Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die Opfer, die man bringt E-Book

Michael Hjorth  

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E-Book-Beschreibung Die Opfer, die man bringt - Michael Hjorth

Sebastian Bergman. Kriminalpsychologe. Er ist hochintelligent. Steht vor seiner schwersten Entscheidung. Aber wird er auch das Richtige tun?Kriminalpsychologe Sebastian Bergman hat sich damit abgefunden, dass er Kommissar Höglunds Team bei der Reichsmordkommission verlassen musste. Er widmet sich seinem Buchprojekt und hält Vorträge, einzig zu Tatortanalytikerin Ursula hat er noch Kontakt. Seine Tochter Vanja will ihn weder sehen noch sprechen. Vanja arbeitet inzwischen bei der Polizei in Uppsala, sie ermittelt in einer perfiden Vergewaltigungsserie. Als die Reichsmordkommission eingeschaltet und auch Sebastian Bergman hinzugezogen wird, trifft das Team von einst wieder zusammen: Alte Konflikte drohen zu eskalieren. Und der brutale Vergewaltiger schlägt weiter zu. Bei der Suche nach ihm verdichten sich die Hinweise, dass er seine Opfer nicht zufällig auswählt. Doch gleich mehrere Personen scheinen verhindern zu wollen, dass die Verbindung zwischen den Frauen ans Licht kommt und der Täter gefasst wird.

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E-Book-Leseprobe Die Opfer, die man bringt - Michael Hjorth

Michael Hjorth • Hans Rosenfeldt

Die Opfer, die man bringt

Ein Fall für Sebastian Bergman

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein und Ulla Ackermann

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Sebastian Bergman. Kriminalpsychologe. Er ist hochintelligent. Steht vor seiner schwersten Entscheidung. Aber wird er auch das Richtige tun?

 

Kriminalpsychologe Sebastian Bergman hat sich damit abgefunden, dass er Kommissar Höglunds Team bei der Reichsmordkommission verlassen musste. Er widmet sich seinem Buchprojekt und hält Vorträge, einzig zu Tatortanalytikerin Ursula hat er noch Kontakt. Seine Tochter Vanja will ihn weder sehen noch sprechen. Vanja arbeitet inzwischen bei der Polizei in Uppsala, sie ermittelt in einer perfiden Vergewaltigungsserie. Als die Reichsmordkommission eingeschaltet und auch Sebastian Bergman hinzugezogen wird, trifft das Team von einst wieder zusammen: Alte Konflikte drohen zu eskalieren. Und der brutale Vergewaltiger schlägt weiter zu. Bei der Suche nach ihm verdichten sich die Hinweise, dass er seine Opfer nicht zufällig auswählt. Doch gleich mehrere Personen scheinen verhindern zu wollen, dass die Verbindung zwischen den Frauen ans Licht kommt und der Täter gefasst wird.

Über Michael Hjorth • Hans Rosenfeldt

Michael Hjorth ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

 

Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, schreibt Drehbücher, zuletzt für die international bislang erfolgreichste skandinavische Serie «Die Brücke», die zahlreiche Preise erhielt, sowie für «Marcella». In seinem Heimatland Schweden ist er ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator.

ERSTER TEIL

13. Oktober

Ich träume von dir.

Fast jede Nacht, seit ich angefangen habe.

Wie würdest du es finden, wenn du es wüsstest?

Wüsstest, was ich tue.

Wahrscheinlich schlimm.

Du würdest mich bitten, damit aufzuhören.

Du warst ein besserer Mensch, als ich es bin.

Aber heute Nacht hast du mich angefleht, dich zu retten.

Euch beide zu retten.

Doch ich konnte es nicht.

Nicht einmal im Traum konnte ich es.

Also tue ich stattdessen das, was ich kann.

Und ich habe vor, es wieder zu tun.

Heute Abend.

Die fünfte.

Klara Wahlgren.

Mit dem Oktober kam der Winter.

Was das Wetter anging, war es ein merkwürdiges Jahr gewesen.

Der Frühling hatte erst spät im Mai eingesetzt. Zuvor hatte es sowohl bei der traditionsreichen und gut besuchten Valborgsfeier auf die Mützen der frischgebackenen Abiturienten geschneit als auch tags darauf bei der eher spärlich besuchten 1.-Mai-Demo. Der Sommer hatte bis Ende Juni auf sich warten lassen, in der Woche nach Mittsommer war das Thermometer endlich über zwanzig Grad geklettert, aber dafür hielt sich die Wärme bis Ende September.

Einen richtigen Herbst hatte es nicht gegeben.

Am 18. Oktober war es aber dann schon wieder so weit. Als die Bewohner von Uppsala am Morgen die Jalousien hochzogen, blickten sie auf eine dünne Decke aus weißem Pulverschnee. Das gab den Leugnern des Klimawandels natürlich Auftrieb.

«Wenn du mich fragst, sieht das nicht unbedingt nach einer Erderwärmung aus.»

«Dich fragt aber niemand», wollte Klara jedes Mal erwidern, wenn sie die abgedroschene Phrase hörte und das häufig damit einhergehende selbstgefällige Grinsen sah.

