Die Europasaga - Peter Arens - E-Book

Die Europasaga E-Book

Peter Arens

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Beschreibung

Nach dem großen Erfolg der „Deutschlandsaga“ sowohl als ZDF-Serie wie als Sachbuchbestseller weiten Peter Arens und Stefan Brauburger den Blick auf Europa. Sie laden zu einer Zeit- und Erkundungsreise durch seine vielfältig verwobene Geschichte ein, werfen Blicke auf das gewaltige kulturelle Erbe, die unterschiedlichen Traditionen und spüren den Befindlichkeiten nach. Sie geben Auskunft zu Fragen wie: Woher kommt die Idee des gemeinsamen Europa, was hält das transnationale Gebilde zusammen, was trennt uns von anderen? Wie kann ein Miteinander für die rund halbe Milliarde EU-Europäer künftig aussehen? Oder drohen die aktuellen Konfliktherde die Wertegemeinschaft und den größten Staatenverbund der Welt zu sprengen?

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Seitenzahl: 602

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die Europasaga

Michelangelo Buonarroti, Die Delphische Sibylle, 1508–1512, Sixtinische Kapelle, Vatikan, Rom. Foto: picture alliance/Heritage Images/Fine Art Images

Peter Arens

Stefan Brauburger

links: Kundgebung der proeuropäischen Bewegung Pulse of Europe auf dem Goetheplatz in Frankfurt, 9.4.2017. Foto: picture alliance/dpa/Andreas Arnold | mitte: Flaschenverschlüsse mit Europa-Flaggen. Foto: iStockphoto/DaveLongMedia | rechts: Louvre bei Sonnenuntergang, Paris. Foto: picture alliance/All Canada Photos/Kurt Werby

Die Europasaga

Woher wir kommen – Was uns eint – Wohin wir wollen

Von Peter Arens und Stefan Brauburger

In Zusammenarbeit mit Werner von Bergen, Bernhard von Dadelsen, Anja Greulich, Friederike Haedecke, Thomas Hagedorn, Peter Hartl, Oliver Heidemann, Wolfgang Horn, Mario Sporn

C. Bertelsmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage 2017

© C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Grafische Gestaltung und Satz: Nadine Clemens, München

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Umschlagabbildungen © akg-images; bpk; Bridgeman Images; Getty Images; Mauritius Images; Picture Alliance

Lektorat: Eckard Schuster, Dr. Brigitte Wormer, beide München

Register: Dieter Löbbert, München

Kartografie: Peter Palm, Berlin

Bildredaktion: Annette Mayer

Herstellung: Inka Hagen

Druckvorstufe: Lorenz & Zeller, Inning a. A.

ISBN 978-3-641-19406-2V002

www.cbertelsmann.de

Inhalt

Vorwort

Woher wir kommen – wer wir sind

Was uns eint – was uns teilt

Woran wir glauben – was wir denken

Was uns antreibt – was wir uns nehmen

Was wir erschaffen – was wir beherrschen

Wo wir stehen – was uns bleibt

Anhang

Literatur

Register

Abbildungsnachweis

Europa bei Nacht, Satellitenaufnahme.

Foto: Shutterstock/Anton Balazh (Quelle: NASA)

Vorwort

Der Kontinent des Widerspruchs

»Das übernationale Gemeinschaftsgefühl der Europäer ist reine Erfindung der Dichter« – was Heinrich Mann zur Befindlichkeit unseres Kontinents anmerkte, scheint von zeitloser Aktualität zu sein. Denn das Thema, ob Europa den Weg zur Einigung oder zur Spaltung einschlägt, begleitet unsere Geschichte seit über 1000 Jahren und dringt mit neuem Schub in die gegenwärtigen Debatten. Und wem nicht gleichgültig ist, auf welchen Ebenen über wesentliche Aspekte unseres Lebens entschieden wird, kann sich der zentralen europäischen Frage wohl kaum entziehen, ob es auf dem Weg der Einigung vorwärts oder rückwärts geht.

Gibt es noch die Hoffnung, er könne doch eines Tages kommen, der große übergreifende Superstaat, der es allen recht macht, die Vereinigten Staaten von Europa? Oder haben wir uns längst von solchen Visionen verabschiedet, schon gar im Angesicht der Zerreißproben der Europäischen Union, zwischen Brexit, Finanz- und Flüchtlingskrisen und Rückfällen in nationale Denkmuster?

Am Ende entscheidet wohl die Kraft des Zusammenhalts: Was verbindet uns? Welche Leitbilder und Erfahrungen prägen uns? Um welche Räume, Werte, Menschen geht es, wenn wir von Europa sprechen? Und mit welchen Erwartungen blicken wir in die gemeinsame Zukunft?

Im Buch zur Europasaga gehen wir solchen Fragen auf den Grund, es dient der Vertiefung der gleichnamigen sechsteiligen ZDF-Dokureihe, die wir zusammen mit dem Cambridge-Historiker Christopher Clark gestaltet haben. Das Projekt entstand in der Erwartung, Europa irgendwie zu fassen zu bekommen, es auf einen Nenner zu bringen. Mit einigen Leitfragen im Gepäck ging Clark auf Zeitreise und brachte eine ganze Reihe persönlicher Erfahrungen und Erkenntnisse mit. Doch waren unsere Befunde und Beobachtungen vor allem eines: widersprüchlich!

Es gibt ja das bekannte Erklärmuster, Europa sei eben die »Einheit in der Vielfalt«. Aber dieser Ansatz spart vieles aus. Zu groß sind die Gegensätze, die diesen Erdteil prägten und immer noch prägen – vielleicht kommen wir der Sache mit einer anderen Formel näher: Der DNA-Schlüssel des Kontinents liegt im Widerspruch! Und seine Triebkraft in der Suche nach einem Ausweg, nach einer Lösung …

Alle Kontraste dieser Welt scheinen in Europa auf engstem Raum gewirkt zu haben. Es ist der Erdteil der schlimmsten Kriege, aber auch der intensivsten Friedensbemühungen, der totalitären Diktaturen wie der freiheitlichen Demokratie, der Ursprungsort extremer Ideologien, aber auch des Pluralismus, ein Raum des Glaubens wie des Atheismus. Die europäische Geschichte kennt schlimmste Barbarei, aber auch Höhenflüge in Kunst, Literatur, Architektur und Musik. Europa bietet ein Laboratorium atemberaubender technischer Neuerungen, aber auch der industriellen Zerstörungsgewalt.

Die philosophische Dialektik ist wohl nicht von ungefähr eine europäische Erfindung: die Triade von These, Antithese, Synthese. Und so ist es vielleicht auch typisch europäisch, wenn aus den Widersprüchen heraus etwas Neues, etwas Gemeinsames erwächst, aus dem Gegeneinander ein Miteinander.

60 Jahre Römische Verträge. Das Jubiläum fand in einer Zeit größter Herausforderungen an die Europäische Union statt, es gab Proteste, aber auch Jubel. Foto: Bauer, Hans-Jürgen

So geschah es auch vor 60 Jahren. Nach zwei Weltkriegen, Diktatur und Völkermord hatten einige westeuropäische Staaten neue Wege beschritten, gemeinsam ein Forum gebildet, den Europarat. Eine erste Gemeinschaft entstand (für Kohle und Stahl). Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg wollten nun, nach einigen Bewährungsproben, noch enger zusammenrücken, Frieden und Wohlstand künftig gemeinsam sichern, dafür nach und nach auf Hoheitsrechte verzichten. Sie schlossen 1957 historische Verträge, dort, wo so vieles anfing, in Rom. Dass es nicht nur um eine wirtschaftliche, sondern auch um eine Wertegemeinschaft ging, ist das Besondere. Dem Modell schlossen sich später 22 weitere Staaten an, auch aus dem ehemaligen Ostblock. Nach dem Fortschritt der Vereinigung (West-)Europas mag man darin so etwas wie ein zweites »Wunder« sehen.

Im Prinzip kam das, was in der Mitte des 20. Jahrhunderts seinen Anfang nahm, einer kopernikanischen Wende gleich. Besonnene Europäer verließen jene Pfade, die auf die Schlachtfelder geführt hatten, und beschritten den Weg zur Union. Die Enkelkinder, deren Großväter noch mit Waffengewalt in die Nachbarländer einrückten, können seit Jahren die Grenzen ohne Kontrollen passieren. Jedes Jahr erleben Hunderttausende Schüler und Studenten regen wie selbstverständlichen Austausch mit ihren Altersgenossen in den umliegenden Staaten. Doch allein die Errungenschaft des Friedens genügt der Generation, die keinen Krieg erlebt hat, wohl nicht mehr, um weitere Schritte der europäischen Integration zu rechtfertigen.

Heute steht Europa wieder am Scheideweg. Es geht nicht mehr um Krieg oder Frieden, sondern um den Bestand der Einigung. Zwar hat die Gemeinschaft inzwischen einen Grad erreicht, von dem manche Gründerväter allenfalls zu träumen wagten: das Ende des Kalten Krieges, die Öffnung nach Osten, die große Zahl der Mitglieder, gemeinsame Errungenschaften auf vielen Feldern. Doch zeigt der Erfolg in Zeiten der Krise auch seine Schattenseiten: mangelnde Übereinstimmung, Zweifel an gemeinsamen Werten, nationale Rückbesinnung, weil europäische Lösungen ausbleiben oder auf sich warten lassen. Ukraine, Griechenland, Euro, Flüchtlinge, ein Rechtsruck in vielen Parteienlandschaften und Regierungen vor allem östlicher Mitgliedstaaten, schließlich der Brexit – es sind gleich mehrere Konfliktherde, die das Gemeinschaftswerk auf die Probe stellen.

