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Die Farben meines Herzens Tristan reisst nach Ägypten, um seine Schwägerin Samira zu treffen und seinen Neffen mit sich in die Schweiz zu nehmen. Als er Samira, eine einstige Heilerin, gefangen in der Trauer um ihren verstorbenen Mann vorfindet, muss auch er sich seiner Vergangenheit stellen. Erst recht, als die geheimnisvolle Maddy in seinem Leben auftaucht und ihm ihre Lebensgeschichte erzählt. Mehr und mehr merkt Tristan, dass es nicht bloss eine Geschichte ist. Was Maddy aus ihrem Leben erzählt, hat mit ihm zu tun. Es geht darum loszulassen, zu verzeihen und zu erkennen, wie grossartig jeder einzelne Mensch ist. Eine bewegende Geschichte über Trauer, Liebe und die Kraft, neu anzufangen.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Danksagung
Die Autorin
«Würden Sie sich bitte hinsetzen und anschnallen? Wir werden in Kürze ein turbulentes Gebiet überfliegen», meinte die Flugbegleiterin höflich und versuchte Tristan auf seinen Sitz zurückzuschieben. Die anderen Gäste schauten teils betreten, teils genervt zu ihnen hinüber. Tristan bemerkte es kaum. Er hatte sich seit dem Abflug einige Drinks genehmigt und richtete seine Aufmerksamkeit lieber auf die schönen, langen Beine der jungen Frau vor sich.
«Wie wäre es, wenn du dich hier neben mich auf den leeren Sitz setzt und wir uns ein bisschen näher kennenlernen?», fragte Tristan mit einem charmanten Lächeln. Zurückweisend schüttelte die Flugangestellte den Kopf und bat Tristan nochmals höflich, sich anzuschnallen und sitzen zu bleiben.
«Dann gib mir wenigstens noch einen von diesen Drinks», lallte Tristan laut. «Der schmeckt zwar wie Seife, aber etwas Anständiges kann man auf diesem Flug wohl nicht erwarten.» Tristan machte eine kurze Pause und fuhr dann in schmeichelndem Ton fort:
«Du siehst in deiner Uniform übrigens sexy aus. Habe ich dir das schon gesagt? Nur deine Strümpfe sind ein wenig bieder, wenn du mich fragst». Er lachte unverschämt über seinen eigenen Scherz, womit er erneut böse Blicke seiner Mitreisenden auf sich zog.
«Bitte, setzten Sie sich hin und schnallen Sie sich an. Ich werde Ihnen einen Kaffee bringen», meinte die Flugbegleiterin streng und verdrückte sich in der Hoffnung, der Gast würde sich an ihre Anweisungen halten.
Als Tristan sich umschaute, entdeckte er zwei Reihen hinter sich eine attraktive Blondine. Er liess sich auf seinen Platz plumpsen und drehte sich so gut es ging in seinem Stuhl um. Er winkte ihr über die Köpfe der anderen Passagiere zu. Die blonde Frau senkte ihren Blick und beachtete Tristan nicht weiter. Tristan war zwar ein bisschen berauscht, aber er war nicht so betrunken, als dass er eine Abfuhr nicht erkannt hätte. Schmollend drehte er sich um. Als ihm dann auch noch ein stattlicher, aber männlicher Flugbegleiter einen Kaffee reichte, konnte er zwei und zwei zusammenzählen. «Bruchlandung», murrte er vor sich hin. Er wandte sich dem Fenster zu und betrachtete die Wolken. Er dachte an Dillan. Es war fast zwei Jahre her, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Ob sich Dillan an ihn erinnern würde? Dillan war damals noch ein kleiner Junge. Jetzt war er beinahe fünf. Tristans Eltern erzählten ihm oft von den Anrufen, die sie mit dem Jungen und seiner Mutter Samira, wöchentlich führten. Aber Tristan war nicht der Typ zum Telefonieren. Entweder man war da oder dann halt nicht, das war seine Devise. Tristan wusste, dass die telefonische Verbindung zu ihrem Enkel, vor allem für seine Mutter Mirka, wichtig war. Den Jungen regelmässig auf dem Bildschirm zu sehen und sich mit ihm auszutauschen, half ihr über die Trauer hinweg. Wenigstens ein bisschen. Dillan war der Grund, weshalb Tristan überhaupt hier im Flugzeug sass. Wenn Mirka von Dillan erzählte, glänzten ihre Augen und es war nicht schwer zu erkennen, wie sehr er ihr fehlte. Dillan und Aidan. Es war gut, dass Tristan sich einsetzte und für Ordnung sorgte. Das war der Plan. Sein Auftrag. Er flog nach Sharm-el-Sheikh und in wenigen Tagen würde er, zusammen mit seinem Neffen, im Flugzeug in die Schweiz sitzen. Samira würde es verstehen. Ein besseres Leben für Dillan. Eine gute Ausbildung, gleichaltrige Freunde, körperliche und geistige Förderung. Das war es, was gut für das Kind war.
