Die Farben der Schönheit – Sophias Triumph - Corina Bomann - E-Book

Die Farben der Schönheit – Sophias Triumph E-Book

Corina Bomann

0,0
11,99 €

oder
Beschreibung

Eine große Liebe
New York, 1942. Für Sophia bricht eine Welt zusammen, als ihr Mann sich nach einem Streit freiwillig an die Front meldet. Der Krieg in Europa schien so fern, auch wenn Sophia immer noch Freunde in Paris und Familie in Berlin hat. Sophia stürzt sich in die Arbeit, so gerne würde sie für die erfolgsverwöhnte Elizabeth Arden eine eigene Pflegeserie entwickeln. Oder ist für Sophia der Moment gekommen, sich selbstständig zu machen? Als ihr Mann in Frankreich als verschollen gilt und die Nachrichten aus der alten Heimat immer schlimmer werden, stellt sie alle Pläne zurück. Sie wird ihren Traum nicht aufgeben, aber für die große Liebe ist sie bereit, alles Erreichte zu opfern.


Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB



Die Farben der Schönheit – Sophias Triumph

Die Autorin

CORINA BOMANN Corina Bomann ist eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen.Immer wieder begeistert sie ihre Leserinnen mit großen dramatischen Romanen und Heldinnen, die etwas Besonderes erreichen. Ihre Romane werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller. Sie wohnt in Berlin.

Das Buch

New York, 1930er Jahre: Sophia steht erneut vor einem Scheideweg in ihrem Leben. Soll sie den »Puderkrieg« hinter sich lassen und neu anfangen? Als ihre Freundin Henny überraschend vor ihrer Tür steht, schwer erkrankt, lässt sie ihre Entwürfe für eine eigene Kosmetiklinie ruhen und kehrt zu Helena Rubinstein zurück. Privates Glück findet sie in ihrer großen Liebe Darren, der ihr einen Heiratsantrag macht. Doch schließlich bricht der Krieg herein und droht, alles, was ihr lieb und teuer ist, zu zerstören.

Corina Bomann

Die Farben der Schönheit – Sophias Triumph

Roman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

© 2020 by Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAlle Rechte vorbehaltenAutorinnenfoto: © Nadja KlierUmschlaggestaltung: www.buerosued.de, Münchenunter Verwendung eines Bildes vonTrevillion Images / © NikaaE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comISBN 978-3-8437-2233-9

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

1. Kapitel

1. Kapitel

Juli 1934

Das Ticken der Uhr machte mich schläfrig. In diesem reizlosen weiß gestrichenen Raum, wo es außer ein paar braunen Sitzbänken keine weiteren Möbel gab, war ich die einzige Wartende. Gelangweilt spielte ich mit der alten Münze, die Darren mir bei einem unserer ersten Ausflüge geschenkt hatte und die ich an einer Silberkette bei mir trug. Als ich das Metall an meiner Haut spürte, dachte ich zurück an die Insel, die einmal die Heimat eines Piratenkapitäns gewesen war, und sehnte mich nach dem Duft der Meeresbrise und den Rufen der Möwen.

Doch hier im Hospital gab es nur den Geruch von Desinfektionsmitteln, ferne Schritte und das zeitweilige Klappen von Türen.

Mein Blick wanderte durch den Raum.

Die Zeitung auf der Bank neben dem Fenster war von gestern. Die Artikel darin waren mir vertraut, denn Darren hatte das Blatt abonniert. An einer der Wände hing ein kleines Bild, das ein Segelboot zeigte. Ich hatte es in den vergangenen Tagen so oft angeschaut, dass ich jeden Pinselstrich auswendig kannte.

Schließlich blickte ich zum Fenster. Ein Regenschauer hatte den Staub an den Scheiben in dunkle Schlieren verwandelt. Gerade versuchte das Sonnenlicht, sich seine Bahn durch die Wolkenberge zu brechen.

Ich hatte schon hübschere Dinge durch ein Krankenhausfenster gesehen. Das Bettenhaus gegenüber wirkte grau und deprimierend. Große Fetzen Farbe waren von der Fassade abgeblättert. Die Feuerleiter, die es hier an fast jedem höheren Gebäude gab, war rostig.

In Paris hatte es immerhin einen Garten gegeben, der um diese Jahreszeit in voller Blüte stand. Jeden Tag, an dem ich hier saß, dachte ich mindestens einmal an das Hôpital Lariboisière, wahrscheinlich, weil Henny mich dort besucht hatte.

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass sich unsere Lage einmal umkehren würde. Henny war immer die Starke gewesen, die sich in allen Situationen zurechtfinden konnte. Sie hatte in Paris sofort Erfolg gehabt, hatte einen Geliebten gefunden und war aufgestiegen, während ich die arme Kirchenmaus war, die froh sein konnte, dass ihre Freundin sie unterstützte.

Nun lag sie schon seit fast zwei Wochen hier, eine verarmte, kranke Frau, fern ihrer Heimat, die im Flur vor Darrens Wohnung zusammengebrochen war.

Wie leicht hätte ich damals an ihrer Stelle sein können, damals, als mein Vater sich von mir losgesagt hatte. Wäre Henny nicht gewesen, hätte sie mich nicht bei sich in ihrer Berliner Wohnung aufgenommen, wäre ich möglicherweise irgendwo elend gestorben. Nun war es an mir, ihr zu helfen.

»Miss Krohn?«, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Sie klang dunkel und beruhigend, genau das Richtige, um Patienten die Angst zu nehmen.

Langsam wandte ich mich zu der weiß gekleideten Gestalt um, die im Türrahmen stand. »Ja, Herr Doktor?« Er hatte mir bei unserem ersten Zusammentreffen seinen Namen genannt, aber der war mir entfallen.

»Ihre Freundin ist jetzt wach. Wenn Sie möchten, können Sie gern zu ihr.«

»Vielen Dank.«

Ich erhob mich und griff nach meiner Handtasche. In meinem blauen Kostüm mit den dazu passenden Pumps wirkte ich wie eine Geschäftsfrau. Während meiner Besuche hatte ich festgestellt, dass ich zuvorkommender behandelt wurde, wenn ich förmlich gekleidet war.

Ich schloss mich dem Arzt an und verließ den Warteraum.

Higgins, fiel es mir ein, als wir die Stationstür durchquerten. Der Mann, dem ich folgte, hieß Dr. Higgins. Er hatte Dr. Miller abgelöst und war seit Anfang dieser Woche für Henny verantwortlich. Sein hellblonder Haarschopf war dicht und gepflegt, doch die dunklen Ringe unter seinen blauen Augen erzählten von der Mühsal seiner Arbeit, den langen Stunden an irgendwelchen Krankenbetten, den Begegnungen mit verzweifelten Patienten und deren Angehörigen.

Vor der Tür von Hennys Zimmer machten wir halt. Sie hatte Glück gehabt, in einem Zweibettzimmer untergebracht zu werden. Dieses war eigentlich nur besser situierten Patientinnen vorbehalten. Doch ihre Krankheit verlangte eine gewisse Isolierung, außerdem waren die Krankensäle vollständig belegt.

»Sie werden sich freuen zu hören, dass es Ihrer Freundin wieder etwas besser geht«, sagte Dr. Higgins. »Die Lungenentzündung zieht sich glücklicherweise weiter zurück. Zunehmende Sorgen macht uns allerdings die Opiumsucht. Wir dürfen ihr wegen der Lunge kein medizinisches Opiat geben, sonst würde die Gefahr bestehen, dass sie einen Atemstillstand erleidet. Allerdings kommt es als Folge des Entzugs immer wieder zu Angstzuständen und starken Schweißausbrüchen.«

Ich starrte den Arzt an. »Wie wird es denn weitergehen?«, fragte ich. »Ich meine, sie muss doch von dem Zeug weg, nicht wahr?«

»Natürlich muss sie das.« Eine Sorgenfalte zeigte sich auf der Stirn des Arztes. Er schien kurz mit sich zu ringen, dann antwortete er: »Es wird nicht ganz einfach werden. Opiate wirken auf das Gehirn. Angst, Wahnvorstellungen und Depressionen sind denkbar. Jetzt geben wir ihr Beruhigungsmittel, deshalb sind die Symptome nicht ganz so stark ausgeprägt. Sie sollte den Entzug unbedingt unter ärztlicher Aufsicht durchführen. Besser noch in einer Klinik. Es gibt Sanatorien, die speziell darauf ausgerichtet sind, Sucht zu bekämpfen. Ich könnte Ihnen einige Adressen geben. Allerdings ist der Aufenthalt dort nicht ganz billig.«

Ein Schauer durchzog mich. Und gleichzeitig auch Wut auf Jouelle. Hätte er sie nicht mit dem Opium in Berührung gebracht …

»Das wäre sehr freundlich von Ihnen«, gab ich zurück und verdrängte schnell den Gedanken. Über Hennys Geliebten und die Kosten für ihre Genesung konnte ich mir später noch Sorgen machen. »Danke.«

»Okay, dann werde ich sehen, was ich tun kann. Ansonsten sehen wir uns morgen, nehme ich an?«

Ich nickte. »Ja, wir sehen uns morgen. Vielen Dank, Dr. Higgins.«

Der Arzt lächelte mir zu, wandte sich um und verschwand mit wehendem Kittel im Gang.

