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Die Geschichte der ersten Zeit: Gedanken und Erlebnisse der ersten Menschen. Das erste Wort, ein erstes Gefühl, die Namen werden vergeben. Vertrauen und Verlockung, Liebe und erster Verrat? Phantastische Entdeckungen, Höhlentanz in Trance, Schamane und Feuerträger, mystische Abenteuer. Die erste Frau – sie wandert um den Planeten, entdeckt neue Völker, findet die Weisen in Tibet und Liebenden in Nubien. Wird sie die Königin unserer Zukunft? Die Ersten: wie sie eine Welt vor 100.000 Jahren entdecken. Im Heute vom Dichter eingefangen und aufgeschrieben. Das Buch der empfangenen Träume. Die magische Zeit der ersten Tage – die Gesellschaft hat sie verloren, wir aber nicht.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2024
Christopher Sprung
Die Ersten
Roman
Alle Seelen streben zum Glück
Und sie fürchtet sich, zum ersten Mal.
»Ich habe Angst vor meinem Schatten.«
»Schatten?«
»Egal wie oft ich mich drehe oder ob ich renne, wie ich stehe oder ob ich sitze, er geht nicht weg. Er ist immer da, er folgt mir.«
»Wer?« – »Schau selbst, an deinen Füßen und dann hinter dir. Der Schatten.«
»Ich sehe ihn jetzt auch. Deinen und meinen.« – »Ja, es sind viele.« – »Hast du auch Angst?« – »Ja. Er ist dunkel.« – »Er? Ich weiß nicht, was er ist. Bei mir… ist er kein Mann… meiner ist manchmal wie ich.« – »Meiner schläft nie.« – »Ja das stimmt. Meiner auch, immer ist er da, wenn die Sonne und der Mond am Himmel stehen.«
»Der Baum… auch er… siehst du seinen Schatten?« – »Ja.« – »Der Baum bewegt sich nicht. Aber sein Schatten, ganz langsam wandert er um den Stamm.« – »Wirklich?« – »Der Schatten des Baumes wandert von morgens bis abends um den Stamm.« – »Wir müssen den Baum beobachten.« – »Ja.«
»Schatten sind komisch.« – »Warum?« – »Ich glaube, sie haben auch Angst.« – »Angst? Die Schatten?« – »Vor den Wolken. Wenn sie am Himmel erscheinen, verschwinden sie.« – »Das stimmt.« – »Ich glaube, sie verstecken sich dann in der Höhle.« – »In der Höhle? Wirklich?« – »Ja. Ich sah sie dort, an der Wand.«
»In der Höhle? An der Wand?« – »Ja, sie bewegen sich, an der Wand.« – »Sie bewegen sich?« – »Wenn ich male.« – »Dann werde ich dich besuchen, wenn du malst.« – »Ja.«
»Meine Hand ist größer als die Sonne.« – »Aber hinter der Hand hat dein Gesicht auch den Schatten.«
*
Oberhalb der Anhöhe, über dem Tal und dem Fluss, liegt sie vor der Höhle und war ein Tier.
»Ich?«
»Was ist… es ist so hell.«
»Ich sehe.«
»Ich.«
»Wo bin ich?«
»Bin ich?«
»Ich warte.«
»Ich drehe mich um.«
Beim Umdrehen stößt sie Knochen weg, abgenagte Reste vom letzten Fraß.
»Ich habe mich umgedreht.«
»Also bin ich draußen.«
»Nicht mehr im Dunkel.«
»Ich warte.«
»Wo bin ich?«
»Schlafe ich?«
»Was passiert?«
»Alles ist so hell.«
»Alles war dunkel.«
»Bis ich sah.«
»Und mich drehte.«
»Es ist warm.«
»Es ist schön.«
»Ich warte.«
Sie weiß nicht, dass sie denkt – spürt Gedanken ohne Worte, fühlt einen Dunst, Schwaden ziehen sie heraus, der Eindrücke Nebelschleier.
Kennt keinen Unterschied. Weiß nicht um irgendeine Verschiedenheit zu Tieren und Pflanzen und der ganzen Welt um sie herum und in ihrem Innern darüber hinaus und darinnen herein. Die Einheit in Allem ist in ihr, eingetrieben und festgraviert.
Keine Vorstellung »Mensch« schützt sie vor Neugier oder hält das Tier in ihr auf Abstand.
Nur so hell glimmt es plötzlich vor ihren Augen und in ihr Herz hinein. Das Licht blendet und ist geworden.
Als sie beginnen will zu staunen, hält ein Rabe inne. Erschrocken fliegt er zu einer nah wartenden Baumkrone, ein reichhaltiges Gewölbe mit vielen Verstecken – ohnehin sein Refugium bei Gefahrgefühl. Meist thront er über dem Höhleneingang, auf der Spitze des Bärenschädels.
Auf ihrem Planeten: das bewusstlose Zeitalter endet – die Epoche ohne Selbst. Das ichlose Sein verschließt sich für immer. Eine neue Gegenwart beginnt:
auf dem einsamglückvoll liebenden, schweigsam träumenden Himmelskörper, der sich ungebrochen dreht, in einem kaltschwarzen All verloren war, oder ist –
oder vergessen war, oder ist –
in einer Welt reinster Luft, klarsten Wassers –
bei den Ebenen und Bergen der Steine, Pflanzen, Tiere; an den Ufern der Flüsse und Meere; unter dem Himmel der Sterne und des Mondes; in den Tagen einer immer wieder aufsteigenden Sonne –
eines Sterns, der sein Versprechen hält, über alle Zeit zu wärmen –
als das Staunen in Körpern erwacht –
eine Verwunderung –
kein Befremden, doch geringes Zurückweichen, dann wieder Herausschauen –
und mit ihm das Sprechendenken.
Noch ist es namenlos, wortlos, makellos. Eigenes Gesicht nicht gewärtig, ihr Selbst im Spiegel des Wassers noch unerkannt. Erinnert sich nur an uraltes Dunkel, verschwommen, bedrohlich flatternde Schatten auf der Höhlenwand.
Allmählich klären Gedanken den Nebel bewusst:
»Ich will das Dunkel nicht.« – »Das Licht war schon früher bei mir.« – »Aber ich sah es nicht.« – »Ich fühlte etwas.« – »Alles war so dunkel. Jetzt ist alles so hell.«
Blühende Pflanzen leuchten, die Farnwiesen wehen. Farben klettern von überall her in ihre Augen, vom Himmel hinunter, die Erde hinauf, aus dem Kreisrund im Dreh. Gerüche erwachen und streben in das erste Verwundern. Sonnenwärme gleitet über die Haut und dann auf ihr und ein wenig später in sie hinein, Poren weiten sich. Das Wesen schaudert, will weichen – »was ist das« – »will zurück« – »Angst« – Leben.
Die Erde wird glücklich, sendet Willkommensschwerkraft an den noch irrend abwehrzuckenden Körper: »Fliege nicht weg. Bleibe bei mir.«
Zarter Schmetterling zögerlich prüft.