Knappe zwei Stunden später öffnete Tristan die Augen. Das Flugzeug schwankte und sie hatten den Sinkflug nach Sharm-el-Sheikh begonnen. Erstaunt blickte er sich um. Er musste eingeschlafen sein. Eine Decke lag über seinen Beinen. Ob die hübsche Stewardess ihn zugedeckt hatte? Wusste er doch, dass er mit seinem Charme jede Frau um den Finger wickeln konnte! Er lächelte selbstgefällig und blickte aus dem Fenster. Unter sich sah er das rote Meer, dessen Farben von dunklem Blau bis ins ganz helle Türkis wechselten. Das Wasser glitzerte im Sonnenschein. Tristan zog es bei dem Anblick schmerzhaft das Herz zusammen. Bilder tauchten vor seinen Augen auf. Seine Mutter, die gejubelt hatte. Sein Bruder Aidan, der neben ihm sass, sein Gesicht so weiss wie eine Wand, und versuchte so zu tun, als würde er sich freuen. Tristan schüttelte diese Gedanken ab. Er wollte sich nicht erinnern, nie mehr!
Der Flughafen war schon fast leer, als Tristan sich dem Gepäckband näherte. Er hatte keine Lust gehabt, sich ins Gedränge der Leute zu mischen. Wartend hatte er sich auf eine Bank gesetzt, bis der Ansturm auf die Gepäckstücke abgenommen hatte. Die Wände in der Wartehalle waren mit Fischen aus Mosaikstücken verziert. Bunte Szenen einer Unterwasserlandschaft. Fische in den fröhlichsten Farben. Tristan gingen sie auf die Nerven. Er war nicht zum Spass hier. Er musste sich fokussieren, wenn er bald wieder im Flugzeug nach Hause sitzen wollte. Jetzt wünschte er sich nur, schnellstmöglich in sein kühles Hotelzimmer zu kommen und sich einen Drink zu genehmigen. Den hatte er sich nach den Strapazen der Reise verdient.
Er trat auf das Gepäckband zu. Die anderen Reisenden drängten sich bereits zur Ausgangskontrolle. Der Warteraum war fast leer. Zwei Flughafenangestellte standen herum und unterhielten sich. Auf dem Gepäckband drehten zwei schwarze Lederkoffer und eine bunte Tasche ihre Runden. Von Tristans Gepäck war nichts zu sehen. Mist, dachte Tristan. Er wartete noch ein paar Minuten, um sicher zu gehen, dass keine weiteren Koffer durch die Ladelücke kamen, als eine ältere Frau neben ihn trat.
«Wartest du auch auf deine Sachen?», fragte sie, obwohl das ja ziemlich offensichtlich war. «Ja», brummte Tristan genervt. Er war müde und sein Kopf brummte. Die Frau streckte ihm unerwartet die Hand entgegen und lächelte ihn freundlich an.
«Ich bin Maddy», stellte sie sich vor. «Scheint, als hätten wir beide dasselbe Problem. Mein Koffer hat den Weg auch nicht geschafft.» Die Frau lachte. Sie war alt, klein und etwas beleibt. Sie trug einen farbigen Rock in der Art, wie man ihn eher in Indien als in Ägypten erwarten würde. Um den Hals trug sie eine bunte Steinkette. Ein farbiges Tuch im Haar vervollständigte ihr sonderliches Outfit. Tristan war klar, von dieser Art Menschen musste er sich fernhalten, wenn er sie nicht an der Backe haben wollte. Demonstrativ wandte er sich dem Gepäckband zu. Die Alte liess ihre Hand sinken, schien aber von Tristans Ablehnung nicht sonderlich berührt. Lächelnd deutete sie auf einen Flughafenangestellten und bot Tristan an, dass sie sich gemeinsam um das verschwundene Gepäck bemühen könnten. Wenig erfreut blickte Tristan auf das Förderband und folgte der Alten widerwillig. Sie erklärten dem Sicherheitsangestellten, dass ihr Gepäck leider nicht aufzufinden sei. Als der junge Mann ihr Anliegen verstanden hatte, eilte er davon und erschien bald in Begleitung von zwei weiteren Sicherheitsbeamten wieder. Gemeinsam berieten sie, was zu tun sei. Eine halbe Stunde später hatten sie die nötigen Formulare ausgefüllt und alle Angaben zu ihren Gepäckstücken schriftlich festgehalten. Sie wurden gebeten, auf einer Bank Platz zu nehmen, damit die restlichen Formalitäten geklärt werden konnten. Gereizt liess sich Tristan auf die Bank sinken. Er hoffte inständig, dass die Alte sich die Beine vertreten oder, seinetwegen, aus dem Fenster schauen würde. Wenn sie nur endlich aus seinem Blickwinkel verschwand. Sie hatte ihn mit ihrem dümmlichen Geplapper schon genug Nerven gekostet. Tristans deutliche Unhöflichkeit ihr gegenüber, störte sie nicht im Geringsten. Einladend trat sie zu ihm.
