Die Erwählten - Tödliche Bestimmung - Veronica Roth - E-Book

Die Erwählten - Tödliche Bestimmung E-Book

Veronica Roth

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12,99 €

Beschreibung

Veronica Roth ist zurück! Für alle, die »Die Bestimmung« geliebt haben – jetzt ihr erster Roman für Erwachsene!

Mit ihrer dystopischen Trilogie »Die Bestimmung« hat Veronica Roth Bestseller-Geschichte geschrieben. Jetzt ist sie zurück, besser und stärker als jemals zuvor – mit ihrem ersten Fantasy-Roman für Erwachsene! Das Besondere: Der spektakuläre Urban-Fantasy-Zweiteiler beginnt, wo andere Romane enden – mit dem Sieg der Helden über den mächtigen dunklen Feind. Doch dieses Happy End ist nur vorübergehend. Zehn Jahre später stehen die Erwählten ihrem größten Gegner erneut gegenüber, und er treibt ein abgrundtief böses Spiel mit ihnen … Außergewöhnlich, neu und atemberaubend spannend kehrt Veronica Roth zurück zu ihren Wurzeln und einer urbanen Welt mit einer starken Heldin, die bereit ist, alles für ihre Freunde und ihre Liebe zu riskieren.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 705

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Buch

Sloane, Matt, Esther, Ines und Albie – sie wurden auserwählt, die Welt vor einer übernatürlichen Macht zu retten. Und tatsächlich gelingt es den Erwählten, nach einem Kampf, der ihnen alles abverlangt, den mächtigen dunklen Feind zu besiegen. Sie werden als Helden gefeiert, doch die seelischen Wunden, die sie während des Kampfes erlitten haben, sind tief.

Am 10. Jahrestag ihres Sieges geschieht das Unfassbare: Einer von ihnen stirbt auf tragische Weise, die anderen werden in eine alternative Welt katapultiert. Diese ist der ihren sehr ähnlich, nur, dass die Magie dort allgegenwärtig ist. Sie finden heraus, dass sie die dunkle Macht keineswegs besiegt haben. Wieder müssen sie kämpfen, doch dieses Mal machen sie eine Entdeckung, die alles, was sie zu wissen glaubten, infrage stellt …

Autorin

Veronica Roth ist die Autorin des Nr. 1 »New York Times«- und SPIEGEL-Bestsellers »Rat der Neun« und der Trilogie »Die Bestimmung«, von der sich weltweit über 35 Millionen Exemplare verkauft haben und die in drei Teilen mit hochkarätiger Besetzung verfilmt wurde. Veronica Roth lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Chicago.

Von Veronica Roth bereits erschienen

Rat der Neun · Rat der Neun – Gegen das Schicksal

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VERONICAROTH

Die Erwählten – Tödliche Bestimmung

Roman

Deutsch von Petra Koob-Pawis

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Chosen Ones« bei Houghton Mifflin Harcourt, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Copyright der Originalausgabe © 2020 by Veronica RothPublished by Arrangement with Veronica Rothc/o NEWLEAFLITERARY & MEDIA, INC., 110 West 40th Street, Suite 2201, NEWYORK, NY 10018 USADieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion: Catherine BeckUmschlaggestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft unter Verwendung eines Motivs von f11photo/Shutterstock.comSkyline von Chicago: © beboy/ShutterstockKarte von Chicago: © Andreas Hancock nach einer Vorlage von David LindrothKarte von Cordus: © Andreas Hancock nach einer Vorlage von Virginia AllynJaB · Herstellung: samSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN978-3-641-25099-7V001www.penhaligon.de

Für Chicago,die Stadt, die durchhält

TEILEINS

Auszug aus

Comedian Jessica Krys’ Stand-up-Routine

Laugh Factory, Chicago, 20. März 2011

Hier ist eine Frage für euch: Wie zum Teufel sind wir auf den Namen »der Dunkle« gekommen? Dieser Typ taucht aus dem Nichts auf, in einer verdammten Wolke oder so, dann reißt er Menschen wortwörtlich in Stücke – und das offenbar nur mit der Kraft seiner Gedanken – , stellt willenlose Armeen auf, macht ganze Städte platt, zieht eine bis dahin nie da gewesene Schneise der Verwüstung durch unser Land … und alles, was uns dazu einfällt, ist »der Dunkle«? Da hätten wir ihn genauso gut nach dem gruseligen Typen bei dir im Haus benennen können, der dich im Aufzug immer ein paar Sekunden zu lange anglotzt. Du weißt schon, der mit den viel zu feuchten, weichen Händen? Tim. Sein Name ist Tim.

Ich persönlich hätte ja »Weltuntergang in Gestalt eines Mannes« oder »scheißverdammte Killermaschine« besser gefunden, aber leider hat mich niemand gefragt.

Auszug aus

Der Dunkle und die Erscheinungsformen moderner Magie

Von Professor Stanley Wisniewski

Natürlich gibt es Stimmen, die behaupten, die von uns nur ansatzweise verstandene und gemeinhin »Magie« genannte Kraft habe schon immer auf der Erde existiert. Legenden von übernatürlichen Ereignissen reichen zurück bis zum Beginn historischer Aufzeichnungen, angefangen von Herodots Mágoi, die Winde und Stürme beherrschten, bis zu den Djedi im alten Ägypten, die mit großer Geste Vögel köpften, nur um die Gänse oder Pelikane anschließend wieder zu heilen, wie uns das Westcar-Papyrus überliefert. Zweifellos ist dieses Phänomen fester Bestandteil fast jeder größeren Religion, man denke nur an Jesus Christus, der Wasser in Wein verwandelt, oder die Voodoo-Praktiken auf Haiti, bis hin zu den Theravada-Buddhisten, die im Dîrgha-âgama schweben – auch wenn dies gerade von den Ausführenden selbst nicht als »Magie« bezeichnet wird.

Diese großen und kleinen Geschichten tauchen in allen Kulturen und Teilen der Welt und auch zu allen Zeiten auf. Früher haben Gelehrte dies damit begründet, dass es schlicht in der menschlichen Natur liege, sich Geschichten auszudenken, um zu erklären, was der menschliche Verstand nicht fassen kann, oder um diejenigen zu erhöhen, die wir als größer und mächtiger wahrnehmen als uns selbst. Doch dann kam der Dunkle, und mit ihm kamen die Drains – jene berüchtigten Katastrophenereignisse, für die es trotz mannigfaltiger Versuche vonseiten der Wissenschaft keine rationale Erklärung gab. Vielleicht liegt den alten Legenden keine Wahrheit zugrunde. Aber vielleicht gab es dennoch schon immer eine übernatürliche Kraft, eine für uns unbegreifliche Energie, die in unsere Welt eindringt.

Gleich, welcher Theorie wir auch anhängen, eines steht fest: Nie zuvor hat es eine »Magie« gegeben, die so mächtig gewesen ist wie die Drains, mit denen der Dunkle die Menschheit heimgesucht hat. Im Folgenden sollen die verschiedenen Hypothesen anhand zentraler Fragestellungen analysiert werden. Welche Umstände haben zu seiner Ankunft geführt? Was waren seine Ziele, bevor er von unseren fünf Erwählten besiegt wurde? Welche Wirkung übt er auch nach seinem Verschwinden auf unseren Planeten aus?

TRILBYMAGAZINE, 24. JANUAR 2020

Sloane Andrews schert sich um nichts (um rein gar nichts)

Von Rick Lane

Ich mag Sloane Andrews nicht. Aber vielleicht würde ich gern mit ihr schlafen.

Getroffen habe ich sie in einem Café in ihrer Nachbarschaft, einem ihrer Lieblingsplätze, wie sie selbst sagt. Der Barista schien sie weder als besonderen Gast noch als eine der fünf Teenager zu kennen, die vor fast einem Jahrzehnt den Dunklen besiegt haben. Was offen gesagt ziemlich bemerkenswert ist, denn von ihrem weltbekannten Gesicht abgesehen, ist Sloane Andrews eine dieser unantastbaren Schönheiten, bei denen man es sich gern so richtig dreckig wünscht. Falls sie Make-up trägt, sieht man es nicht; sie hat reine Haut und große blaue Augen – die wandelnde, sprechende Kosmetikwerbung. Als sie das Café betritt, trägt sie eine Baseball Cap der Chicago Cubs und hat ihre langen braunen Haare hinten durchgesteckt, dazu ein graues T-Shirt, das an den richtigen Stellen eng anliegt, Ripped Jeans, die ihre langen, wohlgeformten Beine betonen, und Sneakers. Eine Kleidung, die zeigen soll, dass ihr Kleidung egal ist und vielleicht auch der große, schlanke Körper, der darin steckt.

Aber genau das ist der Punkt bei Sloane: Ich glaube ihr. Ich nehme ihr ab, dass sie sich um nichts schert, am allerwenigsten um mich und unser Treffen. Sie wollte von vorneherein kein Interview geben. Laut eigener Aussage hat sie nur zugestimmt, weil ihr Freund Matthew Weekes, einer der Erwählten, sie darum gebeten hat, die Veröffentlichung seines neuen Buchs zu unterstützen, Immer noch erwählt (Erscheinungstermin 3. Februar).

In der Vorbereitung zu unserem Interview waren ihre Vorschläge, wo wir uns treffen könnten, sehr begrenzt. Obwohl ohnehin jeder in Chicago weiß, wo Sloane Andrews wohnt – in der North Side von Uptown, nur ein paar Blocks vom Lake Shore Drive entfernt – , lehnte sie es rundheraus ab, mich in ihrer Wohnung zu empfangen. Ich gehe nirgendwohin, schrieb sie. Sobald ich mich in der Öffentlichkeit zeige, werde ich angesprochen. Wenn Sie also nicht neben mir her joggen wollen, treffen wir uns im Java Jam oder gar nicht.