Der Klimawandel war in höchstem Maße real.

Klara war vom Fach, nachdem sie drei Jahre Umweltwissenschaften in Lund studiert und anschließend ein Magisterexamen in Nachhaltigkeitsmanagement in ihrer Heimatstadt Uppsala abgelegt hatte. Die Ergebnisse jahrelanger Forschung auf der ganzen Welt sprachen eine deutliche Sprache, unabhängig davon, wie es im Oktober vor dem eigenen Küchenfenster aussah.

Aber es war verdammt kalt, dachte sie, als sie abends um kurz vor neun aus dem Unterrichtsgebäude kam und ihren viel zu dünnen Mantel zuknöpfte. Wie immer hatte sie aufgeräumt und den Raum in Ordnung gebracht, nachdem die letzten Kursteilnehmer gegangen waren.

Möbelrestaurierung.

Ab dem 15. September einmal wöchentlich von 18.30 Uhr bis 20.30 Uhr.

Neun Termine.

An diesem Abend hatten sie sich zum fünften Mal getroffen. Klara freute sich über die Fortschritte, die alle gemacht hatten. Sie liebte es, diese Kurse zu geben.

Seit mittlerweile vier Jahren.

Noch einmal überprüfte sie, ob die Tür hinter ihr auch wirklich geschlossen war, ehe sie die Östra Ågatan hinunterging, der Kälte wegen mit schnellen Schritten. Als ihr Handy klingelte, zog sie es aus der Manteltasche und meldete sich mit einem verwunderten Lachen.

«Hallo, mein Schatz, schläfst du noch gar nicht?»

«Wann kommst du nach Hause?» Victors Stimme klang müde. Sie sah ihn vor sich, wie er mit geputzten Zähnen in seinem Spider-Man-Schlafanzug auf dem Sofa saß und krampfhaft versuchte, die Augen offen zu halten.

«Ich bin jetzt auf dem Weg zum Auto, also ungefähr in einer Viertelstunde. Was ist denn los?»

«Die Wunde.»

Ihr Sohn war letzte Woche beim Orientierungslauf im Sportunterricht in irgendwelchen rostigen Schrott getreten, der illegal im Wald entsorgt worden war, und hatte sich eine Schnittwunde an der Wade zugezogen. Sie war mit fünf Stichen genäht worden, und der Verband musste jeden Abend gewechselt werden.

«Kann Papa das nicht machen?»

«Du kannst das besser.»

Klara seufze leise. Es war ja schön, wenn man geliebt und gebraucht wurde, aber eigentlich war Zach ebenso sehr für seinen Sohn da. Sie hatten sich auch die Elternzeit geteilt, und dennoch, egal worum es ging, Victor fragte immer zuerst nach seiner Mutter. Klara wusste, wie traurig es Zach machte, immer nur die zweite Wahl zu sein.

«Ich bin aber nicht zu Hause, und du musst schlafen», unternahm sie einen Versuch, während sie in die Ångkvarnsgatan einbog.

«Aber der Verband?»

«Lass Papa das machen, und dann gehst du ins Bett, und wenn ich nach Hause komme, sehe ich nach dir. Wenn es nötig ist, können wir dann den Verband noch einmal neu machen.»

Auf ihren Vorschlag folgte eine Pause, als versuchte der Achtjährige herauszufinden, ob er irgendwie an der Nase herumgeführt wurde.

«Abgemacht?», fragte Klara.

«Okay …»

«Gut. Kuss. Schlaf gut.»

Sie beendete das Gespräch und steckte das Telefon zurück in die Manteltasche. Ließ die Hand dort. Es war wirklich kalt.

Hatte sie das Richtige getan?

Angenommen, Victor wäre noch wach, wenn sie nach Hause käme, und sie wechselte den Verband erneut – würde sie ihn dann nicht darin bestärken, dass Zach es nicht so gut machte wie sie? Hätte sie strenger sein müssen? Keine Alternativen vorschlagen? Ja, vermutlich wäre das besser gewesen.

Hoffentlich schlief Victor, wenn sie nach Hause kam. Dann wäre das Problem erledigt, dachte sie und betrat den Parkplatz.

In dem quadratischen Innenhof gab es sechs Stellplätze. Zwei davon gehörten zur Volkshochschule. Jetzt parkte nur noch ihr blauer Polo dort in einer Ecke.

Klara blieb stehen.

Es war sehr dunkel. Dunkler als gewöhnlich.

Die umliegenden Häuser waren Büro- und Vereinsräume, in denen um diese Zeit sonst auch kein Licht mehr brannte, aber heute leuchteten die beiden Wandlampen nicht. Klara hatte keine Ahnung, wo sich der Schalter befand. Jemand hatte sie wohl versehentlich ausgeschaltet.

Doch so war es nicht, stellte sie fest, als sie zu ihrem Auto ging und sich ihre Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnten. Unter der Wandhalterung der einen Beleuchtung, direkt neben ihrem Auto, lagen Glasscherben.

Die Lampe war zerschlagen worden.

Oder hatte sie sich irgendwie gelöst und war auf dem Boden zerschellt?

