Die Frage der Schuld - Maria Joanna Schiller - E-Book

Die Frage der Schuld E-Book

Maria Joanna Schiller

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Beschreibung

Chorzów in Oberschlesien 1919. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende. Ruth und Franek werden in eine Zeit geboren, die von Unruhen und Machtkämpfen bewegt ist. Ruth wächst in einer deutschen Familie, Franek am anderen Ende der Stadt, in einer polnischen Familie auf. Zwei Welten, getrennt durch Konfession, Umfeld und Lebensumstände. Sie lernen sich kennen, verlieben sich und sind fest davon überzeugt das fehlende ich in dem anderen gefunden zu haben. Der Zweite Weltkrieg beginnt, Franek wird einberufen und sie heiraten noch bevor er an die Front muss. Als Franek dann nach Jahren des Hoffens und der Angst aus der Gefangenschaft zurückkehrt, scheint das Glück vollkommen. Bis sich nach einer getroffenen Entscheidung vieles anders entwickelt.

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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Oberschlesien 1919. Der erste Weltkrieg ist vorbei und Polen nach 125 Jahren Unterdrückung, ein unabhängiger Staat. In Chorzów herrscht Unsicherheit über den Machtwechsel und den neuen Grenzverlauf. In der Zeit kommt, in eine Deutsche Familie die alles Polnische ablehnt, ein Mädchen auf die Welt, Ruth. Sie ist kein Wunschkind und wird bald an ihre zehnjährige Schwester übergeben. Ruth, zart und sensibel, stößt mit ihrer Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Liebe bei der strengen Mutter auf Unverständnis. Sie begegnet Franek, er schenkt ihr die Liebe und Zärtlichkeit, nach der sie sich immer gesehnt hat. Durch seine Herkunft, Erziehung und Intelligenz, verkörpert er all das was sie sich zum Ziel gesetzt hatte. Gesellschaftlichen Aufstieg, Glanz und Ansehen. Franek ist von der sanftmütigen Ruth verzaubert. Jeder von ihnen glaubt das fehlende ich in dem anderen gefunden zu haben. Der Beginn einer großen Liebe. Aber Franek ist Pole und Ruths Mutter steht der Verbindung ablehnend gegenüber. Trotzt aller Widersprüche heiraten Ruth und Franek. Der zweite Weltkrieg, Okkupation, Franeks Einberufung, erneuter Machtwechsel und Grenzverschiebung folgen. Franek kommt gesund aus der Kriegsgefangenschaft zurück und Ruth zeigt ihm zum ersten Mal seine Tochter. Als dann das zweite Kind geboren wird, scheint das Glück vollkommen. Bis eine folgenschwere Entscheidung alles verändert.

M. Joanna Schiller ist 1947 in Chorzów / Polen geboren, lebt seit 1963 in Deutschland. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Verden (Aller). Das Paar hat eine Tochter und vier Enkel.

Für Patricia

Josephine

Pauline

Helene

Felix

Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und der Mensch wird besser

Martin Luther These 44

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Ruth

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Franek

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Ruth und Franek

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Prolog

Der Gastraum ist voller heftig diskutierender Männer. Pfeifen und Zigarettenrauch vermischt sich mit dem Geruch von Alkohol und Körperausdünstung. Immer lauter werden die Stimmen und die Stimmung droht zu eskalieren. Sie kennen sich alle gut, sind Nachbarn oder sind sich oft über den Weg gelaufen. Es ist eine bunte Welt der Völkerschaften, die schon seit Jahren friedlich zusammen lebt, in dem Ort, der nicht weit von Krakau entfernt liegt. Aber jetzt stehen sie sich feindlich gegenüber. Vor knapp einem Jahr ist der erste Weltkrieg zu Ende gegangen und die Nachricht über die bevorstehende neue Grenzregelung, sorgt für Zwietracht. Plötzlich ist alles anders! Misstrauen keimt auf und die starken Gegensätze machen sich zunehmend bemerkbar.

Der kleine Junge, der unter dem Tresen im Gastraum spielt, nimmt Bruchstücke des heftigen Wortwechsels wahr. „Jahrzehnte lebten wir in Habsburger Herrschaft.“ „Es ist Galicien.“ „Nein, es ist Schlesien.“ „Wir sind Polen“, ruft eine laute, alles übertönende Stimme. „Wir wollen in einem freien Polen leben.“ Unter dem Tresen hat der kleine Junge zu spielen aufgehört, gebannt hört er zu, aber alles was er versteht ist, wir sind Polen. Er ist auch Pole.

„Pssst!“ Der Anblick seiner Mutter, die den Finger auf den Mund hält, lässt ihn aufhorchen. Sie nimmt ihn auf den Arm und geht mit schnellen Schritten in Richtung Ausgang. Er sieht noch seinen Vater, der auf die Aufgebrachten besänftigend einredet und den Knecht mit dem Tablet voller Wodkagläser, dem er zuwinkt. Dann fällt die Tür hinter ihnen zu .

Zur gleichen Zeit kommt weiter im Norden, am anderen Ende von Schlesien ein kleines, zartes Mädchen zur Welt. Das Ereignis wird überschattet von der Ungewissheit über die neue Grenzregelung. „Schlesien gehört zu Deutschland, so war es schon immer, warum soll das jetzt anders sein.“ Überall in der Stadt sind kleine Menschenansammlungen anzutreffen, die ihre Unsicherheit mit Unmut zu überdecken versuchen. Aber die Angst vor der bevorstehenden Volksabstimmung ist bei allen gleich groß.

Das kleine Mädchen liegt in der Wiege, im Kreise ihrer Geschwister die mit eigezogen Köpfen den Gesprächen folgen. Die Küche, im Allgemeinen ein behaglicher Ort, ist mit düster blickenden Personen belagert. Etwas Bedrohliches liegt in der Luft.

„Wir haben akzeptiert, dass die Polen hier leben“, vernahmen die Anwesenden und nickten zu Bestätigung. „Wo sollten sie auch hin, seit Jahrzehnten besitzen sie keinen eigenen Staat“, murmelte einer, wurde aber sofort mit Handabwinken zum Schweigen gebracht. „Wir sind alle Schlesier, die Polen und wir Deutsche. Es war gut, so wie es war. Wozu die neuen Grenzen?“ Ein Blick in die Runde zeigt dem Redner, dass alle seiner Meinung sind. Eine plötzliche Unruhe entstand und alle sprachen durcheinander.

„Die Polen wollen jetzt das Sagen haben, alles soll polnisch werden, unsere Stadt auch.“

„Jesus, Jesus, was soll nun werden“, ist aus der Ecke zu vernehmen. Aufgewühlt rutschen einige unruhig auf ihren Stühlen, andere stehen auf, die Nervosität hat alle ergriffen. Das Misstrauen und die schon immer dagewesene Abneigung gegenüber den Polen ist stärker als je zuvor.

RUTH

Kapitel 1

Auguste Kubitza war eine gläubige Frau, sie würde sich selbst sogar als fromm bezeichnet haben. Auch als ihr erstes Kind ein Sohn, den sie nach einem Jahr Ehe stolz auf die Welt brachte, kurz vor seinem ersten Geburtstag am Kindbettfieber starb, hatte sie voll Schmerz und Trauer es als von Gott gewollt gesehen. Jetzt fragte sie sich, aber warum Gott nach so vielen Jahren wollte, dass sie wieder schwanger wurde. Sie wollte kein Kind mehr. Sie hatte schon fünf und das war genug. Dazu noch ein großes Haus mit sechs Mietwohnungen. Sie musste darauf achtgeben, dass sich alle ordentlich nach den Hausregeln benahmen. Zusätzlich noch die Ställe im Hof mit Hühnern, Kaninchen, Gänsen und einer Ziege. Am Ende der Straße war der Gemüse- und Obstgarten. Ihr ganzer Stolz.

Wie sollte sie das alles mit einem kleinen Kind schaffen. Nein, sie empfand keine Liebe für das kleine Wesen, das sich jetzt langsam in ihr regte. Keine Freude, nur zusätzliche Last und die Ungewissheit vor der Zukunft.

