriterien sich die Beurteilung der diachronen Gesamtqualität eines menschlichen Lebens bedienen sollte und wie dabei unterschiedliche Bewertungsgesichtspunkte im Verhältnis zueinander zu gewichten sind. Ein ebenso grundlegender Klärungsbedarf betrifft das Problem, in welchem genauen Verhältnis die kulturell tief verwurzelte moralische Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens zu jenen solidarischen Hilfspflichten steht, die der moralischen Grundnorm entspringen, allen Menschen ein unbeschädigtes Leben zu ermöglichen. An manchen Stellen scheint die Behandlung dieser Fragen zusätzlich durch objektiv vorhandene begriffliche Unbestimmtheiten erschwert zu werden. Letztere stehen möglichen Antworten im Wege, die sich bei der systematischen Erhellung des Terrains solcher konzeptueller Argumente bedienen könnten, die eine intersubjektiv verbindliche Form der Geltung besitzen.

Zum Verhältnis von moralischem Anwendungs- und normativem Grundlagendiskurs

Wie bereits angedeutet, geht es bei der Beantwortung der Frage, ob die Entwicklung lebensverlängernder Technologien aus Sicht der betroffenen Individuen sowie nach Maßgabe moralischer Standards ein erstrebenswertes Ziel darstellt oder nicht, um die systematische Erschließung eines in Teilen noch Neuland bildenden, bis dato lediglich in rudimentären Ansätzen durchmessenen Feldes der angewandten Ethik.[60] Allerdings erschöpfen sich die Schwierigkeiten, die es in diesem Zusammenhang zu bewältigen gilt, nicht allein in solchen Problemen, die sich innerhalb eines Anwendungsdiskurses stellen, bei dem die Hauptaufgabe darin besteht, klugheitsethische und moralische Prinzipen, die an sich bereits klar bestimmt sowie in ihrer Gültigkeit unumstritten sind, auf eine vertrackte neuartige Beispielssphäre herunterzubrechen. Vielmehr sieht sich der Versuch, zu einer umfassenden ethischen Orientierung über das Thema Lebensverlängerung zu gelangen, mit dem Erfordernis konfrontiert, grundlegende Fragen sowohl der Ethik des guten Lebens als auch der Moral entweder neu zu stellen oder aber in ihren Implikationen differenzierter zu durchdenken, als dies häufig geschieht. In diesem Sinne zeitigt der Anwendungsdiskurs spürbare logische Rückstoßeffekte in Bezug auf den ethischen Grundlagendiskurs. So zwingt etwa die Zielsetzung, der prudentiellen Bewertung biotechnisch verlängerter Lebensspannen ein tragfähiges philosophisches Fundament zu verleihen, dazu, sich in grundsätzlicher Form über das komplexe Verhältnis von Lebensdauer und Lebensqualität Rechenschaft abzulegen. Ebenso macht dieses Unterfangen es erforderlich, ein integratives Gesamtbild der verschiedenartigen Gesichtspunkte zu entwerfen, unter denen ein menschliches Leben in seiner diachronen Totalität als ein gutes oder misslungenes Leben beurteilbar ist. Schließlich nötigt es zu einer Beantwortung der schwierigen Frage, welcher prudentielle Stellenwert der schlichten diachronen Aggregation guter Lebensinhalte innerhalb der polymorphen Konstellation der unterschiedlichen Qualitätsdimensionen eines Lebensganzen zukommt. Dies alles sind per se interessante Forschungsgegenstände, die in der existierenden Literatur zur Theorie und Ethik des guten Lebens zum Teil zwar angedacht, bisher aber kaum erschöpfend bearbeitet wurden. Auch im Rahmen dieser Untersuchung können die mit ihnen verbundenen Fragen keiner endgültigen Klärung zugeführt werden. Stattdessen werde ich mich darauf beschränken, einige Vorschläge für mögliche Antworten zu unterbreiten und zu verdeutlichen, welche weitere begriffliche und systematische Reflexionsarbeit in diesen Zusammenhängen zu leisten ist.

