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Hoffnung und Schrecken der Französischen Revolution und ein unsterbliches Liebespaar Der mitreißende historische Liebesroman »Die Farben der Revolution. Éléonore und Robespierre« lässt uns die Französischen Revolution aus der Sicht von Robespierres großer Liebe, seiner Verlobten Éléonore, erleben. Paris, 1791. Die junge Malerin Éléonore Duplay ist auf dem Marsfeld, um eine Petition für ein allgemeines Wahlrecht zu unterzeichnen – und entgeht nur knapp einem Blutbad an den versammelten Bürgern. Éléonore flüchtet zu ihrem Vater und anderen Gegnern der absolutistischen Monarchie in den Jakobinerklub. Dort begegnet sie dem attraktiven, charismatischen Revolutionsführer Maximilien Robespierre. Obwohl Éléonore bereits einem anderen Mann versprochen ist, verändert diese Begegnung ihrer beider Leben für immer. Während Robespierre, der überzeugte Humanist und vom Volk "der Unbestechliche" genannt, an seinem Traum der freien Republik als führender Politiker der Jakobiner arbeitet, setzt Éléonore sich furchtlos für die Frauenbewegung und ihre eigenen Überzeugungen und Rechte als Frau und Künstlerin ein. Für kurze Zeit scheint ihr gemeinsames Liebesglück perfekt. Doch bald beginnen die grausamen Wirren der Revolution immergrößere Opfer zu fordern ... Die perfekte Mischung aus Anspruch und emotionaler Unterhaltung! Jeanette Limbeck gelingt es meisterhaft, dieses wichtige Stück Geschichte greifbar, lebendig und mitreißend zu erzählen. Bewegend und einfühlsam erzählt sie in ihrem historischen Liebesroman von einer mutigen jungen Frau, die in einer Zeit lebt, die die Welt verändert hat. Von einem Kampf für Freiheit und Gleichheit und von einer bedingungslosen Liebe zwischen Idealismus und dem Preis der Macht. Ein mitreißender historischer Roman über persönliche Opfer, Hingabe, Kunst und Verrat vor dem Hintergrund des dramatischsten Kapitel der französischen Geschichte.
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Seitenzahl: 632
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jeanette Limbeck
Éléonore und Robespierre
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Hoffnung und Schrecken der Französischen Revolution und ein unsterbliches Liebespaar
Paris, 1791. Die junge Malerin Éléonore Duplay entgeht bei einer Demostration auf dem Marsfeld nur knapp einem Blutbad. Éléonore flüchtet zu ihrem Vater und anderen Gegnern der Monarchie in den Jakobinerklub. Dort begegnet sie dem charismatischen Revolutionsführer Maximilien Robespierre. Obwohl Éléonore bereits einem anderen Mann versprochen ist, verändert die Begegnung beider Leben für immer. Während Robespierre, der überzeugte Humanist, an seinem Traum einer freien Republik arbeitet, setzt Éléonore sich furchtlos für ihre eigenen Rechte als Frau und Künstlerin ein. Für kurze Zeit scheint ihr Liebesglück perfekt zu sein. Doch bald fordern die grausamen Wirren der Revolution immer größere Opfer ...
Jeanette Limbeck schafft es mit feinem Gespür und fundierter Recherche, eine Epoche zum Leben zu erwecken, deren Einfluss unsere Gegenwart bis heute prägt.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Motto
Die wichtigsten Personen
Paris, 2017
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
Paris, 2017
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
Paris, 2017
August 1795, Thermidor, Jahr III der Republik
Danksagung der Autorin
Glossar
Monatsnamen
Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens
Anmerkungen zur historischen Genauigkeit
Quellennachweise
Bibliografie
Für Stella
Pas commode, la demoiselle!
Comme toi, incorruptible.
Romain Rolland
Das Glück ist eine neue Idee in Europa.
Louis Antoine de Saint-Just
Maurice Duplay, *1738, Pariser Schreinermeister und Jakobiner
Françoise Duplay, geb. Vaugeois, *1735, seine Frau
Ihre Kinder:
Éléonore, genannt Léo, *1768
Sophie, *1769
Élisabeth, genannt Babette, *1773
Jacques, *1777
Maximilien Robespierre, *1758, Anwalt und Abgeordneter der Assemblée nationale
Charlotte Robespierre, *1760, seine Schwester
Camille Desmoulins, *1760, Journalist und Abgeordneter des Nationalkonvents
Lucile Desmoulins, * 1770, seine Frau
Georges Danton, *1759, Anwalt und Abgeordneter des Nationalkonvents
Jacques Nicolas Billaud-Varenne, *1756, Anwalt und Abgeordneter des Nationalkonvents
Angélique Billaud-Varenne, *1766, seine Frau
Jean-Paul Marat, *1743, Journalist und Abgeordneter des Nationalkonvents
Simonne Evrard, *1764, seine Lebensgefährtin
Louis Antoine de Saint-Just, *1767, Abgeordneter des Nationalkonvents
Philippe Le Bas, *1764, Abgeordneter des Nationalkonvents
Henriette Le Bas, *1774, seine Schwester
Jacques-Louis David, *1748, Maler und Jakobiner
Jean-Baptiste Regnault, *1754, Maler
Sophie Regnault, *1763, seine Frau, Malerin
Sœur Marguerite, Éléonores erste Zeichenlehrerin
Jean Lafargue, Geselle von Maurice Duplay
Endlich kommt der Abend. Mehr noch als das matter werdende Licht eines Spätsommertages in Paris verraten es ihre schmerzenden Füße, mit denen sie den ganzen Tag über Asphalt und Kopfsteinpflaster gelaufen ist. Immer wieder hat sie Polizeiabsperrungen ausweichen und lange Umwege nehmen, immer wieder den Inhalt ihrer Tasche vorzeigen müssen. Selbst jetzt hallen die Anweisungen für die Demonstranten, die die Polizei über Megafon gegeben hat, noch von den Häuserwänden. »Dégagez la rue! Dégagez la rue!«
Räumen Sie die Straße!
So ist das eben mit Paris. Man reist in die Stadt der Liebe und landet in der Stadt des Aufruhrs. Ihr macht das nichts aus. Die nächste Woche wird sie in einem klimatisierten Konferenzraum hinter schalldichten Fenstern in einem Wolkenkratzer verbringen, also warum nicht noch einmal eintauchen in alle Facetten der französischen Hauptstadt, einschließlich der Kämpfe, die auf ihrem Pflaster ausgetragen werden?
Sie fischt ihr Handy aus der Tasche. Die sozialen Medien sind schon den ganzen Tag ein einziger Wirbel von Arbeitsmarktreform-Demonstration-Polizeigewalt-Wasserwerfer-Macron. Dazwischen eine WhatsApp-Nachricht. Sie lächelt. Beginnt zu tippen.
Alles okay. Telefonieren um acht. Verliebtes-Herz-Emoji.
Dehydriert und mit leichten Kopfschmerzen schlendert sie weiter. Jetzt hat sie nicht mehr weit zu gehen – durch die Gässchen des Maraisviertels mit ihren kaum vorhandenen Gehsteigen in Richtung der Place des Vosges, in deren hohen Säulengängen sie den Tag ausklingen lassen will.
Da tut sich zwischen den milchkaffeefarbenen Mauern eines hôtel particulier ein begrünter Innenhof mit weißem Kies auf.
Eine Flügeltür mit weißen Sprossen ist halb geöffnet, wie um Vorübergehende hereinzulocken.
Sie hält inne. Wer hier Tourist ist und wer nicht, kann man sofort erkennen. Einige bleiben mit ihr stehen, die Blicke unwillkürlich angezogen von dieser kleinen Idylle. Auf dem schmalen Gehsteig müssen die Pariser, die mit vollen Einkaufstüten nach der Arbeit nach Hause hetzen, ihnen ausweichen. Sie macht ihnen Platz, betritt den lockenden Innenhof.
Wie einladend, dieser kleine Palast, fast ein wenig versteckt mitten in diesem alten Handwerkerviertel. Sie geht weiter, von Neugierde getrieben, denn nirgendwo steht angeschrieben, wo sie hier eigentlich ist.
Sie weiß noch nicht, dass sie diesen Ort als eine andere wieder verlassen wird.
Es ist ein Museum. Und sie ist durch den Ausgang hereingekommen, begreift sie, als sie mitten in der Geschichte von Paris landet, in einem Saal voller Ausstellungsgegenstände zur Französischen Revolution.
Sie erkennt einiges hier wieder, etwa die berühmte Karikatur der Drei Stände, auf der ein Bauer die Vertreter von Adel und Klerus auf seinem Rücken trägt und unter ihrer Last fast zusammenbricht – ein Symbolbild für die ungerechte Besteuerung am Vorabend der Revolution. Ein paar Schritte weiter hängt eine Miniatur mit der Bezeichnung Massaker auf dem Marsfeld wie ein Memento der blutigen Geschichte des französischen Zentralstaates. In einer Vitrine erblickt sie einen zierlichen Schuh, der Marie-Antoinette gehört haben soll.
Und urplötzlich steht sie vor dem vertrauten Gemälde eines schlanken Mannes mit forschenden dunklen Augen und weißer Perücke in einem grün und braun gestreiften Jackett. Ein Anblick, der sie zwanzig Jahre in die Vergangenheit, in den Geschichtsunterricht an einem Gymnasium in Süddeutschland versetzt. Die kleine Plakette rechts unten neben dem Porträt bestätigt, was sie bereits weiß:
Maximilien de Robespierre.
Wie seltsam, hier auf ein so bekanntes Bild zu stoßen. Es ist viel kleiner, als sie erwartet hätte. Warum hängt es nicht im Louvre?
