Die Französische Revolution (Alle 3 Bände) - Thomas Carlyle - E-Book

Die Französische Revolution (Alle 3 Bände) E-Book

Thomas Carlyle

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Beschreibung

In "Die Französische Revolution" präsentiert Thomas Carlyle eine tiefgründige und eindringliche Analyse der Umwälzungen, die Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts erschütterten. Sein literarischer Stil verbindet lebendige Beschreibungen mit einer eindringlichen Rhetorik, die den Leser in das Chaos und die Emotionalität dieser historischen Phase eintauchen lässt. Carlyle nutzt ein reiches Vokabular und innovative Erzähltechniken, um den Fluss der Geschichte darzustellen, während er die komplexen sozialen und politischen Spannungen der Zeit thematisiert. Die drei Bände sind nicht nur eine Chronik der Ereignisse, sondern auch eine philosophische Reflexion über den menschlichen Zustand und die Konsequenzen von Freiheit und Macht. Thomas Carlyle (1795-1881), ein schottischer Historiker und Essayist, war ein leidenschaftlicher Beobachter der gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit. Sein tiefes Interesse an politischen Idealen und sozialen Reformen spiegelt sich in seinem Werk wider. Carlyles Erfahrungen als Zeitzeuge der industriellen Revolution und seine kritische Sicht auf die fortschrittlichen Bewegungen in Europa beeinflussten seine Erzählweise und verleihen seinem Werk eine bemerkenswerte Dringlichkeit und Relevanz. Dieses Buch ist für jeden Leser geeignet, der nicht nur an der Französischen Revolution selbst interessiert ist, sondern auch an den universellen Fragestellungen zu Freiheit, Gerechtigkeit und menschlicher Natur. Carlyles meisterhafte Erzählung bietet tiefgehende Einblicke und lädt dazu ein, die Dynamiken der Geschichte neu zu betrachten. Ein unverzichtbares Werk für Historiker, Literaturwissenschaftler und jeden, der sich für die Kräfte interessiert, die zur Gestaltung der modernen Welt führten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Thomas Carlyle

Die Französische Revolution (Alle 3 Bände)

Bereicherte Ausgabe. Die revolutionäre Enthüllung eines Historienromans: Tiefgründige Analyse und epische Darstellung einer Schlüsselperiode der Französischen Geschichte
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Elias Croft
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547676140

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Französische Revolution (Alle 3 Bände)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Eine entfesselte Menge stürmt ein Gefängnis, und mit den fallenden Steinen stürzt eine Weltordnung ein. In dieser Ikone der Moderne setzt Thomas Carlyle an, um aus der Französischen Revolution kein bloßes Kapitel der Geschichte zu machen, sondern eine Erfahrung von Fieber, Lärm und Erkenntnis. Sein Werk richtet den Blick auf eine Gesellschaft, die von Hunger und Hoffnung, von Gerüchten und Ideen zugleich bewegt wird. Die Energie der Ereignisse übersetzt er in eine Sprache, die peitscht und singt, die deutet und aufschreckt. So beginnt eine Erzählung, in der Politik zu Drama und Geschichte zu Schicksalskunde wird.

Thomas Carlyle, schottischer Essayist und Historiker, veröffentlichte 1837 sein dreibändiges Werk The French Revolution: A History. Entstanden in den frühen 1830er Jahren, wuchs es aus akribischer Lektüre zeitgenössischer Berichte und einer unermüdlichen stilistischen Anstrengung. Berühmt ist der Verlust eines frühen Manuskripts durch ein Haushaltsunglück, das Carlyle zwang, wesentliche Teile neu zu schreiben. Diese Widrigkeit schärfte den Ton des Buches, das, in einem zugleich visionären und quellennahen Zugriff, das Geschehen von 1789 an entfaltet. Die Ausgabe in drei Bänden unterstreicht den Umfang der Ambition: eine ganze Epoche in Bewegung zu fassen.

Das Buch führt von den Spannungen des Ancien Régime über den Riss der ersten Tage bis zu den unruhigen Versuchen, Ordnung zu errichten und zu halten. Es zeigt Versammlungen, Straßen, Höfe und Klubs, schildert den Aufstieg und Sturz von Figuren, ohne zur biografischen Parade zu werden. Carlyle versteht die Revolution als kollektives Drama, in dem Volksstimme, Intellekt und Notstand miteinander ringen. Die Handlung folgt nicht einer trockenen Chronologie, sondern einer dramaturgischen Logik, die Verdichtung und Weitung abwechselt. Absicht und Ziel sind klar: begreifen, wie eine Gesellschaft ins Offene tritt, und was das über Macht, Moral und Zeit aussagt.

Stilistisch ist dieses Werk ein Solitär. Carlyle schreibt häufig im Präsens, mit apostrophierenden Wendungen an Leserinnen und Leser, mit kühnen Metaphern und plötzlichen Perspektivwechseln. Er personifiziert Ideen, lässt Abstrakta sprechen, gibt Straßen und Plätzen eine Stimme. Gleichzeitig verankert er Szenen in konkreten Details, die Sinneseindrücke wachrufen. Dieser Ton begründet die anhaltende Faszination: Geschichte wird nicht erklärt wie ein Mechanismus, sondern erlebt wie ein Sturm. Der Erzähler zeigt, wie Quellen sprechen könnten, wenn sie im Augenblick des Geschehens noch glühen, und wie sich aus Fragmenten ein lebendiges Gefüge fügt.

Als Klassiker gilt das Buch, weil es die Möglichkeiten historischer Darstellung neu vermessen hat. Es verbindet poetische Kraft mit dokumentarischer Aufmerksamkeit, ohne die eine der anderen zu opfern. In einer Zeit, in der die moderne Geschichtsschreibung ihr Selbstverständnis formte, schuf Carlyle ein Werk, das die Literatur prägte und der Historie eine Stimme gab, die nicht lehrbuchhaft klingt. Seine Figurenporträts, die dramatische Montage, der insistierende moralische Blick: all das wurde zum Maßstab für narrative Geschichtsschreibung. Dass man die Französische Revolution seither auch als Text, als Sprache der Ereignisse denkt, ist diesem Buch wesentlich zu verdanken.

Die Wirkung reichte weit über die Geschichtsschreibung hinaus. Charles Dickens nutzte Carlyles Darstellung als maßgebliche Quelle und Anregung für seinen Roman A Tale of Two Cities und übersetzte deren dramatische Verdichtung ins Erzählerische der Fiktion. In den Vereinigten Staaten trug Ralph Waldo Emerson dazu bei, Carlyle bekannt zu machen, und würdigte dessen unverwechselbare Stimme. Spätere Erzählerinnen und Erzähler der Geschichte, die das Panorama mit der Nahaufnahme verbinden, fanden hier ein Vorbild. Auch wo man Carlyles Wertungen nicht teilt, bewundert man die Energie seines Blicks und die formbildende Kraft seiner Prosa.

Thematisch kreist das Werk um die Frage politischer Legitimität: Wer darf herrschen, wenn alte Titel verfallen und neue noch nicht anerkannt sind. Es zeigt, wie Hunger und Preise, Gerüchte und Zeitungsblätter ebenso Geschichte machen wie Reden und Dekrete. Es beobachtet die Dynamik von Massen und die Einsamkeit der Entscheidung in Momenten höchster Gefahr. Führung erscheint als Gabe und Prüfung, als Last, die Charaktere formt oder bricht. Gleichzeitig stellt Carlyle das Problem der historischen Sinngebung: Tragen Ideen die Ereignisse, oder schleppen Ereignisse die Ideen mit. Das Buch verweigert einfache Antworten und hält die Spannung aus.

Carlyles Methode ist die der anschaulichen Rekonstruktion. Er schöpft aus Briefen, Memoiren, Pamphleten, Protokollen und zeitgenössischen Chroniken und fügt daraus eine Komposition, die zugleich vielstimmig und zielgerichtet ist. Die Erzählung wechselt vom Panorama der Stadt zum Flüstern in Korridoren, von der Rede am Pult zum Stoß der Menge. Der Autor durchdringt die Quellen nicht mit kalter Distanz, sondern mit interpretierender Nähe, die das Material zum Sprechen bringt. Fremdsprachige Begriffe und Namen belässt er häufig im Originalklang, um Atmosphäre zu wahren. So entsteht ein Gewebe aus Dokument und Deutung.

Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber reich. Die Prosa ist rhythmisch, manchmal eruptiv, dann wieder meditativ und sezierend. Ironie und Pathos stehen dicht beieinander, überraschende Schnitte halten die Spannung. Wer folgt, erlebt Geschichte als Bewegung, die sich nicht auf Tabellen reduzieren lässt. Das Werk eröffnet Räume des Mitdenkens, in denen man Ursache und Wirkung prüft, ohne vorschnelle Gewissheiten zu beziehen. Es zeigt, wie Sprache Wirklichkeit formt, und wie Bilder unser Verständnis lenken. Diese Komplexität macht die Stärke des Buches aus: Es fordert den Sinn für Nuancen und schärft den Blick für Ambivalenzen.

Heute, im Zeitalter globaler Krisen und schneller Öffentlichkeiten, liest sich Carlyles Buch mit neuer Dringlichkeit. Es macht begreifbar, wie Legitimität erodiert, wie Angst und Hoffnung Politik treiben, wie Narrative Handeln prägen. Dass Massen sich organisieren, dass Worte mobilisieren, dass Symbole politischen Sprengstoff tragen: All das findet hier eine eindringliche Darstellung. Zugleich warnt der Text vor der Verführung durch bloße Spektakel und erinnert an die moralische Verantwortung öffentlicher Rede. Er lädt dazu ein, den Lärm der Gegenwart mit historischer Tiefe zu hören und die Sprödigkeit von Fakten gegen Kaskaden der Erregung zu behaupten.

Die Architektur der drei Bände gibt der Erfahrung Form. The Bastille entwirft die Bühne, auf der die alte Ordnung bricht und das Unwahrscheinliche möglich wird. The Constitution zeigt den Versuch, Prinzipien zu gießen, Institutionen zu bauen und den Fluss der Ereignisse in Bahnen zu lenken. The Guillotine blickt in den Strudel, in dem Furcht und Tugendparolen zu harten Instrumenten werden. Diese Gliederung ist mehr als Abfolge: Sie ist eine Bewegung von Eruption, Gestaltung und Zuspitzung, die den inneren Rhythmus der Epoche hörbar macht. In ihr wird die Revolution zugleich als Prozess und als Prüfung lesbar.