«Wollen wir uns da drüben in das Café setzen und uns einen Tee genehmigen?», fragte sie liebevoll. «In Ägypten kann «ein Moment» schon mal zu einer Stunde Wartezeit werden. Hast du Durst?»
Tristan überflog seine Möglichkeiten. Seine Zunge war von dem Alkoholkonsum ausgetrocknet und er sehnte sich nach einer kalten Cola. Notgedrungen folgte er Maddy in das kleine Flughafencafé. Er setzte sich betont desinteressiert auf einen Stuhl und wartete auf die Getränke. Ausser ihnen war der Flughafen menschenleer. Nur eine Frau, die einen langen Rock und ein Kopftuch trug, wischte den Boden. Das Sicherheitspersonal stand gelangweilt beim Ausgang. Von den Männern, die ihre Gepäckstücke suchten, war keine Spur zu sehen.
Nachdem Maddy genüsslich einen Schluck ihres Tees getrunken hatte, zeigte sie auf die Bilder an der Wand und fragte:
«Sind die Fische nicht wunderhübsch?» Tristan, der keine Lust auf ein Gespräch über Unterwassertiere hatte, nickte kaum sichtbar. Seine Unfreundlichkeit schien Maddy nicht aufzufallen. Unbeeindruckt fuhr sie fort:
«Du solltest dir diese Fische unbedingt in Wirklichkeit ansehen. Sie sind einfach traumhaft. Das rote Meer ist eines der schönsten Meere auf der ganzen Welt. Die Farbenpracht der Fische ist einfach umwerfend. Du hast doch vor, es dir anzusehen, oder?» Gespannt blickte Maddy Tristan an. Als Tristan sie nur düster anstarrte, fügte sie hinzu:
«Oder magst du lieber Sonne tanken und ausspannen?» Geduldig wartete Maddy auf seine Antwort, bis er schliesslich genervt brummte: «Ich bin nicht zum Spass hier. Ich habe einen Auftrag. Eine Familiengeschichte.»
«Einen Auftrag? Das klingt ja spannend». Jetzt hatte er Maddys Interesse erst richtig geweckt. Bevor sie weitere Fragen stellen konnte, legte Tristan ein paar Scheine auf den Tisch und erhob sich.
«Ich schaue mal nach, ob ich den Typen von vorhin wiederfinde, damit wir endlich hier rauskommen», brummelte er und ging davon. Maddy schaute ihm amüsiert nach. Genüsslich trank sie den letzten Schluck ihres Tees und folgte Tristan dann zurück zur Gepäckausgabe. Sie fand ihn, wie er unschlüssig in der grossen Halle stand. Als sie sich zu ihm gesellte, kamen auch gerade die Sicherheitsleute durch die Tür. Sie erklärten, dass ihr Gepäck wieder aufgetaucht sei. Aus unerklärlichen Gründen habe es bei der Sortierung der Koffer eine Verwechslung gegeben, die sich jetzt aber doch noch geklärt habe.
Die Sonne brannte gnadenlos heiss vom Himmel, als Tristan vor das Flughafengebäude trat. Ein lauer Wind blies, konnte aber gegen die sengende Hitze nichts ausrichten. Tristan winkte ein Taxi heran und nannte dem Fahrer den Namen seines Hotels. Er setzte sich auf die hintere Bank und bat den Chauffeur die Klimaanlage aufzudrehen. Während der Fahrt blickte Tristan kaum aus dem Fenster. Er kannte diesen Ort. Die von Palmen gesäumten Strassen, die prächtigen Hotelanlagen und die roten Farben der Wüste Sinai. Er hatte die Gegend einmal geliebt. Jetzt wollte er nur noch so wenig wie möglich mit dieser Welt zu tun haben.
Das Taxi hielt vor der Einfahrt eines grossen Hotels. Tristan drückte dem Fahrer einen Geldschein in die Hand und ging auf das Gebäude zu. Er schritt durch die grosse Glastür in die in weissem Marmor gehaltene Eingangshalle. Ein Hotelangestellter in Uniform trat auf Tristan zu und reichte ihm freundlich die Hand.
«Willkommen zurück in Ägypten», sagte er, als er Tristan wiedererkannte. Ohne das Lächeln zu erwidern, nickte Tristan ihm zu und wandte den Blick ab. Er liess sich von der Empfangsdame den Zimmerschlüssel geben und schlang seine Tasche über die Schulter. Der Concierge eilte Tristan entgegen. Er wollte ihm sein Gepäck abnehmen und den Weg zu seinem Zimmer zeigen. Aber Tristan wies ihn ab. Er brauchte keine Hilfe. Er kannte sich aus und konnte sein Gepäck allein schleppen.
