Beschreibung

Sebastian Bergman, Kriminalpsychologe:
SEIN GEGNER IST IHM EBENBÜRTIG.
Wieder wurde in Stockholm eine Frau ermordet, es ist bereits das dritte Opfer. Auch sie trug ein hellblaues Nachthemd, wurde brutal vergewaltigt, ihre Kehle aufgeschlitzt.
Kommissar Höglund und seine Kollegen stehen unter großem Druck, denn die Abstände zwischen den Taten werden kürzer. Und die Handschrift deutet auf einen berüchtigten Serienmörder: Edward Hinde, manipulativ, grausam, hochintelligent. Doch Hinde sitzt seit Jahren im Hochsicherheitstrakt.
Höglund bleibt nichts anderes übrig, als jenen Mann ins Team zu holen, der Hinde einst hinter Gitter brachte – Kriminalpsychologe Sebastian Bergman. Für den Kommissar und sein Team ist der arrogante Einzelgänger eine Zumutung, für Bergman wird der Fall zum Albtraum: Denn der Name des vierten Opfers ist ihm nicht unbekannt  ...
«Ein echter Pageturner und noch viel spannender als das erste Buch.» (Skaraborgs Allehanda)
«Ein schrecklich spannender neuer Thriller von Schwedens heißestem Duo.» (Aftonbladet)
«Dieser Krimi ist unglaublich gut, unglaublich spannend, und das Klischee, dass man ihn nicht aus der Hand legen kann, passt hier wirklich.» (Värmlands Folkblad)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 888


Michael Hjorth • Hans Rosenfeldt

Die Frauen, die er kannte

Ein Fall für Sebastian Bergman

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Sebastian Bergman, Kriminalpsychologe:

 

SEIN GEGNER IST IHM EBENBÜRTIG.

 

Wieder wurde in Stockholm eine Frau ermordet, es ist bereits das dritte Opfer. Auch sie trug ein hellblaues Nachthemd, wurde brutal vergewaltigt, ihre Kehle aufgeschlitzt.

Kommissar Höglund und seine Kollegen stehen unter großem Druck, denn die Abstände zwischen den Taten werden kürzer. Und die Handschrift deutet auf einen berüchtigten Serienmörder: Edward Hinde, manipulativ, grausam, hochintelligent. Doch Hinde sitzt seit Jahren im Hochsicherheitstrakt.

Höglund bleibt nichts anderes übrig, als jenen Mann ins Team zu holen, der Hinde einst hinter Gitter brachte – Kriminalpsychologe Sebastian Bergman. Für den Kommissar und sein Team ist der arrogante Einzelgänger eine Zumutung, für Bergman wird der Fall zum Albtraum: Denn der Name des vierten Opfers ist ihm nicht unbekannt ...

 

«Ein echter Pageturner und noch viel spannender als das erste Buch.» (Skaraborgs Allehanda)

 

«Ein schrecklich spannender neuer Thriller von Schwedens heißestem Duo.» (Aftonbladet)

 

Über Michael Hjorth • Hans Rosenfeldt

Michael Hjorth, geboren 1963, ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell. Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, schreibt ebenfalls Drehbücher, zuletzt für die ZDF-Koproduktion «The Bridge», und ist in Schweden ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator.

«Die Frauen, die er kannte» ist der zweite Band in der Reihe um den Stockholmer Kriminalpsychologen Sebastian Bergman, die von Sveriges Television in Kooperation mit dem ZDF verfilmt wird.

Ihr gemeinsames Krimidebüt «Der Mann, der kein Mörder war» wurde ein Riesenerfolg, auch international. Das Buch erschien in 20 Ländern, war monatelang auf den Bestsellerlisten und wurde von der Presse hoch gelobt:

 

«Der beste Schwedenkrimi des Jahres.» (Die Welt)

 

«Ein beeindruckendes Krimidebüt ... psychologisch dicht, mit unerwarteten Wendungen und einem ungewöhnlichen Ermittler.» (3sat, Kulturzeit)

 

«Was für ein Buch! ... Schlaflose – weil durchlesene – Nächte sind garantiert.» (Leser-Welt)

 

«Spannung über die gesamte Distanz – Bergman & Co, gerne wieder!» (Krimi-Couch.de)

 

«Großartig geschrieben, makellos.» (Politiken, Dänemark)

 

«Verblüffend intelligent.» (De Telegraaf, Niederlande)

 

«Sensationell gut!» (Hallands Nyheter, Schweden)

 

Inhaltsübersicht

Als das Taxi ...Die U-Bahn ruckelte ...Eine Frau war ...Torkels Handy übertönte ...Der große Mann ...Als Torkel die ...Der große Mann ...Billy ging suchend ...Das Schlafzimmer. ...Es war kurz ...Sebastian wurde davon ...Vanja wohnte in ...Der dritte Tag ...Also verfolgst du ...Ratet mal, wer ...Polhemsgatan. Schon wieder. ...Billy saß mit ...Schluss für heute. ...Edward Hinde war ...Trolle weigerte sich ...Annette Willén liebte ...Stefan wusste, wo ...Letzte Woche habe ...Ursula war auf ...Torkel überlegte eine ...Sabine kam im ...Torkel fuhr auf ...Er müsste dringend ...Der große Mann ...Der Aufzug war ...Als Torkel auf ...Sie saßen schweigend ...Sie waren in ...Vanja traf vor ...Von seiner Fahrt ...Ursula war mit ...Sebastian spürte, wie ...Ursulas Reaktion hatte ...Torkel und Billy ...Es brauchte eine ...Am nächsten Morgen ...Eine knappe Stunde ...Edward Hinde saß ...Annika Norling hatte ...Kurz nach Mittag ...Ich werde einfach ...Vanja war stehen ...Ursula stand im ...Es klopfte an ...Vanja fuhr zu ...Ursula saß am ...Storskärsgatan 12. ...Vor der Storskärsgatan, ...Anna Erikssons Gedanken ...Der große Mann ...Sebastian stieg die ...Ursula ließ sich ...Draußen war es ...Als letzter Punkt ...Torkel saß bei ...Edward arbeitete wie ...Draußen brach die ...Trolle hatte nur ...Anna Eriksson holte ...Ralph hatte die ...Trolle hatte bereits ...Ralph sah den ...Schon als sie ...Edward saß in ...Jennifer Holmgren gähnte. ...Billy hatte geduscht ...Billy parkte neben ...Haraldsson war klar, ...Billy und Vanja ...Sebastian konnte sich ...Er hatte gegen ...Planung. Geduld. Entschlossenheit. ...Ellinor hatte an ...Sebastian Bergman hatte ...Edward Hinde möchte ...Sebastian wachte gegen ...Sebastian hatte beschlossen, ...Haraldssons Morgen war ...Edward Hinde saß ...Haraldsson eilte aufgebracht ...Sie wurde bereits ...Torkel hatte die ...Ralph hatte sich ...Vanja traf genau ...Sebastian war um ...Staatsanwalt Hallén war ...Ralph sah sich ...Die Pressekonferenz hatte ...Der Morgen war ...Sebastian hatte Ralph ...Ralph Svensson. ...Edward Hinde saß ...Haraldsson war in ...Bevor Ursula es ...Genau achtzehn Minuten ...Haraldsson stand im ...In der ganzen ...So hatte er ...Er war früher ...Sie joggte unglaublich ...Sebastian riss die ...Er erinnerte sich ...Der Raum war ...Was hat er ...Edwards Mutter, Sofie ...Hinde stand im ...Sie bewegten sich ...Vanja wartete, bis ...In den letzten ...Sie hatten die ...Ralph lag vollkommen ...Nichts. Nichts. Nichts. ...Erst hatte sie ...Sebastian hatte keinerlei ...Billy kam früh ...Ellinor wachte um ...Unser Dank geht ...Leseprobe: Die Toten, die niemand vermisstDiesmal hieß sie ...Der Anruf kam ...Du musst ausziehen.» ...Billy und Vanja ...

Als das Taxi am Abend um kurz vor halb acht in den Tolléns Väg abbog, hätte Richard Granlund nicht geglaubt, dass dieser Tag noch schlimmer werden könnte. Vier Tage in München und Umgebung. Auf Vertreterreise. Die Deutschen arbeiteten auch im Juli weitgehend Vollzeit. Kundengespräche von morgens bis abends. Fabriken, Konferenzräume und unzählige Tassen Kaffee. Er war müde, aber zufrieden. Das Fachgebiet Transport- und Prozessbänder war vielleicht nicht unbedingt sexy, und sein Job weckte nur selten Neugier und wurde bei Abendessen oder anderen Zusammenkünften nie selbstverständlich thematisiert. Aber sie verkauften sich gut, die Bänder. Richtig gut.

Das Flugzeug hätte in München um 9.05 Uhr starten und er um 11.20 Uhr in Stockholm sein sollen. Dann hätte er kurz im Büro vorbeigeschaut und gegen eins zu Hause sein können. Ein spätes Mittagessen mit Katharina und den Rest des Nachmittags mit ihr zusammen im Garten. Das war sein Plan gewesen – bis er erfahren hatte, dass sein Flug nach Arlanda gestrichen worden war.

