Die Faszination der Zeit - Helga Rahn - E-Book

Die Faszination der Zeit E-Book

Helga Rahn

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Beschreibung

Im Sinnieren über das Leben beschäftigen die Autorin vor allem zwei Ebenen: Raum und Zeit. In diesen Kategorien bewegt sich alles Leben, organisch wie anorganisch. Der Mensch, ein Staubkorn im Universum, hat sich darein zu fügen. Alles Leben auf Erden bewegt sich zwischen Endlichkeit und Ewigkeit, vergänglich ist unser Tun und Lassen. Und doch, immer sind es Spuren, die bleiben. So greift sie zur Feder, um zu sammeln, was im Laufe der Jahre von ihr erdacht und erlebt wurde. Ein Buch, in dem sich das Leben widerspiegelt, seine Möglichkeiten, Unwägbarkeiten, das Diesseits betrachtend, die Grenzen zum Jenseits im scheuen Respekt erkundend. Ist das Dasein vergleichbar mit einem Uhrwerk? So formulierte es ihre damals sechzehnjährige Enkelin: »Jeder Tag ist so gleich, verhängnisvoll, dunkel. Und verbirgt sich dahinter auch nur eine Blüte, sie wird verwelken. Die Maschine aber läuft unerbittlich weiter. Wo ist ein Knopf, der den ewigen Kreislauf beendet? Doch siehe, der Druck lässt nach, denn das Glück hat einen Samen hinterlassen: Die Quelle neuen Lebens.« Diese Zeilen rufen der Autorin in Erinnerung, nicht zu vergessen, was ihr geschenkt ist. Ihre Texte wollen Wege erkunden, sie begehbar machen. Ein Wort ist ein Ganzes, es lebt und wirkt. Sprache ist ein lebendiger Organismus. Wer achtsam das Gesagte einzuordnen sucht, dem öffnen sich Wege und Ufer.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Helga Rahn

DIE FASZINATION

DER ZEIT

Erkundungen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2020

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.

ISBN 978-3-96940-519-2

Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelbild und Zitat Rückseite © Uta Kapprell (geb. Rahn)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

VORBEMERKUNG

In diesem Band mit Prosatexten versammeln sich Essay-Versuche, Erkundungen, Szenen, aufgelockert durch einige neue Gedichte. In meinen Themen geht es um die Faszination des allgegenwärtigen Augenblicks, was auch zur Wahl des Buchtitels führte.

Über viele Jahre hielt ich meine Erfahrungen fest in Reflexionen, darin Erinnerung und Traum gespiegelt sind. Im kreativen Prozess halten sich Realität und Utopie die Waage.

Die Liebe zur Natur wurde mir in die Wiege gelegt. Daraus schöpfe ich stets aufs Neue Inspiration wie auch die Möglichkeit, mich zu erden. Auf einem eher unwegsamen Lebensweg wurden mir Wort und Sprache zu einem Wegweiser, dem ich mich verpflichtet fühle.

H. Rahn

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorbemerkung

Unvergessen

Zuhause sein

Kindheit und Natur

Der erste Schultag, 1944

Mutters Suppentopf

Vom Ursprung

Meines Vaters Bibliothek

Schlachtfest 1947

Kindfrau

Gänseliesel

Abend vor dem Dorf

Traumbilder

Der Maientänzer

Der Zeitkönig und die Prinzessin

September

Ein Wintermärchen

Was ist ein Großvater?

Die Feenkönigin

Der Geschichtenbaum

Vom übermütigen Regentropfen

Eine Detektivgeschichte

Ein Tanzspiel

Psyche und Bilitis

Selbstbestimmt

Leipzig, meine Stadt

Unaufhörlich

Als flögen wir…

Gedanken zum Tagebuch

Herzkatheder

500 Jahre Reformation

Vom Glauben an das Gute

Die verborgene Lichtung

Gedanken zur Energie der Natur

Im Elsapark

Eine Baum-Betrachtung

Weißer Dezember

Szenischer Versuch

THERAPIE

Lesarten

Der Baum, ein Freund

Dem Leben zuhören

Von Licht und Schatten

Alt werden ist eine Kunst

Altersweise

Von Stille. Eine Betrachtung

Lichtzeichen

Die Fülle des Lebens

Verlange alles vom Leben ...!