Es ist Anfang 1919. Der Erste Weltkrieg ist seit ein paar Monaten zu Ende und das deutsche Königreich zusammengebrochen. Ihr Mann und sie leben in Chorzów/ Königshütte, einer Stadt in Oberschlesien. Auguste Kubitza hatte sich nie für die Politik interessiert, das war Männersache. Dennoch konnte sie nicht die Augen vor der Veränderung in der Stadt verschließen.

Ihr Mann Karl berichtet zu Hause, das Deutschland wie zuvor die Alliierten und assoziierten Mächte, die völlige Unabhängigkeit Polens anerkannt hat. Auguste hatte Angst, wie wird sich das weitere Zusammenleben zwischen Polen und Deutschen in Chorzów entwickeln? Sie waren alle Schlesier.

Trotz der schwierigen und komplexen sprachlichen Situation war das Zusammenleben der Bevölkerung bis dahin friedlich. Auguste und Karl Kubitza aber sind sich einig, es wird Unruhen geben. Nach 125 Jahren Teilung und Unterdrückung leben die Polen in einem eigenen Staat. Wie auch nicht anders zu erwarten war, kommt es zwischen den Deutschen und den Polen zu blutigen Zusammenstößen.

In dem Jahr 1919, in dem der Erste bewaffnete Konflikt stattfindet, kommt am 8. September ein kleines, zartes Mädchen auf die Welt. Die Eltern, Auguste und Karl Kubitza beschließen, dass es auf den Namen Ruth-Luise getauft werden soll. Das kleine Mädchen wird pflichtschuldig von ihrer Mutter an die Brust gelegt, die längst beschlossen hatte, es nur so lange zu stillen, wie es unbedingt nötig ist, um dann die kleine Ruth von einer ihrer Töchter versorgen zu lassen.

Ruth atmet schon als kleines Kind die von brodelnden Unruhen und Kampfgeist geschwängerte Luft ein, ohne zu ahnen, dass sie ihr ganzes Leben lang wird kämpfen müssen. Vielleicht war es diese Luft, die sie innerlich stark machte und ihr Kraft vermittelte, die niemand hinter ihrer zarten Erscheinung vermutete.

Das kleine Mädchen schläft satt und zufrieden in Geborgenheit des elterlichen Hauses während Schlesien nicht zur Ruhe kommt. Misstrauisch beäugt man überall die früheren starken sozialen Probleme und die religiösen und gesellschaftlichen Unterschiede, sind jetzt noch deutlicher zu spüren.

Das trifft auch auf Auguste Kubitza zu, sie hat die Polen noch nie gemocht. Sie sah sich in ihrer Meinung bestätigt, dass die Polen, ohne Ausnahme, falsch sind und dass sie zudem katholisch waren, machte die Sache noch schlimmer. An den Sonntagen nach dem Gottesdienst, in der einzigen evangelischen Kirche in Chorzów, stand sie mit ihren Bekannten, vor dem aus rotem Stein errichteten, imposanten Bau. Mit ängstlichen und besorgten Gesichtern gab es für alle nur das eine Thema: „Was wird die nächste Zeit bringen“.

Auf dem Weg nach Hause schien es Auguste, als würde ihr Kopf platzen von all dem Gehörten. Kurz vor ihrem Haus angekommen, straffte sie ihre Schultern und holte tief Luft, sie wollte Augen und Ohren offenhalten, um nichts falsch zu machen. Es ging um ihrer aller Zukunft.

Als Erstes beschloss Auguste, Ruth in die Obhut einer ihrer älteren Töchter zu übergeben. Die Wahl fiel auf Herta, sie wurde in Kürze elf Jahre und es war an der Zeit, dass sie eine Aufgabe übernahm. Die Milch für das Kind konnte die Ziege liefern.

Herta war wenig begeistert, viel lieber würde sie wie früher mit den Kindern auf der Straße spielen. Sie seufzte tief, legte die kleine Schwester, nachdem sie sie gefüttert hatte in die Wiege, dicht am Fenster sitzend schaukelte sie Ruth in den Schlaf und sah den spielenden Kindern zu. So hatte es ihr die Mutter aufgetragen, das würde von jetzt an ihre Aufgabe sein und sie musste sich fügen. Herta schüttelte sich bei dem Gedanken an den Teppichklopfer, der hinter der Küchentür hing. Aus Weidegeflecht schlingenförmig gearbeitet, war er rund wie eine Scheibe und mit einem langen Griff versehen.

Allwöchentlich wurden die Teppiche aus dem Haus getragen, über die Stange im Hof gehängt und mit kräftigen Schlägen wurde damit der Staub ausgeklopft. Aber mit dem Teppichklopfer und genauso kräftigen Schlägen wurden auch ungehorsame Kinder bestraft. Das wollte Herta auf gar keinen Fall riskieren, also schaukelte sie weiter, immer ein Auge auf die Wiege werfend ob Ruth schon eingeschlafen war, denn dann erst durfte sie zum Spielen gehen.

Währenddessen kommt Oberschlesien nicht zur Ruhe. Nachdem noch weitere große blutige Aufstände folgten, entscheidet am 20. Oktober 1921 die Botschafterkonferenz in Paris, dass das Gebiet des zum Deutschen Reich gehörenden „Oberschlesien“, laut Volksabstimmung aufzuteilen sei.

Die Mehrzahl der Wähler ist für den Verbleib in Deutschland. Dementsprechend verblieb dann auch der größere, vorwiegend landwirtschaftliche Teil Oberschlesiens in Deutschland.

Während der Osten um Kattowitz (Katowice) mit seinen wertvollen Kohlen, Eisenerz, Zinkgruben und die Mehrheit der Verarbeitungsbetriebe, Polen zuerkannt wird. So auch Chorzów.

Das alte Gerichtswesen wird aufgelöst und eine neue Rechtsordnung eingeführt. Polnisch wird zur Amtssprache.

Die Polen sind glücklich, fühlen sich stark und mächtig. Nach 125 Jahren haben sie jetzt das Sagen.

Und die Deutschen? Sie sollen sich auf einmal unterordnen. Eine neue, völlig andere veränderte Situation. Auguste und Karl Kubitza, Ruths Eltern sind enttäuscht, verunsichert und ratlos. Sie sind Deutsche und sollen von nun an in Polen leben. Auguste möchte wegziehen.

„Karl, lass uns nach Malapane ziehen, es liegt auf der deutschen Seite“, bittet sie ihren Mann. „Dort ist mein Elternhaus! Mein Bruder wird uns sicher ein Stück Land verkaufen, bei so viel Land, das er besitzt.“

Eigentlich möchte sie nicht wieder aufs Land ziehen. Auf dem Hof ihrer Eltern aufgewachsen, der nach deren Tod von ihrem Bruder übernommen wurde, wusste sie von der schweren landwirtschaftlichen Arbeit. Doch in ihrer Verzweiflung musste sie sich eingestehen, dass ihr es Angst machte in Polen zu leben und sie nur den Wunsch hegte mit ihrer Familie in Deutschland zu leben. Karl Kubitza baut sich dominant vor seiner Frau auf und zwirbelt an seinen König Wilhelm Schnurrbart, das tat er immer, wenn er mit der Situation aufs höchste unzufrieden war.

„Wie stellst du dir das vor Auguste?“, fragte er grollend. „Soll ich meine Arbeit im Büro auf der Grube aufgeben und als Bauer hinter dem Ochsenpflug herrennen?“

Auguste saß mit gesenktem Kopf da, sie hatte gleich gewusst, dass es von ihr keine so gute Idee mit dem Umzug war. Zudem wohnte sie gerne in der Stadt und war sich der Vorzüge durchaus bewusst. Der Kaufmann in der Nähe, der Bäcker um die Ecke, all das war auf dem Land nicht gegeben. Sie hatte es nicht vergessen, wie es war. Um Einkäufe zu tätigen, mussten sie mit dem Pferdewagen in die nächste größere Ortschaft fahren. Oft wurde dafür ein ganzer Tag gebraucht. Bei ihrem letzten Besuch in Malapane musste sie feststellen, dass sich da in dieser Hinsicht noch nichts verändert hat. In Chorzów hatte sie es dagegen sicher besser.

Sie zuckte aus ihren Gedanken gerissen zusammen, denn Karl hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen. So heftig, dass die Tassen im Küchenbuffet klirrten.