Da ich meine Zweifel hatte, ob ich beim Joggen überhaupt mit ihr mithalten und nebenbei auch noch Notizen machen könnte, blieb nur das Java Jam.

Als sie einen Kaffee vor sich stehen hat, nimmt sie die Baseball Cap ab. Die Haare fallen ihr über die Schultern, als würde sie sich gerade auf einer Matratze wälzen. Aber da ist etwas in ihrem Gesicht – vielleicht sind es ihre etwas zu eng beieinanderstehenden Augen oder die Art, wie sie den Kopf zur Seite neigt, wenn ihr etwas nicht passt – , das sie wie ein Raubvogel aussehen lässt. Mit einem einzigen Blick hat sie es geschafft, die Rollenverteilung umzudrehen; jetzt bin ich derjenige, der auf der Hut ist, nicht sie. In Gedanken formuliere ich meine erste Frage, und während die meisten Menschen an dieser Stelle lächeln würden, um mich auf ihre Seite zu ziehen, starrt Sloane mich nur an.

»Der zehnte Jahrestag des Siegs über den Dunklen steht bevor«, sage ich. »Was ist das für ein Gefühl?«

»Wie Überleben«, antwortet sie.

Ihre Stimme ist hart, beinahe schneidend. Es läuft mir kalt über den Rücken, und ich kann nicht mal genau sagen, ob das gut ist oder nicht.

»Kein Triumph?«, frage ich, aber sie verdreht nur die Augen.

»Nächste Frage«, sagt sie und nippt zum ersten Mal an ihrem Kaffee.

Da wird mir klar: Ich mag sie nicht. Diese Frau hat Tausende, nein, Millionen Menschenleben gerettet. Teufel noch mal, vermutlich hat sie irgendwie auch mein Leben gerettet. Mit dreizehn wurde sie aufgrund einer Prophezeiung erwählt, zusammen mit vier anderen, die, so hieß es, eine übermächtige Inkarnation des Bösen besiegen würden. Sie hat mehrere Schlachten gegen den Dunklen überlebt – einschließlich einer kurzen Entführung, über deren Einzelheiten sie nie spricht – , ist unversehrt und wunderschön daraus hervorgegangen und seither berühmter als irgendjemand sonst. Als wäre das noch nicht genug, führt sie eine langjährige Beziehung mit Matthew Weekes, dem Golden Boy, dem Erwählten der Erwählten und vermutlich nettesten Menschen der Welt. Und trotzdem mag ich sie nicht.

Was sie völlig kaltlässt.

In mir weckt es den Wunsch, mit ihr schlafen zu wollen. So als könnte ich, wenn ich sie erst einmal nackt in mein Bett gekriegt habe, einen Hauch Wärme oder Gefühl aus ihr herauszwingen. Sie verwandelt mich in ein Alphamännchen, einen Jäger, wild entschlossen, die seltenste Beute auf diesem Planeten zu erlegen, um danach den Kopf als Trophäe an die Wohnzimmerwand zu hängen. Vielleicht wird sie deshalb immer belästigt, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigt – nicht, weil die Menschen sie lieben, sondern weil sie sie gern lieben würden, sie liebenswert machen möchten.

Als sie ihren Becher absetzt, fällt mein Blick auf eine Narbe an ihrem rechten Handrücken. Sie ist breit und wulstig und zieht sich über die ganze Fläche. Niemand weiß, woher sie die hat, und ich bin sicher, sie wird es mir nicht sagen, aber einen Versuch ist es trotzdem wert.

»Am Papier geschnitten«, sagt sie knapp.

Ich vermute, das sollte ein Witz sein, also lache ich. Dann frage ich sie, ob sie an der Einweihungsveranstaltung des Zehnjahres-Denkmals teilnehmen wird – eine Kunstinstallation, die an der Stelle errichtet wurde, an der die entscheidende Schlacht gegen den Dunklen stattfand – , worauf sie antwortet: »Das gehört zum Job«, als handelte es sich dabei um Schreibtischarbeit und nicht um die sprichwörtliche Schicksalsfrage.

»Klingt so, als könnten Sie gut darauf verzichten«, sage ich.

»Was hat mich verraten?«, fragt sie grinsend.

Im Vorfeld des Interviews habe ich einige Freunde befragt, was sie von ihr halten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der Durchschnittsmensch auf der Straße Sloane Andrews wahrnimmt. Einer von ihnen erklärte mir, dass er sie noch nie habe lächeln sehen, und wie ich ihr jetzt so gegenübersitze, frage ich mich, ob sie überhaupt dazu fähig ist. Also stelle ich die Frage laut, gespannt, wie sie darauf reagiert.

Nicht besonders gut, wie sich herausstellt.

»Wenn ich ein Mann wäre, würden Sie mich das dann auch fragen?«

Hastig lenke ich das Gespräch in eine andere Richtung. Es ist weniger ein Gespräch als eine Runde Minesweeper, bei der mit jedem Klick die Anspannung wächst, weil die Wahrscheinlichkeit zunimmt, auf ein Minenfeld zu treten. Ich klicke das nächste Kästchen an und frage, ob diese Jahreszeit für sie persönlich besondere Erinnerungen mit sich bringt.

»Ich versuche, nicht darüber nachzudenken«, antwortet sie. »Sonst wäre mein Leben ein Adventskalender. Jeden Tag eine andere Dunkelschokolade, aber alle schmecken scheiße.«

Und wieder klicke ich ein Kästchen an und frage, ob sie denn nicht auch gute Erinnerungen hat.

»Wir fünf sind Freunde geworden. Werden es immer sein. Wenn wir unter uns sind, fliegen die Insider Jokes nur so hin und her.«

Puh. Ich nehme an, es ist einigermaßen ungefährlich, sie über die anderen vier Erwählten auszufragen: Esther Park, Albert Summers, Ines Mejia und natürlich Matthew Weekes.

Erst als wir auf sie zu sprechen kommen, kommt das Gespräch in Schwung. Die sogenannten Erwählten haben sich schon beim ersten Zusammentreffen aufeinander eingeschworen, mit Matthew als dem geborenen Anführer. »So ist er einfach«, sagt sie, und es klingt fast, als würde sie sich darüber ärgern. »Er übernimmt immer die Leitung, trägt Verantwortung und führt uns die ethischen Aspekte vor Augen. So was alles.« Erstaunlicherweise war es nicht Matt, zu dem sie sofort einen guten Draht hatte, sondern Albie. »Er war still«, sagt sie und meint das als Kompliment. »Unsere Brüder und Väter waren tot – das war Teil der Prophezeiung – , aber mein Bruder war erst kurz vorher gestorben. Ich habe diese Stille gebraucht. Außerdem – der Mittlere Westen, Alberta, da sind sofort Gemeinsamkeiten da.«

Albert und Ines wohnen zusammen in Chicago – platonisch, denn Ines ist lesbisch – , und Esther ist im vergangenen Jahr nach Glendale, Kalifornien, zurückgekehrt, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern. Die räumliche Entfernung sei schwierig für alle, sagt Sloane, aber zum Glück hätten sie wenigstens Kontakt zu Esther über deren regelmäßig geführte (und sehr beliebte) Insta-Seite, auf der sie minutiös ihr Leben dokumentiere.

»Was halten Sie von der ›Erwählte sind alle gleich‹-Bewegung, die sich in den letzten Jahren formiert hat?«, frage ich. Dabei handelt es sich um eine kleine, aber lautstarke Gruppierung, die eine ebenbürtige Rolle der anderen vier Erwählten beim Sieg über den Dunklen propagiert und nicht in erster Linie Matthew Weekes als treibende Kraft sieht.

Sloane nimmt kein Blatt vor den Mund. »Ich finde das rassistisch.«

»Es gibt Leute, die finden es sexistisch, Matt aus der Gruppe hervorzuheben«, wende ich ein.

»Sexistisch ist es, wenn man ignoriert, was ich sage, und dann auch noch meint, ich wüsste es nicht besser«, erwidert sie. »Ich denke, Matt ist der wahre Erwählte. Das habe ich immer wieder betont. Also tun Sie nicht so, als würden Sie mir einen Gefallen tun, indem Sie ihn schlechtmachen.«

Danach lenke ich das Gespräch von den Erwählten weg hin zu dem Dunklen, und ab da läuft alles aus dem Ruder. Ich frage Sloane, warum der Dunkle ausgerechnet an ihr besonderes Interesse gehabt hat.

Sie blickt mich einen Augenblick lang unverwandt an, während sie den letzten Schluck Kaffee trinkt, und als sie den Becher absetzt, zittern ihre Hände. Sie setzt die Baseballmütze auf ihr herrlich zerwühltes Haar und sagt: »Wir sind fertig.«

Und wenn sie sagt, wir sind fertig, dann sind wir das auch, denn Sloane ist bereits zur Tür hinaus. Ich werfe rasch einen Zehner auf den Tisch und eile hinterher, nicht gewillt, so leicht aufzugeben. Habe ich schon erwähnt, dass Sloane Andrews mich in einen Jäger verwandelt?

»Ich habe ein einziges Thema genannt, dass off limits ist«, blafft sie mich an. »Wissen Sie noch, welches das war?«

Sie ist rot im Gesicht und wütend und glüht, halb Domina, halb fauchende Straßenkatze. Warum habe ich so lange gezögert, sie auf die Palme zu bringen? Diesen Anblick hätte ich schon viel früher haben können.