Massenmörder, Wahnsinniger, Diktator, wirbelt es wie in Antwort auf diese Frage durch ihren Kopf. Robespierre, der den Henker guillotiniert, nachdem alle anderen in Frankreich bereits dem Fallbeil zum Opfer gefallen sind … Der Nachhall dieser Klinge ist selbst über die Jahrhunderte hinweg noch spürbar.
Aber war er nicht auch immer auf der Seite der Armen? War er nicht am Anfang sogar gegen die Todesstrafe? Robespierre, durchfährt sie von irgendwoher ganz plötzlich die Überzeugung, hätte niemanden mit Wasserwerfern von der Straße spritzen lassen, wenn er heute leben würde. Er wäre vorneweg gegangen oder mittendrin in der Demo gewesen. Das selbstsicher gereckte Kinn des Porträtierten scheint ihr recht zu geben.
So eingenommen ist sie von dem Gemälde, dass sie erst nach einer Weile bemerkt, dass der Revolutionär nicht allein an dieser Wand hängt.
Auf gleicher Höhe mit seinem befindet sich ein zweites Porträt, das eine hellhäutige junge Frau in einem nüchternen Kleid mit sittsam bedecktem Ausschnitt zeigt, ihr langes dunkles Haar nur von einem Band gehalten.
Sie tritt näher.
Éléonore Duplay, liest sie.
Wer ist das? Es ist wohl kaum ein Versehen, dass das hier hängt, auf Augenhöhe mit dem bekanntesten Revolutionär der französischen Geschichte. Beide sind im Dreiviertelprofil abgebildet, ihre Körper einander zugewandt. Als könnten sie einander jederzeit ansehen, doch stattdessen suchen sie den Blick des Betrachters.
Sie entdeckt einen Museumswärter. »Können Sie mir sagen, warum diese beiden Porträts nebeneinanderhängen?«
Wieder zieht das Frauenbildnis ihren Blick an, während der Mann erklärt und dabei dieses eine Wort fallen lässt, das ihre Aufmerksamkeit fesselt.
»La fiancée?«, wiederholt sie verständnislos.
Das kann nicht sein. Robespierre hatte keine Verlobte. Sie weiß nicht mehr alles, aber Robespierre war ein Asket ohne Privatleben. Mit Frauen konnte er nichts anfangen. Das ist doch allgemein bekannt. Oder?
Sie richtet fragend den Blick auf das Frauenporträt.
Die blaugrauen Augen Éléonores wirken auf einmal amüsiert.
Sie liest den Zusatz unter dem Namen. Autoportrait.
Überrascht dreht sie sich erneut zu dem Museumswärter um. »Sie hat das selbst gemalt?«
Er nickt und zuckt gleichzeitig mit einer Achsel, als wäre das überhaupt nichts Besonderes.
Ihr sind nur wenige Künstlerinnen aus der Zeit der Französischen Revolution bekannt. Wie in jeder anderen Ära auch haben Männer in der Kunst den Ton angegeben. Und wie viele Gemälde sind über die Jahrhunderte fälschlicherweise männlichen Urhebern zugeordnet worden …
Sie betrachtet das Selbstporträt eingehender. Der Hintergrund ist in einem dunklen Grau gehalten, die hellere Farbe von Éléonores Augen aufgreifend, changierend zum Weiß des Tuchs über ihrem Ausschnitt. Haarband und Ärmel ihres Kleides zeigen denselben Blauton, eine kühle, fast grelle Farbe, die man heute vielleicht als Petrolblau bezeichnen würde. Das Gesicht tritt so hell und blass hervor, dass es beinahe zu leuchten scheint. Alles an der Gestaltung des Bildes, vor allem aber der Hell-Dunkel-Kontrast soll den Blick darauf ziehen, und es funktioniert. Der einzige echte Farbakzent: ihr Mund.
Wo hast du das gelernt?, denkt sie und sucht den selbstbewussten Blick der Malerin. Wo sind deine anderen Bilder?
Einem plötzlichen Einfall folgend, weist sie auf Robespierres Porträt. »Und das?«, fragt sie. »Ist das auch von ihr?«
Statt einer Antwort bringt der Museumswärter den ausgestreckten Zeigefinger ganz nah an die Plakette neben dem Gemälde.
Anonyme.
Ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Also wäre es möglich. Ihr Blick gleitet von Robespierre zum Selbstporträt seiner angeblichen Verlobten.
Ist es deins? Sie könnte den Namen Éléonore Duplay über ihr Smartphone suchen, doch lieber setzt sie ihr stummes Zwiegespräch fort. Wie und wo hast du ihn kennengelernt? Wolltest du ihn tatsächlich heiraten?Wie war er wirklich? So wahnsinnig und voller Blutdurst, wie wir es in der Schule gelernt haben?
Sie sieht in die hellgrauen Augen der Malerin, als läge in ihnen die Antwort auf all das verborgen, was niemand weiß, was sich vielleicht jedoch noch immer herausfinden lässt, wenn sie nur lange genug hinsieht …
»So?« Maxime klang leicht angespannt.
Es war das erste Mal, dass er mir Modell saß. Auf einem Stuhl vor einer nackten Wand, in dem Anzug, den er am Tag unserer Verlobung getragen hatte.
Ich nickte, mit der Spiegelung des Lichts in seinen Pupillen und den dunkelbraunen Regenbogenhäuten beschäftigt. Da ich ihn im Dreiviertelprofil malen wollte, hatte ich das linke Auge kaum merklich etwas höher ansetzen, die Rötellinie schräg ziehen müssen.
Wie lange schon wollte ich mit diesem Porträt beginnen! Vielleicht, seit er zum ersten Mal den Fuß über unsere Schwelle gesetzt hatte. Doch erst jetzt, da er dem Wohlfahrtsausschuss den Rücken gekehrt hatte, hatte er endlich die Zeit dafür gefunden. Ich war es nicht mehr gewohnt, ihn so viele Stunden am Tag zu Hause zu haben. Doch es gefiel mir. Die ausgedehnte Helligkeit des Juniabends, der Duft von Geißblatt, der vom offenen Fenster hereinwehte.
Von mir aus hätte es immer so sein können – er und ich und eine geschlossene Tür, die uns den Wahnsinn dort draußen vom Halse hielt.
Einen Wahnsinn, den wir mit geschaffen, mitverschuldet hatten. Ich schob den Gedanken beiseite wie so manchen anderen zuvor. Über die letzten Monate war ich eine Meisterin darin geworden.
Für den Hintergrund des Porträts hatte ich eine Mixtur aus Grün und Ocker gewählt, passend zu den Farben seines Gehrocks. Von links nach rechts changierend von dunklem Grün zu hellerer Ockerfarbe. Es war die dunklere Seite, zu der ich ihn blicken ließ.
»Was werden sie einmal von mir sagen?«, hörte ich ihn murmeln und hob den Kopf. Unsere Blicke trafen sich. Er musste nicht erklären, was er meinte.
Thronräuber, Erlöser, Tyrann. Was würden sie ihm noch alles andichten? Zu fragen, ob sein Tun richtig oder falsch gewesen war, war müßig. Als fragte man, ob die Revolution richtig oder falsch gewesen war.
»Es hängt davon ab, wer das letzte Wort hat«, sagte ich.
»Das fürchte ich auch.« Seine Augenlider senkten sich kaum wahrnehmbar.
»Bleib so.« Ich lächelte.
Das war er, dieser Blick, den ich so liebte. Die feine Spitze meines Pinsels bewegte sich rasch über die Leinwand.
Es gab ungeschriebene Vorschriften für das Bildnis eines republikanischen Abgeordneten, und die wichtigste lautete, dass er sich auf Augenhöhe mit dem Betrachter befinden musste, wie in eine Unterhaltung von Gleich zu Gleich vertieft.
Doch das war nicht alles, was das Porträt zeigen sollte.
Was ich anstrebte, war die Verkörperung der Revolution. Das Denkmal seines Versprechens eines Frankreichs, in dem die Menschen frei und glücklich leben sollten. In Hunderten von Jahren, wenn meine Hand lange zu Staub zerfallen war, sollten die Menschen dieses Bild betrachten und wissen, warum man ihm vor allen anderen die Revolution anvertraut hatte.
Und warum ich ihn geliebt hatte.
»S’il vous plaît, Madame.«
Sie blinzelt. Ihr Blick schweift durch den Raum. Sie ist die einzige verbliebene Besucherin. »Demain …«, hört sie verschwommen.
Morgen also. Sie geht widerstrebend, kann sich nur mit Mühe von den einträchtig nebeneinanderhängenden Porträts losreißen. Robespierre war mit einer Malerin verlobt. Und die Urheberschaft seines bekanntesten Porträts liegt bis heute im Dunkeln.
Beim Hinausgehen macht sie ein Handyfoto von den Öffnungszeiten des Museums, plötzlich sehr sicher, wie sie die Abende nach dem Workshop diese Woche füllen wird. Der feine weiße Kies knirscht unter ihren Füßen, als sie den kleinen Innenhof durchquert. Noch immer sind die Gassen des Maraisviertels voller Menschen, doch sie achtet kaum darauf.
Wer war Éléonore Duplay?
Sie tippt auf ihr Smartphone und ruft die Suchfunktion auf.
Unter unseren Füßen quietschten die Planken des Holzgerüstes, das man um den steinernen Altar des Vaterlandes in der Mitte des Marsfeldes errichtet hatte. Die Sonne schien mir in den Nacken, als ich mich über die Petition zur Absetzung des Königs beugte.
éléonore duplay.