Ich atmete tief durch, zog ein kleines buntes Tuch aus der Tasche und band es mir, wie es eine Krankenschwester mir geraten hatte, vors Gesicht. Dann klopfte ich.

Ich wusste, dass Henny nur flüsternd antworten konnte, also wartete ich einen Atemzug und drückte die Klinke hinunter.

An den Geruch der Desinfektionsmittel hatte ich mich bereits gewöhnt, doch der Minzduft überraschte mich jedes Mal ein wenig. Die Schwestern tropften etwas japanisches Minzöl auf Tücher, die sie neben Hennys Kopf legten. Das sollte ihr helfen, etwas besser durchzuatmen.

Mich führte der Duft gedanklich sofort in die Fabrik von Madame Rubinstein zurück, an die langen Tische, an denen ich mit den anderen Frauen Kräuter zupfte und auslas. Seltsamerweise war mir das im Moment besser in Erinnerung als meine Zeit bei Miss Arden. Dass die Schönheitsfarm, die ich aufgebaut hatte, jetzt ohne mich lief, verletzte mich doch ziemlich, sodass ich es vermied, daran zu denken.

»Hallo, Henny, wie geht es dir?«, fragte ich, während ich näher an sie herantrat. Nachdem ihre Nachbarin ausgezogen war, hatte man Hennys Bett ans Fenster geschoben. Die Aussicht war nicht besonders reizvoll, aber sie konnte wenigstens den Himmel sehen.

Unter der Bettdecke wirkte meine Freundin zart und verletzlich. Ihre Wangen waren bleich, ihre Lippen rau, und ihre Augen wurden von rötlich blauen Ringen umgeben. Die Sucht hatte ihren Körper schon vor der Reise hierher ausgezehrt. Es war den Ärzten ebenso wie mir ein Rätsel gewesen, wie sie die Überfahrt überstehen konnte.

Immerhin war der fiebrige Glanz aus ihren Augen verschwunden.

Als sie mich sah, lächelte Henny. »Sophia«, brachte sie krächzend hervor. »Mir geht es furchtbar. Aber ich lebe noch, wie du siehst.«

Sie lachte auf und begann sogleich zu husten. Zitternd angelte sie ein Tuch vom Nachttisch und presste es sich vors Gesicht.

Ich trat vom Bett zurück, wie immer mit einem hilflosen Gefühl. Wie ich gelernt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis der Anfall vorüber war. Mir zerriss es das Herz, sie so zu sehen. Früher hatte sie vor Lebensfreude gesprüht, doch nun war die strahlende junge Frau kaum noch zu erkennen. Am liebsten hätte ich sie in die Arme gezogen, aber die Ärzte hatten mir von Umarmungen abgeraten.

Nach einer Weile beruhigte sie sich wieder und lehnte sich erschöpft zurück. Ich zog mir einen Stuhl heran, blieb aber auf Abstand.

»Weißt du noch, damals, als diese Spanische Grippe in der Stadt war?«, keuchte sie und ließ das Tuch langsam wieder sinken. »Das muss genauso gewesen sein.«

»Es ist keine Grippe, die du hast«, gab ich zurück. »Außerdem meinte Dr. Miller, dass man nach einer Weile nicht mehr ansteckend ist. Und ich habe ja etwas vor dem Gesicht.«

Damals, als die Seuche in Berlin grassierte, ließen uns unsere Mütter auch nur mit einem vorgebundenen Tuch aus dem Haus. Wir hörten die Nachbarinnen davon reden, dass wieder diese oder jene Familie betroffen sei, und draußen sahen wir, wie Leute mit Tüchern in die Straßenbahnen einstiegen. Unsere Lehrer sprachen in der Schule davon, und ab und zu belauschte ich meine Eltern dabei, wie sie sich über die Gestorbenen unterhielten.

»Ich will nicht, dass du krank wirst«, sagte Henny.

»Das werde ich nicht, versprochen.«

Einen Moment lang schwiegen wir. Ich beobachtete, wie Henny versuchte, ihre Kräfte zu sammeln. »Hast du mal wieder etwas von deinen Eltern gehört?«, wollte sie dann wissen.

Überrascht von ihren Worten, schwieg ich. Ich hatte ihr nichts von dem erzählt, was geschehen war. Und mir selbst fiel es nicht leicht, an Mutter zu denken. Ihr Tod lag nicht lange zurück. Die Wunden, die der Verlust geschlagen hatte, schmerzten noch immer.

Doch belügen wollte ich Henny auch nicht.

»Meine Mutter ist im Frühjahr gestorben«, gab ich zurück. »Ich hätte es nicht erfahren, wenn sich unser Notar nicht bei mir gemeldet hätte.«

Henny zog die Augenbrauen hoch. Bevor sie fragen konnte, fuhr ich fort: »Vater hatte es nicht für nötig gehalten, mich zu informieren. Auch nicht davon, dass sie beide nach Zehlendorf umgezogen sind. Die ganze Geschichte erzähle ich dir, wenn du wieder mehr bei Kräften bist. Mutter hat mir eine kleine Erbschaft hinterlassen. Und einige Briefe. Jene Briefe, die sie mir wegen meines Vaters nicht schicken konnte.«

Henny presste die Lippen zusammen. Ich sah, wie sie mit einem weiteren Hustenanfall rang. Doch dieser blieb glücklicherweise aus.

»Was ist mit deinen Eltern?«, fragte ich. »Bist du mit ihnen in Kontakt geblieben?«

Henny senkte den Blick und schüttelte den Kopf. »Nein. Sie … sie hätten es nicht verstanden.«

»Was hätten sie nicht verstanden?«, fragte ich. »Sie wussten doch, dass du Tänzerin bist.« Der Zusatz, dass sie sich vielleicht auch über die Verlobung gefreut hätten, blieb mir im Hals stecken. Jouelle anzusprechen fühlte sich an, wie die Lunte eines Pulverfasses anzuzünden. Ich wollte warten, bis Henny mit diesem Thema anfing.

»Ich habe ihnen nicht mehr geschrieben.« Sie wandte den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster.

Ich sah ein, dass es besser war, nicht weiter daran zu rühren. Bisher waren die Gespräche mit Henny den Umständen entsprechend leicht gewesen, wir hatten schwierige Themen vermieden. Dass sie auf meine Eltern kam, war vielleicht ein Zeichen dafür, dass es ihr besser ging. Aber ich ahnte auch, dass dann noch weitere Dinge aufbrechen konnten.

Eine ganze Weile schwiegen wir, während Hennys Blick auf die vorbeiziehenden Wolken gerichtet blieb. Sollte ich sie vielleicht lieber allein lassen?

»Ich wünschte, wir wären nie nach Paris gegangen«, sagte sie plötzlich. Eine Träne lief über ihre Wange, ihre Miene wurde hart. »All das wäre nicht passiert, wenn wir nicht dorthin gegangen wären.«

Eine Antwort darauf zu geben fiel mir schwer. Wenn ich mich betrachtete, hatte Paris mir großes Unglück gebracht, doch mir war durch die Begegnung mit Madame Rubinstein auch vergönnt gewesen, ein neues Leben anzufangen. Das Leben, das ich jetzt führte.

»Vielleicht«, antwortete ich. »Aber daran solltest du jetzt nicht denken. Du bist hier, bei mir. Und du wirst wieder gesund, das verspreche ich dir.«

Tränen traten in ihre Augen. »Ich bin schlecht zu dir gewesen. Ich hätte auf dich hören sollen …«

Mehr denn je wünschte ich mir, dass ich sie umarmen könnte. Fast war ich versucht, es zu tun, da klopfte es, und wenig später erschien eine junge Frau in Schwesterntracht. Es war die Schwester, die Deutsch sprach.

»Es wird Zeit für Ihre Medikamente«, sagte sie mit leichtem Akzent und reichte Henny ein paar Tabletten und ein Glas Wasser. Zitternd beförderte Henny die Medikamente hinunter.

»Denken Sie bitte daran, dass Fräulein Wegstein sich noch schonen muss«, sprach die Schwester mich an.

Ich hätte beinahe angemerkt, dass ich erst zehn Minuten da war, doch ich nickte. »Ich habe die Zeit im Blick.«

Die Schwester lächelte mir zu und verschwand wieder.

Henny schaute erneut aus dem Fenster. Ich hatte Angst, sie nach ihren Gedanken zu fragen.

2. Kapitel

Zu Hause angekommen, schloss ich die Tür zu unserer Wohnung auf und trat ein.

Kaffeeduft, der noch vom Frühstück in der Luft schwebte, vertrieb ein wenig die Anspannung, die ich aus dem Hospital mitgebracht hatte.

Für einen Moment blieb ich einfach nur stehen und lauschte der Stille des Apartments. Glücklicherweise hatten wir keine tickenden Uhren an den Wänden und auch sonst nichts, was an das Krankenhaus erinnerte.