Vielleicht ist der Erfolg der Europäischen Union auch ihr Dilemma, sie ist gewachsen, aber auch schwerfälliger bei zentralen Entscheidungen. Sie ist vielfältiger, dafür gegensätzlicher in den Meinungen über Strategien und Werte. Sie ist größer, muss dadurch aber auch mehr Interessen unter einen Hut bringen. Welcher Mechanismus der Abstimmung wird dem gerecht? Es gilt, jeden weiteren Schritt zur Einigung abzuwägen, um die Partner nicht zu überfordern – vielleicht liegt die Lösung ja doch in einem Europa mehrerer Geschwindigkeiten …

Die aktuellen Befunde legen es nahe, Bilanz zu ziehen, geben Anlass zurückzuschauen, auch in fernere Epochen, wo die Anfänge der europäischen Geschichte liegen. In sechs Kapiteln suchen wir nach Antworten auf zentrale Fragen: Woher kommen wir? Was hält Europa zusammen? Was unterscheidet uns von anderen? Was treibt uns an? Gibt es die verbindende Idee, oder sind es eher Hoffnungen und Interessen, die wir teilen? Und – ist das Glas aus der europäischen Aussteuer eher halb leer oder halb voll?

Woher wir kommen – wer wir sind

Wo heute über 740 Millionen Europäer verschiedener Herkunft leben, bestimmte einst die Natur den Bewegungsraum, die Eiszeit zog die Grenzen für alle Lebensformen. Mit der Wärme kamen immer mehr Menschen. Die erzählte Geschichte beginnt mit dem viel zitierten Entstehungsmythos: Die Liebe des Zeus zu einer Prinzessin namens Europa, die er auf den Kontinent entführte, der später nach ihr benannt wurde – es ist wohl auch Sinnbild für den Einfluss des Orients auf den Okzident. Künftige Kulturen lösten nicht nur einander ab, sie nahmen die Errungenschaften der Vorgänger jeweils auf, bis die Karten durch die Völkerwanderung neu gemischt wurden und am Ende Griechisches, Römisches, Keltisches, Germanisches, »Heidnisches« und vor allem Christliches miteinander verschmolzen. Das ändert nichts daran, dass Europa bis heute ein Schauplatz vielfältiger und ständiger Migration geblieben ist.

Eine »humoristische Karte« von 1914 überzeichnet Stereotype und Vorurteile gegenüber den damaligen Mächten Europas, das noch im selben Jahr in den Krieg stürzte. Foto: Special Collections, University of Amsterdam (OTM: HB-KZL 109.05.05)

Was uns eint – was uns teilt

Zum Ziel, Europa zusammenzubringen und irgendwie zu einer Einheit zu formen, weisen gleich mehrere – und sehr unterschiedliche – Wege durch die Geschichte. Mal hatte Gewalt, mal die Vernunft den Vorrang: Es sind zum einen Versuche, den Kontinent zu vereinen, um ihn zu beherrschen oder zu unterwerfen. Zum anderen gab es immer wieder Bemühungen, über ein System der Balance zum Ausgleich unter den Rivalen zu gelangen. Schließlich die Bemühungen, die erstrebte Einigung durch Abgrenzung und Abschottung von anderen Mächten und Kulturen zu erreichen. Allzu oft führten solche Schritte zum Gegenteil: zur Spaltung auf dem Kontinent und zur Feindschaft nach außen. Erst spät reifte die Erkenntnis, dass das Miteinander den Völkern mehr dient als das Gegeneinander: die Idee der europäischen Integration, die Schritte zur Union. Wenngleich auch heute noch Spielarten früherer Verhaltensmuster spürbar sind: von der Bevormundung, Lagerbildung und Abgrenzung.

Woran wir glauben – was wir denken

Europa eher als Idee und weniger als Raum zu begreifen, hat Tradition. Prägungen des Glaubens und des Denkens stehen dabei im Vordergrund, weniger die Geografie. Mehr als anderthalb Jahrtausende waren Europas Herrschaftsformen und Kulturen vor allem vom Christentum geprägt, trotz mehrfacher Spaltung im Glauben. Aber ohne die jüdischen Ursprünge keine Christenheit, und selbst wer bestreitet, dass der Islam zu Europa »gehört«, kann nicht verleugnen, dass einige Epochen im Südwesten und Südosten unseres Kontinents wesentlich durch ihn geprägt wurden. Doch wich die Religion ohnehin nach und nach der Aufklärung und den neuzeitlichen »Ismen«: Liberalismus, Kapitalismus, Nationalismus, Kommunismus im Zeichen eines zunehmenden Säkularismus. Die Ursprünge wirkmächtiger Ideen, aber auch totalitärer Ideologien – sie liegen auf dem »alten« Kontinent.

Was uns antreibt – was wir uns nehmen

Europa ist zudem der Erdteil enger Räume und der Küsten! Ein ruheloser Kontinent, dessen treibende Kräfte immer wieder nach neuen Ufern strebten. Kein Zufall, dass von hier aus die Welt entdeckt wurde, von den Wikingern über Magellan bis zu Humboldt und Amundsen. Der Globus wurde zum Spielfeld europäischer Machtinteressen – und durch die Begegnung mit anderen Erdteilen, den Austausch von Gütern und Gedanken veränderte sich auch das eigene Dasein. Auf die Entdeckung folgte die Eroberung. Im Wettbewerb um Kolonien teilten die Europäer die Welt unter sich auf, in der anmaßenden Haltung, Menschen anderer Kontinente überlegen zu sein. Nicht nur das gewaltige Amerika wurde europäisch geprägt, zwei Drittel der Welt nahm Europa in der Neuzeit in Besitz – auf Zeit. Eine Geschichte von Unternehmergeist, Tatendrang und Mut. Aber auch von Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und Widerstand.

Der Mythos vom Raub der Europa, die dem Kontinent später ihren Namen gab, hat neben vielen anderen Künstlern auch Tizian inspiriert. Gemälde von 1562. Foto: Bridgeman Images, Berlin (Isabella Stewart Gardner Museum, Boston)

Was wir erschaffen – was wir beherrschen

Neben der Unterwerfung der Welt steht Europas bleibender Beitrag zur Weltkultur. Good old Europe verdankt die Menschheit unzählige Meisterwerke, der Architektur, der bildenden Künste, der Musik, der Philosophie und der Literatur. Ob das Kolosseum oder der Eiffelturm, die Mona Lisa oder Monets Seerosen, Vivaldis »Vier Jahreszeiten« oder die Songs der Beatles, Platons Politeia oder Goethes Faust. Hinzu kommt eine große Zahl bahnbrechender Entdeckungen und technischer Erfindungen, ob die Dampfmaschine, die Batterie, das Automobil, das Penizillin oder die Kernspaltung. Wenn man von klassischen Epochen spricht, von Errungenschaften mit zeitloser universeller Geltung und Ausstrahlung, führen viele Wege nach Europa. Es geht um herausragende Namen, bedeutende Werke und ihre Wirkung, um Europäisches, das zum Weltmaßstab wurde.

Wohin führt der gemeinsame Weg? Foto: Fotolia, Berlin (bluedesign)

Wo wir stehen – was uns bleibt

Ist der schöne Götterfunken Freude, von der Schillers »Ode« und Beethovens »Neunte« künden, in Europa erloschen? Offiziell hat es ja nur die Musik und nicht der Text zur europäischen Hymne gebracht, damit nicht etwa eine Sprache oder ein Kulturraum bevorzugt wird. Heute gibt es jedoch drängendere Probleme: Finanzkrisen, Schuldenberge, Flüchtlingswellen, Brexit, Konflikte um Werte und Ziele haben in Europa Skepsis an die Stelle früherer Aufbruchstimmung rücken lassen. Was sind die Leitlinien für die europäische Zukunft? Am derzeitigen »Staatenverbund« allenfalls festhalten oder Bahn frei für eine Bundesrepublik Europa? Mehr Kompetenzen in zentralen Politikbereichen zulassen oder lieber doch nicht, vielleicht sogar etwas zurückrudern, um Druck aus dem Kessel zu nehmen? Es bleibt wohl auf absehbare Zeit erst einmal beim Krisenmanagement, beim Navigieren auf Sicht.

Doch gibt es ja auch noch die andere Erfahrung: das Europa der gemeinsamen Kultur, des selbstverständlichen Austauschs, der alltäglichen Begegnung, der Freizügigkeit, der Musik und des Sports – vom Eurovision Song Contest bis zur Champions League. Und was sagen die Umfragen? Wie denken die Bürger über die Union, wie über ihre Nachbarn, was erwarten sie von der gemeinsamen Zukunft? Auch davon handelt dieses Buch.

Quo vadis, Europa?

Peter Arens Stefan Brauburger

Helm von Sutton Hoo, Replik um 1970 nach Original aus 7. Jh. v. Chr., British Museum, London.

Foto: imago/ZUMA Press

Woher wir kommen – wer wir sind

Urgeschichte – Geografie, Klima und erste Europäer

Beim Betrachten einer Weltkarte ist es nicht allein der Stauchungseffekt, der Europa winzig klein erscheinen lässt. Auch auf einem die wahren Proportionen berücksichtigenden Globus ist unser Heimatkontinent alles andere als ein Flächengigant, gemessen an seinen Geschwistern Afrika, Amerika oder Asien. Ganz Europa ist kaum größer als die Sahara. Seine geringe Größe hat es allerdings spätestens seit den Hochkulturen der Antike, erst recht im Mittelalter und in der Neuzeit durch eine pralle Fülle an geschichtsmächtigen Ereignissen und Kultursprüngen wettgemacht. Auf diesem kleinen Raum ist in den letzten 3000 Jahren unendlich viel passiert, mit großer Wirkung auf Europa selbst und auf andere Erdteile wie insbesondere Amerika, als Millionen Europäer sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufmachten, in der Neuen Welt ihre neue Heimat zu finden. Da Europa als geografischer Kontinent nicht viel hermacht, eigentlich nur ein westliches Anhängsel Asiens ist, seine Kultur aber Weltgeltung erlangt hat, wird gerne ein Wort des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy zitiert: »Europa ist kein Ort, sondern eine Idee.«

Aber sind die geografischen Rahmendaten wirklich so unerheblich für diese Ideenmacht? Europa wird besonders durch seine enge Besiedlung charakterisiert. Mehr Einwohner pro Quadratkilometer weist nur Asien auf, doch keiner der fünf großen Erdteile hat auf die Fläche umgerechnet mehr Länder als Europa. Hier verteilen sich offiziell 50 Staaten auf rund 10 Millionen Quadratkilometern, in Amerika sind es 35 Staaten auf rund 43 Millionen Quadratkilometern.