„Verfluchte Grenze, hätte sie nicht ein kleines Stück weiter verlaufen können! Aber nein, genau zwischen Beuten und Chorzów. Beuten Deutsch, Chorzów/ Königshütte Polen.“

„Nicht fluchen, Karl, das tust du sonst auch nicht.“ Auguste war erschrocken über den ungewohnten Ausbruch ihres Mannes. Karl schaute aus dem Fenster, er schien sie nicht zu hören.

„Die ganze Volksabstimmung war ein Betrug“, spricht er jetzt ruhiger, mehr zu sich selbst. „Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.“ Karl drehte sich vom Fenster weg und legte Auguste sanft die Hand auf die Schulter. Für sie, eine eher ungewohnte Zärtlichkeit.

„Wir bleiben Gustel“, sagte er leise. „Die Polen bleiben nicht lange an der Macht, sie können nicht regieren.“

Kapitel 2

Herta atmete auf, endlich wurde die Milchflasche mit der Ziegenmilch, mit der sie Ruth fütterte, durch feste Nahrung ersetzt. Jedoch die Hoffnung jetzt mehr Freizeit zu haben wurde schnell zunichtegemacht. Ihre kleine Schwester genoss jeden Bissen und Herta kam es wie eine Ewigkeit vor, bis der Teller leer gegessen war.

„Ruth schluck endlich!“ Herta verdrehte voller Ungeduld die Augen. Das war noch schlimmer als die Flasche geben und das Schaukeln. Obwohl sie das auch an den Rand ihrer Geduld brachte, denn Ruth machte sofort die Augen auf, sobald sich die Wiege nicht mehr bewegte. Stirnrunzelnd dachte Herta über eine Lösung nach und die ließ auch nicht lang auf sich warten. Sie würde die Portion, die für Ruth bestimmt war, mitessen. Hertas Gesicht hellte sich auf, so müsste es gehen. Ein Löffel für Ruth und ein Löffel für die liebe Herta. Sie dürfte sich nur nicht dabei erwischen lassen. Es war noch nicht lange her, da hatten ihre Geschwister und sie erlebt zu welchen harten Erziehungsmaßnahmen, ihre Mutter imstande war. Die Erinnerung war noch ganz frisch.

Elisabeth, ihre große Schwester, von allen nur Else gerufen war ein gutmütiges Mädchen. Ohne über ihre Tat viel nachzudenken, nahm sie ab und zu ein paar Groschen aus Mutters Portemonnaie, das im Küchenbuffet aufbewahrt wurde. Else kaufte dafür Naschzeug und wurde von ihren Freundinnen bewundert und umgarnt, ohne zu ahnen, wie schwer sie dafür wird büßen müssen. Als ihre Mutter dahinterkam, war sie außer sich, ihre Tochter war eine Diebin.

Herta spürte noch heute das Entsetzen, das sie und ihre Geschwister erfasste. Sie standen alle in der Küche und Else mit gesenktem Kopf in der Mitte als die Mutter verkündete, dass Else in ein Heim für schwer erziehbare Mädchen kommt. Else weinte bitterlich und schwor es nie wieder zu tun, es nützte ihr nichts. Ihre Mutter blieb hart, strafend sah sie auf den gesenkten Kopf ihrer Tochter nieder.

„Ich habe bei deiner Erziehung versagt, du hast deine eigene Mutter bestohlen. Gibt es überhaupt etwas Schlimmeres?“

Es war still in der Küche, wie zu Salzsäulen erstarrt, wagte kaum einer zu atmen.

„Die Nonnen werden dich mit Gottes Hilfe auf den rechten Weg zurückführen. Ich werde darum beten.“ Es war ungewohnt ohne Else und obwohl sie oft rechthaberisch war und gerne kommandierte, wurde sie von allen Geschwistern gleichermaßen vermisst, sie konnte doch so gut zuhören und wunderbar trösten. Eines Tages kam ein Brief, der mit großen Lettern den Absender des Erziehungsheims trug. Herta erinnerte sich noch gut, wie die Hand ihrer Mutter zitterte, als sie den Brief nach dem Lesen in die Schublade legte.

Neugierig geworden, als die Eltern glaubten allein zu sein, hatte sie hinter der Tür gestanden und gelauscht.

„Karl, wir müssen unsere Else zurückholen“, hatte die Mutter geflüstert. „Die Nonnen schreiben, dass sie sich große Sorgen machen. Else ist vor Heimweh sehr krank und die Nonnen befürchten, dass Else die Zeit der Erziehung nicht überlebt. “

Herta hörte, dass die Stimme ihrer Mutter dabei zitterte.

„Karl, ich bin zu streng gewesen, die Nonnen schreiben zudem, dass Else ein gutes Mädchen ist und überhaupt nicht dorthin gehört.“

Nicht lange danach kam Else wieder, sie war dünn geworden und das Gesicht blass, aber ihre von dunklen Ringen umschatteten Augen glänzten glücklich, als sie voller Freude von den überraschten Geschwistern umarmt wurde. Sie war wieder zu Hause.

Herta hatte niemanden von dem, was sie hinter der Tür gehört hatte erzählt. Nicht auszudenken was für eine Strafe sie erwarten würde, sollte die Mutter erfahren, dass sie gelauscht hat. Sie musste bei allem was sie tat, vorsichtig und schlau sein. Das Füttern von Ruth ging mit der neuen Methode schneller und stolz zeigte Herta der Mutter den leeren Teller. Sie wollte mit aller Macht ihre Mutter mild stimmen und fügsam befolgte sie alle ihre aufgetragenen Aufgaben. Leicht fiel es ihr nicht, aber sie hatte ein Ziel vor den Augen. Demnächst sollte ein Märchen in der Turnhalle der Schule aufgeführt werden und sie wollte unbedingt dabei sein. Eigentlich hatte ihre Mutter für solchen Firlefanz, wie sie es nannte, nichts übrig. Sie war auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo gehorsam, harte Arbeit und Genügsamkeit den Alltag bestimmten.

Herta bettelte und schmeichelte und bekam am Ende die Erlaubnis hinzugehen, aber nur, wenn Ruth gefüttert und eingeschlafen ist. Das war die Bedingung

„Aber Mama, dann ist es zu spät, dann hat es schon angefangen.“ Herta hatte Tränen in den Augen. „Kann es heute nicht jemand anderes machen, bitte nur das eine Mal, ich möchte so gerne hin.“

Die Mutter blieb hart! „Entweder so oder gar nicht.“ Sie fasste Herta an die Schultern und schaute sie streng an.

„Du hast deine Pflichten Herta, wie alle anderen auch, zuerst die Arbeit dann das Vergnügen. Umso eher du es lernst, umso besser.“

Es blieb der elfjährigen Herta nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Kam es Herta nur so vor oder kaute und schluckte Ruth an diesem Tag noch langsamer als sonst. Jetzt musste sie ihre Schwester nur noch in den Schlaf wiegen, dann war sie fertig. Sie sah die Kinder am Fenster vorbeigehen. Alle hatten sich hübsch gemacht, die Mädchen hatten Schleifen in die Zöpfe geflochten. Ihre Freundin Magda klopfte ans Fenster.

„Herta, kommst du, es fängt bald an.“

„Ich kann nicht, Ruth schläft noch nicht.“

„Du verpasst den Anfang“, rief Magda noch und beeilte sich die anderen Kinder einzuholen. Als Ruth endlich eingeschlafen war, rannte Herta so schnell sie konnte zur Schule, in der die Theatervorstellung stattfand. Vorher umziehen oder sich hübsch machen, daran war nicht zu denken. Natürlich kam sie zu spät. Die Turnhalle, in der die Vorführung stattfand, war proppenvoll. Herta ganz außer Atem zwängte sich rein. Aber so lang sie auch den Hals reckte, sie konnte nichts von der Bühne sehen. Die Kinder vor ihr machten alle lange Hälse. Zu allem Ärger waren einige auch noch besonders groß. Tränen schossen ihr in die Augen. Zu spät, alles umsonst. Enttäuscht drehte sie sich um und wollte schon gehen. Da erblickte sie den großen Spiegel an der Wand, gegenüber der Bühne. Er war so hoch angebracht, dass sie das Geschehen zwar spiegelverkehrt, aber doch deutlich sehen konnte. Sie hatte es doch noch geschafft.