Die Feder in meiner Hand war warm von all den anderen Händen, die bereits mit ihr unterschrieben hatten. Mein Blick huschte über die Unterschriftenliste. Zufrieden stellte ich fest, dass eine Menge Frauen unterzeichnet hatten. Zwei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille durften in Frankreich zwar die Abgeordneten der Assemblée nationale gewählt werden, doch nur von Männern, die einen bestimmten Steuersatz entrichteten. Für uns Frauen und Besitzlose waren Petitionen wie diese die einzige Möglichkeit, uns Gehör zu verschaffen.
Meine Mundwinkel verzogen sich zu einem stolzen Lächeln, als ich die Feder an meine Schwester Babette weiterreichte, damit sie élisabeth duplay in die darunterliegende Zeile schreiben konnte.
Unser kleiner Bruder Jacques machte sich immer darüber lustig, dass wir keine Großbuchstaben beherrschten. Er besuchte sechs Tage die Woche das Collège d’Harcourt, ein Internat der Sorbonne. Aus ihm sollte einmal etwas Besseres werden als ein Schreiner. Den Familienbetrieb zu sichern, würde meine Aufgabe sein, indem ich einen Mann heiratete, der ihn führen konnte.
»Seht euch vor, Mädchen«, meinte einer der Männer, die aufpassten, dass beim Unterschreiben alles mit rechten Dingen zuging. »Heute Morgen haben wir hier drunter zwei Spanner erwischt.«
Wie aufs Stichwort sahen Babette und ich auf die nicht verfugten Holzplanken unter unseren Füßen. Durch die Ritzen hätte man uns tatsächlich unter die Röcke sehen können. Mir entging nicht, dass der Mann, der gesprochen hatte, Babette nicht aus den Augen ließ. In ihrem Kleid in der Farbe von Damaszenerrosen sah meine achtzehnjährige Schwester selbst aus wie eine zarte Blume. Auch ich war in mein bestes Kleid aus cremefarbener Baumwollseide mit dunkelblauen Streifen und Ärmeln bis zu den Ellbogen gekleidet, das selbst meiner eckigen Gestalt ein wenig zu schmeicheln vermochte. Darüber trug ich eine Schärpe in Blau-Weiß-Rot.
»Und? Was ist mit ihnen passiert?«, fragte ich gereizt.
Mit einem Grinsen fuhr sich der Mann mit dem Finger über die Kehle. Ich verdrehte die Augen in seine Richtung, um klarzumachen, dass ich ihn für einen Aufschneider hielt, und griff nach Babettes Hand, als ich das Gerüst hinunterstieg, meine Saffianledermappe mit Papier und Kohlestiften fest unter dem Arm.
Vor uns erstreckten sich die Rasenflächen des Marsfeldes vor den Toren von Paris, übersät von Menschen. Adrett gekleidete Bürger mit Perücken und Kniebundhosen, Handwerker in Arbeitskleidung und Sansculotten mit ihren langen Hosen und Holzschuhen – sie alle hatten die Petition zur Absetzung von Louis XVI. unterschrieben. Nun gingen sie hier mit ihren Familien spazieren, plauderten und saßen in Grüppchen im Gras. Dazwischen spielten die Kinder Fangen, und die Essensverkäufer schoben ihre Karren mit Getränken, Obst und Zuckerkuchen herum. Eher laut als schön sang man patriotische Lieder.
Im Gehen überprüfte ich den Sitz meines Haarbands, eine Geste, die mir in Fleisch und Blut übergegangen war, weil ich sie so viele Male am Tag wiederholte. Mein glattes Haar war noch jeder Haube und jeder Haarnadel entsprungen, als sei es auf der Flucht. Nur wenn ich ein Band fest im Nacken verknotete, konnte ich mir die dunklen Strähnen halbwegs ordentlich aus dem Gesicht halten, wie es sich für die Tochter eines respektablen Handwerkermeisters gehörte. An manchen Tagen hatte ich Kopfschmerzen davon. Da jedoch immer mehr Frauen das Haar offen trugen, es nicht länger puderten, zu Löckchen drehten und zu komplizierten Frisuren aufsteckten, fiel ich mit dieser Haartracht wenigstens nicht auf.
»Ich setze mich da drüben zum Zeichnen hin«, sagte ich zu Babette und wies auf einen der aufgeschütteten, grasbewachsenen Hänge rund um das Marsfeld. Ein nervöses Kribbeln im Magen erinnerte mich daran, dass ich bereits morgen meine Arbeiten vorzeigen sollte – im Louvre. Mit etwas Glück würde ich meinen Arbeitsproben eine Zeichnung der heutigen Versammlung hinzufügen können. Wenn das keinen Eindruck auf Maître David machte, dann …
»Das kannst du doch später noch machen«, sagte meine Schwester bittend. »Lass uns erst noch ein wenig flanieren.«
Die Augen mit den dunklen Wimpern weit aufgerissen, sah sie sich um, als versuchte sie, möglichst viele Eindrücke gleichzeitig aufzunehmen. Mutter hielt Babette für flatterhaft und verträumt und überwachte sie deshalb besonders streng. Verständlicherweise wollte meine kleine Schwester das Beste daraus machen, dass sie der mütterlichen Kontrolle für einen Nachmittag entronnen war. Also gab ich nach. Schließlich hatte ich ihr ein wenig Abwechslung versprochen, als ich vorgeschlagen hatte, sie heute zum Marsfeld mitzunehmen.
»Ich wünschte, Sophie wäre auch hier«, sagte Babette, während wir weiterschlenderten, und hakte sich bei mir unter.
Ich verzog das Gesicht bei der Erwähnung unserer Schwester. »Ich bezweifle, dass sie uns zu einer Demonstration gegen den König begleitet hätte.«
Sophie war die Schönste von uns Duplay-Mädchen. Es war zu erwarten gewesen, dass jemand sie zügig wegheiraten würde. Aber hatte es gerade ein Royalist aus der Auvergne sein müssen? Den Briefen unserer Schwester war zu entnehmen, dass sie die Ansichten ihres Mannes mittlerweile teilte – sehr zum Missfallen unserer Eltern, die wie so viele Franzosen der Monarchie rein gar nichts mehr abgewinnen konnten.
»Sie hat ja nicht einmal die Flucht der königlichen Familie verurteilt«, erinnerte ich Babette. »Wenn der dicke Louis nach seiner Flucht mit einem Heer zurückgekehrt wäre, um die Assembléeaufzulösen und die ganze Revolution rückgängig zu machen, hätte sie das wahrscheinlich noch beklatscht.«
Verstehen konnte ich diesen Geisteswandel nicht. Während mich von Babette fünf Jahre trennten, war Sophie nur ein Jahr jünger als ich. Wir hatten zusammen am Fenster gestanden, als am 14. Juli 1789 die Menschen auf der Suche nach Waffen und Munition in Scharen durch die Rue Honoré gerannt waren. Später am Tag war die Bastille gestürmt worden. Wir waren uns einig gewesen, dass nun alles anders werden würde, dass es keine aufregendere Zeit geben konnte, um am Leben zu sein.
Und dann, kein halbes Jahr später …
»Wie kann man nur in solch einem Moment Paris verlassen?«, fragte ich kopfschüttelnd.
Babette zuckte die Achseln. »Sie hat eben den einen gefunden, ohne den alles andere sinnlos ist«, sagte sie.
Doch das wollte ich nicht gelten lassen.
»Wenn man schon heiratet«, überlegte ich laut, »dann doch bitte einen Mann, der sich dem Wohl der Nation verschrieben hat – und keinen Königstreuen.« Dasselbe hatte ich zu Sophie gesagt, die mir daraufhin vorgeworfen hatte, neidisch zu sein, weil sie vor mir unter die Haube kam.
Eine reichlich alberne Unterstellung. Ich wusste längst, wen ich heiraten sollte, und dass ein anderer Mann versuchen würde, mich auf Abwege zu führen, hielt ich für nicht sehr wahrscheinlich. Was mir nur recht sein konnte, denn wenn alles gut ging, würde ich ab morgen Schülerin eines Meisters der Académie sein.
»Was ist denn?« Babette betrachtete mich besorgt, vielleicht wegen meines schroffen Tons. »Bist du nervös wegen morgen?«
»Natürlich nicht!«, log ich, obwohl sie regelrecht meine Gedanken gelesen hatte. Die Aussicht auf das Vorstellungsgespräch verursachte mir die Art von Flattern in der Magengrube, die angeblich Verliebte verspürten. Doch vielleicht war es nur die Angst davor, mir wieder eine Abfuhr einzufangen. Mein erster Vorstoß, mir einen Lehrer zu suchen, war nicht wie geplant verlaufen. Die Malerin Adélaïde Labille-Guiard, die bekannt dafür war, dass sie Frauen förderte, hatte sich meine Porträts angesehen und gemeint: »Ich vermisse Gefühl.«
Das lag nun beinahe ein Jahr zurück, doch noch immer spürte ich den Stich, den mir diese beiläufige Bemerkung versetzt hatte. Wenn sie gesagt hätte, die Proportionen seien nicht stimmig oder die Farbmischung für die Haut sei nicht gelungen, hätte ich das akzeptieren können. Doch was sollte das überhaupt heißen, »Gefühl«? Sollte ich anfangen, wie Fragonard zu malen? Nackte Putten und Rüschen überall?
Mir schwebte etwas ganz anderes vor. Etwas Patriotisches mit harter Linienführung, kühl und zugleich kraftvoll – wie die Historiengemälde von Maître David. Das war der neue Stil, den es zu kultivieren galt. Heroische Szenen, Volksmassen. Die Erziehung zur rechten Handlungsweise. David war Jakobiner. Er würde mir nichts von fehlendem Gefühl erzählen. Außerdem hieß es, er sei Malerinnen in seinem Atelier gegenüber aufgeschlossen.