Da jedoch beide Lampen kaputt waren, hatte sich vermutlich jemand einen Spaß daraus gemacht, sie zu zerstören. Obwohl Klara sich selbst noch jung fühlte, ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass es sicher irgendwelche Jugendlichen gewesen sein mussten. Vielleicht war es einfach Wunschdenken, dass Vandalismus und anderes rücksichtsloses Verhalten eine gewisse Unreife voraussetzten. Dabei gab es in der heutigen Gesellschaft immer häufiger Beispiele, die das Gegenteil belegten.

Klara zog ihren Autoschlüssel aus der Tasche. Der Polo blinkte zweimal auf, und die Seitenspiegel brachten sich mit einem leisen Surren in Position. Als sie gerade ihre Hand auf den sicherlich eiskalten Griff legen wollte, zuckte sie zusammen und erschauderte instinktiv.

Hinter ihr waren leise Schritte zu hören.

Sie war nicht allein.

Für einen kurzen Moment sah sie einen schwarzen Schatten im Seitenspiegel.

Verzerrt. Groß. Nah.

Ohne nachzudenken, machte sie einen schnellen Schritt zur Seite und drehte sich um. Anstatt sich ihr von hinten zu nähern, stand die dunkle Gestalt jetzt zwischen Klara und dem Wagen. Klara registrierte die schwarze Kapuze, die das Gesicht verbarg, ehe sie von einem lauten, durchdringenden Geräusch überrascht wurde.

Wie ein Alarm.

Es dauerte einige Sekunden, ehe sie begriff, dass es ihr eigener Schrei war.

Die Gestalt vor ihr schien ein wenig vor der Lautstärke ihrer Stimme zurückzuschrecken. Das gab Klara Kraft.

Sie kam nicht einmal auf die Idee zu fliehen.

Sie würde sich verteidigen.

Um jeden Preis.

Irgendwo in ihrem Hinterkopf schwirrte die Information herum, dass man bei einem Angriff möglichst starken Widerstand leisten sollte, und das tat sie auch. Sie schlug um sich und trat zu. Ihre Arme und Beine schnellten vor und trafen den Körper des Angreifers. Brutal. Wieder und wieder. Blind und voller Wut. Und gleichzeitig schrie sie immer weiter.

Klara wusste nicht, wie lange sie sich verteidigte, wahrscheinlich nur einige Sekunden, die ihr jedoch wie eine Ewigkeit vorkamen. Dann sah sie, wie der Angreifer zurückwich, davonrannte. Zum Eingang des Hofs und von dort nach links in die Ångkvarnsgatan.

Keuchend stand Klara da. Ihr Atem ging rasselnd, und sie dachte noch kurz, dass sie sich beim Schreien irgendeine Verletzung im Hals zugezogen haben musste. Dann schwand ihre Kraft, sie glitt zu Boden, ohne die Kälte und die Nässe des Schnees zu spüren, die sofort durch ihre Hose drang. Ihr Blick fiel auf einen länglichen Gegenstand, der neben dem Asphalt auf dem Boden lag.

Eine Spritze mit einer Flüssigkeit.

Sie sollte betäubt werden.

Betäubt und vergewaltigt.

Genau wie Ida.

Vermisste sie die Reichsmordkommission?

Vanja musste zugeben, dass sie sich diese Frage ziemlich oft stellte. Wie auch jetzt, während sie sich einen Tee kochte, in der Küche der kleinen Zweizimmerwohnung eines Kollegen in Uppsala, wo sie gerade zur Untermiete wohnte. Vorerst für ein Jahr, während er in Den Haag an einem Polizeiprojekt der EU zur Bekämpfung des Menschenhandels mitarbeitete. Zweiundfünfzig Quadratmeter, auf denen Vanja nicht einen Einrichtungsgegenstand benennen konnte, den sie selbst ausgesucht hätte, vielleicht mit Ausnahme des 75-Zoll-Flachbildschirms, der die Wand gegenüber dem schwarzen, durchgesessenen Ledersofa dominierte. Aber so war das eben, wenn man eine möblierte Wohnung mietete. Für ein Jahr würde Vanja es aushalten. Sollte sie länger bleiben, würde sie sich etwas anderes suchen müssen. Etwas Eigenes.

Vermisste sie die Reichsmordkommission?, fragte sie sich erneut, während sie den Teebeutel aus der Tasse mit dem Star-Wars-Motiv zog und ihn in die Spüle warf.

Nicht die Abteilung als solche und auch nicht die eigentliche Arbeit. Ihre Aufgabe in Uppsala war mindestens genauso interessant, aber sie vermisste ihre Kollegen. Nachdem sie inzwischen schon einige Monate ohne sie auskommen musste, begann sie einzusehen, dass sie eher Freunde als Arbeitskollegen waren. Vielleicht sogar ihre einzigen Freunde.

Bis auf Sebastian natürlich.

Er war kein Freund.

Vanja öffnete den Kühlschrank, goss einen Schuss Milch in den Tee und trug ihn in das kleine Wohnzimmer, wo ihr Laptop aufgeklappt auf dem Rauchglastisch von IKEA stand.

Sie hatte Torkel versprochen, dass sie zurückkommen würde.