Kapitel 3

Als Herta eine Ausbildung zur Schneiderin machte, wurde Ruth in einer Spielschule angemeldet. Natürlich in eine Evangelische. Etwas anderes kam für Auguste Kubitza nicht infrage, dort würde Ruth ganz in ihrem Sinn, von Nonnen beaufsichtigt und erzogen.

Bei der Schulwahl war es schwieriger. Auguste und Karl Kubitza haben nie daran gezweifelt Ruth, genau wie zuvor ihre Geschwister, auf eine deutsche Schule anzumelden. Es gab auch polnische Schulen, die wurden aber strikt von Auguste abgelehnt wie auch alles andere, was polnisch war.

Selbst wenn es um den Kauf neuer Schuhe ging, fuhr sie mit den Kindern über die Grenze nach Beuten, obwohl es sie den ganzen Tag kostete. Immer noch beklagte sie, dass Chorzów nicht auf der deutschen Seite lag, wo alles besser und schöner war.

Bis zu Grenze war es nicht weit, nur ein paar Haltestellen mit der Straßenbahn. Aber seit der neuen Grenzregelung war das Straßenbahnnetz unterbrochen.

„Wir müssen jetzt aussteigen und zu Fuß über die Grenze gehen, dann steigen wir in eine deutsche Straßenbahn“, erklärte Auguste ihren aufgeregten Kindern. „Bleibt alle dicht zusammen damit keiner verloren geht.“ Wie immer war das Gedränge groß, Beuten war ein beliebtes Einkaufszentrum.

Auf dem Rückweg atmeten alle Kinder auf, endlich neue Schuhe. Die Alten, die schon mächtig drückten, waren in der Tonne gelandet, die der Besitzer aus Erfahrung extra dafür vor seinem Schuhgeschäft bereitgestellt hatte. Jetzt musste nur noch dafür gesorgt werden, dass die Schuhe getragen aussahen. „Scharren, immer hin und her“, befahl die Mutter.

„Nicht das ich am Ende noch Zollgebühren bezahlen muss.“

So schlurften alle vergnügt bis zu der Straßenbahnhaltestelle, die Blicke auf das Netz mit den Apfelsinnen gerichtet, die ihre Mutter gekauft hatte und die es in Chorzów nicht zu kaufen gab. Zufrieden und in ihrer Meinung bestätigt, lehnte sich Auguste auf dem Sitzplatz zurück, es ist doch in Deutschland alles besser und schöner.

Umso härter traf es sie, als Karl ihr mitteilte, dass Ruth auf eine polnische Schule angemeldet werden muss. Zusammengesunken, auf dem Küchenstuhl sitzend, hörte sie sich die Erklärung ihres Mannes an.

Ihr inneres war in Aufruhr, sie hat die Polen nie leiden können, aber jetzt spürt sie, wie sich der Hass in ihr breit machte. Die Polen haben sich Chorzów einverleibt und sind schuld daran, dass sie nicht in Deutschland lebt und jetzt soll auch noch ihre Tochter auf eine polnische Schule gehen. Wo möglich machen sie aus meiner Ruth noch eine Polin, dachte sie bitter.

Nur schwer kann Auguste den Erklärungen ihres Mannes folgen. Die Kohlengrube, in der ihr Mann arbeitet, wird zwar von deutschem Personal geleitet, steht aber unter polnische Führung. Sein Arbeitsplatz könnte in Gefahr sein sollte er seine Tochter auf eine deutsche Schule anmelden.

„Mir wurde zu verstehen gegeben, dass ich mir das gut überlegen soll“, sagte Karl.

Auguste schaute zu ihrem Mann auf, aber Karl hatte sich abgewandt und mit auf den Rücken verschränkten Armen blickte er durch das Fenster in den Hof.

„Meine Loyalität dem polnischen Staat gegenüber würde dann angezweifelt werden“ .Mit einem bitteren Auflachen dreht sich Karl wieder um, „außerdem soll ich in meiner Position ein Vorbild sein“.

Schweren Herzens wird Ruth auf eine polnische Schule angemeldet und es ist nur ein schwacher Trost, dass dort auch Deutsch unterrichtet wird.

Aber zuvor fand für alle Schulanfänger eine medizinische Voruntersuchung statt. Ruth war schrecklich aufgeregt. Im Untersuchungszimmer sagte die Krankenschwester, mit einer gewaltigen weißen Haube auf dem Kopf, sie müsste ihr Kleidchen ausziehen. Ruth stand da, nur mit einem Schlüpfer bekleidet und zitterte, denn es war nicht sehr warm in dem Raum. Sie wurde untersucht und gewogen, wobei der Arzt sie voller Mitleid ansah.

Danach wurde ihre Mutter von der Schwester hereingerufen.

„Das Kind ist völlig unterernährt“, sagt der Arzt vorwurfsvoll. Schweigen und langes Nachdenken! „Sie könnte nach der Schule zu uns nach Hause zum Mittagessen kommen“, schlägt er vor. „Meine Frau hat sicher nichts dagegen und bei Gutem Essen bekäme das Mädchen was auf die Rippen.“

Ruth strahlte! Zu dem Arzt nach Hause, zum Mittagessen, das wäre doch was. Er wohnte in einer Villa, das wusste sie, auch das sie ein Dienstmädchen haben. Alle würden sie Sie darum beneiden. Sie sah sich schon an einem weiß gedeckten Tisch sitzen und das Dienstmädchen servierte ihr das gute Essen. Doch der Traum war schnell zu Ende. Ihre Mutter stand stocksteif da.

„Danke Herr Doktor, aber uns geht es gut, wir haben genug zum Essen.“ Mit geradem Rücken und stolz erhobenem Kopf, ihre enttäuschte Tochter an der Hand, verließ Auguste Kubitza den Raum.

Diese Schande! Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so geschämt. Auguste konnte nicht glauben, dass der Arzt von ihr dachte, sie gehöre zu den Familien, die nicht genug zum Essen haben. Bei denen das Geld vorn und hinten nicht reicht. Sie war sauber und gut angezogen, dass nicht unbedingt von Reichtum, aber doch von einem guten Auskommen zeugte. Das hätte der Arzt erkennen müssen. Auch war sie ärgerlich auf Ruth, die sie in diese Situation gebracht hatte.

Von nun an würde der Teller leer gegessen und wenn es den ganzen Tag dauern sollte, nahm Auguste sich fest vor. Sie war aufgebracht und den ganzen Weg nach Hause, die verängstigte Ruth hinter sich herzerrend, konnte sie an nichts anderes denken.

Sicher, Chorzów war eine Industriestadt und der größte Teil der Bevölkerung arbeitete auf der Kohlengrube. Es sind ordentliche, anständige und sparsame Familien, sagte sie zu sich selbst. Aber es gab auch solche, bei denen die Frau des Bergmanns, mit dem kleinsten Kind auf dem Arm am Zahltag am Tor stand. Sie wartete auf ihren Mann und seinen Lohn, bevor er damit in die Kneipe ging. Hatte etwa der Schularzt dieses Bild vor Augen, als er ihr anbot Ruth zum Mittagessen zu ihm zu schicken? Dachte er sogar sie ist eine von denen, die nicht wussten, wie sie die vielen Mäuler sattbekommen sollten?

Auguste seufzte tief.

Der Kohleabbau unter Tage war eine schwere Arbeit und die Männer spülten gerne den Kohlestaub mit Wodka runter. Aber oft zu viel, dachte Auguste, sie verabscheute den Alkohol, der schon so viele Familien ins Unglück gestürzt hat. Auch fehlte ihr für diese Bergleute das Verständnis, obwohl sie wie alle anderen von der schweren Arbeit im Untertagebau wusste.

Kapitel 4

Es geht mit dem Fahrkorb runter, ab in die Dunkelheit, für mehrere Stunden werden sie kein Tageslicht erblicken. Dann weiter mit der Grubenbahn abwärts bis zu der Kohleader die in 650 Meter oder noch tiefer liegt.

Die Luft ist voller Kohlenstaub.