»Ich sehe meine Hände.« – »Ich kann den Stein berühren.« – »Meine Hand ist weich.« – »Der Stein ist hart.« – »Mit dem Finger male ich einen Kreis in den Sand.« – »Wie schön, meine Hände.«
Eine andere Stimme: »Deine Finger sind sanft.«
Sie kennt die Stimme nicht. Oder ist sie ihr auf irgendeine alte Art vertraut? Keine Furcht: »Aber es ist meine Hand.«
»Auch deine Finger.«
»Der Kreis ist rund.« – »Die Körner im Sand sind so klein.« – »Sie funkeln wie am Himmel oben.« – »Mach nochmal sanft.« – »Ja.«
Das Himmelsblau ist mächtig. Sie müssen unter ihm liegen, um es aufzusaugen. Beide starren nach oben und zu sich zurück.
»Wer bist du?«
Der Klang der Stimme ist warm. Augen schauen sich an. »Ich weiß nicht.« – »Du weißt nicht.«
Die Antworten sind ehrlich. Ein guter Tausch. Als Gegenleistung: »Ich kenne mich nicht. Wer bin ich?« – »Ich weiß nicht.«
Jedes Schweigen ist schön, in diesem Augen Blick.
Das Staunen aber erzwingt ein Sprechen: »Ich glaube, ich schlief sehr lange, bevor ich sah.« – »Bevor du sahst?« – »Lange davor.« – »Das fühle ich auch.« – »Ich weiß nicht, was vorher war.« – »Oh wie schön.« – »Was bedeutet schön?« – »Du fühlst es auch.« – » Ich konnte es dir nicht sagen.« – »Aber mir geht es genauso.«
Das Sprechen erstreitet ein Nachdenken.
»Du kannst dich auch nicht erinnern?« – »Nein. Nur ganz wenig. Alles dort ist so dunkel, wo ich vorher war.« – »Ja. Bei mir auch. Ich sehe einige Schatten, einige Bewegungen, aber ich weiß nicht, was es ist und wo ich war.« – »Ja, wo waren wir? Und, wann? Es ist so lange her, oder nicht?« – »Ich weiß es nicht. Alles ist verschwommen. Doch wohin ich auch jetzt blicke, alles ist so klar und wunderschön.« – »Ja. Alles so klar.« – »Doch woher komme ich? Wo war ich?« – »Ich habe Angst.«
Das Himmelsschwarz bedroht, als die Sonne beginnt zu schlafen.
»Es ist kalt.« – »Warum wurde es dunkel? Als ich noch so lange schlief, fragte ich nicht.« – »Die Sonne fiel herunter.« – »Ja, das habe ich auch gesehen.« – »Ganz langsam ist sie gefallen.« – »Dahinten. Hinter den Bergen.« – »Ja. Warum? Warum hat sie uns verlassen?« – »Ich weiß nicht. Ich habe Angst.« – »Kannst du mich bitte festhalten.« – »Warum?« – »Mir ist kalt.«
Der Morgen graut.
»Ich bin leicht.« – »Warum.« – »Die Sonne.« – »Oh ja.« – »Sie kehrt zurück.« – »Warte, noch nicht ganz.« – »Jetzt.« – »Wieder warm.«
Das Leben fühlt sich selbst. Nacht und Tag schicken Kälte und Wärme, berühren die Menschen. Geräusche fliegen durch die Luft, werden vom Leben, das sich entdeckt, gehört.
»Da unten passiert etwas.«
»Ja, ich höre auch.«
»Ich will es Wasser nennen.«
»Wasser.«
»Wasser passiert.«
»Passiert?«
»Ja, siehst du nicht? Es bewegt sich.«
»Lass es mich Fluss nennen.«
»Das Wasser ist Fluss.«
»Ich erinnere mich.«
»Was?«
»Ich habe den Fluss getrunken. Als es noch dunkel war.«
Bäume schweigen seit langem, niemand braucht sie zu hören, sie wachsen in Gleichmut und stehen dann sehr lange Zeiten eng zusammen, über die weite Erde, bis zu den Meeren und auch hier, zum Ufer des Flusses.
»Da vorne.« – »So hoch und sie bewegen sich nicht.« – »Viele. Aber jeder sieht aus wie jeder.« – »Ich sage Wald.« – »Ich höre den Wald nicht.« – »Es ist überall so leise.« – »Ja, ich höre nichts.« – »Ich nenne es Stille.« – »Aber der Wind.« – »Die Wolken treiben.« – »Die Blätter brennen.« – »So viele Farben überall.«
Die Blätter und Farben und Wolken erinnern sie:
»Wer bin ich?« – »Bin ich?« – »Wir warten.« – »Schau unten.« – »Am Boden.« – »Unsere Füße.« – »Wir waren schon hier.« – »Als wir lange schliefen.« – »Wir warten, wo unsere Füße schon waren.« – »Als es dunkel war.« – »Und wir lange schliefen.« – »Am Weg.« – »Also warten wir am Weg.«
*
»Ich sehe so viele Dinge, aber wer sind sie?« – »Sie haben keine Namen.« – »Ich weiß nicht, wie sie heißen.« – »Lass uns ihnen einen Namen geben.« – »Der Fluss.« – »Er soll Danub heißen.«
*
Erneut schwindet die Sonne, und mit ihr das Blau des Himmels. Sie rücken zusammen, nicht nur, weil es also wieder kalt ist. Die eine betastet mit ihrer Hand den Boden, fühlt die Erde. Die andere bemerkt den Mond und die schwarze Nacht.
»Was hängt da oben?« – »Im Himmel?« – »Ja.« – »Eine helle Kugel.« – »Aber es ist doch Nacht.« – »Wir müssen fragen.« – »Wen?« – »Ich weiß nicht.« – »Die Kugel ist so rund und ganz hell. Aber sie hat ein paar dunkle Flecken.« – »Wie heißt sie?« – »Ich weiß nicht.« – »Lass sie uns Mond nennen.« – »Der Mond.« – »Ja.« – »Er hängt am Himmel der Nacht wie ein Ältester.« – »Er muss der Älteste sein.« – »Er weiß alles.« – »Er gibt mir Ruhe.« – »Er muss schon immer dort oben hängen.« – »Wenn er nicht wäre, das wäre schrecklich in der Nacht.« – »Ja das stimmt.« – »Ich liebe ihn.«
*
»Meine Augen sind wieder offen. Warum.« – »Die Sonne!« – »Sie ist zurück.« – »Ja! Die Feuer im Himmel der Nacht sind verschwunden.« – »Der Himmel ist blau.« – »Eben war er schwarz.«
Die Sonne und der Mond wechseln sich ab. Sie nehmen ihre Himmelsfarben mit und bringen sie wieder zurück. Aus Furcht bleiben die Zwei am Boden bei der Höhle. Als sie sehen, dass sich nur die Farbe ändert – das Schwarz des Mondhimmels durchsetzt mit vielen Lichtern, das Blau des Sonnenhimmels ab und zu von Wolken gebrochen, die weinen – werden sie ruhig.
»Ich habe keine Angst mehr.« – »Ich habe Hunger.« – »Ich auch.« – »Ich gehe zum Fluss.« – »Warum?« – »Ich erinnere mich.«
*
Lachse wandern Millionenjahre über die Nordhalbkugel, aus den Meeren in die Flüsse, über die hohen Treppen und zurück. Magnetare aus der Erde wellen hinauf zu ihnen, scheinen sie zu führen – und sie folgen dem stummen Befehl. Bären allüberall, glücklich satt.