Der Besuch bei Henny war unerwartet intensiv gewesen. Auf dem Rückweg war mir klar geworden, dass wir das, was geschehen war, nicht einfach abschütteln konnten. Wir mussten es aufarbeiten, Schritt für Schritt. Wenn Henny wieder genesen war und das Gift aus ihren Adern herausgeschwemmt, würden wir von vorn anfangen.

Ich schälte mich aus meiner Kostümjacke und hängte sie an den Kleiderständer.

Darren war heute bei einer Besprechung mit seinem neuen Auftraggeber. Wie gern hätte ich mich jetzt von ihm in den Arm nehmen lassen!

Als ich die Küche betrat, entdeckte ich einen Umschlag auf dem Küchentisch. Darren musste ihn dorthin gelegt haben, bevor er gegangen war.

Ich hielt es zunächst für Material, das er für seine Arbeit erhalten hatte, doch dann sah ich, dass er an mich adressiert war.

Ich erwartete eigentlich keine Post. Nach Hennys Ankunft hier hatte ich Monsieur Martin, dem Detektiv aus Paris, auf seinen Brief geantwortet. Eine Reaktion von ihm würde sicher noch dauern. Außerdem würde sie nicht in einem derart dicken Brief kommen.

Der Absender war das City College of New York. Irritiert hob ich den Umschlag an und merkte erst jetzt, wie schwer er war. Was hatte das zu bedeuten?

Mit pochendem Herzen riss ich ihn auf und zog wenig später einen Brief sowie ein paar Broschüren hervor. Eine von ihnen war ein Verzeichnis der Studienrichtungen.

Ich legte sie auf den Küchentisch und griff nach dem Anschreiben.

Sehr geehrte Miss Krohn,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserem College. Anbei fügen wir wie gewünscht einige Broschüren mit Informationen über unsere Einrichtung bei. Scheuen Sie sich nicht, sich bei uns zu melden, falls Fragen auftreten.In der Hoffnung, Sie bald bei uns begrüßen zu dürfen, verbleiben wir mit den besten Grüßen!

Ich ließ mich auf den Küchenstuhl sinken.

Darren. Wer sonst sollte für mich bei einem College nachfragen? Der Traum, mein Studium zu beenden, war in den vergangenen Tagen immer stärker geworden. Ich hatte mit Darren darüber gesprochen, jedoch nicht damit gerechnet, dass er bei einer Universität anfragen würde.

Mein Herz begann wild zu hämmern. Was, wenn ich es wirklich täte?

Dann konnte mich jemand wie Miss Arden nicht mehr so einfach in andere Abteilungen stecken. Mit einem Diplom würde ich in dem Bereich arbeiten können, der mir am Herzen lag.

Mit vor Aufregung eiskalten Fingern schlug ich die erste Broschüre auf. Schon nach wenigen Augenblicken verlor ich mich in dem Foto des Campus. Wie gut konnte ich mir vorstellen, dort entlangzugehen, auf dem Weg zu einer Vorlesung … Sollte ich es wirklich wagen? Jetzt merkte ich erst, wie sehr alles in mir danach schrie, wieder in einem Hörsaal zu sitzen, wieder an einem Labortisch zu arbeiten. Wieder den Worten eines Professors zu lauschen. Ich begann zu blättern und erlaubte mir für einen Moment zu träumen.

Als Darren von der Arbeit heimkam, hatte ich den Großteil der Broschüren bereits durchgelesen. Die Liste der Fachrichtungen war beeindruckend. Am meisten freute mich natürlich, dass es eine Fakultät für Chemie gab. Außerdem stimmte es mich hoffnungsvoll, dass sich dort auch viele Studentinnen einschrieben. Die Zeiten schienen sich sehr geändert zu haben, seit ich mich an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin eingeschrieben hatte.

Als ich hörte, wie er die Schlüssel auf die Kommode legte, erhob ich mich.

»Hallo, Schatz«, begrüßte ich ihn, schlang meine Arme um seinen Hals und küsste ihn.

»Das ist ja mal eine Begrüßung!«, sagte er. »Wie geht es deiner Freundin?«

»Besser«, gab ich zurück. »Aber es war diesmal irgendwie anstrengender.«

»Wollte sie sich wieder mit dir streiten? Das würde ich als gutes Zeichen werten.«

»Nein«, entgegnete ich und schilderte ihm kurz, wie der Besuch verlaufen war. Dann schloss ich mit den Worten: »Ich fürchte, da wird noch eine harte Zeit auf uns zukommen. Nicht nur wegen des Entzuges. Es gibt so viele Dinge, über die wir nie geredet haben …«

»Ihr beide werdet es hinkriegen«, sagte er und küsste meine Schläfe. »Sie muss erst einmal gesund werden.«

»Das sage ich mir auch.« Ich seufzte schwer und schmiegte mich noch eine Weile an ihn.

»Hast du die Unterlagen gefunden?«, fragte er schließlich, als ich mich aus seiner Umarmung löste.

»Ja, wenngleich ich nicht weiß, welche gute Fee sie mir geschickt hat.«

Darren lächelte und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich dachte mir, dass du vielleicht ein wenig Inspiration brauchen könntest. Jetzt, wo du frei wie ein Vogel bist, könntest du es doch noch mal mit einem Studium versuchen. Also habe ich ein paar Broschüren bei den Colleges angefordert, die Chemie als Studiengang anbieten.«

»Colleges?«, fragte ich verwundert. »Du hast gleich mehrere angeschrieben?«

»Nur die, die in der Nähe liegen und erschwinglich sind. Aber wenn du möchtest, besorge ich dir auch Unterlagen der Yale University. New Haven ist nicht allzu weit von New York entfernt.«

»Schon allein der Name klingt teuer. Wahrscheinlich studieren dort Leute wie die Vanderbilts.« Ich schüttelte den Kopf. »Das City College sieht gar nicht mal so schlecht aus. Vorausgesetzt, dass es nicht zu viel kostet.«

»Es ist ein staatliches College. Die Preise dürften geringer sein.«

Ich spürte, wie sich meine anfängliche Begeisterung langsam dämpfte. Ich hatte nicht daran gedacht, dass man für ein Studium Geld brauchte. Eine ganze Menge Geld.

In Berlin war mein Vater für meine Ausbildung aufgekommen. Hier musste ich die Kosten selbst tragen. Auch wenn wir bald heiraten würden, konnte ich nicht verlangen, dass Darren es tat.

»Aber bevor ich mich irgendwo einschreibe, sollte ich mir wohl einen Job suchen«, sprach ich meinen nächsten Gedanken laut aus.

Darrens Miene wurde ernst. Ich spürte, dass er etwas Aufmunterndes sagen wollte, aber genauso wie mich schien auch ihn jetzt die Realität einzuholen.

»Außerdem wird Henny wohl in ein Sanatorium gehen müssen wegen ihrer Sucht.« Ich senkte den Kopf. Das gute Gefühl, das ich vorhin beim Durchblättern gehabt hatte, zog sich immer mehr zurück.

Darren legte sanft seine Arme um meine Schultern. »Es wird sich alles finden, davon bin ich überzeugt. Ich werde dir so gut helfen, wie ich kann.«

»Aber ich kann nicht zulassen, dass alles auf deinen Schultern lastet.«

»Das tut es doch nicht«, gab er zurück. »Und schau, ich verdiene recht gut bei dem Lebensmittelhersteller. Das Treffen lief hervorragend. Möglicherweise melden sich noch andere Firmen bei mir. Ehe du dichs versiehst, mache ich Werbung für Kellogg’s!«

»Trotzdem bleibt es ein Risiko.«

Darren zog mich an sich. »Für dich bin ich bereit, jedes Risiko einzugehen.«

3. Kapitel

Der Gedanke an das Studium und die Bilder vom Campus des City College hielten mich einen Großteil der Nacht wach. Das Verlangen, wieder zu studieren, zerrte wie ein Sturm an mir. Fast schon verzweifelt ging ich unsere Möglichkeiten durch. Ich hatte noch Ersparnisse, doch wie lange würden die reichen, wenn ich nichts dazuverdiente? So ein Studium dauerte ja nicht nur ein paar Monate.

Die Wirtschaftslage hatte sich nicht wesentlich gebessert, aber vielleicht konnte ich in irgendeinem Kosmetiksalon anfangen?

Es gab viele Unternehmerinnen, die auf den Zug aufgesprungen waren, den Madame Rubinstein und Miss Arden in Bewegung gesetzt hatten. Doch kaum eine war so erfolgreich wie die beiden. Und die Arbeitszeiten verboten ein Studium. Wenn ich nur stundenweise arbeitete, verdiente ich bei einem kleinen Unternehmen nicht genug.

Ein weiterer Gedanke kam mir. Was, wenn ich wieder bei Helena Rubinstein vorsprach? Zu Miss Arden zurückzukehren war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber Madame hatte mir bei unserem letzten Treffen zu erkennen gegeben, dass ich wieder bei ihr anfangen konnte. Ja, sie hatte sogar wortwörtlich gesagt, dass sie sich freuen würde und wiedergutmachen wolle, dass mir von den Anwälten der Lehman-Brothers gekündigt worden war.

Doch das war jetzt einige Jahre her.

