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Ein spannender Roman im Stil des Magischen Realismus. Brandaktuell. Die Menschen werden zur Gefahr für Pflanzen und Tiere, bedrohen die Existenz der gesamten Natur. Aus Sicht der Tiere werden menschliche Kriege, Umwelt- und Klimakatastrophe, die aktuelle Gefahr atomarer Verwüstung durch Bomben und Umweltverschmutzung in drastischer, poetischer Sprache erzählt. Tiere und Pflanzen, alle Lebewesen fühlen sich bedroht. Nun wehrt sich die Natur gegen die ungebremste Zerstörung durch den Menschen. Die höheren Tiere vom Land und aus dem Ozean sind in höchster Not und rufen zu einer Versammlung. Geht es dem Leben ohne den Menschen nicht besser? Darf eine Spezies, die Menschheit, vernichtet werden, um das Ganze zu retten? Die Tiere diskutieren, es gelingt ihnen, mit einem autistischen Menschenkind in Kontakt zu treten. Doch die Entscheidung treffen sie nicht allein. Christopher Sprung führt seine Leser mit dem dritten Roman in eine Welt, in der er Pflanzen und Tieren eine Stimme verleiht. Sie sehen sich in ihrer Existenz vom Menschen mit seinen Kriegen, den Umwelt- und Klimakatastrophen bedroht und fürchten sich vor der Verwüstung des Planeten durch eine atomare Katastrophe. In ihrer Not berufen sie eine Versammlung ein und beraten darüber, ob der Planet nicht ohne den Menschen besser dran wäre. Uneins sind sie darüber, ob sie dazu berechtigt sind, die ganze Menschheit auszulöschen. Eine Antwort auf diese Frage erhoffen sie sich von dem Kontakt mit einem autistischen Menschenkind. Nach »Oszillation« und »Die Anklägerin« der dritte Roman des deutschen Schriftstellers.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2024
Christopher Sprung
Gefallene Welt
Das Buch der Traurigkeit
Roman
2., überarbeitete Auflage 2024
© 2024 – Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt
Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung oder Übersetzung bleiben vorbehalten
Christopher Sprung, c/o Block Services,
Stuttgarter Str. 106, 70736 Fellbach
Cover: Urheberrecht beim Autor
»Alles nur Seelen, die zum Glück streben«
(Gedanken eines Delphins, 2024 AD)
»Die Zeit der Abrechnung ist gekommen«
(Gedanken eines Elefanten, 2024 AD)
»Ich bin der schwarze Spiegel der Menschen«
(Gedanken eines Vulkans, 2026 AD)
Inhalt
Wehklage
Erdengrund
Menschenblut
Geheimnis
In den Strömen
An den Küsten
Nahiru vor dem Kap
Im Delta
Konferenz der Toten
Begegnung am Kap
Der Rat der Alten und Weisen
Das Menschenkind
Liebende
Im Frühling
Reue
Geplauder im Tagebuch
Erwachen
Die neue Welt
Jehoschua
Vermerk der Ältesten
Vom selben Autor
Das Schleppnetz schleift den Meeresboden, zieht alles Leben in sich hinein und hebt nach fünfhundert Metern ab, hinauf zum Fischkutter. Wild um sich schlagende Springende Gelbflossen-Thune versuchen sich zu retten, Blauflossen-Thune geben schon auf, apathisch ihre starren Augen. Im Netz verfangen, sterben Seepflanzen, Seesterne, Seepferdchen, Muscheln, Krabben, Millionen winzige Lebewesen. Auf dem Fischkutter arbeiten die Schlächter, Ausweider, Zerteiler, Konservendosen-Rollmaschinen. Kalten Auges wühlen Mensch und Maschine in Mordeslust. Eingeweide zurück ins Meer gekippt.
In der großen Halle trieft Blut von fünfhundert Schweinehälften, aufgereihte Hakentransporte in einer Länge von rund eintausend Metern. Die Schreie ihrer Angst, der Gestank ihrer abgeschlachteten Körper dringen zur zweiten Halle. Exkremente in den Fluss abgeleitet, Gedärme gewaschen für die Menschenbratwürste. Aufmerksame Schweine kreischen in der Warteschlange an den Todesrampen. Sie denken, dann hätte ich mich besser für die Biolabore gemeldet, um meine Organe den Mördern zur Verfügung zu stellen, dort würde ich wenigstens nichts bemerken. Doch ihr Tod: gewiss.