»Éléonore! Seid ihr ohne eure Eltern hier?«
Ich blickte mich um und sah die Lohiers, unsere Gemüsehändler aus der Rue Honoré, auf uns zukommen. Fast alle unsere Nachbarn waren Anhänger der Revolution.
Zu meinem Leidwesen fasste Madame Lohier mich sogleich am Arm – ein deutliches Zeichen, dass sie gedachte, uns nicht mehr von der Seite zu weichen. »Passt du gut auf deine hübsche Schwester auf, Éléonore?«, fragte sie mich, als sei es von vornherein ausgeschlossen, dass ich selbst Schutz vor begehrlichen Blicken brauchen könnte. Es stimmte ja auch: Anders als meine jüngeren Schwestern hatte ich nie die Aufmerksamkeit der Männer auf mich gezogen.
»Ich passe auch auf Éléonore auf, Madame«, antwortete Babette scheinbar arglos, doch ich wusste, dass sie die Spitze gegen mich genau mitbekommen hatte.
»Sicher doch, deine Schwester ist ja auch eine gute Partie«, schwatzte Madame Lohier weiter. »Mit der Schreinerei eures Vaters.«
Ich zuckte innerlich zusammen. Die Liebesheirat war eines der Ideale des aufgeklärten Bürgertums. Nur der Adel verschacherte für Geld und Titel seine Kinder. Und doch war – zumindest in meinem Fall – immer nur vom Besitz die Rede.
Lange Grashalme kitzelten meine Beine durch den dünnen Stoff meines Kleides, während wir über das Marsfeld promenierten. Madame Lohier fand kein Ende. Sehnsüchtig schielte ich auf die Zeichenmappe in meiner Hand. Babette folgte meinem Blick und lächelte. Paul, der dreizehnjährige Sohn der Lohiers, den ich seit Langem in Verdacht hatte, ständig die Schnecken aus ihrem Gärtchen in unseres zu werfen, interessierte sich mehr für den Anblick von Babette. Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, bis er mit einem verlegenen Lächeln die Augen abwandte.
»Was sagt euer Vater dazu, dass die Jakobiner ihre Beteiligung an der Petition im letzten Moment zurückgezogen haben?«, unterbrach Monsieur Lohier seine Gattin und wandte sich an mich, während er sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn tupfte.
Ich sah ihn überrascht an. Darüber hatte Vater kein Wort verloren. Auf der Straße, beim Bäcker, in jeder Hofeinfahrt auf der Rue Honoré war in den letzten Tagen von nichts anderem die Rede gewesen als von dieser Petition. Warum also hätten sich die Jakobiner in letzter Sekunde dagegen entscheiden sollen?
Ich wusste nicht, was ich Lohier antworten sollte. Ob Vater deshalb so rasch nach dem Mittag aufgebrochen war? Ich biss mir auf die Lippen. Wenn er herausfand, dass Babette und ich eine Petition unterschrieben hatten, die er nicht guthieß …
»Die Nationalgarde!«
Erschrocken sah ich mich um. Ich wusste nicht, wer gerufen hatte. Um uns her begannen die Leute zu tuscheln. Wer am Boden gesessen hatte, stand auf. Trommeln ertönten in der Ferne. Dann entdeckte ich, worauf alle blickten. Am oberen Ende des Marsfeldes waren in mehreren Reihen Soldaten angetreten. Ihre Bajonette blitzten in der tief stehenden Sonne.
»Was hat das zu bedeuten?«, zischte Madame Lohier ihrem Mann zu, ihren Hut mit der blau-weiß-roten Kokarde festhaltend. Die Trommeln der Nationalgarde übertönten seine Antwort.
Ich hätte nicht hier sein sollen.
Der Gedanke flatterte durch meinen Kopf wie ein Vogel im Käfig, als ich nach Babettes Hand tastete, bereit, meine Schwester von hier wegzuzerren. Doch keine von uns vermochte es, sich zu rühren.
Die Trommeln verstummten. In der Stille, die sich über das Marsfeld senkte, konnte man die Schreie der Mauersegler hören, die hoch über uns am Sommerhimmel ihre Kreise zogen.
Ich hätte nicht hier sein sollen, dachte ich erneut, und Babette erst recht nicht. Meine Schwester erwiderte den Druck meiner Hand, und ohne sie anzusehen, wusste ich, dass ihr derselbe Gedanke durch den Kopf ging.
Ein Befehlshaber hoch zu Ross richtete das Wort an die Menge, doch ich konnte durch die Entfernung nur wenig verstehen. »Diese Versammlung … Kriegsrecht aufzulösen … wenn nicht … dann geht es … augenblicklich …«
Ich reckte den Kopf, hielt meine Zeichenmappe an mich gedrückt. Ein einzelner Schweißtropfen rann mein Rückgrat hinunter. Es war vollkommen windstill.
Zwischen den grasbewachsenen Anhöhen, die das Marsfeld einhegten, standen wir wie in der Senke eines riesigen Tellers. Mit den Augen suchte ich den Ausgang in Richtung Gros-Caillou. Dort waren ebenfalls Soldaten aufmarschiert. Ich sah ans obere Ende des Marsfeldes. Soldaten auch dort, zu Pferde. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, das sich noch verstärkte, als ich sah, wie Babette sich eine Hand vor den Mund schlug, die grauen Augen, die wir beide von unserem Vater geerbt hatten, schreckgeweitet.
»Das ist Lafayette!«, rief jemand. Aufgeregtes Getuschel trug den Namen weiter durch die Reihen.
Lafayette … Ein sogenannter ci-devant, ein ehemaliger Marquis, der in den ersten Tagen der Revolution zu den Bürgerlichen übergelaufen war. Vor einem Jahr hatte ich mit meiner Familie hier auf dem Marsfeld gestanden und ihn gemeinsam mit uns allen den Eid auf die Verfassung sprechen gehört. Daran schien er nun keinen Gedanken mehr zu verschwenden.
Auf eine Handbewegung von Lafayette hin ertönte ein mechanisches Schnappen aus den Reihen der Soldaten. Sie luden die Gewehre.
»Verräter!«
»Das getraust du dich nicht, Lafayette!«
Die Männer in den blau-weiß-roten Uniformen, die uns eigentlich beschützen sollten, richteten die Waffen auf uns. Einer der Soldaten schwenkte eine rote Fahne.
»Was bedeutet das?« Mein Mund war wie ausgetrocknet.
»Bailly hat das Kriegsrecht ausgerufen«, antwortete ein Mann in der speckigen Kleidung eines Gerbergesellen neben mir und spuckte auf den Boden. »Die rote Fahne ist eine Warnung.«
Bürgermeister Bailly. Noch so einer, der um jeden Preis einen König an der Macht halten wollte, den das Volk nicht mehr unterstützte. Bailly und Lafayette verdankten ihre Karrieren der Revolution. Sie seien verliebt in ihre eigene Macht, sagte unser Vater immer. Ihnen sei nicht zu trauen. Dass Lafayette nun seine Männer auf das Volk zielen ließ, bewies nur, wie recht er damit hatte. Sie würden es nicht hinnehmen, dass Habenichtse und Weiber Politik machten.
»Eine Warnung wovor?« Ich wischte mir den Schweiß von der Oberlippe, den Blick auf das blutrote Tuch gerichtet.
»Ach, die wollen uns nur einschüchtern.«
»Verschwindet!«, rief jemand in Richtung der Nationalgarde. »Wir haben das Recht, hier zu sein!«
»Oder kommt rüber zu uns!«, ertönte eine Stimme auf der anderen Seite des Feldes.
»Ja, kommt zu uns, Bürger! Ihr schießt doch nicht auf uns, wir sind doch ein Volk!«
Anstatt sich wie befohlen aufzulösen, sammelte sich die Menschenmenge zwischen dem Altar des Vaterlandes und den Gewehrmündungen der Nationalgarde.
»Schluss mit der Bourbonenherrschaft!«, rief ein Mann in unserer Nähe. »Weg mit dem Zensuswahlrecht!«
»Keine Könige mehr!«, schallte es von der anderen Seite des Feldes zurück.
»Höchstens Robespierre!«, warf eine Frauenstimme trocken ein. Gelächter brandete auf, ein paar aus der Menge applaudierten, und Babette barg lachend den Kopf an meiner Schulter. Auch ich musste kichern. Die Vorstellung war einfach zu komisch, ausgerechnet Robespierre, den Abgeordneten der Stadt Arras, dem seine Gleichgültigkeit gegenüber Geld und Macht den Spitznamen »der Unbestechliche« eingetragen hatte, auf den Thron setzen zu wollen. Einen Moment lang löste sich der Knoten in meinem Bauch, nur um sich dann umso schmerzhafter wieder zusammenzuziehen.
Jemand, vermutlich Lafayette, brüllte einen Befehl. Die Umstehenden quittierten ihn mit lauten Buhrufen. Von irgendwoher flogen Steine.
Eine Salve von Gewehrschüssen ertönte. Erschrockene Schreie antworteten. Auch Babette und ich wichen einen Schritt zurück und duckten uns. Doch es geschah nichts weiter. Vorsichtig hoben wir die Köpfe und sahen uns um. Niemand schien verletzt. Die Leute lachten erleichtert, als sie erkannten, dass man über ihre Köpfe hinweggeschossen hatte, darunter auch Babette. Mich hingegen packte die Wut. Sie behandelten uns wie eine Viehherde.
»Macht euch das Spaß?«, schrie ich in Richtung der Nationalgarde, doch es ging in einem neuen gebrüllten Befehl unter.
Wieder ertönten Schüsse. Wieder Schreie. Dieses Mal jedoch steigerten sie sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der aus tausend Kehlen gleichzeitig aufzusteigen schien. Die vor uns Stehenden wandten sich in Panik zur Flucht und gaben den Blick auf die ersten Gefallenen frei.