Viele Stunden in der Dunkelheit und die mit Karbidlampen beleuchteten Wege sind manchmal nur in gebückter Haltung zu begehen. Es ist heiß da unten! Die Männer arbeiten mit freiem Oberkörper. In Strömen fließt der Schweiß und der feine dunkle Staub dringt überall ein. In jede Falte, jede Öffnung, unter die Lider und durch Einatmung in Mund und Rachen.

Dunkle Gestalten, nur die weißen Augäpfel leuchten gespenstisch in den schwarzen Gesichtern.

Atemschutzmasken gibt es nicht.

Dafür aber nach Ende der Schicht ein Liter Milch.

Es wird mit Schaufel und Hacke gearbeitet. Die rausgebrochene Steinkohle dann mit der Schaufel auf das Förderband geladen. Die Arbeit ist schwer und gefährlich.

Sie verlangt Mut und ist sehr anstrengend.

Durch das Schlagen mit den Spitzhacken können Funken sprühen, die durch austretende gefährliche Methangase oftmals zu gefürchteten Explosionen führen.

Nach der Arbeit, wenn die Männer nach vielen Stunden wieder nach oben mit dem Mannschaftskorb gefahren wurden, freuten sie sich auf die Duschen. Sie versuchten so gut es ging, mit Kernseife und großen groben Bürsten den schwarzen Staub vom Körper zu waschen.

Der Kohlestaub, der in der Kehle festklebte, konnte nur mit Wodka heruntergespült werden. Nicht mit der Milch, die wurde für die Kinder mit nach Hause genommen. Ist doch eher etwas für sie und nicht für ein Górnik / Bergmann.

So war das Geld oft knapp und reichte nicht immer, um die Familie satt zu bekommen.

Kapitel 5

Auguste bog von der Katowickastraße in die Damrotastraße ein, in der sie wohnte. Sie führte steil auf den Berg Redyn, der mit seinen 321 Metern über Meereshöhe, die größte Erhebung in Chorzów war.

Ihr Ärger hatte sich etwas gelegt und sie musste sich eingestehen, dass sie Gott dafür danken sollte, weil es ihr so gut ging. Auguste sah die Straße hoch, die an der rechten Seite mit einstöckigen Häusern gesäumt war und das größte in der Mitte, gehörte Karl und ihr. Milder gestimmt erlaubte sie Ruth, zu den weiter oben spielenden Kindern hinzulaufen.

„Aber pass auf, du hast noch die guten Sachen an!“ Ruth nickte kurz und rannte los, froh wegzukommen. Auguste schüttelte missbilligend den Kopf und erreichte über zwei Steinstufen den Eingang. Fest drückte sie die schwere Holztür auf und betrat das dunkle kühle Treppenhaus, es roch nach Bohnerwachs und aus Richtung der offenen Treppe, die in das Kellergewölbe führte, leicht modrig. Aber es ist sauber, stellte sie zufrieden fest, nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die vier Wohnungen im ersten Stock waren seit Jahren an dieselben Familien vermietet wie auch die zwei, in dem Parterre. Die andere Hälfte der unteren Etage bewohnten Karl und sie als Besitzer des Hauses selbst. Alle Mieter wussten, dass sie Schludern nicht dulden würde und richteten sich danach. Am Ende des Ganges, gleich neben der Tür zu ihrer Wohnung war der Wasserkran mit dem Ausguss darunter. Das Gleiche befand sich auch im ersten Stock. Hier konnten die Mieter Wasser holen und Schmutzwasser in den Ausguss schütten, das durch ein Rohr nach draußen in den Rinnstein floss.

Genau wie alle anderen kleinen Straßen in der Umgebung, hatte auch die Damrota keine Kanalisation. In dieser Gegend hatten es nur die Häuser in der langen Reihe der Katowickastraße Kanalisation und besaßen sogar ein Klo, mit Wasserspülung, in jedem Zwischenstockwerk.

Auguste machte die Tür zu ihrer Wohnung auf und betrat die geräumige Wohnküche, in der sich das Leben abspielte. Die gute Stube daneben mit den schönen Möbeln, die sie in die Ehe mitgebracht hatte, musste geschont werden und wurde nur zu besonderen Anlässen benutzt. Sie trat an das Fenster und sah in den Hof hinaus. Hinten in der Ecke waren die Ställe mit Kaninchen und gleich daneben die Plumpsklos. Ein Klo für alle Mieter und ein Klo für ihre Familie. Innen war es mit knallig roter, hochglänzender Farbe gestrichen und außen mit einem Vorhängeschloss gesichert. Wer aufs Klo musste, hatte einen langen Weg und es bedeutete, einmal um das Haus rum und dann über den Hof gehen. Nachts wurde dann doch lieber von jedem der Nachttopf genommen, aber daran hatten sich alle gewöhnt. „Auf der Damrota wird es nie eine Kanalisation geben“, meinten die Bewohner, „weil nicht weit unter der Straße sich die Schächte für den Kohleabbau befinden.“

Kinder, die das hörten, legten sich fasziniert und ängstlich zugleich auf den Boden, pressten ein Ohr fest auf die Erde, um vielleicht das Schlagen der Spitzhacken zu hören. Angst, weil unter ihnen alles hohl war, hatten die Bewohner auf der Damrotastraße nicht. Nachdem ein Wohnhaus gegenüber nach einem Grubenunglück eingestürzt ist, wurden die übrigen Häuser der Straße, mit dicken großen Klammern an den Wänden verfestigt. Die Unglücksstelle wurde mit einem Maschendrahtzaun gesichert und bald wuchsen dort, wo früher ein Haus stand, wilde Blumen und Gras.

Gedankenverloren sah Auguste in den Hof, in Richtung der Vorratsschuppen, der Hlewiki wie sie auf schlesisch genannt wurden, ohne sie richtig zu sehen. Sie war froh allein in der Wohnung zu sein. Das Angebot des Arztes hatte in ihr das tief ins Innere verdrängte an die Oberfläche gebracht.

Auch ihr Mann Karl arbeitete auf der Kohlengrube, jedoch sein Arbeitsplatz war im Büro. Er war Rechnungsprüfer und zuständig für die Einteilung der Grubenarbeiter. Von ihm hing es ab ob der Arbeiter zur Früh-, Spät- oder Nachtschicht musste. Karl Kubitza wurde von den Arbeitern unterwürfig und ehrerbietig behandelt, dass es aber nicht reichte, um eine bessere Schicht zu bekommen war jedem bekannt. Um eine Vergünstigung oder eine schnellere Bearbeitung eines Antrages zu erwirken, sollte man immer etwas mitnehmen.

„Mit einer leeren Hand brauchst du gar nicht erst hingehen, den Weg kannst du dir sparen“, lautete der gut gemeinte Rat. So stand öfter eine, in eine Gazeta eingepackte, Wodkaflasche unter dem Schreibtisch von Karl Kubitza. Auguste hatte sich nie gefragt, wie ihr Mann mit der Situation unter einer polnischen Führung arbeiten zu müssen, zurechtkam. Ihr Alltag drehte sich um die Hausordnung, Haustiere und den geliebten Garten, sie war stolz darauf die Familie selbst versorgen zu können. Aber jetzt am Fenster stehend, musste sie sich eingestehen, dass sie viel zu lange die Augen verschlossen hatte. Vielleicht wollte sie es auch nicht sehen, dass Karl die mitgebrachten Wodkaflaschen nicht mehr wie früher in den Keller brachte. Er ist ein anderer geworden, dachte sie und zum wiederholten Mal stieg eine Wut auf den Alkohol, das Teufelszeug in ihr hoch. Ihr Mann, früher eine stolze, aufrechte Erscheinung, saß jetzt am liebsten nach der Arbeit antriebslos am Küchenfenster und sah im Hof den Hühnern zu. Karl darauf anzusprechen würde sie nicht wagen. Mit einem Seufzer drehte Auguste sich vom Fenster weg. Else war verlobt mit einem kräftig gebauten und selbstbewussten Mann.

Beide wollten demnächst heiraten und in eine Wohnung in der oberen Etage ziehen. Elses Mann kann sich dann nützlich machen, dachte Auguste praktisch und sparsam wie sie war. Ohne dass es etwas kostet, setzte sie in Gedanken schmunzelnd hinzu.