Er stellte sich am Lufthansa-Schalter in der Schlange an und wurde auf den Flug um 13.05 Uhr umgebucht. Noch vier weitere Stunden am Franz-Josef-Strauß-Flughafen. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Mit einem resignierten Seufzer zog er sein Handy aus der Tasche und schrieb Katharina eine SMS: Sie musste ohne ihn essen. Aber die Hoffnung auf ein paar Stunden im Garten war noch nicht gestorben. Wie war das Wetter? Vielleicht würden sie ja später noch einen Drink auf der Terrasse nehmen? Jetzt, da er Zeit hatte, konnte er auch noch eine Flasche besorgen.

Katharina antwortete sofort. Dumm mit der Verspätung. Sie vermisse ihn. Das Wetter in Stockholm sei phantastisch, ein Drink wäre super. Er solle sie überraschen. Kuss.

Richard ging in einen der Läden, die noch immer mit dem Schild «Tax free» warben, obwohl das sicher für den Großteil der Reisenden keine Bedeutung mehr hatte. Er fand das Regal mit den fertiggemixten Getränken und wählte eine Flasche, die er aus der Werbung kannte. Mojito Classic.

Auf dem Weg zum Zeitschriftenladen kontrollierte er seine Flugdaten auf der Anzeigetafel. Gate 26. Er schätzte, dass er bis dorthin ungefähr zehn Minuten brauchte.

Nach dem Einkauf setzte sich Richard mit einem Kaffee und einem Sandwich in ein Café und blätterte in seiner gerade erstandenen Ausgabe des Garden Illustrated. Die Zeit kroch nur langsam vorwärts. Eine Weile verbrachte er mit einem Schaufensterbummel entlang der vielen Flughafenboutiquen, kaufte noch eine Zeitschrift, diesmal ein Lifestyle-Magazin, zog dann in ein anderes Café um und trank eine Flasche Mineralwasser. Nach einem Gang zur Toilette war es endlich Zeit, zum Gate aufzubrechen. Dort erlebte er eine böse Überraschung: Der Flug um 13.05 Uhr war verspätet, neue Boardingzeit war 13.40 Uhr. Voraussichtliche Abflugzeit 14.00 Uhr. Richard griff wieder zu seinem Handy, informierte Katharina über die neuerliche Verspätung und empörte sich über das Fliegen im Allgemeinen und die Lufthansa im Besonderen. Dann suchte er sich einen freien Platz und setzte sich. Es kam keine SMS zurück.

Er rief sie an, aber sie hob nicht ab.

Vielleicht hatte sie jemanden gefunden, der mit ihr in der Stadt essen ging. Er steckte das Handy ein und schloss die Augen. Es bestand kein Anlass, sich über die Verspätung aufzuregen, er konnte ohnehin nichts daran ändern.

Um kurz vor zwei öffnete eine junge Frau den Schalter und bat die Fluggäste um Entschuldigung für die Verspätung. Als alle im Flugzeug Platz genommen hatten und das Personal gerade routiniert die Sicherheitshinweise erklärte, denen sowieso niemand lauschte, meldete sich der Flugkapitän zu Wort. Eine Kontrolllampe des Flugzeugs blinke. Vermutlich handele es sich nur um einen Defekt der Lampe, aber man wolle kein Risiko eingehen, weshalb ein Techniker unterwegs sei, um die Sache zu überprüfen. Der Pilot entschuldigte sich für die Verspätung und erklärte, er hoffe auf das Verständnis der Passagiere. Im Flugzeug wurde es bald stickig. Richard spürte, wie seine Verständnisbereitschaft und seine trotz allem relativ gute Laune im gleichen Takt verflogen, wie sein Hemd am Rücken und unter den Armen feuchter wurde. Dann meldete sich der Pilot erneut mit zwei Nachrichten. Die gute: Der Fehler sei behoben. Die schlechtere: Inzwischen hätten sie ihre Startposition verloren, weshalb nun noch etwa neun Flugzeuge vor ihnen starten würden, aber sobald sie an der Reihe seien, würden sie ihren Flug nach Stockholm antreten.

Er bat um Entschuldigung.

Sie landeten um 17.20 Uhr in Arlanda, mit zwei Stunden und zehn Minuten Verspätung. Oder sechs Stunden, je nachdem, wie man die Dinge sah.

Auf dem Weg zur Gepäckausgabe rief Richard wieder zu Hause an. Katharina meldete sich nicht. Er versuchte es auf ihrem Handy, doch nach dem fünften Klingeln sprang die Mailbox an. Vermutlich war sie draußen im Garten und hörte das Telefon nicht. Richard betrat die große Halle mit den Gepäckbändern. Dem Monitor über Band 3 zufolge sollte es acht Minuten dauern, bis die Koffer des Fluges 2416 eintreffen würden.

Es waren zwölf Minuten.

Und weitere fünfzehn Minuten vergingen, bis Richard begriff, dass sein Koffer nicht dabei war.

Wieder musste er warten, diesmal in der Schlange vor dem Serviceschalter, um der Lufthansa den Verlust zu melden. Nachdem er seinen Gepäckabschnitt, seine Adresse und eine möglichst genaue Beschreibung seines Koffers hinterlassen hatte, durchquerte Richard die Ankunftshalle und passierte die Schiebetür, um sich ein Taxi zu nehmen. Die Wärme schlug ihm entgegen. Jetzt war der Sommer wirklich da. Katharina und er würden einen schönen Abend verbringen. Er spürte, wie sich seine gute Laune bei dem Gedanken an einen Rum-Cocktail in der Abendsonne auf der Terrasse zurückmeldete.

Er reihte sich in der Warteschlange für ein Taxi ein. Als sie in Richtung Arlandastad abbogen, erklärte der Taxifahrer, dass der Verkehr in Stockholm heute völlig verrückt gewesen sei. Und zwar so was von verrückt! Gleichzeitig bremste er auf unter fünfzig Stundenkilometer ab, und sie wurden von der scheinbar unendlichen Blechlawine auf der E4 in Richtung Süden eingesaugt.

Aus all diesen Gründen hätte Richard Granlund nicht geglaubt, dass dieser Tag noch schlimmer werden könnte, als das Taxi endlich in den Tolléns Väg einbog.

Er zahlte mit seiner Kreditkarte und ging durch den blühenden, gepflegten Garten zum Haus. Im Flur stellte er seine Aktentasche und die Plastiktüte ab.

«Hallo!»

Keine Antwort. Richard zog seine Schuhe aus und ging in die Küche. Er warf einen Blick durch das Fenster, um zu sehen, ob Katharina draußen war, doch der Garten war leer. Genau wie die Küche. Kein Zettel an der Stelle, wo er gelegen hätte, wenn sie ihm einen hinterlassen hätte. Richard nahm sein Handy und warf einen prüfenden Blick darauf. Keine entgangenen Anrufe oder SMS. Im Haus war es stickig, die Sonne brannte direkt darauf, aber Katharina hatte die Markisen nicht heruntergekurbelt. Richard schloss die Terrassentür auf und öffnete sie weit. Dann ging er die Treppe hinauf. Er wollte duschen und sich umziehen. Nach der langen Heimreise fühlte er sich durchgeschwitzt bis auf die Unterhose. Bereits auf dem Weg nach oben nahm er die Krawatte ab und knöpfte sein Hemd auf, hielt jedoch inne, als er die geöffnete Schlafzimmertür erreichte. Katharina lag auf dem Bauch. Das war das Erste, was er feststellte. Dann hatte er drei schnelle Einsichten.

Sie lag auf dem Bauch. Sie war gefesselt. Sie war tot.

Die U-Bahn ruckelte beim Bremsen. Eine Mutter, die mit ihrem Kinderwagen direkt vor Sebastian Bergman stand, umklammerte die Haltestange und sah sich nervös um. Schon seit sie am St. Eriksplan eingestiegen war, wirkte sie angespannt, und obwohl ihr weinender Junge schon nach wenigen Stationen eingeschlafen war, schien sie nicht ruhiger zu werden. Es gefiel ihr ganz eindeutig nicht, mit so vielen Fremden auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Sebastian beobachtete mehrere Anzeichen dafür. Ihre offensichtlichen Versuche, die minimale Privatsphäre zu wahren, indem sie ständig ihre Füße bewegte, um an niemanden zu stoßen. Die Schweißperlen auf der Oberlippe. Der wachsame Blick, der keine Sekunde innehielt. Sebastian lächelte ihr beruhigend zu, doch sie sah nur hastig zur Seite und musterte weiter ihre Umgebung, alarmbereit und gestresst. Also sah sich Sebastian in dem überfüllten Wagen um, der kurz hinter der Station Hötorget erneut unter metallischem Knirschen zum Stehen gekommen war. Nach einigen Minuten Stillstand in der Dunkelheit ratterte die Bahn langsam weiter und kroch bis zum T-Centralen.

Normalerweise fuhr er nicht mit der U-Bahn, schon gar nicht im Berufsverkehr oder während der Touristensaison. Es war ihm zu unkomfortabel und zu chaotisch. Er würde sich nie an die dicht gedrängten Menschen mit all ihren Geräuschen und Gerüchen gewöhnen können. Meistens ging er zu Fuß oder nahm sich ein Taxi. Um Distanz zu wahren. Ein Außenstehender zu bleiben. So hatte er es bisher immer gehalten. Aber nichts war mehr so wie bisher.

Nichts.

Sebastian lehnte sich gegen die Tür am Ende des Wagens und warf einen Blick in den nächsten Waggon. Er konnte sie durch das kleine Fenster beobachten. Das blonde Haar, das Gesicht, über eine Tageszeitung gebeugt. Ihm wurde bewusst, dass er vor sich hin lächelte, wenn er sie sah.