Dieses Buch bleibt fesselnd, weil es große Ideen mit greifbarer Erfahrung verbindet. Es einerseits die Sprache des Archivs spricht und andererseits die Intensität der Dichtung entfaltet. Es denkt über Macht, Moral, Öffentlichkeit und Zeit nach, ohne in Lehrsätze zu verfallen. Es zeigt, wie fragile Ordnungen sind, und wie notwendig der Mut zur Verständigung. Als Klassiker der Weltliteratur und als Meisterstück narrativer Geschichtsschreibung behauptet es seinen Rang durch stilistische Kühnheit und intellektuelle Redlichkeit. Wer sich darauf einlässt, findet keine fertigen Urteile, sondern ein Instrumentarium des Sehens, das auch heutige Wirklichkeiten erhellt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Thomas Carlyles dreibändige Darstellung setzt bei den strukturellen Spannungen des Ancien Régime an. Frankreich leidet unter hoher Staatsverschuldung, ungleichen Privilegien und der wachsenden Kluft zwischen Ständen und Landbevölkerung. Aufklärerische Ideen und mehrere Missernten verschärfen den Druck. Reformversuche der Minister scheitern an Hof und Körperschaften. Der König beruft nach Jahrzehnten die Generalstände ein, um die Finanzkrise zu lösen. Damit rückt die Frage der politischen Vertretung ins Zentrum. Carlyle skizziert die gesellschaftliche Erwartungslage, die Nervosität am Hof und die entlang der Stände organisierten Interessen, aus denen sich ein beschleunigter Entscheidungsprozess mit ungewissem Ausgang entwickelt.

Die Generalstände treten 1789 in Versailles zusammen. Rasch entzündet sich der Streit um das Abstimmungsverfahren: nach Orden oder nach Köpfen. Der Dritte Stand erklärt sich zur Nationalversammlung und fordert eine Verfassung. Mit dem Ballhausschwur verpflichtet er sich, nicht zu weichen, bis eine neue Ordnung geschaffen ist. Teile des Klerus und des Adels schließen sich an. Der König zögert und lässt Truppen konzentrieren, was Misstrauen weckt. Carlyle folgt der Eskalationslogik dieser Wochen und zeigt, wie institutionelle Fragen zu Fragen der Souveränität werden, die das alte System in seiner Legitimität und Handlungsfähigkeit unmittelbar in Frage stellen.

Mit der Entlassung Neckers und der Truppenkonzentration in Paris verschärft sich die Lage. Am 14. Juli wird die Bastille gestürmt, ein symbolischer Bruch mit der alten Ordnung. In Paris entstehen Kommune und Nationalgarde unter Lafayette. In den Provinzen schürt die Große Furcht weitere Unruhen; es kommt zu Übergriffen und Fluchtbewegungen. Die Nationalversammlung reagiert am 4. August mit der Abschaffung feudaler Rechte. Kurz darauf verabschiedet sie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Carlyle ordnet diese Schritte als raschen Übergang von punktuellen Protesten zu umfassenden Gesetzesakten ein, die die rechtliche und soziale Landschaft grundlegend verändern.

Im Oktober 1789 ziehen Marktfrauen und Bürger nach Versailles und erzwingen den Umzug von König und Nationalversammlung nach Paris. Die Machtbalance verschiebt sich dauerhaft in die Hauptstadt. In den folgenden Monaten setzt die Versammlung weitreichende Reformen um: die Einteilung Frankreichs in Departements, die Neuordnung der Justiz, die Verstaatlichung kirchlichen Vermögens zur Entlastung der Finanzen. Gleichzeitig entstehen neue politischen Clubs und eine lebendige Presselandschaft. Carlyle zeichnet das Zusammenspiel aus institutioneller Neugestaltung und öffentlicher Mobilisierung nach, in dem das Königtum an Handlungsspielraum verliert, während städtische Akteure an Einfluss gewinnen und die Initiative im politischen Prozess übernehmen.

Die Zivilverfassung des Klerus von 1790 zwingt Geistliche zum Eid und vertieft die Spaltung zwischen staatstreuen und refraktären Kräften. Die Föderationsfeste beschwören Einheit, doch Misstrauen bleibt. 1791 versucht der König die Flucht, wird in Varennes aufgegriffen und nach Paris zurückgebracht. Die Verfassung von 1791 etabliert formal die konstitutionelle Monarchie, zugleich offenbaren der Marsfeldschuss und Straßenkonflikte die Grenzen der Kompromissordnung. Die neue Legislativversammlung sieht sich mit wirtschaftlicher Not, emigrierten Adligen und auswärtigem Druck konfrontiert. Carlyle beschreibt, wie sich innenpolitische Unsicherheiten und außenpolitische Spannungen verbinden und den weiteren Verlauf maßgeblich beeinflussen.

1792 erklärt Frankreich den Krieg gegen Österreich, dem sich Preußen anschließt. Niederlagen und das Manifest des Herzogs von Braunschweig schüren die Angst vor Verrat. Pariser Sektionen und Sansculotten drängen auf entschlossene Maßnahmen. Am 10. August stürzt ein Aufstand die Tuilerien, die Monarchie wird suspendiert. Die darauffolgenden Septembermorde markieren die Eskalation der Gewalt in der Hauptstadt. Eine neu gewählte Nationalkonvention tritt zusammen und proklamiert die Republik. Carlyle ordnet diese Dynamik als Übergang von konstitutionellen Versuchen zu radikaler Republikbildung, getragen von Kriegsdruck, städtischer Mobilisierung und dem bröckelnden Vertrauen in die Loyalität der alten Institutionen.

Die Konvention führt den König vor Gericht und lässt ihn 1793 hinrichten. Der Krieg weitet sich aus, im Innern brechen Aufstände wie der in der Vendée und föderalistische Revolten aus. Zur Kriegsführung und Stabilisierung entsteht der Wohlfahrtsausschuss als zentrales Exekutivorgan. Eine Massenrekrutierung mobilisiert Ressourcen, Preis- und Versorgungsmaßnahmen sollen Engpässe lindern. Gleichzeitig spalten sich politische Lager in Girondisten und Montagnarden. Carlyle zeigt, wie die Republik in einer doppelten Bedrohungslage aus äußeren Armeen und innerem Widerstand zu außergewöhnlichen Mitteln greift, die Kompetenzen bündeln und den Handlungskorridor zugunsten der Kriegsführung verengen.

Die Jahre 1793 und 1794 sind vom Terror geprägt. Der Wohlfahrtsausschuss, zunehmend von Robespierre dominiert, stützt sich auf Überwachungsausschüsse und das Revolutionstribunal. Girondisten, später Hébertisten und Dantonisten, werden ausgeschaltet. Radikale Entchristlichung und symbolische Feste wie das Fest des Höchsten Wesens markieren den Versuch, eine neue republikanische Kultur zu formen. Mit dem Gesetz vom 22. Prairial verschärft sich die Strafjustiz. Maßnahmen zur wirtschaftlichen Kontrolle und zur militärischen Mobilisierung zeigen Wirkung an den Fronten. Carlyle entwickelt ein Bild konzentrierter Staatsmacht, die Legitimität aus Kriegserfolg und Tugendanspruch bezieht, zugleich aber politische Vielfalt stark reduziert.

Im Juli 1794 wendet sich das Blatt: Abgeordnete fürchten um ihre Sicherheit und lassen Robespierre stürzen. Seine Hinrichtung leitet die Thermidorianische Reaktion ein. Repressive Instrumente werden zurückgenommen, der politische Ton mäßigt sich, doch Instabilität und soziale Not bleiben. Die Konvention ordnet Strukturen neu und bereitet einen Übergang zu einer weniger zentralisierten Ordnung vor. Carlyle schließt mit dem Eindruck einer erschöpften Gesellschaft, die nach Ruhe sucht und doch von den Umbrüchen geprägt ist. Das Werk vermittelt als Gesamtbotschaft den radikalen Umbau von Staat und Gesellschaft, die Kraft kollektiver Mobilisierung und die dauerhaften Folgen beschleunigter Politik.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Thomas Carlyles dreibändiges Werk spielt im Frankreich der Jahre 1789 bis 1799, einer Dekade tiefgreifender sozialer, politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Der Schauplatz ist vornehmlich Paris und sein revolutionäres Umfeld – Versailles, die Nationalversammlung, die Klubs, die Plätze und Gefängnisse der Stadt –, zugleich aber auch die Provinzen, in denen Hunger, Steuern und bäuerliche Unruhen den Hintergrund bilden. Das Ancien Régime mit seinen ständischen Privilegien, einer verschuldeten Monarchie und blockierenden Parlements bildet den Ausgangspunkt. Klimakatastrophen wie der harte Winter 1788/89, Getreideteuerung und fiskalische Not verschärfen die Lage. Carlyle verankert die Ereignisse in konkreten Räumen und Zeitpunkten, um Ursachen und Dynamiken sichtbar zu machen.

Zeitlich umfasst das Werk die späte Regierungszeit Ludwigs XVI. bis zum Zusammenbruch der jakobinischen Herrschaft und den Übergang zum Direktorium. Räumlich spannt es den Bogen von Versailles nach Paris, von den Grenzfronten des Ersten Koalitionskriegs bis zu Provinzen wie der Vendée und Städten wie Lyon und Marseille. Politische Knotenpunkte sind die Tagungsorte der Generalstände, der Jakobiner- und Cordeliersklub, das Revolutionstribunal und der Nationalkonvent. Die Handlung verdichtet sich in Paris als Taktgeber der Revolution. Carlyle nutzt diese Topografie, um das Zusammenspiel zwischen Hauptstadt und Provinz, zwischen militärischen Fronten und innerer Politik, zwischen Straßendruck und staatlicher Beschlussfassung zu entfalten.

Die unmittelbare Vorgeschichte ist die Finanzkrise von 1787–1788: Finanzminister Calonne und sein Nachfolger Brienne scheitern vor der Notablenversammlung (1787), die Parlements verweigern Steuerreformen, und in Grenoble kommt es am 7. Juni 1788 zum „Tag der Ziegel“ – ein Vorzeichen der Erosion königlicher Autorität. Im August 1788 kündigt Ludwig XVI. die Einberufung der Generalstände für Mai 1789 an. Faktisch ist das Ancien Régime blockiert. Carlyle stellt diese Krise als tektonische Verschiebung dar: leere Kassen, delegitimierte Eliten, ein hungriges Volk – die Voraussetzungen für den politischen Vulkanausbruch, den seine Bände dann mit minutiösen Orts- und Zeitangaben nachzeichnen.

Die Generalstände treten am 5. Mai 1789 in Versailles zusammen; die Abstimmung nach Ständen lähmt die Beratungen. Am 17. Juni erklärt sich der Dritte Stand zur Nationalversammlung, am 20. Juni leisten die Abgeordneten den Ballhausschwur, am 9. Juli bilden sie die Konstituierende Nationalversammlung. Diese Akte markieren die Souveränitätsverschiebung vom König zur Nation. Carlyle verknüpft die protokollierten Daten mit dramatischen Szenen – der verschlossene Saal, der überfüllte Ballsaal, die beschworene Unauflöslichkeit –, um zu zeigen, wie juristische Transformationen durch symbolische Akte und Massendruck Wirklichkeit werden.