»Die großen Silberfische springen immer aus dem Wasser. Und so hoch.« – »Sie schwimmen gegen den Fluss.« – »Wollen sie zur Quelle?« – »Ich weiß es nicht. Ich verstehe sie nicht.« –
»Warum kämpfen sie gegen die starke Kraft, die aus den Bergen schwimmt?« –
»Sie sind so viele. Der Fluss ist ganz schwarz, und alle wollen nur nach oben springen.« – »Die Braunfelltiere kennen den besten Platz.« – »Sie töten sie mit einem Schlag.« – »Ich warte, bis sie satt sind.« – »Haben sie einen Namen?« – »Nein.« – »Lass sie uns Bären nennen.« – »Ich gehe nochmal schnell zur Höhle.« – »Gut.« – »Die Kinder haben Hunger.« – »Keine Sorge.« – »Ich gehe.«
*
Tiere können keine Lachse fangen, außer Bären. Menschen beginnen, einen Speer zu schnitzen.
»Es ist schwer, einen Fisch zu treffen. Ich werde einen anderen Speer bauen. Er muss kürzer sein.« – »Ich muss den Birkenwald suchen. Das Holz ist so gut, so schön. Ich liebe die Birken. Weiß und schwarz. Weich und Hart. Die Eichhörnchen um sie herum. Die Raben oben auf.«
»Mein scharfer Stein. Ich habe ihn selbst an der Felswand gehauen. Heraus aus dem Felsen. Ich halte ihn fest in meiner Hand und schäle den Ast der Birke.Die Spitze des Astes muss ich ganz genau schneiden, ganz spitz. Mein Speer muss den Fisch sofort treffen.«
»Schau wie schön mein Speer geworden ist. Genauso kurz muss er sein.«
»Um den Fisch zu töten.«
»Wenn ich den Silberfisch mit dem scharfen Stein aufschneide, ist er innen immer rot. Ich werde ihn auf das Fleischfeuer legen.«
»Ich esse gerne den roten Fisch. Gestern legte er einen der Fische auf unser Fleischfeuer. Ohne Feuer schmeckt er aber besser.«
»Wie zart der vom Feuer gebrannte Fisch. Ich liebe das.«
»Der andere Fisch, der innen weiß ist, ach wie gut schmeckt er mir, aber ohne das Fleischfeuer. Ich nehme den kleinen weißen Fisch in meine rechte Hand, schneide ihn nicht auf, neige meinen Kopf nach hinten und lasse ihn in meinen Mund fallen.«
»Warum liebt sie den Fisch ohne Fleischfeuer.«
*
Wurzelgeflechte der Bäume tauschen sich aus. Treffen Entscheidungen, geben Ratschläge. Gewaltige Ahnenstämme erlebten schon alles. Überlebten noch jeden Asteroiden, in Formen und Farben neu angepasst. Arten und Gattungen Anderer, ob Tier oder Pflanze – sie selbst unterscheiden nicht – starben aus, sie aber nicht. Ihr uralt eingeprägtes Wissen lässt sie einfach stehen, dort wo nach Samenflug gut eingepflanzt.
Erst seit ein erster Mensch sie schneidet, weinen die Bäume.
Ahnen, dass Gröberes sie erwartet: ganze Fällungen, weiträumiges Absterben. Erst aber hoffen sie, dem Menschen bei der Jagd zu helfen, dann beim Bau ihrer Hütten und Häuser.
»Ich ehre mein Todesholz.« – »Es ist stark.« – »Es tötet.« – »Es bringt uns Fleisch.« – »Und Fell.« – »Und die Knochen.« – »Ich liebe den Knochensaft.« – »Das Todesholz.« – »Ja?« – »Ich nenne es Speer.« – »Dein Speer ist mein Gott.« – »Ich habe ihn so lange bearbeitet. Er ist mein ein und alles. Er fliegt so weit.« – »Ich sah es. Du warst froh.« – »Ich treffe mit ihm so gut. Sogar die Fische im Fluss.« – »Ich bin auch froh.«
»Immer wenn ich einen neuen Speer brauche, gehe ich für viele Tage weg.« – »Ich weiß.« – »Dann suche ich den Baum der Wahrheit.« – »Der Baum schenkt dir den Speer.« – »Manchmal versteckt er sich hinter den Blättern. Aber ich finde ihn immer. Er ist mein Baum.« – »Und wenn ich zu ihm laufe, lege ich meine Hand an seinen Stamm.« – »Und ich danke ihm.«
»Und ich sehe, wie er sich im Wind neigt.« – »Und ich umarme ihn.« – »Und dann schenkt er mir den Speer.« – »Er erlaubt mir, ihn abzuschneiden.« – »Meinen Speer.« – »Meinen Helfer in der Not.« – »Meinen Gefährten im Wald.« – »Meinen Freund in der Steppe.« – »Ich halte ihn fest in meiner Hand, und er hält mich fest in seiner Kraft.« – »Hebe ich ihn auf, bin ich so unendlich glücklich.« – »Bleibt er dann bei mir, bin ich so stark.«
»Werfe ich ihn, wird er mich nie verlassen. Denn er wartet auf mich, im Fleisch des Bisons.«
*
Die Sonne brüllt in den Sommertag und lässt Schatten spielen überall. Sie verstecken sich nie, hängen aber an allen Dingen und Lebewesen, lassen sich nicht fangen, entgleiten sofort oder verschwinden im Rücken. Selbst als die beiden sich verabreden – eine verharrt, die andere dreht sich – entweicht der Schemen dem Zugriff, ohne zu vergehen oder zu sterben. Sie ahnen, er ist mehr als ein Trugbild, er ist ein Spuk. Schattengedanken.
*
Sonne und Mond, Tag und Nacht. Blau und Schwarz. Warm und Kalt.
»Der Mond ist genauso groß wie die Sonne.« – »Das stimmt.« – »Ich kann ihn direkt anschauen. Aber die Sonne nicht.« – »Ja.« – »Er hat nur ein kaltes Feuer.« – »Er macht die Nacht kalt.« – »Und die Sonne den Tag warm.«
*
Wachen und schlafen. Denken und träumen. Nichtmehrtiere beginnen in eigen Erstaunen erste Gedanken, wandeln sie in Überlegung, vielleicht schon Planung. Verwirrt und neugierigglücklich erwachen sie, werden jeden Morgen froher, aus dem Dunkel ihrer Vergangenheit emporgestiegen zu sein – ohne Absicht – beginnen schuldlos zu reden und zu schnattern, bei dem Vorplatz der Höhle oder im Sommerlager am Fluss.
»In der Nacht lege ich mich hin, wie die Tiere. Ob meine Augen dann noch sehen? Ich weiß es nicht genau. Manchmal werde ich wach, und die Augen der anderen sind nicht offen.« – »Aber ich fliege in eine andere Welt, wo ich sehen kann. Am nächsten Morgen komme ich zurück, wenn die Sonne erwacht.« – »Die andere Welt, wenn der Mond lebt, da sehe ich so viele Menschen.« – »Ich sehe auch viele Tiere.« – »Die andere Welt ist durcheinander.«
»Bin ich wirklich?« – »Ich sehe dich.« – »Wenn die Nacht kommt, bin ich in der anderen Welt.« – »Du bist immer noch. Du wanderst.« – »In die Nacht.« – »Und zurück in den Tag.« – »Wir müssen weiter. Hier gibt es kein Wasser.« – »Ich habe Angst.« – »Ich habe Hunger.« – »Es ist schön, zu essen.«
*
Nichtmehrtiere beobachten die Welt, staunen über das Himmelsdach und seine Gefährten.