Sie stieg wie immer am T-Centralen um und lief mit schnellen Schritten die Steintreppe zur roten U-Bahn-Linie hinunter. Er konnte ihr leicht folgen. Solange er nur genügend Abstand hielt, wurde er von den vielen herbeiströmenden Pendlern und stadtplanlesenden Touristen verdeckt.

Und er hielt Abstand.

Er wollte sie nicht aus den Augen verlieren, durfte aber auf keinen Fall entdeckt werden. Es war eine schwierige Balance, aber er schlug sich immer besser.

Als die U-Bahn der roten Linie zwölf Minuten später bei der Station Gärdet hielt, wartete Sebastian einen Moment, ehe er den hellblauen Waggon verließ. Hier war größere Vorsicht geboten. Auf dem Bahnsteig waren weniger Menschen unterwegs, die meisten waren schon eine Station früher ausgestiegen. Sebastian hatte den Wagen vor ihr gewählt, damit sie ihm nach dem Aussteigen den Rücken zukehrte. Sie ging jetzt noch schneller und war bereits auf halber Höhe der Rolltreppe, als er sie wieder sehen konnte. Offenbar war Gärdet auch die Zielstation der Frau mit dem Kinderwagen, und Sebastian beschloss, sich hinter ihr zu halten. Die Frau schob ihren Kinderwagen gemächlich hinter den Menschen her, die zu den Rolltreppen strömten, vermutlich in der Hoffnung, nicht ins Gedränge zu geraten. Als er hinter der Mutter herging, fiel Sebastian auf, wie ähnlich sie beide sich waren.

Zwei Menschen, die immer Abstand halten mussten.

Eine Frau war tot zu Hause aufgefunden worden.

Normalerweise war das kein Grund, gleich die Reichsmordkommission und Torkel Höglunds Team hinzuzuziehen.

Meistens handelte es sich um das tragische Ende eines Familienstreits, eines Sorgerechtskonflikts, Eifersuchtsdramas oder eines alkoholseligen Abends in – wie sich erst im Nachhinein herausstellte – falscher Gesellschaft.

Jeder Polizist wusste, dass man den Täter am häufigsten unter den nächsten Angehörigen fand, wenn eine Frau zu Hause ermordet worden war. Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass Stina Kaupin überlegte, ob sie gerade mit einem Mörder sprach, als sie um kurz nach halb acht Uhr abends den Notruf entgegennahm.

«SOS 112, was ist passiert?»

«Meine Frau ist tot.»

Was der Mann noch sagte, war nur schwer zu verstehen. Seine Stimme klang gebrochen von Trauer und Schock. Er machte immer wieder so lange Pausen, dass Stina mehrmals glaubte, er hätte aufgelegt, bis sie hörte, wie er seine Atmung zu kontrollieren versuchte. Stina hatte Probleme, ihm eine Adresse zu entlocken. Der Mann am anderen Ende der Leitung wiederholte nur ständig, dass seine Frau tot sei und alles voller Blut. Überall Blut. Ob sie kommen könnten? Bitte?

Stina stellte sich einen Mann mittleren Alters mit blutigen Händen vor, dem langsam, aber sicher bewusst wurde, was er angerichtet hatte. Schließlich nannte er doch eine Adresse in Tumba. Sie bat den Anrufer – der vermutlich der Mörder war – zu bleiben, wo er war, und nichts im Haus anzurühren. Sie würde Polizei und Krankenwagen zu ihm schicken. Dann legte sie auf und gab die Angelegenheit an die Södertorn-Polizei in Huddinge weiter, die wiederum einen Streifenwagen losschickte.

Erik Lindman und Fabian Holst hatten gerade ihr Fastfood-Abendessen im Polizeiauto verschlungen, als sie den Auftrag erhielten, in den Tolléns Väg 19 zu fahren.

Zehn Minuten später waren sie vor Ort. Sie stiegen aus dem Wagen und sahen zum Haus hinüber. Obwohl sich keiner der beiden Beamten besonders für Gartenpflege interessierte, fiel ihnen auf, dass hier jemand unzählige Stunden und Kronen investiert hatte, um die fast perfekte, prunkvolle Pflanzenpracht anzulegen, die das gelbe Holzhaus umgab.

Als sie den Gartenweg zur Hälfte zurückgelegt hatten, wurde die Haustür geöffnet. Beide griffen reflexartig zum Holster an ihrer rechten Hüfte. Der Mann in der Tür trug ein halb aufgeknöpftes Hemd und starrte die uniformierten Polizisten geistesabwesend an.

«Ein Krankenwagen ist nicht nötig.»

Die beiden Beamten wechselten einen kurzen Blick. Der Mann in der Tür stand eindeutig unter Schock. Und Menschen unter Schock reagierten oft nach ganz eigenen Regeln. Unvorhersehbar. Unlogisch. Der Mann wirkte zwar ziemlich niedergeschlagen und kraftlos, aber sie wollten auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Lindman setzte seinen Weg fort, Holst verlangsamte seine Schritte und behielt die Hand an der Dienstwaffe.

«Richard Granlund?», fragte Lindman, während er die letzten Schritte auf den Mann zu tat, der einen Punkt irgendwo schräg hinter ihm fixierte.

«Ein Krankenwagen ist nicht nötig», wiederholte der Mann mit tonloser Stimme. «Die Frau am Telefon hat gesagt, sie würde einen Krankenwagen schicken. Das ist nicht nötig. Das hatte ich vorhin vergessen zu sagen …»

Jetzt war Lindman bei dem Mann angekommen. Er berührte ihn leicht am Arm. Der Körperkontakt ließ den Mann zusammenzucken, dann wandte er sich dem Polizisten zu und blickte ihn mit erstauntem Gesichtsausdruck an, als sähe er ihn gerade zum ersten Mal und wundere sich darüber, wie er ihm so nah hatte kommen können.

Kein Blut auf Händen oder Kleidung, registrierte Lindman.

«Richard Granlund?»

Der Mann nickte.

«Ich kam nach Hause, und sie lag da …»

«Wo sind Sie denn gewesen?»

«Bitte?»

«Von wo kamen Sie? Wo sind Sie vorher gewesen?» Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, um den Mann zu befragen, da er so offensichtlich unter Schock stand. Aber es konnte hilfreich sein, wenn man die Aussagen bei der ersten Begegnung mit jenen aus einem möglichen späteren Verhör vergleichen konnte.

«Deutschland. Geschäftlich. Mein Flug hatte Verspätung. Beziehungsweise … der erste wurde gestrichen, der zweite war verspätet, und dann kam ich sogar noch später, weil mein Gepäck …»

Der Mann verstummte. Anscheinend war ihm ein Gedanke gekommen. Er sah Lindman mit einer plötzlichen Klarheit in den Augen an.

«Hätte ich sie retten können? Wenn ich pünktlich gekommen wäre, hätte sie dann noch gelebt?»

Diese Was-wäre-wenn-Überlegungen waren eine natürliche Reaktion bei Todesfällen. Lindman hatte sie schon oft gehört. Er hatte häufig erlebt, dass Menschen starben, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sie liefen genau in dem Moment auf die Straße, in dem ein betrunkener Autofahrer heranraste. Sie schliefen genau in jener Nacht im Wohnwagen, in der die Gasflasche zu lecken begann. Sie überquerten in dem Augenblick die Gleise, in dem der Zug kam. Herabfallende Stromleitungen, alkoholisierte Schläger, Autos auf falschen Straßenseiten. Höhere Gewalt, Zufälle. Durch einen vergessenen Schlüsselbund konnte man sich exakt um jene Sekunden verspäten, deretwegen man dann den unbewachten Bahnübergang überquerte. Und wegen eines verspäteten Fluges konnte es sein, dass die Frau lange genug allein zu Hause war, damit der Mörder zuschlagen könnte. Die Was-wäre-wenn-Überlegungen.

Ganz natürlich bei Todesfällen, aber schwer zu beantworten.

«Wo ist Ihre Frau, Herr Granlund?», fragte Lindman also stattdessen mit ruhiger Stimme. Der Mann in der Tür schien über die Frage nachzudenken. Er war gezwungen, sich von den Reiseerlebnissen und der eventuellen Schuld, die ihm so plötzlich auferlegt worden war, ins Hier und Jetzt zurückzubegeben. Dem Grauen ins Auge zu sehen.

Dem, was er nicht hatte verhindern können.

Schließlich war er so weit.

«Da oben.» Richard zeigte schräg hinter sich und brach in Tränen aus.

Lindman bedeutete seinem Kollegen mit einem Nicken, dass er nach oben gehen solle, während er selbst dem weinenden Mann ins Haus folgte. Natürlich konnte man nie sicher sein, aber Lindman hatte das Gefühl, dass der Mann, den er gerade an den Schultern fasste und in die Küche schob, kein Mörder war.

Am Fuß der Treppe zog Holst seine Dienstwaffe und hielt sie mit ausgestrecktem Arm nach unten. Wenn der gebrochene Mann, um den sich sein Kollege kümmerte, nicht der Mörder war, bestand immerhin ein geringes Risiko, dass sich der wahre Täter noch im Haus aufhielt. Oder die Täterin – auch wenn das eher unwahrscheinlich war.