Es ist die dichte Besiedlung in relativ kleinräumigen Landschaften, die in den letzten Jahrtausenden aufgrund von Nachbarschaft, Handelsbeziehungen und Migration für eine rege Durchmischung von Völkern und Kulturen gesorgt hat. Unterschiedlichste Landschaften und Lebensräume haben den Horizont von Griechen, Kelten, Römern und Germanen durch alle Zeiten hindurch erweitert. An den einander zugewandten Küsten des Mittelmeers kam es spätestens im 2. Jahrtausend v. Chr. zu intensivem Seehandel, der Waren und Ideen aus verschiedenen Kulturen zusammenbrachte. Ab dem 1. Jahrtausend v. Chr. brachen Reisende durch die Straße von Gibraltar zu den Gestaden des Atlantiks auf und gelangten so in den hohen Norden. Mächtige Gebirgszüge wie die Alpen und die Pyrenäen boten mit ihren Tälern Siedlern fruchtbare Landschaften, Tiere als Nahrungsquelle und wichtige Rohstoffe wie Salz und Eisenerze. Handel wurde betrieben über zugängliche Pässe oder große, schiffbare Ströme wie Rhein und Donau. Richtung Osten veränderte sich das Land zur Steppe und stellte eine Brücke nach Asien dar, über die von jeher neue Volksgruppen nach Zentral- und Westeuropa einwanderten – wie vor rund 6000 Jahren die sogenannten Indoeuropäer, die wahrscheinlich aus Südrussland aufgebrochen waren und deren Sprache zum Fundament fast aller europäischen Sprachen wurde. Im hohen Norden verlief die Besiedlung aufgrund des arktischen Klimas mit lichtarmen Tagen langsamer, im Nordosten verliert sich unser Kontinent in Tundra und Permafrost irgendwo im Ural.

Auch die klimatischen Verhältnisse in Europa sind für den Menschen äußerst vorteilhaft. Insbesondere in der Mitte Europas ist der Wechsel der Jahreszeiten ausgeprägt, was unsere seelische und künstlerische Disposition positiv beeinflusst haben dürfte, kennen wir doch das Hochgefühl von Frühling und Sommer ebenso wie die Melancholie von Herbst und Winter. Allen voran der Mittelmeerraum als Wiege der europäischen Kultur hat stets von seinen milden Wintern und trockenen Sommern profitiert. Hier gelten Nutzpflanzen wie Weintraube und Olive als wichtige Faktoren für frühe, prosperierende Besiedlungen – nicht von ungefähr verkörpern sie auch heute noch besonderen kulinarischen Charme.

Die Tabelle ist als grobe Gliederung zu verstehen, da sich insbesondere ab der Eisenzeit die Kultur in Europa unterschiedlich entwickelt hat. Je nach Region haben sich in Ost-, Süd-, Mittel- und Nordeuropa die Metallverarbeitung sowie die Verwendung der Schrift unterschiedlich schnell verbreitet.

Epochen in Europa

800 000 v. Chr.

Die ersten Vorläufer des Menschen lassen sich in Europa nachweisen, der berühmteste frühe Fund stammt vom Homo heidelbergensis (ca. 500 000 v. Chr.).

250 000–ca. 27 000 v. Chr.

Der Neandertaler behauptet sich in Europa, stirbt aber um 27 000 v. Chr. aus beziehungsweise geht im Homo sapiens auf.

60 000 v. Chr.

Der moderne Mensch, der Homo sapiens, wandert von Afrika nach Europa ein. Beginn der Höhlenkunst, wovon die Fundorte Chauvet (rund 30 000 Jahre v. Chr.) und Lascaux (um 16 000 v. Chr.) im heutigen Frankreich eindrucksvoll Zeugnis ablegen.

Ab 9600 v. Chr.

Beginn des Holozäns, unseres heutigen Zeitalters. Ab 12 500 v. Chr. Ende der Eiszeit und einsetzender Klimawandel mit warmem und feuchtem Wetter.

Ca. 7000–2300 v. Chr.: Neolithikum

In der Jungsteinzeit verändert sich der Kontinent im Vergleich zu anderen Epochen am grundlegendsten. Neue Technologien, Kulturen und Ideen werden von den Menschen aufgenommen. Die Entwicklung von Sesshaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht und Keramikherstellung wird als »neolithische Revolution« bezeichnet. Durch das Ansteigen des Meeresspiegels wird Britannien vom Festland abgetrennt. Große steinerne Megalithstrukturen wie Carnac in der Bretagne und Stonehenge in England entstehen.

Etwa 2500 – 800 v. Chr.: Bronzezeit

Menschen entdecken Bronze als Legierung aus Kupfer (90 %) und Zinn (10 %) und nutzen es für handwerkliche Geräte, Waffen und Schmuck. Kriegskulturen entstehen, der Fall Trojas um 1200 v. Chr. wird um ca. 800 v. Chr. von Homer aufgeschrieben.

800 v. Chr. bis christliche Zeitenwende (Christi Geburt): Eisenzeit

Eisen wird zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen verwendet. Mit der sogenannten Hallstatt-Kultur um 800 v. Chr. beginnt die Zeit der Kelten, ihre kulturelle Blüte erleben sie um 200 v. Chr.

Christliche Zeitenwende bis 800: Frühgeschichte und Antike

Diese Epoche ist charakterisiert durch den Gegensatz zwischen kulturell entwickelter Antike und den schriftlosen Völkern des Nordens, insbesondere den Germanen. Mit der sukzessiven Annahme des Christentums und der Einführung der Schrift endet bei diesen die »alte« Zeit.

800 – 1500: Mittelalter

Im Mittelalter entsteht die europäische Moderne, mit bedeutenden städtischen Kulturen, mit Kathedralen, Universitäten und Banken.

Ab 1500: Neuzeit

Epochale Wegmarken sind die Gutenberg-Druckpresse, die Reformation und die Entdeckung Amerikas (das Mittelalter wurde erst im Nachhinein als die mittlere Epoche zwischen Antike und Neuzeit bezeichnet).

Schauen wir auf den großen Klimamaßstab der letzten Jahrmillionen, um unser heutiges Wetter, dessen Erwärmung uns Sorgen bereitet, besser einordnen zu können. Insgesamt gesehen leben wir derzeit in einem europäischen Eiszeitalter. Innerhalb dieser Eiszeit allerdings, dem seit 2,6 Millionen Jahren andauernden Quartär, profitieren wir von einer Warmphase. Wir leben im Holozän, das ca. 9600 v. Chr. begonnen hat und das klimahistorisch andauert. Bis dahin hatte ein Eispanzer über Irland, Britannien, den norddeutschen Tiefebenen und Skandinavien gelegen, auch über den Alpen und den Pyrenäen. Der Meeresspiegel lag 135 Meter niedriger als heute, England gehörte noch zum Kontinent. Dann kam es zu einer langsamen Erwärmung Europas, in dessen Folge sich sozusagen ein geografischer Brexit ereignete: Das Eis schmolz ab, die britische und südskandinavische Landmasse hob sich an, und Britannien und Irland wurden ab ca. 6000 v. Chr. zu Inseln. Auch die Gletscher im Alpenvorland schmolzen ab, das Wasser sammelte sich in Seen. Mittelmeerwasser strömte ins Schwarze Meer, die Becken von Nord- und Ostsee entstanden. Jetzt formte sich langsam die endgültige geografische Gestalt unseres Kontinents. Durch zunehmende Niederschläge entstanden große Wälder in Mitteleuropa, welche die Grassteppen ersetzten. Dadurch nahmen die Hirsch-, Reh- und Wildschweinpopulationen zu, während die typischen Eiszeittiere Mammut und Rentier nach Nordeuropa auswichen.

Was ist mit dem Menschen der europäischen Urgeschichte (um nicht den Begriff »Vorgeschichte« zu verwenden, denn dieser Terminus würde den frühen Menschen aus unserer Geschichte ausschließen)? Man nimmt an, dass seit 800 000 Jahren Lebewesen der Gattung Homo in Europa leben. Der erste fassbare Europäer ist ausgerechnet ein »Deutscher«, nämlich der Homo erectus heidelbergensis, von dem in der Nähe von Heidelberg ein Unterkieferfragment gefunden wurde. Eigentlich ist es aber erst der berühmte Neandertaler, mit dem ab ca. 200 000 Jahre vor unserer Zeit aufgrund einer viel besseren Fundlage eine signifikante Besiedlung in Europa nachweisbar ist. Dessen Premierenexemplar wurde ebenfalls in Deutschland entdeckt, im Neandertal nahe Düsseldorf. Er ist noch kein anatomisch moderner Mensch, mit seinem kräftigen Schädel, den charakteristischen Bögen über der Nase und dem gedrungenen Körper, aber er war als wandernder Jäger und Sammler erstaunlich gut angepasst an das kalte Klima seiner Zeit und hielt sich noch lange Zeit, nachdem bereits vor etwa 60 000 Jahren der Homo sapiens, der moderne Mensch, die europäische Bühne betreten hatte. Ab 26 000 v. Chr. starb der Neandertaler aus, unter bis heute nicht geklärten Umständen – wahrscheinlich wurde er in weniger günstige Regionen abgedrängt beziehungsweise assimilierte sich mit dem modernen Menschen.

Die Karte verdeutlicht anhand der Fundstellen, welche Art von Kunst in welcher Häufung der moderne Mensch des Jungpaläolithikums hinterlassen hat (40 000 v. Chr. bis Ende Kaltzeit und Beginn Holozän 9000 v. Chr.). Das heutige Frankreich stellt den Schwerpunkt dar, gefolgt von der Iberischen Halbinsel.