»Die Wolken am Himmel kommen und gehen.« – »Dauernd verändern sie sich.« – »Manchmal haben sie Augen.« – »Sie haben immer ein anderes Gesicht.« – »Manchmal sehen sie wie Tiere aus.« – »Wenn sie dunkel und böse werden, schicken sie Regen zu uns. Aber der Regen ist gut.« – »Der Regen wäscht die Luft. Wenn er wieder schläft, ist die Luft so neu.« – »In der Zeit, wenn es immer so warm ist, tanze ich mit dem Regen.« – »In der Zeit, wenn es kalt ist, fällt der Schnee aus den Wolken.« – »Und die Bäume und das Gras, sie schlafen, und die Tiere.«
*
Neue Gedanken verbreiten sich in Köpfen und Gesprächen. Gewaltige Explosionen und Ausbrüche. Schädelknochen halten alles zusammen, doch die Eingebungen und Einfälle schütten immer mächtigere Ströme aus, Kaskaden ungekannter Möglichkeiten.
Nichtmehrtiere erkennen, als sei ihr altes Leben aufgeknospt, zerplatzt, Neues in Freiheit entlassen und bereit, in die Welt zu streunen:
»Meine Füße tun weh.« – »Hast du gesehen? Die anderen haben die Haut vom Bison um ihre Füße gewickelt, mit den Haaren und dem Fell.« – »Wie kann ich die Haut abschneiden? Und wieder zusammen machen, an den Füßen?« – »Ich zeige es dir.«
*
»Da ist ein Tier.« – »Wie ist sein Name?« – »Es lebt ohne Namen.« – »Es ist allein.« – »Es folgt uns schon seit langem.« – »Ich glaube es ist schlau.« – »Es soll Wolf heißen.« – »Wolf!«
»Ich will in die Höhle zurück.« – »Wo ist der Bär?« – »Ich weiß es nicht.« – »Pass auf.« – »Ich nehme den roten Staub mit. Ich will malen.« – »Wenn ich den Rotboden mit Wasser mische, habe ich Farbe an meiner Hand.« – »Dann male ich mit meinen Fingern.« – »Ich gehe jetzt in die Höhle.« – »Ich gebe dir das Feuer.« – »Ich nehme es.« – »Und ich trage das Wasser und die rote Erde.«
*
Als die beiden Frauen beginnen, über sich selbst zu sprechen, werden sie Neu und Selbst. Findungen.
»Warum dürfen wir nicht jagen?« – »Ich bin neidisch auf die Männer.« – »Warum bluten wir immer in den Nächten des runden Mondes?« – »Ich bin müde. Die Männer dürfen hinaus, Ausschau nach den Tieren halten. Wir oder die Kinder müssen das Wasser holen, das Feuer zünden.« – »Ich bin froh, dass wir nicht in die Wälder müssen. Ich fürchte mich vor dem großen Tiger.«
»Ich bin froh, dass unsere Höhle ganz oben liegt. Von hier aus sehen wir in alle Richtungen.« – »Ich bin glücklich. An der Höhle warten meine Frau und die Kinder. Auf meiner Schulter liegt das Reh. Wir alle werden essen.« – »Ich bin erleichtert. Er bringt uns oft Fleisch zurück, wenn er mit den Männern in der ersten Sonne jagt.«
»Erst vor einem Sommer haben wir diese Höhle gefunden. Sie ist so wunderbar.« – »Unten ist der Fluss. Wenn wir oben am Höhleneingang sitzen, unter dem Felsendach, sehen wir die weite Ebene.« – »Niemand kann uns angreifen. Wir Frauen sitzen am Eingang, machen Feuer, wir oder die Kinder holen jeden Morgen Wasser aus dem Fluss.«
*
»So viele Lagerfeuer am Himmel der Nacht.« – »Ich liebe die kleinen Feuer am Himmel der Nacht.« – »Vielleicht sind es andere Menschen, die nur nachts leben und am Tag schlafen.« – »Ja, sie sitzen alle um das Feuer am Himmel, wie wir.« – »Wer sind sie?« – »Keiner hat sie gesehen.« – »Meinst du, sie sind gefährlich?« – »Nein, bestimmt nicht. Wenn sie wie wir sind.« – »Vielleicht sehen sie uns auch, unsere Feuer in der Nacht.« – »Oh ja, das könnte sein!« – »Und wenn sie unsere Feuer sehen, dann wissen sie, dass sie nicht allein da oben sind.« – »Aber das wissen sie doch schon. Schau mal, wie viele Feuer am Himmel nebeneinander brennen! Die vielen Feuer, guck, wie nah sie beieinander brennen. Sie leben doch alle nebeneinander und können sich sehen.« – »Das stimmt. Aber wir sind fast allein. Nur manchmal treffen wir die Anderen. Und nachts sehen wir ihre Feuer nicht.« – »Ja, du hast recht.«
Ihre Gedanken schwirren gemeinsam beieinander und wieder an die Ränder, prallen ab und vereinen sich erneut.
»Ich würde die Menschen am Nachthimmel gerne treffen.« – »Niemand kennt den Weg zu ihnen.« – »Wir müssen die Vögel fragen. Bestimmt besuchen die Vögel sie, oben im Himmel.« – »Vielleicht schlafen einige Vögel dort oben, bleiben über Nacht an den Feuern und bewachen die Menschen.« – »Oder fliegen umher, von Feuer zu Feuer.«
»Das klingt so schön. Wie unsere Feuerwächter, ich liebe sie.« – »Feuerwächter? Der Wolfshund?« – »Nein, ist dir der blaue Vogel noch nicht aufgefallen?« – »Nein!« – »Er sitzt jeden Abend dort vorne, oben auf der Spitze der Pappel, am Ast neben den Misteln, und blickt auf uns.« – »Er hat blaue Federn?« – »Ja, und sein Schnabel ist gelb.« – »Doch, ich sah ihn einmal.« – »Ich werde mit ihm singen.« – »Das ist schön. Sag mir dann, ob er dich mitgenommen hat, hinauf zu den Feuern am Himmel der Nacht.«
*
Schon sind Jahre vergangen. Die beiden umarmen sich. Nun wissen sie: sie gehören zu einem kleinen Volk, vielleicht eine erste Familie, oder ein Stamm, oder eine Gruppe, oder ein Etwas. Und sie halten zusammen.
In der Höhle wird der Heiler den Trank reichen. Durch den sie alle tanzen und träumen und taumeln und die Farben sehen: mit ihnen kommen der Jaguar und die Schlange. Und die Bilder und Zeichen aus der anderen Welt, die sie an die Felsen malen. Aus denen die Schatten greifen. Erst zittern sie über die glatten Höhlenwände, bekämpfen den Feuerschein, erobern die Zwischenräume und dringen in den Rausch ein.