Die Treppe führte in einen kleineren Raum. Dachfenster, ein Zweisitzer, Fernseher und Blu-Ray. Regalwände mit Büchern und Filmen. Von dort gingen vier Türen ab, zwei davon standen offen, zwei waren geschlossen. Von der obersten Treppenstufe aus erblickte Holst ein Bein der toten Frau im Schlafzimmer. Im Bett. Das bedeutete, dass sie die Reichsmordkommission informieren mussten, dachte er und ging schnell durch die zweite geöffnete Tür, die zu einem Arbeitszimmer führte. Leer. Hinter den geschlossenen Türen befanden sich eine Toilette und ein begehbarer Kleiderschrank. Beide leer. Holst steckte seine Waffe wieder weg und näherte sich dem Schlafzimmer. Im Türrahmen blieb er abrupt stehen.

Seit etwa einer Woche lag ihnen eine Aufforderung der Reichsmordkommission vor. Die Kollegen wollten über Todesfälle informiert werden, bei denen folgende Kriterien zutrafen:

Das Opfer wurde im Schlafzimmer gefunden.

Das Opfer war gefesselt.

Dem Opfer war die Kehle durchgeschnitten worden.

Torkels Handy übertönte die letzte Strophe von «Hoch soll sie leben», und er nahm das Gespräch an und zog sich in die Küche zurück, während im Hintergrund gerade ein vierfaches «Hoch! Hoch! Hoch! Hoch!» gerufen wurde.

Vilma hatte Geburtstag.

Sie war dreizehn geworden, ein Teenie.

Eigentlich schon am Freitag, aber da hatten ein Abendessen mit ihren Freundinnen und ein anschließender Filmabend auf dem Programm gestanden. Ältere, langweilige Verwandte wie beispielsweise ihr Vater mussten an einem Wochentag kommen. Gemeinsam mit Yvonne hatte Torkel seiner Tochter ein Handy geschenkt. Ein nagelneues, eigenes. Bisher hatte Vilma immer das abgelegte Handy ihrer großen Schwester übernehmen müssen oder die alten Diensthandys von ihm oder Yvonne. Jetzt hatte sie also ein neues. Eines mit Android, wenn er sich richtig erinnerte, so wie es Billy ihm geraten hatte, als Torkel ihn bei der Auswahl von Modell und Marke um Hilfe gebeten hatte. Yvonne hatte erzählt, dass Vilma das Handy seit Freitag am liebsten jede Nacht mit ins Bett nehmen würde.

Der Küchentisch war für den Abend zu einem Gabentisch umfunktioniert worden. Die große Schwester hatte Vilma Mascara, Lidschatten, Lipgloss und eine Foundation gekauft. Vilma hatte die Sachen schon am Freitag bekommen, aber jetzt dazugelegt, um die ganze Fülle an Geschenken zu präsentieren. Torkel nahm die Mascara in die Hand, die bis zu zehnmal mehr Wimpernvolumen versprach, während er den Informationen am Telefon lauschte.

Ein Mord. In Tumba. Eine gefesselte Frau mit durchgeschnittener Kehle in einem Schlafzimmer.

Eigentlich war Torkel der Meinung gewesen, Vilma sei viel zu jung für Schminke, hatte jedoch zu hören bekommen, dass sie weit und breit die Einzige in der sechsten Klasse sei, die sich noch nicht schminke, und dass es in der Siebten ganz und gar undenkbar war, ohne Make-up in die Schule zu kommen. Torkel kämpfte nicht lange dagegen an. Die Zeiten änderten sich, und er wusste, dass er froh sein konnte, weil er diese Diskussion nicht schon hatte führen müssen, als Vilma in der vierten Klasse war. Denn so war es anderen Eltern auf Vilmas Schule ergangen, und sie hatten sich ganz offensichtlich nicht durchsetzen können.

Torkel beendete das Gespräch, legte die Wimperntusche zurück auf den Tisch und ging wieder ins Wohnzimmer.

Alles deutete darauf hin, dass dies das dritte Opfer war.

Er rief Vilma zu sich, die sich gerade mit ihren Großeltern unterhielt. Sie schien nicht besonders traurig darüber zu sein, das Gespräch mit den alten Verwandten unterbrechen zu müssen. Mit erwartungsvollem Blick kam sie Torkel entgegen, als glaubte sie, er hätte in der Küche heimlich eine Überraschung vorbereitet.

«Ich muss los, Liebes.»

«Ist es wegen Kristoffer?»

Es dauerte einige Sekunden, bis Torkel die Frage verstand. Kristoffer war der neue Mann in Yvonnes Leben. Torkel wusste, dass sie sich schon seit einigen Monaten kannten, aber er war Kristoffer an diesem Abend zum ersten Mal begegnet. Ein Gymnasiallehrer. Knapp fünfzig Jahre alt. Geschieden. Kinder. Er schien ein netter Kerl zu sein. Torkel war überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass man ihre Begegnung als angespannt, unangenehm oder in irgendeiner Weise problematisch hätte auffassen können. Deshalb hatte er im ersten Moment nichts mit der Frage seiner Tochter anfangen können. Vilma dagegen nahm die kurze Bedenkzeit sofort als Beweis dafür, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

«Ich habe ihr gesagt, dass sie ihn nicht einladen soll», erklärte sie und zog einen Schmollmund.

In diesem Moment verspürte Torkel große Zärtlichkeit für seine Tochter. Sie wollte ihn beschützen. Dreizehn Jahre alt, wollte sie ihn vor Liebeskummer bewahren. In ihrer Welt war diese Situation vermutlich auch schrecklich unangenehm. Sicher wollte sie ihren Exfreund auf keinen Fall mit seiner Neuen treffen. Falls sie überhaupt schon mal einen Freund gehabt hatte, da war sich Torkel nicht sicher. Er strich ihr sanft über die Wange.

«Nein, ich muss arbeiten. Es hat nichts mit Kristoffer zu tun.»

«Sicher?»

«Ganz sicher. Ich müsste auch dann fahren, wenn wir beide allein hier wären. Du weißt doch, wie das ist.»

Vilma nickte. Sie hatte lange genug mit ihm zusammengelebt, um zu verstehen, dass er verschwand, wenn er dazu gezwungen war, und so lange fortblieb, wie es nötig war.

«Ist jemand gestorben?»

«Ja.»

Mehr wollte Torkel nicht erzählen. Er hatte schon früh beschlossen, sich bei seinen Kindern nicht interessant zu machen, indem er spannende und groteske Details von seiner Arbeit erzählte. Das wusste Vilma. Also fragte sie nicht weiter, sondern nickte nur noch einmal. Torkel sah sie ernst an.

«Ich glaube, es ist gut, dass Mama wieder jemanden kennengelernt hat.»

«Warum denn?», fragte sie.

«Warum nicht? Nur, weil sie nicht mehr mit mir zusammen ist, muss sie ja nicht allein bleiben.»

«Hast du auch jemanden kennengelernt?»

Torkel zögerte kurz. Hatte er das? Er hatte lange Zeit eine Affäre mit Ursula, seiner verheirateten Kollegin, gehabt. Aber sie hatten nie definiert, was für eine Art von Beziehung das eigentlich war. Sie waren miteinander ins Bett gegangen, wenn sie beruflich unterwegs waren. Nie in Stockholm. Keine gemeinsamen Abendessen oder alltäglichen Gespräche über Persönliches und Privates. Sex und berufliche Themen, das war alles. Und jetzt war es nicht mal mehr das. Vor einigen Monaten hatte er seinen alten Kollegen Sebastian Bergman bei einer Ermittlung hinzugezogen, und seither hatten Torkel und Ursula nur noch miteinander gearbeitet. Das störte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Weniger die Tatsache, dass ihre Beziehung oder wie auch immer man es nennen wollte, so eindeutig nach Ursulas Bedingungen ablief. Damit konnte er leben. Aber er vermisste sie. Mehr, als er gedacht hätte. Das ärgerte ihn. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, schien sie sich neuerdings wieder Micke, ihrem Mann, anzunähern. Sogar einen Wochenendtrip nach Paris hatten die beiden vor ein paar Wochen unternommen.

War er also mit jemandem zusammen?

Wohl eher nicht, und die Komplexität seiner Beziehung mit Ursula gehörte garantiert nicht zu den Dingen, die er einem frischgebackenen Teenie erklären wollte.

«Nein», antwortete er, «ich habe niemanden kennengelernt. Aber jetzt muss ich wirklich los.»

Er umarmte sie. Fest.

«Alles Gute zum Geburtstag», flüsterte er. «Ich liebe dich.»

«Ich liebe dich auch», antwortete sie, «und mein Handy.» Sie drückte ihren frisch bemalten Glanzmund auf seine Wange.

Als er sich ins Auto setzte und nach Tumba fuhr, hatte Torkel noch immer ein Lächeln auf den Lippen.

Er rief Ursula an. Sie war bereits unterwegs.

 

Torkel hatte sich im Auto selbst dabei ertappt, dass er hoffte, diesmal würde es keinen Zusammenhang zu den anderen toten Frauen geben. Aber so war es nicht. Das musste er sofort einsehen, als er ins Schlafzimmer blickte.

Die Nylonstrümpfe. Das Nachthemd. Die Lage.

Sie war die Dritte.

«Von einem Ohr zum anderen» genügte nicht, um die klaffende Wunde am Hals zu beschreiben. Sie reichte eher von der einen Seite der Halswirbelsäule zur anderen. Wie wenn man eine Konservenbüchse öffnete und ein kleines Stück übrig ließ, um den Deckel nach hinten biegen zu können. Man hatte der Frau fast komplett den Hals abgeschnitten. Es musste eine enorme Kraft gekostet haben, ihr solche Verletzungen zuzufügen. Überall war Blut, die Wände hoch und auf dem ganzen Fußboden.