Außerdem, wie sollte meine Arbeit dort aussehen? Die Stelle in Rom, die sie mir angeboten hatte, war mittlerweile sicher besetzt. Und Paris …

Ich wagte nicht mehr zu hoffen.

Obendrein erinnerte ich mich noch gut an die Zeit, in der ich mit meiner Kollegin Ray eine neue Produktlinie entwickelt hatte. Wir waren kaum zum Schlafen gekommen. Wie sollte ich nebenbei studieren?

Wenn, dann würde ich nur halbtags für Madame arbeiten können. Aber würde sie das tolerieren?

Ich wusste, dass es für sie keine Rolle spielte, ob ich fertig studiert hatte oder nicht. Aber mich würde es in meinem Bestreben weiterbringen, mich selbstständig zu machen.

Am Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Es war, als läge ein großer Stein auf meiner Seele. Beinahe wünschte ich mir, Darren hätte die Broschüren nicht angefordert. So war ein Wunsch in mir geweckt worden, den ich mir wohl kaum erfüllen konnte.

»Du bist heute so still«, bemerkte Darren beim Frühstück. Eigentlich war alles wie immer, und doch fühlte es sich ganz anders an.

»Ich habe nicht gut geschlafen«, gab ich zurück.

»Du grübelst wegen des Studiums.«

»Mir ist in den Sinn gekommen, bei Madame anzufragen«, antwortete ich.

Darrens Kaffeetasse stockte auf halbem Weg. »Bei Helena Rubinstein?«

»Ich bin ihr nach der Beerdigung von Miss Marbury begegnet. Sie sagte, dass sie sich freuen würde. Sie bot mir sogar eine Anstellung in Rom an.«

Darren blickte mich überrascht an. »Rom? Nun ja, damals warst du bei ihrer großen Konkurrentin. Es liegt sicher schon einige Zeit zurück, nicht wahr?«

»Ja. Die Stelle in Rom wird nicht mehr frei sein, aber vielleicht könnte ich ins Labor.«

Er griff über den Tisch nach meiner Hand. »Willst du das wirklich? Nach allem, was du erzählt hast, war es dort auch nicht immer leicht.«

Ich nickte.

»Und wie war das noch mal mit dieser Heiratsklausel?« Ich hatte Darren davon erzählt, dass Madame von mir verlangt hatte, für zehn Jahre unverheiratet zu bleiben.

»Nun, dann stelle ich mich bei ihr vor, sobald wir verheiratet sind. Noch einmal lasse ich mir solch eine Bedingung nicht aufzwingen.«

Darren atmete tief durch. »Überlege es dir bitte gut, ob du dich wieder in die Höhle dieser Löwin begibst. Sie wird sich nicht geändert haben. Und möglicherweise spannt sie dich dermaßen ein, dass du gar nicht die Zeit fürs Studium hast.«

»Das werde ich zu verhindern wissen«, gab ich zurück. »Ich werde ihr klipp und klar sagen, was ich möchte.«

»Denk dran, dass es Madame ist. Sie stimmt nur Dingen zu, von denen sie auch einen Nutzen hat. Du müsstest ihr schon Informationen über Arden liefern, damit sie interessiert ist. Oder sehe ich das falsch?«

»Madame hasst Illoyalität«, erwiderte ich. »Wenn ich es auf diese Weise versuche, werde ich mein Ansehen bei ihr verspielen. Sie mag vielleicht Dinge über Miss Arden wissen wollen, aber ich bin sicher, dass sie Spione verabscheut. Außerdem ist es nicht meine Art. Auch bei Miss Arden wollte man mich über Rubinstein ausfragen, aber ich habe nichts gesagt. Und ich glaube, gerade deshalb hatte sie mich mit dem Aufbau der Farm betraut. Weil sie wusste, dass ich keine Verräterin bin.«

»Du hast recht, entschuldige«, sagte Darren.

Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Es musste sich doch irgendein Weg finden!

»Ich fahre nachher zum Hospital«, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu Darren. »Vielleicht bringt mir der Weg ein bisschen Klarheit.«

Darren streichelte mir über die Wange. »Ich werde dich unterstützen, so gut ich kann.«

»Danke.« Ich griff nach seiner Hand, küsste sie und behielt sie noch eine Weile an meinem Gesicht. Dann gab ich ihn wieder frei und wandte mich meinem Kaffee zu. Für das, was auch heute wieder vor mir lag, brauchte ich dringend einen Wachmacher.

Diesmal erwartete mich Henny in ihrem Bett sitzend. Die Schwestern hatten ihr offenbar die Haare gewaschen und sie gleichzeitig ein wenig frisiert.

»Hallo, Henny«, grüßte ich und zog mein Tuch hervor. Ich wusste nicht, ob es noch nötig war, aber ich wollte sie nicht mit etwas anstecken, das ich von draußen mitbrachte.

»Hallo«, antwortete sie lächelnd. »Allmählich fange ich wieder an, wie ein Mensch auszusehen.«

»Das ist schön«, antwortete ich. »Wie geht es dir?«

»Nicht viel anders als gestern. Aber ich fühle mich ein wenig frischer.« Sie hob kurz die Arme, ließ sie dann aber kraftlos sinken. »Und das Essen schmeckt etwas besser.«

»Geben sie dir denn schon was anderes als diesen Haferbrei?«

»Ja, ich bekomme jetzt vieles mit Butter, weil sie glauben, das sei gut für die Lunge. Ich bin es nicht mehr gewohnt, so viel zu frühstücken.« Sie senkte den Blick. »Genau genommen habe ich in Paris kaum gegessen.«

Wie hatte sie es nur hierher geschafft? Sie hatte so viel Glück gehabt.

»Ich habe gestern Post erhalten«, sagte ich, um sie ein wenig aufzumuntern, und zog eine der Broschüren aus meiner Umhängetasche. »Vom City College.«

»College?«, fragte Henny.

»Das ist eine Universität hier in New York.« Ich musste Henny unbedingt Englisch beibringen, wenn sie wieder genesen war. Durch den Kontakt mit den Ärzten konnte sie ein paar Brocken, ansonsten übersetzte die deutsche Schwester für sie. »Ich habe Darren davon erzählt, dass ich mit dem Gedanken spiele, wieder zu studieren, jetzt, wo ich bei Miss Arden gekündigt habe. Das hat er zum Anlass genommen, ein paar Universitäten anzuschreiben.«

»Er scheint ein sehr guter Mann zu sein«, sagte Henny. Sie lächelte, doch in ihren Blick trat beinahe ein wehmütiger Ausdruck. »Ich erinnere mich allerdings nicht mehr so richtig daran, wie er aussieht.«

»Du wirst noch Gelegenheit haben, ihn genau in Augenschein zu nehmen, wenn du wieder zu Hause bist«, gab ich zurück. »Wir möchten, dass du bei uns wohnst.«

»Wirklich?« Hennys Augen wurden feucht. »Aber störe ich denn nicht?«

»Davon, dass du störst, möchte ich nichts hören!«, entgegnete ich. »Du bist uns aufs Herzlichste willkommen.«

»Aber ihr beide wollt heiraten.«

Das hatte ich Henny ganz am Anfang erzählt, in den ersten Tagen, als sie wieder wach war. Es überraschte mich, dass sie sich das gemerkt hatte.

»Das wollen und werden wir. Und ich freue mich, dass du da bist und meine Brautjungfer sein kannst. Wenn du das möchtest.«

»Ich möchte«, sagte sie. »Es ist so schön, dass du nach allem, was du erlebt hast, endlich dein Glück findest.«

»Das wirst du auch, das verspreche ich dir.«

Wir unterhielten uns eine ganze Weile über die Universität und den Campus. Meine Begeisterung schien ansteckend zu wirken, denn der müde Schatten, der Henny begleitet hatte, zog sich ein wenig zurück. Sie wirkte regelrecht aufgeputscht von dem Gedanken, dass ich vielleicht schon bald die Gelegenheit erhielt, eine richtige Chemikerin zu sein.

»Dann kannst du dein eigenes Geschäft eröffnen«, sagte sie. »Oder du wirst Professorin und lehrst selbst.«

»Ich fürchte, die Arbeit an der Universität ist nichts für mich. Während der letzten Tage auf der Schönheitsfarm habe ich immer wieder an ein eigenes Labor gedacht. Möglicherweise könnte ich mich auf bestimmte Produkte spezialisieren.« Ich spürte, wie der Gedanke daran den Stein, der mir seit einiger Zeit auf der Brust lag, ein wenig leichter machte.

»Das wirst du schaffen«, sagte sie und wirkte jetzt wieder ein wenig melancholisch. »Und wer weiß, vielleicht hat die Stadt auch Verwendung für eine zu alt gewordene Tänzerin.«

»Zu alt?«, fragte ich. »Du bist doch erst achtundzwanzig!«

Henny schnaubte spöttisch. »Das ist in gewissen Kreisen viel zu alt …«

War sie Jouelle zu alt geworden? Ich wagte nicht zu fragen.

»Josephine Baker tanzt noch heute, soweit ich weiß.«

»Aber auch sie ist nicht mehr der helle Stern von damals. Manchmal wünschte ich, ich wäre ihr nie begegnet. Wir beide hätten in Berlin bleiben können …«

Sollte ich ihr vom Schicksal des Varietédirektors Nelson berichten? Ich spürte, wie das Gewicht des Steins wieder zu mir zurückkehrte.