Eine seit Millionen Jahren genetisch vereinte Kohorte von schätzungsweise drei Dutzend Fledermäusen verheddert sich in mächtigen Rotoren – stolz durch die Menschen aufgereiht – zwanzig massive Windräder – schwer verletzt fallen sie auf die Winteräcker, verbluten unbeachtet.
Eine große Fabrik dröhnt vor der Stadt, errichtet von Betonliebenden, Asphaltgläubigen, Motorenreligiösen, Perverszweibeinern. Fetischisten der Moderne, befriedigt ausschließlich dort, wo die Liebe fehlt:
Aus ihr, der Halle der Kükenmörder, streben kleine Seelen. Frisch Geschlüpfte und ältere, gevierteilte Hähne und Hühner schweben in den Himmel, starren von oben auf die Schlachtbank, enteilen so schnell sie können in die Halle der Wiederkehr, um ihr Karma auszutauschen.
Kraniche, Störche, Rauchschwalben, Mauersegler fliegen in großen Schwärmen südwärts, wohl geordnet, harmonisch abgestimmt. Weit in die Höhe sind sie geflüchtet, sie halten sich fern von vielleicht dreitausend Atomraketen, die unten am Boden in Silos warten, den Galgen der Menschheit, auf Befehl der Einen.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Planeten schlafen tausende Tauben in der Morgensonne, in langen Reihen auf den Sicherheitszäunen. Sie befinden sich im Flugstreik, sitzen dort seit Monaten, um die Kriege der Säugetiermenschen zu ächten, rund um die Abschussrampen von fünftausend Atomraketen der Anderen.
Die Einen und Anderen, so wundern sich die Schwärme, sind von der gleichen Art, doch sie zerstören sich.
»Und indem sie uns ausmerzen wollen, sterben sie.«
Ein langes, dickes Aluminiumrohr rast mit einer Geschwindigkeit von eintausend Bodenkilometern pro Menschenstunde in einer Höhe von mehreren Kilometern auf die Schwärme zu. Darinnen sitzen Hunderte Säugetiermenschen, angeschnallte Gefangene, die sich von einem Ort an einen anderen bringen lassen und, obgleich freien Willens sich zur Kurzzeitstrafe im Rohr gemeldet und den vom Rohrbetreiber verlangten Ablass bezahlt, durch kleine Fenster die Freiheit begehren.
Das rasende Rohr hat zwei Flügel an jeder Seite, daran hängen grollende Motoren, die Vögel fressen. Innen dröhnen engste Pferche, in denen die Säugetiermenschen ihrer Notdurft nachgehen, trifft sie der Drang während der kurzen Dauer ihrer Einkerkerung.
Auf alten Pfaden zieht die Schnur der Elefanten. Majestätisch schreiten sie voran, über das Land, das ihnen gehört. Sie flüstern über die ganze Welt, in Wellen auch von den Menschen genutzt, doch mit anderer Frequenz. Auf allen Kontinenten wandern ihre Brüder und Schwestern, Neffen und Nichten, manche größer, manche klein – Familien von Anfang an und immerdar. Und sie tauschen ihre Erfahrungen aus, Neuigkeiten, Interessantes, so jubelt die Elefantheit des gesamten Planeten.
Seit Millionen Jahren sind sie die Weisen, die Alten, von jedem respektiert. Schreiten sie durch ihre Landschaften, fliegen helfende Vögel herbei, wilde Raubtiere weichen. Sogar der Erdboden öffnet seine Fäden und weist ihnen den Weg zu den uralten Quellen, dem Labsal aller Sucher und Dürstenden. Dort an den Poren, wo das Urgestein sich öffnet, die Gewässer herausschwitzt, in ungebrochener Liebe zu den Dickhäutern, Anderen, und Pflanzen und dem Gewürm.
Wüssten sie alle nur, dass der Felsgrund ein Born reicher Erfahrung ist, allen Atomen angeheftet, die aus ihm entspringen und zu ihm zurückkehren.
Wüssten sie nur um die Bedeutung der in den Atomen angefügten Informationen – die Reichweite aller Erinnerungen an das Vergangene, Erlebte, gleich wo, gleich innerhalb welchen Organismus.