Das Off-Limit-Thema ist natürlich alles, was mit ihrer besonderen Beziehung zum Dunklen zu tun hat. Andererseits kann sie ja nicht ernsthaft geglaubt haben, ich würde sie nicht dazu befragen. Es ist das Interessanteste an ihr.

Sie blickt mich an, als wäre ich ein durchweichtes Blatt Papier in einer Hinterhofpfütze, nennt mich Arschloch und geht bei Rot über die Ampel, um von mir wegzukommen. Diesmal lasse ich sie gehen.

1

DERDRAINSAHAUSwie immer, mit schreienden Menschen, die vor der riesigen schwarzen Chaoswolke flohen, aber nie schnell genug rannten. Wenn die Walze sie erfasste, löste sich die Haut von ihren Knochen, bei lebendigem Leib, unter unvorstellbaren Qualen, und das Blut spritzte weg wie bei zerquetschten Moskitos, o Gott.

Sloane schreckte hoch und rang nach Atem. Ganz ruhig, sagte sie sich. Ihre Zehen rollten sich ein, der Boden war kalt im Haus des Dunklen, außerdem hatte er ihr die Stiefel weggenommen. Sie war auf der Suche nach etwas Schwerem oder Scharfem – auf beides gleichzeitig wagte sie nicht zu hoffen, so viel Glück hatte sie einfach nicht.

Sie zog eine Schublade auf, wühlte zwischen Löffeln, Gabeln, Pfannenwender herum. Eine Handvoll Gummis. Tüten-Clips. Warum hatte er ihre Stiefel genommen? Was hatte ein Massenmörder von den Doc Martens eines Mädchens zu befürchten?

Hallo Sloane, flüsterte er in ihr Ohr.

Sie unterdrückte ein Schluchzen und riss eine weitere Schublade auf. Ihr Blick fiel auf Messergriffe; die Klingen steckten in einem Messerblock aus Plastik. Gerade wollte sie das Schlachtermesser herausziehen, als sie ein Knarzen hörte. Der Schritt eines Menschen.

Sloanes Füße klebten am Linoleum, als sie herumwirbelte und mit dem Messer ausholte.

»Holy Shit!« Matt packte ihr Handgelenk und wehrte den Angriff ab, und für einen Moment standen sie sich gegenüber, mit ausgestreckten Armen, das Messer über dem Kopf, und starrten einander an.

Sloane schnappte nach Luft, als die Wirklichkeit sie schlagartig einholte. Sie war nicht im Haus des Dunklen, nicht in der Vergangenheit, sondern nur in dem Apartment, in dem sie und Matthew Weekes wohnten.

»O Gott.« Sloanes Hand erschlaffte, das Messer fiel klappernd zwischen ihren Füßen zu Boden. Matt legte seine Hände auf ihre Schultern, sie spürte die Wärme seiner Berührung.

»Bist du da?«, fragte er.

Das hatte er sie schon oft gefragt, Dutzende Male. Bert, ihr Betreuer, hatte sie eine einsame Wölfin genannt und sie nur selten mit den anderen zum Training oder auf eine Mission geschickt. Lass sie ihr eigenes Ding machen, hatte er Matt geraten, als sich abzeichnete, dass Matt der Anführer sein würde. Damit erzielst du bessere Resultate. Matt war seinem Rat gefolgt und hatte sich nur bei ihr gemeldet, wenn es notwendig war.

Bist du da? Am Telefon, leise flüsternd, mitten in der Nacht oder auch Auge in Auge, wenn sie wieder einmal wegen irgendetwas ausflippte. Anfangs hatte sich Sloane über die Frage geärgert. Natürlich bin ich da, wo zur Hölle sollte ich denn sonst sein? Mittlerweile kannte Matt sie gut genug, um zu wissen, dass sie nicht immer mit Ja antworten konnte.

»Ja«, sagte sie.

»Okay. Bleib hier, hörst du? Ich hole deine Tabletten.«

Sloane lehnte sich Halt suchend an die Marmoranrichte. Das Messer lag vor ihren Füßen, sie wagte nicht, es anzufassen. Sie wartete und atmete und starrte auf das Durcheinander aus Grautönen, in dem sie die Umrisse eines alten Mannes im Profil zu erkennen glaubte.

Matt kam mit einer kleinen gelben Pille in der einen Hand und einem Wasserglas von ihrem Nachttisch in der anderen zu ihr zurück. Sie nahm beides mit zitternden Fingern und schluckte die Pille gierig. Her mit dem inneren Frieden verheißenden Benzodiazepin. Sie und Ines hatten einmal betrunken eine Ode an die Pillen verfasst, sie für ihre hübschen Farben gepriesen und für ihre rasche Wirkung und dafür, dass sie etwas vermochten, das sonst niemand konnte.

Sloane stellte das Wasserglas ab und ließ sich auf den Fußboden gleiten. Durch ihre Pyjamahose – die mit den Laseraugen-Katzen – spürte sie die Kälte, aber diesmal war sie wohltuend. Matt setzte sich in Boxershorts vor den Kühlschrank.

»Hör zu«, fing sie an.

»Du musst nichts sagen.«

»Klar, warum auch? Warum sollte ich mich entschuldigen, ich habe ja nur versucht, dich zu erstechen.«

Sein Blick war sanft. Besorgt. »Ich will nur, dass du okay bist.«

Wie hatte dieser grässliche Zeitungsartikel ihn beschrieben? »Womöglich der netteste Mensch der Welt.« Zumindest in diesem Punkt hatte sie Rick Lane, Creepmaster 2000, nicht widersprochen. Matt hatte Augenbrauen, die sich in der Mitte berührten und ihm einen Ausdruck von Dauermitgefühl gaben, nicht zu vergessen ein Herz, das diesem Eindruck voll und ganz entsprach.

Er griff nach dem Schlachtermesser auf dem Boden. Es war groß, fast so lang wie sein Unterarm.

Sloanes Augen brannten. Sie kniff sie zu. »Es tut mir sehr leid.«

»Ich weiß, dass du mit mir nicht darüber reden willst«, sagte er. »Aber vielleicht mit jemand anderem?«

»Mit wem denn?«

»Dr. Novak zum Beispiel? Sie arbeitet mit Veteranen, schon vergessen? Wir hatten einen gemeinsamen Talk in der Jugendstrafanstalt.«

»Ich bin keine Soldatin«, sagte Sloane.

»Ja, aber sie kennt sich mit PTBS aus.«

Eine offizielle Diagnose hatte Sloane nie nötig gehabt – es war eine Posttraumatische Belastungsstörung, daran bestand kein Zweifel. Es Matt so beiläufig sagen zu hören, als hätte sie die Grippe, war trotzdem seltsam.

»Also gut.« Sie zuckte die Schultern. »Ich rufe sie morgen an.«

»Jeder würde eine Therapie brauchen, weißt du?«, sagte er. »Nach allem, was wir überstanden haben. Ines hat auch eine gemacht.«

»Ines hatte eine, und trotzdem stellt sie immer noch Sprengfallen in ihrer Wohnung auf, als würde sie Home Alone nachstellen«, sagte Sloane.

»Okay, das war ein schlechtes Beispiel.« Das Flutlicht auf der Hintertreppe fiel durch das Fenster, leuchtete orangegelb auf Matts dunkler Haut.

»Du hast nie eine gebraucht«, sagte Sloane.

Er sah sie an und zog die Augenbrauen hoch. »Was glaubst du, wohin ich nach dem Tod des Dunklen ein ganzes Jahr lang gegangen bin?«

»Du hast gesagt, du hättest Termine beim Arzt.«

»Zu welchem Arzt geht man einmal in der Woche, und das über Monate hinweg?«

»Keine Ahnung. Ich dachte, du bist krank …« Sloane deutete vage auf seinen Unterleib. »Du weißt schon. Deine Jungs oder so.«

»Versteh ich dich richtig?«, fragte er grinsend. »Du dachtest, ich hätte eine peinliche medizinische Notlage, die es erfordert, dass ich sechs Monate lang regelmäßig einen Arzt aufsuche … und hast mich nie danach gefragt?«

Sie unterdrückte ein Lächeln. »Das hört sich an, als wärst du enttäuscht?«

»Nein, nein. Ich bin beeindruckt.«

Er war dreizehn Jahre alt, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, ein Junge mit einem schlaksigen, eckigen Körper, ohne Gespür dafür, wo die Gliedmaßen anfangen oder enden. Aber sein Lächeln hatte er schon damals.

Sie hatte sich ein halbes Dutzend Mal in ihn verliebt, bevor sie es sich selbst eingestand – wenn er über den ohrenbetäubenden Lärm der Drains Befehle schrie, damit alle am Leben blieben; wenn er auf den nächtlichen Fahrten übers Land zusammen mit ihr wach blieb, als alle anderen längst eingeschlafen waren; wenn er seine Großmutter anrief und seine Stimme ganz sanft wurde. Jemanden zurückzulassen war für ihn undenkbar.

Sie krümmte die Zehen gegen die Bodenfliesen. »Ich war schon mal, weißt du? In einer Therapie, meine ich. Als wir sechzehn waren, bin ich über mehrere Monate hingegangen.«

»Tatsächlich?« Er runzelte leicht die Stirn. »Das hast du mir nie erzählt.«

Sie hatte ihm vieles nicht erzählt, ihm nicht und auch sonst niemandem. »Ich wollte euch nicht beunruhigen«, sagte sie. »Und das will ich auch jetzt nicht, also … sag den anderen nichts davon, okay? Nicht dass es irgendwann in dem verdammten Esquire zu lesen ist, unter der Überschrift ›Rick Lane hat es euch gesagt‹.«

»Natürlich.« Matt nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. »Lass uns ins Bett gehen. In ein paar Stunden müssen wir wieder aufstehen und zur Denkmalseinweihung gehen.«

Sloane nickte, aber sie blieb auf dem Küchenfußboden, bis die Wirkung der Tablette einsetzte und sie nicht mehr zitterte. Dann legte Matt das Messer weg, half ihr hoch, und beide gingen zurück ins Bett.