Kapitel 6

Ruth ging gerne in die Schule. Sie war kontaktfreudig und alle mochten das hilfsbereite Mädchen, das immer auf der Suche nach Zuneigung war. Sie hatte viele Freundinnen, doch die liebste und beste Freundin war Maria, von allen nur Mimi gerufen. Von Anfang an wussten beide, dass sie einander vertrauen und sich aufeinander verlassen können.

Mimi hatte noch drei Schwestern. Bei jedem Besuch, den Ruth bei ihrer Freundin zu Hause machte, war sie überwältigt von der Liebe, die in diesem Haus herrschte.

Allein die Namen der Mädchen, Lizie, Muki, Mimi und Magda. Es wurde dort viel gelacht, geschmust und Küsschen verteilt. Die Mutter der Mädchen, von allen nur Omele genannt, war ein so zartes Wesen, das sich so manch einer fragte, wie es ihr gelungen war, vier Kinder auf die Welt zu bringen. Große kräftige Mädchen die ihre Mutter wie ein rohes Ei behandelten.

„Mimi, bei euch zu Hause gibt es so viel Liebe, kannst du mir nicht etwas davon abgeben?“, hatte Ruth halb im Scherz ihre Freundin gefragt.

Wie gerne würde sie davon etwas mit nach Hause nehmen und wenn es nur ein ganz kleines bisschen wäre. In ihrem Elternhaus lebten alle harmonisch miteinander, Zank und Missgunst gab es nicht. Die Hilfsbereitschaft untereinander und der Zusammenhalt waren groß. Doch Zärtlichkeiten und Umarmungen gehörten nicht dazu.

Nach jedem Besuch bei Mimi, sehnte sich Ruth verstärkt nach einer Hand, die ihr liebevoll über den Kopf streichelte, nach Armen, die sie fest an sich drückten.

Aber am nächsten Tag sah sie auf dem Schulhof die Waisenkinder, die in einer kleinen Gruppe dicht beieinanderstanden. Wie schlimm muss das erst für sie sein, ohne Mutter und Vater dachte sie voller Mitgefühl. Zudem war deutlich zu sehen, dass sie immer Hunger hatten. Etwas abseits von den anderen Kindern stehend, starten sie verstohlen auf deren Pausenbrot. Ruth taten sie unsagbar leid und obwohl auch sie Hunger hatte, konnte sie nicht anders. Etwas verdeckt, sodass es nicht jeder gleich merkte, legte sie ihr Pausenbrot in die ausgestreckte Hand. Es wurde schnell verschlungen und ein dankbares Lächeln war die Belohnung. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, es war schön Gutes zu tun, etwas zu geben und jemand Freude zu machen.

Aber manchmal schaute auch Ruth etwas neidisch auf das Brot einiger Mitschülerinnen. Es war hell, fast sah es wie Kuchen aus, nicht so dunkel wie ihres und es schmeckte auch nicht so sauer. Ruth konnte sich noch gut an den Geschmack erinnern, als eins der Mädchen das Pausenbrot mit ihr getauscht hat, es zerging auf der Zunge. Sie hatte jeden Bissen ganz lange im Mund behalten, bevor sie es runterschluckte. Mochte ihre Mutter immer sagen: „Das Brot ist gesund und es verdirbt nicht so schnell“, Ruth mochte es trotzdem nicht.

Kapitel 7

Trotzt aller Bemühung und zum Ärger ihrer Mutter wurde Ruth nicht dicker. Auguste verstand das nicht. Alle ihre Kinder sahen gut genährt aus. Die Jungs, Gerhard, Herbert und der zwei Jahre nach Ruth geborene Günter, waren schlank, aber kräftig. Auch die Mädchen, Else, Herta und Erna waren nicht dünn. Nur Ruth!

„Das liegt daran, dass Ruth so wild ist und immer rennt“, erklärte Else, die seit ihrer Heirat mit Karl in eine Wohnung im ersten Stock gezogen ist.

„Es geht ihr alles viel zu langsam, wenn sie bei mir oben ist, nimmt sie nicht die Treppe, sondern rutscht auf dem Treppengeländer runter.“

„Das habe ich streng verboten.“ Auguste ist aufgebracht. „Denk doch an die kleine Ursula, die hat sich dabei den Vorderzahn ausgeschlagen.“

Else zuckt mit den Schultern, sie hatte lange mit sich gekämpft, ob sie der Mutter von ihrer Beobachtung erzählen sollte. Sie ist ein gutmütiger Mensch und sie liebt ihre kleine Schwester. Jedoch Karl, ihr Mann hatte gemeint, es wäre zu Ruths bestem.

„Das ist noch nicht alles, oder?“, fragte ihre Mutter scharf. Der nicht entgangen ist, wie es in Elses Gesicht arbeitete. „Setz dich und erzähle“, mit einer auffordernden Handbewegung zeigte Auguste auf den Küchenstuhl und nahm selbst auch Platz. Mit einem tiefen Seufzer setzte sich Else der Mutter gegenüber und überlegt, wie sie anfangen soll.

Am Ende der steilen Damrotastraße, befand sich eine große ebene Stelle, von allen nur die Górka genannt. Es war, als wenn der Berg hier eine Pause eingelegt hat, bevor er sich weiter steil nach oben bewegte. Der Platz war von allen Kindern der Umgebung zum Spielplatz auserkoren. Hier konnten sie sich frei bewegen und unbeobachtet spielen. Die Häuser waren weit genug entfernt, als dass ihr Lärm gestört hätte.

Auf der einen Seite war ein weites Feld der Gärtnerei Sichmar, auf der anderen eine hohe aus roten Steinen errichtete Mauer. Nur die mächtigen, dicht ineinander verschlungen Baumkronen alter Bäume ragten darüber. Kein Laut war von dort zu hören und auch das Haus war nicht zu sehen, aber allen war bekannt, dass dort die Kinder hinkommen, die keine Eltern haben.

Es war das Waisenhaus.

Aber beim Spielen wurde es schnell vergessen, nur gelegentlich huschte ein scheuer Blick in die Richtung. Die Kinder liebten den Platz, hier konnte keine Fensterscheibe eingeschlagen werden und keine Frau riss das Fenster auf und schrie, sie sollen leise sein, weil ihr Mann zur Nachtschicht gehen muss. Allen Leuten von der Damrotastraße war es bekannt, dass die Kinder sich dort gerne trafen.

Die Mutter weiß das auch, dachte Else und nachdem sie tief Luft geholt hatte, begann sie zu berichten.

„Ruth spielt mit den Kindern auf der Górka Völkerball. Sie ist die Wildeste von allen, sie veranstalten Rennen“, berichtet Else ihrer Mutter. „Ich habe es zufällig gesehen, als ich zu Sichmar der Gärtnerei gegangen bin und die Abkürzung über die Górka genommen habe.“ Nach einem tiefen Atemzug spricht Else weiter. „Ruth wird von allen Kindern dazu noch angefeuert, Nurmi, Nurmi rufen sie.“

„Lieber Gott.“ Auguste hatte von alldem nichts gewusst. „Wer ist den Nurmi?“

„Ich wusste es auch nicht“, erwidert Else. „Doch Karl wusste es, er sagt, Nurmi ist ein Finne und zurzeit der schnellste olympische Läufer aller Zeiten“. Else sah man den Stolz an, einen so belesenen Mann zu haben. Auguste sah das anders.

„Das rufen die Kinder?“, sie war wütend. „Von mir wird sie was anderes zu hören und spüren bekommen“, sie sah dabei zu der Wand hin, wo der Teppichklopfer hing. „Ich stopfe sie mit den guten Sachen voll, damit sie endlich dicker wird und sie rennt sich wieder alles ab.“ Auguste stand abrupt auf und ging zu Tür und schnappte, noch beim Hinausgehen ihren Korb, dabei murmelte sie mehr zu sich selbst.

„Ich werde dann wieder zur Schule bestellt und muss mich schämen. Na, warte Ruth, komm du erst nach Hause.“ Sie verließ das Haus und ging die Straße runter zu ihrem Garten. Beim Unkraut zupfen konnte sie sich am besten beruhigen und auf andere Gedanken kommen.