Wenn sie wieder ein bisschen Ordnung in ihr Leben gebracht hatte.

Was auch immer das bedeuten sollte.

Zu Anna hatte sie nach wie vor keinen Kontakt, in diesem Punkt hatte sich nichts geändert. Ihre Mutter hatte sie ihr ganzes Leben lang angelogen, und als die Wahrheit endlich ans Licht gekommen war, hatte sie Vanja erneut verraten, indem sie hinter ihrem Rücken Kontakt zu Sebastian aufgenommen hatte und, noch schlimmer, sogar mit ihm im Bett gewesen war.

Valdemar hatte sich hin und wieder bei ihr gemeldet. Kurze, unpersönliche Telefonate über den Umzug, die neue Stadt und die neuen Kollegen. Zu Besuch war er noch nicht gekommen. Obwohl er Anna verlassen hatte, um seine Beziehung zu Vanja zu retten. Obwohl er in ihrer Kindheit immer ihr Vater gewesen war, dem sie näher gestanden und den sie mehr geliebt hatte als jeden anderen, war es ihnen noch nicht gelungen, wieder zueinanderzufinden.

Das schmerzte sie.

Und machte sie wütend.

Dass es Sebastian geschafft hatte, das wenige kaputtzumachen, was ihr im Leben wirklich etwas bedeutete. Vielleicht würden Valdemar und sie allmählich in ihren neuen Rollen zueinanderfinden, doch die laufenden Ermittlungen gegen ihn wegen Wirtschaftskriminalität und sein Suizidversuch standen immer noch zwischen ihnen.

Ihr Leben war ein einziger Sumpf.

Weit davon entfernt, in Ordnung zu kommen.

Das einzig Gute war ihre Beziehung zu Jonathan.

Sie war sogar mehr als gut.

Ihre gemeinsame Reise, die in Kopenhagen begonnen und sie in fünf weitere europäische Länder geführt hatte, hatte genau Vanjas Vorstellungen entsprochen. Zunächst war Jonathan etwas beunruhigt gewesen, dass sie vielleicht einfach nur irgendeinen Partner brauchte, aber nicht notwendigerweise ihn, doch diese Sorge hatte sich schnell als unbegründet erwiesen. Nach dem Sommer hatte er dann von ihrer gemeinsamen Zukunft gesprochen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

Daher hatte Vanjas Umzug nach Uppsala ihn nicht gerade begeistert, aber bis nach Stockholm waren es nur vierzig Minuten Zugfahrt, und Vanja war, sooft es ging, in der Hauptstadt. Und wenn sie dort war, wohnte sie auch bei ihm, ihre Wohnung in der Sandhamnsgatan hatte sie untervermietet.

Mit Jonathan war also alles bestens, und Sebastian hatte sie nicht mehr gesehen, seit er sie vor drei Monaten in der Garage unter dem Waterfront-Kongresszentrum zurückgelassen hatte. Vanja hatte gehört, dass er sich während seiner Höllenfahrt mit einer Bombe im Auto verletzt hatte, mehrere gebrochene Rippen und ein gebrochener Arm, das hatte Ursula erzählt, mehr wusste sie jedoch nicht.

Das wollte sie auch gar nicht.

Je weniger Platz Sebastian Bergman in ihrem Leben einnahm, desto besser. Diese Maxime galt sicher für alle Menschen.

Also dachte sie nicht mehr an ihn, setzte sich aufs Sofa, trank einen Schluck von ihrem Tee und widmete sich einem Ausdruck von Therese Anderssons Anzeige bei der Polizei.

Die Geschädigte verlässt um 1.30 Uhr in der Nacht zu 4. Oktober eine Party in der Molngatan 23 und beschliesst dorthin nach Hause zu laufen wo sie in der Almqvistgatan wohnt, nur ein Paar Km. entfernt. Sie nahm den Fussweg Liljefors torg und als sie an der Liljefors-Schule vorbeiging, hörte sie Schritte die sich nährten und dann packt jemand sie von hinten und sie spürt einen Stich in dem Hals.

Natürlich konnte man nicht erwarten, dass alle Anzeigen perfekt formuliert waren, das wusste Vanja, fehlerfreie Protokolle waren sogar wohl eher die Ausnahme, aber dieser Text war wirklich eine Zumutung. Sie schaute nach, wer die Anzeige aufgenommen hatte. PMA Oscar Appelgren. Er war also noch in der Ausbildung, aber da man auf der Polizeischule keinen Schwedischunterricht hatte, bestand auch keinerlei Aussicht auf Besserung. Vanja holte tief Luft und las weiter.

Danach erinnert sie sich an nichts außer das sie liegend auf dem Boden zwischen ein Paar Büschen neben dem Fussweg auf wacht. Das Kleid ist irgend wie hochgezogen, die Strumpfhose zerrissen und die Geschädigte hat irgendeine Art Sack über dem Kopf. Die Geschädigte kommt hoch und kommt zur Vaksalagatan wo sie umhilfe ruft. Das ist um ungefähr 2.30 Uhr.