»Hast du denn in letzter Zeit etwas aus Deutschland gehört?«, fragte ich vorsichtig.

»Nein«, gab sie zurück.

Offenbar hatte sie sich bisher keine Gedanken darum gemacht, wie es ihren Eltern ergangen war. Ich war mir dessen bewusst, dass das ein gefährliches Thema war, das leicht dazu führen konnte, dass sie sich aufregte. Doch sie durfte auf keinen Fall glauben, dass es besser gewesen wäre, an Ort und Stelle zu bleiben.

»Herr Nelson ist in die Schweiz gegangen«, sagte ich. »Das Theater gibt es nicht mehr.«

Hennys Augen wurden groß. »Herr Nelson hat das Theater aufgegeben?«

»Er hatte keine andere Wahl. Die Nazis haben ihn gezwungen. Jetzt wird dort ein Kino eingerichtet.«

Hennys Miene wurde betroffen. »Dann sind alle arbeitslos geworden?«

»Ich weiß es nicht. Es wäre denkbar, dass der Kinobetreiber einige übernommen hat. Die Mädchen von den Kassen vielleicht oder manche der Bühnenarbeiter.«

»Aber die Tänzerinnen …«, wisperte sie traurig.

»Die werden andere Engagements gefunden haben. Du brauchst dich nicht darum zu sorgen.«

Ich fragte mich, ob die Mädchen und die Tanzmeisterin tatsächlich eine neue Stelle gefunden hatten. Darüber hatte der alte Mann, den wir im Frühjahr vor dem Theater getroffen hatten, keine Auskunft gegeben.

»Und du brauchst auch nicht zu glauben, dass es damals ein Fehler war, aus Berlin fortzugehen«, fügte ich hinzu. »Ich bin sicher, die wirklich gute Zeit kommt schon bald. Manchmal muss man eben Umwege gehen, aber das Ziel ist dann umso schöner.«

Ein Klopfen riss uns aus dem Gespräch, und Dr. Higgins trat ein. In seiner Kitteltasche steckte ein Stethoskop, und in den Händen hielt er wieder das Klemmbrett.

»Miss Krohn, dürfte ich Sie kurz sprechen?«, fragte er zu meiner Überraschung.

»Natürlich, Herr Doktor.« Ich blickte zu Henny, die wieder schläfrig wirkte. »Ich wollte mich ohnehin verabschieden.«

»Gut, ich warte draußen.«

Ich trat zu Henny und griff nach ihrer Hand. »Ich komme morgen wieder, ja? Dann erzähle ich dir, was der Doktor zu mir gesagt hat.«

»Ist gut«, sagte Henny müde. Unser Gespräch schien sie angestrengt zu haben.

Ich nickte ihr zu und wandte mich zur Tür. Draußen zog ich mir das Tuch vom Gesicht. Dr. Higgins bedeutete mir, mit ihm zu kommen.

Die Wartestühle vor dem Arztzimmer waren leer, im Hintergrund schob eine Schwester einen Servierwagen über den Gang.

Das Sprechzimmer war mir schon von dem ersten Besuch hier vertraut. Das Knochengerippe neben dem Fenster grinste mich an und erinnerte mich an die Biologiestunden am Gymnasium.

Dr. Higgins bot mir einen Platz an und begab sich dann hinter seinen Schreibtisch. »Es gibt gute Nachrichten. Wir hätten für Ihre Freundin einen Platz in einem Sanatorium.«

»Ist das nicht ein bisschen früh?«, wunderte ich mich. »Miss Wegstein wirkt auf mich immer noch ziemlich schwach.«

»Wir gehen davon aus, dass sie in einer Woche entlassen werden kann. Ihr Zustand ist wieder recht gut, jedenfalls was die Lunge angeht. Wenn sie noch weiter zu Kräften gekommen ist, könnte sie die Kur bereits antreten.«

Sollte er nicht mit Henny darüber sprechen?

»Und wo liegt das Sanatorium?«, fragte ich.

»In der Nähe von New Haven. Dort gibt es eine Stiftung, die sich um Suchtkranke bemüht. Ich kenne den Leiter der Anstalt, Professor Hendricks, er ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet. Er hat viel Erfahrung mit Opium- und Alkoholsucht. Diese sind in New York leider weitverbreitet, auch in prominenten Kreisen.« Dr. Higgins machte eine Pause, dann fuhr er fort: »Allerdings würde die Kur dort gut neunhundert Dollar kosten.«

»Neunhundert!«, platzte ich heraus. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen Schlag versetzt. »Das ist ein kleines Vermögen!«

»Es ist eines der besten Häuser für die Entwöhnung von Suchtkranken. Man führt dort spezielle Kuren und Diäten durch, die alle darauf ausgerichtet sind, die Entzugserscheinungen zu lindern.«

Nur lautete mein Name nicht gerade Vanderbilt oder Rockefeller.

»Außerdem wäre es vielleicht angebracht, wenn Sie sie begleiten würden. Die Nähe einer vertrauten Person könnte ihren Heilungsprozess beschleunigen.«

Allmählich glaubte ich, dass meine elegante Erscheinung den Arzt zu dem Glauben verleitete, ich hätte Geld. Doch allein der Gedanke, ihm zu widersprechen oder abzulehnen, verursachte ein schlechtes Gewissen bei mir. Henny sollte die beste Behandlung bekommen. Auch wenn ich keine Ahnung von Opiumsucht hatte, wollte ich doch, dass es ihr gelang, vom Rücken des »Drachen« abzuspringen.

»Was würde es denn kosten, wenn ich meine Freundin begleitete? Oder meinen Sie, ich sollte mir ein Zimmer in einer nahe gelegenen Pension nehmen?«

»Nun, Patienten der Klasse eins haben das Anrecht darauf, dass ihre Begleitpersonen in einem benachbarten Raum untergebracht werden. Es sind ganz reizende Zimmer mit guter Ausstattung. Es würden für Sie weitere sechshundert Dollar Kosten anfallen, was mir allerdings angesichts der Tatsache, dass Sie Vollverpflegung erhalten, günstig erscheint.«

Tausendfünfhundert Dollar! Ich war froh, dass ich bereits saß.

Ich gestattete mir einen Moment, diese Nachricht zu verdauen, dann fragte ich: »Und Sie sind sicher, dass Miss Wegstein für diese Kur bereit sein wird? Jemanden von einer Droge zu entwöhnen, stelle ich mir schwierig vor.«

Dr. Higgins faltete die Hände vor sich auf der ledernen Schreibtischunterlage. »Es wird nicht einfach sein. Bei manchen Patienten ist die Rückfallquote sehr hoch. Und leider gibt es besonders in New York Mittel und Wege, an Opium zu kommen. Umso wichtiger ist es, dass Ihre Freundin eine gute Behandlung erhält. Ich bin sicher, dass sich die Investition lohnen wird.«

Dass er betreffend Hennys Gesundheit von einer Investition sprach, mutete mich ein wenig seltsam an.

»Haben Sie Miss Wegstein schon in Kenntnis gesetzt von der Kur?«, fragte ich.

»Ich dachte, ich spreche erst einmal mit Ihnen. In Anbetracht der Umstände sind wohl Sie diejenige, die für die Kosten aufkommt, nicht wahr?«

Ich nickte.

»Sollten Sie bereit sein, den Aufenthalt von Miss Wegstein im Sanatorium zu bezahlen, werde ich sie umgehend darüber informieren. Sie müssen wissen, dass Plätze dort sehr rar und begehrt sind.«

Ich war mir nicht bewusst gewesen, dass es so viele süchtige Reiche in New York gab.

»Muss ich das sofort entscheiden?«, fragte ich und begann zu rechnen. Meine Ersparnisse fielen mir wieder ein. Für die Kur würden sie reichen, aber danach wurde die Notwendigkeit eines Jobs noch größer, wenn ich studieren wollte.

»Wie ich schon sagte, das Sanatorium ist begehrt, und der eine Platz könnte recht schnell besetzt sein. Ich habe mit Professor Hendricks besprochen, ihn für die nächsten Stunden zu reservieren, aber …«

»In Ordnung«, sagte ich. Hennys Gesundheit ging vor. Um den Job würde ich mich kümmern. »Ich werde die Kosten tragen.«

Der Arzt nickte mir lächelnd zu. »Dann werde ich gleich dort Bescheid geben lassen.«

»Und was machen wir, wenn Miss Wegstein die Kur nicht antreten möchte?«, fragte ich. Dass Henny bei der Entscheidung übergangen werden sollte, gefiel mir nicht.

»Ich bin sicher, dass wir beide sie schon überzeugen können.« Dr. Higgins lächelte mich aufmunternd an und erhob sich dann. »Ihre Freundin hat großes Glück gehabt. Wäre sie irgendwo in der Wildnis zusammengebrochen, wäre sie vielleicht tot. Sie hat es Ihnen zu verdanken, dass sie lebt. Und eine zweite Chance erhält.«

»Danke, Dr. Higgins«, entgegnete ich, reichte ihm die Hand und verließ das Sprechzimmer.