Dem Atom entweicht niemals das Wissen, sterbe auch der Körper, in dem es vorübergehend wirkte: die Information bleibt. Regnet es aus den Wolken herab, ist es im Wasser gebunden, liebt sich mit den anderen und vereint sich zu Molekülen. In Milliarden Verknüpfungen dringen sie in den Erdboden, in die Flüsse und Meere, auf die Bäume und zu den Wurzeln.
Dort mag das Atom tief in den Felsen treiben, um tausend Jahre später an einer Quelle aufzutauchen. Oder auf der Oberfläche der Erdkrume für eine Weile ruhen, bis eine Wurzel es findet, aufsaugt und zu den Zweigen und Blättern des Olivenbaumes trägt.
Eine Raupe frisst ein Blatt: das Atom ist glücklich. Es weiß, nun dient es erneut im Lauf der Kreise, darf fortschwimmen, aus dem Blattgrund über den Blattstiel zu den Blattadern hinein in die Raupe, zu ihrer Gefälligkeit. Deren Umwandlung unterstützen, bis zur Krönung: die Verwandlung.
Der Schmetterling fliegt.
Das Atom vergisst nichts. Ach wüssten sie es.
Wüssten sie nur von den Sandkörnern im Universum, die Sporen des Lebens, die Träger der DNA.
Es flogen die Weltallgesteine zum jungen Planeten, auf ihnen der Sternenstaub, aus uraltem Kosmos. Körner und Partikel zerborstener Sonnen, geschmolzener Planeten und Monde, Relikte der ersten Schöpfungen, Überbleibsel einstiger Zivilisationen. An ihnen geheftet die Lebensspiralen, Nuklein- und Aminosäuren für unendliche Entfaltung, der Liebesbeweis aus dem Hauch einer Urschöpfung.
Die Boten der Ehrfurcht.
Die Weichensteller.
Die Befähiger.
Es empfiehlt sich Ehrfurcht vor ihnen, denn sie stellen die Weichen für jeden Planeten und befähigen ihn zum Leben. Seine Sporen schenken der Erde die Erinnerungen anderer Gestirne, die Gedanken fremder Welten mit ihren Systemen aus Planeten und Monden, dort wo das Weltall begann, als das Wort sich entäußerte, das Licht entsprang und Leben gebar.
Keime lassen sich nieder, auf dem frischen Gestein, Magmaströme allüberall, Erdkrusten gegeneinander übereinander, Millionen Jahre Regen.
Auf der Erde tragen sie sich ein, deponieren ihre Samen, in ihnen schlummern verborgen die Strukturen der Zukunft, die Formen der Pflanzen und Tiere, die Möglichkeiten.
Knospen entfalten sich. Aus den Sprossen die Triebe. Nun ist der Planet befruchtet und kreist in Geduld und stoischer Ruhe um seine Sonne. In seinem tiefsten Innern kreiselt der Kern, flüssige Metalle in schraubenförmigen Bewegungen, die im Verbund mit der Drehbewegung des Erdballs im Weltall ein Magnetfeld erzeugen. Der Planet hält es über Jahrmillionen fest, legt den riesigen Mantel um sich selbst. Der Abwehrring. Der Wehrgraben um die Burg. Beschützt das organische Leben. Die Gewässer sind beruhigt, der Urkontinent treibt gefestigt über die inneren Kräfte.
Im Äußeren, oberhalb des Bodens, schwebt die Atmosphäre, feinste Moleküle verschiedener Gase. Sie rotieren wie festgeklebt mit dem Erdball, welch dünne Haut. Ein wundersames Meer aus Gasen, am Grund leben Bewohner des Landes, in ihm schwimmen die Vögel.
Die Entwicklung schreitet voran. Aus den Bäumen der Entfaltung, den Zweigen und Verästelungen genetischer Auswürfe wagte sich die Intelligenz hervor, repräsentiert in zahlreichen Arten der Tiere, aktiviert in Gehirnen, den Spielkonsolen neuronaler Verbindungen. Unter ihnen erscheinen, mehr als spät, die Säugetiermenschen. Vor ihnen lebten bereits zahlreiche Variationen, erprobten Planung, Kommunikation, Sozialverhalten. In ihrem Dünkel wähnen sie sich als Besonderheit. Sie leugnen ihre Herkunft aus dem All, frönen ihrem Zorn. Verwickelt in ständigen Kriegen, Gewalt und Vernichtung. Hybris tüncht ihre Unwissenheit mit seichtem Kalk, belanglosen Nichtigkeiten, flüchtig hingeworfenen Begriffen. Vergöttern eitle Täuscher, werfen Brosamen den Verarmten.