Am 14. Juli 1789 stürmt eine bewaffnete Pariser Menge die Bastille, erzwungen durch Angst vor Truppen, Hunger und Munitionssuche. Gouverneur Bernard-René de Launay wird getötet, seine Schlüssel und sein Kopf durch Paris getragen; das Symbol königlicher Willkür fällt. Die Kommune von Paris gewinnt Gewicht, die Nationalgarde unter Lafayette erscheint. Carlyle macht diesen Tag zum dramatischen Kulminationspunkt des ersten Bandes: Paris als treibende Kraft, die Festung als Mythos und Markstein. Er schildert detailliert die Chronologie, die Namen und Orte, um den Übergang von höfischer zur städtischen Macht bildhaft und präzise zu beglaubigen.

Die „Große Furcht“ (Juli–August 1789) erfasst die Provinzen; Gerüchte über marodierende Banden lösen bäuerliche Aufstände aus. In der Nacht des 4. August verabschiedet die Nationalversammlung die Augustdekrete, die Feudallasten abschaffen; am 26. August folgt die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Diese Rechtsakte kodifizieren Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und nationale Souveränität. Carlyle stellt die Ereignisfolge als Reaktion auf Landunruhen und Pariser Druck dar: vom Dorfbrand zur Gesetzesformel. Er betont, wie historische Daten – 4. und 26. August – zu Signaturen werden, an denen die Revolution ihre normative Ordnung festschreibt.

Am 5.–6. Oktober 1789 erzwingen Marktfrauen, Nationalgardisten und Pariser Volksmassen auf dem Marsch nach Versailles die Übersiedlung von König und Hof in die Tuilerien. Brotknappheit, Misstrauen gegen Hofintrigen und die Präsenz bewaffneter Bürger verbinden sich. Der politische Schwerpunkt verlagert sich endgültig nach Paris. Carlyle nutzt die geographische Verschiebung als dramaturgisches Mittel: die Bewegung der Menge, die Räume des Schlosses, die eskortierte Rückkehr. Er zeigt, wie soziale Not und städtische Organisation politische Entscheidungen erzwingen und macht die Topografie – Straße, Schloss, Tuilerien – zum Träger historischer Notwendigkeit.

Die Zivilverfassung des Klerus (12. Juli 1790) unterstellt die Kirche dem Staat; ab 1791 ist der Eid Pflicht, was eine Spaltung in „Eidleistende“ und „Refraktäre“ bewirkt. Parallel werden Assignaten (ab 1789/90) auf Basis der verstaatlichten Kirchengüter zu Papiergeld und später zur zirkulierenden Währung, mit Inflation als Folge. Diese Maßnahmen politisieren Religion und Wirtschaft tiefgreifend. Carlyle zeichnet die Daten und Konsequenzen nach, um die Revolution als Systemumbau sichtbar zu machen: Sakralmacht und Finanzordnung werden neu geordnet, und er zeigt, wie daraus Konflikte auf Dorfebenen, in Pfarreien und Regimentern entstehen.

Die Flucht des Königs nach Varennes (20.–21. Juni 1791) scheitert; Ludwig XVI. wird in Varennes erkannt und nach Paris zurückgeführt. Wenige Wochen später kommt es am 17. Juli 1791 zum Blutbad auf dem Marsfeld, als die Nationalgarde eine republikanische Petition gewaltsam auflöst. Der Versuch einer konstitutionellen Monarchie gerät ins Wanken. Carlyle beschreibt die Wegpunkte, Personen und Uhrzeiten dieser Krisentage, um den Vertrauensbruch zwischen Krone und Nation greifbar zu machen. Die Episode illustriert im Werk, wie Legitimität verloren geht, wenn Souverän und Öffentlichkeit nicht mehr denselben politischen Kalender teilen.

Am 20. April 1792 erklärt Frankreich Österreich den Krieg; Preußen schließt sich an. Der Feldzug verläuft zunächst desaströs; das Manifest des Herzogs von Braunschweig vom 25. Juli 1792 droht Paris bei Königsschädigung mit Vergeltung. Dies radikalisiert die Hauptstadt. Carlyle verknüpft Front und Heimatfront minutiös: Namen von Generälen, Daten von Gefechten, Drucke der Manifeste. Er zeigt, wie äußere Bedrohung innere Mobilisierung erzeugt und die revolutionären Klubs stärkt. Die Kriegserklärung wird im Werk zum Katalysator, der die politische Temperatur hebt und die späteren Gewaltschübe plausibel macht.

Am 10. August 1792 stürmt die Pariser Kommune die Tuilerien; die Schweizergarde wird massakriert, die Monarchie suspendiert. Vom 2.–6. September 1792 folgen die Septembermassaker in Pariser Gefängnissen, motiviert durch Angst vor Verrat und heranrückenden Feinden. Der Nationalkonvent wird gewählt. Carlyle widmet diesen Kulminationspunkten besondere Aufmerksamkeit: Paris als Schlachtfeld der Souveränität, Gefängnisse als Räume der Angst, Namen der Opfer und Anführer verzeichnet. Er zeigt, wie die Daten – 10. August, Anfang September – als Zäsuren wirken, in denen Legitimität gewaltsam neu definiert wird und die Revolution irreversibel republikanisch wird.

Der Nationalkonvent eröffnet im September 1792; der Prozess gegen Ludwig XVI. endet mit der Hinrichtung am 21. Januar 1793. Die Koalition gegen Frankreich weitet sich; Großbritannien, Spanien und die Niederlande treten bei. Im Inneren ringen Girondisten und Montagnards um Kurs und Kontrolle; am 2. Juni 1793 stürzen Aufständische die Gironde. Carlyle bettet die Gerichtsdaten, Abstimmungsergebnisse und Reden ein, um die juristische und politische Logik der Regizidentscheidung zu zeigen. Er schildert den Sturz der Gironde als Machtverschiebung, die den Weg für radikalere Organisationsformen der Kriegs- und Innenpolitik freimacht.

Im Frühjahr 1793 erhebt sich die Vendée gegen die Republik (ab März), getragen von monarchisch-katholischen Milieus und verstärkt durch die Wehrpflicht (levée en masse). Parallel flammen föderalistische Erhebungen in Lyon, Bordeaux und Marseille auf. Später (Herbst 1793) greifen Entchristlichungskampagnen und Kultpolitik um sich; Lyon wird „Lyon ist nicht mehr“ drakonisch bestraft. Carlyle kombiniert Schlachtorte, Dekrete und Kommissare „en mission“, um das Ineinandergreifen von Bürgerkrieg, Religionspolitik und Staatsgewalt zu zeigen. Er deutet diese Datenfolge als Beleg, dass die Republik nur durch zentrale Organisation und Härte den inneren Zerfall aufhalten konnte.

Das Comité de Salut Public entsteht am 6. April 1793 als Exekutivausschuss; mit dem Gesetz über die Verdächtigen (17. September 1793) und dem Allgemeinen Höchstpreis (29. September 1793) beginnt die jakobinische Kriegsökonomie und Sicherheitsordnung. Die levée en masse vom 23. August 1793 militarisiert die Gesellschaft. Das Revolutionstribunal wird zentraler Pfeiler. Carlyle schildert Sitzungsdaten, Namen der Ausschussmitglieder (Robespierre, Saint-Just, Couthon u. a.) und die Mechanik von Listen, Ausschüssen, Komitees. Er zeigt, wie das Buch die „Organisation der Angst“ dokumentiert, ohne die chronologische Präzision zu verlieren, und die Pariser Sektionen als Motoren der Politik ins Bild setzt.

Fraktionskämpfe kulminieren: Die Hébertisten fallen am 24. März 1794, die Dantonisten am 5. April. Mit dem Gesetz vom 22. Prairial II (10. Juni 1794) werden Verfahren radikal verkürzt; die „Große Schreckensherrschaft“ intensiviert sich. Am 9. Thermidor II (27. Juli 1794) stürzen Konventsabgeordnete Robespierre; am 28. Juli folgen seine Hinrichtungen. Danach: Weißer Terror, Verfassung des Jahres III (1795), Direktorium; der royalistische Aufstand vom 13. Vendémiaire IV (5. Oktober 1795) wird von Bonaparte niedergeschlagen. Fruktidor (4. September 1797) und schließlich Brumaire (9. November 1799) leiten zum Konsulat über. Carlyle rahmt diese Datenfolge als Erschöpfungs- und Ordnungsbewegung, die sein dritter Band mit nüchterner Faktizität protokolliert.

Carlyles Werk fungiert als politische Kritik, indem es Missstände des Ancien Régime – fiskalische Ungerechtigkeit, Privilegien, administrative Korruption – und die Gefahren ungezügelter Masse sichtbar macht. Durch minutiöse Datierung und Lokalisierung zeigt es, wie Hunger, Steuerlasten und militärische Niederlagen zu politischer Radikalisierung führen. Der Autor problematisiert die moralische Leere der Eliten ebenso wie die verantwortungslose Gewalt der Straße. Er richtet sich damit implizit gegen Selbstzufriedenheit in etablierten Ordnungen: Ohne soziale Reform, Rechtsgleichheit und kompetente Verwaltung, so die historische Lektion, erzeugt Politik Krisen, die sich in Gewalt entladen.

Als Kommentar zu Carlyles eigener Zeit (1830er Jahre) hält das Buch dem zeitgenössischen Europa – auch Großbritannien nach der Reform 1832 und unter dem Eindruck der Neuen Armengesetze 1834 – den Spiegel vor. Es kritisiert laissez-fairehafte Gleichgültigkeit gegenüber Armut und Arbeitslosigkeit ebenso wie autoritäre Blindheit. Indem es die französischen Daten, Namen und Orte scharf zeichnet, warnt es, dass soziale Not, politische Ausgrenzung und Legitimationskrisen revolutionäre Sprengkraft entwickeln. Die Forderung nach verantwortlicher Führung und sozialer Gerechtigkeit ist Kern der politischen Kritik: Nicht das Plädoyer für Gewalt, sondern für rechtzeitige Reform und moralische Staatskunst.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Thomas Carlyle (1795–1881) war ein schottischer Essayist, Historiker und Kulturkritiker der viktorianischen Epoche. Mit einer eigenwilligen, prophetischen Prosa prägte er Debatten über Geschichte, Arbeit, Religion und die Moderne. Seine Schriften verbanden erzählerische Kraft, moralische Dringlichkeit und polemische Schärfe. Bekannt wurde er durch das experimentelle Sartor Resartus, die monumentale Darstellung The French Revolution: A History sowie die Vorlesungen On Heroes, Hero‑Worship, and the Heroic in History. Carlyle beeinflusste Denkerinnen und Denker beiderseits des Atlantiks, wurde jedoch wegen seiner politischen Urteile kontrovers rezipiert. Er gilt als exemplarische Stimme des 19. Jahrhunderts, deren Wirkung bis in die Gegenwart reicht.