Während der Fahrt mit der Subway nahm ich kaum etwas von meiner Umgebung wahr. Wieder überlegte ich wegen eines Jobs, der auch mein Studium finanzieren konnte. Doch außer bei Madame Rubinstein wollte mir keine Anstellung einfallen, die wirklich genug einbrachte.

Als ich wieder zu Hause ankam, fühlte ich mich gleichzeitig aufgewühlt und niedergeschlagen. Beinahe sehnte ich mich zurück in die Zeit, als ich täglich in Madames Labor fuhr oder für Miss Arden die Schönheitsfarm einrichtete. Jetzt war alles in der Schwebe. Einziger Ankerpunkt in meinem Leben war Darren. Und Henny, doch im Moment war sie angeschlagen und musste ihre eigenen Dämonen bekämpfen.

Ich ging in die Küche und machte mir einen Kaffee. Dann setzte ich mich an den Küchentisch. Die Broschüren lagen in Reichweite auf der Anrichte. Unwillkürlich wanderte mein Blick zu ihnen. Gleichzeitig erinnerte ich mich daran, wie ich damals in Paris vor dem Schaufenster gestanden und mir geschworen hatte, es zu schaffen. Für mein Kind. Für mich.

Ich hatte es aus tiefstem Elend herausgeschafft – mit der Hilfe von Helena Rubinstein. Würde sie mir noch einmal helfen? Würde der Preis, den sie dafür verlangte, akzeptabel sein?

Plötzlich kam mir eine Eingebung. Und nun wusste ich, was ich tun musste.

Die Zeit bis zu Darrens Rückkehr saß ich wie auf Kohlen. Wenn mein Plan funktionieren sollte, brauchte ich sein Einverständnis.

Als sich die Tür öffnete, sprang ich von meinem Stuhl auf und trat in den Flur.

Darren blickte mich verwundert an. »Hallo, Schatz, was ist los?«

»Lass uns heiraten«, antwortete ich.

Darren sah mich verständnislos an. »Aber natürlich heiraten wir! Darüber waren wir uns doch einig, nicht?«

»Lass uns jetzt heiraten«, präzisierte ich. »An diesem Wochenende. Oder gleich morgen, egal.«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte er und stellte seine Tasche ab. »Ist etwas passiert?«

Ich lehnte mich gegen die Wand. »Der Doktor hat mit mir gesprochen. Er möchte, dass ich Henny ins Sanatorium begleite.«

»Dazu musst du doch nicht verheiratet sein.«

»Nein, aber ich möchte den Sanatoriumsaufenthalt finanzieren. Er wird etwa tausendfünfhundert Dollar kosten, wenn ich sie begleite. Und das muss ich unter den gegebenen Umständen.«

»Nun, das ist nicht gerade wenig!«

»Sie war damals da für mich, hat mich vor der Gosse bewahrt. Ich bin es ihr schuldig.« Ich blickte auf meine Schuhspitzen. »Ich habe eine ganze Weile überlegt, doch ich komme immer zu ein und demselben Schluss: Ich muss es bei Helena Rubinstein versuchen.« Ich gab ihm einen Moment, diese Information sacken zu lassen. »In dem Augenblick, wo ich die Tür von Madame durchquere, möchte ich deine Frau sein. Ich darf nicht zulassen, dass sie mir wieder eine Klausel aufhalst. Ich möchte ihr als verheiratete Frau gegenübertreten.«

Darren sah mich prüfend an. »Ist das dein Ernst?«

Ich konnte nicht genau erkennen, ob er die Heirat meinte oder meine Absicht, wieder für Rubinstein zu arbeiten.

»Ich dachte, wir würden meine Freunde einladen«, fuhr er dann fort. »Und Henny wird sicher auf deiner Hochzeit tanzen wollen. Außerdem warst du doch der Meinung, dass es für uns keine Hochzeit ohne Feier geben sollte.«

»Wir können feiern«, gab ich zurück. »Wenn Henny aus dem Sanatorium zurück ist. Wenn ich einen Job habe. Wenn ich am College eingeschrieben bin.« Ich ballte entschlossen die Fäuste.

»Das kann ja noch eine Weile dauern.« Darren atmete tief ein, blies die Backen auf und ließ die Luft dann wieder entweichen.

»Bitte, Darren. Das hier ist wichtig. Für unsere Zukunft und auch für mich.«

»Nun, es kommt etwas überraschend.« Der Blick, den er mir zuwarf, war allerdings so liebevoll, dass sich mein Herz mit Wärme füllte und meine Nervosität sich legte. »Aber warum nicht? Es hat auch etwas für sich.«

»Ich möchte dich zu nichts zwingen …«

»Stopp!«, sagte er und küsste mich. »Ich heirate dich sehr gern sofort. Gib mir nur ein bisschen Zeit, um einen Reverend zu finden, der uns auf die Schnelle traut. Und um Eheringe zu kaufen. Wenn wir auch sonst nichts brauchen, das schon.«

»Danke!« Ich fiel ihm um den Hals und küsste ihn, so fest und leidenschaftlich, dass er sich auch nicht wehrte, als ich ihn in unser Schlafzimmer zog.

4. Kapitel

Am folgenden Sonntag machten wir uns in aller Frühe auf den Weg nach Woodbridge. Es war nicht einfach gewesen, einen Reverend zu finden, der uns spontan trauen würde. In der kleinen Stadt nahe Hartford war Darren fündig geworden.

»Pfarrer Brown scheint ein netter Bursche zu sein«, erklärte er mir, während er mir das Kirchengebäude zeigte. »Er freut sich, uns zu trauen. Vorausgesetzt, du hast kein Problem damit, dass es eine katholische Trauung wird.«

»Habe ich nicht«, gab ich zurück, froh darüber, dass mein Plan in die Tat umgesetzt werden konnte. »Und beim nächsten Mal wirst du evangelisch heiraten, vergiss das nicht.«

Darren umarmte mich. »Das vergesse ich nicht. Und es macht mir auch nichts aus. Schließlich glauben wir alle an die Bibel, nicht wahr?«

Ich hatte nie gesehen, dass Darren eine Bibel aufgeschlagen hatte. Ich war mir sogar sicher, dass sich in seinem unordentlichen Bücherregal keine befand. Und wenn, stand sie irgendwo ganz hinten. Aber er hatte im Grunde genommen recht.

Die Eheringe musste er auch besorgt haben, gezeigt hatte er sie mir allerdings nicht.

»Die wirst du noch früh genug zu Gesicht bekommen und lange genug tragen«, hatte er erklärt, als er mit dem Schächtelchen in der Tasche im Schlafzimmer verschwunden war.

Möglicherweise hätte ich sie aufspüren können, wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, aber ich wollte mich überraschen lassen.

New York wirkte um diese Uhrzeit weitaus weniger hektisch als sonst. Es fühlte sich beinahe wie damals an, wenn wir morgens zu einer unserer Spritztouren losfuhren.

In meinem Bauch flatterten tausend Schmetterlinge. Unruhig nestelte ich an meinem beigefarbenen Kleid herum. Es war das Kleidungsstück, das einem Brautkleid am nächsten kam. Eigentlich hatte ich nie ohne eine große Feier heiraten wollen, aber dies war ein Notfall. Und wir würden die Feier nachholen.

Wichtiger war, dass ich schon bald Sophia O’Connor sein würde!

Dann könnten mir Frauen wie Madame oder Miss Arden nicht mehr vorschreiben, wie ich mein Privatleben gestalten sollte. Und mit meinem abgelegten Mädchennamen würde ich endgültig die Verbindung zu meinem Vater kappen.

Ein schlechtes Gewissen hatte ich Henny gegenüber. Wir hatten bei meinem letzten Besuch viel über die Kur gesprochen, der sie sehr positiv gegenüberstand. Dass Darren und ich heiraten wollten, hatte ich nicht erwähnt. Ich hoffte, sie würde meine Gründe verstehen, wenn ich es ihr beichtete.

»Bist du sicher, dass Billy Lucy überreden konnte?«, fragte ich unruhig.

Billy Holmes war einer von Darrens Freunden aus seiner Anfangszeit in New York. Die beiden hatten sich während seiner Ausbildung kennengelernt.

Ich hatte von ihm bisher nur gehört, denn er arbeitete in Boston und hatte nur selten Gelegenheit, sich mit Darren zu treffen. Seine Ehefrau Lucy sollte als meine Brautjungfer fungieren – jedenfalls wenn es nach Billy ging.

»Sie wird sich freuen«, gab Darren zurück. »Sie ist vielleicht ein wenig still, aber sehr nett. Und sie kann Billy einfach keine Bitte abschlagen.«

Das beruhigte mich ein wenig.

»Ansonsten holen wir uns einfach jemanden von der Straße«, witzelte Darren. »Könnte lustig werden.«

»Um Gottes willen! Es ist schon schlimm genug, dass ich Henny nicht dabeihabe. Aber sie durch eine Unbekannte zu ersetzen geht gar nicht.«

»Lucy kennst du auch nicht.«

»Sie ist die Frau deines Freundes. Somit gibt es immerhin eine Verbindung.«

Darren brachte den Wagen abrupt am Straßenrand zum Stehen. »Bist du dir auch wirklich sicher? Wir können immer noch umkehren.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Wir werden nicht umkehren. Es sei denn, du möchtest.«

»Ich möchte nur eines, Sophia Krohn. Dich heiraten!«

»Dann sind wir uns einig.« Ich streichelte über seine Wange, beugte mich vor und küsste ihn. Er ließ den Motor wieder an und fädelte sich in den Verkehr ein.