Die Strukturen der Gewächse, die Samen, alle Sporen feixten.
»Was für ein Hochstapler, der Säugetiermensch! Welch ein Lügner, welch Urkundenfälscher.«
Denn waren nicht auch die Urahnen ein geachteter Teil des Bundes.
Wenn sie aber den Säugetiermenschen sehen – Pflanzen und Bäume erkennen sofort den Hinterhalt an der Natur, die Niedertracht schneller als die Tiere, denn sie bleiben an ihren Wurzelplätzen, den Orten der Verankerung. Während sie dort an ihrem Platz harren, manche über Jahrhunderte, ziehen die Schicksale, Kriege, Mörder und Flüchtigen an ihnen vorbei, und ein manches Mal spritzt das Blut bis an die Wurzel. Zwar widerriefen sie niemals ihre ursprüngliche Bereitschaft, den Körpern der Menschen als Nahrungsquelle zu dienen. Dabei dachten sie jedoch in keiner Form an die Gattung Mensch sui generis. Ihre Treue, ihr Versprechen gilt vielmehr ihrem seit je geschlossenen organischen Bund mit Atomen und Molekülen, die vorübergehend innerhalb der Menschenkörper gefangen sind. Nach dem Tod der schändlichen Verräter strömen deren Atome und Moleküle zu neuen Aufgaben, denn als solche vergehen sie nie, wandeln im Kontinuum, viele zurück zu Pflanzen und Bäumen, viele in Tiere – wie erlöst von der Fronarbeit.
Schon aber erscheinen Warnungen, vermehrt seit Mitte des 19. menschlichen Jahrhunderts.
Die Gewässer auf dem Erdengrund, als Erste spüren sie die Vergiftung, ist es nicht schon trüb an manchen Flüssen im späten 19. Jahrhundert. Auf ihnen treiben dicke Schäume, Detergenzien, später sinken in ihnen abgetragene Sandalen des 20. Jahrhunderts. Fische und Säugeschwimmer fressen Mikroplastiken, beginnen Anfang des 21. Jahrhunderts massenhaft zu verenden. Ozeanische Ströme verschiffen die Nachricht rund um den Globus.
Noch sind die Bäche, Flüsse und Meere geduldig, warten. Doch bald mahnen auch die Lüfte. Sind sie nicht die Träger der Zugvögel, für die Menschen, Tiere und Pflanzen Vermittler von Wärme und Umhegung? Nun aber erleiden sie die Qualen. Werkhallen der Menschen aus zwei Jahrhunderten, Industrien, Kohlekraftwerke, Milliarden Motoren kleiner und großer Fahrzeuge, fliegende Zeugen. Gerätschaften der Schande.
Die Quäler der Biosphäre. Die mächtigen Zerstörer. Die Menschen.
Allmählich verstärken sich am Südpol die Sturmpeitschen. Manche kommen vom Kap Horn, andere aus Feuerland. Zwischendurch mal ein Touristenluxusschiff der Säugetiermenschen versenkt – auf Antarktisreise, in Patagonien vom Anker gegangen; fernreisende Ankömmlinge, ausgespuckt von den Aluminiumröhren der Luftflieger –, deren Leichen sinken recht schnell auf den Meeresgrund, sehr praktisch, echte Leckerbissen.
Allerdings dauert es Monate, bis die Haie und Krabben die wetterfesten Schutzanzüge der superreichen Leichen aufgerissen, zerrissen, zerfetzt haben. Die Reste überlassen sie den kleinen Fleischfressern am Ozeangrund. In der Kälte verwesen die Kadaver nicht, das Aas der Menschenleichen ist langfristig verfügbar, später lagern die Knochen irgendwo im Abgrund des südlichen Polarmeeres.