Aufgewachsen in Südwestschottland, erhielt Carlyle eine frühe, strenge Bildung und studierte in den 1810er‑Jahren an der University of Edinburgh, vor allem Mathematik und klassische Sprachen. Vom Pfarramt, das zunächst erwogen wurde, wandte er sich ab und arbeitete zeitweise als Lehrer und Tutor. Früh bildeten deutsche Literatur und Philosophie einen prägenden Einfluss: Goethe, Schiller und die romantische Bewegung eröffneten ihm neue ästhetische und geistige Horizonte. Carlyle übersetzte Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (frühe 1820er‑Jahre) und veröffentlichte The Life of Friedrich Schiller. Er schrieb zudem Artikel für Nachschlagewerke und Zeitschriften und pflegte einen anregenden Briefwechsel mit Ralph Waldo Emerson.

In den 1820er und frühen 1830er Jahren suchte Carlyle eine eigenständige literarische Stimme. Essays wie Signs of the Times und Characteristics griffen den Utilitarismus, die Maschinenmetaphern der Zeit und das geistige Klima der Industrialisierung an. In ländlicher Zurückgezogenheit arbeitete er an Sartor Resartus, einer Mischform aus Roman, Philosophie und Satire, die in den frühen 1830er‑Jahren zunächst als Serie in Fraser’s Magazine erschien. Das Werk, das fiktive Gelehrtenbiografie, Kleidermetaphorik und Kulturkritik verschränkt, fand zuerst in den Vereinigten Staaten begeisterte Aufnahme und verschaffte Carlyle, mit Unterstützung transatlantischer Freunde, auch in Großbritannien nachhaltige Aufmerksamkeit.

Sein Durchbruch als Historiker folgte mit The French Revolution: A History (späte 1830er‑Jahre), einer leidenschaftlich erzählten, szenischen Geschichte, die traditionelle Annalistik zugunsten dramatischer Verdichtung und moralischer Deutung hinter sich ließ. Das Buch wurde sofort diskutiert und prägte die historische Imagination seiner Zeit. In Chartism untersuchte er die soziale Frage der Arbeiterschaft; die Vorlesungen On Heroes, Hero‑Worship, and the Heroic in History entwarfen seine einflussreiche Theorie großer Persönlichkeiten; Past and Present kontrastierte mittelalterliche Gemeinsinn‑Vorstellungen mit zeitgenössischem Wirtschaftsliberalismus; Oliver Cromwell’s Letters and Speeches ordnete Quellen neu und rehabilitierte eine zentrale Figur englischer Geschichte.

Carlyles Schriften kreisen um Autorität, Pflicht und geistige Erneuerung. Er bekämpfte, in oft biblisch aufgeladener Rhetorik, das „mechanische“ Zeitalter und den kalt verstandenen Utilitarismus. Seine Heldenlehre betonte die schöpferische Kraft exemplarischer Führungsfiguren, was Bewunderung wie Widerspruch auslöste. In den Latter‑Day Pamphlets und anderen Streitschriften geißelte er politische Selbstzufriedenheit, Bürokratie und laissez‑faire‑Dogmen. Einige seiner Äußerungen zu Demokratie, Empire und Fragen von „Rasse“ und Zwangsarbeit gelten heute zu Recht als problematisch und werden kritisch aufgearbeitet. Gerade in dieser Spannung zwischen moralischem Ernst und autoritären Neigungen liegt ein wesentlicher Schlüssel zur Rezeption seines Werks.

In den 1850er‑ und 1860er‑Jahren wandte sich Carlyle großangelegter Geschichtsschreibung zu. Die mehrbändige History of Friedrich II. of Prussia, Called Frederick the Great (spätes 1850er‑ bis mittleres 1860er‑Jahrzehnt) beruhte auf intensiven Archivrecherchen und Reisen und demonstrierte seine Fähigkeit, Dokumente zu lebendiger Erzählung zu formen. Parallel erschienen Werke wie The Life of John Sterling sowie politische Essays wie Shooting Niagara. Nach dem Tod seiner Frau in den 1860er‑Jahren schrieb er persönliche Erinnerungen, die postum veröffentlicht wurden. Er lebte zuletzt in London, blieb eine öffentliche Stimme, publizierte jedoch seltener und starb 1881; beigesetzt wurde er in seiner schottischen Heimat.

Carlyles Vermächtnis ist vielgestaltig. Stilistisch erneuerte er das historische Erzählen durch Rhythmus, Bildkraft und Szene; zugleich verfocht er eine normative Geschichtsauffassung, die Verantwortung und Charakter ins Zentrum rückt. Seine Schriften prägten Autorinnen und Autoren von Emerson bis Ruskin und beeinflussten spätere Darstellungen der Französischen Revolution in Literatur und Theater. Zugleich sind seine politischen Setzungen Anlass anhaltender Kritik und Neubewertung. Forschung und Editionen erschließen sein umfangreiches Briefwerk und die Essays weiterhin, und sein Werk dient als Prüfstein für Fragen nach Autorität, moralischer Urteilskraft und der Rolle von Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Transformation.

Die Französische Revolution (Alle 3 Bände)

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Band.
Der Tod Ludwigs XV.
Erstes Kapitel. Ludwig der Vielgeliebte.
Zweites Kapitel. Verwirklichte Ideale
Drittes Kapitel. Das Viatikum.
Viertes Kapitel. Ludwig der Unvergessene.
Das papierene Zeitalter.
Erstes Kapitel. Astraea redux
Zweites Kapitel. Eine Petition in Hieroglyphen.
Drittes Kapitel. Bedenklich.
Viertes Kapitel. Maurepas.
Fünftes Kapitel. Astraea redux mit der leeren Tasche.
Sechstes Kapitel. Windbeutel.
Siebentes Kapitel. Contrat social.
Achtes Kapitel. Bedrucktes Papier.
Das Parlament von Paris.
Erstes Kapitel. Zurückgewiesene Wechsel.
Zweites Kapitel. Controleur Calonne.
Drittes Kapitel. Die Notabeln.
Viertes Kapitel. Loménies Edikte.
Fünftes Kapitel. Loménies Donnerkeile.
Sechstes Kapitel. Loménies Ränke.
Siebentes Kapitel. Gegenseitige Vernichtung.
Achtes Kapitel. Loménies Todesringen.
Neuntes Kapitel. Begräbnis und Freudenfeuer.
Die Generalstände.
Erstes Kapitel. Noch einmal die Notabeln.
Zweites Kapitel. Die Wahl.
Drittes Kapitel. Gewitterluft.
Viertes Kapitel. Die Prozession.
Der dritte Stand.
Erstes Kapitel. Sieg der Unthätigkeit.
Zweites Kapitel. Der Götterbote de Brézé
Drittes Kapitel. Der Kriegsgott Broglie.
Viertes Kapitel. Zu den Waffen!
Fünftes Kapitel. Gebt uns Waffen!
Sechstes Kapitel. Sturm und Sieg.
Siebentes Kapitel. Keine Revolte.
Achtes Kapitel. Sie erobern ihren König.
Neuntes Kapitel. Die Laterne.
Die Konsolidierung.
Erstes Kapitel. Macht die Konstitution!
Zweites Kapitel. Die erste konstituierende Versammlung.
Drittes Kapitel. Der allgemeine Umsturz.
Viertes Kapitel. En Queue.
Fünftes Kapitel. Der vierte Stand.
Der Weiberaufstand.
Erstes Kapitel. Patrouillotismus.
Zweites Kapitel. O Richard, o mon Roi!
Drittes Kapitel. Schwarze Kokarden.
Viertes Kapitel. Die Mänaden.
Fünftes Kapitel. Der Gerichtsbote Maillard.
Sechstes Kapitel. Nach Versailles.
Siebentes Kapitel. In Versailles.
Achtes Kapitel. Das gemeinsame Mahl.
Neuntes Kapitel. Lafayette.
Zehntes Kapitel. Les grandes entrées
Elftes Kapitel. Von Versailles nach Paris.
Das Pikenfest.
Erstes Kapitel. In den Tuilerien.
Zweites Kapitel In der Salle de Manège.
Drittes Kapitel. Die Musterung.
Viertes Kapitel. Der Journalismus.
Fünftes Kapitel. Das Klubwesen.
Sechstes Kapitel. Je le jure.
Siebentes Kapitel. Zeichen und Wunder.
Achtes Kapitel. Feierlicher Bund und Vertrag.
Neuntes Kapitel. Symbole.
Zehntes Kapitel. Die Menschheit.
Elftes Kapitel. Wie im goldenen Zeitalter.
Zwölftes Kapitel. Schall und Rauch.
Nancy.
Erstes Kapitel. Bouillé.
Zweites Kapitel. Soldrückstände und Aristokraten.
Drittes Kapitel. Bouillé in Metz.
Viertes Kapitel. Rückstände in Nancy.
Fünftes Kapitel. Inspektor Malseigne.
Sechstes Kapitel. Bouillé in Nancy.
Die Tuilerien.
Erstes Kapitel. Epimenides.
Zweites Kapitel. Die Wachenden.
Drittes Kapitel. Das Schwert in der Hand.
Viertes Kapitel. Fliehen oder Nichtfliehen.
Fünftes Kapitel. Der Tag der Dolche.
Sechstes Kapitel. Mirabeau.
Siebentes Kapitel. Mirabeaus Tod.
Zweiter Band.
Varennes.
Erstes Kapitel. Ostern in Saint-Cloud.
Zweites Kapitel. Ostern in Paris.
Drittes Kapitel. Graf Fersen.
Viertes Kapitel. Haltung.
Fünftes Kapitel. Die neue Berline.
Sechstes Kapitel. Der ehemalige Dragoner Drouet.
Siebentes Kapitel. Die Nacht der Sporen.
Achtes Kapitel. Die Rückkehr.
Neuntes Kapitel. Scharfe Schüsse.
Erstes Parlament.
Erstes Kapitel. Grande acceptation.
Zweites Kapitel. Das Grundgesetzbuch.
Drittes Kapitel. Avignon.
Viertes Kapitel. Kein Zucker.
Fünftes Kapitel. Könige und Emigranten.
Sechstes Kapitel. Briganten und Jalès.
Siebentes Kapitel. Die Konstitution will nicht marschieren.
Achtes Kapitel. Die Jakobiner.
Neuntes Kapitel. Minister Roland.
Zehntes Kapitel. PétionNational-Pique.
Elftes Kapitel. Der erbliche Repräsentant.
Zwölftes Kapitel. Die Prozession der schwarzen Hosen.
Die Marseiller.
Erstes Kapitel. Eine Exekutive, die nicht handelt.
Zweites Kapitel. Laßt uns marschieren.
Drittes Kapitel. Ein Trost für die Menschheit.
Viertes Kapitel. Unterirdisch.
Fünftes Kapitel. Bei Tische.
Sechstes Kapitel. Die Glocken um Mitternacht.
Siebentes Kapitel. Die Schweizer.
Achtes Kapitel. Die Konstitution in Stücke gegangen.
September.
Erstes Kapitel. Die improvisierte Kommune.
Zweites Kapitel. Danton.
Drittes Kapitel. Dumouriez.
Viertes Kapitel. September in Paris.
Fünftes Kapitel. Eine Trilogie.
Sechstes Kapitel. Das Zirkular.
Siebentes Kapitel. September in den Argonnen.
Achtes Kapitel. Exeunt.
Königsmord.
Erstes Kapitel. Der Konvent.
Zweites Kapitel. Die Exekutive.
Drittes Kapitel. Entthront.
Viertes Kapitel. Der Verlierende bezahlt.
Fünftes Kapitel. Ausstrecken der Prozeßformeln.
Sechstes Kapitel. Vor den Schranken des Gerichts.
Siebentes Kapitel. Die drei Abstimmungen.
Achtes Kapitel. Place de la Révolution.
Die Girondisten.
Erstes Kapitel. Ursache und Wirkung.
Zweites Kapitel. Culotten und Sansculotten.
Drittes Kapitel. Die Parteiverhältnisse verschärfen sich.
Viertes Kapitel. Das Vaterland in Gefahr.
Fünftes Kapitel. Der Sansculottismus ist gerüstet.
Sechstes Kapitel. Der Verräter.
Siebentes Kapitel. Die Fehde.
Achtes Kapitel. Im Kampfe auf Leben und Tod.
Neuntes Kapitel. Erloschen.
Schrecken.
Erstes Kapitel. Charlotte Corday.
Zweites Kapitel. Im Bürgerkrieg.
Drittes Kapitel. Rückzug der Elf.
Viertes Kapitel. O Natur!
Fünftes Kapitel. Blut und Eisen.
Sechstes Kapitel. Empört gegen die Tyrannen.
Siebentes Kapitel. Marie Antoinette.
Achtes Kapitel. Die Zweiundzwanzig.
Schrecken an der Tagesordnung.
Erstes Kapitel. In den Abgrund.
Zweites Kapitel. Tod.
Drittes Kapitel. Zerstörung.
Viertes Kapitel. Carmagnole complète.
Fünftes Kapitel. Gleich einer Gewitterwolke.
Sechstes Kapitel. Thu’ deine Pflicht.
Siebentes Kapitel. Flammengemälde.
Thermidor.
Erstes Kapitel. Es dürsten die Götter.
Zweites Kapitel. Danton, keine Schwäche.
Drittes Kapitel. Die Hinrichtungskarren.
Viertes Kapitel. Mumbo-Jumbo.
Fünftes Kapitel. Die Gefängnisse.
Sechstes Kapitel. Des Schreckens Ende naht.
Siebentes Kapitel. »Scélérat, fahre zur Hölle!«
Vendémiaire.
Erstes Kapitel. Im Verfallen.
Zweites Kapitel. La Cabarus.
Drittes Kapitel. Quiberon.
Viertes Kapitel. Löwe nicht tot.
Fünftes Kapitel. Löwe in den letzten Zügen.
Sechstes Kapitel. Geröstete Heringe.
Siebentes Kapitel. Kartätschenfeuer.
Achtes Kapitel. Finis.