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ARIS

ABTEILUNGFÜRRISIKOANALYSEUNDINVESTIGATIONVONSUPRANORMALEM

4. Oktober, 2019

Ms Sloane Andrews

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Referenz: H-20XX-74545

Liebe Ms Andrews,

am 13. September 2019 hat das Büro für Informations- und Datenschutzkoordination Ihre Anfrage vom 12. September 2019 gemäß Informationsfreiheitsgesetz (IFG) erhalten, in der Sie Akteneinsichtnahme zum Projekt Ringer anfordern.

Viele der angeforderten Akten sind auch jetzt noch Verschlusssache. Angesichts Ihres jahrelangen Einsatzes für die Regierung der Vereinigten Staaten haben wir uns jedoch entschlossen, Ihnen Zugang zu sämtlichen Unterlagen zu gewähren, mit Ausnahme derjenigen, die der höchsten Sicherheitsstufe unterliegen. Wir haben unsere Datenbanken durchsucht und übersenden Ihnen anbei die entsprechenden Dokumente im Umfang von 120 Seiten, in der Hoffnung, damit Ihre Fragen beantwortet zu haben. Für die Kopien werden Ihnen keine Unkosten in Rechnung gestellt.

Mit freundlichen Grüßen

Mara Sanchez

Informations- und Datenschutzkoordinatorin

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2

ALSAMNÄCHSTENMORGENSloanes Wecker schrillte, nahm sie sofort eine Benzo, um den Tag zu überstehen. Morgens würden sie am Festakt zur Einweihung des Zehnjahres-Monuments teilnehmen, eines Denkmals für alle, die bei den Angriffen des Dunklen ihr Leben verloren hatten, und am Abend war eine Friedensgala zum Zehnjährigen geplant, denn so lange war der Sieg über ihn schon her.

Die Stadt Chicago hatte einen Künstler namens Gerald Frye beauftragt, ein Monument zu entwerfen. Wie unschwer an seinem Portfolio zu erkennen war, hatte er sich von dem Minimalisten Donald Judd inspirieren lassen; das Monument war im Grunde ein Metallkasten inmitten einer Schneise, wo einst das hässliche Hochhaus stand, direkt am Fluss. Im Vergleich zu den umgebenden hohen Gebäuden war das Denkmal eher klein, aber es glitzerte in der Sonne, als Sloanes Auto am Tag der Einweihung vor dem Monument hielt.

Matt hatte einen Fahrer angeheuert, damit sie nicht erst einen Parkplatz suchen mussten, was sich als schlau erwies, denn in der ganzen Stadt wimmelte es von Menschen; die Menge stand so dicht gedrängt, dass der Fahrer des schwarzen Lincolns hupen musste, um durchzukommen. Und selbst dann ignorierten die meisten das Tuten, bis sie die Wärme des Motors in den Kniekehlen spürten.

Als sie nahe genug waren, winkte ein Polizist ihren Wagen durch eine Absperrung, und sie fuhren auf der leeren Zufahrt direkt bis vor das Monument. Sloane spürte ihren Puls hinter den Augen wie einen pochenden Kopfschmerz. Sobald Matt die Autotür öffnete und ausstieg, würden alle wissen, wer sie waren. Die Menschen würden ihre Handys hochhalten, um zu filmen. Sie würden Fotos und Notizhefte und Arme über die Absperrung strecken, um ein Autogramm zu ergattern. Sie würden Matts und Sloanes Namen kreischen und weinen und gegen die Absperrung drängen und erzählen, wen und was sie verloren hatten.

Sloane wollte nur eines: nach Hause. Stattdessen wischte sie ihre Handflächen am Kleid ab, holte tief Luft und legte die Hand auf Matts Schulter. Das Auto hielt an. Matt öffnete die Tür.

Sloane stieg nach ihm aus und prallte gegen eine Wand aus Geräuschen. Grinsend drehte Matt sich um und raunte: »Vergiss nicht zu lächeln.«

Schon viele Männer hatten Sloane gebeten zu lächeln, aber alle wollten damit nur in irgendeiner Form Macht über sie ausüben. Matt hingegen wollte sie beschützen. Sein eigenes Lächeln war eine Waffe gegen eine sanftere und hinterhältigere Form von Rassismus, die dazu führte, dass die Menschen ihn in Geschäften misstrauisch beäugten, bis sie erkannten, wer er war. Oft gingen sie auch von vornherein davon aus, er sei in einem rauen Stadtviertel und nicht in der Upper East Side aufgewachsen, oder sie akzeptierten ausschließlich Sloane und Albie als Retter der Welt, als hätten Matt, Esther und Ines nichts damit zu tun gehabt. Dieser Rassismus schwang in der Stille und im Zögern mit, in gedankenlosen Witzen und ungeschicktem Gestammel.

Es gab natürlich auch schroffere und gewaltsamere Formen, aber gegen die half Lächeln als Waffe nicht.

Matt ging zu den wartenden Menschen, die sich gegen die Barriere drückten. Viele hatten Fotos von ihm, Zeitschriftenartikel, Bücher. Er nahm einen schwarzen Marker aus der Tasche und signierte alles, was ihm hingestreckt wurde, mit einem schnellen MW, der eine Buchstabe eine Umkehrung des anderen. Sloane beobachtete ihn aus der Entfernung, für einen Moment abgelenkt von dem Chaos. Matt beugte sich zu einer mittelalten Rothaarigen, die sich nicht mit den Funktionen ihres Telefons auskannte, nahm das Handy und zeigte ihr, wie man zur Frontkamera umschaltet. Egal, wohin er sich wandte, überall gaben ihm Leute etwas von sich selbst, manchmal als Dank, manchmal in Form von Geschichten über Menschen, die sie an den Dunklen verloren hatten. Er schulterte sie alle.

Nach ein paar Minuten ging Sloane zu ihm und legt eine Hand auf seinen Arm. »Tut mir leid, Matt, aber wir müssen weiter.«

Natürlich streckten die Wartenden auch die Hände nach Sloane aus oder wedelten mit dem Trilby-Artikel vor ihrer Nase herum. Auf der einen Seite prangte ihr Gesicht, auf der anderen stand Rick Lanes sexistisches Arschlochgelaber. Einige riefen ihren Namen, aber sie ignorierte sie, wie immer. Matts Waffen waren Großzügigkeit, Freundlichkeit, zwischenmenschlicher Anstand. Bei Sloane waren es Distanz, eine große Statur und eine hartnäckige Affektverweigerung.

Matts Blicks fiel auf eine Gruppe schwarzer Teenager in Schuluniformen. Eines der Mädchen hatte die Haare zu kleinen Zöpfen mit Perlen an den Spitzen geflochten, die klappernd aneinanderstießen, wenn sie aufgeregt auf den Zehenspitzen wippte. Sie hielt ein Klemmbrett in der Hand, vermutlich eine von so vielen Petitionen.

»Eine Sekunde«, sagte Matt zu Sloane und ging zu der Gruppe.

Sie ärgerte sich ein bisschen über seine Zurücksetzung, aber als sie die fast unmerkliche Veränderung in seiner Haltung bemerkte und sah, wie seine Schultern sich lockerten, verflog das Gefühl.

»Hey«, begrüßte er grinsend das Mädchen mit den Zöpfen.

Sloane spürte ein leichtes Ziehen in der Brust. Es gab Winkel seines Wesens, in die sie nie vordringen würde, und es gab eine Sprache, die er ihr gegenüber nie sprechen würde, denn in ihrer Gegenwart verflüchtigten sich manchmal die Worte.

Sie beschloss, ohne ihn weiterzugehen. Es spielte keine Rolle, ob er rechtzeitig zu der Zeremonie kam. Alle würden auf ihn warten.

Sie ging den schmalen Korridor entlang, den die Polizei inmitten der Menschen für sie frei gemacht hatte, und stieg die Stufen zu einer Art Bühne hinauf, von der aus man einen Blick auf das Monument hatte; sie war etwa so groß wie ein durchschnittliches Schlafzimmer, aufgestellt auf einer ansonsten freien Fläche.

»Slo!« Esther stand auf dem Podest – in mehr als zwölf Zentimeter hohen High Heels und einer schwarzen Lederhose – und winkte. Ihre weiße Bluse saß gerade so locker, dass sie noch als elegant durchging, und wenn man Esthers Gesicht aus einiger Entfernung sah, konnte man tatsächlich glauben, sie sei noch ganz wie damals, als sie den Dunklen besiegt hatten. Aber je näher Sloane kam, desto deutlicher wurde, dass der makellose Glanz nur mithilfe von Foundation, Highlighter, Abdeckpuder und wer weiß was sonst noch alles erzielt wurde.

Es war schön, sie zu sehen. Seit sie wieder in ihre Heimat gezogen war, um sich um ihre Mutter zu kümmern, war es zwischen den fünf Erwählten nicht mehr so wie früher. Sloane stieg die Stufen hinauf, schüttelte den Kopf, als eine Security ihr den Arm hinstreckte, und zog Esther an sich.

»Hübsches Kleid!«, sagte Esther, als sie sich wieder voneinander lösten. »Hat Matt es ausgesucht?«

»Ich bin durchaus in der Lage, mir meine Kleidung selbst auszusuchen«, antwortete Sloane. »Wie …«

Sie wollte Esther fragen, wie es ihrer Mutter geht, aber da hatte Esther bereits ihr Handy für ein Selfie hervorgeholt.