Ursula war schon dabei, Fotos zu machen. Sie ging vorsichtig im Zimmer umher und achtete darauf, nicht ins Blut zu treten. Sie war immer die Erste vor Ort, wenn sie konnte. Jetzt sah sie kurz auf, nickte zum Gruß und setzte ihre Arbeit fort. Torkel stellte die Frage, deren Antwort er bereits kannte.

«Derselbe?»

«Auf jeden Fall.»

«Auf dem Weg hierher habe ich noch mal in Lövhaga angerufen. Er sitzt noch immer da, wo er sitzt.»

«Das wussten wir doch aber schon?»

Torkel nickte. Dieser Fall gefällt mir nicht, dachte er, während er in der Schlafzimmertür stand und die tote Frau betrachtete. Er hatte bereits in anderen Türen gestanden, von anderen Schlafzimmern, und andere Frauen im Nachthemd gesehen, die man an Händen und Füßen mit Nylonstrümpfen gefesselt, vergewaltigt und nahezu enthauptet hatte. 1995 hatten sie die erste gefunden. Es folgten weitere drei, ehe sie im Frühsommer 1996 den Mörder fassen konnten.

Hinde war zu lebenslanger Haft verurteilt worden und in die Justizvollzugsanstalt Lövhaga gekommen.

Er hatte nicht einmal Berufung eingelegt.

Und er saß dort noch immer ein.

Die neuen Opfer sahen allerdings wie identische Kopien seiner Opfer aus. Hände und Füße waren auf dieselbe Weise gefesselt. Extreme Gewalteinwirkung am Hals. Sogar der blaue Farbstich der weißen Nachthemden war derselbe. Was bedeutete, dass die gesuchte Person nicht nur ein Serienmörder war, sondern auch ein Nachahmungstäter. Jemand, der aus irgendeinem Grund fünfzehn Jahre alte Morde kopierte. Torkel warf einen Blick auf seinen Notizblock und wandte sich dann erneut Ursula zu. Auch sie war damals in den Neunzigern bei den Ermittlungen dabei gewesen. Sie, Sebastian und Trolle Hermansson, der später in den unfreiwilligen Vorruhestand versetzt wurde.

«Ihr Mann hat gesagt, dass sie ihm heute Vormittag gegen neun auf eine SMS geantwortet hat, um eins aber nicht mehr», sagte er.

«Kann stimmen. Sie ist mehr als fünf Stunden tot, aber weniger als fünfzehn.»

Torkel nickte nur. Er wusste, dass Ursula recht hatte. Hätte er nachgefragt, hätte sie auf den Rigor hingewiesen, der das Bein noch nicht erreicht hatte, auf den Mangel an Autolyse, den Tache noir und anderes Pathologenlatein von sich gegeben, das zu lernen er sich nie bemüht hatte, trotz all seiner Jahre bei der Polizei. Fragte man ihn, bekam man die Antwort in normalem Schwedisch.

Ursula wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Im Obergeschoss war es mehrere Grad wärmer als im Parterre. Die Julisonne hatte den ganzen Tag auf das Haus heruntergebrannt. Fliegen schwirrten im Zimmer umher, angelockt vom Blut und von der für das menschliche Auge noch unsichtbaren, aber bereits einsetzenden Verwesung.

«Das Nachthemd?», fragte Torkel, nachdem er seinen Blick ein letztes Mal über das Bett hatte schweifen lassen.

«Was soll damit sein?» Ursula senkte ihre Kamera und nahm das unmoderne Bekleidungsstück aus Baumwolle in Augenschein.

«Es ist nach unten gezogen.»

«Das kann ihr Mann gewesen sein. Vielleicht wollte er ihre Blöße ein wenig bedecken.»

«In Ordnung. Ich frage ihn, ob er sie berührt hat.»

Torkel verließ seinen Platz an der Tür. Er musste zu dem untröstlichen Mann in der Küche zurück. Dieser Fall gefiel ihm wirklich ganz und gar nicht.

Der große Mann hatte einige Stunden geschlafen. War nach Hause gekommen und sofort ins Bett gefallen. Das tat er immer. Rituale. Das Adrenalin war durch seine Adern gerauscht. Er wusste nicht, was genau in seinem Körper passierte, aber danach hatte er immer das Gefühl, dass er innerhalb der kurzen Zeit, in der er aktiv gewesen war, die Energiereserven einer ganzen Woche aufgebraucht hatte. Aber jetzt war er wieder wach. Der Wecker hatte geklingelt. Es war an der Zeit, erneut tätig zu werden. Er stieg aus dem Bett. Es blieb noch so viel zu tun, und alles musste ganz exakt ausgeführt werden. Zum richtigen Zeitpunkt. In der richtigen Reihenfolge.

Rituale.

Ohne sie wäre alles Chaos. Chaos und Angst. Rituale schafften Kontrolle. Rituale ließen das Böse weniger böse erscheinen. Den Schmerz weniger schmerzhaft. Rituale hielten die Dunkelheit fern.

Der Mann schloss die Nikon-Kamera an den Computer an und lud schnell und routiniert die sechsunddreißig Bilder auf die Festplatte.

Die ersten zeigten die weinende Frau, wie sie mit verschränkten Händen über der Brust dastand und darauf wartete, dass er ihr das Nachthemd überzog. Aus ihrem einen Nasenloch rann Blut auf die Unterlippe. Zwei Tropfen hatten ihre rechte Brust gestreift und rote Spuren hinterlassen. Zuerst hatte sie sich geweigert, sich auszuziehen. Geglaubt, ihre Kleider könnten sie vielleicht schützen. Sie retten.

Auf dem sechsunddreißigsten und letzten Bild starrte sie mit leeren Augen direkt in die Kamera. Er hatte sich neben das Bett gekniet und so nah zu ihr heruntergebeugt, dass er fast die Wärme des Blutes gespürt hatte, das nun nur noch langsam aus dem klaffenden Spalt in ihrem Hals sickerte. Das meiste Blut hatte ihren Körper zu dieser Zeit schon verlassen und war mehr oder weniger vom Bettzeug und von der Matratze aufgesaugt worden.

Schnell kontrollierte er die Fotos dazwischen. Nachthemd an. Nylonstrümpfe. Die Knoten. Slip aus. Vor dem Akt. Nach dem Akt. Das Messer und sein Werk.

Die Angst.

Die Einsicht.

Das Ergebnis.

Alles sah gut aus. Er würde alle sechsunddreißig Fotos verwenden können. Das war das Beste. Trotz der unbegrenzten Kapazität der Digitalkamera wollte er im Rahmen einer altmodischen Filmrolle bleiben. Sechsunddreißig Bilder. Nicht mehr. Nicht weniger.

Das Ritual.

Als Torkel die Treppe herunterkam, kniete Billy vor der Haustür und untersuchte das Schloss. Er wandte sich seinem Chef zu.

«Soweit ich sehen kann, gibt es an der Tür keine Einbruchspuren. Vieles deutet darauf hin, dass sie ihn hereingelassen hat.»

«Die Terrassentür stand offen, als wir eintrafen», sagte Torkel.

Billy nickte. «Der Mann hat sie geöffnet, als er nach Hause kam», erklärte er.

«Ist er sich sicher? Er wirkte ziemlich verwirrt durch den Schock.»

«Er klang so, als wäre er sicher.»

«Ich frage ihn noch mal. Wo ist Vanja?»

«Draußen. Sie ist gerade angekommen.»

«Oben im Arbeitszimmer steht ein Computer.» Torkel machte eine Kopfbewegung in Richtung Treppe. «Nimm ihn mit und sieh nach, ob du was findest. Idealerweise etwas, das sie mit den anderen Frauen in Verbindung bringt.»

«Also ist sie die Dritte?»

«Das ist gut möglich.»

«Holen wir jemanden ins Team oder …?»

Billy ließ die Frage im Raum stehen. Torkel verstand, dass er eigentlich sagen wollte: Holen wir Sebastian Bergman ins Team? Torkel war dieser Gedanke auch schon gekommen, aber er hatte ihn sofort wieder verworfen. Die Nachteile lagen auf der Hand und überwogen eindeutig die Vorteile.

Das war allerdings vor dem heutigen Abend gewesen.

Vor der dritten Toten.

«Wir werden sehen.»

«Ich meine, in Anbetracht dessen, wen er kopiert …»

«Wir werden sehen, habe ich gesagt!»

Torkels Tonfall signalisierte Billy, besser nicht weiterzufragen. Er nickte und stand auf. Billy konnte Torkels Frustration verstehen. Sie hatten keine konkrete Spur, obwohl es eigentlich mehr als genug Spuren gab: Schuh- und Fingerabdrücke, Sperma und Haare. Und dennoch waren sie einem Durchbruch nicht einen Schritt näher als vor neunundzwanzig Tagen, als sie die erste Frau gefunden hatten, auf dieselbe Weise gefesselt und ermordet. Da dieser Täter mit einer geradezu nonchalanten Art Beweise hinterließ, wusste er vermutlich, dass er in keinem Register zu finden war. Er war viel zu organisiert, um einfach nur nachlässig zu sein. Demnach handelte es sich nicht um jemanden, der bereits verurteilt worden war, jedenfalls nicht für ein schwereres Verbrechen. Aber er schien gewillt, Risiken einzugehen. Oder gezwungen, sie auf sich zu nehmen. Beide Möglichkeiten waren beunruhigend, denn sie bedeuteten, dass er mit größter Wahrscheinlichkeit erneut zuschlagen würde.