Erster Band.

Inhaltsverzeichnis

Übersetzt von L. Daufalik.

Μέγα ὁ ἀγὼν ἔστι, ϑεῖον γὰρ ἔργον· ὑπὲρ βασιλείας, ὑπὲρ ἐλευϑερίας, ὑπὲρ ἀραξίας

Arrianus.

Δόγμα γὰρ αὐτῶν τίς μεταβάλλει; χωρὶς δὲ δογμάτων μεταβολῆς, τί ἄλλο ἢ δουλεία στενόντων καὶ πείϑεσϑαι προσποιουμένων; –

Antoninus.

Der Tod Ludwigs XV.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Ludwig der Vielgeliebte.

Inhaltsverzeichnis

Der Präsident Hénault findet sich bei Gelegenheit seiner Bemerkungen über ehrende Beinamen von Königen und über die Schwierigkeit, nicht nur den Grund, sondern auch die Zeit ihrer Entstehung festzustellen, veranlaßt, in seinem glatten Höflingstone folgende philosophische Betrachtung anzustellen: »Der Beiname Bien-aimé[1] (Vielgeliebter), den Ludwig XV. führt, wird die Nachwelt nicht in gleichem Zweifel lassen. Als dieser Fürst im Jahre 1744 sein Königreich von einem Ende zum anderen durchflog und seinen Eroberungszug in Flandern nur unterbrach, um Elsaß zu Hilfe zu eilen, wurde er in Metz von einer Krankheit aufgehalten, die seinen Lebensfaden jäh abzuschneiden drohte. Bei der Nachricht davon glich Paris unter dem Eindruck des Schreckens, von dem es ganz erfüllt war, einer im Sturm eingenommenen Stadt: die Kirchen hallten wider von Bittgebeten und Wehklagen; Schluchzen unterbrach jeden Augenblick die Gebete der Priester und des Volkes; und aus dieser so liebevollen und zärtlichen Teilnahme bildete sich von selbst der Beiname Bien-aimé, ein Ehrentitel, der alle übrigen, die sich dieser große Fürst erworben hat, noch überstrahlt.«Abrégé Chronologique de l’Histoire de France (Paris 1775), pag. 701.

So steht es geschrieben zur bleibenden Erinnerung an das Jahr 1744. Weitere dreißig Jahre sind gekommen und 2 gegangen, und wieder liegt »dieser große Fürst« krank danieder; aber wie verändert ist jetzt alles! Paris bewahrt stoische Ruhe; die Kirchen hallen wider nicht von überlauten Wehklagen; kein Schluchzen unterbricht die Gebete, weil keine dargebracht werden – außer Litaneien, die der Priester zu festgesetztem Preise für die Stunde abliest oder absingt, – und diese geben keinen Anlaß zu derartigen Unterbrechungen. Schweren Herzens hat sich der Hirt des Volkes von Klein-Trianon heimführen und in seinem eigenen Schlosse zu Versailles betten lassen; – die Menge weiß es und achtet es nicht. Höchstens mag aus der unerschöpflichen Flut des französischen Tagesgespräches (die mit dem Tage nicht verrinnt, sondern nur während der kurzen Stunden der Nacht abnimmt) von Zeit zu Zeit auch die Nachricht von der Erkrankung des Königs auftauchen, – eine Tagesneuigkeit wie jede andere. Ohne Zweifel geht man auch Wetten ein, ja manche »äußern sich sogar laut auf den Straßen.«Mémoires de M. le Baron Besenval (Paris, 1805), II. 59-90. Im übrigen scheint die liebe Maiensonne auf grünende Felder und die vieltürmige Stadt, der Maienabend verblaßt, und die Menschen gehen ihren nützlichen oder unnützen Geschäften nach, als schwebte kein Ludwig in Gefahr.

Dame Dubarry[2], die mochte wohl beten, wenn sie Talent dazu besaß; auch der Herzog von Aiguillon, Maupeou und das Parlament Maupeou; sie auf ihren Hochsitzen, das geknebelte Frankreich zu ihren Füßen, sie kennen das Fundament, das sie auf ihrer Höhe hält. Lug nur aus, D’Aiguillon, lug scharf aus wie damals, als du von der Mühle zu St. Cast nach Quiberon und die andringenden Engländer auslugtest, du »zwar nicht ruhm-doch mehlbedeckter« Held! Das Glück galt immer für unbeständig, und jedem lächelt es nur einmal.

Gar verlassen schmachtete noch vor wenigen Jahren der Herzog von Aiguillon, mit Mehl bedeckt, sagten wir; nein, mit Schlimmerem; beschuldigte ihn doch der bretonische Parlamentarier La Chalotais nicht nur der Feigheit und Tyrannei, sogar auch der Konkussion[3] (der Unterschlagung öffentlicher Gelder), Beschuldigungen, die sich durch Hintertreppeneinflüsse leichter »niederschlagen« als widerlegen ließen; auch die Zungen der Menschen ließen sich nicht binden, geschweige denn ihre Gedanken. So mußte denn der Großneffe des großen Richelieu in traurigem Dunkel umherschleichen, nicht 3 geachtet von der Welt, verachtet oder gar vergessen vom unbeugsamen Choiseul, dem schroffen, stolzen Mann. Blieb ihm noch eine andere Aussicht, als in die Gascogne zurückzukehren, seine SchlösserArthur Young; Travels during the years 1787-88-89 (Bury St. Edmunds 1792) I. 44. wieder aufzubauen, in seinen Wäldern zu jagen und ruhmlos zu sterben? Indessen mußte im Jahre 1770 ein aus Korsika heimkehrender junger Soldat Namens Dumouriez »mit Betrübnis sehen, wie zu Compiègne Frankreichs alter König an der Seite eines prächtigen Phaetons stehend, mit abgezogenem Hute im Angesichte seiner Armee einer Dubarry – huldigte.La Vie et les Mémoires du Général Dumouriez (Paris 1822) I. 141.