»Nein«, protestierte Sloane.

»Slo … komm schon, ich möchte ein Foto von uns!«

»Nein, du möchtest ein Foto von uns, um es einer Million Menschen auf Insta zu zeigen, und das ist etwas ganz anderes.«

»Ich krieg eines, egal, ob du lächelst oder nicht, wie wär’s also, wenn du zur Abwechslung mal dem Image von dir als Turbo-Bitch keine neue Nahrung gibst?«, schlug Esther vor.

Sloane verdrehte die Augen, aber dann ging sie leicht in die Knie und streckte den Kopf in die Kamera. Sie brachte sogar den Anflug eines Lächelns zustande. »Nur eins, okay?«, sagte sie. »Ich halte mich nicht ohne Grund von Social Media fern.«

»Schon kapiert, du bist so alternativ und authentisch und was sonst noch alles.« Esther wedelte verächtlich mit der Hand, ohne den Blick vom Handy zu nehmen. »Ich werde dir einen Schnurrbart zeichnen.«

»Wie passend für die Zehnjahres-Gedächtnisfeier einer grauenvollen Schlacht.«

»Also gut, ich poste es so, wie es ist. Du bist so langweilig.«

Der Einwand kam an dieser Stelle immer. Sloane und Esther gingen zu Ines und Albie, die neben dem Podium Platz genommen hatten. Beide trugen fast identische schwarze Anzüge. Ines’ Revers war etwas breiter und Albies Krawatte etwas blauer, aber soweit Sloane das beurteilen konnte, hörten die Unterschiede damit auch schon auf.

»Wo ist Matt?«, fragte Ines.

»Bei seinen Untertanen«, antwortete Esther.

Sloane blickte zurück. Matt unterhielt sich immer noch mit dem jungen Mädchen, hörte ihr mit zusammengezogenen Augenbrauen zu und nickte.

»Er kommt gleich«, sagte sie zu den anderen.

Albie hatte rot geäderte Augen, was daran liegen mochte, dass es acht Uhr früh war und Albie normalerweise nicht vor zehn aufstand. Als sich ihre Blicke trafen, wirkte er sehr müde, aber klar. Er winkte sie zu sich.

»Hab dir einen Platz reserviert, Slo«, sagte er und klopfte auf den Stuhl neben sich. Sie setzte sich, mit verschränkten Fußknöcheln und abgeknickten Beinen, wie ihre Großmutter es ihr beigebracht hatte. Willst du, dass fremde Leute deine Unterwäsche sehen? Nein? Dann verschränk die Beine, Mädchen.

»Alles okay?«, fragte sie Albie.

»Nein«, sagte er mit der Andeutung eines Lächelns. »Aber das ist ja nichts Neues.«

Sie lächelte ebenso verhalten zurück.

»Hey, Leute.« Ein Mann kam über die Bühne auf sie zu. Er trug eine tiefschwarze Stoffhose, dazu einen Blazer mit hellblauem Hemd, und seine grau melierten Haare waren ordentlich zurückgekämmt. Er war nicht irgendwer, sondern John Clayton, der Bürgermeister von Chicago, gewählt mit der Kampagne »Nicht ganz so korrupt wie die anderen«, dem Motto von Chicagos Politikern der vergangenen Jahre. Darüber hinaus war er vermutlich der höflichste Mann der Welt.

»Danke fürs Kommen«, sagte Bürgermeister Clayton und schüttelte Sloanes Hand, dann Albies, Ines’ und Esthers. Matt kam die Stufen hoch, gerade noch rechtzeitig, um als Letzter die Hand des Bürgermeisters zu schütteln. »Ich werde kurz ein paar Worte sagen, dann können Sie das Monument begehen. Als eine Art Segnung, okay? Danach bringen wir Sie sofort wieder weg. Man wird ein Foto von uns machen wollen. Jetzt gleich? Okay, dann sofort.«

Er winkte den Fotografen herbei, der alle so postierte, dass hinter ihnen das Monument zu sehen war. Matt stand in der Mitte, seine Hand berührte Sloanes Rücken. Sloane war sich nicht sicher, ob sie für das zehnjährige Gedenken an den Sieg über den Dunklen lächeln sollte. Die ganze Welt feierte heute. Sogar die Stadt Chicago, die so viel verloren hatte – man würde den Fluss blau einfärben, in Wrigleyville würde das Bier in Strömen fließen, und die Hochbahn würde zum Viehwaggon werden. Festfreude war etwas Gutes, das wusste Sloane, in den ersten Jahren hatte sie sogar mitgemacht, aber im Laufe der Zeit war es immer schwieriger geworden. Man hatte ihr versichert, dass es leichter werden würde, aber bisher konnte sie das in keiner Weise bestätigen. Der Jubel und der Triumph nach dem Sturz des Dunklen waren verklungen, und zurückgeblieben waren dieses nagende Gefühl der Unzufriedenheit und das Wissen um die vielen Opfer, die der Sieg gekostet hatte.

Sie lächelte nicht auf dem Foto. Während Esther dem Bürgermeister Boomerang-Videos erklärte, setzte Sloane sich wieder neben Albie. Matt unterhielt sich mit der Ehefrau des Bürgermeisters, die wissen wollte, ob er zur Eröffnung einer neuen Bibliothek in Uptown kommen würde, und Ines wippte mit dem Bein, hektisch wie immer. Albie legte seine Hand auf Sloanes Hand und drückte sie.

»Alles Gute zum Jahrestag oder so«, sagte sie.

»Ja«, sagte er. »Alles Gute zum Jahrestag.«

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Nationaler Sicherheitsrat Memorandum Nr. 70

An: Abteilung für Risikoanalyse und Investigation von Supranormalem (ARIS)

Betreff: unerklärliche Katastrophenereignisse 2004

Auf Grundlage der Sitzungsprotokolle des Nationalen Sicherheitsrates vom 2. Februar 2005 ordnet der Präsident an, die Katastrophenereignisse von 2004 im Hinblick auf ein möglicherweise zugrunde liegendes Muster zu untersuchen. Da die einzelnen Vorfälle sich bisher mit konventionellen Methoden nicht zufriedenstellend erklären lassen, wird dieses Projekt ab sofort der Abteilung für Risikoanalyse und Investigation von Supranormalem (ARIS) unterstellt.

ARIS wird darüber hinaus aufgefordert, der Studie absoluten Vorrang einzuräumen und die ersten vorläufigen Ergebnisse beim nächsten Treffen des Sicherheitsrats vorzustellen. Anbei eine Sammlung von Artikeln zu besagten Ereignissen.

Shonda Jordan

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CHILLICOTHEGAZETTE

Offizieller Bericht zur Katastrophe in Topeka bleibt vage

von Jay Kaufman

TOPEKA, 6. MÄRZ: Letzten Zählungen zufolge belaufen sich die Opferzahlen in Topeka, Kansas, nach der Katastrophe vom 5. März 2004 auf 19 327, allerdings wissen die offiziellen Stellen immer noch nicht, was genau zu diesen enorm hohen Verlusten geführt hat. Und falls sie es wissen, sagen sie es nicht.

Wetterberichte am Morgen des 5. März kündigten Bewölkung und Höchstwerte bis 40 Grad an, mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 10 Prozent. Zeugen aus den nahe gelegenen Städten sprechen von gelegentlichem Sonnenschein und leichtem Windaufkommen. Um genau 01:04 Uhr fing das Wetter an, verrückt zu spielen. Ein Angestellter des Nationalen Wetterdiensts sprach von »absolutem Chaos« im Büro und beschrieb »kreischende Monitore« und lautes Geschrei.

»Für ein paar Minuten war es, als hätten wir gleichzeitig einen Tornado, ein Erdbeben und einen Hurrikan. Die Luftdruckveränderungen waren unglaublich, das Beben war noch im entfernten Kentucky zu spüren. Etwas Ähnliches habe ich noch nie erlebt«, weiß unsere Quelle zu berichten. Der Angestellte möchte aus Angst um seinen Job anonym bleiben. Der Nationale Wetterdienst hat seither eine Verlautbarung herausgegeben, wonach man der Öffentlichkeit aufgrund der laufenden Untersuchungen noch keine weiteren Details mitteilen könne.

Die Bundesregierung hat sich ganz ähnlich dazu geäußert. Weder von der Homeland Security noch von der Nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe kam bisher ein Kommentar. Das FBI sieht derzeit keinerlei Hinweise auf eine Beteiligung ausländischer oder inländischer Terrororganisationen, könne sie zum momentanen Zeitpunkt aber auch nicht völlig ausschließen. Auf lokaler Ebene hat der Bürgermeister von Topeka, Hal Foster – der zur betreffenden Zeit in Orlando, Florida, Urlaub machte –, sein Beileid ausgesprochen und seine Bestürzung zum Ausdruck gebracht, aber keine Theorie zu den Ursachen der Katastrophe geliefert.

Was wir bisher über das Ereignis zusammentragen konnten, stammt von Privatpersonen. Andy Ellis aus Lawrence, Kansas, hat das Gebiet um Topeka mit einer Drohne überwacht, mit der er bisher den Bau seines neuen Hauses dokumentierte. Seine Bilder von Topeka, die er allen nationalen Nachrichtenagenturen gleichzeitig zur Verfügung stellte, sind verstörend. Sie zeigen Gebäude, von denen nur noch Skelette übrig sind, Leichen in den Straßen und – was besonders merkwürdig ist – keine einzige lebende Pflanze. Von den Bäumen in Topeka, das lassen die Aufnahmen vermuten, sind nur noch dürre Äste und totes Laub übrig.