Der Weg zu Tristans Bungalow führte durch eine Tür hinaus in einen gepflegten Garten, an einem Pool vorbei, den Hügel hinunter, bis zum Meer. Überall blühten Blumen und die sanfte Meeresbrise raschelte in den Palmblättern. Tristan bemerkte es kaum. Den Blick starr auf den Weg gerichtet, erreichte er sein Zimmer. Tristan betrat den hellen Raum und erfasste ihn flüchtig. Das Sofa, mit Blick auf das Meer, das Tischchen mit der schön dekorierten Früchteschale für besondere Gäste, die Tür zum hinteren Schlafzimmer…Tristan konnte nicht anders. Der Raum überwältigte ihn. Er rieb sich hart mit den Händen über die Augen und blinzelte. Dann erblickte er die Minibar. Er holte sich ein Glas aus dem Kühlschrank und öffnete eine Flasche. Mit einem Gin Tonic in der Hand trat er auf die Terrasse. Das kalte Getränk war gut. Er trank es in zwei grossen Schlucken leer und genehmigte sich noch ein zweites. Langsam entspannte er sich. Er zog sein T-Shirt aus und streifte sich die Turnschuhe von den Füssen. Es musste ungefähr fünf Uhr sein. Die Sonne stand schon tief am Himmel. Tristan blickte auf das Meer hinaus und konnte sich der Schönheit des Anblicks nicht entziehen. Obwohl sich alles in ihm sträubte; es war gut, wieder hier zu sein. Ein Gefühl von Liebe durchflutete ihn. Warum musste er ein so verdammt sentimentales Arschloch sein, schalt er sich selbst. Er mochte diese Gegend nicht! Nicht mehr! Und dabei sollte es auch bleiben. Erneut füllte er sein Glas. Er würde sich vom Zimmerservice ein Sandwich bringen lassen und dann schlafen gehen..
Tristan hatte etwas gegessen und war dann über einem weiteren Drink auf der Veranda eingenickt. Nun fuhr er aus dem Schlaf hoch. Es war dunkel und die Lichter der Hotelanlage schienen zu ihm hinüber. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Da war es wieder. Benommen versuchte er den Lärm in seinem Kopf einzuordnen. Es klopfte an der Tür! Tristan erhob sich. Wer konnte das sein? Kam jemand, um das Geschirr abzuräumen? Fahrig öffnete er die Tür.
Vor ihm stand eine junge Frau. Sie blickte ihn an. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht. Vertrautheit sprach aus ihren dunklen Augen.
«Willkommen», sagte Samira herzlich. «Man hat mir gesagt, dass du da bist».
Tristan brauchte einen Moment, um die Situation zu erfassen. Als er seine Stimme wiederfand, bemerkte er schroff:
«Sam! Klar! Ich hatte ganz vergessen, dass du hier arbeitest».
Tristan stiess die Tür weiter auf.
«Willst du reinkommen?», fragte er und ging zurück zu seinem Sessel auf der Terrasse. Sam trat ein und schaute sich um. Tristan musste gerade erst eingetroffen sein. Sein Gepäck lag ungeöffnet auf dem Sofa. Ihr Blick fiel auf den Teller mit Essensresten und der leeren Flasche Gin. Samira durchschritt den Raum und gesellte sich zu Tristan nach draussen.
«Ich wollte dich fragen, ob du mit mir ins Dorf fahren und Dillan begrüssen möchtest? Aber vielleicht ist es besser, ich lasse dich zuerst hier ankommen. Die Reise war sicher anstrengend.» Unentschlossen zuckte sie mit den Schultern. Die Freude, den Bruder ihres Mannes zu sehen, war verflogen. Was hatte sie auch erwartet? Nach zwei Jahren, in denen er ihr seine Ablehnung deutlich gezeigt hatte. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Entscheidungen waren gefällt worden. Jeder musste seine Konsequenzen tragen.
«Ich habe morgen bis zwei Uhr Dienst. Wenn du willst, kannst du uns danach besuchen. Du hast ja meine Nummer. Melde dich.» Verloren blieb Samira einen Moment neben ihm stehen. Da Tristan sie nicht weiter beachtete, drehte sie sich um.
«Gute Nacht», sagte sie im Gehen. Aber Tristan war bereits in seinem Sessel eingenickt.
Tristan hatte die Vorhänge zugezogen und die Klimaanlage aufgedreht. So war es dunkel und kalt im Zimmer, als er erwachte. Er musste sich einen Augenblick daran erinnern, wo er war. Scheisse war das kalt hier. Er zog die Decke über sich, griff nach der Fernbedienung und drehte die Klimaanlage aus. Als er sich gestern hingelegt hatte, war es so heiss im Raum gewesen, dass er die Temperatur auf sechzehn Grad hinunter gedreht hatte. Kein Wunder, dass er halb erfroren war. Er wollte ein Fenster öffnen, aber als er den Vorhang zur Seite schob, wurde er vom strahlenden Sonnenlicht so geblendet, dass er ihn schnell wieder zuzog. Sein Schädel dröhnte. Er trottete ins Bad und suchte nach einem Mittel gegen seine Kopfschmerzen. Er warf zwei Tabletten in ein Glas, goss Wasser dazu und trank es in einem Zug leer. Dann legte er sich zurück in sein Bett. Ein paar Stunden konnte er ja noch schlafen. Er drehte sich auf eine Seite und schloss die Augen, doch seine Gedanken rasten. Bilder von Sam erschienen vor seinen Augen, gefolgt von den Ratschlägen, die ihm seine Mutter vor der Reise mitgegeben hatte. Wirr schwirrten die Gedanken durch seinen Kopf. Es hatte keinen Sinn. Er konnte nicht mehr einschlafen. Er stand auf und ging ins Bad. Als er aus der Dusche trat, fühlte er sich besser. Die Tabletten hatten seine Kopfschmerzen beruhigt und er hatte Hunger.