Das sagte viel. So konnte, um nur eines zu erwähnen, d’Aiguillon den Wiederaufbau seines Schlosses verschieben und zuerst wieder an seinem Glücke bauen; denn der trotzigstolze Choiseul wollte in der Dubarry nichts anderes erblicken als das prächtig herausgeputzte »Weib in Scharlach«Anmerkung des Übersetzers: Offenb. Joh. 17, 4 u. 5. und ging seiner Wege, als existierte sie nicht. Unerträglich! eine Quelle von Seufzern, Thränen, von Grollen und Schmollen, die nicht aufhören wollte, als bis »Frankreich« (La France, wie sie ihren königlichen Lakai nannte) sich endlich ein Herz faßte, vor Choiseul zu treten, um mit dem ihm eigenen – in diesem FalleBesenval Mémoires II. 21. aber natürlichen – »Zittern des Kinns« (tremblement du menton) eine Entlassung zu stottern, die Entlassung seines letzten, ganzen Mannes als Preis für die Besänftigung seines »Scharlach-Weibes.« So stieg d’Aiguillon zum zweitenmal und stieg bis zum Gipfel. Mit ihm stieg Maupeou, der euch Parlamente davonjagt und einen widerhaarigen Präsidenten »zu Croe in Combrailles auf die Spitze steiler Felsen pflanzt, die man nur mit Tragstühlen erreichen kann,« damit er sich dort eines besseren besinne. Auch Abbé Terray, der ausschweifende Finanzmann, steigt mit auf, der acht Pence für den Schilling zahlt, sodaß Witzbolde in einem Gedränge vor dem Theater rufen: »Wo ist Abbé Terray, daß er uns auf zwei Drittel reduciere?« So haben sich die Gesellen (durch schwarze Kunst fürwahr), ein Domdaniel oder ein Zauberreich Dubarry – nennen wir es Armida-Palast – geschaffen, in dem sie ein Leben voll Lust und 4 Wonne führen, wo der Kanzler Maupeou mit der scharlachenen Zauberin »Blindekuh« spielt oder ihr galant Negerzwerge zum Geschenk anbietet, wo ein allerchristlichster König eines unaussprechlich süßen Friedens genießt, mag es draußen gehen, wie es wolle. »Mein Kanzler ist ein Schuft, aber ich kann ihn nicht entbehren.«Dulaure; Histoire de Paris (Paris, 1824), VII. 328.

Herrlicher Armida-Palast, dessen Bewohner, eingewiegt in die süße Musik der Schmeichelei und überhäuft von allen Herrlichkeiten der Welt, ein Märchenleben führen, während doch der ganze Zauber – es ist wunderbar – wie an einem einzigen Haare hängt. Wie? wenn der allerchristlichste König stürbe, ja nur fürchtete zu sterben? Mußte nicht einst auch die schöne, hochmütige Chateauroux, von murrenden Pfaffen vertrieben, von jener Fieberscene in Metz mit thränenfeuchten Wangen und flammendem Zorn im Herzen fliehen? Nur mit harter Mühe kehrte sie zurück, nachdem Fieber und Pfaffen wieder in den Hintergrund gedrängt waren. Mußte nicht sogar eine Pompadour damals, als Damiens die königliche Majestät »unter der fünften Rippe leicht« verwundet hatte und unsere Fahrt nach Trianon ganz unnötigerweise unter Angstgeschrei und wie toll geschwungenen Fackeln vor sich ging, packen und zum Gehen bereit sein? Sie ging nicht, weil es sich herausstellte, daß die Wunde kein Gift enthielt; denn Seine Majestät ist gläubig, sie glaubt wenigstens – an den Teufel. Und nun eine dritte Gefahr, und wer weiß, was sie birgt. Machen doch die Doktoren ernste Gesichter, fragen insgeheim, ob nicht Seine Majestät vor langer Zeit die Blattern gehabt habe, und zweifeln, daß es die echten gewesen. Ja, Maupeou, runzle nur deine finstere Stirn und sieh scharf zu mit deinen unheimlichen Rattenaugen! Der Fall ist zweifelhaft; gewiß ist nur, daß der Mensch sterblich ist, daß mit dem Tode eines einzigen Sterblichen der wundervollste Talisman für immer zerbricht und das ganze Dubarry-Reich krachend in den unendlichen Raum hinabstürzt, und ihr, gleich Spukgestalten der Hölle, spurlos verschwindet und nichts zurücklasset als – Schwefelgestank.

Diese und ihre Schleppträger mögen beten zu Beelzebub, oder wer immer sie hören will; das übrige Frankreich aber betet nicht, oder es betet in ganz anderer Art, wie sich dies »laut in den Straßen äußert.« Weder in Schlössern noch in Palästen, wo ein aufgeklärtes Freidenkertum über gar manche 5 Dinge grübelt, fühlt man Neigung zum Beten, und Siege wie bei Roßbach oder Terray’sche Finanzen oder die, sagen wir, nur »60,000 lettres de Cachet[7],« (die auf Maupeous Rechnung kommen) laden auch nicht dazu ein. O Hénault! Gebete? Was für ein Gebet kann von einem Frankreich kommen, das (durch schwarze Kunst), von Plagen über Plagen heimgesucht, nun in Schmach und Schmerz daliegt, den Fuß einer Dirne auf dem Nacken? Sollen etwa jene ausgezehrten Jammergestalten beten, die hungergequält auf allen Haupt-und Seitenstraßen des französischen Daseins umherstreichen? Oder die Millionen Stumpfsinniger, die sich in der Werkstatt oder auf dem Ackerfeld am Rade der Arbeit bis zur Erschöpfung abquälen wie der Gaul am Göpel, der am ruhigsten geht, wenn er blind ist? Oder die Unglücklichen, die im Bicêtre-Hospital liegen (acht kommen auf ein Bett!) und auf Erlösung warten? Blöde sind ihre Köpfe, stumpf und leer sind ihre Herzen; sie kennen den großen Fürsten nur als den großen Brotwucherer. Wenn sie von seiner Krankheit hören, werden sie teilnahmslos erwidern: Tant pis pour lui, oder fragen: »Wird er sterben?«

Ja, wird er sterben? Das ist jetzt für ganz Frankreich die große Frage und Hoffnung, durch sie allein erregt des Königs Krankheit noch einiges Interesse.

Zweites Kapitel. Verwirklichte Ideale

Inhaltsverzeichnis

Ein so verändertes Frankreich haben wir und einen veränderten Ludwig; wirklich verändert und zwar mehr als du siehst. Das Auge der Geschichte sieht allerdings in jenem Krankenzimmer Ludwigs gar manches, was die dort anwesenden Hofleute damals nicht sahen; denn treffend sagt das Wort: »In jedem Gegenstande liegt eine unerschöpfliche Bedeutung, und das Auge sieht davon nur das, was es nach den Mitteln, die es zum Sehen mitbringt, sehen kann. Wie verschieden war das Weltenpaar, das Newton und sein Hund Diamond sahen, während doch das Netzhautbild bei beiden höchst wahrscheinlich das gleiche war! So wolle denn der Leser versuchen, in jenem Krankenzimmer Ludwigs auch mit dem geistigen Auge zu sehen.

Es gab eine Zeit, da man sich aus einem bestimmten Menschen, wofern man ihn nur mit den entsprechenden 6 Stoffen bis zur gehörigen Höhe auffütterte und aufputzte, beinahe so, wie es die Bienen thun, einen König sozusagen machen konnte und, was dem Zwecke noch besser diente, dem Gemachten Treue und Gehorsam entgegenbrachte. Der also aufgefütterte und aufgeputzte Mensch, nunmehr König genannt, herrscht thatsächlich; so behauptet man z. B. nicht nur von ihm, sondern glaubt es auch, er »mache Eroberungen in Flandern,« während er sich doch nur wie ein Gepäckstück dorthin bringen läßt. Und wahrlich kein leichtes! Meilenweit bedeckt es die Straße; denn an seiner Seite hat er die schamlose Chateauroux mit ihren Putzschachteln und Schminktöpfen, und auf jeder Station muß zwischen ihren Wohnungen eine Holzgalerie aufgestellt werden. Überdies führt er nicht nur seine Maison Bouche[4] und seine zahllose Valetaille[5] mit, sondern auch seine eigene Schauspielertruppe mit ihren pappenen Coulissen, mit ihren Donnerfässern, Kesseln, Fiedeln, Garderoben und tragbaren Speisekammern (und dem dazu gehörigen Geschrei und Gezänke); alles auf Lastwagen, Karren und alte Chaisen gepackt, genug, um, wenn nicht Flandern zu erobern, doch die Geduld der Welt zu erschöpfen. Mit dieser Flut klirrenden und rasselnden Plunders humpelt und rumpelt er weiter und macht seine Eroberungen in Flandern. Ein seltsamer Anblick. Und doch war es so und ist seit jeher so gewesen; manchem einsamen Denker mag es befremdlich erschienen sein; aber auch er konnte es nur unvermeidlich, nicht unnatürlich finden.

Gar bildsam ist ja unsere Welt, und der gestaltungsfähigste Bildner unter allen Geschöpfen ist der Mensch. Eine Welt, nicht bestimmbar, nicht ergründbar; ein unergründbares Etwas, was »Nicht wir« ist, in das wir aber eingreifen, worin wir leben, das wir wunderbar in unserem wunderbaren Wesen gestalten können und das wir Welt nennen. Wenn aber, wie die Metaphysik lehrt, selbst die Felsen und Flüsse, streng genommen, von unseren äußeren Sinnen erschaffen werden, um wieviel mehr werden alle Erscheinungen geistiger Art: Würden, Autoritäten, Heiliges und Unheiliges, von unserem inneren Sinne hervorgebracht, der noch dazu nicht stetig ist wie die äußeren, sondern fortwährend wächst und sich verändert. Nimmt nicht der schwarze Afrikaner Stöcke und alte Kleider (sagen wir aus Monmouth Street ausgeführte Trödelware) und schafft sich daraus durch künstliche Verbindung ein Eidolon (Idol oder ein sichtbares Etwas), das er Mumbo-Jumbo nennt, zu dem er von nun an mit 7 scheu erfüllten Augen aufblicken und hoffnungsvoll beten kann? Der weiße Europäer spottet darüber; und doch sollte er nachdenken und zusehen, ob er nicht dasselbe daheim ein wenig vernünftiger thun könnte.

So war es, sagen wir, vor dreißig Jahren bei jenen Eroberungen in Flandern, so ist es nicht mehr! Ach, jetzt liegt mehr, viel mehr krank als der arme Ludwig: nicht der französische König allein, auch das französische Königtum; auch dieses bricht zusammen, erschüttert und morsch geworden durch die langen und rauhen Stürme der Zeit. Wie so ganz verändert ist die Welt! Vieles, was lebenskräftig schien, ist hinfällig geworden, vieles, was nicht war, beginnt zu werden. Was sind das für Töne, neu in unseren Jahrhunderten, die jenseits des atlantischen Oceans erbrausen und dumpf und unheilkündend bis zum Ohre des sterbenden Ludwig, des Königs von Gottes Gnaden, dringen? Seht, unversehens ist Bostons Hafen von Thee geschwärzt; ein pennsylvanischer Kongreß tritt zusammen, und bald darauf verkündet bei Bunker Hill die Demokratie unter ihrem Sternenbanner durch todbringende Gewehrsalven bei den Klängen des Yankee-doodle-doo, daß sie geboren ist und wie ein Wirbelsturm die ganze Welt erfassen wird.