Die Peitschen der Winde erwecken dickhäutige Eisschollenquader, die dort nur ruhen wollen und den Robben als Liegeplatz dienen. Falls die Eisbären andernorts jagen. Sie knallen auf die spitzen Eisränder, treiben abgerissene Brocken in die Hochsee.
Windjammer von allüberall hergeeilt, aus allen Himmelsrichtungen, rufen die Orkanwellen herbei.
Gewässer und Stürme beraten. Sind uneins.
Angelockt von den Turbulenzen, erscheinen die größeren Meerestiere, schleppen die intelligenten Kleineren mit sich, Quallen und Oktopusse.
»Die Menschen sind gefährlich.«
»Sie sind uneinsichtig.«
»Sie jagen uns seit hunderten von Jahren, es wird immer schlimmer.«
»Viele unserer Freunde sind verschwunden. Haben sie sich versteckt?«
»Es gibt sie nicht mehr.«
»Sie sind brutale Räuber.«
»Es gibt aber Gute unter ihnen«, so ein Einwand der Tümmler.
»Sie führen im Wesentlichen nur Kriege.«
»Sie haben aber auch gewaltige Bibliotheken, wundersame Museen.«
»Ich habe Musik gehört, wunderschöne. Am Strand allerdings manches Mal garstiges Zeug, unappetitlich.«
»An den großen Flüssen, wo manch mächtiges ihrer Gebäude steht, hörten meine Neffen wundervolle Gesänge. Sogar Chöre.«
»Manche haben die Wesenheit erkannt.«
»Nur die Wenigsten.«
»Die Mehrheit und ihre Herrscher interessieren sich nicht, für das Wesentliche.«
»Wer bestimmt sie eigentlich, wer führt sie?«
»Sie müssen eine Elite haben.«
»Wo ist sie?«
»Ich hörte von einem sterbenden Fischer, sie hätten fast zweihundert.«
»Zweihundert was?«
»Zweihundert Führende, sie nennen sie Regierungen oder Staaten.«
»Zweihundert?«
»Zweihundert.«
»Komisch. Jeder von uns hat nur eine.«
»Deswegen streiten sie, morden, führen Kriege, seit je her, bis heute, unentwegt, immer schlimmer, Schwärme gegen Schwärme, ohne Ende.«
»Sie sind so schlecht. Sie vernichten fremde Länder, andere Völker und dadurch sich selbst, und dann sterben wir auch.«
»Wir haben keinen vollständigen Überblick, wir übersehen nicht das gesamte Land.«
»Aber es ist offensichtlich.«
»Wir haben zu lange gewartet.«
»Ist es schon zu spät?«
»Wir wissen es nicht.«
»Wir überlebten den großen Einschlag.«
»Nicht alle von uns.«
»Aber die Wesenheit hat uns insgesamt beschützt, mit ihr entstanden wir, so wie wir heute sind.«
»Die Alten erzählen es.«
»Vielleicht überleben wir die Menschen.«
»Nein, sie sind zu gefährlich.«
»Gefährlicher als der große Stein aus dem Himmel, der Wiederkehrer?«
»Ja.«
Der Aufruhr schwillt an. Unruhe gärt. Einige ziehen sich zurück, beraten sich in Gruppen. Die Einzelgänger schwimmen unschlüssig hin und her. Die Stürme geben keine Antwort. Die Wellen treiben und stürzen und brechen.
Sie ernennen den Felsen. Er ist der Botschafter, der Überbringer. Der Felsen erlaubt allen Erschütterungen, sich zu entäußern und bekanntzugeben. Die Kunde geschüttelt, um das Erdenrund in Gänze. Nicht oberhalb des Gesteins, nicht unterhalb, durch die Mitte hindurch in Wellen rund um den Himmelskörper wird die Nachricht versendet: ich bin es, das Beben der Erde, der Verkünder. Die Schwingungen an einem Ort fließen um den gesamten Planeten, am Äquator in einer Länge von 40.075,017 Kilometern. Jeder Ort, jeder Punkt an jedem Felsen, alles Gestein spürt die Stöße noch aus weitester Ferne.
Die Bestürzung ist also bekanntgemacht. Gewässer, Gesteine, Lüfte besprechen sich im Widerhall.
Betroffenheit und Entsetzen erreichen den Nordwesten eines nördlichen Kontinents, von Menschen Nordamerika genannt. In ihm schlummert eine Caldera.