Der Weg von seinem Bungalow zum Restaurant führte durch den Garten des Hotels. Die Anlage war terrassenartig in einen Hang gebaut, so dass die Gäste von überall einen grossartigen Blick auf das türkisblaue Meer hatten. Aber die Aussicht war Tristan egal.
Er betrat die Terrasse des Restaurants. Ein reich gedecktes Frühstücks-Buffet war aufgebaut und die Gäste sassen an den mit weissen Tischtüchern und weissen Servietten gedeckten Tischen. Tristan schaute sich um. Er entdeckte einen freien Tisch und lächelte der Serviceangestellten zu, die ihm seine Tasse mit Kaffee füllte. Er ging zum Buffet und nahm sich Eier, Fleisch und etwas Melone. Während er ass, beobachtete er die Leute. Eine Familie mit zwei Kindern sass ganz in seiner Nähe, daneben ein junges frisch verliebt aussehendes Paar. Weiter rechts sass eine beleibte Frau mit ihrem Ehemann oder Partner und daneben eine einsame Witwe, wie Tristan mutmasste. Alles in allem ein langweiliges Publikum, befand er. Das konnte heiter werden. Wenigstens war die Bedienung ganz ansehnlich. Als die junge Frau in seine Richtung schaute, winkte er sie an seinen Tisch. Er lächelte sein gewinnendstes Lächeln und fragte:
«Kannst du mir vielleicht sagen, wo ich eine Maschine mieten kann?» Verdutzt schaute ihn die junge Frau an. Sie wusste nicht, was er meinte.
«Eine richtig geile Kraftmaschine auf zwei Rädern.» Tristan machte eine Handbewegung, die zeigte, wie er auf einem Motorrad Gas gab. Unsicher lächelte die Frau.
«Eine Motorradvermietung?», fragte sie.
«Genau! Wo kann ich so was finden?»
«Am besten fragst du beim Empfang», informierte ihn die Angestellte. «Dort helfen sie dir sicher gerne.»
«Danke, mein Engel. Du hast mir sehr geholfen.» Wieder lächelte Tristan sie einladend an.
«Vielleicht können wir beide ja eine Fahrt zusammen wagen? Was meinst du?». Die Angestellte schüttelte leicht verlegen den Kopf. «Vielleicht», meinte sie ablehnend. «Soll ich dir noch Kaffee nachschenken?»
«Solange du dabei in meiner Nähe bleibst, trinke ich jede Menge Kaffee.» Tristan zwinkerte ihr zu. Sie senkte den Blick und wandte sich ab. Hübsch, aber viel zu schüchtern, dachte Tristan, als sie davon ging.
Tristan liess den Motor aufheulen. Was für ein Gefühl! Er spürte die Kraft unter sich. Er hatte bereits eine Testrunde mit dem Motorrad hinter sich. Kaum, dass er sie gemietet hatte, war er auch schon über die heissen Strassen der Wüstenstadt gebrettert. Den Fahrtwind im Gesicht, das Leder an seinem Körper und die berauschende Geschwindigkeit. Tristan liebte diese Freiheit. Jetzt wartete er am Hoteleingang auf Sam. Sie hatte gesagt, sie wäre hier um zwei Uhr fertig und Tristan wollte seinen Neffen sehen. Deshalb war er schliesslich hier. Tristan hatte den Helm vom Kopf genommen und die Sonne brannte unversöhnlich auf ihn nieder. Wenn Sam sich nicht beeilte, musste er sich einen schattigeren Platz suchen. Er sah, wie sie aus dem Hotel trat. Sie war schön, registrierte er. Ihre dunklen langen Haare fielen ihr über die Schultern, ihre Figur hatte etwas Anmutiges und ihre Proportionen waren geradezu perfekt. Und trotz all der Wut, die er empfand, fühlte er sich doch seltsam zu ihr hingezogen. Dieses Gefühl und die beissende Erinnerung an seinen Bruder überfluteten ihn so unerwartet, dass er seinen Blick abwandte. Wut stieg in ihm auf. Scheiss drauf! Tristan liess den Motor aufheulen. Er drehte eine Runde, hielt sein Motorrad direkt vor Samira an und reichte ihr wortlos einen Helm. Samira musterte Tristan schweigend. Deutlich spürte sie seine Wut. Entschlossen stülpte sie sich den Helm über den Kopf und stieg auf das Motorrad. Tristan startete den Motor und die Maschine heulte auf. Sie schossen auf die Strasse und Tristan gab sich ganz dem Gefühl der Geschwindigkeit hin. Er bog mal links mal rechts ab, navigierte sie Richtung Wüste. Er kannte den Weg nicht so genau, aber es war ihm egal. Er wollte einfach auf der Strasse sein, den Fahrtwind und das Gefühl von