Homo sapiens – Sesshaftwerdung und frühe Kunst

Für die Evolutionsgeschichte des kulturell modernen Menschen ist Europa von herausragender Bedeutung, weil sich hier eine wesentlich bessere archäologische Fundsituation als auf den anderen Kontinenten zeigt. Der moderne Homo sapiens läutete eine neue Zeit ein. Er war vor ca. 100 000 Jahren aus Afrika über den Nahen Osten eingewandert und erreichte Europa um 60 000 v. Chr. Jetzt ging es vergleichsweise schnell, die Werkzeuge wurden feiner (erst waren sie aus Stein, dann aus Knochen, Holz und Elfenbein), die Waffen für die Wildtierjagd effektiver (erst Speere mit Stein-, dann Holzspitzen, dann Speerschleudern, Pfeil und Bogen), kognitive und künstlerische Fähigkeiten entwickelten sich weiter. Die Menschen begannen über die Zeit nach dem Tod nachzudenken (erst Bestattungen im offenen Gelände, dann Kollektivgräber, schließlich Einzelgräber mit Beigaben). Sie bedienten sich einer differenzierteren Sprache, entwickelten ein Verständnis für Ästhetik und Schönheit. Nach dem Prähistoriker Hermann Parzinger besteht »in der Forschung inzwischen Einigkeit, dass sich der Homo sapiens des Jungpaläolithikums ab 40 000 vor heute in seinen kulturellen Fähigkeiten nicht mehr grundlegend vom heutigen Menschen unterschied«. Erste Höhlenmalereien und Kleinstatuen entstanden ab ca. 38 000 v. Chr. In diese Zeit muss auch die Aufhellung der Haut gefallen sein, die mehr Sonnenlicht aufnehmen konnte zur Gewinnung des wichtigen Vitamins D gegen Knochenschwund. Der sogenannte Cro-Magnon-Mensch, benannt nach dem Fundort Cro-Magnon bei Les Eyzies in der Dordogne, ist der Prototyp des Homo sapiens. Diese Region ist der Hotspot einer »pittoresken« Höhlenlandschaft. Hier hatten die Menschen sozusagen ein festes Felsdach über ihrem Kopf, sodass erstmals längere Verweildauern und dichtere Besiedlungen möglich waren. Von 220 bekannten Höhlen befinden sich 180 in Südfrankreich und Spanien.

In La Roque-Gigeac, einem der schönsten Abschnitte des Dordognetals, beherbergen die hoch aufragenden Felsklippen Höhlenunterkünfte mit vielen Gängen. Foto: Arens, Peter

Den bedeutendsten Umbruch in seiner Geschichte vollzog der Mensch ab 7000 v. Chr. im Neolithikum, als sich die Landwirtschaft im heutigen Europa immer mehr durchsetzte und letzte Jäger- und Sammlerkulturen an den Rand drängte. Bis heute hat es in der Kulturgeschichte Europas wohl keinen vergleichbar grundstürzenden Wandel mehr gegeben, höchstens ließe sich noch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert als Mitbewerber anführen. Mit Sesshaftwerdung, Ackerbau und Viehzucht wuchsen gleichzeitig die Bedeutung von gemeinschaftlicher, organisierter Arbeit sowie die Notwendigkeit, in Familien oder Sippen zu leben. Wer beklagt, dass irgendwann regelmäßige Arbeit in die Welt kam, kann das Neolithikum zur Rechenschaft ziehen. Merkmale der Neolithisierung waren die Domestikation von Wildpflanzen und Wildtieren, die planvolle Produktion von Lebensmitteln und die ersten Keramikerzeugnisse in Form von Schalen und Krügen, um Lebensmittel lagern zu können. Wenn diese frühen Menschenstufen mit eigenartig anmutenden Kunstwörtern wie »Linearbandkeramik« (5700–4100 v. Chr.) oder »Schnurkeramik« (ca. 2800–2200 v. Chr.) bezeichnet werden, sind damit die typischen Verzierungen auf den Keramikschalen gemeint; bei der Trichterbecherkultur (4200–2800 v. Chr.) verweist der Fachbegriff auf den typischen Trichter am oberen Becherrand. Die »neolithische Revolution« – der Begriff wurde in den 1930er-Jahren von dem australischen Archäologen Gordon Childe geprägt – hatte im Vorderen Orient begonnen, verbreitete sich weiter über Anatolien, die Ägäischen Inseln und die Balkanhalbinsel und erreichte mit den Bandkeramikern 5700 v. Chr. schließlich Mitteleuropa, wenige Jahrhunderte später die Gebiete von Rhein und Seine. Erst geraume Zeit später gelangten sesshafte Lebensweise und produzierendes Wirtschaften auch auf die Britischen Inseln, nach Skandinavien und ins Baltikum, womit sich ein Kulturgefälle zwischen Nord- und Südeuropa herausbildete.

Les Eyzies, die Urheimat des Cro-Magnon-Menschen. Hier wurden 1868 fünf rund 30 000 Jahre alte Skelette gefunden. Der kleine Ort in der Dordogne bezeichnet sich gern als das Zentrum der prähistorischen Welt. Foto: Arens, Peter

In die Bronzezeit von ca. 2200 bis 800 v. Chr. schieben sich bereits erste Hochkulturen wie diejenigen Vorderasiens und Ägyptens, womit wir die europäische Urgeschichte langsam verlassen. Die Fähigkeit des Menschen, aus 90 Prozent Kupfer und 10 Prozent Zinn das wesentlich härtere Metall Bronze herzustellen, führte aufgrund von prestigeträchtigen Luxusgütern wie wertvollem Schmuck zu einer Bedeutungssteigerung von individuellem Eigentum und damit zu einer ersten wirklichen Ausprägung von sozialen Hierarchien und Herrschaftsstrukturen. Um das kostbare Metall und dessen Folgeprodukte zu lagern, mussten festere Siedlungsorte geschaffen werden, frühurbane Strukturen mit Handelszentren und ersten Palästen entstanden. Auch die Waffenkultur wurde effektiver, das Schwert kam auf, womit kriegerische Auseinandersetzungen zunehmend europäische Geschichte schrieben.

Das Indogermanische

Deutsch, Französisch und Englisch, aber auch Hindi, Griechisch und Farsi lassen sich auf eine gemeinsame Ur-Sprachfamilie zurückführen, auf das Indogermanische. Lediglich Ungarisch, Finnisch und Baskisch zählen in Europa nicht dazu. Es war der deutsche Sprachwissenschaftler Franz Bopp, der diese Ursprache künstlich rekonstruiert hat, indem er systematisch die grammatischen und lexikalischen Gemeinsamkeiten verschiedener Sprachen herausarbeitete (1816). Im Namen Indogermanisch steht »indo« (indisch) für die östlichste Ausprägung und »germanisch« für die westlichste, heute ist aber eher der korrektere Begriff »indoeuropäisch« üblich. Die indoeuropäische Sprachfamilie kennt heute rund 440 Einzelsprachen, die insgesamt von rund zwei Dritteln der Weltbevölkerung gesprochen werden.

In der Folge hat man versucht, die Ursprache auf ein ethnisch zusammenhängendes Urvolk zu beziehen. Dieses soll aus dem heutigen Südrussland in der Nähe des Schwarzen Meeres stammen, aus der sogenannten Kurgankultur. Die Forschung bietet hier jedoch kein einheitliches Bild. Als die Indogermanen (oder Indoeuropäer) zwischen 4000 und 2000 v. Chr. nach Europa, Anatolien und Indien auswanderten, entwickelte sich die indogermanische Sprachfamilie auseinander. In unserem Sprachraum vermischten sich die Einwanderer mit den Menschen zwischen Rhein und Elbe. Daraus entstand das Germanische (und daraus wiederum dann später das Althochdeutsche oder das Altenglische), weiter im Süden entwickelten sich die romanischen Sprachen.

Aus der Urgeschichte Europas stechen zwei besondere Kulturleistungen hervor, bevor Metalle die Kultur des Menschen revolutionierten: die Höhlenmalereien und die Megalithkultur mit ihren imposanten Steingroßbauten. Beide sind von elementarer Bedeutung, da sie als künstlerisch-architektonische Artefakte erster Ausdruck von reflektierter, über den reinen Lebenserhaltungstrieb hinausgehender Aktivität des Menschen sind. Der Mensch beginnt, Geschichte zu gestalten. Die älteste bisher entdeckte Höhlenmalerei sind die Handabdrücke in der nordspanischen El-Castillo-Höhle (um 38 000 v. Chr.). Spektakulärer ist die nächstjüngere Höhle von Chauvet (um 30 000 v. Chr.) im Tal der Ardèche, mit nicht weniger als 400 Wandmalereien und 1000 Tier- und Symbolbildern auf einer Raumfläche von 8140 Quadratmetern. Die Bilder faszinieren auch deshalb, weil die künstlerische Absicht unverkennbar ist. Selbst in der Natur einander feindliche Tiere sind in friedlicher Koexistenz gemalt, ohne jede Aggressivität, oft sollen Verdoppelungen von Körpern Bewegung darstellen. Indem Reliefs der Wände gezielt genutzt, manche Stellen sogar abgekratzt wurden, gewinnen die Tierdarstellungen enorm an Plastizität und werden dreidimensional. Auch aus diesem Grund drehte Werner Herzog eine der weltweit ersten 3-D-Filmdokumentationen in der Chauvet-Höhle (»Cave of Forgotten Dreams«, 2010).

Kaum zu glauben, dass der Eiszeitmensch vor 30 000 Jahren ein solches Felsgemälde hat erschaffen können. Besonders beeindruckt hier in der Höhle von Chauvet die naturalistische, genaue Wiedergabe von Nashorn und Pferd, wobei die vier Pferde in ihrer Staffelung perspektivisch angeordnet sind. Foto: picture alliance, Frankfurt (CPA Media Co.)