In der Verzückung sehen die Menschen nur die Farben, Tiere und Bilder, nicht aber die Schatten:
»Ich freue mich auf die Nacht.« – »Dann tanzen wir.« – »Ich muss mich vorbereiten. Heute Abend! Ich rufe zum Feuertanz.« – »Wir warten auf Idun, den Heiler. Er beginnt.« – »Idun ist der Weise.« – »Er führt mich zu den Geistern.« – »Er zeigt mir die Farben.«
»Ich sah die Schlange im Himmel der Nacht, als er sang.« – »Er ruft die Nacht.« – »Alle Formen und Körper kommen zu ihm.« – »Alle Lichter, alle Spiralen.« – »Das helle Band am Nachthimmel, es ruft zu uns.«
»Die Schlange.«
»Der springende Jaguar.«
»Die unendlichen Kreise.«
»Und er lässt uns herein.« – »Herein in die andere Welt.« – »Die Welt der Farben.« – »Die Welt der Freude.« – »Wo wir fallen.« – »Wo wir ohne Angst singen.« – »Wo wir umarmen, wen wir wollen.«
»Wo wir in Ruhe sind.« – »Wenn wir wollen.« – »Hörst du das Geräusch?« – »Jemand kommt.«
»Ich bin Idun. Ich werde rufen und singen und tanzen.« – »Und wir schlagen die Trommeln.« – »Liebe Sonne, geh schnell unter, wir wollen tanzen.«
*
Im Tal unter der Höhle öffnet sich – hinter dem Sommerlager am Fluss – eine weite Ebene. Von irgendwo her, aber nicht aus dem Tal, ziehen große Tierherden hindurch. Grasen sie, ist Gelegenheit.
Auf der Lauer liegen.
»Ich muss ein Bison jagen, wir brauchen neue Felle für die dunkle Zeit.« – »Und wir brauchen sein Fleisch.« – »Ich mag das Weiße aus der Mitte der Knochen.«
»Das Bison steht gegen den Wind.«
»Mein Speer ist in meiner Hand.«
»Mir ist schon kalt. Hoffentlich bringt er den Bison nach Hause.« – »Wir brauchen das Fell.« – »Es dreht seinen Kopf, ich verstecke mich zwischen den Bäumen. Wenn es mich sieht, läuft es weg oder rennt auf mich zu. Wo sind die anderen?« – »Er ist alleine beim Bison! Ich muss ihm helfen.« – »Gut, dass er da ist. Gleich läuft er schnell zum Bison, direkt vor seine Nase, ich bleibe hinter ihm. Wenn ich meinen Speer werfe, fängt er an zu schreien und rennt auf den Bison zu.«
»Ich habe Angst. Ich will nicht zum Bison rennen.« – »Ich beschütze ihn, wenn er schreit und zum Bison läuft.« – »Der Bison tötet Udon, meinen Bruder.« – »Dein Bruder hat keine Chance.« – »Er zertrampelt ihn.«
»Udonblut, überall auf dem Boden.« – »Sein Horn sticht in sein Herz.« – »Ich kann es fühlen.« – »Ich rieche das Blut.« – »Es versteckt sich in der Erde.« – »Die Erde braucht unser Blut.« – »Udon opfert sich selbst.« – »Für uns.«
»Jetzt werfe den Speer.« – »Ja.« – »Gut gemacht.« – »Der Bison ist getroffen.« – »Er liegt.« – »Er atmet laut.« – »Ich lege meine Hand auf sein Fell.« – »Ist es gut?« – »Es ist dick und weich.« – »Ich bin glücklich.« – »In der Kaltzeit hilft er uns.« – »Mit seinem Fleisch und Fell.« – »Jetzt sind wir sicher.« – »Wie ein Geschenk.« – »Er schenkt sich selbst.« – »Uns.« – »Und wir leben.« – »Ich danke.« – »Wir danken.«
Eine Eingebung fällt in den Dankesrausch. Wenn der Bison verewigt werden könnte. »Verehrt sei er dadurch.« Ist nicht sein Abbild auch er selbst, »für immer sichtbar«, denken sie. Lebt er nicht auch weiter, in seinem Zeichen, durch das Wiedersehen an der Höhlenwand.
»Die Felsen ist glatt.« – »Der Rotboden klebt an meiner Hand.« – »Ich male den Bison.« – »Der Rotboden klebt an der Wand.« – »Das Feuer leuchtet.« – »Ich sehe den Bison an der Wand.« – »Jetzt lebt sein Geist in der Höhle.« – »Bei dem Feuer ist mein Schatten.« – »Dein Schatten ist zur Wand gegangen.« – »Der Bison ist jetzt in der Höhle, für immer.« – »Wir sind zuhause beim Bison.« – »Der Bär hat Angst.« – »Der Bär soll draußen bleiben.« – »Das wird er ab jetzt.« – »Wir lieben den Bison.« – »Er bewacht.«
»Er ist ein Opfer.« – »Für uns.« – »Geschenkt von allem.«
»Was ist alles?« – »Ich nenne es Welt.«
»Die Welt schenkt uns den Bison.« – »Wir ehren das Geschenk, auf immer an der Höhlenwand.« – »Das Feuer soll immer brennen.« – »Damit es immer leuchtet.«
»Rufe meinen Bruder.« – »Ich laufe hinaus, wo ist er?« – »Er jagt.« – »Ich suche ihn.« – »Er soll das Feuer bewachen.« – »Dass es immer brennt.« – »Der Feuerträger.«
*
Mit spitzen, flachen Steinen schaben sie das Fleisch vom Knochen, sägen herum und finden das innere Mark, die köstliche Nahrung der ersten Zeit. Eine der beiden Ersten schlägt noch ein letztes Mal auf den ausgehöhlten Knochen.
Sie mag das Geräusch. Schlägt noch einmal. Und noch einmal, fester. Und wiederum, und so schnell.
Alle eilen zu ihr.
Sie beginnt zu wippen, auf und nieder mit dem Kopf, schließt die Augen. Alle mit ihr rasch im Taumel des ersten Knochenschalls. Tanzend Menschenvolk am Vorplatz der uralt von allem Lebenden geliebten Höhle. Trommelglück.
Ohne zu denken – oder sich zu fragen – ohne irgendeinen Grund – und ohne wiederum zu hasten – zieht sie mit dem anderen Arm den geköpften, entkernten Schädel zu sich. Letzte Reste von Hirn, Fasern und Blut stören nicht. Den Schädel stellt sie auf den Boden, Augenhöhlen geradeaus.
Ja, der dickere Stein. Ihn greift sie und schlägt ihn schwer wiegend auf den Schädel. Sie mag den tieferen Klang. Mit der rechten Hand trommelt der kleine Schaber auf den dünnen Knochen, immer schneller in dem Wahn. Mit der Linken klopft sie ab und zu auf den Schädel.
Einige Sonnen später wäscht sie den Schädel im Fluss, überzieht ihn mit dem Rest einer zerschnittenen Tierhaut und versteckt das kostbare Stück.