Sie atmet schon seit langem, regelmäßig hebt sich ihre Brust um einige Zentimeter, senkt sich wieder. Die Caldera vom Gelben Stein, das Überbleibsel. Der große Ausbruch vor über 640.000 Jahren, nur einer von vielen – weiterhin ein aktiver Supervulkan unterhalb des von ihm geduldeten Erdbodens – für alles Leben oben: verborgen in einem Radius von 70 Kilometern.
Welch gewaltige Kräfte. Aus dem Erdmantel steigt ein »Hotspot Plume« schräg hinauf. Schiebt die obere Kammer immer weiter hoch, noch ist sie zwischen fünf und fünfzehn Kilometer unterhalb der Erdkruste. Doch in ihr schlummern vermutlich 10.000 Kubikkilometer Magma. Schräg unter ihr, erst jüngst entdeckt, die tropfenförmige zweite Magma-Kammer. Ein riesiges Reservoir, die Ersatzmunition der Planetenkräfte. Durchschlagskräftiger als jede atomare Bombe. Durchmesser 50 mal 70 km, in der Tiefe 35 km. In ihr vermutlich mindestens 45.000 Kubikkilometer Magma.
Ist nicht der nächste Ausbruch schon längst überfällig, rechnete man nach den bisher großen Zyklen?
Noch immer zögert der Vulkan. Gegen den Turnus seiner Ausbrüche, vielleicht alle 700.000 Jahre im Schnitt, ist nichts auszusetzen, blickt man aufs Ganze. Vor rund 200 Jahren erhielt er jedoch die Nachricht, er möge den kommenden, für das Gesamtgefüge des Planeten notwendigen Ausbruch verschieben, es habe sich auf der dünnen Haut der Erdoberfläche, unterhalb der Lufthülle, am Grunde des Luftmeeres, eine vielleicht doch intelligente Zivilisation entwickelt, deren Zauber noch im Anfang liege – man solle sie nicht einfach zerstören, bevor sie sich bewährte – oder versagte.
Doch nun die Nachricht vom Südpol. Die Stürme und Wellen haben gesprochen, die höheren Tiere beraten noch. Die Caldera zieht sich erschrocken zusammen, verharrt. Sollte es tatsächlich so weit sein? Muss sie den schlafenden Riesen wecken? Sie liebt die Zärtlichkeit ihrer kleineren Eruptionen, die sie gelegentlich verkündet, Dokumente ihrer Existenz, Offenbarungen für Unwissende. Doch jetzt spürt sie einen Unterschied: die von der Versammlung am Südpol dem Felsengrund überbrachte Nachricht, die Bedrohung des Ganzen durch eine einzelne Art.
Caldera neigt zu Vorsicht und Zurückhaltung. Sie hat Zeit. Denkt sie an die Gewalt der in ihrem Inneren ruhenden Kräfte, das Potential primärer Zerstörungen bei allen Lebewesen, erscheint es ihr mehr als angebracht, zunächst eine Bestätigung der Alten einzuholen. Zwar leben die Elefanten auf anderen Kontinenten, doch Caldera hört ihr Flüstern.
Sie murmeln und trampeln und raunen, von Afrika bis Asien. Die Alten kennen alle schlafenden Riesen. Seit Millionen Jahren ziehen sie zu den Vulkanen, die entweder als gewaltiger Kegel über die weiten Ebenen ragen oder sich unter dem Erdboden in einer Caldera verbergen. Sie spüren das Zittern, wenn unter der hauchdünnen Erdkruste das Magma durch die Spalten zu den Höhlengängen quillt und fließt. Versteckt inmitten dichter Wälder oder zwischen den Wasserfällen, versammeln sie sich an ihren heiligen Stätten, bei den geheimen Basaltpfeilern, den Tempeln der Weisheit. Dort haben sie von der Caldera am Gelben Stein gehört, im Kontinent, in dem keine Elefanten, doch einst ihre Brüder lebten, die Mammuts.
Als die Menschen noch nicht waren, tönte das Orchester in größter Harmonie, dirigiert innerhalb aller Bernsteine, die je an den Küsten lagen. Von dort schlüpften die Wellen hinweg, umschlungen und verbunden, der Planet erzitterte. Am 25. August 1918 vereinten sie sich erneut und strömten in ihn hinein, den Einzigen, den wahren Lenker aller Musik – als der Menschheit erster Weltenkrieg begann.