Die Polizei wird ins Krankenhaus gerufen und eine Ärztliche Untersuchung ergibt eine Blutung im unterleib nach Penetrazion und Spuren von Sperma. Eine Blutprobe, ergibt Reste von Flunitrazepam Mylan im Blut.

Vanja legte diese Orgie von Rechtschreib- und Kommafehlern beiseite, griff nach der Teetasse und lehnte sich zurück.

Schwere Vergewaltigung, aus dem Nichts heraus.

Solche Fälle machten unter den jährlich angezeigten Vergewaltigungen nur einen geringen Prozentsatz aus. Meistens kannten sich Täter und Opfer, und das Verbrechen fand in privaten Räumen statt. Doch in den Medien wurde so ausgiebig über derartige Überfälle berichtet, dass man glauben konnte, sie kämen häufiger vor. Bisher wurde allerdings nur wenig über Thereses Unglück geschrieben. Doch das würde sich vermutlich schnell ändern, sobald sich auch nur eine Zeitung ernsthaft dafür interessierte.

Sie war nämlich nicht die Erste.

Vanja beugte sich erneut vor, stellte die Tasse ab und öffnete den Bericht des Nationalen Zentrums für Forensik.

Viel stand nicht darin.

Der Abdruck eines Turnschuhs der Marke Vans, Modell UA-SK8-Hi MTE, in der Erde unter dem Gebüsch und die DNA des Spermas, doch der Täter war in keinem Register gespeichert. Dagegen stimmten die Funde mit denen aus einer anderen Vergewaltigung überein, die einen knappen Monat zuvor begangen worden war.

Ida Riitala, vierunddreißig Jahre alt. Überfallen am 18. September auf dem Alten Friedhof. Dieselbe Stadt, derselbe Modus Operandi.

Ein Täter, der sich von hinten anschlich, seinem Opfer ein Betäubungsmittel injizierte, ihm einen Jutesack über den Kopf zog und die Tat vollzog, während die Frau bewusstlos war.

Plötzlich klingelte Vanjas Telefon. Sie warf einen Blick auf das Display.

Anne-Lie Ulander. Ihre neue Chefin.

Es war fast halb zehn Uhr abends. Also noch mehr Arbeit. Vanja nahm das Gespräch an.

«Hallo, was gibt es?»

Das Telefonat dauerte höchstens eine halbe Minute, dann klappte Vanja ihren Laptop zusammen, stand auf und verließ die Wohnung. Falls noch irgendwelche Zweifel geherrscht hatten, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hatten, waren die jetzt endgültig ausgeräumt.

Es gab ein drittes Opfer.

Klara kauerte auf dem Sofa. Obwohl sie drei Kleidungsschichten übereinander trug und in eine Decke gehüllt war, fror sie immer noch. Als würde sie die Kälte aus dem dunklen Hinterhof wie eine zweite Haut umgeben. Sie umklammerte ihren Teebecher mit beiden Händen und blickte die Frau an, die leicht vorgebeugt mit einem Notizblock am anderen Ende des Sofas saß.

Anne-Lie Ulander. Kommissarin.

Klara fand, sie sah eher aus wie eine erfolgreiche Anwältin in einer amerikanischen Fernsehserie, mit ihrem einfachen, perfekt geschnittenen und sicher teuren roten Kleid und ihrem schulterlangen dunklen Haar, das wie flüchtig frisiert aussah, doch Klara hatte den Verdacht, dass ein aufwendiges Styling dahintersteckte.

«Schwarze Kleidung, eine Kapuze und irgendein Stoff, mit dem er sein Gesicht verbarg. Können Sie sich an noch etwas erinnern?»

Klara begegnete Anne-Lies mitfühlendem Blick und schüttelte den Kopf.

«Wie groß war er Ihrer Schätzung nach?»

Klara überlegte. Obwohl sie sicher war, dass sie das Erlebte nie vergessen würde, weil es sich ihr für immer eingebrannt hatte, waren ihre Erinnerungen seltsam verschwommen und unzusammenhängend. Als wollte ihr Gehirn sie schützen.

«Ich weiß es nicht genau. Größer als ich.»

«Und wie groß sind Sie?»

«Einen Meter neunundsechzig.»

Anne-Lie vermerkte die letzte Information unter ihren Aufzeichnungen zu Klaras Bericht. Sobald Vanja käme, würde sie zum Tatort fahren. Carlos war bereits dort, und er war ein guter Mitarbeiter, aber sie durften sich nicht den kleinsten Fehler erlauben. Drei Überfälle innerhalb eines Monats. Auf Uppsalas Straßen lief ein gefährlicher Mann herum.

«Er wurde wach, als ich nach Hause kam», erklärte Klara leise. Anne-Lie sah von ihrem Notizblock auf und warf einen Blick in die Küche, wo ein Mann mit einem Jungen in einem Spider-Man-Schlafanzug auf dem Schoß saß. Er las dem Sohn mit gedämpfter Stimme aus einem Buch vor, während das Kind offensichtlich versuchte, sich wach zu halten, und gleichzeitig von Zeit zu Zeit beunruhigt zu Klara hinüberschielte. «Er schlief schon, als ich kam, aber er muss uns gehört und begriffen haben, dass etwas passiert ist …»

«Möchten Sie, dass ich mit ihm rede?»