Woodbridge hatte die Ausmaße eines etwas größeren Dorfes und wirkte so beschaulich und gemütlich, dass es sich gut als Motiv auf einer Ansichtskarte gemacht hätte.

Besonders die weiß gestrichenen Holzhäuser mit ihren ordentlichen Vorgärten und ihren Rosengeländern fielen mir auf. Könnte ich in einem Ort wie diesem wohnen? Eines der Anwesen erinnerte mich ein wenig an Maine Chance, die Schönheitsfarm von Miss Arden. Es war kleiner und verfügte nicht über so viele Nebengebäude, aber dennoch war eine Ähnlichkeit da.

Nein, sagte ich mir. So hübsch es hier auch ist, ich bin ein Stadtmädchen. Ich liebte die Energie der Leute, die hohen Hausfassaden und die Art, wie sich die Sonne am Morgen und am Abend in den Fenstern der Wolkenkratzer spiegelte.

Wir fuhren bis zu einem etwas größeren weißen Gebäude, das ich im ersten Moment nicht für eine Kirche gehalten hätte. Es hatte ein Satteldach und recht kleine Fenster, neben der Tür rankte sich Efeu nach oben. Dann sah ich den Glockenstuhl nebenan.

Vor dem schlichten Eisenzaun wartete ein dunkler Wagen, der unserem sehr ähnlich sah. Darren riss die Hand hoch und winkte aus dem heruntergelassenen Seitenfenster.

»Das sind sie«, erklärte er. »Auf sie ist wirklich Verlass!«

Kaum hatten die Insassen des Wagens realisiert, dass wir es waren, stiegen sie aus. Der Mann hatte dunkle, glatt gekämmte Haare und trug einen etwas weiten braunen Tweedanzug. Die Frau, die Lucy sein musste, trug ein blassgelbes Kleid, das ihre leicht gebräunte Haut schön zur Geltung brachte.

»Sie sieht reizend aus«, sagte ich zu Darren.

»Siehst du, sie gibt eine gute Brautjungfer ab.«

»Sie sieht fast strahlender aus als die Braut.«

Darren zog mich an sich und küsste mich. »Das bildest du dir ein. Du bist die Strahlendste!«

»Ich hoffe, das sagst du nach der Hochzeit auch noch.«

»Das werde ich immer sagen!«, entgegnete er, zog den Schlüssel ab und stieg aus. Ich folgte ihm.

»Der Gottesdienst ist seit einer Stunde vorbei«, meinte Billy schmunzelnd, während er auf uns zukam. »Ihr hättet ihn euch ansehen sollen, der Reverend hat es echt drauf.«

»Wir sind nicht deswegen hier, wie du weißt«, sagte Darren augenzwinkernd und wandte sich dann mir zu. »Das ist meine Verlobte Sophia Krohn. Sophia, das sind mein alter Freund Billy Holmes und seine wunderbare Ehefrau Lucy.«

»Du Charmeur«, sagte sie sichtlich geschmeichelt und reichte mir die Hand. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Sophia!«

»Mich auch«, gab ich zurück und schüttelte Lucy die Hand. Ihr Ehemann betrachtete Darren und mich eine Weile, dann sagte er: »Ihr beide seid ein sehr hübsches Paar. Ich wusste gar nicht, dass Darren so einen guten Geschmack hat.«

»Wir haben alle unsere Irrungen hinter uns«, erwiderte Darren und legte die Hand um meine Taille. »Aber irgendwann treffen wir die Eine und wissen, das ist die Richtige.«

»Das kannst du laut sagen.« Billy zog Lucy an sich und küsste sie.

Unwillkürlich trat ein Lächeln auf mein Gesicht. Würden wir beide nach ein paar Jahren Ehe auch noch so verliebt sein?

»Da ist der Reverend«, sagte Billy und deutete mit dem Kopf auf den Mann im schwarzen Anzug, der auf uns zueilte.

Zu meiner großen Überraschung war Reverend Brown recht jung. Er mochte vielleicht gerade die vierzig überschritten haben. Aus der Kirche, in die wir in Berlin gegangen waren, kannte ich nur Pastoren mit schlohweißen Haaren.

Freundlich reichte er uns die Hand. »Willkommen in meiner kleinen Gemeinde. Die Kirche ist nicht besonders groß, aber ich hoffe, sie gefällt Ihnen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. An dieser Stelle haben die Pilgerväter ihre ersten Gottesdienste abgehalten. Mittlerweile haben einige Umbauten stattgefunden, aber den Geist des Vergangenen spürt man noch immer.«

»Sie haben eine sehr schöne Kirche«, erwiderte ich. »Vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, uns so kurzfristig zu trauen.«

»Keine Ursache. Besser, Sie lassen sich hier trauen als auf irgendeinem Kahn vor der Küste. Das soll jetzt langsam Mode werden, habe ich gehört.«

Darren lächelte mich verschmitzt an, als wäre genau das ebenfalls eine gute Idee gewesen.

»Kommen Sie, sprechen wir kurz miteinander, damit ich erfahre, wer die Glücklichen sind.«

Wir begleiteten den Pfarrer in sein Haus neben der Kirche. Es war ein für die Gegend typischer holzverkleideter Bau mit Veranda und zwei Stockwerken.

Die Haushälterin des Pfarrers hatte offenbar gerade Kaffee gekocht, der aromatische Duft folgte uns bis ins Arbeitszimmer.

»Mary, würden Sie bitte unseren Gästen einen Kaffee bringen?«, fragte der Pfarrer in den Flur hinein.

»Ja, Sir!«, antwortete eine Frauenstimme, dann schloss er die Tür hinter sich.

»Nehmen Sie doch bitte Platz«, sagte er und deutete auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch. Beinahe mutete das Zimmer wie das eines Notars an. Die Wände waren mit rotem Holz getäfelt, und in den hohen Regalen reihten sich Bücher und zahlreiche Aktenordner.

Brown ließ sich auf seinem Platz hinter dem schweren, ebenfalls rotbraunen Schreibtisch nieder.

»Man sagt, dass dieser Schreibtisch einem Mann gehört hat, der als Spion für George Washington gearbeitet hat«, bemerkte er, während er andächtig über die Tischplatte strich. »Mein Vorgänger hatte etliche solcher Geschichten auf Lager. Manchmal komme ich mir vor, als würde ich in einem Museum leben.«

»Dürfen Sie das Haus denn nicht ein wenig … modernisieren?«, fragte ich.

Er lachte auf. »Ich dürfte es, aber was soll dann die Gemeinde sagen? Die Leute sind dieses Haus gewohnt. Sie würden wahrscheinlich glauben, dass ich den Verstand verloren hätte, wenn ich hier plötzlich moderne Kunst an die Wände hängen würde.«

»Wollen Sie das denn?«, fragte ich.

»Hier geht es nur um das, was die Gemeinde möchte«, gab er zurück, und ich meinte eine Spur Wehmut in seinen Worten zu hören. »Aber kommen wir doch zu dem Grund Ihrer Anwesenheit.«

In dem Augenblick klopfte es an die Tür, und die Haushälterin erschien mit einem Tablett. Der Kaffeeduft intensivierte sich.

»Danke, Mary«, sagte er, nachdem die Haushälterin, eine junge Frau Mitte zwanzig mit zum Dutt gestecktem braunem Haar, die Tassen und eine Kaffeekanne vor uns abgestellt hatte.

»Gibt es einen Grund für diese rasche Heirat?«, fragte Brown, als die Haushälterin fort war. Während er mir einschenkte, entging mir nicht, dass er für einen Moment verstohlen auf meinen Bauch schaute.

Ich verstand. Offenbar glaubte er, dass ich schwanger sei.

»Keinen, der gegen die Moral der Kirche verstieße«, gab ich zurück. »Es wird in der nächsten Zeit nicht möglich sein zu heiraten. Familiäre Gründe. Deshalb wollen wir es jetzt.«

Ich konnte ihm unmöglich erzählen, dass mein wahrer Grund für die schnelle Heirat die Absicht war, mir von einer potenziellen neuen Chefin keine Heiratsklausel aufzwingen zu lassen.

»Müssen Sie zur Armee, Mr O’Connor?«, wandte er sich jetzt an Darren.

»So jung bin ich nun auch wieder nicht«, sagte der schmunzelnd. »Nein, es ist, wie meine Verlobte sagt. Wir wollen den Bund fürs Leben schließen, damit wir den Herausforderungen der kommenden Monate als Einheit gegenüberstehen können.«

Besser hätte ich es nicht sagen können. Und auch der Pfarrer schien damit zufrieden zu sein, denn er nickte. »Nun gut, dann wollen wir die Formalitäten klären.«

Zunächst ließ er sich von uns die Personalien zeigen. Dabei fiel ihm auf, dass ich gebürtige Deutsche war. Und evangelisch.