«Nimm Vanja mit zurück ins Präsidium, und dann geht ihr alles noch mal von vorn durch.»

Wenn sie einen Zusammenhang zwischen den Opfern herstellen konnten, wäre schon viel gewonnen. So könnten sie mehr über den Täter erfahren und ihn allmählich einkreisen. Am schlimmsten wäre es, wenn der Mörder seine Opfer willkürlich auswählte; wenn er einer Frau in der Stadt folgte, sie ausspionierte, seine Tat plante und den richtigen Moment abwartete. Wäre das der Fall, würden sie ihm so lange nicht auf die Schliche kommen, bis er einen Fehler beging. Und bisher hatte er sich keinen einzigen geleistet.

 

Billy sprang mit schnellen Schritten die Treppen hinauf, warf einen kurzen Blick in das Schlafzimmer, in dem Ursula immer noch arbeitete, und ging dann ins Arbeitszimmer. Es war ziemlich klein, vielleicht sechs Quadratmeter. In der einen Ecke stand ein Schreibtisch mit einem Bürostuhl, darunter lag eine Plexiglasscheibe, damit die Rollen das Parkett nicht zerkratzten. Daneben eine Ablage, darauf der Drucker, Modem, Router, Papiere, Akten und Büromaterial. An der Wand über dem Schreibtisch hing ein länglicher Rahmen mit Platz für acht Fotos. Auf einem Bild war das Opfer – Katharina hieß sie, mit «th», wenn Billy sich recht erinnerte – allein zu sehen, in einem weißen Sommerkleid vor einem Apfelbaum, in die Kamera lächelnd, einen Strohhut auf den dunklen Haaren. Es wirkte wie ein Werbefoto für den schwedischen Sommer. Österlen vielleicht. Auch der Mann – Richard – war auf einem der Bilder allein zu sehen. Achtern auf einem Segelboot. Mit Sonnenbrille, braun gebrannt, konzentriert. Auf den anderen sechs Bildern waren die beiden zusammen. Immer eng nebeneinander, sich umarmend, lächelnd. Sie schienen viel zu reisen. Eine der Aufnahmen war an einem kreideweißen Strand mit Palmen im Hintergrund aufgenommen worden, und auf zwei anderen Bildern konnte Billy New York und Kuala Lumpur erkennen. Kinder hatten sie anscheinend keine.

Also hatte diesmal wenigstens niemand seine Mutter verloren.

Billy blieb vor den Fotos stehen und betrachtete das liebevolle Lachen des Paares. Auf allen Bildern umarmten sie einander. Vielleicht posierten sie vor der Kamera immer so. Vielleicht war es nur gespielt, um der Umgebung zu zeigen, wie prächtig es ihnen zusammen ging. In diesem Fall sah man ihnen das aber nicht an, sie schienen beide aufrichtig verliebt, wie sie da so ineinander verschlungen standen. Billy konnte sich nicht so recht von den Bildern losreißen. Es hatte etwas mit dem darauf eingefangenen Glück zu tun, das ihn mit voller Wucht traf. Sie sahen so glücklich aus. So verliebt. So lebendig. Normalerweise war Billy nie derart berührt und konnte ohne Schwierigkeiten einen professionellen Abstand zwischen den Opfern und sich selbst wahren. Natürlich war er jedes Mal bewegt und litt mit den Angehörigen, aber die Spitze der Trauer drang nie ganz so tief in ihn ein. Er wusste genau, was diesmal anders war. Er hatte gerade eine Frau kennengelernt, deren Blick und deren offenes Lachen ihn an die Frau auf den Fotos erinnerte. Das machte die Tragödie dreidimensional und wirklich. Er dachte an My. Heute Morgen hatte sie sich die Decke über die Ohren gezogen und ihn schlaftrunken umarmt. Sie hatte versucht, ihn zum Bleiben zu bewegen, noch ein bisschen und noch ein bisschen und noch ein bisschen länger, bis irgendwann der ganze Vormittag verflogen war. Das Bild von der lächelnden My passte mit den Bildern dort an der Wand zusammen, aber auf keinen Fall mit der grotesk verrenkten, gefesselten und vergewaltigten Frau im Zimmer nebenan. Und dennoch war es dieselbe Frau. Für eine Sekunde sah er My vor sich, wie sie dort in der großen Blutlache lag. Er wandte den Kopf ab und schloss die Augen. Eine solche Furcht hatte ihn noch nie zuvor heimgesucht. Nie.

Und er durfte sie nicht wieder nahekommen lassen. Das wusste er. Er durfte die Gewalt und den Schrecken nie an sich heranlassen, sich nie davon vergiften lassen. Das würde die Liebe zerstören, sie angstvoll und unsicher machen. Das Bedürfnis, Privatleben und Arbeit voneinander zu trennen, wurde ihm mit einem Mal glasklar bewusst, denn ohne diese Distanz konnte er alles verlieren. Er konnte My umarmen, sie an sich drücken, aber dieses Gefühl würde er nicht mit ihr teilen können. Es war zu dunkel und abgründig, um es in ihre Beziehung zu lassen. Er würde My lange umarmen, wenn er nach Hause kam. Sehr lange. Sie würde fragen, warum. Und er würde lügen müssen. Leider. Aber die Wahrheit wollte er ihr nicht zumuten. Billy wandte sich um, nahm den Laptop vom Schreibtisch und ging nach unten, um Vanja abzuholen.

Der große Mann erteilte seinem Computer den Befehl, alle Bilder auszudrucken, und der Drucker reagierte sofort mit einem effektiven Surren. Während das Gerät die Bilder im Format 10 × 15 Zentimeter auf Hochglanzfotopapier auswarf, legte der Mann auf dem Desktop einen neuen Ordner für die Fotos an, kopierte ihn, loggte sich auf einer geschützten Website ein, meldete sich als Administrator an und speicherte den Ordner dort ab. Die Seite hatte die nichtssagende Adresse «fyghor.se». Eigentlich war dieser Name nur eine willkürliche Buchstabenkombination, deren einziger Sinn darin bestand, von keiner Suchmaschine auf den ersten Plätzen gelistet zu werden. Sollte irgendjemand, der nichts auf der Seite zu suchen hatte, trotzdem darauf stoßen, würde er lediglich Textblöcke in miserablem Layout vorfinden, die vor dem grellbunten und flimmernden Hintergrund kaum lesbar waren. Die Texte, die sowohl ihre Schriftart als auch die Farbe sporadisch wechselten, waren Auszüge aus Büchern, staatlichen Untersuchungen, Abhandlungen, anderen Internetseiten oder auch reiner Nonsens, ohne Absätze und teils sogar ohne Leerzeichen, lediglich hin und wieder von merkwürdigen Bildern oder Zeichnungen ohne erkennbare Logik unterbrochen. Die Seite sah aus, als hätte sich jemand nicht zwischen den vielen graphischen Möglichkeiten, die ein Computer bot, entscheiden können und deshalb alle auf einmal ausprobiert. Von den dreiundsiebzig Personen, die aus unerfindlichen Gründen auf die Seite gelangt waren, hatte es der geduldigste Besucher gerade mal eine Minute und sechsundzwanzig Sekunden dort ausgehalten. Genau das hatte der große Mann bezweckt. Niemand hatte sich bis zur fünften Seite vorgeklickt oder den kleinen roten Punkt entdeckt, der mitten in einem Textausschnitt über ein Baudenkmal in der Kommune Katrineholm saß. Wenn man darauf klickte, öffnete sich eine neue Seite, die nach einem Kennwort und einer Benutzer-ID fragte. Erst danach gelangte man zu dem Ordner mit den Bildern, den er soeben dort abgelegt hatte. Er trug den nichtssagenden Namen «3».

Mittlerweile war der Drucker mit seiner Arbeit fertig. Der Mann nahm die Seiten, blätterte sie durch und zählte. Alle sechsunddreißig. Er nahm eine große Papierklammer und heftete die Bilder damit zusammen. Dann ging er zum anderen Ende des Raums, wo eine Masonittafel an die Wand genagelt war, und hängte die Klammer mit den Bildern an einen Nagel in der rechten oberen Ecke der Tafel. Über dem Nagel stand mit schwarzem Filzstift die Nummer 3 geschrieben. Er warf einen kurzen Blick auf die darüberhängenden Fotos, die an Nagel «1» und «2» hingen. Frauen. In ihren Schlafzimmern. Halb nackt. Weinend. Außer sich vor Angst. Die Klammer links enthielt nur vierunddreißig Bilder. Zwei waren ihm misslungen. Vor dem Akt. Er war übereifrig gewesen. War vom Ritual abgewichen. Danach hatte er sich selbst verflucht und sich hoch und heilig geschworen, dass so etwas nie wieder vorkäme. Das zweite Bündel mit Fotos war hingegen vollzählig. Jetzt nahm er die Kamera erneut zur Hand und fotografierte die Masonittafel mit ihren makabren Objekten. Die erste Phase war überstanden. Er legte die Kamera auf den Schreibtisch, nahm die schwarze Sporttasche, die auf dem Boden neben der Tür stand, und ging in die Küche.