Da konkrete Erklärungen bisher fehlen, tauchen in der Öffentlichkeit immer mehr Verschwörungstheorien auf, wie zum Beispiel eine Invasion von Aliens, ein schiefgelaufenes Experiment der Regierung, eine neue Massenvernichtungswaffe oder ein neues Wetterphänomen als Auswirkung des Klimawandels. Hysterie breitet sich aus, einige Leute haben bereits angefangen, ihre Häuser mit bombensicheren Bunkern auszustatten oder Evakuierungspläne zu entwickeln, in denen empfohlen wird, sich möglichst weit vom Zentrum einer Stadt entfernt aufzuhalten.

»Wir brauchen Antworten«, sagt Fran Halloway, Bewohnerin von Willard, einer der Städte in der Nähe von Topeka, die der Katstrophe entgangen sind. »Wir haben ein Recht darauf zu wissen, warum unsere Lieben tot sind. Und wir werden nicht eher Ruhe geben, bis wir die Antworten bekommen.«

PORTLANDBUGLE

Portland von Katastrophe getroffen – Zehntausende von Toten

Von Arjun Patel

PORTLAND, 20. AUGUST: Ein nach ersten Analysen als Hurrikan eingestuftes Wetterereignis, das am 19. August in Portland, Oregon, stattfand, hat zu einer Flutwelle und der massiven Zerstörung von Wohnhäusern und anderen Gebäuden geführt. Wenn die Klassifizierung beibehalten wird, wäre dies der erste tropische Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen, der die Westküste getroffen hat.

Mit einer geschätzten Zahl von bis zu 50 000 Toten wäre dies die tödlichste Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten, gefolgt von dem Topeka-Unglück desselben Jahres, das amtlichen Angaben zufolge fast 20 000 Menschenleben gekostet hat und für das es noch immer keine eindeutige Erklärung gibt.

Das Wetterereignis lässt jene Wissenschaftler ratlos zurück, die bisher niedrige Temperaturen im Pazifischen Ozean als Grund für das Fehlen von Hurrikan-Aktivitäten an der Westküste sahen. »Hurrikans brauchen warme Wassertemperaturen«, erklärt Dr. Joan Gregory, Professor für atmosphärische Wissenschaften an der Universität von Wisconsin-Madison. »Eine mögliche Erklärung wäre der Klimawandel, aber in letzter Zeit hat es keine Meldungen von signifikant höheren Temperaturen im Pazifik gegeben, weshalb wir dieses Wetterereignis bisher als singuläres Vorkommnis einordnen.«

Mehr Informationen erhofft man sich im Laufe der Aufräumungs- und Wiederaufbauarbeiten. Eine Mahnwache für die Opfer ist für Donnerstag, 20 Uhr, auf dem Pioneer Courthouse Square geplant.

ROCHESTEROBSERVER

Geheimnisvolle Gestalt inmitten der Katastrophe

Verschwörungstheorien verbreiten sich wie ein Lauffeuer, während sich Berichte über eine dunkle Gestalt häufen

Von Carl Adams

ROCHESTER, 7. DEZEMBER: »Überall herrschte Chaos«, sagt Brendan Peterson aus Sutton, Minnesota, einer der Überlebenden des Angriffs auf Minneapolis, der Anfang des Jahres fast 85 000 Menschenleben gefordert hat. Er war direkt im Zentrum der Verwüstung und beschreibt einen Höllensturm und herumfliegenden Schutt. »Eine Frau ist direkt vor meinen Augen in Stücke gerissen worden«, berichtet er mit zitternden Händen. »So etwas habe ich noch nie gesehen, niemals, nicht einmal in Filmen.«

Brendan bezeichnet die Tatsache, dass er überlebt hat, als »reines Glück«, und er steht mit dieser Meinung nicht allein. Mehrere Überlebende, die sich ausführlicher geäußert haben, wussten von ähnlichen Horrorgeschichten zu berichten, eine grässlicher als die andere. Aber alle haben eines gemeinsam: die Gestalt eines Mannes, der völlig ungerührt mitten durch den Ort der Verwüstung schreitet.

»Ich schätze, es könnte auch eine Frau gewesen sein«, sagt George Williams, ebenfalls Einwohner von Sutton und Nachbar von Brendan Peterson. »Aber es war eindeutig ein Mensch. So etwas Gruseliges habe ich noch nie gesehen.«

Die Katastrophe wurde von der amerikanischen Regierung als »Angriff« gewertet, wobei völlig unklar ist, wer die Schuldigen sind. Im Internet kursieren diverse Theorien, manche halbwegs plausibel (Terroristen, Agenten einer feindlichen ausländischen Regierung), andere haarsträubend absurd (Aliens, eine zornige Gottheit).

»Er war nicht gut zu erkennen«, stellt Brendan später klar, als er die mysteriöse Gestalt von Minneapolis näher beschreibt. »Dunkel von Kopf bis Fuß. Ich bin nicht verrückt. Ich weiß, was ich gesehen habe.«

3

DIEREDEDESBÜRGERMEISTERSwar eine Aneinanderreihung abgedroschener Phrasen von der Überwindung der Trauer, dem Triumph des Guten über das Böse und dem ehrenvollen Gedenken an die Toten. Ungefähr in der Mitte der Ansprache beugte sich Ines zu ihr und raunte ein Zitat aus Friday Night Lights – »klare Augen, volle Herzen können nicht verlieren« – , woraufhin Sloane die Hand vor den Mund hielt, damit niemand sie lachen sah. Albie tat so, als hätte er einen Hustenanfall, und Esther knuffte Ines in die Rippen. Matt schaffte es, einen feierlich ernsten Gesichtsausdruck beizubehalten. Für einen Augenblick hatte Sloane das Gefühl, etwas Kostbares wiederbekommen zu haben.

Als die Rede zu Ende war, blitzten überall Kameras, und die Menge applaudierte. Sloane klatschte, bis ihre Handflächen kribbelten. Es folgte entschiedenes Händeschütteln, bis es an der Zeit war, das Zehnjahres-Denkmal mit geheiligten Schritten zu segnen oder was zum Teufel Bürgermeister Clayton gesagt hatte. Sloane überlegte, ob sie das als Ausrede nehmen konnte, um ihre Schuhe auszuziehen, weil sie an den Zehen zwickten. Die Frage war doch, ob man mit unbequemen High Heels überhaupt irgendetwas segnen konnte.

Um den Metallkasten herum war der Boden zubetoniert worden. Sloane stieg die Stufen hinab und spürte die Wärme unter ihren Sohlen. Sie kam sich vor wie auf den Wellen einer grauen See, das Monument eine bronzefarbene Insel, ungefähr hundert Yards voraus. Inmitten von Ödnis war es der einzige Ort, der in ein warmes Licht getaucht war – ätherisch, an ein Wunder grenzend. Sie war selbst überrascht, als sie bei diesem Anblick Tränen in den Augen spürte. Im Laufe der Zeit würde die Bronze beschlagen, und der Glanz würde einem matten Grün weichen. So wie ihre Erinnerung an das, was passiert war, verblassen und matt werden würde. So wie auch das Monument ein einsames Dasein für lehrreiche Klassenausflüge und Bustouren für Geschichtsinteressierte fristen würde.

Sogar sie selbst würde matt werden. Berühmt zwar, aber dahinschwindend wie ein alternder Filmstar, in dessen Gesicht man noch schemenhaft das jüngere Ich aufscheinen sah.

Es war merkwürdig, wenn man die Gewissheit hatte, den Höhepunkt des eigenen Lebens überschritten zu haben.

Sie ging hinter Albie in den Kasten hinein, und die anderen folgten ihr. Unwillkürlich glitt ihr Blick über den Fluss zu der Stelle, wo Matt während der letzten Schlacht gestanden hatte, den Goldenen Bogen in die Luft gereckt, das Gesicht in ein übernatürliches Licht getaucht. Einer der Momente, in denen sie sich in ihn verliebt hatte.

In der Mauer befand sich eine schmale Öffnung, durch die Besucher eintreten konnten. Albie ging, ohne zu zögern, hindurch. Ines wollte ihm schon folgen, aber Sloane hielt sie zurück. »Gib ihm eine Sekunde«, sagte sie.

Sie passten auf unterschiedliche Weise gut zusammen, kannten einander auf ihre jeweilige Art. Esther wusste, wie man Albie zum Lachen bringen konnte, Ines konnte fast schon seine Gedanken lesen, und Matt wusste, wie er ihn zum Sprechen brachte. Aber keiner verstand Albie an seinen schlechten Tagen so gut wie Sloane, und heute war so ein Tag.

»Ich weiß jetzt schon, dass der Kasten vollgepinkelt wird«, unkte Ines.

»Du musst nicht immer zwanghaft die Stille füllen«, erwiderte Matt.

»Ich geh rein und sehe nach, wie es ihm geht«, schlug Sloane vor. »Gebt mir eine oder zwei Minuten.«

Matt sagte: »Natürlich.«

»Ja, dann hat Esther Zeit genug, um an der richtigen Kameraeinstellung zu pfriemeln«, sagte Ines.

Esther versetzte ihr einen Schlag gegen den Arm und zog mit der anderen Hand ihr Handy hervor. Sloane flüchtete, bevor Esther sie zu einem weiteren Selfie überreden konnte, und schlüpfte durch den Mauerspalt ins Innere des Denkmals.