Glück spüren, das sich wunderbar in ihm ausbreitete. Er merkte kaum, dass Samira hinter ihm sass und sich eng an ihn klammerte, um nicht runterzufallen. Erst als die Wüstenstrasse im Nichts endete, stoppte Tristan den Motor. Vor ihnen öffneten die Berge der Wüste Sinai ihre Tore. Hohe Felsen, Steine, Sand und die sengende Hitze der Mittagssonne lagen vor ihnen. Tristan blickte sich zu Sam um, in der Annahme, sie würde ihn tadeln und ihm besserwisserisch erklären, was er eh wusste. Sie hatten sich verfahren. Doch Sam blickte ihn nur nachdenklich an. Ihre tiefschwarzen Augen versanken in seinen und Tristan hatte das Gefühl, sie würde direkt in sein Innerstes blicken. Verunsichert wandte er den Blick ab. Anstatt etwas zu sagen, deutete Sam mit der Hand auf den kleinen Weg, der weiter geradewegs in die Wüste führte. Die Idee, noch weiter in die Wüste vorzudringen, verblüffte Tristan. Er hatte keine Skrupel. Tristan liess den Motor aufheulen und die Maschine preschte über den Sand. Zuerst fühlte Tristan sich auf dem ungewohnten Untergrund unsicher. Mit der Zeit erhielt er mehr und mehr die Kontrolle über sein Fahrzeug und liess die Räder im Sand spielen. Er spürte das Adrenalin in den Kurven, wenn der Sand zu beiden Seiten stob und er für den Bruchteil einer Sekunde den Atem anhielt. Er gab sich voll der Fahrt hin und vergass in seiner Konzentration alles um sich herum. Von Zeit zu Zeit tippte Sam ihm gegen die Schulter und wies ihm die Richtung. Unter einem grossen Wüstenbaum, nahe am Fusse einer Bergkette, blieb Tristan schliesslich stehen. Sam kletterte vom Motorrad und auch Tristan stieg ab. Erschöpft und ausgelaugt liess er sich in den Schatten des Baumes fallen. Sam öffnete ihre Tasche und streckte ihm eine Flasche Wasser entgegen, von der er gierig trank. Dann streckte er sich im Sand aus und bettete seinen Kopf auf die Hände. Er blickte in den Himmel und spürte die Hitze unter seiner Lederkombi. Es dauerte nur einen Moment, bis die Wirklichkeit Tristan einholte. Scheisse, schoss es ihm durch den Kopf. Was machte er hier? Er hatte sich hinreissen lassen. Er hatte Spass gehabt! Abrupt setzte er sich auf.
«Warum hast du mich hierhergebracht?», fuhr er Sam an. Sie lächelte müde.
«Also ich würde eher behaupten, du hast mich hierhergebracht. Aber das ist ja nicht wichtig, oder? Ich will auf diesen Berg klettern. Wenn du mitkommen willst, zieh deine Lederklamotten aus. Oder du wartest einfach hier auf mich.» Herausfordernd blickte Sam ihn an und ging davon.
Tristan musste sich ganz schön anstrengen, um mit Samira Schritt zu halten. Sie erinnerte ihn an eine Ziege, die flink den Berg hinaufkletterte. Der Fels war kantig und es gab keinen offiziellen Pfad. Tristan musste sich jeden Schritt überlegen, um nicht zwischen zwei Steinen auszurutschen. Mühselig kämpfte er sich den Berg hinauf. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie gegangen waren, als Sam das Tempo verlangsamte und er sie schliesslich einholte. Der Schweiss rann ihm aus allen Poren. Als er endlich wieder genügend Atem zum Sprechen hatte, fuhr er Samira wütend an.
«Was denkst du dir eigentlich dabei? Jagst mich hier den Berg hinauf! Was soll das?» Ihr Blick in die Ferne gerichtet, reichte sie ihm die Wasserflasche. Da seine Zunge am Gaumen klebte, nahm er die Flasche entgegen. Erst jetzt blickte Tristan sich um. Von hier oben konnte er einen grossen Teil der Wüste überblicken. Ein Teppich in warmem Braunrot, der sich bis zum Meer hin ausbreitete. Die Farbe schnitt sich mit dem tiefen Blau des Wassers. In der Ferne erkannte Tristan die Häuser der Stadt. Über ihren Köpfen kreiste ein Vogel. Der Ausblick war umwerfend. Tristan wurde von einer seltsamen Leichtigkeit erfasst. So etwas hatte er lange nicht mehr gespürt. Es fühlte sich an, als würde er schweben. Der Augenblick war jäh zu Ende, als er Sams Stimme hörte:
«Schön, dass du gekommen bist», meinte sie in die Stille hinein. «Dillan hat dich vermisst.»