Auch im Bereich moralischer Problemstellungen berührt die vorliegende Thematik Fragen, deren grundsätzliche philosophische Relevanz über den spezifischen praktischen Anwendungsfall hinausreicht, um den es beim Umgang mit lebensverlängernden Technologien in concreto geht. So fordert etwa die praktische Möglichkeit, ein menschliches Leben über den chronologischen Umfang der naturwüchsigen Lebensspanne hinaus zu verlängern, dazu heraus, grundsätzlicher zu bestimmen, welchen genauen Platz diejenigen moralischen Normen, die dem Schutz menschlichen Lebens dienen, innerhalb des Gesamtsystems unserer moralischen Orientierungen einnehmen bzw. vernünftigerweise einnehmen sollten. Ist die Pflicht, das Leben einer Person zu retten, dem Prinzip untergeordnet, die Grundbedingungen eines unbeschädigten menschlichen Lebens solidarisch zu gewährleisten, und endet diese Pflicht daher gegebenenfalls dort, wo jemand seine natürliche Lebensspanne bereits vollständig durchlaufen hat? Oder transzendiert das Gebot, Leben zu retten, jene Hilfspflichten, die dem genannten Prinzip entspringen, so dass es – gleichsam als säkularisiertes Derivat der archaischeren Forderung, die »Heiligkeit« des menschlichen Lebens zu achten – gebietet, Menschen, sofern möglich, darüber hinaus den Zugang zu lebensverlängernden Behandlungsmethoden zu eröffnen?

Ein weiterer systematischer Rückstoßeffekt, der sich aus dem hier geführten Anwendungsdiskurs mit Blick auf die Erörterung moralphilosophischer Grundsatzfragen ergibt, betrifft die normativen Fundamente der Verteilungsgerechtigkeit. Denn im Rahmen dieses Diskurses wird im Einzelnen zu eruieren sein, zu welchen Resultaten man gelangt, wenn man unterschiedliche gerechtigkeitstheoretische Prinzipien zur Beurteilung einer möglichen Situation heranzieht, in der nicht alle Menschen gleichermaßen Zugang zu lebensverlängernden Therapien erhalten. In diesem Zusammenhang werde ich sowohl untersuchen, welche Konsequenzen sich ergeben, wenn ein egalitaristisches Verständnis distributiver Gerechtigkeit als normativer Maßstab dient, als auch jene Schlussfolgerungen bestimmen, die sich im Rahmen einer nichtegalitaristischenSchwellenkonzeption ziehen lassen. Da diese alternativen Ansätze innerhalb gegenwärtiger Debatten, die im Bereich der praktischen und politischen Philosophie geführt werden, konkurrierende Positionen markieren, liefert das vorgestellte Szenario divergierender Lebensspannen jedoch nicht nur einen neuartigen Anwendungsfall für die jeweiligen Prinzipien. Vielmehr bildet es zugleich eine kompetitive Bewährungsprobe für die im Raum stehenden Alternativen. Diese Funktion erfüllt es, indem es eine noch unverbrauchte Beispielssphäre beisteuert, die sich von der exemplarischen Sphäre der Verteilung ökonomischer Güter unterscheidet, deren Betrachtung die bisherige Debatte zu Fragen der Verteilungsgerechtigkeit weitgehend dominiert hat. Insbesondere für den nichtegalitaristischen Ansatz bedeutet es eine nichttriviale Herausforderung, seine Prinzipien mit Blick auf eine hypothetische Situation zu plausibilisieren, in der nicht ökonomischer Wohlstand, sondern Lebenszeit ungleich verteilt ist. Die anwendungsorientierte Untersuchung der gerechtigkeitsrelevanten praktischen Implikationen der Entwicklung lebensverlängernder Technologien birgt daher zugleich das Potenzial, innovative Argumente zu liefern, die bei der Fortführung des Grundsatzstreits zwischen egalitaristischen und nichtegalitaristischen Theoriemodellen zum Einsatz gebracht werden können.