Noch mehr Schüsse. Der Gerbergeselle neben mir ging zu Boden.
Sie hatten ihn erschossen. Sie hatten ihn erschossen. Für einen anderen Gedanken war kein Platz in meinem Kopf.
»Mein Gott, sie bringen uns alle um!«, schrie jemand.
Die Fliehenden trampelten uns fast nieder. Etwas traf meine Schläfe, und ich taumelte. Einen Moment lang war mir schwarz vor Augen.
»Léo!«, schrie Babette. Ich hörte sie wie aus weiter Ferne.
Drängelnde Menschen stießen von allen Seiten gegen mich, doch ich stand da wie betäubt, hielt mir den Kopf und starrte hinauf zum Altar des Vaterlandes. Der Marmor war an vielen Stellen mit roten Spritzern überzogen. Vor dem Altar lagen Tote und Verletzte. Eine Frau lehnte mit dem Rücken gegen den Stein, als wollte sie sich nur kurz ausruhen …
Stöhnen und Schmerzenslaute mischten sich in die Angstschreie ringsum. »Maman, maman!«, jammerte ein Kind ganz in meiner Nähe.
Ein heftiger Stoß traf mich im Rücken. Ich fiel auf die Knie. Jemand stürzte auf mich und drückte mich zu Boden. Ich rang nach Luft, als sich das Gewicht von meinem Rücken hob.
»Léo! Was machen wir?«
Babette. Die vollkommene Panik in ihrer Stimme ließ meine Betäubung schließlich weichen. Ich kam auf die Füße und ergriff ihre Hände. Ich hatte sie hierhergebracht, durchzuckte es mich. Wenn ihr etwas zustieß, wäre es meine Schuld.
Wir stolperten über das Feld, wurden von der Masse mitgerissen, ohne zu wissen, wohin wir rannten; es wäre auch zwecklos gewesen, eine andere Richtung einschlagen zu wollen angesichts der Menschenströme, die uns einkeilten. Keuchend stiegen wir den Hang hinauf. Ich stürzte noch einmal, als ich auf den Saum meines Kleides trat. Meine Zeichenmappe hatte ich verloren.
Oben angekommen, drehte ich mich um.
Die Menschen flüchteten vom Marsfeld, trampelten übereinander, doch viele liefen in ihrer Panik auch ziellos umher. Tote und Verletzte lagen am Boden, es mussten Dutzende sein. Soldaten kamen über das Feld geritten. Einer von ihnen hob den Arm. Etwas blitzte in seiner Hand. Ein Säbel, den er jäh niedersausen ließ. Ein Mann, der vor ihm hergerannt war, fiel unter dem Hieb. Andere Soldaten folgten, mähten die Fliehenden hinterrücks nieder. Das Donnern der Pferdehufe auf dem Rasen mischte sich mit den Schreien der Menschen, als sie begriffen, was geschah.
Ich hielt Babette an mich gedrückt, zitternd in der Hitze des Juliabends.
Sie töteten uns. Wir hatten nichts weiter getan, als eine Petition zu unterschreiben, und sie töteten uns.
Hand in Hand rannten Babette und ich am Quai der Seine entlang, begleitet von unzähligen anderen Menschen. Als wir den Pont-Royal erreichten, verspürte ich längst stechende Schmerzen in meiner Seite. Die Abendsonne leuchtete auf dem Wasser. Geblendet schloss ich die Augen und stieß prompt mit einem Entgegenkommenden zusammen. Er schrie mir etwas zu, doch ich achtete nicht darauf. Nur ein Gedanke beherrschte mich: Ich musste Babette auf kürzestem Weg nach Hause bringen. Tränen hatten deutliche Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen. Eine Borte hatte sich von ihrem Kleid gelöst.
»Wir sind gleich daheim«, murmelte ich ihr zu.
Doch auf der steinernen Brücke ging es nur langsam voran, so dicht war das Gedränge. Der Duft von Orangen stieg mir in die Nase. Die Obstverkäuferinnen vom Pont-Royal sahen uns mit offenen Mündern und in die Seite gestemmten Armen vorüberziehen. Die Sturmglocke, die überall in der Stadt läutete, rief die Pariser Bürger aus ihren Häusern. Von den Booten auf der Seine schrien die Fischer zu uns herauf. Die Nachricht von der Füsillade begann sich zu verbreiten.
Wir erreichten das rechte Seineufer. Der Menschenstrom, der uns hierher begleitet hatte, ergoss sich über den Quai.
»Da lang!«, zischte ich meiner Schwester zu und zog sie durch eine schmale Pforte in den Garten hinter dem Tuilerienpalast. Er war überfüllt mit sonntäglichen Spaziergängern, die im schönsten Frieden hier promenierten, mit Bändern und Kokarden in Blau-Weiß-Rot, sodass ich glaubte, überall die Nationalgarde zu sehen. Unser aufgelöster Zustand rief überraschte Mienen hervor. Hier hatten sie noch keine Ahnung davon, was sich vor den Toren der Stadt ereignet hatte.
Im Vorbeihasten warf ich einen Blick zu den hohen Sprossenfenstern des Palastes hinauf. Da drinnen saß er, der dicke Louis, wie die Made im Speck. Und draußen schossen Soldaten in seinem Namen das Volk nieder.
Kies knirschte unter unseren Füßen, als Babette und ich an Springbrunnen, Blumenrabatten und akkurat gepflanzten Bäumen vorbeieilten. Zu unserer Linken sah ich die Manège, die ehemalige Reithalle der Tuilerien, in der die Assemblée nationale tagte. Mein Seitenstechen, das sich auf der Brücke kurz verflüchtigt hatte, hatte längst wieder eingesetzt, als wir das obere Ende des Tuileriengartens erreichten. Babettes Hand fest umklammert, rannte ich in die schmale Gasse hinter der Kapuzinerkirche, die auf die Rue Honoré mündete.
Auf unsere Straße zu treten, war selbst an einem Sonntagnachmittag, als würde man in einen summenden Bienenstock eintauchen. Wenngleich schmal und gewunden, war die Rue Honoré dennoch eine der Hauptverkehrsadern von Paris. Elegante hôtels particuliers wurden von mehrstöckigen Mietshäusern flankiert, die vom Notar in der Beletage bis zur Waschfrau unter dem Dachstuhl sämtliche Schichten beherbergten. Es gab Restaurants und Geschäfte, in denen man von feinster Spitze bis zu lebenden Hühnern praktisch alles kaufen konnte, was man wollte. Da von hier aus die Manège wie auch der Jakobinerklub fußläufig zu erreichen waren, lebten auch zahlreiche Abgeordnete der Assemblée hier.
Ich drückte eine Hand in meine noch immer schmerzende Seite und stützte mich mit der anderen gegen eine Hauswand. Sofort umringte uns eine Traube von Leuten. Weit aufgerissene Augen und verzerrte Mienen schoben sich in mein Gesichtsfeld.
»Es gibt Tote!«, keuchte ich. »Auf dem Marsfeld! Die Nationalgarde hat das Feuer auf uns eröffnet!«
Die Umstehenden fragten weiter, schrien durcheinander, doch ich hörte sie nur gedämpft, den Blick auf meine Schärpe gerichtet. Blau-Weiß-Rot, zur Feier des Tages. Wie die Bänder im Haar so vieler Frauen auf dem Marsfeld. Wie die Uniformen der Nationalgardisten. Ich ertappte mich bei dem absurden Gedanken, dass entweder sie die Uniform ablegen mussten oder ich nie wieder diese Farben tragen konnte …
Ich schüttelte den Kopf über mich selbst.
»Komm weiter!«, sagte ich zu Babette, die Hand noch immer in die Seite gepresst.
Auf dem letzten Stück des Weges mussten wir uns immer wieder gegen Häuserwände drücken, um uns vor vorbeifahrenden Kutschen und Karren in Sicherheit zu bringen, die auf Fußgänger keine Rücksicht nahmen. Endlich tauchte zur Rechten ein vertrautes zweiflügeliges Hoftorauf, überrankt von Geißblatt. Die Sonnenuhr zeigte sieben Uhr. Da Sonntag war, schwiegen im Hof die Werkzeuge. Bienen summten im wilden Wein, der die Hauswand emporkletterte. Von der Straße drang das Klappern von Pferdehufen auf Kopfsteinpflaster herein.
Jacques stand im Hof. Auf seinen storchenhaft dünnen Beinen, die aus seiner Culotteherausragten, kam unser Bruder näher. »Wie seht ihr denn aus?«, fragte er und musterte uns kritisch.
»Wo ist Vater?«, unterbrach ich ihn und warf einen nervösen Blick in Richtung Haustür.
»Im Jakobinerklub, wo sonst?«
Ich überlegte nicht lange. »Ihr bleibt hier«, sagte ich. Meine Röcke streiften über den Boden, als ich mich kurz entschlossen umwandte. Wenn Mutter mich erst sah, würde sie mich auf keinen Fall wieder fortlassen.
»Léo, wohin willst du?«, fragte Jacques vorwurfsvoll. Auch Babette sah mich beunruhigt an, als ich mich noch einmal umdrehte.
»Wenn Mutter schimpft, sag ihr, es war alles meine Idee!«
Das ehemalige Jakobinerkloster, von dem die Gesellschaft der Freunde der Verfassung ihren Spitznamen hatte, lag nur zwei Straßenecken von unserem Haus entfernt. Im Innenhof war es trotz des hektischen Treibens auf der Rue Honoré so still, dass man die Brise in den Blättern des Freiheitsbaumes hörte. Ich war schon oft hier gewesen, um von der Galerie aus die Reden anzuhören, sodass meine Füße nun wie von selbst den Weg zur Klosterbibliothek fanden, in der die Jakobiner ihre Versammlungen abhielten.