Klara wandte den Kopf von ihrer Familie ab und drehte sich fragend zu Anne-Lie um.

«Um ihm was zu sagen?»

«Wie alt ist er denn?»

«Acht.»

«Ich könnte ihm sagen, dass ich mit Ihnen spreche, weil Sie etwas beobachtet haben, das wichtig für uns ist. Er muss nicht denken, dass Ihnen etwas zugestoßen ist.»

«Das hat Zach schon getan. Er hat gesagt, dass ein paar dumme Jugendliche vor der Volkshochschule randaliert haben und ich ein bisschen Angst bekommen hätte …»

Sie verstummte, weil es an der Haustür klingelte, und erstarrte. Anne-Lie bemerkte es und legte Klara zur Beruhigung die Hand aufs Knie.

«Das ist nur meine Kollegin», erklärte sie und stand auf, um die Tür zu öffnen. Kurz darauf kam sie mit einer jungen Frau zurück, die sich als Vanja Lithner vorstellte.

«Klara Wahlgren», krächzte Klara heiser, obwohl die neue Polizistin das sicher schon wusste. Klaras Halsschmerzen wurden immer schlimmer. Irgendwie musste sie sich beim Schreien verletzt haben. Vielleicht hätte sie doch ins Krankenhaus fahren sollen? Aber sie hatte es nicht getan. Danach. Denn es war ja nichts passiert.

Oder jedenfalls nicht das, was hätte passieren können.

Klara erschauderte abermals und nahm einen Schluck Kamillentee. Doch der vermochte sie weder zu wärmen noch den Schmerz in ihrem Hals zu lindern, aber sie trank ihn trotzdem. Aus ihrer Tasse mit der Aufschrift Die beste Mama der Welt.

Das vermittelte ihr Normalität. Geborgenheit.

Die zweite Polizistin hängte ihre Jacke im Flur auf. Dann kam sie wieder ins Wohnzimmer, setzte sich und fragte, wie es Klara gehe. Sie zuckte mit den Schultern. Wie es ihr ging? Das wusste sie nicht. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Sie fühlte sich vollkommen erschöpft, nachdem sich der Adrenalinspiegel wieder gesenkt hatte, und trotzdem hatte sie das Gefühl, ihr Körper befände sich noch in höchster Alarmbereitschaft.

Anne-Lie stand auf und überließ Vanja ihre Notizen.

«Ich muss jetzt zum Tatort fahren, aber Vanja wird an dieser Stelle übernehmen.» Damit zog sie eine Visitenkarte hervor und legte sie auf den Sofatisch. «Wenn noch irgendetwas ist, falls Sie Hilfe brauchen, Fragen haben oder ärztliche Behandlung benötigen, rufen Sie einfach an.»

«Danke.»

Hastig legte Anne-Lie ihre Hand auf Klaras Schulter, ehe sie Vanja zunickte und die Wohnung verließ. Klara sah ihr nach. Neben der Tür zum Flur hing ein Foto. Es zeigte sie, Zach und Victor, letztes Jahr auf Kreta. Sie hatten auf der Südseite ein kleines Dorf namens Loutro entdeckt. Hier gab es keine Straßen, und man konnte es nur mit dem Boot erreichen. Etwa fünfzig Häuser, die in einem Halbkreis um die kleine Bucht verstreut waren. Kleine Restaurants und Hotels, kaum Ablenkung – hier konnte man einfach nur baden, sich sonnen und entspannen.

Der perfekte Urlaub.

Das perfekte Leben.

Ob sie je wieder so glücklich sein würde?

Unter dem Foto stand ein Sessel, den sie neu bezogen hatte. Klara ließ ihren Blick auf dem geblümten Muster ruhen, als ihr ein Gedanke kam. Sie hatte schon in dem Moment daran gedacht, als sie auf dem Parkplatz saß, dann war der Gedanke wieder verschwunden.

«War es derselbe Mann, der auch Ida überfallen hat?»

Vanja sah erstaunt von den Notizen auf.

«Ida Riitala?»

Klara nickte.

«War es derselbe?»

«Kennen Sie Ida?», fragte Vanja, anstatt ihr zu antworten, sofort interessiert. Dass zwei der Opfer miteinander bekannt waren, konnte die Suche nach dem Täter womöglich eingrenzen. Gleichzeitig musste es aber nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben. Es könnte auch reiner Zufall sein. Wenn der Mann die Lampen an der Gebäudefassade zerstört hatte, musste er jedoch auf Klara gewartet haben, wobei sie das natürlich sicher wussten. Vielleicht hatte er Klara einfach nur aus der Volkshochschule kommen sehen, war ihr gefolgt und hatte die Gelegenheit ergriffen, als sie in den dunklen leeren Innenhof ging.

Doch sie kannte Ida Riitala.

«Woher kennen Sie Ida?»

«Wir haben früher zusammen im Chor gesungen. Wir sind Freundinnen.» Klara verstummte, schien aber noch mehr auf dem Herzen zu haben. Vanja wartete ab. «Na, jedenfalls auf Facebook», fuhr Klara fort, nachdem sie anscheinend genauer darüber nachgedacht hatte, wie ihre Beziehung zu Ida wirklich aussah. «Wir treffen uns nicht so oft …»

«Kennen Sie auch Therese Andersson?», fragte Vanja.