Zwei runde Monde später. »Das Knochensingen.« – »Ich höre es.« – »Sie nennt es Tombak, die Trommel Tomtom bakbak.«
»Stehen sie am Fluss?« – »Ja. An der Eiche.« – »Du hast dem Alten einen Namen gegeben?« – »Er heißt jetzt Eiche.« – »Eiche. Unser Alter, unser Wächter.« – »Ich glaube, er ist älter als alles.« – »Er steht schon immer hier.« – »Kommt Idun, der Heiler?« – »Wir werden tanzen.«
»Ich höre seine Stimme.« – »Er ruft.« – »Wir sollen kommen.« – »Wo ist er?« – »Beim Bison.« – »Und die Trommeln?« – »Er ruft sie auch.« – »Sie werden ihm folgen.«
»Lass uns hinaufgehen.« – »Warten die Frauen?« – »Sie sitzen vor der Höhle.« – »Der Weg ist schwer.« – »Hoch, zur Höhle.« – »Deine Frau!« – »Was ist?« – »Ich sehe sie schon!« – »Und?« – »Eine Trommel ist schon bei ihr!« – »Oh!«
»Die Trommel schläft noch, zwischen den Füßen deiner Frau.« – »Ja. Jetzt sehe ich sie auch.« – »Deine Frau bewegt sich nicht.« – »Ihre Haare beschützen die Trommel.« – »Schau, Idun kommt aus der Höhle.« – »Er geht zu ihr.« – »Wir müssen uns beeilen.« – »Er legt seine Hände auf ihren Kopf.« – »Sie bewegt sich.« – »Er spricht etwas, in ihr Ohr.« – »Die Trommel wird wach.« – »Sie schlägt.« – »Die Trommel wird laut.« – »Sie bleibt sitzen und schlägt weiter.« – »Die Trommel ist wild.« – »Sie bewegt ihren Kopf.« – »Ihre Haare fliegen wie im Sturm.« – »Wir sind da.« – »Ihre Augen sehen mich nicht.« – »Sie ist schon am anderen Fluss.« – »Und träumt.«
»Lass uns in die Höhle gehen.« – »Idun ist schon dort.« – »Ja, er ging zurück, tief hinein.« – »Dort wo wir Licht brauchen.« – »Rufe den Feuerträger!« – »Ich nehme mein Horn und rufe ihn.« – »Lass deinen Ruf über das große Tal schweben, wie ein Vogel.«
»Mein Ruf legt sich über sein Schweigen.« – »Der Feuerträger wandert auf unseren alten Wegen.« – »Mein Horn vertreibt seine Stille.« – »Aber er verlässt uns nicht.« – »Er ist immer in unserer Nähe.« – »Dann rufe ihn jetzt.«
»Wo wird Idun sein?« – »Ich glaube, er wartet beim Bison.« – »Wo mein Schatten lebt.« – »An der Wand.« – »Die Wand war so glatt.« – »Bis der Rotboden erwachte.« – »Und leuchtete.« – »Er leuchtet mit dem Schatten.«
»Lass sie uns Zwilling nennen.« – »Die zwei.« – »Der Bison und der Schatten.« – »Immer zusammen.« – »Immer da.« – »Der Feuerträger kommt.«
*
»Sie hat so wunderschöne schwarze Haare.«
»Ich glaube, er liebt meine Haare.«
»Und so lang.«
»Ohne meine Haare könnte ich nicht mehr leben. Ich liebe sie. Sie wachsen, seitdem ich denken kann.«
»Wenn wir uns lieben und ich dabei ihre Haare berühre, das ist das Schönste.«
Höhlenfeuer
Die Ersten sind nun schon Viele. Sonnenlauf um Sonnenlauf erleben sie die Zeiten des Planeten, wie er kreiselt, wie er sich dem Sonnenstern zuneigt und wieder von ihm wegkippt – allein im All, blau und voll durstigem Leben – ob Pflanzen oder Getier, ja selbst die Gesteine fließen aus den Lavafeldern, schauen nach, Flüsse und Meeresufer winden sich hindurch. Von all dem ahnen die Nichtmehrtiere nichts, doch lieben sie das Feuer unendlich.
Mit ihm ist ihr Leben mächtigschöner geworden. Einige Jahreszeiten später sondert sich ein Mann ab. Er beherrscht das Feuer, beschützt es, trägt es stolz umher, hält es für viele Tage am leben. Und er zieht sich zurück.
»Feuerträger! Willkommen.« – »Die beiden Männer grüßen mich.« – »Wir warten auf dich.« – »Ich grüße euch.« – »Dein Weg war lang.« – »Zwei Sonnen und dreieinhalb Monde.« – »Komm und iss mit uns.« – »Nein. Das Feuer.« – »Du trägst es.« – »Es will in die Höhle.« – »Er will nichts essen.« – »Er will sofort in die Höhle.« – »Dann folge uns.« – »Ich gehe voran.«
»Gut, dass er voran geht.« – »Ich folge ihm.« – »Ich bleibe hinter dem Feuerträger.«
»So viele Schatten an den Wänden.« – »Viel mehr Schatten als wir drei.« – »Mehr?« – »Ja. Schau.« – »Ja, richtig. Mein Schatten ist zwei geworden.« – »Und deiner auch.« – »Und seiner.« – »An der Seite der ersten Hand. Und der andere Schatten an der zweiten Seite.« – »Ja, genau.«
»Lass uns die erste Hand rechts nennen.« – »Und die zweite?« – »Ich sage links zu ihr.« – »Rechts und Links. Das ist ja überall.« – »Nur, wenn du da bist, siehst du links und rechts. Ohne dich sind links und rechts nicht dort.« – »Wo?« – »Da wo rechts und links waren.« – »Ich verstehe dich nicht.« – »Dann frage ich dich: wenn du aus der Höhle gehst, sind die Wände noch dort?« – »Ja.« – »Aber wer würde sagen, welche links und welche rechts wäre?« – »Ich verstehe ihn nicht. Ich kann nicht antworten.«
»Warum schweigst du?« – »Ich habe keine Antwort.« – »Denke nach. Es ist einfach. Nur wenn du in die Höhle hineingehst, die Wände ansiehst, vielleicht auch deinen Schatten, bist du der Herrscher über sie. Dann bestimmst du allein, ob eine Wand links oder rechts ist.« – »Wartet sie dann auf mich?« – »Sie erwartet deinen Blick und deine Achtung. Denn sie hat schon deinen Schatten umarmt.« – »Oder deinen.« – »Ja.«
»Jetzt verstehe ich.« – »Jetzt versteht er.« – »Jetzt bin ich wieder in seiner Ehre.« – »Er versteht mich jetzt.« – »Er freut sich.« – »Ich lege meinen Arm um ihn.«
»Ich rieche die Höhle.« – »Es ist kalt hier.« – »Kalt kann ich nicht riechen.« – »Doch, ich schon.« – »Wie?« – »Riech doch.« – »Oh … ja … « – »Das Kalte fliegt in mein Gesicht.« – »Ich rieche Eis und Wasser.« – »Ich rieche, wie es gestern war.« – »Gestern?« – »Denke zurück! Vor deinem letzten Schlaf.« – »Ja?« – »Das nenne ich gestern.« – »Die Sonne vor meinem letzten Schlaf!« – »Ja.«
»Und gestern? Hast du Eis und Wasser gerochen?« – »Ja, in der Höhle, das Kalte.« – »Ich nenne es Nase, wenn ich rieche.« – »Nase.« – »Ich fasse meine Nase an.« – »Aber die Höhle … sie riecht auch uns.« – »Wenn wir kommen, ist sie still.« – »Und wir riechen auch das Feuer.« – »Ja, das gute Feuer.« – »Es liebt uns.« – »Wir brauchen es.« – »Es ist wie die Sonne.« – »Wir werden warm, am kalten Tag.« – »Mit ihm sehen wir, in dunkler Nacht.« – »Und in der Höhle.«
»Gehen wir weiter, bis ans Ende.« – »Dort, die nassen Steine.« – »Die Zähne der Höhle.« – »Oben und unten.« – »Von oben, die Tropfen des Wassers.« – »Die tropfenden Zähne.« – »Ich muss mein Feuer zu den Tropfzähnen bringen.« – »Er geht so schnell.«
»Sein Feuer. Er trägt es in seinen Händen.« – »In der heiligen Schale.« – »Es bewegt sich hin und her.« – »Ich nenne es Flamme.« – »Mein Feuer.« – »Er verliert es.« – »Mein Feuer, kann ich es halten?« – »Er stürzt.« – »Mein Feuer… es ist in die Tropfzähne gefallen.« – »Seine Flamme … brennt noch… « – »Die tropfenden Zähne. Sie beschützen das Feuer.«
Gelbe und rote Flammen züngeln zur Höhlendecke hinauf, gezähmt durch die Uralten, die Tropfsteine, die doch überall und immer in den Karsthöhlen voll Anmut und Ruhe und Geduld abwarten können.