Der Mann stellte die Tasche auf den leeren Küchenboden, öffnete den Reißverschluss und nahm die Zellophanhülle und den Karton heraus, in die die Nylonstrümpfe, die er verwendet hatte, verpackt gewesen waren. Philippe Matignon Noblesse 50 Cammello Beige.

Wie immer.

 

Er öffnete den Schrank unter der Spüle, warf die Verpackung weg und schloss den Schrank wieder. Dann widmete er sich erneut der Tasche, holte die Plastiktüte mit dem Messer hervor, nahm es heraus, legte es in die Spüle und öffnete erneut den Unterschrank, um die blutige Tüte zu entsorgen. Er schloss die Schranktür, drehte den Hahn auf und ließ lauwarmes Wasser über die breite Klinge rinnen. Das geronnene Blut löste sich vom Metall und verschwand in einem kleinen Linksstrudel im Ausguss. Dann nahm er den Schaft und drehte das Messer unter dem Strahl. Als sich das restliche Blut nicht von selbst löste, griff er zu Spülmittel und Bürste. Anschließend trocknete er die Waffe behutsam ab, ehe er sie zurück in die Tasche legte. Er öffnete die dritte Schublade von oben im Schrank links neben dem Herd und holte eine Rolle mit Drei-Liter-Gefrierbeuteln heraus. Er riss eine Tüte ab, legte die Rolle zurück, schob die Schublade wieder zu und steckte die Tüte zu dem Messer in seine Tasche. Danach verließ er die Küche.

Billy ging suchend im Haus umher und fand Vanja schließlich im Garten. Sie stand mit dem Rücken zur Terrasse und den großen Glasfenstern. Vor ihr erstreckte sich der gepflegte Rasen und mündete in zwei blühende Beete. Billy hatte keine Ahnung, um welche Pflanzen es sich handelte, und vermutete, dass auch Vanja nicht von der Blütenpracht hierhergelockt worden war.

«Wie läuft’s?»

Vanja zuckte zusammen, sie hatte ihn nicht kommen hören.

«Er hat keine Visitenkarte hinterlassen, falls du das meinst.»

«Okay …» Billy trat einen Schritt zurück. Vanja sah ein, dass ihre Antwort unnötig pampig gewesen war. Vielleicht hatte sich die Frage ihres Kollegen nicht einmal auf die Arbeit bezogen. Schließlich kannte er sie. Und zwar gut. Er wusste, wie sehr sie diese Art von Verbrechen hasste. Nicht wegen des Blutes oder der sexuellen Gewalt, sie hatte schon Schlimmeres gesehen. Aber das Opfer war eine Frau. Ermordet. In ihrem eigenen Haus.

Frauen sollten nicht auch noch zu Hause vergewaltigt und umgebracht werden. Sie waren ohnehin schon überall und ständig in Gefahr. Wenn sie aus einer Kneipe oder Disco nach Hause gingen, sollten sie sich möglichst unauffällig kleiden. Sie sollten Unterführungen, Parks und einsame Wege meiden und abends keine Musik auf dem iPod hören. Ihre Bewegungsfreiheit war eingeschränkt, ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Wenigstens in den eigenen vier Wänden sollten sich Frauen sicher und unbehelligt fühlen können.

«Aber ich habe das hier gefunden», sagte Vanja, drehte sich um und ging zurück zur Terrasse. Billy folgte ihr. Sie betraten die versiegelten Holzdielen und gingen, vorbei an dem Ensemble aus vier Korbstühlen und einem Tisch mit eingeklapptem Sonnenschirm, das Billy eher an ein Eiscafé als an Terrassenmöbel erinnerte, zu den beiden weißen Liegestühlen aus Holz, in denen man sich die Hausbewohner mit einem Drink in der Abendsonne vorstellen konnte.

«Da.» Vanja zeigte auf das Fenster ganz links. Billy schaute hindurch. Von hier aus sah man einen Großteil des Untergeschosses. Er beobachtete, wie Torkel mit Richard Granlund sprach und die Spurensicherung den Rest des Hauses untersuchte, aber das hatte Vanja ihm wohl kaum zeigen wollen.

«Was denn?», fragte er.

«Da», sagte sie wieder und zeigte darauf. Diesmal etwas präziser, und jetzt erkannte er, was sie meinte.

Im Prinzip war es direkt vor seinen Augen: ein Abdruck auf der Scheibe, fast quadratisch und einige Zentimeter groß, darunter war ein kleiner Punkt zu sehen. Beides wurde rechts und links von zwei halbmondförmigen Abdrucken umrahmt. Billy erkannte sofort, was er vor sich hatte. Jemand – vermutlich der Mörder – hatte durch das Fenster gespäht, die Stirn und die Nase dagegengelehnt, das Gesicht mit den Händen abgeschirmt und fettige Abdrücke an der Scheibe hinterlassen.

«Er ist groß», stellte Billy fest und beugte sich vor. «Größer als ich.»

«Wenn er derjenige war, der den Abdruck hier hinterlassen hat, muss er von dem Haus dort drüben zu sehen gewesen sein.» Vanja deutete auf das Nachbarhaus hinter den Beeten. «Jemand könnte ihn beobachtet haben.»

Billy bezweifelte das. Mitten am Tag, einem Werktag im Juli? Die Häuser ringsherum wirkten, als wären ihre Bewohner den Sommer über verreist. Es hatten sich nur wenige Schaulustige auf der Straße versammelt oder vermeintlich unauffällig in ihren Gärten gewerkelt, als die Polizeiwagen kamen. Dies war eine der Gegenden, die im Sommer mehr oder weniger verlassen waren. Hier hatten die Leute Geld, in ihre Sommerhäuser zu fahren, segeln zu gehen oder ins Ausland zu reisen. Hatte der Täter das gewusst? Es einkalkuliert?

Vermutlich.

Natürlich würden sie die Nachbarn befragen. An vielen Türen klingeln. Wenn das Opfer den Mörder hereingelassen hatte, so wie Billy vermutete, dann musste der sich dem Haus von der Vorderseite her genähert haben. An die Terrassentür zu klopfen erregte eher Angst und Misstrauen und hätte seine Chancen, ins Haus gelassen zu werden, erheblich vermindert. Also musste er von vorn gekommen sein und hatte den Weg durch den Garten genommen, der gut einsehbar war. Genau wie bei den anderen beiden Tatorten. Doch auch da hatte sie die Befragung der Nachbarn nicht weitergebracht. Keiner hatte etwas oder jemanden gesehen. Kein Auto, kein Fahrrad, niemand, der nach dem Weg gefragt oder ein merkwürdiges Angebot gemacht hatte, der herumgeschlichen oder sonst durch verdächtiges Verhalten aufgefallen wäre.

Nichts und niemand.

Alles in der Siedlung war gewesen wie immer, mit der kleinen Ausnahme, dass eine Frau brutal ermordet worden war.

«Torkel will, dass wir zurückfahren», sagte Billy. «Wenn wir Glück haben, finden wir jetzt einen gemeinsamen Nenner.»

«Das Glück haben wir dringend nötig. Der Kerl erhöht seinen Takt.»

Billy nickte. Zwischen dem ersten und dem zweiten Mord waren drei Wochen vergangen. Zwischen dem zweiten und dem dritten nur acht Tage.

Zusammen überquerten sie die fast wie ein Golfrasen gestutzte Grünfläche, die trotz der anhaltenden Trockenheit und Hitze nicht einen einzigen gelben Fleck hatte. Vanja sah ihren Kollegen an, der in seinem dunkelblauen Kapuzenpulli und mit dem Laptop unter dem Arm neben ihr hertrottete.

«Entschuldige, dass ich vorhin so wütend geklungen habe.»

«Kein Problem. Wahrscheinlich warst du in dem Moment einfach wütend.»

Vanja lächelte vor sich hin.

Es war so schön unkompliziert, mit Billy zusammenzuarbeiten.

Das Schlafzimmer.

Mit der Tasche in der Hand ging der große Mann direkt zu der Kommode, die an der Fensterseite stand. Er stellte die Sporttasche auf der Kommode ab und zog die oberste Schublade auf. Dann hob er ein sorgfältig zusammengelegtes Nachthemd vom rechten Stapel und stopfte es in die Tasche. Vom linken Stapel nahm er eine eingepackte Philippe Matignon Noblesse 50 Cammello Beige und ließ auch sie in der schwarzen Sporttasche verschwinden. Er zog den Reißverschluss wieder zu und legte die Tasche in die Lücke zwischen den beiden Stapeln. Sie passte genau hinein.

Natürlich.

Dann schob er die Schublade wieder zu.

Er ging zurück in die Küche.

Dort nahm er eine penibel zusammengelegte Papiertüte aus dem Besenschrank und faltete sie auf, während er zum Kühlschrank ging. In der Kühlschranktür standen Limonade – Fruchtsoda – in einer Dreiunddreißig-Zentiliter-Glasflasche und eine Rolle Kekse der Marke «Marie». Im Gemüsefach lagen Bananen. Er nahm zwei heraus und legte sie in die Tüte, zusammen mit der Limonade, den Keksen und einer Keksschokolade, die er von der oberen Ablage holte. Zum dritten Mal öffnete er die Tür des Unterschranks und griff eine leere Plastikflasche, die einmal Chlorin enthalten hatte. Er nahm den schwachen Geruch von Desinfektionsmittel wahr, als er die Flasche ebenfalls in die Papiertüte steckte und diese dann in den Flur rechts neben die Eingangstür stellte.