Bau-Lücken

Gedanken zur Toleranz

Das eingezäunte Wort

Arbeit

Erinnern, kostbar

Spiel-Arten der Lyrik

Silvester, nacht

Das Slawenherz

Zur Arbeit mit schreibenden Schülern

Ton um Ton

Zsimon Barto, Pianist

Musik erleben

VonFarben

Tagträumen

Zum Zyklus „Texte zu Musik“

Der Sommervogel

Zum Geburtstag von Georg Mauerer

Wunsch

Vom geduldigen Menschen

Die Faszination der Zeit

Aprilstadt

Angaben zur Autorin

Unvergessen

ZUHAUSE SEIN

Heimat,

ein Wort nur,

verbunden

mit vielem, so

ruft’s dich fort

zu fremden Dielen.

Heimat ergrünt

in Birken und Linden,

mit Händen,

die kühn sind,

versuchen, erfinden.

Heimat, ein

Kind, verschwistert

dem Wind, vor

Zeiten gepurzelt,

im Erdreich verwurzelt.

Kind, Wort

und Musik, das ist

Heimat, bin ich.

Die Frau ist nun

alt, sie erinnert sich.

Zuhause, das Inselland Herzweh –

gehst fort, späte Heimkehr im Schnee.

2019

KINDHEIT UND NATUR

Eine Betrachtung.

Das Kind bewegt sich mit Schuhen durch die Welt. Warum? Es schützt seine Füße. In Eintracht mit den Bäumen beobachtet es die eiligen Dinge in großer Ruhe und Wachsamkeit. Es sieht sich zwischen Himmel und Erde stehen. Und erinnert sich an das Märchen vom Siebenmeilen-Stiefel. Auch ich las es in meiner Kindheit. Und schon sehe ich mich durch den dichten Wald dahin traben, während die Stiefel an meinen Füßen den Weg allein finden. Darf ich darauf vertrauen? Immer noch wispern die Bäume und lehren mich, Ängste abzulegen. Dem Rauschen der Blätter entnehme ich bis heute: Ruhe, Trost – und ein Versprechen. Sind nicht alle Geschichten in Bäumen auf Abruf wartend, auf Ab- oder Erlösung?

Zwischen Erde und Himmel steht der Baum. Und auch ich bewege mich zwischen Erde und Himmel, ehrfürchtig staunend. Mein Selbstbewusstsein – erwuchs es aus dem Erleben von Gemeinschaft? Die Märchen meiner Kindheit stellten eine Verbindung her, ihre Bilder gaben mir Kraft. Märchen sind vielfarbige Kleider, sie regen unsere Phantasie an. Eintauchen dürfen wir in diese Zauberwelten, ohne jedoch den Kontakt zur realen Welt zu verlieren. Dafür entscheidend ist unter anderem ein festes Schuhwerk. Es trägt uns und gibt Sicherheit. Das Leder an meinen Füßen ist aus der Haut von Tieren gemacht. Sie sind dem Menschen als Partner zur Seite gestellt – und werden doch oft genug erbarmungslos vernichtet. Warum sollte ich Tiere fürchten? Wir alle sind Teil der Schöpfung: der Mensch, die Pflanze, ja auch der Stein. Und manchmal habe ich Sand im Schuh, nur wenige Körnchen, die gewaltig drücken. Das zwingt mich, meinen Weg gemächlich fortzusetzen. Auch ein Umweg ist denkbar, wenn Äste mir den Weg verwehren, die der Blitz traf, wenn ein Wasser mich hindert, mein Ziel zu erreichen. Siebenmeilen-Stiefel tun im Märchen ihren Dienst. Wie erfreut es uns doch, wenn die Prinzessin rechtzeitig aus dem Harem des Sultans befreit wird, weil das Lösegeld rechtzeitig eintrifft!

Während ich im Wald nach dem rechten Pfad Ausschau halte, nehme ich wahr, dass die Zweige des Haselstrauches ein zartes Grün aufweisen. Ja, die Knospen brechen auf, die Blätter rollen sich auf, entfalten sich. Ich halte Ausschau nach ersten Kätzchen, die den Frühling beleben, nach Märzenveilchen. Meine Schuhe tragen mich sicher. Wäre Barfußlaufen eine Lösung? Immer wollen wir uns kleiden, sei es um Schutz, sei es um der Schönheit willen.