«Wie geht es ihm?», fragte Tristan schroff.
«Gut. Er ist ein grossartiges Kind.»
Tristan hatte sich vorgenommen, keine Zeit zu verschwenden, Sam gleich nach seiner Ankunft von seiner Absicht zu erzählen und seine Forderungen baldmöglichst umzusetzen. Aber hier oben, allein mit ihr, brachte er es nicht übers Herz, ihr die Wahrheit über seinen Besuch zu gestehen. Also schwieg er.
Tristan parkte das Motorrad direkt vor dem Haus und sie stiegen ab. Er befestigte den Helm am Lenkrad, als Dillan schon auf ihn zugelaufen kam. Voller Freude fiel Dillan seinem Onkel um den Hals.
«Onkel Tristan! Das ist ja eine coole Überraschung! Hast du mir ein Geschenk mitgebracht?», wollte er wissen.
«Aber klar doch Kumpel», meinte Tristan. Er drückte den Jungen fest an seine Brust und öffnete dann die Seitentasche seines Gefährts. Er zog einen ledernen Fussball heraus und warf ihn Dillan zu.
«Was denkst du, wollen wir ein Spiel wagen?», fragte Tristan und zwinkerte Dillan auffordernd zu.
«Pass auf, ich bin ganz schön schnell geworden», erwiderte der Junge und rannte bereits mit dem Ball davon. Samira blickte den beiden nach. Sie hörte ihr Lachen. Wie schön für Dillan, dass Tristan da war.
Als sie gestern von einer Kollegin gehört hatte, dass Tristan im Hotel eingecheckt war, hatte sie sich gewundert. Er hatte sich seit Monaten nicht bei ihnen gemeldet. Auch Mirka hatte seltsamerweise nicht erwähnt, dass Tristan nach Sharm kommen würde. Tristans unversöhnliches Verhalten ihr gegenüber, hatte sie beunruhigt. Aber wenn sie ihn jetzt mit Dillan spielen sah, war sie einfach froh, dass er da war. Der Junge vermisste seine Familie. Samira wusste es, auch wenn er es nicht zeigte. Seit Aidans Tod hatte Dillan seine Grosseltern und seinen Onkel nur selten gesehen. Die Besuche waren einfach zu schwierig geworden. Zu viel hatte sich verändert. Zu viele Missverständnisse und Verletzungen standen zwischen ihnen. Samira wusste ja selbst nicht, wie sie mit der Trauer um Aidan, dem Verlust und der Einsamkeit zurechtkommen sollte. Wie konnte sie es seiner Familie verübeln? Jeder musste einen Weg finden, mit der Situation klarzukommen. Samira ging in die Küche, füllte eine Pfanne mit Wasser und stellte sie auf den Herd. Sie schaute sich im Raum um. Was würde Tristan von ihrem Zuhause denken? Die Zimmer waren klein und bescheiden. Ein Tisch stand in der Mitte des Essraumes. Durch eine Verbindungstür konnte man ins Wohnzimmer gelangen. Ein helles Sofa mit bunten Kissen und ein gemütlicher Lesestuhl zierten den Raum. An der Wand hingen ein paar Bilder, daneben ein Gestell, auf dem einige persönliche Dinge standen. Das Haus war klein, aber ihr genügte es. Es war gross genug für Dillan und sie. Samira wollte es nicht anderes. Träume, die sie früher einmal gehabt hatte, hatte sie längst begraben. Samira wusste, Tristan war sich besseres gewohnt. Die Immobilien seiner Eltern waren gross und luxuriös. Kunstgemälde hingen an den Wänden und die Böden waren mit teuren Teppichen ausgelegt. Dagegen war Samiras Haus eine armselige Hütte. Samira wollte sich nicht dafür schämen. Sie liebte ihr zu Hause und es war gut genug.
Sie dachte an die Wüste. Die Motorradtour hatte sie aufgewühlt. Es waren ihre Berge, ihre Heimat und doch hatte sie die Wüste in den letzten zwei Jahren nur selten aufgesucht. Als sie heute ganz oben auf dem Berg gestanden und aufs Meer geblickt hatte, war es ihr schwer ums Herz geworden. Nur mit grösster Mühe hielt sie die Tränen zurück. Sie wollte nicht, dass Dillan sie weinen sah. Abrupt wischte sie sich mit der Hand über die Augen. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Später. Vielleicht. Wenn Dillan schlief und sie allein war. Vielleicht würde sie dann den Mut finden, einige ihrer Erinnerungen hochkommen zu lassen. Jetzt war kein guter Moment dafür. Samira riss sich zusammen und ging zur Spüle. Sie nahm Teller und Besteck aus dem Kasten und deckte den Tisch. Dann rief sie die Männer zum Essen ins Haus. Sie hatte Spaghetti gekocht, Dillans Lieblingsessen. Dazu gab es Salat und frisches Obst. Ein einfaches Essen, das Samira mehrmals die Woche auf den Tisch stellte.