Vor dem Eingang hielt in einen Moment inne, den Blick auf die in Stein gemeißelte Inschrift über dem Portal gerichtet. Frei leben oder sterben.
Der Wahlspruch der Jakobiner. Was sollte das bedeuten an einem Tag wie heute?, ging es mir durch den Kopf. Dass Opfer wie die auf dem Marsfeld nun einmal dazugehörten, wenn eine Nation frei sein wollte? Dass man damit rechnen musste, erschossen zu werden, wenn man eine Petition unterschrieb, die den Herrschenden nicht passte?
Aus dem Saal drang Stimmengewirr, das anschwoll, als ich die Flügeltür zur Klosterbibliothek aufzog und hineinschlüpfte. Bei früheren Besuchen hatte ich wie alle Frauen stets oben auf der Galerie gesessen und dort den Reden zugehört. Aufregung erfasste mich, fast als tue ich etwas Verbotenes, als ich den Sitzungssaal betrat.
Der Raum war voll, die Rednerbühne jedoch verwaist. Aufgeregte Stimmen hallten ringsum wider, während ich durch den Saal ging und nach meinem Vater Ausschau hielt. Nichts von dem, was ich aufschnappte, trug dazu bei, mich zu beruhigen.
»… Versammlungen jeder Art verboten. Wir müssen damit rechnen, dass jeden Moment …“
»Das würden sie nicht wagen! Unter uns sind Abgeordnete der Assemblée.«
»Das ist das Ende der Assemblée! Lafayette will die Diktatur!«
»Bailly hat den Verstand verloren, wenn er glaubt, dass …«
Mein Gefühl sagte mir, dass Vater sich an diesen erregten Auseinandersetzungen nicht beteiligen würde. Wahrscheinlich hatte er sich in eine ruhige Ecke zurückgezogen. Ich suchte mit den Augen die Ränder des Raumes ab, bis ich ihn im Gespräch mit unserem Nachbarn Éméry entdeckte. Der sah mich, hielt inne und machte meinen Vater auf mich aufmerksam.
Vater drehte sich um und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. »Éléonore, was in aller Welt …«
»Ich war dort«, unterbrach ich ihn atemlos. »Babette und ich haben unterschrieben, und dann hat uns plötzlich die Nationalgarde umstellt und wollte, dass wir das Feld räumen.« Schreck breitete sich über Vaters Zügen aus, sodass ich schnell hinzufügte: »Keine Sorge, Babette geht es gut.«
»Mein Gott.« Mein Vater betrachtete sich als Mann der Aufklärung und fiel nur selten in den Glauben seiner Kindheit im Velay zurück. »Was hätte euch alles zustoßen können.« Er legte seine Hand auf meine Schulter, unsicher tastend, als müsse er sich vergewissern, dass ich heil war.
»Vater, was wird jetzt passieren?«, fragte ich. »Alle reden von Diktatur und von der Abschaffung der Assemblée.«
Und was bedeutete das für uns, die Familie Duplay? Vater war bekannt als Jakobiner der ersten Stunde.
Er schaute sich ratlos im Raum um, als überlege er, wer von den hier Anwesenden eine Antwort auf die Frage geben konnte. Doch die versammelten Jakobiner schienen genauso hilflos zu sein, wie ich mich fühlte. Es war ein Riss im Gefüge unserer Welt. Ein unausgesprochenes Abkommen war heute einseitig gebrochen worden.
»Stimmt es, was sie sagen?«, beharrte ich. Wie ein Stich durchfuhr mich die Erkenntnis, dass mein Vater mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Antwort schuldig bleiben würde.
»Warte, Éléonore.« Vater hob die Hand, als sei ihm plötzlich etwas eingefallen, und entfernte sich ein paar Schritte von mir. Ich merkte, dass die Umstehenden mich anstarrten. Obwohl ich nicht laut gesprochen hatte, waren um uns herum alle Gespräche verstummt.
Vater sprach nun mit einem pausbäckigen Mann in hellem Sommerjackett und Spitzenjabot. Ich erkannte den Abgeordneten Jérôme Pétion.
Pétion warf einen Blick in meine Richtung und nickte dann. »Gut«, sagte er. »Lassen wir sie berichten. Wir können Zeugen gebrauchen.« Er drehte sich um und ging voran, während Vater mir rasch bedeutete, ihm zu folgen.
Zeugen, hatte Pétion gesagt. Hoffnung flackerte in mir auf. Plante man hier etwa schon, Lafayette für das, was er getan hatte, vor Gericht zu bringen? Der Gedanke, dass ein Adliger dafür würde einstehen müssen, was er am Volk verbrochen hatte, war – im wahrsten Sinn des Wortes – revolutionär.
Pétion bahnte uns den Weg durch die Menge, die uns neugierige Blicke zuwarf. Viele Jakobiner waren mit Sorgfalt gekleidet und frisiert, einige trugen aber auch die rote Mütze, das Wahrzeichen des Klubs.
Auch eine Handvoll Frauen entdeckte ich, während wir uns dem Mittelpunkt der Versammlung näherten. Bei einer von ihnen handelte es sich um eine Dame in einem Seidenkleid, die neben einem hageren, gut gekleideten Grauhaarigen stand.
Beim Anblick ihrer eleganten Erscheinung durchfuhr mich der Gedanke, wie ich selbst aussehen mochte – verschwitzt, das Haar zerwühlt, mein Kleid nach meinem Sturz auf dem Marsfeld voller Flecken.
Die Schritte meines Vaters verlangsamten sich, als wir die Mitte des Saals erreichten. Die versammelten Jakobiner standen hier so dicht, dass ein paar von ihnen beiseiterücken mussten, damit ich einen Blick auf einen kleinen Tisch erhaschen konnte, an dem ein schlanker Mann Anfang dreißig mit fein geschnittenen Gesichtszügen und einer sorgfältig gepuderten Perücke saß.
Robespierre.
Der Mann mit diesem ungewöhnlichen Namen, den wir Pariser uns so lange nicht hatten merken können und den wir auf dem Marsfeld angerufen hatten wie den eines Schutzheiligen, schien tief in Gedanken und seltsam unberührt von dem Durcheinander ringsum. Er war bekannt für die Kompromisslosigkeit, mit der er für die Rechte der Besitzlosen und für das Gemeinwohl eintrat – und sich dabei auch gegenüber den Adligen in der Assemblée behauptete. Mein Vater bewunderte diesen Abgeordneten wie keinen anderen.
Pétion ging zu Robespierre und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin dieser den Blick hob und mir direkt in die Augen sah. Sekundenlang meinte ich, einen Ausdruck von Überraschung oder vielleicht Wiedererkennen wahrzunehmen. Allerdings hatten wir noch nie miteinander gesprochen.
Nur der Hauch eines nördlichen Akzents begleitete seine Worte, als er ohne Umschweife fragte: »Was ist dort geschehen?«
Obwohl er keineswegs laut sprach, hatten ihn alle gehört, und auch die letzten Gespräche verstummten. Ich spürte, wie meine Schultern sich unter den zahlreichen Blicken verkrampften. Mein Vater nickte mir zu. Ich gab mir einen Ruck.
»Lafayette hat die Nationalgarde antreten lassen«, antwortete ich auf die Frage. »Er befahl uns, das Marsfeld zu räumen.«
Mit einer Hand den Stoff meines Rockes zerknüllend, trat ich einige Schritte vor. Die versammelten Jakobiner machten Platz, sodass sich eine Art Gang zwischen Robespierre und mir bildete. Unter der hohen Saaldecke hatte ich einen Moment lang das Gefühl, durch ein Kirchenschiff zu schreiten.
»Als wir nicht gehen wollten, haben sie zuerst in die Luft geschossen, aber dann …« Erneut sah ich das grellrote Blut auf dem Marmor des Altars des Vaterlandes vor mir. »Dann eröffneten sie das Feuer auf uns.«
»Wie viele sind bei dem Massaker zu Tode gekommen?«, fragte Robespierre, ohne eine Regung zu verraten.
»Ich weiß es nicht.« Es war so still geworden, dass ich meine Schritte auf dem Steinboden hörte. »Mehr als fünfzig, denke ich. Es gab auch Verwundete.«
»Und hat die Garde aufgehört zu schießen, als es die ersten Toten gab?« Sein Blick umfing mich mit einer fast beängstigend ausschließlichen Aufmerksamkeit, als ich direkt vor ihm stehen blieb.
»Nein. Das hat sie nicht.« Ich erwiderte seinen Blick ebenso fest. »Einige waren zu Pferde. Als die Menschen zu fliehen versuchten, haben sie sie niedergeritten und mit Säbeln auf sie eingestochen.«
»Diese Verbrecher!«, stöhnte Pétion. Die Dame im Seidenkleid barg ihr Gesicht an der Schulter des Grauhaarigen. Robespierre hingegen betrachtete mich schweigend und mit einem schwer zu deutenden Ausdruck in den Augen. Als ob sich ihm irgendein verborgener Sinn erschlossen hätte.
Ehe ich mir einen Reim darauf machen konnte, wandte er abrupt den Kopf, als lausche er auf ein entferntes Geräusch. Dann hörte ich es auch.
Stiefel. Viele Stiefel. Schritte, die rasch näher kamen. Dann mischten sich auch die Stimmen von Männern darunter. Sie schienen direkt vor der Tür des Jakobinerklosters stehen zu bleiben.
Ein junger Mann kletterte auf einen Stuhl, um durch ein Fenster in den Hof zu spähen. »Die Nationalgarde! Sie sind hier!«, rief er zu uns herunter.