Wenn die Elefanten den Boden mit einem ihrer Füße nur berühren – ein Fuß mit einem Durchmesser von bis zu anderthalb Metern – bewegen sich Milliarden winziger Partikel im Erdboden. In großen Wellen ziehen unmerkliche Beben durch Erdspalten und Höhlensysteme. Erschaffen von den Vulkanen, umspannt das Netz den gesamten Erdball, trägt jede Nachricht zu den Tempeln, auch zum Gelben Stein, dem Yellowstone.
Die Einheit in gemeinsam transparenter und ohne Vorbehalt ausgetauschter Information schuf über die Jahrmillionen das Geflecht eines Verbundes zwischen den Mammuthus in Nordamerika, den Loxodonta in Afrika und den Elephas in Asien.
Die Wollhaarigen und die Dickhäuter verbinden sich stets in harmonischer Kommunikation, entsenden Vertrauen und empfangen gegenseitige Hilfestellungen, Hinweise, Vorschläge. Sie pflegen ein weltumspannendes Gewebe der Resonanz.
Erstaunt und befremdet sehen die heutigen Elefanten, vor allem die asiatischen Herden, seit kurzem Säugetiermenschen, die in merkwürdigen metallischen Behältern sitzen, angeschraubt auf Achsen über vier Rädern aus Gummi. Die Behälter haben Fenster, aus denen heraus sie gaffen.
Aus ihnen dröhnt betörender Lärm, keucht erstickender Gestank, entwurzelt die unschuldige Luft. Vernichtet die Stille der Tierlaute. Durchstößt mit Wucht die in aller Ruhe am Morgen schwebenden ersten Libellen.
Die Menschen, wie sie sich nennen, rasen mittels solch außerordentlich unnatürlicher Gewerke über recht sonderbare, harte Wege, von ihnen mit lärmenden Maschinen auf die alte Erde gepflastert und geteert, wohl zur Erleichterung der Geschwindigkeit jener Gewerke.
Als sie teerten, starb der Boden, und in ihm die Wesen worin.
So breit und so lang töten sie, die harten Böden der Menschenstraßen, hingeworfen nur für die rasenden Todeslärmbehälter, überall auf den Ländern, breit und quer durch die Wälder, mit Brückenpfeilern über urige Täler, Zerstörung, Vernichtung, Verwüstung.
Die Kisten sind sehr laut, aber wahrscheinlich keine Tiere, vermuten die Elefanten. Wären sie Tiere, seien sie gewiss gezähmt, gehorchten den Säugetiermenschen, wie die Pferde. Doch sie folgen nicht immer. Manches Mal zerquetschen sie die Insassen, Blut und Gewebefetzen allüberall zerstreut auf den Wegen der Menschen, wie oft sie doch aufeinandertreffen und sich zerschmettern, denken die Elefanten. Mit Entsetzen und Unverständnis notieren die Pflanzen und Tiere die zerfetzten Menschenleiber auf den Menschenstraßen. Jeden Tag jagen die Todeslärmbehälter ineinander, überschlagen sich, töten die Menschen in ihnen, tausende, auf der ganze Welt, jeden Tag. Halbierte Gesichter, abgetrennte Füße, blutige Leichen.
Überhaupt entsetzten sich die Elefanten seinerzeit, als sie feststellen mussten, dass die Pferde sich den Säugetiermenschen beugten. Ausgerechnet die Pferde, stets besondere Sinnesgenossen, Freunde der Elefanten, willkommene Begleiter. Ach wie herzlich die Begegnungen, wie zärtlich die Gunst, welch unbändige Freude, welch Jauchzen bei den Sonnenuntergängen in den Savannen und auf den Steppen. Nie hätten sie den Urpferden unterstellt, sie ordneten sich unter andere.
Die Elefanten nahmen seinerzeit an, die Urpferde seien von Zuwendung abhängig. Vielleicht würden die Menschen ihnen eine gewisse Verehrung anbieten. Anders konnten sie sich deren Unterwerfung unter die plötzlich und ohne herausragende Merkmale auftauchenden Säugetiermenschen nicht erklären.