»Es brennt weiter!« – »Zwischen den Tropfzähnen.«
»Feuerträger!« – »Ja?« – »Siehst du es? Die Tropfzähne!« – »Ja!« – »Sie helfen deinem Feuer!« – »Es ist unser Feuer.« – »Ja.« – »Bringt mir noch mehr Tropfzähne.« – »Warum?« – »Ich baue einen Kreis.« – »Wie?« – »Schlagt sie ab, bringt sie mir.« – »Die Tropfzähne? Abschlagen?« – »Bringt sie mir.« – »Wir müssen es tun.« – »Wenn der Feuerträger es will.«
Und die Uralten weinen Tropfen.
»Unten sind viele Zähne.« – »Oben auch.« – »Lass mich einen versuchen.« – »Nimm den da, am Boden.« – »Ich schneide.« – »Es geht nicht.« – »Mein Feuerstein ist schwach.« – »Der Tropfzahn ist stark.« – »Ich nehme meine Hand und breche ihn ab.« – »Ich glaube, er braucht zwei Hände.«
»Der Tropfzahn schreit.« – »Es tut ihm weh.« – »Er ist abgebrochen.« – »Ich nehme ihn. Er ist schwer.« – »Schwer wie ein Stein.« – »Ein Wunder, ein tropfender Stein.« – »Er hat ihn genommen.« – »Ich lege ihn ans Feuer.« – »Die Flamme wird ruhig.« – »Die Flamme ist wie wir.« – »Manchmal wild, manchmal ruhig.« – »Sie darf nicht sterben.« – »Manchmal stirbt sie.« – »So wie wir.« – »Aber der Feuerträger kann sie wecken.« – »Er hat den Feuerstein.«
»Uns kann er nicht wecken, wenn wir sterben.« – »Vielleicht doch.« – »Wenn wir schon tot sind?« – »Ja.« – »Wie?« – »Wenn er mit den Trommeln tanzt.« – »Und singt.« – »Und zum Himmel ruft.« – »Dann schenkt er uns ein neues Leben.«
»Eine neue Flamme wird brennen.« – »Wenn du tot bist?« – »Ja und nein.« – »In dir?« – »Mein Feuer stirbt nie.« – »Wie?« – »Ich fürchte mich nicht. Meine Flamme wechselt.« – »Ich verstehe nicht.« – »Die Flamme meines Feuers.« – »Ja?« – »Die Flamme!« – »Ja?«
»Sie wird in einem neuen Kind brennen.« – »Oh.« – »Vielleicht versteht er mich.«
Und es erklingt der Knochen, in seinem Schall, vom Höhleneingang her, wo die Nichtmehrtiere hereindrängen, die Menschen nun, die Denkenden, die Fühlenden, die Sehenden, die Erwachten.
Und der Knochenschall bläht sich auf, in nie gekannte Höhe, in neue Eigenheit: er nimmt Verbindung auf zum Nichtmehrtier, erreicht sein Herz und seine Gelenke, ein Rhythmus ist geboren.
»Die Trommel.« – »Sie ruft.« – »Der Feuerträger.« – »Seine Flamme lebt.« – »Die Tropfzähne.« – »Sie schützen sie.« – »Ich sehe ihn.« – »Er tanzt.«
»Sie sind gekommen, ich spüre sie.« – »Er spürt uns.« – »Bringt mir noch mehr.« – »Wir müssen noch mehr Tropfzähne abschlagen.« – »Er will den Kreis bauen.« – »Seine Trommel schreit durch die Höhle.« – »Wir müssen uns beeilen.« – »Er braucht die Zähne, bevor er singt.« – »Der Kreis muss fertig werden.«
»Ich schlage die Trommel und tanze. Die Flamme lebt. Sie haben mich verstanden.« – »Die Zähne schreien, wenn wir sie brechen.« – »Der Feuerträger braucht sie.« – »Die Trommeln rufen in der ganzen Höhle.« – »Sie verlangen nach den Zähnen.« – »Und den Flammen.«
»Ich habe drei Zähne abgebrochen.« – »Er ist stärker als ich. Ich kann es nicht. Die tropfenden Steine wehren sich. Ich bin zu schwach.« – »Ich habe jetzt drei, das reicht.« – »Feuerträger! Wir bringen neue Steine.« – »Er legt sie auf den Boden.« – »Es ist ein Kreis geworden.«
»Der Kreis der tropfenden Steine.« – »Und das Feuer, es brennt.« – »Es lebt.« – »Es schlägt im Herz des Kreises.« – »Der Herzkreis.«
»Die anderen kommen.« – »Unsere Brüder.« – »Ich sehe ihre Schatten.« – »Die Schatten an der Höhlenwand.« – »Gefangen von den Flammen.« – »Die Flammen fangen die Schatten.« – »Sie fangen sie am Kreis.« – »Oder fängt der Schatten das Feuer?« – »Am Kreis der tropfenden Steine.« – »Die Zähne der Höhle.« – »Unsere Welt.« – »An der Wand.«
*
Angst.
»Die Höhle will uns essen.« – »Hab keine Angst.« – »Aber die Zähne.« – »Die tropfenden Steine, sie beschützen das Feuer.« – »Ich fürchte mich.« – »Sie wollen nichts von dir.« – »Ich zittere wie der lange Fisch.«
»Bring die Knochen des Bären.« – »Ich muss die Knochen holen, sie liegen draußen.« – »Er wird nach draußen gehen müssen.« – »Ich muss weit nach draußen gehen.« – »Er will nicht.« – »Ich will nicht so weit zurück gehen, nach draußen.« – »Draußen ist doch keine Gefahr.« – »Draußen. So weit.« – »Vielleicht haben die Frauen noch die Knochen.«
»Draußen am Frauenfeuer.« – »Außen, hab keine Angst.« – »Außen?« – »Draußen.« – »Nicht innen?« – »Nicht die Höhle.« – »Nicht die Wand.« – »Nicht die Schatten.«
Bärenknochen brennen an Tropfsteinen.