»Haben Sie vor, zur Konfession Ihres Mannes überzutreten?«, fragte er, worauf ich den Kopf schüttelte.

»Nein«, gab ich zurück.

Er nahm es mit einem Nicken hin.

Es folgten jetzt Fragen zum Glauben und der Bibel. Es beeindruckte mich, dass Darren wie aus der Pistole geschossen antworten konnte. Mir sah der Pastor zum Glück nach, dass ich meist keine Antwort wusste.

Nachdem Brown uns den Ablauf erklärt hatte, begab er sich mit Darren in die Kirche, während wir am Eingang warteten. Auch wenn er mich schon gesehen hatte, sollte ich, gefolgt von der Brautjungfer, erst beim Orgelklang eintreten.

Lucy zupfte nervös an ihrer Jacke herum. Es schien beinahe, als wäre sie die Braut und nicht ich.

»Haben Sie sich das auch gut überlegt?«, fragte sie.

»Was denn?«, fragte ich zurück. »Die Hochzeit?«

»Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen.«

Ich blickte sie verwundert an. Sie hatte nicht unglücklich gewirkt, als sie neben Billy gestanden hatte. Ganz im Gegenteil.

»Und wieso? Gibt’s Probleme?«

»Die Ehe an sich ist das Problem. Sie bindet uns Frauen an Kind und Küche. Auch wenn der Mann kein Problem damit hat, seine Gattin selbstständig sein zu lassen, bleibt die Hausarbeit an der Frau hängen. Sie werden es noch sehen.«

Ich wollte schon entgegnen, dass das bei mir nicht der Fall sein würde, da kam plötzlich die Haushälterin auf uns zugelaufen. In ihren Händen hielt sie einen Strauß, der aussah, als hätte sie ihn gerade im Garten gepflückt.

»Hier«, sagte sie ein wenig atemlos. »Eine Braut braucht einen Strauß. Alles Gute für Sie!«

»Danke, das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen!«, gab ich zurück und blickte auf den Strauß. Er enthielt einige pinkfarbene Astern, weißes Schleierkraut und purpurfarbene Nelken. Nicht gerade der typische Brautstrauß, aber er gefiel mir sehr. Ob der Pfarrer die Blumen wiedererkennen würde?

Im nächsten Augenblick ertönten die ersten Takte des Hochzeitsmarsches auf einem Harmonium. Der Pfarrer mochte vielleicht einen Schreibtisch aus Washingtons Zeiten haben, aber über eine Orgel verfügte die Kirche nicht. Doch das war nebensächlich. Wer auch immer am Harmonium saß, spielte gut.

Die Haushälterin winkte mir noch einmal aufmunternd zu, dann wandte sie sich um und lief zum Haus zurück.

»Wollen wir?«, fragte ich mit Blick auf Lucy. Diese nickte und strich sich das Kleid glatt. Als ich mich in Bewegung setzen wollte, legte sie mir die Hand auf den Arm.

»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Meine Ehe mit Billy hat auch ihre guten Seiten. Ich glaube, ich hätte keinen Besseren finden können als ihn. Nur manchmal kommen mir so Gedanken, dass ich auch etwas anderes aus meinem Leben hätte machen können.«

»Das können Sie immer noch«, sagte ich, worauf sie ein trauriges Lächeln aufsetzte.

»Vielleicht. Aber jetzt sollten Sie Ihren Bräutigam nicht mehr länger warten lassen.«

Nachdenklich setzte ich mich in Bewegung. Glaubte Lucy, dass ich es überstürzte? Dass ich mir damit meine Zukunft verbaute?

Ich schob den Gedanken an ihre Worte beiseite. Ich war davon überzeugt, das Richtige zu tun. Darren war ein guter Mann. Ich konnte mir seiner Unterstützung gewiss sein, egal, was mir als Ziel in den Sinn kam. Das bewies allein schon, dass er die Colleges für mich angeschrieben hatte.

Auf dem Weg an den Kirchenbänken vorbei überkam mich doch ein wenig Traurigkeit. Wie schön wäre es gewesen, wenn Mutter das miterlebt hätte! Wenn wir bei einem rauschenden Fest gemeinsam hätten feiern können, wie es alle taten.

Doch wann war schon einmal etwas in meinem Leben normal gewesen? Seit dem schicksalhaften Tag, als ich feststellte, von meinem Dozenten schwanger zu sein, war jedenfalls nichts mehr normal. Und vielleicht war das auch besser so.

Darren stand neben seinem Trauzeugen und wirkte so gerührt, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Billy warf seiner Frau, die hinter mir ging, einen liebevollen Blick zu.

Ich verstand wirklich nicht, warum Lucy davon gesprochen hatte, ihre Ehe rückgängig machen zu wollen. Doch wer konnte schon in die Herzen der Menschen schauen? Ich kannte Lucy nicht gut genug, um zu wissen, welche Wünsche und Träume ihr während der Ehe verloren gegangen waren.

Als ich endlich neben Darren stand, rückten alle negativen Gedanken von mir ab. Der Pfarrer erklärte uns die Pflichten der Ehe und wies darauf hin, dass der Bund fürs Leben gemacht sei, durch alle Höhen und Tiefen.

Als wir unsere Ehegelübde sprachen und die Ringe tauschten, als wir uns versicherten, immer füreinander da zu sein, egal, ob in guten oder schlechten Zeiten, fühlte ich tiefe Liebe in mir und auch die Gewissheit, dass ich jetzt am richtigen Ort angekommen war. Dass ich endlich wieder einen Halt haben und zu Hause sein würde.

»Sie dürfen die Braut nun küssen«, schloss der Pfarrer schließlich, und wir kamen dem nach, während Billy in Jubel ausbrach und Lucy klatschte.

Wir feierten unsere Hochzeit mit einem Essen in einem Restaurant in Hartford, wo ich ein bisschen mehr über Billy und Lucy erfuhr. Die beiden hatten zwei Kinder, die derzeit bei Billys Mutter waren. Lucy erzählte, dass sie früher einmal Literatur studiert und geplant hatte, Bücher zu schreiben. Doch das Familienleben hatte ihr bisher keine Zeit dazu gelassen.

Jetzt verstand ich ihre Worte vor der Kirche ein wenig besser. Gleichzeitig fragte ich mich jedoch, ob es wirklich keine Möglichkeit für sie gab, ihren Traum zu verfolgen. Wusste ihr Mann von ihrem Wunsch, ihren Gedanken? Oder wagte sie nicht, darüber zu sprechen?

Als wir uns verabschiedeten, luden wir die beiden zu unserer großen Hochzeitsfeier ein.

»Das nächste Mal kommst du aber mit Kummerbund!«, witzelte Darren zum Abschied.

»Nur wenn du französischen Champagner servierst!«

»Die Bestellung geht nächste Woche raus!« Lachend umarmten sich die beiden, dann schüttelte Billy meine Hand.

»Alles Glück der Welt, Sophia. Und passen Sie gut auf ihn auf.«

»Das werde ich.«

»Genießt euren Honeymoon«, sagte Lucy und umarmte uns beide. Dann stieg sie in ihren Wagen, und wenig später fuhren sie davon.

»Und jetzt?«, fragte ich Darren. Obwohl es ein schöner Tag gewesen war, fühlte er sich irgendwie unvollständig an. Ich wollte mit Darren noch nicht nach Hause. Am liebsten hätte ich uns in einer Blase eingeschlossen, in die niemand hineinkonnte. Wir hatten doch unseren »Honeymoon«, unsere Hochzeitsnacht, verdient, oder nicht?

»Ich habe eine Idee«, sagte Darren, fasste mich bei der Hand und zog mich mit sich zum Auto.

»Wohin willst du?«, fragte ich.

»Das wirst du gleich sehen.«

Mein Herz begann freudig zu pochen. Wenn er eine Idee hatte, konnte ich darauf bauen, dass etwas ungewöhnlich Schönes passieren würde.

Wir fuhren zu einer hübschen Bed-and-Breakfast-Pension am Rand von Woodbridge. Im Garten plätscherte ein kleiner Brunnen, und Vögel zwitscherten in den Bäumen. Es wirkte wie ein Haus aus einem Märchen. Diesen Eindruck verstärkte die Katze, die wie ein Zaubertier auf dem Geländer der Veranda saß und uns zublinzelte.

Die Besitzerin, eine Frau in den mittleren Jahren mit hochgestecktem blondem Haar, war glücklich, Gäste zu haben. »Ich bin Maggie Moon«, stellte sie sich vor.

Ich biss mir auf die Lippen. Eine Frau in einem Hexenhäuschen mit Katze und solch einem Namen!

»Wir haben gesehen, dass Sie Zimmer vermieten«, sagte Darren. Mir kam der Gedanke, dass er sich bei der Recherche zu der Kirche und dem Pastor gleichzeitig auch um einen Ort für unsere Hochzeitsnacht gekümmert haben musste. Warum hatte er mir davon nichts erzählt?

»Das tue ich«, gab Maggie Moon zurück. Sie strahlte uns breit an, als wüsste sie, dass wir gerade geheiratet hatten.