Den kühlen Erdboden unter den nackten Fußsohlen zu erspüren, welch eine Erfahrung! So sind wir Lebewesen, gleichgestellt und zwischen Himmel und Erde gestellt. Ist es dem Menschen gegeben, den Himmel zu erobern? Gibt es ein Dazwischen, das wir erkunden? Wir leben in einer Konstellation, die uns das Leben ermöglicht, aus deren Energie wir immer wieder Kraft schöpfen dürfen.

März 2016

DER ERSTE SCHULTAG, 1944

Es war im Jahr 1944. Wir Kinder wussten: Es ist Krieg in der Welt. Und alle Erwachsenen, die Frauen und Mütter wirkten unruhig. Sie flüsterten sich häufig geheimnisvolle Dinge zu; es war schon seltsam. Mitunter glaubte ich einen Ortsnamen heraus zu hören. Stalingrad z.B. oder die Oder...?

Ich aber wusste, dass es hier um einen Fluss ging. Meine Mutter war vor langer Zeit dort geboren. Mitunter war mir, als könnte ich in den Gesichtern der Erwachsenen Angst lesen. Ja, es war, als müssten sie einander halten. Können sich Mütter an anderen festhalten?

Alle unsere Väter waren im Krieg. Im Dorf war es dadurch stiller als sonst, es passierte nicht viel. Wir Kinder hatten viel Zeit in diesem Sommer. Meine Mutter fragte mich, ob ich gern noch ein Geschwisterchen hätte. Na ja, ich hatte schon einen Bruder und eine Schwester. Meinem Freund Hans-Dieter sagte ich: „Eigentlich reicht das doch, oder?” Er musste es wissen, er war der Sohn von Lehrer Korn. Aber er war ein Einzelkind, ob er da mitreden konnte? Wir spielten an diesem Tag zusammen mit anderen Dorfkindern die üblichen Spiele. Auf dem Scheunendach bei Bauer Stamm war ein Storchenpaar eingekehrt. Vater Storch klapperte mit seinem Schnabel und breitete seine Flügel. Und so liefen wir auf die Dorfstraße und sangen:

„Storch Storch guter, schenk mir einen Bruder,

Storch Storch bester, schenk mir eine Schwester!”

Der Storch klapperte weiter und schwenkte seine Flügel. Ich meinte zu meiner Mutter: „Ob er uns einen Bruder oder ein Schwesterchen bringt, will er nicht sagen.“ Die Mutter lächelte sanft. „Macht nichts, meine Kleine. Das ist ein Geheimnis.”

Am nächsten Tag gab es Fliegeralarm. Das passierte mitunter, dann liefen wir in den Keller. Die Sirenen heulten, es war grauenhaft und schrecklich. Einmal sah ich die silbernen Pfeile durch die Lüfte gleiten. Wie konnte man glauben, dass sie eine todbringende Last trugen? Weit entfernt in den Städten, so hieß es, seien schon viele Bomben gefallen. Und es waren schon viele Soldaten im Krieg geblieben. Die Glück hatten, kamen als Verwundete heim. Noch besser wäre es, wenn unser Vater gesund zurück käme und niemals wieder in den Krieg müsste.

An Tagen, wenn es keinen Alarm gab, nahmen wir unsere Spiele wieder auf. Es war im Mai und im nahen Wald rief der Kuckuck. Wir tanzten auf der Dorfstraße und sangen. Dabei zählten wir die Rufe des Kuckucks mit Spannung, denn das sagte uns, wie viel Jahre wir leben würden. Es gab in dem Jahr auch viele Marienkäferchen. Ein Lied war zu der Zeit in aller Munde, wir sangen es im Chor:

„Maikäfer flieg,

der Vater ist im Krieg,

die Mutter ist im Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg.”