Fürsten sterben und Fürstenthrone stürzen, wie alles stirbt und nur seine Zeit hat, »ein Zeitphantom ist, das sich aber für wirklich hält.« Die merovingischen Könige mit ihrem lang herabwallenden Haar, die auf ihren Ochsenwagen langsam durch die Straßen von Paris zogen, sie alle sind weitergezogen – in die Ewigkeit. Karl der Große schläft mit gesenktem Scepter in Salzburg, und nur die Sage erwartet sein Wiedererwachen. Wo ist das drohende Auge, die gebietende Stimme Karls des Hammers, Pipins des Kurzen? Rollo und seine struppigen Nordmänner bedecken nicht mehr die Seine mit ihren Schiffen, sie sind abgesegelt – zu einer gar weiten Fahrt. Der Flachskopf (Tête d’étoupes) bedarf nicht mehr des Kammes, und der Eisenschneider (Teillefer) kann kein Spinnengewebe mehr durchschneiden. Die zanksüchtige Fredegunde, die zanksüchtige Brunhilde haben ihren heißen Lebensstreit ausgestritten und liegen still und stumm da; die heißen Gluten ihres blindwütenden Lebenshasses sind erkaltet. Auch vom schwarzen Turm von Nesle gleitet jetzt nicht mehr im Sacke ein dem Tode verfallener Ritter zu den Wassern der Seine herab, um im Dunkel der Nacht zu verschwinden; – Dame de Nesle begehrt nicht mehr nach den 8 Liebesfreuden der Welt, fürchtet nicht mehr die Lästerzungen der Welt; Dame de Nesle ist selbst in Nacht verschwunden. Sie alle sind dahingegangen, hinabgesunken, hinab, tief hinab, und mit ihnen all der Lärm, den sie gemacht haben. Immer neue Geschlechter schreiten dröhnenden Trittes über sie hinweg, und sie hören es nie und nimmermehr.

Und ist nicht trotz alledem doch etwas verwirklicht worden? Betrachtet nur (um nicht weiter zu gehen) diese gewaltigen Steinbauten und das, was sie enthalten! Die Kotstadt der Grenzbewohner (Lutetia Parisiorum[10] oder Barisiorum) hat sich gepflastert und weit und breit ausgedehnt über alle Inseln der Seine und über beide Ufer und ist die Stadt Paris geworden, die sich bisweilen rühmt, das »Athen von Europa,« ja die »Hauptstadt der Welt« zu sein. Tausendjährige, altersgraue Steintürme dräuen finster empor; Kathedralen sind da und in ihnen ein Glaube (oder die Erinnerung an einen Glauben), Paläste und ein Staat und Gesetz. Siehst du die Rauchwolken ununterbrochen aufsteigen gleich dem nie aussetzenden Atem eines lebenden Wesens? Tausende von Arbeitshämmern sausen pochend auf den Amboß nieder; eine noch wunderthätigere Arbeit aber schafft geräuschlos, nicht mit Händen, sondern mit Gedanken. Auf allen Gebieten haben kundige Werkleute mit klugem Kopf und geschickter Hand die vier Elemente gezähmt und zu ihren Gehilfen gemacht; sie haben die Winde an ihren Meereswagen gespannt, ja selbst die Sterne zum Zeitweiser der Schiffer gemacht und haben – eine Bibliothèque du Roi geschrieben und gesammelt, unter deren Büchern sich auch das hebräische Buch befindet. Welch wunderbare Reihe von Schöpfungen! Diese sind wirklich geworden und alles, was sie an Schätzen des Geistes bergen. Nennet daher die Vergangenheit trotz aller Jämmerlichkeiten und Wirren keine verlorene Zeit!

Beachtet indessen wohl, daß unter allen irdischen Gütern und Errungenschaften des Menschen seine Symbole – mögen sie göttlich sein oder göttlich scheinen – zweifellos die erhabensten sind; unter ihrem Banner zieht er in den Lebenskampf und kämpft mit sieghafter Zuversicht: sie dürfen wir seine verwirklichten Ideale nennen. Betrachtet von diesen verwirklichten Idealen nur zwei: die Kirche oder seine geistliche Führung und das Königtum oder seine weltliche Führung. Die Kirche![2q] Giebt es ein Wort, das ihm an Inhalt gleichkommt; faßt es nicht mehr als alle Schätze Golkondas, ja der Welt in sich? Mitten im entlegensten Gebirge erhebt sich 9 ein kleines Kirchlein; rund herum schlummern unter ihren weißen Grabsteinen die Toten »in der Hoffnung einer seligen Auferstehung.« O Leser, du müßtest jeder Empfindung bar sein, wenn dir ein solches Kirchlein nie, zu keiner Zeit (sagen wir in banger Mitternachtsstunde, da es gespensterhaft wie am Himmel hing und alles Sein von der Finsternis verschlungen schien), von Dingen erzählte, für die es keine Worte giebt, und welche dir doch bis ins Innerste der Seele drangen! Stark war, wer eine Kirche hatte, was wir eine Kirche nennen können; durch sie stand er, obwohl »im Mittelpunkte der Unendlichkeiten und im Zusammenfließen der Ewigkeiten,« doch furchtlos Gott und den Menschen gegenüber. Das vage, uferlose Weltall war ihm eine sichere, feste und wohlbekannte Heimstätte. Eine solche Kraft lag im Glauben, in den mit Überzeugung gesprochenen Worten: »Ich glaube.« Wohl durften die Menschen ihr Credo preisen, ihm die herrlichsten Tempel und ehrfurchtgebietende Hierarchien errichten und den Zehnt von ihrer Habe opfern: es war wert, dafür zu leben, dafür zu sterben.

Auch das war kein bedeutungsloser Augenblick, da zum erstenmal wilde, bewaffnete Männer ihren Stärksten auf den Schild hoben und mit klirrenden Waffen und jubelnden Herzen feierlich erklärten: »Sei du unser Stärkster, dich wollen wir anerkennen!« Welches Symbol – bedeutungsvoll für die Geschicke der Welt – leuchtete ihnen nun vor in diesem anerkannt Stärksten (den man mit gutem Recht König nannte, Kön–ning oder den Mann, der etwas kann). Ein Symbol treuer Führung als Erwiderung für liebenden Gehorsam: eigentlich, wenn man es recht erwägt, des Menschen erstes Bedürfnis, ein Symbol, das man heilig nennen durfte; denn liegt nicht in der Ehrfurcht vor dem, was besser ist als wir, eine unzerstörbare Heiligkeit? Darum durfte man wohl behaupten, daß dem anerkannt Stärksten ein göttliches Recht innewohne, ja daß überhaupt jeder Stärkste, ob anerkannt oder nicht, im Hinblick auf den, der ihn stark gemacht, ein göttliches Recht für sich in Anspruch nehmen konnte. Und so erstand inmitten von Widersprüchen und unbeschreiblichen Wirren (wie ja alles Wachstum verworren ist) das Königtum und wuchs, umgeben von Treue und Gehorsam, bezwingend und in sich aufnehmend (denn es war Lebenskraft in ihm), geheimnisvoll weiter, bis es weltgroß geworden war und zu den Hauptfaktoren unseres modernen Lebens zählte, ja bis es zu einem solchen Faktor erstarkte, daß z. B. ein Ludwig XIV. 10 dem Beschwerde führenden Magistrat mit seinem L’état c’est moi[11] (Der Staat? Ich bin der Staat) erwidern durfte, ohne einer anderen Antwort als Schweigen und zu Boden gesenkten Blicken zu begegnen. So weit haben Zufall und Vorbedacht, so weit hat euer Ludwig XI., die bleierne Mutter Gottes am Hutband, Folterrad und menschenmordende Oublietten unter den Füßen, so weit hat euer Heinrich IV. mit seinem verheißenen socialen Millennium, »da jeder Bauer sein Huhn im Topfe haben sollte,« so weit hat überhaupt das Schaffen unseres schaffensreichen, von Gut und Böse bestimmten Daseins die Macht des Königtums gebracht! Wie wunderbar! Können wir, wenn wir dies bedenken, nicht abermals sagen, daß in der unendlichen Fülle des Bösen, das da auf und nieder wogt, immer auch etwas Gutes eingeschlossen ist, das drängt und treibt, bis es sich zur Befreiung und zum Siege durchringt?

Wie sich solche Ideale verwirklichen und inmitten des widerspruchsvollen, stets schwankenden Chaos des Gegenwärtigen wunderbar wachsen, wie sie endlich nach langem und stürmischem Wachstum bis zur höchsten Blüte reifen, dann rasch (denn die Blütezeit währt kurz) verwelken oder kümmerlich dahinsiechen, bis sie zusammensinken oder zu Staub zerfallen und geräuschvoll oder geräuschlos verschwinden, das ist es, was die Weltgeschichte, wenn sie überhaupt etwas lehrt, uns lehren soll. Die Blütezeit währt nicht länger als die Blüte mancher hundertjähriger Cactusarten[1q], die nach einem Jahrhundert der Erwartung nur wenige Stunden prangt. So zählen wir von jenem Tage an, an dem der rauhe Chlodwig auf dem Marsfelde im Angesichte seines ganzen Heeres mit rascher Streitaxt jenem rauhen Franken den Kopf spaltete und dabei die stolzen Worte rief: »So hast auch du zu Soissons das heilige Gefäß (mein und St. Remigius’ Eigentum) gespalten,« bis auf Ludwig den Großen und sein L’état c’est moi gegen zwölf Jahrhunderte: – und jetzt liegt der nächste Ludwig, unser Ludwig im Sterben, und gar vieles stirbt mit ihm!

Was läßt sich aber von jenen Zeiten des Verfalles sagen, in denen kein Ideal mehr sprießt und blüht, in denen Glauben und Treue geschwunden und nur Heuchelei und Verstellung als ihr trügerisches Echo zurückgeblieben sind, von Zeiten, in denen alles Feierliche zum bloßen Schaugepränge herabsinkt und der Glaube der Machthaber nur eines von zweien ist, entweder Schwäche oder Macchiavellismus? Diesen Zeiten 11 kann wohl die Weltgeschichte keine Beachtung schenken; sie müssen vielmehr in den Annalen der Menschheit immer mehr zusammengedrängt, ja schließlich ganz ausgetilgt werden als unecht, was sie in der That sind. Unselige Zeiten, in denen es, wenn je überhaupt, ein Unglück ist, geboren zu werden; geboren zu werden, um nur aus jeder Überlieferung, aus jedem Beispiel zu lernen, daß Gottes Welt ein Werk Belials und eine Lüge, und daß »der höchste Gaukler« auch der Menschheit Hoherpriester sei! Und doch, sehen wir nicht ganze Generationen (zwei, bisweilen auch drei nacheinander) in diesem trostlosesten aller Glauben leben – was sie eben leben nennen – und vergehen – ohne Hoffnung auf ein Wiedererstehen?