»Die Knochen des Bären brennen gut.« – »Sehr lange, sehr heiß.« – »Das Knochenherz fließt heraus.« – »Ihr Leuchten im Tropfsteinkreis.« – »Aus dem Knochenherz die Flamme.« – »Das Knochenfeuer.«
»Ich will leben, neben den Schatten.« – »An der Wand?« – »Ja. Meine Hand, meine Finger!« – »Zeig mir deine Hand.« – »Er nimmt meine Hand und sieht sie.« – »Er hat eine schöne Hand.« – »Seine Augen liegen auf meinen Fingern.« – »Er hat starke Finger.«
»Wenn die Wand meine Hand annimmt, und ich bei ihr leben darf, verschwinden die Schatten?« – »Ich weiß es nicht.« – »Ich will es wissen.« – »Wo ist die rote Erde?« – »Ich habe sie.« – »Ich nenne sie Ocker.«
»Ocker. Gut.« – »Gib mir den Ocker und deine Hand.« – »Warum?« – »Vertraue.« – »Er nimmt meinen Ocker und meine Hand.« – »Ich spüre seine Hand. Und drücke sie in den Ocker.« – »Er hat meine Hand in den Ocker gezwungen.« – »Steh auf.« – »Ich stehe auf.« – »Drücke deine Hand, alle Finger an die Wand.« – »Die Wand ist kalt.« – »Lass deine Hand noch ein wenig an der Wand.« – »Die Wand wird warm.« – »Jetzt zieh sie zurück. Sei vorsichtig.« – »Ich bin langsam.« – »Gut.«
»Meine Hand … ist wieder frei.« – »Deine Hand!« – »Ja …« – »Siehst du?« – »Ja …« – »Gefangen in der Wand.« – »Und frei bei mir.«
»Jetzt hast du drei Hände.«
*
Draußen warten Mond und Sterne auf Herauskommende, auf Erste Beobachter, die sie vielleicht beachten würden – brauchen sie doch auch die Strahlen ihrer Augen, wie sie auf sie gerichtet sind, wie sie bewundern, staunen, fragen.
Kein Nachdenklicher hat je, und wird je – auch nicht im Ansatz – umfassend erkennen können, wie das Augenbrennen, die Gedankenstrahlen den Mond und alle Sterne treffen. Nämlich »sofort«, augen-blicklich, in der Zeit des Universums, keinen Raum durcheilend, quantenklickend.
An Wissen Statt aber spielen sie weiter und weiter mit irdischen Gedanken.
»Wenn der Mond erwacht.« – »Ja?« – »Ich verstehe ihn nicht.« – »Warum?« – »Er wird größer, dann ist er rund. Er wird kleiner, dann ist er weg.« – »Das stimmt.« – »Sein Gesicht ist immer gleich.« – »Ja.« – »Er hat so viele Kinder.« – »Ja, die kleinen Feuer im Himmel der Nacht.«
»Was denkst du, sind es wirklich seine Kinder?« – »Ich weiß es nicht. Aber sie wandern die ganze Nacht da oben, ganz langsam.« – »Oder sind es doch die anderen Menschen und ihre Lagerfeuer.« – »Ich habe sie gerufen und sie antworten nicht.« – »Unsere Rufe in der Nacht.«
»Lass sie uns Sterne nennen.«
*
Feuersglut lodert vor Gesichtern und Händen. Wärmende Wellen durchbrechen Gedankenschranken und ermutigen die Zunge. Die sich immer mehr lockert, sitzen sie nur zusammen oder sind verbunden.
»Rufe die anderen.« – »Sie sollen kommen.« – »Die Flammen warten.« – »Die Zähne leuchten.« – »Brennender Kreis.« – »Tropfende Steine.«
»Ich gehe hinaus und rufe.« – »Nimm das kurze Holz.« – »Das runde, mit der dunklen Stimme?« – »Ja.« – »Das wir geöffnet haben?« – »Ja.« – »Das wir gebogen haben?« – »Ja.« – »Das wir geglättet haben?« – »Ja.«
»Ich nenne es Horn.« – »Das Waldhorn.« – »Dann nimm und geh und rufe.«
Frauen haben sich schon am Vorplatz gesammelt, was sie lieben.
Hier tauschen sie ihre Gefühle, eingepackt in neue Worte, im Widerschein der Feuersglut.
Hunderttausend Sonnenläufe später ist die Glut des Gezwitschers auf winzig ständigschimmernde Handfeuersglutbildschirme verteilt, allüberall in Menschenhänden. Und sie reden und schwätzen und schauen.
»Die Männer sind noch in der Höhle.« – »Was machen sie da so lang?« – »Ich weiß es nicht.« – »Der Feuerträger ist mit ihnen.« – »Ja.« – »Hast du Angst, was passiert?« – »Nein, es ist das Feuer für uns alle.« – »Ja.«
»Feuer für unsere Träume.« – »Für unsere Kinder.« – »Für unsere Männer.« – »Ich liebe uns.«
*
»Wir brauchen Wasser.« – »Ich hole es.« – »Ich gehe mit dir zum Fluss.« – »Ja, geh mit mir.« – »Sorge dich nicht.« – »Manchmal habe ich Angst.« – »Warum?« – »Am Fluss. Der Bär.«
»So viele Tropfen.« – »Ich sehe keine.« – »Schau doch!« – »Wo?« – »Im Wasser, alle zusammen vereint.« – »Im Fluss? Ich sehe sie nicht.« – »Schau in meine Hand, zwischen meinen Fingern!« – »Ja! Du hast recht! Tropfen!« – »So viele!« – »Alle gemeinsam.« – »Alle so schnell.« – »Alle so weich.« – »Alle für alle.« – »Und für uns.« – »Sie haben keine Angst.« – »Sie fließen überall.« – »Wohin wollen sie?« – »Wo wir sie nicht finden, wo sie frei sind.«
*
Da sie mehr sind, einige mehr als die Ersten Zwei.
Da sie oft sprechen.
Und sich nun als Volk verstehen.
Und sich erinnern wollen:
Erinnern an ihre Worte.
Erinnern an das erlegte Tier. Den gefangenen Fisch.
»Was hast du auf den Stein gedrückt?« – »Was meinst du?« – »Hier!« – »Oh. Ja. Es ist nur für mich.« – »Nur für dich?« – »Ja.« – »Was ist das?« – »Damit ich es morgen wieder sehen kann.«
»Was sehen?« – »Morgen wieder sehen, was ich heute denke.« – »Wie?« – »Gestern habe ich etwas gedacht. Und heute nicht mehr gefunden.«
»Nicht mehr gefunden?« – »Ich habe es gesucht und nicht mehr in meinem Kopf gefunden.«
»Ach so.« – »Ein anderer hat es Denken genannt.« – »Was?« – »Was in meinem Kopf ist.« – »Ja.« – »Und wenn ich es nicht mehr finde, hat er es Vergessen genannt.«
»Gut. Aber was ist Gestern?« – »Bevor ich heute früh schlief und träumte, die Sonne davor.« – »Ja. Das habe ich auch, das Gestern.« – »Und Morgen. Wenn ich heute am Abend träume, wenn dann der Mond erwacht, und die Sonne danach.« – »Ja, das ist schön. Morgen und Gestern. Das kenne ich.«
»Und heute. Das ist Jetzt.« – »Jetzt? Das ist am schönsten.« – »Ja. Für mich auch. Aber manchmal kommt Gestern zurück.«
»Gestern? Wo?« – »In meinem Kopf.« – »Ich verstehe nicht.« – »So viele Gestern in meinem Kopf. Manchmal.« – »Viele?« – »Ja, ganz viele, von so vielen Gestern.«
»Ist es auch das Denken, das der Andere nannte?« – »Ich glaube ja.« – »Dann lass es uns Erinnern nennen.« – »Oder das Vergangene.«
»Und auf den Stein drücken.« – »Lass es uns Zeichen nennen.«
»Oder Wort.«
»Oder schreiben.«
»So viele Gestern in meinem Kopf.«