Tristan betrat mit Dillan den Raum. Er blickte sich um. Er sagte nichts.
«Ich muss los», meinte er dann brüsk.
«Willst du nicht zum Essen bleiben?», fragte Samira überrascht. Tristans klare Zurückweisung verletzte sie. Dillan machte einen Schritt auf Tristan zu und nahm seine Hand.
«Du kannst noch nicht gehen, Onkel Tristan», sagte er. «Mama hat Spaghetti gekocht. Die sind super! Mein Lieblingsessen. Magst du keine Pasta?», fragte er erstaunt.
«Doch, doch Kleiner», antwortete Tristan an Dillan gewandt. «Ich mag gerne Pasta. Aber heute kann ich nicht bleiben. Ich muss los. Ich komme morgen vorbei und hole dich ab. Dann können wir zusammen an den Strand. Was denkst du?» «An den Strand, das wäre großartig. Und darf ich dann auf deinem Motorrad mitfahren?», wollte Dillan aufgeregt wissen.
«Aber klar doch, Sportsfreund. Morgen hole ich dich ab.»
Tristan wandte seinen Blick Samira zu, nickte und war schon fast aus der Tür, als sie ihn am Arm packte.
«Wir müssen reden», sagte sie bestimmt. An Dillan gewandt meinte sie:
«Liebling, setz dich noch einen Moment aufs Sofa und schau dir eine Geschichte an. Ich muss etwas mit Onkel Tristan besprechen. Ich bin gleich wieder da.»
Sam zog Tristan hinter sich her vor die Tür.
«So geht das nicht!», fuhr sie ihn an. Ihre Augen funkelten wütend. «Du kannst hier nicht kommen und gehen, wann und wie es dir gefällt! Ich bin Dillans Mutter und ich entscheide darüber, ob Dillan mit dir aufs Motorrad steigt oder nicht. Ich fände es angebracht, dass du deine Pläne mit mir absprichst, oder mich wenigsten vorher informierst, bevor du Dillan etwas versprichst!», giftete sie wütend. Tristan verdrehte genervt die Augen. Ärger stieg in ihm hoch.
«Nur nicht gleich ausflippen, Schwägerin! Ich werde schon auf den Jungen aufpassen. Ich wusste ja nicht, dass er unter ständiger mütterlicher Überwachung steht», meinte er spöttisch. Samira war es nicht zum Spotten zumute. Die offensichtliche Feindschaft, die Tristan ihr gegenüber anschlug, tat weh. Sie war nicht bereit, bezüglich Dillan Kompromisse einzugehen. Nicht so!
«Tristan, ich weiss, wir hatten eine schwere Zeit. Nicht nur du, wir alle. Mir ist bewusst, dass du nicht all die Entscheidungen nachvollziehen kannst, die ich gefällt habe und ich räume sogar ein, dass ich dich und deine Familie damit verletzt habe, aber diese offenkundige Feindseligkeit kann ich nicht ertragen. Wenn du Dillan liebst, und das glaube ich, dann müssen wir miteinander zurechtkommen. Ich will nicht, dass der Junge merkt, dass wir Probleme haben. Es würde ihn verwirren und vielleicht die Zuneigung zu dir trüben und das will ich nicht. Also reiss dich gefälligst zusammen, solange du in seiner Nähe bist. Verstanden?»
Tristan blickte sie aus kalten Augen an. Dann rieb er sich erschöpft mit den Händen übers Gesicht. Sie hatte recht und er wusste es. Er warf ihr einen düsteren Blick zu, dann stieg er wortlos auf sein Motorrad und düste in die Nacht hinein.
Es war schon spät. Dillan schlief. Samira hatte ihm ein Gutenacht-Lied gesungen und an seinem Bett gewartet, bis er eingeschlafen war. Ein Ritual, das sich bei ihnen eingestellt hatte. Dillan wollte nicht allein sein und Samira machte es nichts aus, dass sie die letzten Stunden des Tages an seinem Bett verbrachte. Sie hatte nichts anderes vor. Als Aidan noch lebte, hatten sie sich damit abgewechselt, den Jungen zu Bett zu bringen. Jetzt war sie allein. Samira setzte sich auf die Stufen ihres Hauses. Die Dunkelheit der Nacht hüllte sie ein. Hier am Rande der Wüste konnte sie kaum ein Geräusch hören. Der Lärm der Autos auf der Verbindungsstrasse wurde von den dazwischenliegenden Häusern verschluckt. Der Sternenhimmel stand wolkenlos über der Wüste. Früher einmal hatte sie die Sterne bewundert. Jetzt bereitete ihr der Anblick nur noch Schmerz.