In einer solchen Periode des Verfalles oder doch in einer Zeit, die dem Verfalle raschen Schrittes zueilte, war unser armer Ludwig geboren. Zugegeben, daß dem französischen Königtum schon nach dem natürlichen Laufe der Dinge keine lange Lebensdauer mehr beschieden war, so war doch unter allen Menschen gerade Ludwig der Mann, um diesen Lauf der Natur zu beschleunigen. Einer Cactusblüte gleich hatte sich das französische Königtum in staunenerregender Art entfaltet; in jenen Tagen von Metz trug diese Blüte, zwar schon welk geworden in den Händen von Orléans-Regenten, Roués-Ministern und -Kardinälen, doch noch alle ihre Blumenblätter; jetzt aber im Jahre 1774 sehen wir sie aller Blätter und jeder Lebenskraft beraubt.

Wahrlich, traurig steht es um jene »verwirklichten Ideale,« gleich traurig um das eine wie um das andere. Die Kirche, die in ihrer Blütezeit vor 700 Jahren einen Kaiser im Büßerhemd und barfuß drei Tage lang im Schnee stehen und warten lassen konnte, sieht schon seit Jahrhunderten ihren Verfall und ist sogar gezwungen, ihrer alten Ziele und Feindschaften zu vergessen und ihre Interessen mit denen des Königtums zu verbinden, froh, an dieser jüngeren Kraft eine Stütze für ihre Schwäche und Hinfälligkeit zu finden; – von nun an werden beide miteinander stehen und fallen. Und die Sorbonne, ach du lieber Himmel, sie steht zwar noch immer an ihrer alten Stätte; aber sie ist greisenhaft geworden, sie lallt nur mehr, statt die Gewissen der Menschen zu leiten. Nein, nicht die Sorbonne, sondern Encyklopädien, Philosophien und Gott weiß, welche namenlose, unzählbare Menge gewandter Journalisten, Poeten, Schriftsteller, Komödianten, Disputanten und Pamphletisten haben jetzt die geistige Führung der Welt übernommen; und die wirkliche Regierung 12 des Staates ist auch verloren gegangen oder in die Hände derselben buntgemischten Gesellschaft geraten. Giebt es noch einen, den der König leitet, er der Könnende, auch Roi, Rex oder Führer genannt? Seine eigenen Jäger und Piqueure sagen, falls keine Jagd stattfindet, ganz treffend: »Le roi ne fera rien« (der König wird nichts thun).Mémoires sur la Vie privée de Marie Antoinette, par Madame Campan (Paris, 1826), I. 12. Er lebt, lebt in den Tag hinein, wie er eben noch lebt und weil bisher noch niemand Hand an ihn gelegt hat.

Auch der Adel hat aufgehört zu führen oder zu verführen und ist jetzt wie sein Herr und Meister nicht viel mehr als eine Dekorationsfigur. Die Zeiten, da Edelleute sich untereinander oder ihren König abschlachteten, sind lange vorüber. Von des Thrones Majestät beschirmt und begünstigt, haben Bürger seit Jahrhunderten festummauerte Städte gebaut; hier leben sie ihrem Gewerbe und dulden nicht mehr, daß Strauchritter »vom Sattel leben,« sondern errichten Galgen, um ihnen zu wehren. Schon seit der Zeit der Fronde hat der Edelmann sein Schlachtschwert gegen den Hofdegen vertauscht und begleitet jetzt als getreuer dienstbereiter Trabant seinen König, mit dem er die Beute teilt, freilich nicht mehr durch Gewalt und Mord, sondern durch Schliche und unterthänige Bitten. Und diese Leute nennen sich Stützen des Thrones! Sonderbare Karyatiden aus vergoldeter Pappe in diesem wunderlichen Baue. Übrigens sind ihre Privilegien nach jeder Richtung stark beschnitten. Das Gesetz, das dem Seigneur das Recht zusprach, nach der Rückkehr von einer Jagd zwei, aber nicht mehr, Leibeigene zu töten, um in ihrem Blute und in ihren Eingeweiden seine Füße zu erfrischen, ist ganz und gar außer Gebrauch gekommen, man glaubt nicht einmal mehr daran; denn mag auch der Deputierte Lapoule daran glauben und dessen Abschaffung fordern, wir können es nicht.Histoire de la Révolution Française, par Deux Amis de la Liberté (Paris, 1792), II. 212. Auch hat in den letzten fünfzig Jahren kein Charolais, mochte er ein noch so leidenschaftlicher Schütze sein, die Gewohnheit gezeigt, auf Schiefer-und Bleidecker zu schießen und ihrem Herabrollen vom DacheLacretelle: Histoire de France pendant le 18me Siècle (Paris, 1819), I. 271. vergnüglich zuzusehen; jetzt begnügt sich jeder mit Wald-und Feldhühnern. Genau betrachtet, besteht ihre ganze Thätigkeit und ihr Beruf darin, sich zierlich zu 13 kleiden und üppig zu schmausen. Ihre Ausschweifungen, ihre Verderbtheit suchen ihresgleichen seit den Tagen eines Tiberius und Commodus. Trotz alledem kann man die Frau Marschallin einigermaßen begreifen, wenn sie sagt: »Verlassen Sie sich darauf, mein Herr, Gott wird sich zweimal besinnen, bevor er einen Mann solchen Ranges verdammt.«Dulaure, VII. 261. Und doch müssen auch diese Leute ihre Tugenden und ihre Nützlichkeit gehabt haben; denn sonst hätten sie sich nicht halten können. Ja, eine Tugend verlangt man noch heute von ihnen (denn kein Sterblicher kann ohne Gewissen leben) die Tugend, zum Duell stets bereit zu sein.

So sind die Hirten des Volkes; wie steht es aber um die Herde? Um die Herde steht es, wie es nicht anders sein kann, schlecht und immer schlechter; sie wird nicht gehütet, sie wird nur regelmäßig geschoren. Sie muß Frondienste leisten, Steuern zahlen, wegen Zänkereien und Streitigkeiten, die sie nichts angehen, Schlachtfelder (»Bett der Ehre« genannt) mit ihren Leibern düngen; kurz ihre Hände und ihrer Hände Arbeit gehören jedermann, während sie selbst wenig oder gar nichts ihr Eigen nennt. Unbelehrt, ungetröstet, ungesättigt, vergessen und verlassen in Schmutz, Elend und Entbehrung zu schmachten, das ist das Los der Millionen: peuple taillable et corvéable à merci et miséricorde. In der Bretagne kam es einst bei der ersten Einführung der Pendeluhren zu einem Aufruhr, weil das Volk glaubte, diese hätten etwas mit der Gabelle[9] zu schaffen. Paris muß von Zeit zu Zeit gesäubert werden; die Horde hungergequälter Vagabunden wird fortgeschafft und sucht auf eine Zeitlang das Weite. »Bei einer dieser periodischen Säuberungen im Mai 1750,« sagt Lacretelle, »hatte sich die Polizei herausgenommen, auch Kinder achtbarer Leute fortzuschaffen, in der Hoffnung, ein Lösegeld zu erpressen. Die Mütter erfüllen die öffentlichen Plätze mit dem Geschrei der Verzweiflung; Volksmassen sammeln sich, geraten in Aufregung; viele Frauen laufen wie rasend umher und vermehren den Tumult; eine ebenso widersinnige wie entsetzliche Fabel entsteht unter dem Volke. Ärzte, so heißt es, hätten einer hohen Person zur Wiederherstellung des eigenen, durch Ausschweifungen ganz verdorbenen Blutes Bäder von Kinderblut verordnet. »Einige der Aufrührer,« fügt Lacretelle kaltblütig hinzu, »wurden an den nächstfolgenden Tagen gehenkt;« die Polizei 14 trieb es so weiter.Lacretelle, III. 175. O ihr armen, nackten Unglücklichen! Das also ist euer Aufschrei zum Himmel, unartikuliert wie der eines stummen, gemarterten Tieres, das aus den tiefsten Tiefen der Pein und Erniedrigung klagt? Wirft der azurne Himmel wie ein lebloses Krystallgewölbe nur das Echo davon auf euch zurück? Antwortet er nur mit einem »an den nächstfolgenden Tagen gehenkt?« – Nein, nicht so, nicht für immer. Der Himmel hat euch gehört, und die Antwort wird auch kommen – in den Schrecken einer grauenvollen Verwirrung, in den Erschütterungen einer Welt und in einem Kelch voll Leiden, den alle Nationen zitternd und bebend trinken sollen.

Beachten wir indessen, wie sich aus den Trümmern und dem Staube dieses allgemeinen Verfalles neue, der neuen Zeit und ihren Zielen entsprechende Gewalten bilden. Außer dem alten, ursprünglich aus Kämpfern bestehenden Adel giebt es einen neuen anerkannten Beamtenadel, der eben jetzt seinen Gala-und stolzen Schlachttag feiert; ferner einen Geldadel, der zwar nicht anerkannt ist, aber durch seine geldgefüllten Taschen Macht genug besitzt, und schließlich den mächtigsten, aber am wenigsten anerkannten Geistesadel, der zwar keinen Stahl an der Seite, kein Gold in der Tasche, aber im Kopfe die wunderwirkende Macht des Gedankens trägt. Das französische Freidenkertum ist erstanden; ein kleines, unbedeutendes, aber inhaltsschweres Wort! In ihm liegt thatsächlich das Hauptsymptom der ganzen, weitverbreiteten Krankheit. Der Glaube ist geschwunden, der Zweifel ist gekommen. Das Böse hat die Oberhand und nimmt zu; aber niemand hat Glauben genug, ihm zu widerstehen, es zu bessern oder wenigstens mit der eigenen Besserung zu beginnen; so muß das Böse immer mehr um sich greifen. Während völlige Erschlaffung und Leere das Los der Oberen, Not und Stumpfsinn das Los der Niederen und allgemeines Elend nur zu gewiß ist, was ist sonst noch gewiß? Daß man an eine Lüge nicht glauben kann! Das ist alles, was das Freidenkertum weiß; im übrigen glaubt es nur, daß in geistigen, übersinnlichen Dingen kein Glaube möglich sei. Wie traurig! Und doch liegt bis jetzt noch in dem Widerspruch gegen die Lüge eine Art von Glauben; wann aber einmal die Lüge sammt dem Widerspruch hinweggefegt ist, was wird dann zurückbleiben? Nichts als die 15 ungesättigten fünf Sinne und der sechste unersättliche Sinn, die Eitelkeit, nichts als des Menschen ganze dämonische Natur, die, an sich wild und grausam, nun aber auch noch ausgerüstet mit allen Waffen und Werkzeugen der Civilisation, ohne Gesetz und ohne Zügel blind wüten wird: ein in der Geschichte neues Schauspiel.