Insgesamt werden daher die Überlegungen, denen meine Untersuchung folgt, in zweierlei Richtung wirksam werden: Einerseits bewegen sie sich von der evaluativen und normativen Prinzipienebene hin in Richtung praktischer Anwendungsorientierung. Zugleich wirken sie jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung, indem das neu zu erschließende Anwendungsfeld an verschiedenen Stellen zu einer vertieften Reflexion, inhaltlichen Erweiterung und systematischen Bewährung der Prinzipienebene Anlass gibt. Lebensverlängerung durch mögliche Anti-Aging-Therapien der Zukunft ist ein Thema, bei dessen philosophischer Durchdringung angewandte Ethik und ethische Prinzipienreflexion unabwendbar ineinandergreifen.

Zur praktischen Aktualität und generellen philosophischen Relevanz der Anti-Aging-Thematik

Abschließend ist noch eine Bemerkung zur Aktualität und allgemeineren philosophischen Relevanz des gesamten Unterfangens angebracht. Wie wir gesehen haben, sprechen zwar einige grundsätzliche Erwägungen dafür, das Szenario verlängerter Lebensspannen nicht länger als reine Science-Fiction-Vorstellung abzutun, sondern als mögliches Zukunftsszenario ernst zu nehmen. Dennoch existiert gegenwärtig noch keine medizinische Behandlungsmethode, die den menschlichen Alterungsprozess auch nur ansatzweise bremsen oder verzögern würde. Zudem ist, um diesen Punkt ein weiteres Mal zu betonen, unter Biowissenschaftlern nach wie vor umstritten, ob eine Verlangsamung des Alterns eines Tages überhaupt möglich sein wird, wann in der Zukunft diese Möglichkeit Realität werden könnte und um welchen Zeitraum sich die gesunde Lebensspanne dadurch ausdehnen ließe – auch wenn die Zahl derer wächst, die immerhin dazu neigen, Eingriffe in die Mechanismen des Alterns grundsätzlich für möglich zu halten.

Somit bezieht sich die Frage, ob die signifikante Steigerung der menschlichen Lebensdauer aus Sicht der Betroffenen wünschenswert wäre und wie sie unter moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen ist, auf eine biomedizinische Handlungsoption, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt definitiv noch nicht zur Verfügung steht. Ein ethischer Diskurs, der diese doppelte Frage zu beantworten sucht, betrifft daher – im Gegensatz zu anderen aktuellen Debatten im Bereich der angewandten Ethik – nicht den möglichen Einsatz einer bereits vorhandenen Technologie, deren praktische Indienstnahme kurzfristig zur Disposition steht und deren potenzielle Anwendung daher womöglich auch diejenigen, die nach einer Antwort suchen, in eigener Person hic et nunc tangiert. Vielmehr behält dieser Diskurs einen hypothetischen Charakter, indem er um das Problem kreist, wie man sich zu einer möglichen Technik verhalten sollte, die in der näheren oder ferneren Zukunft eventuell zur Verfügung stehen könnte.

Man mag nun einwenden, es mache wenig Sinn, eine philosophische Untersuchung durchzuführen, die sich auf einer derart hypothetischen Basis bewegt. Es sei vernünftiger abzuwarten, bis die entsprechende Technologie gegebenenfalls entwickelt sei und sich erst dann über ihre konkrete Anwendung den Kopf zu zerbrechen. Dieser Einwand ist jedoch nur zum Teil berechtigt. Denn erstens trifft es nicht zu, dass man erst dann gezwungen sein wird, relevante Entscheidungen zu treffen, wenn Techniken zur gezielten Verlangsamung des Alterns tatsächlich eines Tages zur Verfügung stehen. Vielmehr können und müssen wir bereits heute die konsequenzenreiche Entscheidung darüber fällen, ob die Entwicklung entsprechender biomedizinischer Interventionsmöglichkeiten in Forschung und Industrie angestrebt werden sollte und mit welcher Ressourcenintensität sie betrieben und womöglich gesellschaftlich subventioniert werden sollte. Ob – und ab welchem zukünftigen Zeitpunkt – wir in der Lage sein werden, den menschlichen Seneszenzprozess mit biotechnischen Mitteln zu verlangsamen, hängt vermutlich auch wesentlich davon ab, wie wir in dieser forschungsstrategischen und forschungspolitischen Frage entscheiden.[61]

Zweitens dürfte der Einsatz derartiger Technologien kaum zu verhindern sein, sollte die Menschheit erst einmal in ihren Besitz gelangt sein.[62]