Die wohl berühmteste Höhle ist diejenige von Lascaux (um 16 000 v. Chr.) im Tal der Vézère in der Dordogne, die 1940 zufällig von spielenden Kindern entdeckt wurde. Auch in Lascaux beeindruckt neben der intensiven Lebendigkeit der Motive insbesondere deren künstlerische Ambitioniertheit. Dass Menschen der Jungsteinzeit Tiere mit derartiger Ausdruckskraft und so großem Detailreichtum malen konnten, erscheint wie ein Wunder. Manchmal meint der Betrachter auch Ironie und Humor in den Bildern ausmachen zu können. Die Mischwesen – Menschen in Tierhäuten oder mit Hörnern –, die vermutlich Schamanen darstellen sollen, offenbaren künstlerische Fantasie. Ein Mann mit Vogelkopf und erigiertem Penis ist hier zu sehen. Pfostenlöcher im Boden deuten auf die Verwendung von Gerüsten hin, daneben wurden Pinsel und Blasrohre gefunden (an die Felswand gepresste Hände wurden mit Farbe übersprüht). Über die Funktion der Malereien herrscht in der Forschung keine Einigkeit. Da viele Symbole und Fußabdrücke auf kleine Körper hinweisen, sind Initiationsriten an der Schwelle zum Erwachsensein sehr wahrscheinlich. Oft sind diese Höhlen schwer zugänglich, nur über schmale, niedrige Gänge erreichbar, was ebenfalls für die Nutzung der Höhlen durch Kinder und Jugendliche spricht. Um 5000 v. Chr. wurde die Höhlenkunst aufgegeben, warum, weiß niemand. Zu besichtigen ist die Höhle von Lascaux nicht, weil der menschliche Atem mit seiner Feuchtigkeit zu Schimmelbefall an den Wänden führt. Wie neuerdings in Chauvet existiert aber auch in Lascaux ein aufwendig gestaltetes Besucherzentrum, das die Originalhöhle detailgenau nachbildet. Wie unfassbar beeindruckend und schön die Höhlenmalereien sind, kann nur nachvollziehen, wer sie vor Ort persönlich in Augenschein nimmt – Abbildungen in Büchern reichen da nicht heran. Als Pablo Picasso erstmals diese Malereien sah, meinte er: »Wir haben nichts dazugelernt.«

Rund 15 000 Jahre später ist das Tiertableau der Künstler noch umfangreicher und farbenprächtiger geworden. Motive in der Höhle von Lascaux sind vorwiegend Auerochsen, Rentiere und Wildpferde. Die Farben sind aus gemahlenem Gestein wie Eisenoxid (Orange, Gelb und Rot) und Manganoxid (Schwarz) angerührt. Foto: picture alliance, Frankfurt (CPA Media Co.)

Die frankokantabrischen Höhlenmalereien sind laut Hermann Parzinger ein erster Ausdruck von Weltkunst, weil sie für Reflexion, Abstraktionsfähigkeit, Planung und Kommunikation stehen: »Die Eiszeitkunst hat die menschliche Kulturgeschichte über 25 000 Jahre lang nachhaltig geprägt.« Neben den Malereien zählen auch Kleinplastiken von Menschen, Tieren oder Mischwesen aus Elfenbein oder Sandstein dazu, wie der 30 Zentimeter große Löwenmensch (um 35 000 v. Chr.), eine Elfenbeinstatue mit dem Kopf eines Menschen und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen. Er stammt von der Schwäbischen Alb, die, wie kaum einer weiß, zu den aufregendsten Kulturregionen der Welt gehört. Denn in den Höhlen um Blaubeuren und Schelklingen sind zahlreiche Figuren gefunden worden, die zu den ältesten Kunstwerken der Menschheitsgeschichte gehören. Absoluter Star neben dem Löwenmenschen ist die Venus vom Hohlen Fels, eine nur sechs Zentimeter hohe Frauenfigur aus Elfenbein, sichtbar gestaltet mit voluminösen Brüsten, 40 000 Jahre alt und seit Juli 2017 endlich UNESCO-Welterbe.

Die Steinsetzungen von Carnac, am Golf von Morbihan in der Bretagne. Foto: picture alliance, Frankfurt (Minden Pictures),

Beschließen soll unseren Blick auf die Urgeschichte allerdings ein anderes, optisch atemberaubendes und bereisbares Zeugnis der ältesten Kunst europäischer Menschen: die Megalithkultur, aus der Zeit zwischen 4500 und 2000 v. Chr., deren herausragende Orte Carnac in Frankreich und Stonehenge in England sind. Die meisten dieser Großsteinbauten entstanden in den küstennahen Gebieten von Mittelmeer und insbesondere Atlantik, von der Bretagne über England und Irland beziehungsweise die Norddeutsche Tiefebene bis nach Skandinavien. Im Norden findet man sogenannte Hünengräber, Kammern aus großen Findlingen, die als Kollektivgrabstätten genutzt wurden. Im bretonischen Carnac stehen bis zu 3000 Findlinge, sogenannte Menhire, aufrecht zu einem gigantischen Ensemble geordnet, ursprünglich wohl auf einer Länge von acht Kilometern. Sie hatten allerdings keine Begräbnisfunktion, sondern dienten kultischen oder astronomischen Zwecken.

Mehr als eine Million Menschen besuchen jährlich die Kolosse von Stonehenge in Südengland. Foto: Arens, Peter

Die berühmteste Steinkreisanlage steht in Stonehenge bei Salisbury, der jüngsten Megalithkultur (erst ab 3000 v. Chr.). Hier ist die astronomische Bedeutung offenkundig, da einzelne Steine nach dem Sonnenverlauf und seinen Wendepunkten ausgerichtet sind. Der Zugang der Anlage weist bei der Sommersonnenwende genau in die Richtung, in der die Sonne aufgeht. Neben der rituell-kulturellen Bedeutung von Stonehenge beeindrucken insbesondere die Bedingungen ihrer materiellen Entstehung. Bis zu 50 Tonnen schwere Steine mussten über große Entfernungen transportiert werden, von mehreren Hundert Mann, wahrscheinlich auf Schlitten, manche gar aus über 200 Kilometern Entfernung. Man kann sich vorstellen, wie viel Koordination und technischer Verstand im Spiel gewesen sein müssen – und dies zu einer Zeit, in der die Menschen anderes zu tun hatten, um zu überleben. Daher ist die Megalithkultur, wie auch die Höhlenmalereien, von einzigartiger Bedeutung für die Frage, ab wann der Homo sapiens als ein schöpferisches, fein operierendes, sich Gedanken machendes Wesen zu verstehen ist, das gemeinschaftlich Kunst und Architektur erschuf, um Antworten auf die ihn umgebende, rätselhafte Welt zu finden.

Die griechischen Wurzeln Europas

Während ein Großteil des späteren Europa noch in der Steinzeit lebt, geschieht in der Region des heutigen Griechenland Erstaunliches. Kein Gründungsakt selbstredend, keine Geburtsurkunde und kein Feiertag sind überliefert, denn alles geschieht nach heutigen Maßstäben langsam und mäandernd. Für die Zeitgenossen war es nicht spürbar, dass hier in kultureller Hinsicht Europa aus der Taufe gehoben wurde: Auf der Insel Kreta brach um 2500 v. Chr. die Bronzezeit an, und etwa 500 Jahre später standen in Knossos und Phaistos mehrstöckige Paläste, deren imposante Mauern noch heute von Wissenschaftlern und Touristen bestaunt werden können. Wiederum anderthalb Jahrtausende später flanierten in Athen disputierende Philosophen zwischen den schlanken Säulen marmorner Gebäude. Der Mensch versuchte, die Regeln der Welt zu erfassen, in naturwissenschaftlicher und philosophischer Hinsicht. Er stellte Fragen und fand Antworten, von denen viele heute – Jahrtausende später – noch immer grundlegend sind.

Die Ausgrabungsstätte des Palastes von Knossos, einer der größten minoischen Anlagen auf Kreta. Das Bauwerk mit den roten Säulen ist eine Rekonstruktion. Foto: picture alliance, Frankfurt (ZB/Daniel Gammert)

Mit ihrer minoischen Kultur steht die Insel Kreta kulturell am Anfang dessen, was wir heute als »europäisch« bezeichnen – so verschieden die Erscheinungsformen auch sein mögen, die Historiker, Philosophen und andere Forscher darunter verstehen. Von Kreta aus nahm eine intellektuelle Prägung ihren Anfang, die sich über das griechische Festland, das Weltreich Alexanders des Großen und das Römische Reich in den folgenden Jahrhunderten verbreitete. Es ist die Basis eines kollektiven Gedächtnisses, dessen Bedeutung bis zum 19. und 20. Jahrhundert für den europäischen Bildungskanon absolut bestimmend war. Höhere Bildung fußte noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vor allem auf dem Studium alter Sprachen, der Geschichte der Antike, ihrer Literatur, Philosophie und Kunst. Unzählige Generationen von Europäern ließen ihre Kinder mit Altgriechisch eine Sprache lernen, die niemand mehr aktiv anwendete – und mit dem Lateinischen in der Regel gleich noch eine zweite. Nahezu alle Eckpfeiler der europäischen Kultur – ausgenommen Religion und Rechtsprechung – haben ihren prägenden Vorläufer im antiken Griechenland: Die unsere Gegenwart bestimmende politische Ideenwelt ist die der Demokratie, die in den Stadtstaaten Griechenlands ihren Anfang nahm. Die Naturwissenschaften beginnen mit den philosophischen Gedanken eines Thales von Milet, eines Anaximander oder eines Hesiod. Emotional am nächsten sind uns die alten Griechen sicherlich in der Literatur, wo die Grundzüge der homerischen Epen, der tragischen Stücke des Sophokles oder der Komödien des Aristophanes sich über die Jahrhunderte tradiert haben und noch heute zum festen Kanon der literarischen Welt und auch der modernen Filmindustrie gehören. Und nicht zuletzt: Wie hätte sich Europa entwickelt ohne die geistigen Konstrukte, die Fragen und Antworten des philosophischen Dreigestirns Sokrates, Platon und Aristoteles? »Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen« ist ein sprichwörtlich gewordener Satz des Aristoteles (Politik V, 4). In der Tat wurde die Basis des modernen Europa vor Jahrtausenden im antiken Griechenland gelegt.