Wir sollten zur Schule kommen. Da gab es keine große Feier, wurden doch die Mienen der Erwachsenen immer besorgter. Es war lange keine Feldpost von Vater gekommen. Mutter ängstigte sich. Was soll nur werden – hörte ich die Frauen fragen, wenn sie beieinander standen. „Die Russkis rücken immer näher vor.” Was meinten sie damit? Unsere Väter waren doch die Sieger, das wusste jeder. Doch für uns ging die Zeit der Spiele zu Ende. Täglich hatte ich mich mit Hans-Dieter in unserem Hof getroffen, in dem es einen großen Sandkasten gab. Dort bauten wir Burgen, zerstörten sie und bauten sie erneut auf. Klar buken wir auch Kuchen und solche Sachen, z. B. wenn wir hingebungsvoll Vater, Mutter, Kind spielten. Ein schöneres Spiel konnte es nicht geben!

Jetzt aber war ein großer Tag gekommen. Wir wurden Schulanfänger. Unsere Muttis überreichten uns die Schulranzen, darin für jeden Griffel und Schiefertafel sowie ein Päckchen mit Broten und einem blanken, roten Apfel. Wir wurden liebevoll verabschiedet, die Mütter winkten uns lange nach. Die Schule war nicht weit entfernt am Ende des Dorfes. Wir liefen auf dem Fußweg Hand in Hand, daneben die Dorfstraße mit dem Kopfsteinpflaster. Da bemerkten wir hinter uns andere Kinder. „Hans-Dieter!”, riefen sie laut und drängend. Was wollten sie von meinem Freund. Doch er kümmerte sich nicht um die anderen Jungen. Und wieder riefen sie: „Hansi, du Memme, ih ih, gehst mit Mädchen!”

Sie riefen es immer wieder. Ich glaubte, im Erdboden zu versinken. Hans-Dieter war doch mein Freund, ich hatte keinen anderen Freund. Wir hatten immer zusammen gespielt, von klein an. Niemand kannte mich so wie er. Die Jungen riefen: „Komm zu uns, wir sind Männer. Was willst du mit ‘nem kleinen Mädchen?” Und Hans-Dieter ließ meine Hand los. Er ging zu diesen Banausen, die sich zu einer Gruppe vereinigten. Ich stand da, alleingelassen. Hansi guckte sich nicht um. Ich ging ohne ihn weiter. Er hatte mich verraten, unsere Freundschaft für immer verraten.

Vielleicht war Hans-Dieter meine erste Liebe. Dieser Tag wurde zur ersten wahrhaft schmerzlichen Erfahrung meines Lebens.

2017

MUTTERS SUPPENTOPF

Eine Persil-Geschichte.

Es ist um 1946 in der Wohnküche des dörflichen Geschäftshaushaltes. Mein gastfreundlicher Vater bittet Vertreter des Persil-Werkes an den Mittagstisch. Er ist Kaufmann und beabsichtigt, neue Geschäftsverbindungen zu knüpfen. Es gilt, die Existenz der Familie zu sichern. Ist das nichts?

Meine Mutter – eine kleine Frau, welche ihren Kindern eine Suppe kocht mit viel Liebe und unter welchen Bedingungen! Einen köstlich duftenden Eintopf in der Nachkriegszeit auf den Tisch zu stellen, bedurfte der Liebe und viel Phantasie. Allein die Zubereitung ging mit Andacht vonstatten: das Putzen der Möhren, geschnittene Zwiebeln, deren Schärfe die Augen tränen lassen, aromatische Sellerie und das rosa Stückchen Fleisch, welches dem Ganzen Kraft und Würze gibt.

Mütter wissen: Eine gute Suppe ist notwendig für die Existenz. Sie erhält die Gesundheit, ja, das Leben. Persil braucht man, um die Wäsche reinzuhalten. Aber sie erhält nicht unbedingt das Leben, denn notfalls ginge es auch mal ohne Wäsche.

Vor Zeiten ging eines Königs Tochter mit ihren Gespielinnen zum Fluss. Es galt, die Kleider der Familie darin zu waschen. Zu allen Zeiten gab und gibt es das lebenspendende Wasser. Wer aber erfand die Seife, seit wann kennt die Hausfrau das Waschmittel „Persil“ …?

So wie damals legen noch heute die Frauen in den Dörfern ihre Tücher und Laken auf den Anger zum Trockenen, zum Bleichen. O ja, reine Wäsche tut gut, darauf ist der Duft nach Luft, nach Sonne!