«Nein, wer ist das?»

«Sie ist ungefähr im selben Alter wie Sie, arbeitet als Gesundheitsberaterin und wohnt mit ihrem Freund Milan Pavic in der Almqvistgatan.»

Klara schüttelte den Kopf.

«Ich habe ein Foto von ihr», erklärte Vanja.

Sie hatte immer Fotos von allen Personen, die im Zusammenhang mit ihren Ermittlungen standen, auf ihrem Handy. Ob das tatsächlich im Einklang mit allen Datenschutzgesetzen und Persönlichkeitsrechten stand, wollte sie gar nicht so genau wissen, denn es war praktisch und erleichterte ihr die Arbeit.

Sie scrollte zu dem Bild von Therese und hielt es Klara hin, die erneut den Kopf schüttelte, nachdem sie einen kurzen Blick darauf geworfen hatte.

«Sind Sie deshalb zu zweit gekommen? Ich dachte, dass höchstens ein, na, Sie wissen schon, ein ganz normaler Polizist vorbeischaut, wenn überhaupt. Man hört ja immer, dass Sie wenig Zeit und nicht genügend Personal haben.»

Vanja musste einen Seufzer unterdrücken. Sie war es so leid, dass das Vertrauen in die Polizei Jahr für Jahr weiter zurückging und bei einem Großteil der Bevölkerung der Eindruck vorherrschte, sie seien personalschwach, ineffektiv und manchmal auch inkompetent. Wobei das leider auch in einigen Fällen zutraf.

«Gewaltverbrechen werden stets vorrangig behandelt, aber ja, wir sind unter anderem hier, weil wir den Verdacht haben, dass der Täter, der Sie angegriffen hat, auch für zwei andere Überfälle auf Frauen hier in Uppsala verantwortlich ist.»

«Wie der Hagamann.»

Diesmal konnte Vanja den Seufzer nicht unterdrücken. Sie hatte bereits bei Anne-Lies Anruf denselben Gedanken gehabt.

Der Hagamann, verurteilt wegen zweifachen Mordversuchs, vier Vergewaltigungen und zwei versuchter Vergewaltigungen und zudem verdächtig, in den Jahren 1998 bis 2005 noch weitere Verbrechen begangen zu haben, ehe er endlich gefasst wurde. Nach sieben Jahren. Das war ein zu langer Zeitraum.

Zu viele Opfer.

Zu viel Leid.

Zu viel Angst.

«Wir werden ihn kriegen, bevor er zu einem neuen Hagamann wird.» Vanja ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. Klara reagierte jedoch nicht, sondern ließ ihren Blick wieder in die Küche schweifen, zu ihrer Familie.

«Sind wir bald fertig?», fragte sie. «Es ist schon spät …»

«Ja, wir sind fertig, es sei denn, Ihnen fällt noch etwas ein?»

«Nein.»

«Wenn doch, dann melden Sie sich bitte», sagte Vanja, ging in den Flur und nahm ihre Jacke vom Haken.

Klara stand auf, machte aber keine Anstalten, Vanja zur Tür zu begleiten. Stattdessen ging sie in die Küche und nahm wortlos ihren todmüden Sohn auf den Arm. Zach erhob sich ebenfalls und legte Klara sanft die Hand auf den Rücken. So gingen sie ins Schlafzimmer.

Die kleine Familie.

Klara fragte sich, ob sie es wagen würde, die Augen zu schließen. Zu entspannen.

In diesem Moment glaubte sie nicht daran.

Carlos Rojas fröstelte und trat von einem Bein auf das andere, während er hinter den Absperrbändern stand und zusah, wie sich die Techniker vorsichtig um das einsame Auto auf dem Innenhof bewegten. Er hatte sich ordentlich eingepackt, nachdem der Anruf gekommen war. Mütze, Handschuhe, Schal, mehrere Schichten unter dem Mantel, sogar seine gefütterten Schuhe hatte er vom Dachboden geholt.

Trotzdem fror er.

Wenn die Leute seinen Namen hörten und sein schwarzes Haar und seine dunkle Haut sahen, dachten sie immer, es läge daran, dass er Spanier war und nicht an das nördliche Klima gewöhnt. Was jedoch nicht der Grund war. Er hatte sein ganzes Leben in Schweden verbracht. Seine Mutter hatte seinen Vater vor achtunddreißig Jahren während eines Urlaubs in Málaga kennengelernt, und er war zu ihr nach Schweden gezogen. Sie hatten sich in Varberg niedergelassen und Carlos und seine beiden Schwestern bekommen. Er war also nicht wegen einer Kindheit im sonnigen Spanien so schlecht gegen die Kälte gerüstet, sondern es war einfach so.

Und das galt nicht nur im Winter.

Er fror einfach immer.

Carlos rieb seine behandschuhten Hände aneinander und hüpfte ein wenig auf der Stelle. Ohne dass es auch nur ansatzweise half.