Unzählige Europäer haben seither dazu beigetragen, sie weiterzuentwickeln. Dies ist umso erstaunlicher, da kein militärischer Siegeszug das kulturelle Griechentum mit Feuer und Schwert in andere Länder gezwungen hat. Es war offenbar der Reiz der Kultur selbst, was ihr modifizierendes Überleben bis in unsere Zeit ermöglicht hat. Die Ästhetik, die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung, nahm im antiken Griechenland ihren Anfang. »Aisthesis« war ursprünglich alles, was die Sinne bewegte. Das Schöne ebenso wie das Hässliche. Heute wird das Wort vor allem zur Bezeichnung harmonischer Strukturen verwendet, die die meisten Menschen als angenehm empfinden. Die Griechen waren die Ersten, die solche Ideale in Skulpturen, Bronzen und Malerei festhielten, und somit gemahnt auch das menschliche Schönheitsideal des modernen Europa an die griechische Tradition. Die Muskelpartien, die ein Fußballspieler wie Ronaldo heute in verschiedenen Posen zur Schau trägt, werden von den Zuschauern genauso geschätzt wie die ähnlich definierte Statur des Doryphoros, des Speerträgers, die der Bildhauer Polyklet in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. schuf.

Doch es führt kein gerader Weg von Athen nach Brüssel. Vieles ging verloren, ganz anderes kam hinzu, und wieder anderes hat sich so stark verändert, dass die antike Wurzel kaum mehr als eine begriffliche Gemeinsamkeit liefert. So geschehen beispielsweise bei den Olympischen Spielen, denn außer der Tatsache, dass bei beiden Ereignissen sportlicher Wettkampf betrieben wird, gibt es wohl kaum Gemeinsamkeiten zwischen den vierjährlichen Zusammenkünften im antiken Olympia und dem modernen Sportspektakel. Dennoch: Von den historischen Säulen, auf denen Europa fußt, war die griechische, was ihre kulturelle Bedeutung angeht, sicherlich immer die prägendste, und sie ist es bis heute. Augenscheinlich wird dies beispielsweise in der Architektur – in vielen europäischen Hauptstädten prägen klassizistische oder historistische Gebäude das Stadtbild. Der Arc de Triomphe in Paris, die Glyptothek in München, das Parlament in Wien und viele weitere Bauwerke werden aufgrund ihrer schlichten Eleganz und der ausgewogenen Proportionen noch immer als schön empfunden. »Wir werden das Altertum nie los«, formulierte es der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, »solange wir nicht wieder Barbaren werden.«

Die Walhalla bei Donaustauf in Bayern. Architektonisches Vorbild war der Parthenon in Athen. Foto: picture alliance, Frankfurt (dpa/Armin Weigel)

Die Schöne und der Stier

Die minoische Kultur war die früheste Hochkultur der Mittelmeerregion und erlebte ihre Blüte in der Zeit von 2800 bis 1500 v. Chr. Auf Kreta entstanden die ersten Straßen Europas, mehrstöckige Palastanlagen und ein komplexes System von Frisch- und Abwasser. Auch waren die Minoer die ersten Europäer, die lesen und schreiben konnten. Ihre Buchstaben hatten die erfolgreichen Seefahrer von den Phöniziern importiert. Die Griechen, die ihnen auf Kreta nachfolgten, entwickelten daraus später ihre eigenen Buchstaben, aus denen wiederum das lateinische und das kyrillische Alphabet hervorgehen sollten. Die Entwicklung der Schrift war ein wichtiger Schritt zur Ausbildung einer Gruppenidentität. Denn nun konnten gemeinsame Erinnerungen schriftlich festgehalten und damit leichter weitergegeben werden.

Namengebend für diese Erfolgskultur am Anfang Europas war König Minos, eine wohl sagenhafte Gestalt, die das Bindeglied zu einer Vorzeit bildet, in der sich Götter und Menschen einen Lebensraum teilten und der Übergang von der Welt der Sterblichen in die der Unsterblichen fließend und manchmal sogar reversibel war. Jener Minos war der Sohn des Zeus und – viel wichtiger noch – der Europa, einer Edeldame aus dem Orient. Diese hatte sich den Göttervater allerdings nicht selbst erwählt. Zeus hatte sie am Strand Phöniziens kurzerhand geraubt und über das Wasser in seine Heimat Kreta entführt. Bis heute ist die wenig romantische Legende in den ikonografischen Darstellungen Europas verwurzelt. Die Schöne auf dem Stier ziert unzählige Mosaike, Münzen, Gemälde oder Karikaturen. Wie und warum der Name der geraubten Braut des Zeus auf einen Kontinent überging, liegt größtenteils im Dunkeln. Denn letztlich war Europa nur eine von vielen Gespielinnen des Zeus – dass ihr eine herausragende Bedeutung beschieden sein würde, geht zumindest aus der Legende nicht hervor. Ihr Name wird je nach philologischem Standpunkt mit »Frau mit der weiten Sicht« oder »Abendland« übersetzt, doch die Frage, warum zunächst eine Region in Mittel- und Nordgriechenland nach ihr benannt wurde, lässt sich nicht mehr klären. Wohl aber, wer den Namen – womöglich als Erster – auf den Subkontinent anwandte, um ihn von Asien und Afrika abzugrenzen: Im 5. Jahrhundert v. Chr. bezeichnete der griechische Geschichtsschreiber und Geograf Herodot die Landmasse nördlich des Mittelmeers und des Schwarzen Meers mit dem Namen, den die Region bis heute trägt: Europa.

Der Raub der Europa – Zeus entführt in Gestalt eines Stiers die Königstochter Europa. Wandmalerei aus Pompeji (Neapel, Museo Archeologico Nazionale). Foto: picture alliance, Frankfurt (akg-images/André Held)

Von der Vorzeit zur Klassik

Möglicherweise war König Minos bereits eine historische Gestalt oder zumindest an eine solche angelehnt. Die griechischen Geschichtsschreiber Herodot und Thukydides kennen ihn als Gründer der ersten »Thalassokratie«, einer Regierungsform, die sich auf ihre Seemacht stützte. Unter jenem Minos stieg Kreta zur beherrschenden Macht in der Ägäis auf und konnte sich behaupten, bis möglicherweise der Ausbruch des Vulkans Santorin etwa um 1500 v. Chr. der minoischen Kultur ein Ende setzte. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler waren die Zerstörungen durch die Explosion verheerend und gaben Raum für eindringende Festlandbewohner. Die Mykener, die die Oberhand auf Kreta gewannen, sind die ersten »echten« Griechen der Geschichte. Benannt nach der Burg Mykene, haben sie einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis Europas, denn die sensationellen Grabungsfunde Heinrich Schliemanns in Mykene, vor allem die sogenannte »Maske des Agamemnon«, gehören zu den bekanntesten Kunstgegenständen der antiken Welt.

Um etwa 1200 v. Chr. begann der Niedergang auch der mykenischen Kultur, und die Region versank über lange Zeit in der Nachrichtenlosigkeit. Die sogenannten »dunklen Jahrhunderte« haben uns so wenige schriftliche oder andere materielle Zeugnisse hinterlassen, dass man von einer Talsohle in der Entwicklung der Region ausgehen muss. Als die Griechen wieder aus der Versenkung auftauchten, etwa um 800 v. Chr., waren sie in viele Stämme gegliedert, bei denen sich jedoch ein gemeinsames Bewusstsein herauszubilden begann – das Hellenentum. Das bedeutete, dass man sich den Nachbarn der Region, mit denen einen größtenteils auch eine gemeinsame oder ähnliche Sprache verband, zugehörig fühlte, ohne dass man aber eine politische Gemeinschaft oder einen Verteidigungsverband gebildet hätte. In der nun anbrechenden »archaischen Zeit« entstanden zahlreiche Gemeinwesen, die teilweise von Alleinherrschern, den sprichwörtlichen »Tyrannen«, regiert wurden, zum anderen Teil aber auch eine neue Form eines Bürgerverbandes: die Polis. Hier organisierten sich die Gemeinden politisch und wirtschaftlich, in der Regel verfügten sie über eine Agora, den Marktplatz, der den Handels- und Gesellschaftsmittelpunkt der Polis darstellte. Eine Akropolis, die über der Stadt thronende Burganlage, diente der Verteidigung.

Die Poleis, deren Größe nach heutigem Verständnis oft kaum die Ausmaße eines Dorfes oder einer Kleinstadt übertraf, waren erstaunlich erfolgreiche Gebilde, die vom 8. bis ins 6. vorchristliche Jahrhundert in den gesamten Mittelmeerraum ausgriffen und »Kolonien« gründeten, die wiederum aus sich selbst verwaltenden Gemeinwesen bestanden. Jede Polis begriff sich als eigenständig und kämpfte im wörtlichen Sinn vornehmlich für ihre Interessen, sodass Krieg während dieser Jahrhunderte der weitgehende Normalzustand war. Dennoch gab es ein übergeordnetes kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich beispielsweise in regelmäßigen sportlichen Wettkämpfen äußerte. Auch das Orakel von Delphi hatte solch panhellenische Bedeutung. Doch hätten so wenige identitätsstiftende Faktoren wohl niemals ausgereicht, um ein dauerhaften »Wir-Gefühl« unter Rivalen wie beispielsweise Argos und Sparta hervorzurufen, um nur zwei der streitbarsten Poleis zu nennen. Um wirklich zusammenzuwachsen, bedurfte es – wie so oft – eines äußeren Feindes. Und dieser trat ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. in Gestalt der Perser auf den Plan.