Ruth, wie sehr unterschied sie sich von ihren Geschwistern, nicht nur durch ihre zarte Figur. Auguste schüttelt verständnislos mit dem Kopf und auf was für Ideen sie kommt. Erst vor kurzem kam sie, von einem Besuch bei einer Schulfreundin nach Hause und wollte ein Klavier haben. Für Auguste musste alles einem Zweck dienen. Garten, um Gemüse zu ernten, Tiere, um Fleisch zu haben, Katzen, um das Haus frei von Mäusen zu halten. Etwas zum Vergnügen zu haben war undenkbar. Fast schon eine Sünde.

„Ein Klavier, wozu soll das gut sein?“

„Bitte Mama“, bettelte Ruth. „Es war so schön, ich konnte sogar nach kurzer Zeit ein kleines Lied mit einem Finger spielen.“ Mit großen Augen schaute Ruth ihre Mutter an. „Die Mutter von Irka sagte, ich sei sehr musikalisch.“ Ruth sah in das Gesicht ihrer Mutter und wusste, dass es nichts wird mit dem Klavier. „Das sagt mein Lehrer auch, dass ich musikalisch bin“, fügte sie noch hinzu.

„Für ein Klavier haben wir kein Platz“, erwiderte die Mutter bestimmt. Damit war das Thema erledigt.

„Auf was für Gedanken du kommst“, sagte sie noch kopfschüttelnd.

Aber zum nächsten Geburtstag bekam Ruth eine Mundharmonika, eine kleine “Piccolo” und die hatte sie immer dabei. Hörte sie ein Lied, das ihr gefiel, probierte sie es so lange, bis sie es spielen konnte. Auf dem Weg zurück aus dem Garten nach Hause, ließ die Erinnerung daran und der Bericht von Else in Auguste den Vorsatz wachsen, strenger mit Ruth zu sein. Das hatte jedoch zur Folge, dass genau das geschah, was Auguste vermeiden wollte.

Beim Turnen, als Ruth mehrmals schmerzhaft zusammenzuckte, bat die Lehrerin sie in den Waschraum zu kommen. Entsetzt sah sie die blauen Flecken auf dem mageren Rücken. Alles deutete auf eine Bestrafung hin. Nachdem sich Ruth weigerte, zu sagen vorher es kam, wurde ihre Mutter in die Schule bestellt. Vergeblich versuchte Auguste zu erklären, Ruth sei ein lebhaftes und wildes Kind.

„Sie klettert auf Bäume und tobt mit anderen Kindern nur daher können solche Flecken kommen.“

Die Lehrerin blickte zuerst zu Ruth die mit gesenktem Kopf daneben stand, dann sah sie Auguste an. Stumm, jedoch ihre Augen sagten das sie nichts von all dem glaubte.

Beim zweiten Mal gab der Schuldirektor Auguste persönlich zu verstehen, dass sie mit Folgen zu rechnen hätte, sollte sich so etwas noch einmal wiederholen. Mit zu Fäusten geballten Händen ging Auguste den Weg von der Schule nach Hause. Ruth, immer wieder stellte sie erneut fest, wie andersgeartet dieses Kind war. Bei keinem ihrer Kinder musste sie sich über die Art der Bestrafung Gedanken machen, da gab es den Klopfer und gut war es. Aber bei Ruth?

Wie soll ich sie zu einem anständigen Menschen erziehen. Kopfschütteln setzte Auguste ihren Weg fort, eine Antwort aber blieb sie sich schuldig.

Kapitel 8

Es war ruhig geworden in der Wohnung, die älteren Geschwister haben geheiratet und das Elternhaus verlassen. Else war die einzige die nach der Heirat mit Karl, eine eigene Wohnung im ersten Stock des Elternhauses bezogen hatte.

Ruth protestierte, „Günter ist auch noch da.“

„Der zählt nicht, er ist noch viel zu jung“, winkte Herta ab.

„Aber er wohnt auch noch hier.“ Ruth tat ihr Bruder leid, zwei Jahre nach ihr auf die Welt gekommen, fand sich keiner der nur für ihn zuständig war. So wurde er von dem versorgt, der gerade dafür Zeit fand. Das hatte zur Folge, dass er zu einem ruhigen Jungen heranwuchs, der oft übersehen wurde und der immer versuchte es jedem recht zu machen.

Herta setzte sich an den Küchentisch, gedankenverloren fuhr ihre Hand glättend über die Tischdecke.

„Else hat es gut, Karl bekam Arbeit in der Eisenhütte und mein Erich musste die Stadt verlassen.“

Ruth sah ihre Schwester mitfühlend an, „er kommt bestimmt wieder“, versuchte sie zu trösten.

Erich ist wie so viele junge Männer nach Deutschland gegangen, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden.

Ruth setzte sich zu Herta hin, „sei nicht traurig, denke nur daran, was er dir versprochen hat“, Ruth fasste nach Hertas Hand.

„Ich komme wieder und dann heiraten wir.“ „Das hat er doch gesagt, nicht wahr? So hast du es mir erzählt.“

Herta die merkte, dass sie zu viel von ihren Gefühlen preisgegeben hatte, zuckte mit den Schultern.

„Wer weiß, vielleicht findet Erich in Deutschland eine andere und kommt nicht wieder.“ Herta stand auf, „egal, ich bin hier und das Leben geht weiter.“ Ruth sprang von ihrem Stuhl hoch und griff nach Hertas Arm. „Wie kann dir das so gleichgültig sein, du liebst ihn doch.“

Herta machte sich frei und schaute ihre kleine Schwester an, bei der sie jahrelang die Mutterrolle übernommen hatte. Wie zart sie ist, dachte sie, alles an ihr signalisiert Hilfsbedürftigkeit und weckt Beschützerinstinkte.

„Ruth, du bist zu jung und zu sensibel, um es zu verstehen.“ Schnell ging Herta zur Tür hinaus, bevor Ruth sah, dass es ihr doch näher ging, als sie sich selbst eingestehen wollte.

Ruth blieb fassungslos stehen, wie konnte Herta nur so hart und gefühllos sein. Für Ruth stand es fest, sie selbst würde auf den Mann, den sie liebt, warten und wenn es sein müsste auch um ihn kämpfen.

Jahre später sollte Herta, verheiratet und mit ihrer kleinen Tochter auf dem Arm an der Tür Erich gegenüberstehen. Er war wie versprochen zurückgekommen. Blass geworden schaute sie ihn wie ein Geist an. Da stand Erich, ihre große Liebe. Sein glückliches Lächeln verschwand schlagartig, ungläubig sah er sie und das Kind auf ihren Arm an, dann verstand er. Herta hat nicht auf ihn gewartet. Er drehte sich um und ging. Herta hat ihn nie wiedergesehen.

Dann erkrankte Karl Kubitza und alles andere wurde unwichtig. Seit längerem fühlte er sich schlecht, vertrug das Essen nicht und krümmte sich vor Schmerzen. Hatte er sich den Magen verdorben, etwas Falsches gegessen?

Man versuchte es mit den üblichen Hausmitteln. Die Flasche mit Rizinusöl wurde aus dem Schrank geholt. Mund auf, ein bis zwei Esslöffel von dem Öl in den Mund und schlucken. Ein Stück trockenes Brot hinterher, damit nichts wieder hochkommt. Was auch immer das Unwohlsein verursachte, würde mit dem Rizinusöl herausgeputzt, hieß es. Es hat so manchen geholfen. Keiner ging sofort zum Arzt.

Es waren die Kosten und auch die Angst die Arbeit zu verlieren oder eine schlechtere Arbeit zu bekommen, weil ein anderer in der Zwischenzeit die Arbeit übernommen hat.

Bei Karl Kubitza hat es nicht geholfen, er kam in ein Krankenhaus. Dort wurde festgestellt, dass die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten war und eine Operation nicht mehr möglich war. Zu lange gewartet!

Zwei Wochen vor Ruths Konfirmation starb der Vater.

Es war eine traurige Konfirmation, keine fröhliche Feier wie bei den anderen Konfirmanden. Aus Gründen der Trauer wurde auf eine Feier, wie die anderen Kinder sie hatten, verzichtet.

Auguste Kubitza war Witwe.