Winzige Buchstaben waren in die Metallwände geritzt – die Namen aller Toten, die dem Dunklen zum Opfer gefallen waren. Den Aussagen des Künstlers zufolge hatte es Jahre gedauert, alle zusammenzutragen und einzugravieren, und die meisten Namen waren so klein, dass man sie kaum entziffern konnte. Hinter jeder Metallplatte hatte man eine Lichtsäule installiert, sodass die Namen von innen heraus leuchteten. Es war wie der Blick auf einen Nachthimmel irgendwo in der Wildnis, wo die Luftverschmutzung den Glanz der Sterne noch nicht verschleierte.

Albie stand in der Mittel des Würfels und starrte auf ein Paneel.

»Hey«, sagte Sloane.

»Hey«, sagte er. »Ganz hübsch hier, oder?«

»Die Bronze war eine gute Wahl. So wirkt es fast gemütlich«, stellte sie fest. »Hast du den Namen deines Vaters entdeckt?«

»Nein«, sagte er. »Nadel. Heuhaufen.«

»Wir könnten den Künstler fragen.«

Albie zuckte mit den Schultern. »Ich denke, man soll den Einzelnen gar nicht finden. Es geht darum, einen Eindruck davon zu bekommen, wie viele es waren.«

So viele, dass sie fast schon keine Rolle mehr spielten, dachte Sloane. Sie kannte die Opferzahlen, aber alles zwischen hundert und einer Million war nur eine Zahl, die ihr Verstand nicht erfassen konnte.

»Mir gefällt es«, sagte Albie. »Es erinnert mich daran, dass wir nur eine Handvoll Leute sind, die genau wie Tausende andere einen Verlust erlitten haben. Unser Schmerz ist nicht kleiner oder größer als der aller anderen Familien.«

Er deutete auf die Bronzeplatte, vor der er stand. Albie war erst dreißig, aber sein Haar war federleicht und lichtete sich an den Schläfen. In seine Stirn waren Furchen eingegraben, tief genug, dass selbst Sloane sie bemerkte. Die Zeit hinterließ ihre Spuren.

»Ich habe es satt, etwas Besonderes zu sein«, sagte Albie mit einem zittrigen Lächeln. »Ich habe es satt, für das Schlimmste, was mir zugestoßen ist, auch noch gefeiert zu werden.«

Sloane stellte sich neben ihn, nahe genug, dass ihre Arme sich berührten. Sie dachte an den Stapel Regierungsakten in der untersten Schublade ihres Schreibtischs, an Rick Lane, der sie wie ein Stück Fleisch im Metzgerladen beäugt hatte, an die Albträume, die sie vom Einschlafen bis zum Aufwachen verfolgten.

»Ja«, sagte sie mit einem Seufzer. »Ich weiß, was du meinst.«

Zumindest glaubte sie das. Aber als sie Albies zitternde Hand sah, mit der er sich das Gesicht rieb, fragte sie sich, ob es stimmte.

»Klopf-klopf.« Esther hielt ihr Handy hoch – natürlich in einem möglichst schmeichelhaften Winkel – und betrat das Denkmal, die Haare perfekt über die Schultern arrangiert. Sie drehte sich, sodass auch Albie und Sloane mit aufs Foto kamen. »Sagt Hi zu meinen Insta-Followern, Leute!«

»Ist das live?«, fragte Sloane.

»Nein«, sagte Esther.

Sloane blickte zu Albie, dann streckte sie beide Mittelfinger hoch, während Albie die Backen aufblies und ein lautes Furzgeräusch nachahmte. Ines kam hinter Esther herein und wirkte etwas nervös, dann sah sie Sloane, die mit ihren Mittelfingern vor Albies Gesicht herumfuchtelte. Entnervt ließ Esther das Handy sinken.

»Das sollte ein Live-Mitschnitt werden, der zeigt, wie ich zum ersten Mal das Denkmal betrete«, sagte sie. »Jetzt muss ich es wiederholen und so tun, als würde ich es zum ersten Mal sehen.«

Sie stapfte an Matt vorbei nach draußen.

»Hab ich was verpasst?«, fragte er.

»Moment«, sagte Albie und legte den Finger an die Lippen.

Esther kam wieder herein, das Handy in der ausgestreckten Hand, die Augen groß vor geheucheltem Erstaunen beim Anblick der leuchtenden Namen. Albie war mit einem Satz bei ihr, streckte den Kopf ins Bild und sagte: »Das ist schon der zweite Versuch! Lasst euch nicht von ihr hinters Licht führen …«

Esther stieß Albie beiseite und ließ die Hand sinken. »Leute, was ist eigentlich los mit euch?«

»Mit uns? Du bist diejenige, an deren Arm keine Hand, sondern ein Handy angewachsen ist«, sagte Sloane. »Du bist schlimmer als Matt.«

Matt hob die Hände. »Ich habe nichts damit zu tun.«

»Ich bin nicht die Erste, die Social Media nutzt«, erklärte Esther. »Es ist mein Job, und ihr habt keinen Grund, euch zu Richtern aufzuschwingen.«

»Das sollte eine feierliche Angelegenheit sein«, sagte Matt. »Und es hätte auch eine schöne gemeinsame Erfahrung werden können …«

»Wenn ich filme, nimmt das dem Augenblick nichts von seiner Feierlichkeit«, verteidigte sich Esther.

»Doch, das tut es, wenn es dir dabei nur auf die ideale Selfie-Kameraeinstellung ankommt.« Ines tat so, als hielte sie ein Handy in die Höhe. »Hier seht ihr die Namen der Toten und meinen sexy Arsch.«

Sloane konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Es kam so schrill über ihre Lippen, dass sie verlegen die Hand vor den Mund schlug.

»Sloanie Sloanie Macaroni macht Girlie-Geräusche«, stellte Albie mit hochgezogenen Augenbrauen fest.

»Wage es nicht, mich so zu nennen«, sagte sie.

»Dann tu nicht so, als hätten wir dich nicht alle in Camerons Home-Videos gesehen«, sagte Esther. »Du kannst noch so sehr auf supercool machen, aber tief im Innern bleibst du das Mädchen, das in einem Alufolien-Tutu zu ›Diamonds Are a Girl’s Best Friend‹ tanzt.«

Sloane verfluchte im Stillen die Videokamera ihres verstorbenen Bruders und wollte gerade eine scharfe Antwort geben, als Matt rief: »Ich habe Bert gefunden.«

Natürlich war Berts echter Name nicht Robert Robertson. Einmal hatte er ihnen im Vertrauen seinen richtigen Namen genannt, einige Monate vor seinem Tod, damit sie ihn aufspüren konnten, falls sie den Kontakt zu ihm verlören. Aber keiner dachte an ihn als Evan Kowalczyk; für sie würde er immer Bert sein.

Sie stellten sich alle hinter Matt und folgten seinem ausgestreckten Finger, der auf einen kleinen Namen hindeutete: EVANKOWALCZYK, alles in Großbuchstaben. Sloane hatte keine Ahnung, wie Matt ihn unter den vielen Namen auf den vielen Metallplatten entdeckt hatte. Es war, als würde man einen ganz bestimmten Baum in einem Wald aus lauter identischen Bäumen suchen. Matt ließ den Arm sinken, und Roberts Name verschwand wieder in der Wand, verschmolz mit den anderen.

All diese Toten – für nichts. Wegen eines dunklen Lords mit unstillbarer Gier.

»Was er wohl jetzt machen würde?«, überlegte Matt.

»Vermutlich sein Rentnerdasein genießen«, sagte Ines.

Sloane drehte sich zur Tür, damit ihr Gesichtsausdruck sie nicht verriet. Sie wollte ihnen nicht sagen, was sie in den Akten gelesen hatte, die man ihr auf Nachfrage zugeschickt hatte und die einen Bert skizzierten, den keiner von ihnen je richtig gekannt hatte.

»Gehen wir«, sagte sie. »Die Leute werden sich bestimmt schon fragen, wo wir abgeblieben sind.«

4

DIEEINLADUNGZURGALAwar an ihren Kühlschrank gepinnt: FEIERNSIEMITUNSZEHNJAHREFRIEDEN. Als hätte der Sieg über den Dunklen der ganzen Welt Harmonie beschert. Hatte er natürlich nicht, aber die Vereinigten Staaten hatten ihn als Anlass genommen, sich von allem zurückzuziehen. Als eine neue Ära des Isolationismus hatten die Schlagzeilen es beschrieben. Die Reaktionen waren gemischt ausgefallen. Die eine Seite hatte den Truppenabzug aus anderen Ländern bejubelt, allerdings gegen den Rückzug aus internationalen Friedensorganisationen protestiert. Die andere hatte die Schließung der Grenzen begrüßt, allerdings nicht den Rückgang militärischer Präsenz in Übersee. Doch ganz unabhängig davon, auf welcher Seite man stand, waren alle von der gleichen Paranoia beherrscht. Niemand konnte sagen, woher der Dunkle gekommen war, und das wiederum hieß, er könnte von überallher gekommen sein. Er könnte ein Freund oder Nachbar gewesen sein, ein Flüchtling oder ein Immigrant. Selbst Sloanes Mutter hatte sich eine Handfeuerwaffe mit Lizenz besorgt und einmal im Monat auf dem Schießstand geübt, als könnte sie sich auf diese Weise vor dem Dunklen schützen, der Waffen von innen heraus explodieren lassen konnte, so wie er ganze Gebäude explodieren lassen und schwerstes Metall zusammenfalten und verdrehen konnte, ohne es auch nur zu berühren. Sloane fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis ARIS hinter das Geheimnis kommen und diese Fähigkeit für sich selbst nutzen würde. Falls das nicht schon längst geschah.