Die Goldblechmaske, die Schliemann 1876 in die Zeit des Trojanischen Krieges datierte, entstand wohl deutlich später. Foto: picture alliance, Frankfurt (akg-images)

Europa wächst zusammen – im Staub von Marathon

Der bunte Teppich der griechischen Stadtstaaten und ihrer Kolonien stieß im Osten auf ein politisches System, das gegensätzlicher kaum hätte sein können: das gigantische Reich der persischen Könige. Nachdem es König Dareios I. gelungen war, große Teile Indiens, Thrakiens und Makedoniens seiner Herrschaft zu unterwerfen, war sein Reich das wohl größte Herrschaftsgebilde, das die Welt bis dahin gesehen hatte. Und die Expansion sollte weitergehen. Dareios griff nach den griechischen Landschaften. Eine einfache Beute, so schien es, waren doch die dortigen kleinen Gemeinschaften vornehmlich damit beschäftigt, sich gegenseitig zu bekriegen. 490 v. Chr. landete eine persische Streitmacht in Attika, nahe der Ortschaft Marathon und damit unweit Athens. Dessen Bewohner stellten sich unter ihrem Anführer Miltiades den Persern in einer offenen Feldschlacht entgegen. Der Rest ist Geschichte: Die Athener siegten, und der persische Angriff auf Griechenland war gescheitert.

Gravierender als die militärische Bedeutung der Schlacht von Marathon – die realiter wenige Folgen zeitigte – waren die langfristigen Auswirkungen. Erstmals war so etwas wie eine gemeinsame griechische Politik erkennbar gewesen. Die Athener hatten die Spartaner um Hilfe gebeten. Der Bote Pheidippides war laut Herodot zwei Tage lang von Athen nach Sparta gerannt, um das Hilfegesuch zu übermitteln (erst der römische Geschichtsschreiber Plutarch machte daraus 500 Jahre später die Legende, ein Läufer sei nach dem Sieg der Athener 40 Kilometer von Marathon nach Athen gerannt und dort mit den Worten »Wir haben gesiegt« zusammengebrochen). Die Spartaner hatten ihre Unterstützung versichert, auch wenn sie aufgrund eines Feiertages nicht sofort Truppen entsenden konnten. Direkte Hilfe hatten die Athener von der Polis Plataiai erhalten. Zehn Jahre später trafen Perser und Griechen erneut aufeinander: In der Seeschlacht von Salamis besiegte das griechische Heer unter dem Athener Themistokles die Truppen des Perserkönigs Xerxes I. Mitgekämpft hatten Gemeinwesen wie Korinth, Theben, Sparta und zahlreiche andere. Der Sieg bei Salamis und wenig später ein ähnlich bedeutender in der Schlacht von Plataiai hob die damaligen Machtverhältnisse aus den Angeln. Der David Griechenland hatte gegen den Goliath Perserreich gesiegt.

In diese Zeit fallen auch die ersten Verwendungen des Namens Europa und die Selbstbezeichnung seiner – griechischen – Bewohner als Europäer. Es war eine Schicksalsgemeinschaft, die sich unter dem Druck durch die Perser herausgebildet hatte. Für die weitere Entwicklung des Kontinents war vor allem ausschlaggebend, dass sich Athen im Kampf gegen die Perser so sehr hervorgetan hatte. Die Stadt katapultierte sich dadurch binnen weniger Jahrzehnte von einer lokalen Größe hin zur Weltmacht, deren Kultur wie kaum eine andere Europa bis heute prägt.

Die Akropolis ist noch heute das Wahrzeichen Athens. Foto: F1 online, Frankfurt (Rozbroj)

Das klassische Athen

Das meiste, was heute als »griechische Antike« erinnert wird, meint eigentlich die Geschichte Athens, jenes größten griechischen Stadtstaates, der seine Blüte in »klassischer« Zeit erlebte. Innerhalb eines einzigen Jahrhunderts, des fünften vor Christus, entstand in Athen der überwiegende Teil dessen, was das kulturelle Fundament des heutigen Europa bildet. War Athen noch um 500 v. Chr. eine Polis unter vielen gewesen, weinten die Menschen kaum 100 Jahre später über die Werke der drei großen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides, sie lachten über die Komödien des Aristophanes, sie bestaunten die Statuen der Bildhauer Polyklet oder Myron, und sie blickten auf zu der schlichten Eleganz ihrer Akropolis. Kurzum: Die Athener jener Zeit waren Menschen eines ganz neuen Typus. »Die Stadt war voller Fragen. Sie war dem Fragen vielleicht geradezu verfallen«, beschreibt der Historiker Christian Meier jene ungewöhnliche Bürgerschaft, die, vor Selbstbewusstsein strotzend, auf allen Gebieten des Geistes Neues hervorbrachte. Wie hatte es dazu kommen können?

Im 5. Jahrhundert erstreckte sich die Polis Athen über ganz Attika und beherbergte geschätzte 250 000 bis 300 000 Einwohner. Attika war damit die mit Abstand am dichtesten besiedelte Landschaft der Region, die allermeisten Poleis hatten weniger als 5000 Einwohner. Doch nur etwa 60 000 der Einwohner Athens konnten aktiv Anteil am politischen Leben nehmen. Geschätzt jeder Dritte war Sklave, der weibliche Teil der Bevölkerung hatte politisch keine Stimme, und auch die Metöken, die Unterschicht aus meist Ortsfremden, mussten außen vor bleiben. Die Lebensbedingungen waren – entgegen der kultivierten Erscheinungsform der Stadt in der kollektiven Erinnerung – äußerst einfach. Die Lebenserwartung war gering, der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft. Nur wenige Prozent der Gesamtbevölkerung gehörten zur besitzenden Klasse und verfügten über ausgedehnten Landbesitz, Sklaven und Handelsgüter. Es war also alles andere als eine im heutigen Sinne »demokratische« Gesellschaft, in der die Demokratie erfunden wurde.

»Das Zeitalter des Perikles«. Kolorierung eines Gemäldes von Philipp von Foltz (1805–1879). Foto: picture alliance, Frankfurt (akg-images)

Und doch war das, was sich vor 2500 Jahren in Athen abspielte, ein Meilenstein hin zu einer gerechteren und sozialeren Gesellschaft. Die Stadt und die zu ihr gehörende Region Attika hatten zu dieser Zeit wie fast alle anderen Poleis verschiedene Formen der politischen Organisation durchlaufen. Nach der Beseitigung des Königtums übernahmen Adelsgeschlechter die Macht, deren Herrschaft wiederum Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. durch die Tyrannen beendet wurde. Mit der Vertreibung des Tyrannen Hippias im Jahr 510 v. Chr. begannen die Bürger Athens sich in regelmäßigen Abständen auf einem Platz unweit der Akropolis zu treffen, um Dinge zu besprechen, die alle angingen, und Entscheidungen zu treffen. Für eine Volksversammlung, die regelmäßig tagte, gab es bis dahin in der Menschheitsgeschichte kein Vorbild. Die »Herrschaft des Volkes«, so die Übersetzung des Terminus »Demokratie«, nahm hier ihren Anfang.

Perikles über die Demokratie

»Wir leben in einer Staatsform, die die Einrichtung anderer nicht nachahmt; eher sind wir für andere Vorbild. Mit Namen heißt unsere Staatsform Demokratie, weil sie sich nicht auf eine Minderheit, sondern auf die Mehrheit des Volkes stützt. Es genießen alle vor dem Gesetz gleiches Recht. Allein die persönliche Tüchtigkeit verleiht im öffentlichen Leben einen Vorzug. Ein freier Geist herrscht in unserem Staatsleben, jedermann hat freien Zutritt zu unserer Stadt. Wir führen ein Leben ohne Zwang. Reichtum ist bei uns zum Gebrauch in der rechten Weise, aber nicht zum Prahlen da. Armut einzugestehen bringt keine Schande, wohl aber, nicht tätig aus ihr fortzustreben. In der Hand derselben Männer ruht die Sorge für die privaten wie die öffentlichen Angelegenheiten. Bei uns gilt einer, der dem politischen Leben ganz fern steht, nicht als ungeschäftig oder faul, sondern als unnütz. Unser Volk hat in den Fragen der Staatsführung mindestens ein Urteil, wenn nicht sogar fruchtbare eigene Gedanken. Mit einem Wort sage ich: Unsere Stadt ist die hohe Schule Griechenlands.«

(Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Bd. 2, S. 37 ff., zitiert nach Wolfgang Schadewaldt: Die Geschichtsschreibung des Thukydides. Dublin / Zürich 1971.)

Büste des Perikles (495–425 v. Chr.) aus den Vatikanischen Museen, Rom. © picture alliance, Frankfurt (akg-images)

Zwar war die frühe Demokratie nicht die Herrschaft durch alle, aber zumindest durch viele. Und so schnell dieses System aus dem politischen Geschehen wieder verschwand – noch im 3. Jahrhundert v. Chr. ging die Demokratie wieder unter –, so wenig war sie von da an als Ideal aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Die Souveränität des Volkes blieb der nicht vergessene Traum aller, die der Adel oder andere Despoten im Lauf der Jahrhunderte in Europa von der Herrschaft ausschlossen. Doch es sollte noch viele, viele Jahrhunderte dauern, bis sich die ersten Gesellschaften wieder als echte Demokratien konstituierten. Heute sind alle Nationen der EU erklärte Demokratien, das heißt, die Herrschaft geht vom Volk aus, das seine Repräsentanten in freien Wahlen bestimmt. Auch die wenigen europäischen Länder, in denen noch ein Monarch nominelles Staatsoberhaupt ist, haben ihre verträgliche Mischform in der parlamentarischen Monarchie gefunden, die die Befugnisse des Adligen an der Spitze weitgehend von der realen Regierung abkoppelt.