Ein Schrei löste sich aus meiner Kehle. Rasch presste ich mir beide Hände über den Mund. Sie waren hier, um zu vollenden, was sie auf dem Marsfeld begonnen hatten. Wie Donnerschläge hämmerte es gegen die Tür.
»Öffnet, im Namen der Nation!«, drang es von draußen herein. Niemand von uns rührte sich. Ich sah zu meinem Vater, doch auch er wirkte wie erstarrt. Was würden sie tun? Uns alle verhaften? Gleich hier das Feuer auf uns eröffnen? Uns in der Klosterbibliothek niedermetzeln?
Robespierre stand auf. »Ich werde mit ihnen sprechen.«
Mein Vater und Pétion wechselten einen bestürzten Blick und folgten ihm, als er zur Tür schritt. Ich lief hinter ihnen her.
»Nein, Monsieur Robespierre!« Die Dame im Seidenkleid eilte ebenfalls an seine Seite und ergriff seinen Arm. »Das ist zu gefährlich, man wird Sie töten!« Sie sprach aus, was auch ich dachte.
Er antwortete mit einem zerstreuten Lächeln. Im Licht, das durch die hohen Fenster fiel, schimmerten seine Augen grün. »Mir wird nichts geschehen, Madame Roland.«
Er durchquerte den Saal und wandte sich an die Männer, die direkt neben der Tür standen. »Öffnet.«
Ich sah, wie die Männer unbehagliche Blicke tauschten, doch dann taten sie wie geheißen. Im Innenhof des Klosters wogte ein Meer von blau-weiß-roten Uniformen. Wenn sie hier das Feuer eröffneten, dann würde Robespierre als Erster sterben. Warum setzte er sich dieser Gefahr aus?
Anstatt hinauszutreten, blieb er im Türrahmen stehen und legte die Hände rechts und links an das Holz, als könnte seine schmale Gestalt die mit Bajonetten bewaffneten Soldaten aufhalten, falls sie versuchen sollten, in den Saal einzudringen.
»Ich bin Maximilien Robespierre«, hörte ich ihn sagen, seine Stimme so ruhig, als unterrichte er eine Sonntagsschule.
»Abgeordneter der Assemblée nationale und Mitglied der Gesellschaft der Freunde der Verfassung. Wie können wir euch helfen, Bürger?«
Ein Lieutenant mit flaumigem Schnurrbart trat vor ihn hin. »Nach dem geltenden Kriegsrecht sind Versammlungen verboten! Ihr habt diese augenblicklich aufzulösen!«
»Das werden wir. Ich bitte euch zurückzutreten, damit wir den Saal verlassen und uns zerstreuen können.«
»Herauskommen!«, bellte der junge Mann. »Einer nach dem anderen. Und die Waffen abgeben!«
»Wir sind nicht bewaffnet«, entgegnete Robespierre fest. Ich fragte mich, wie er da bei jedem Einzelnen so sicher sein konnte. »Wir sind etwa fünfzig Männer, darunter Abgeordnete der Assemblée, und ein paar Frauen. Es gibt keinen Grund, uns mit Waffengewalt zu drohen, Bürger.«
»Lieutenant!« Die Anrede, die ihn mit uns Zivilisten auf eine Stufe stellte, schien dem jungen Mann nicht zu gefallen. »Heraus da – jetzt!«
»Nicht ohne die Zusicherung, dass wir unbehelligt nach Hause gehen können, Lieutenant.«
»Sie haben hier keine Forderungen zu stellen!« Der Mann legte die Hand an die Pistole in seinem Gürtel. Um ihren Leutnant herum richteten die Nationalgardisten ihre Bajonette auf die Tür und auf Robespierre. Unwillkürlich machte ich einen Schritt vorwärts. Der Drang, ihn am Arm zu packen und der Reichweite ihrer Waffen zu entziehen, war überwältigend. Ich hatte heute genug Menschen sterben sehen.
Robespierre wich kein Stück zurück und wandte sich stattdessen an die Nationalgardisten. »Sind unter euch welche, die heute auf dem Marsfeld eingesetzt waren?«
Stille folgte seinen Worten. Ein paar der Soldaten schienen bei dieser Frage regelrecht zu erstarren. Ich sah die in der ersten Reihe den Kopf schütteln.
»Nein?«, fragte Robespierre. »Das ist gut. Dann habt ihr euch nicht auf so furchtbare Weise an der Nation versündigt wie eure Kameraden. Ich bitte euch, tut es auch jetzt nicht.«
Selbst von dort, wo ich stand, konnte ich sehen, dass einigen der Nationalgardisten Scham und Verwirrung ins Gesicht geschrieben standen. Auf dem Marsfeld waren sie eine anonyme Horde gewesen, die aus der Ferne auf uns gefeuert hatte. Jetzt erkannte ich, dass ganz normale Jungs in den Uniformen steckten, Söhne und Brüder der Pariser Bevölkerung, die meisten wohl jünger als ich.
»Wir werden tun wie geheißen«, erklärte Robespierre dem Leutnant. »Wir werden jetzt einer nach dem anderen herauskommen.«
Er drehte sich zu mir um, als habe er die ganze Zeit gewusst, dass ich dicht hinter ihm stand.
»Kommen Sie, Mademoiselle Duplay.« Er streckte mir die Hand entgegen. »Begleiten Sie mich.« Er sprach es aus wie eine Einladung, auf den Champs-Élysées zu promenieren, doch für mich lag eine stumme Herausforderung darin. Ich vermochte mich nicht zu rühren.
Frei leben oder sterben. So stand es in Stein gemeißelt über just dieser Tür.
Es bedeutete nicht, dass man nur die Wahl zwischen den beiden hatte, hatte Vater uns einmal erklärt. Sondern dass man die Möglichkeit des eigenen Scheiterns in Kauf nehmen musste, um die Freiheit zu verteidigen – ein Kampf, der sich in jedem einzelnen Menschen abspielte.
Wieder bedachte Robespierre mich mit diesem Blick, als würde er mich kennen. Oder als würde er etwas in mir sehen, das mir selbst verschlossen war.
Wie sehr willst du es?, schien er mich stumm zu fragen. Wie sehr willst du frei sein?
Ich streckte die Hand nach seiner aus. Ein leises Raunen erfasste den Saal hinter mir. Die Hand, die ich ergriff, war überraschend heiß. Nicht das geringste Zittern war zu spüren, als wir zusammen nach draußen traten, geradewegs in ein Meer von Blau, Weiß und Rot.
Auf der Rue Honoré hatte sich die Stimmung gedreht. Die Ereignisse vom Marsfeld hatten sich herumgesprochen. Böse oder erschrocken blickende Männer standen in den Hofeingängen. Frauen beschimpften die Nationalgardisten von ihren Fensterbänken aus als Diebe und Gauner. Vereinzelt sah ich, wie Bürger angehalten und befragt oder arretiert wurden, was jedes Mal einen kleinen Aufruhr nach sich zog.
Vater ging voran, als wir die Durchfahrt zur Place Vendôme passierten, von der unsere Sektion ihren Namen hatte. Robespierre und Pétion begleiteten uns. Ich wagte kaum zu atmen. Was, wenn nun jemand auf uns, die bekannte Jakobinerfamilie Duplay, zeigte, um seinen eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen? Oder wenn man Robespierre erkannte? Mit dem Jakobinerklub in unmittelbarer Nähe, wo er täglich ein und aus ging, war das alles andere als unwahrscheinlich.
Die Sonnenuhr lag im Schatten, als wir endlich unser Hoftor erreichten. Am liebsten hätte ich mich sofort hineinbegeben und das Donnerwetter meiner Mutter hinter mich gebracht. Doch als Robespierre Anstalten machte, sich zu verabschieden, kam es fast noch zum Streit zwischen den Männern.
»Maxime, du kannst jetzt nicht einfach nach Hause gehen!«, ereiferte sich Pétion. »Sie hätten dich fast umgebracht!«
»Du übertreibst, Jérôme«, erwiderte Robespierre. »Hätten sie mich verhaften wollen, hätten sie es getan.«
»Das heißt nicht, dass andere es nicht versuchen werden«, gab mein Vater zu bedenken. »Monsieur Pétion hat recht, Sie sind ein bekannter Mann. Wo ist Ihre Wohnung?«
»In der Rue Saintonge«, nannte Robespierre eine Adresse im Osten von Paris.
»Das ist von hier fast eine Stunde zu Fuß«, sagte Vater.
»Da hörst du es, Maxime«, sagte Pétion ungeduldig. »Du kannst heute Abend nicht mehr dort hingehen. Überall sind Soldaten unter Lafayettes Befehl. Vielleicht warten sie schon auf dich!«
Robespierre wirkte zwar nicht glücklich, doch sein Mienenspiel verriet auch keinerlei Furcht. Dabei hätte er mehr Grund gehabt als jeder andere von uns, sich vor Lafayettes Truppen in Acht zu nehmen. Hatte er denn keine Angst vor dem Tod? War es das, was ihm diese tiefe Ruhe gab? Seine Gefasstheit verwirrte mich umso mehr, als mir selbst fast das Herz aus der Brust sprang.
Robespierre schien meinen Blick zu spüren und sah mich an.
Erneut ertappte ich mich bei dem unpassenden Gedanken, wie ramponiert ich aussehen musste, und unterdrückte den Drang, mein Haar zu richten.
Warum hatte er meine Hand genommen? Es war eine eigenartig intime Geste gewesen. Ein Mann konnte einer Frau seinen Arm anbieten oder sich zu einem angedeuteten Handkuss über ihre Hand beugen, doch Hand in Hand gingen nur die, die einander versprochen waren.
»… Monsieur Robespierre?«
Als er seinen Namen hörte, wandte er den Blick langsam von mir zu meinem Vater. Der sah ihn erwartungsvoll an, doch weder Robespierre noch ich hatten die Frage gehört.