Er drehte sich um und ließ den Blick durch die Wohnung schweifen. Stille. Zum ersten Mal seit vielen Stunden. Das Ritual war ausgeführt. Er war fertig – und bereit.

Für die Nächste. Die Vierte. Jetzt musste er nur noch abwarten.

Es war kurz nach Mitternacht, als Vanja in den Besprechungsraum kam. Sechs Stühle, gruppiert um einen ovalen Konferenztisch, der in der Mitte auf dem graugrünen Teppichboden stand. Ein Bedienpult für Gruppengespräche, Videokonferenzen und den Projektor war direkt über dem Tisch angebracht, der bis auf einige Flaschen Mineralwasser und vier Gläser leer war. Keine Glaswände zu den anderen Arbeitsplätzen. Keine Einblicke. An einer Wand hing das Whiteboard, das Billy ständig mit neuen Materialien zu dem aktuellen Fall bestückte. Als Vanja hereinkam, hängte er gerade ein Foto von Katharina Granlund auf. Sie setzte sich auf einen der Stühle und legte drei Akten vor sich auf den Tisch.

«Und, was hattest du heute Abend vor?»

Billy war etwas überrascht von der Frage. Er hatte erwartet, dass sie ihn etwas zum Fall fragen würde. Ob er eine Verbindung zwischen den drei toten Frauen gefunden hätte. Ob sie weitergekommen seien. Es war zwar nicht so, dass Vanja sich nicht für ihre Kollegen interessierte, aber sie war die zielstrebigste Polizistin, die Billy kannte, und normalerweise vermied sie Geplauder oder persönliche Gespräche bei der Arbeit.

«Ich war im Parktheater», antwortete Billy und setzte sich zu ihr. «Musste direkt nach der Pause gehen.»

Vanja sah ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Misstrauen an. «Du gehst doch nicht ins Theater?»

Sie hatte recht. Wenn er und Vanja ausnahmsweise einmal nicht über den Job sprachen, hatte Billy das Theater schon oft als «tote Kunstform» bezeichnet und die Meinung vertreten, es hätte nach der Geburt des Films friedlich und würdevoll dahinscheiden sollen, genau wie man nach der Erfindung des Automobils Pferd und Kutsche aufgegeben hatte.

«Ich habe eine Frau kennengelernt, und sie wollte gern hingehen.»

Vanja lächelte. War ja klar, dass eine Frau dahintersteckte. «Was hat sie denn gesagt, als du dich davongeschlichen hast?»

«Ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt hat. Sie musste mich schon während des ersten Akts einmal wach rütteln … Und du, was hast du gerade gemacht?»

«Nichts, ich war zu Hause, habe etwas über Hinde gelesen.»

Was sie zu dem eigentlichen Grund zurückführte, warum sie in diesem ziemlich leeren Gebäude auf Kungsholmen herumsaßen, obwohl der neue Tag erst wenige Minuten alt war.

Eine Dreiviertelstunde vorher hatten sie einsehen müssen, dass sie mit den Ermittlungen nicht einen Schritt weitergekommen waren. Es gab keinen gemeinsamen Nenner zwischen den drei Opfern. Sie waren unterschiedlichen Alters, zwei von ihnen verheiratet, eine geschieden, eine hatte Kinder. Sie waren nicht im selben Ort aufgewachsen, nicht auf dieselbe Schule gegangen, arbeiteten nicht in derselben Branche. Sie waren nicht in denselben Vereinen oder Organisationen, hatten keine gemeinsamen Hobbys, zwischen ihren Männern und Exmännern gab es keine sichtbaren Verbindungen, und sie waren weder bei Facebook noch bei anderen sozialen Netzwerken miteinander befreundet.

Sie kannten einander nicht.

Hatten keinerlei Gemeinsamkeiten.

Oder zumindest keine, denen Billy und Vanja auf die Spur gekommen wären.

Enttäuscht klappte Billy seinen Laptop zu und lehnte sich müde im Stuhl zurück. Vanja stand auf, durchquerte den Raum und stellte sich vor die Tafel. Sie betrachtete die Fotos von den drei Frauen. Auf je einem Bild waren sie lebendig, auf den anderen tot. Ganz rechts hingen, in einer senkrechten Reihe, auch Fotos der Opfer aus den neunziger Jahren. Sie waren den neuen Bildern auf erschreckende Weise ähnlich.

«Er kopiert sie exakt.»

«Ja, darüber habe ich auch nachgedacht. Wie gelingt ihm das?» Billy erhob sich ebenfalls und ging zu seiner Kollegin. «Glaubst du, die beiden kennen sich?»

«Nicht unbedingt, die alten Bilder sind ja veröffentlicht worden.»

«Wo das denn?», fragte Billy verwundert. Er konnte sich nur schwer vorstellen, dass eine Zeitung diese makabren Fotos abgedruckt hatte, und 1996 war das Internet bei weitem noch keine so unerschöpfliche Informationsquelle gewesen wie heute.

«Unter anderem in den beiden Büchern, die Sebastian geschrieben hat», fuhr Vanja fort und wandte sich Billy zu. «Hast du sie gelesen?»

«Nein.»

«Solltest du aber. Sie sind wirklich gut.»

Billy antwortete nicht, sondern nickte nur. Angesichts dessen, was Vanja über Sebastian dachte, war diese Feststellung vermutlich das einzig Positive, was sie über ihn zu sagen hatte. Billy zögerte, die Frage zu stellen, immerhin war es spät, und Vanja hatte bereits den ganzen Abend über gereizt gewirkt. Aber dann hörte er sich selbst sagen: «Glaubst du, Torkel zieht ihn hinzu?»

«Sebastian?»

«Ja.»

«Das will ich wirklich nicht hoffen.»

Vanja ging zu ihrem Platz zurück, suchte ihre Akten zusammen und ging dann zur Tür. «Aber wir sollten unbedingt nach Lövhaga fahren und Hinde einen Besuch abstatten.» Sie öffnete die Tür, blieb aber noch stehen. «Wir sehen uns morgen. Rufst du Torkel an und erzählst ihm, wie wenig wir herausgefunden haben?»

Ohne seine Antwort abzuwarten, verschwand sie und ließ Billy allein zurück. Also musste er es wohl oder übel auf sich nehmen, die schlechten Nachrichten zu überbringen. Wie immer. Er warf einen Blick auf die Uhr. Kurz vor eins. Mit einem Seufzer griff er nach seinem Handy.

Sebastian wurde davon geweckt, dass jemand sein Gesicht berührte. Er schlug die Augen auf, schaute sich rasch in dem unbekannten Schlafzimmer um und drehte sich auf die linke Seite, während er im Kopf den gestrigen Abend rekapitulierte, der ihn hierhergeführt hatte. Er war Vanja bis zu ihrer Wohnung gefolgt. Hatte sie hineingehen sehen. Aber als er sich gerade auf seinen gewohnten Beobachtungsposten zurückziehen wollte, war sie plötzlich wieder herausgekommen. Wenige Sekunden später tauchte ein Streifenwagen auf, und sie sprang hinein. Irgendetwas war passiert.

Vanja wurde vor Ort gebraucht.

Er wurde nirgends gebraucht.

Müde war er in seine viel zu große Wohnung zurückgekehrt, hatte dort aber schnell eine enorme Rastlosigkeit verspürt. Es gab nur einen Weg, die Unruhe und Unlust loszuwerden. Also hatte er die Veranstaltungshinweise in der Lokalzeitung überflogen und sich für einen Vortrag im Volksbildungswerk entschieden: «Jussi Björling: ein unvergesslicher Tenor». Interessierte ihn nicht die Bohne, aber bei Kulturveranstaltungen bestand das Publikum gewöhnlich vorwiegend aus Frauen.

Nach kurzer Überlegung hatte er sich in der dritten Reihe neben eine Frau Mitte vierzig ohne Ehering gesetzt, die allein gekommen war. In der Pause hatte er ein Gespräch begonnen. Anschließend einen alkoholfreien Drink genommen. Das Gespräch wiederaufgenommen. Ein gemeinsames Abendessen verabredet. Einen kurzen Spaziergang zu ihrer Wohnung in Vasastan gemacht. Und Sex gehabt.

Jetzt hatte sie ihn geweckt. Ellinor Bergkvist. Verkäuferin im Kaufhaus Åhléns. Haushaltswarenabteilung. Wie viel Uhr es wohl sein mochte? Draußen war es hell, aber das hatte nichts zu sagen, es war ja Hochsommer. Ellinor lag auf der Seite, ihm zugewandt, mit dem Ellbogen auf dem Kissen, den Kopf auf die Hand gestützt. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand strich sie über sein Gesicht. Eine Pose, die sie sich möglicherweise in einer romantischen Komödie abgeschaut hatte. Im Film charmant, im wahren Leben extrem nervtötend. Eine zerzauste Strähne ihres rotblonden Haares hing ihr über das eine Auge, und sie schenkte Sebastian ein Lächeln, das vermutlich «verwegen» wirken sollte, während sie den Zeigefinger auf seiner Nase verharren ließ und den Druck leicht verstärkte.

«Guten Morgen, mein kleiner Siebenschläfer.»

Sebastian seufzte. Er wusste nicht, was schlimmer war: nach dringend benötigtem Schlaf wie ein Baby angesprochen zu werden oder aber der Anblick dieser Aura von romantischem Zusammengehörigkeitsgefühl, die sie ausstrahlte. Wahrscheinlich Letzteres.