Kapitel 9

Im Alltag war ihr Mann keine große Hilfe gewesen, seine Aufgaben beschränkten sich die Miteinnahmen und die Rechnungen zu überprüfen. Ansonsten saß er am liebsten, nach der Arbeit am Küchenfenster und beobachtete die Hühner auf dem Hof. Nun saß Auguste auf dem Stuhl, auf dem er sonst gesessen hatte und machte sich nachhinein Vorwürfe, dass sie nicht den Mut aufgebracht und Karl zur Rede gestellt hatte. Ihr war es nicht entgangen, dass ihr Mann sich immer öfter eine Flasche Wodka aus dem Keller holte. Es waren die Lapuwe, die Wodkaflaschen, die von den Bergleuten unter seinen Schreibtisch gestellt wurden, um ihn zugänglicher zu machen. Auguste spürte in sich schon wieder die heftige Abneigung gegen den Alkohol.

„Es ist ein Teufelszeug, es hat so manchen ins Verderben gestürzt“, sagte sie bekräftigend zu sich selbst.

Zugleich wurde ihr bewusst, dass sie die letzte Zeit ihre Augen verschlossen und ignoriert hatte, dass es auch in ihrer Familie ein Problem war. Auguste stand auf und straffte sich, das Leben muss weiter gehen. Sie seufzte tief! Karl hatte gut verdient, jetzt würde sie von ihrer Witwenrente und den Mieteinnahmen leben müssen. Wie gut, dass die Kinder alle erwachsen sind und einen Beruf haben. Bis auf Ruth stellte Auguste gedanklich gleich richtig. Ihre erste Aufgabe als Witwe würde die Beschaffung einer Lehrstelle für Ruth sein, die unbedingt Friseurin werden wollte. Schon seit längerem frisierte sie Herta und probierte alle modischen Frisuren an ihr aus. Herta, die sich schon immer gerne hübsch gekleidet hat und der Meinung war, die Frisur sei das wichtigste des guten Aussehens, ließ es gerne zu. Auch die eher häusliche Else hatte es gerne frisiert zu werden. Doch Ruth träumte davon elegante Damen zu frisieren. Eintauchen in eine andere, mondäne Welt. Raus aus der gutbürgerlichen Enge, wo alles in festgelegten Bahnen ablief. Auguste, die von alldem nichts wusste, war zufrieden mit dem Berufswunsch ihrer jüngsten Tochter, die immer träumerisch irgendwo anders war. Ihre Befürchtung, Ruth könnte etwas lernen wollen was aus dem Rahmen fiel und nicht in die Familie passte, ist nicht eingetreten. Ruth scheint endlich vernünftig geworden zu sein stellte sie zufrieden fest. Im Gedanken ging Auguste all die deutschen Friseurgeschäfte, die infrage kamen durch und wurde unangenehm überrascht, als Ruth davon nichts wissen wollte. Ihr Traum war es in dem elegantesten und teuersten Friseursalon in Chorzów, im Salon von Augustyn Hlisnik in die Lehre zu gehen.

Elegant und mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet. Ruth hatte es durch die Scheibe gesehen, sich die Nase dabei plattgedrückt und war wie geblendet. Ablagen aus weißen Marmor, Möbel aus dunklen Mahagoniholz, große mit Leder bezogene Frisierstühle, überall Spiegel und an den Decken funkelnde Kristalllüster. All das protzte mit Reichtum. Es war die erste Adresse für Frisierkunst. Undenkbar für die obere Schicht von Chorzów woanders als zu Hlisnik zu gehen. Für Ruth stand es fest, nur hier würde sie ihre Zukunftsträume verwirklichen können.

Der Familienrat half Ruth ihre Mutter davon zu überzeugen, dass eine Ausbildung in einem der bekanntesten Friseurgeschäfte der Umgebung, deren Besitzer sogar der Innungsmeister war, Ruth einen sehr guten Start ins Berufsleben ermöglichen werde.

Kapitel 10

Am 3. September 1935 begann Ruth eine Friseurlehre. Eine harte und schwere Zeit.

Der Spruch: “Lehrjahre sind keine Herrenjahre” wurde hier voll getroffen.

Viktoria Hlisnik hatte den Damensalon unter ihrer Leitung und sie regierte mit Strenge und Härte. Geschäft und Profit ging über alles. Die Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit, die sie den Kundinnen gegenüber ausstrahlte, täuschte über die Herzlosigkeit und die Ausbeutung ihren Angestellten hinweg. Am schlimmsten war es vor den Festen und Feiertagen. Da gab es keine Pausen und kein Feierabend.

„Wo Ruth nur bleibt?“ Auguste war ärgerlich.

„Sie ist ein junges Mädchen und kein Kind mehr, du musst nicht so streng mit ihr sein.“ Gerhard klopfte beruhigend seiner Mutter auf die Schulter.

„Sie wird schon kommen.“

Dann, als es später und später wurde, machte auch er sich Sorgen. Ruth war nicht das Mädchen, das ohne Bescheid zu geben spät nach Hause kam.

„Komm Mama wir gehen zu Hlisnik und fragen, wann Ruth dort weggegangen ist.“ Auguste war froh das Gerhard an dem Abend zu Besuch war und beide machten sich auf den Weg Ruth zu suchen.

Es war schon dunkel, ein kalter Wind wehte zwischen den Häusern und der Bürgersteig war glatt. Sie klammerte sich am Arm von Gerhard fest, aus Angst hinzufallen, und aus Angst Ruth könnte etwas zugestoßen sein. Bitte, bitte lieber Gott, lass es nicht zu, dass ihr etwas Böses geschehen ist.

Dem Kind, dass sie eigentlich nicht mehr bekommen wollte, das Kind, das so anders war als ihre Geschwister. Ein Kind, das so sensibel, verträumt und das so voller Liebe und Zärtlichkeit war. Es darf ihr nichts passiert sein.

Auguste dachte zurück.

Als Ruth ein kleines Mädchen war, hat der Himmel schon einmal eine schützende Hand über sie gehalten. Sie wurde zum Bäcker Pipa geschickt, um Brot zu holen. Es war nicht weit, die Straße runter und dann um die Ecke auf die Katowickastraße, das hatte sie schon öfter gemacht.

Die Katowickastraße war auf beiden Seiten von langen Häuserreihen flankiert, die nur durch hohe Hofeinfahrten unterbrochen waren. Breit genug, um Pferdefuhrwerke durchzulassen, die Kohle oder Kartoffeln in den Hinterhof lieferten.

Auf den Weg zum Bäcker wurde Ruth von einem Mann in eine dieser dunklen Hofeinfahrten gelockt.

„Du bist ein hübsches kleines Mädchen”, sagte er.

„Hebe dein Röckchen hoch, ich will mal schauen, ob du darunter auch so hübsch bist.“

Zitternd vor Angst gehorchte Ruth!

Der Mann wollte ihr gerade das Höschen runterziehen, da kam jemand die Treppe runter, er ließ sie los und Ruth rannte schnell nach Hause. Dort erzählte sie von dem Mann, wie er ausgesehen hat, konnte sie nicht sagen, nur das er groß war. Die Mutter dankte dem lieben Gott, dass er die kleine Ruth beschützt hat und am Sonntag in der Kirche legte sie mehr Geld als sonst in den Klingelbeutel.

Jetzt hoffte Auguste, dass der liebe Schutzengel Ruth wieder beschützen möge. Das Friseurgeschäft war noch hell erleuchtet als sie ankamen. Durch die großen Fenster konnten sie geschäftiges Treiben erkennen und auch Ruth, die sich hinten im Laden befand.

In Auguste Kubitza mischte sich das Gefühl der Erleichterung, Ärger und der Unsicherheit ab. Was hatte das zu bedeuten? Sie machte zaghaft die Tür auf und da kam auch Ruth schon angelaufen.

„Mama ich muss hierbleiben, es gibt so viel zu tun vor den Festtagen.”

„Aber das geht doch nicht, es ist schon so spät, du musst nach Hause zum Essen und Schlafen kommen. Morgen musst du wieder früh raus”, Auguste war völlig ratlos.

„Das Mädchen kann hier schlafen”, wie aus dem Nichts, stand die Chefin da.

„Im Lagerraum steht für Ruth ein Feldbett“, kamen die scharfen Worte.