»Natürlich nimmt er an, mit Dank«, antwortete Pétion bereits für ihn. »Maxime«, wandte er sich an seinen Freund. »Sei vernünftig. Wir wissen nicht, was Lafayette und Bailly mit dem Kriegsrecht erreichen wollen. Mag sein, dass wir morgen bereits in einer Diktatur leben. Es ist besser, du bleibst heute Nacht bei Maître Duplay und seiner Familie.«
Seit ich denken konnte, beherbergten meine Eltern wechselnde Untermieter, um die Haushaltskasse aufzubessern. Daher waren alle Zimmer im Haus, in denen Robespierre die Nacht hätte verbringen können, belegt. Bis auf eines.
Als Vater auf der Straße seine Einladung ausgesprochen hatte, hatte ich nicht gleich begriffen, dass von meinem Malzimmer die Rede war.
Ich trat auf der Türschwelle von einem Fuß auf den anderen, während Mutter Robespierre das Zimmer zeigte, und versuchte, diese unangenehme Überraschung zu verdauen. Es war für mich ein Glücksfall, dass das Grundstück der Lohiers nur durch eine niedrige Mauer von unserem getrennt war. So fiel vergleichsweise hohes Seitenlicht in den kleinen Raum über Vaters Schreinerwerkstatt – fast wie in ein Maleratelier, fand ich. Jeder professionelle Künstler hätte darüber gelacht: Es war beengt, bot wenig Stauraum und keinen Platz für Modelle, die ich mir ohnehin nicht hätte leisten können. Es gab ein altes Bett darin, ein Bücherregal und einen kleinen Tisch, den ich achtlos vom Fenster weggeschoben hatte, um meine Staffelei davorzustellen.
»Die kommt natürlich weg«, sagte meine Mutter eilfertig zu Robespierre. Ehrfurcht und Bestimmtheit mischten sich in ihrer Stimme, wann immer sie mit ihm sprach.
Mit schmalen Augen beobachtete ich ihr Treiben. Wozu sie das komplette Zimmer ausräumen wollte, wenn er ohnehin nur für eine Nacht bleiben sollte, erschloss sich mir nicht. Natürlich war dieser Raum nie als Atelier gedacht gewesen. Aber ich nahm die Hitze, die sich am Ende eines Julitages wie heute im Zimmer staute, ebenso in Kauf wie den Lärm aus der Schreinerwerkstatt darunter. Hauptsache, ich hatte einen Platz zum Malen.
Und jetzt sollte er mir weggenommen werden. Ausgerechnet heute, wo ich förmlich danach lechzte, die Bilder in meinem Kopf zu Papier zu bringen. Doch ich konnte schlecht dagegen aufbegehren, wenn Lafayettes Soldaten Robespierre in diesem Moment in seiner Wohnung auflauerten.
Zumal vermutlich nur seine Gegenwart Mutter von einem veritablen Wutanfall abgehalten hatte.
»Auf deine Tochter wird geschossen, und statt nach Hause läuft sie zu den Jakobinern – bravo!«, hatte sie meinem Vater zugezischt, als sie unseren Gast außer Hörweite wähnte. Und mich fuhr sie an: »Wie konntest du Babette nur zu einer Demonstration mitnehmen! Dass sie den Kopf in den Wolken hat, ist ja nichts Neues, aber auf dich kann ich mich doch sonst immer verlassen, Éléonore!«
Babette, die ihren Teil der Schelte erkennbar bereits kassiert hatte, stand mit zitternder Unterlippe hinter ihr.
»Sie sind ja heil nach Hause gekommen.« Vater strich meiner Schwester übers Haar als Zeichen, dass uns vergeben war. Ich spürte, dass er stolz auf meinen Auftritt im Jakobinerklub war.
Mutter war alsbald glücklicherweise vollauf mit unserem Gast beschäftigt. Während ich das Fenster des Malzimmers öffnete, führte sie Robespierre herum, ohne seine Bitte zu beachten, uns seinetwegen keine Umstände zu machen, es sei ja nur für eine Nacht.
Ich fand diesen Einwand ehrenwert, wusste aber, dass es keinen Zweck hatte. Mutter war zu stolz darauf, den Lieblingsabgeordneten des Volkes unter ihrem Dach zu beherbergen. Sie freute sich gewiss schon auf die großen Augen der Nachbarinnen, wenn sie ihnen in ein paar Tagen, sobald die Aufregung sich gelegt hatte, alles erzählen würde. Ich unterdrückte meinen Ärger darüber, dass hier über meinen Kopf hinweg entschieden wurde, und machte mich daran, meine Utensilien einzusammeln, die sich über den Tisch verteilten: Pinsel und Malmesser, Malstab und Pastellkreiden, Töpfchen mit Farbpigmenten, Behälter für Leinöl und Terpentin sowie ein ganzer Stapel halbfertiger Skizzen und Zeichnungen – Vaters zerfurchtes Gesicht, Mutters nach vier Geburten stämmige Gestalt, das zierliche Halbprofil meiner Schwester.
»Dann sind Sie also Malerin, Mademoiselle?«, erkundigte Robespierre sich beiläufig. Ich begegnete seinem Blick, doch Mutter meldete sich zu Wort, ehe ich antworten konnte: »Das ist nur ein Zeitvertreib. Éléonore ist keine ernsthafte Künstlerin.« Das sagte sie den Nachbarn, die sich nach meinen Fortschritten erkundigten, auch immer, obwohl ich schon so viele von ihnen gezeichnet hatte.
»Musstest du ihn darauf hinweisen?«, flüsterte ich ungehalten, sobald Vater mit Robespierre auf dem Weg nach unten in den Salon war. »Ich arbeite sehr wohl ernsthaft als Künstlerin. Morgen im Louvre …«
Mutter unterbrach mich zornig. »Du glaubst doch nicht, dass du nach allem, was du dir geleistet hast, morgen in den Louvre gehen wirst.«
»Natürlich, das ist doch seit Wochen ausgemacht!« Es kümmerte mich nicht mehr, ob ich laut wurde.
Mutter funkelte mich an. »Gar nichts ist ausgemacht. Ich verbiete dir, das Haus zu verlassen!«
»Was?«, brach es aus mir heraus. »Das kannst du nicht tun!«
»Oh, sei still, Éléonore!«, sagte Mutter. »Der Sohn der Lohiers ist tot! So wie hundert andere! Und du denkst an nichts anderes als an dein persönliches Pläsier.« Ihre Augen begannen zu glänzen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Nase. »Bring jetzt deine Sachen aus dem Zimmer. Man muss sich ja genieren, wie es darin aussieht.«
Wie erstarrt sah ich ihr nach, als sie die Treppe hinunterging. Paul Lohier. Schneckenpaul. Das konnte nicht sein. Wir waren in dem Chaos von den Lohiers getrennt worden, und so hatte ich nicht sehen können, was mit ihnen passiert war.
Meine Hände zitterten, als ich das Glas mit meinen Kohlestiften und meine Farbpalette durch das Schlafzimmer meiner Eltern in den Raum trug, den ich mit Babette teilte.
Meine Schwester kniete vor dem Bett, auf dem sie ihr nunmehr fleckiges rosenfarbenes Kleid ausgebreitet hatte, und legte die halb abgerissene Borte an die vorgesehene Stelle.
»Kommt das wieder in Ordnung?« Ich hörte Tränen in ihrer Stimme. Sie meinte nicht ihr Kleid.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich ehrlich und drückte ihre Schulter. Wir hatten unterschrieben, alle beide, schoss es mir mit einem Mal durch den Kopf. Wenn die Nationalgarde rebellische Bürger verhaften wollte, musste sie nur der Unterschriftenliste folgen …
Doch ich wollte meiner Schwester keine Angst einjagen und behielt den Gedanken für mich. »Komm«, sagte ich stattdessen. »Hilf mir, meine Sachen herübertragen.«
Die Nacht war heiß, und ich konnte keine Ruhe finden. Bei jedem Geräusch von draußen zuckte ich zusammen, dabei war es stiller als sonst auf der Rue Honoré. Wie viele Pariser würden heute Nacht kein Auge zutun, weil ihre Lieben dort auf dem Marsfeld lagen? Oder hatte man die Toten inzwischen weggebracht? Die Lohiers würden ganz sicher keinen Schlaf finden. Paul war ihr einziges Kind gewesen.
Irgendwann hörte ich die Karren mit Obst und Gemüse in Richtung Les Halles vorbeirumpeln und wusste, dass es nach Mitternacht sein musste. Im Schein einer Kerze, ein Kissen in den Rücken gestopft, hatte ich versucht, die Ereignisse vom Marsfeld zu zeichnen, um die grausamen Bilder aus dem Kopf zu bekommen. Doch es war, als würde ein Stück meiner Erinnerung fehlen.
Waren da wirklich diese Rauchschwaden gewesen? Wie weit entfernt vom Altar des Vaterlandes hatte die Garde gestanden? Ich hatte es doch gesehen, grübelte ich, wie kam es, dass ich mich so schlecht entsinnen konnte? Eine Seitenansicht wäre besser gewesen, aber mit der konnte ich nicht dienen, hatte ich doch mitten unter denen gestanden, auf die geschossen wurde …
Ich zerknüllte den Papierbogen mit der unvollkommenen Zeichnung, nur um ihn gleich darauf wieder glatt zu streichen.
Ein Massaker, hatte Robespierre es genannt. Eines mit einer Botschaft, dachte ich. Deutlicher hätte man uns nicht sagen können: Rechte sind nicht für euch, Weiber und Gesindel. Und wenn ihr doch versucht, euch welche zu erkämpfen, bekommt ihr als Antwort Pulver und Blei!