Sie nahm ihr Kleid aus dem Schrank und hängte es an die Tür. Es war mit Goldperlen bestickt und sah aus wie aus den Zwanzigern. Der schwere Stoff drückte auf die Schultern, daher würde sie es erst in letzter Minute anziehen. An normalen Tagen legte sie keinen großen Wert auf ihre Garderobe, aber insgeheim liebte sie formelle Anlässe – was sie natürlich nie zugegeben hätte. Heute hatte sie sich sogar ins Badezimmer zurückgezogen und auf Insta heimlich Esthers Beauty Tutorial angesehen, bei dem es um geschwungene Eyeliner-Striche ging. Wenn Esther jemals dahinterkäme, würde Sloane das für den Rest ihrer Tage zu hören bekommen.

Da das Perlenkleid hauteng geschnitten war, musste Sloane etwas anziehen, das sie zutiefst verabscheute: Shapewear. Das schlimmste Folterinstrument für Frauen mit kleinen körperlichen Unvollkommenheiten seit der Erfindung des Korsetts. Aber das Letzte, was Sloane wollte, war, am Morgen nach der Gala aufzuwachen und in den Klatschspalten herangezoomte Aufnahmen kleiner Speckröllchen an ihrer Hüfte zu sehen und Spekulationen über ein verdächtiges Bäuchlein zu lesen. Schwangerschaftsgerüchte verfolgten sie schon, seit sie mit Matt zusammen war.

Nachdem sie vergeblich in ihrer Unterwäschekommode und der Sockenschublade nach Shapewear gewühlt hatte, suchte sie in Matts Schrank weiter. Hin und wieder gerieten ihre Sachen zwischen seine geliebten schwarzen Boxershorts. Sie tastete sich durch das Meer aus Elastan, als ihre Finger plötzlich etwas Kleines, Festes berührten.

Eine Schatulle, so groß, dass sie noch gut in ihre Handfläche passte. Schwarz.

Shit.

Sloane blickte zur Tür – sie war zu, und draußen im Gang rührte sich auch nichts. Gut. Sie öffnete die Schatulle. Darin befand sich ein Ring, natürlich, aber nicht irgendeiner – es war ein altmodischer, mit Pyrit statt Diamanten besetzter Ring. Matt wusste, welche Art von Schmuck sie mochte, auch wenn sie nie welchen trug.

Sie klappte die Schatulle wieder zu und steckte sie zurück in die Schublade. Plötzlich war ihr Hals wie zugeschnürt. Sie wusste, was der Ring bedeutete – wie auch nicht? Matt würde ihr einen Antrag machen. Vermutlich schon bald, denn seine Unterwäsche eignete sich nur vorübergehend als Versteck. Bei seinem Hang zu dramatischen Gesten hatte er es womöglich sogar für den heutigen Abend auf der Gala geplant.

Bei der Vorstellung wurde Sloane schlecht. Sie öffnete die Tür und spähte den Gang entlang. Matt telefonierte gerade mit Eddie, seinem Assistenten. Sein Kalender quoll über vor Terminen. Allein in dieser Woche moderierte er eine Paneldiskussion zu Masseninhaftierungen, nahm an einer Spendenveranstaltung in einer Schule an der West Side teil und traf sich mit einem Senator zu einem Gespräch über staatliche Unterstützung für diejenigen, die den Krieg gegen den Dunklen überlebt hatten, aber seither unter PTBS litten. Er würde also noch eine Weile am Telefon hängen.

Sloane schloss die Tür, setzte sich auf die Bettkante und starrte hinüber zu der Zweizimmerwohnung auf der anderen Straßenseite, mit ihrer ganzjährigen kitschig-blauen Lichterkette am Dachvorsprung.

Sie nahm ihr Handy und tippte eine Nummer ein, die sie seit Jahren nicht mehr angewählt hatte.

»Hallo?«, fragte June Hopewell. Ihre Stimme war genauso schneidend, wie Sloane sie in Erinnerung hatte.

»Mom?«

»Sloane, bist du das?«

Sloane runzelte die Stirn. »Ja, ich bin’s, es sei denn, du hast noch andere Kinder, von denen ich nichts weiß.«

»Ich habe dich heute früh im Fernsehen gesehen«, sagte June. »Findest du nicht, du solltest deine strikte ›Keine-Autogramme‹-Politik noch einmal überdenken? Man hätte meinen können, du würdest von einem Rudel Wölfe verfolgt.«

»Nein, Mom, finde ich nicht.« Sloane bezweifelte, dass ihre Mutter sich wirklich Gedanken darüber machte, ob ihre Tochter Autogramme geben sollte oder nicht, aber seit dem Sieg über den Dunklen kommentierte sie alles, was Sloane tat – vielleicht nur ein Versuch, ihre fehlende elterliche Zuwendung in Sloanes Kindheit zu kompensieren. Immerhin hatte sie mehr oder weniger Sloanes Jugend verpasst, während sie gleichgültig zugesehen hatte, wie die Regierung kam, um Sloane abzuholen.

»Hör zu, da gibt es etwas, worüber ich mit dir reden möchte«, fing Sloane an. »Gerade habe ich in Matts Unterwäscheschublade einen Ring gefunden. Einen Verlobungsring.«

Am anderen Ende der Leitung war es still. Dann: »Okay. Und?«

»Und?« Sloane schlug sich die Hand vor die Stirn. »Ich bin hier gerade am Durchdrehen!«

»Slo, ihr seid jetzt schon zehn Jahre zusammen.«

Sloanes Gesicht wurde heiß. »Wir haben aber nie darüber geredet! Findest du nicht, er hätte, wenn er mich heiraten will, das Thema irgendwann mal zur Sprache bringen sollen? Könnte doch sein, dass ich das Konzept Ehe grundsätzlich verabscheue.«

»Was gar nicht so unwahrscheinlich ist, wenn man bedenkt, was du alles verabscheust«, sagte June mit einem Hauch von Belustigung in der Stimme. »Vielleicht sollte es eine Überraschung sein.«

Sloane beobachtete eine Katze, die draußen den Bordstein entlangstrich.

»Sloane.« Ihre Mutter seufzte. »Einen Besseren als ihn kriegst du nicht. Glaub mir.«

Sloane gab keine Antwort.

»Ich muss los«, sagte ihre Mom.

Um was zu tun?, dachte Sloane, sprach es aber nicht aus. Sie beendete das Gespräch ohne ein Abschiedswort. Was June nicht sonderlich überraschen würde. Für gewöhnlich sprachen sie nur einmal im Jahr miteinander, an Weihnachten, und das für etwa fünf Minuten. Sie hatten sich noch nie ein »Ich liebe dich« gesagt, seit Sloane klein war. Seit ihr Dad weggegangen war, um dann in einem Leichenschauhaus in Arkansas zu enden – getötet vom Drain – , wo June ihn identifizieren musste.

Einen Besseren kriegst du nicht. Ihre Mutter hatte selbstverständlich recht – Matt strahlte so viel Gutheit aus, dass man ihm manchmal am liebsten eine verpassen würde. Ihn nicht zu lieben, das war, als würde man die Freiheit nicht lieben. Oder Welpen.

Aber die Art, wie June das gesagt hatte, nagte an Sloane. Einen Besseren kriegst du nicht. Denn auch das war Teil der Wahrheit. Was sollte sie denn machen – sich bei einer Dating-App anmelden? Sollte sie so tun, als hätte sie einen ganz normalen Job? Und wann genau würde sie dann einfließen lassen, dass sie einer der fünf Retter der Menschheit war? War das ein Thema fürs dritte oder doch eher fürs fünfte Date?

Trotzdem wäre es schön gewesen, wenn June etwas Nettes und Aufmunterndes gesagt hätte.

Sloane setzte sich mit dem Handy in den Händen wieder hin. Die Sonne ging unter, und die das Augenlicht gefährdende Lichterkette auf der gegenüberliegenden Straße leuchtete blau. Sloane war schwummrig, und sie hatte das Gefühl, als hätte sich der Raum gedreht. Aber sie wusste auch, dass sie Ja sagen würde, wenn Matt um ihre Hand anhielt, denn es war das einzig Vernünftige. Sie würden heiraten, und er würde sich um sie kümmern, und sie würde sich anstrengen, gut genug für ihn zu sein.

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ARIS

ABTEILUNGFÜRRISIKOANALYSEUNDINVESTIGATIONVONSUPRANORMALEM

BETREFF: UNERLKLÄRLICHEKATASTROPHENEREIGNISSEVON 2005, PROTOKOLLDEREINSATZBESPRECHUNGMITFÜHRUNGSOFFIZIERXXXXXXDECKNAMEBERT

OFFIZIER S: Bitte nennen Sie Ihren Namen fürs Protokoll.

OFFIZIER K: Ich heiße XXXXXX, aber für diese Mission ist mein Deckname Robert Robertson.

OFFIZIER S: Vermerkt. Wir sind heute hier, um Ihre Aussagen zu Projekt Ringer, Probandin 2, Sloane Andrews zu hören.

OFFIZIER K: Korrekt. Am 17. Oktober habe ich die Information erhalten, dass Probandin 2 identifiziert und unverzüglich herbeordert wurde.

OFFIZIER S: Laut Bericht gab es trotz dieses Befehls eine vierundzwanzigstündige Verzögerung. Können Sie uns das erklären?

OFFIZIER K: Ja. Ich habe eine Aussetzung von einer Woche erbeten, um Probandin 2 die Teilnahme am Begräbnis ihres Bruders zu ermöglichen. Meine Bitte wurde abgelehnt, aber mir wurden vierundzwanzig Stunden gewährt. Ich hielt das für nicht ausreichend, folgte jedoch dem Befehl und traf am 18. Oktober um 15 Uhr an der Wohnung der Andrews ein.

OFFIZIER