So gefestigt ist die demokratische Grundstruktur, die vielen Europäern als selbstverständlich gilt, jedoch keineswegs. Fast ein Drittel der Länder der Welt wird laut Demokratieindex von 2016 nach wie vor autokratisch geführt. Umso erstaunlicher mutet es an, dass die Athener vor zweieinhalbtausend Jahren bereits zu einer politischen Ordnung gefunden hatten, in der zumindest diejenigen an Entscheidungen partizipieren konnten, die den Status des Vollbürgers hatten, das heißt alle Männer über 30 Jahre, die die Vollversammlung bildeten. Die meisten Sachfragen wurden, um das System funktionsfähig zu halten, in Ausschüssen besprochen, deren Mitglieder gewählt wurden. Besonderer Qualifikationen bedurfte es nicht, lediglich der Stratege, der militärische Oberbefehlshaber, musste über ausreichende Erfahrungen verfügen. Eine solche Bedeutung hatte der Einzelne nie zuvor in einer Gesellschaftsform gehabt. Wer sich einbringen wollte, ja sogar musste, war ein wertvoller Teil der Gesellschaft. Bürger einer Polis zu sein, war nicht nur ein gesellschaftlicher Status, es war eine Art zu leben. Der Einzelne besann sich auf sich selbst, auf seine Fähigkeiten, zu denken, die Kunst, zu fragen und im argumentativen Mit- und Gegeneinander Antworten zu finden.

Büste des Sokrates (469–399 v. Chr.). Römische Kopie eines griechischen Originals. Foto: Bridgeman Images, Berlin (Kapitolinische Museen, Rom)

Die großen Fragen und die ewige Suche nach dem Bauplan hinter allem

Drei Namen sind es, die das Denken Europas über Jahrhunderte geprägt haben: Sokrates, Platon und Aristoteles. Sie folgten im Lehrer-Schüler-Verhältnis direkt aufeinander, und da jeder der drei verhältnismäßig alt wurde, durchmaßen sie zweieinhalb Jahrhunderte vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. Die Zäsur setzte hier Sokrates, der so maßgeblich für die Philosophiegeschichte wurde, dass alle Denker vor ihm als »Vorsokratiker« zusammengefasst werden. Die Philosophie – wörtlich: die Liebe zur Weisheit – suchte nach Antworten in allen Fragen, die nicht oder nur unzureichend durch Beobachtung oder Berechnung beantwortet werden konnten. Denn entsprach die individuelle Wahrnehmung einer Sache auch ihrem tatsächlichen Wesen? Berühmt geworden ist die griechische Art der philosophischen Annäherung an eine Frage im sogenannten Höhlengleichnis des Platon. In dieser Geschichte sind gefangene Menschen in einer Höhle platziert, die einzig mögliche Blickrichtung ist die Höhlenrückwand. In ihrem Rücken brennt ein Feuer. Dinge, die sich zwischen Feuer und den Sitzenden abspielen, werden von diesen als Schatten an der Rückwand wahrgenommen. Würden die Gefangenen nun ans Tageslicht gezerrt und mit den Gegenständen konfrontiert, die sie nur als Schatten und als ihre eigene Interpretation kannten, wären sie geblendet und verwirrt. Vermittelt wird hier die Frage, die aller Philosophie der Griechen zugrunde liegt: Ist das, was wir wahrnehmen, der wahre Kern der Dinge?

Die Suche nach einfachen, klaren Antworten und Gesetzen einte die legendäre Trias der Philosophie, auch wenn die Männer in vielen Fragen zu ganz unterschiedlichen Antworten kamen. Der Urvater der Philosophie ist Sokrates, der selbst – wohl 469 v. Chr. in Athen geboren – keine einzige geschriebene Zeile hinterlassen hat. Sein Leben und seine Überlegungen sind vor allem durch die Schriften seines Schülers Platon überliefert. Außer durch die Geschichte seines dramatischen Endes (er starb durch den Trunk des Schierlingsbechers, nachdem man ihm wegen »Verderbung der Jugend« den Prozess gemacht hatte) ist Sokrates vor allem durch seine Art der Fragestellung zum Maßstab aller philosophischen Überlegungen geworden. Er stellte scheinbar selbstverständliche Fragen, die in ihrer stetigen Weiterführung auch das selbstsicherste Gegenüber ins argumentative Straucheln brachten. Seine Methodik lehrte, das Augenscheinliche infrage zu stellen und so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Sokrates habe die Philosophie als Erster vom Himmel auf die Erde heruntergerufen, sagte später der römische Staatsmann Cicero über ihn, er habe sie unter den Menschen angesiedelt und zum Prüfinstrument der Lebensweise, Sitten und Wertvorstellungen gemacht.

Sokrates’ Schüler Platon (428 / 27–348 / 47 v. Chr.) war der Gründer der Akademie in Athen, der Philosophenschule, die ein Jahrtausend lang Bestand haben sollte. Er hinterließ seine Überlegungen in schriftlichen Dialogen, die so prägend wurden, dass ein viel zitiertes Bonmot sogar behauptet, die gesamte spätere europäische Philosophie bestehe aus nichts als Fußnoten zu Platon. Aristoteles, der Schüler Platons und Lehrer Alexanders des Großen, unterschied sich von seinem großen Meister vor allem darin, dass er mit seinen realistischen Konzepten das Wissen seiner Zeit systematisierte. Viele Grundsätze, die Umwelt zu verstehen, gehen auf Aristoteles zurück. So beispielsweise der Syllogismus, eine dreiteilige Aussage, die aus zwei Annahmen und einem Schluss besteht: Alle Hunde haben vier Beine, Bello ist ein Hund – also muss Bello vier Beine haben.

Der Eid des Hippokrates

Der sogenannte »Eid des Hippokrates« gilt als erste Formulierung einer ärztlichen Ethik. Ob er wirklich auf den griechischen Arzt Hippokrates von Kos (ca. 460–370 v. Chr.) zurückzuführen ist, steht nicht zweifelsfrei fest. Der »Eid« spielt bis heute eine gewichtige Rolle hinsichtlich der Frage, was ärztliche Kunst leisten darf und wo ihre Grenzen sind.

»Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden. Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde. Und ich werde auch niemanden dabei beraten: Auch werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel geben. In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen oder Männern, Freien oder Sklaven. Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgang mit Menschen sehe und höre, das man nicht weiterreden darf, werde ich verschweigen und als Geheimnis bewahren. Rein und fromm werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.«

Stehen die drei großen Philosophen für das Erwachen des Geistes in der klassischen Antike, so sind sie doch nur eine der brillanten Ausprägungen ihrer Zeit, die in nahezu allen Bereichen der Wissenschaften enorme Sprünge machte. Die Zeitgenossen unterschieden kaum zwischen Philosophen und Naturwissenschaftlern in unserem Sinne. Alle Denker waren Fragende auf der Suche nach einfachen, klaren Regeln, die die Welt erklärten. Viele Zeitgenossen der Philosophen standen ihnen in Wirkmächtigkeit kaum nach. So Hippokrates, der Vater der Medizin, der der Erste war, der Krankheiten nach den Maßstäben der Vernunft untersuchte und sie nicht als Ausprägung göttlichen Willens oder Hexerei betrachtete. Oder Herodot und Thukydides, die Väter der Geschichtsschreibung, die sich als Erste um eine nach Kräften erforschte Schilderung dessen bemühten, was vor der eigenen Zeit geschehen war. Oder Archimedes, der den Hebel und den Flaschenzug erfand und dessen Erkenntnisse in der Badewanne noch heute jedes Kind gern wiederholt. Denn jener findige Mathematiker stellte beim genüsslichen Bad fest, dass jeder Körper Wasser entsprechend seinem Körpervolumen beziehungsweise spezifischen Gewicht verdrängt. Sein sprichwörtliches »Heureka« (»Ich habe es gefunden«), mit dem er seine Erkenntnis angeblich nackt auf den Straßen des sizilianischen Syrakus bejubelte, steht stellvertretend für zwei erstaunliche Jahrhunderte vor zweieinhalbtausend Jahren, die für die Menschen einen Schleier der Erkenntnis lüfteten. Sie hatten ihn gefunden – den Weg, sich als Menschen ihrer selbst bewusst zu werden und daraus Schlüsse abzuleiten.

Archimedes auf einem Gemälde des 18. Jahrhunderts im Moskauer Puschkin-Museum. Foto: picture alliance, Frankfurt (Heritage Images)

Die griechische Antike und ihre Errungenschaften haben die europäische Geschichte bis heute begleitet. Über Jahrhunderte äußerte sich dies vor allem in bewunderndem Kopieren. Unzählige Male wurden die Schriften griechischer Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler per Hand abgeschrieben. Vieles davon im arabischen Raum und dadurch auf einem Umweg wiederum nach Europa zurückkehrend. Erst in Renaissance und Früher Neuzeit entdeckte Europa seine eigenen Wege in so unterschiedlichen Bereichen wie der Medizin, den Naturwissenschaften oder der Technik. Doch auch wenn jahrtausendealte Überzeugungen wie die von der Sonne, die sich um die Erde dreht, über Bord geworfen wurden, dachten auch die neuen Wissenschaftler, wie ihre Vorgänger im antiken Griechenland es zuerst getan hatten: Sie suchten nach Regelmäßigkeiten, nach Gesetzen in der Natur, die deren Funktionsweisen und Zusammenhänge so kurz und prägnant wie möglich zusammenfassten. Und benannten sie – vor allem im 19. Jahrhundert – gern auch griechisch. Das Mikroskop, das Thermometer, das Telefon oder Telegramm genauso wie die Fotografie tragen die Sprache jener Wissenschaftler in sich, die den Dingen zuerst auf den Grund gingen.

Dass sich die griechische Kultur über so lange Zeiten tradierte, ist umso erstaunlicher, da den politischen Einheiten, in denen sie sich entfaltete, nur relativ kurze Dauer beschieden war. Ein historischer Glückfall wollte es, dass die Eroberer, die seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland die Vorherrschaft gewannen, sich als ihre größten Bewunderer erwiesen. Es waren die Römer, die dafür sorgten, dass die Kultur Griechenlands nicht unterging, sondern ihren Siegeszug durch die Jahrhunderte antreten konnte.

Das Imperium Romanum – der Sockel Europas

Vieles, was im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses mühsam erarbeitet wurde, gab es auf ähnlichem Territorium zu Zeiten des Imperium Romanum schon einmal: eine gemeinsame Währung, durchlässige Binnengrenzen, eine gemeinsame Außengrenze und eine überall gültige, ähnliche Rechtsprechung. Es gab Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, die sich mit der modernen EU