Einige Minuten später wusste Carlos, dass Anne-Lie im Anmarsch war, noch ehe er sie sah. Er arbeitete seit sechs Jahren unter ihrer Leitung und kannte den Klang ihrer Schritte. Sie trug immer Schuhe oder Stiefel mit Absatz.

War immer gut angezogen.

Dezent, klassisch, teuer.

Ihre Kleidung vermittelte eine natürliche Autorität.

An diesem Abend war es nicht anders. Schwarze kniehohe Stiefel und ein rotes Kleid, das unter dem schwarzen zweireihigen Mantel von Hope und dem mehrfarbigen Schal aus Lammwolle zu erahnen war. Das war ein Interesse, das sie teilten. Mode. Carlos konnte gar nicht verstehen, dass es manchen Menschen egal war, wie sie sich kleideten. Schließlich sagte das viel mehr über die Persönlichkeit aus, als die meisten wussten oder zugeben wollten. Dabei hatte es nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun. Stil brauchte nicht teuer zu sein. Entweder man hatte ihn, oder man hatte ihn nicht. Carlos musste sich nur seine neue Kollegin Vanja Lithner ansehen. Sie war eine gute Polizistin und menschlich ziemlich in Ordnung, wenn auch nicht gerade der Inbegriff an Sozialkompetenz – aber es war ganz eindeutig, dass sie nicht einmal drei Minuten pro Woche an den Gedanken verschwendete, wie sie sich kleidete.

«Frierst du?», fragte Anne-Lie, als sie ihn mit hochgezogenen Schultern dastehen sah.

«Was glaubst du?»

«Ich glaube, dieser Winter wird hart für dich, wir haben erst Oktober.» Sie lächelte kurz, ehe sie sich der Szene auf dem Innenhof zuwandte. «Was gibt es bisher?»

«Schuhabdrücke, es scheint sich um dieselbe Marke und Größe zu handeln wie an den anderen Tatorten, aber diesmal hat er seine Spritze verloren.»

«Können wir ihren Ursprung zurückverfolgen?»

«Mal sehen.»

«Wurde irgendein Sack gefunden?»

Carlos schüttelte den Kopf.

Anne-Lie drehte sich um und spähte in beide Richtungen die Straße entlang.

«Überwachungskameras?»

«Keine hier draußen auf der Straße, aber auf der Östra Ågatan gibt es eine. Ich habe alle Aufnahmen nach 20.30 Uhr bestellt.»

«Gut.»

«Und noch etwas …»

«Was denn?»

«Die Lampen an der Fassade. Ich habe die Leute angerufen, die hier einen Parkplatz gemietet haben. Ein Mann namens Fredrik Filipsson hat um kurz nach acht sein Auto geholt und sagt, da hätten sie noch beide geleuchtet.»

«Der Täter hat ihr also aufgelauert.»

«Ja, das scheint so.»

«Weil er sie kennt.»

«Vielleicht hat er sie über einen längeren Zeitraum beobachtet. Sie parkt jeden Donnerstag hier und kommt immer ungefähr um dieselbe Zeit zurück. Genau wie Ida Riitala nach ihren Joggingrunden immer die Abkürzung über den Friedhof genommen hat.»

Anne-Lie seufzte, wandte sich von Carlos ab und blickte auf den Fyrisån und den Sportplatz auf der anderen Seite des dunklen kalten Wassers. Sie liebte ihren Job. Alle Aspekte davon. Aber auf diesen Fall hätte sie gern verzichtet. Sie mussten ihn so schnell wie möglich lösen. Am liebsten würde sie bei allen männlichen Einwohnern über fünfzehn in ganz Uppsala einen Massen-DNA-Test durchführen.

«Drei Überfälle in weniger als einem Monat.»

Es war nur eine Feststellung, aber Carlos antwortete dennoch.

«Ja.»

«Er wird nicht aufhören.»

«Nein.»

«Die Frauen werden Angst davor haben, allein auf die Straße zu gehen.»

«Noch mehr Angst.»

Anne-Lie nickte. Das war die Realität, und es war ein gesellschaftliches Problem. Frauen fürchteten sich davor, allein aus dem Haus zu gehen. In jeder Stadt, überall. Eine Untersuchung des Schwedischen Rats für Kriminalprävention hatte ergeben, dass jede fünfte Frau in diesem Land schon einmal aus Angst darauf verzichtet hatte, das Haus zu verlassen. Die Bewegungsfreiheit der Frauen war eingeschränkt, ihre Möglichkeiten wurden begrenzt. Und das sogar schon unter «normalen Umständen».

Ohne dass ein Serienvergewaltiger herumlief.

«Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun», bekräftigte Anne-Lie, wieder an Carlos gewandt.

«Möchtest du mehr Leute?»

«Andere Leute.»

Mit diesen Worten ging sie davon. Carlos hörte das Klappern ihrer Absätze noch lange, nachdem sie längst aus seinem Blickfeld verschwunden war. Er wusste nicht, was sie mit «anderen Leuten» gemeint hatte, aber er würde es sicher bald erfahren.

Wenn Anne-Lie einen Entschluss fasste, wurde er auch in die Tat umgesetzt.

«Bist du bald so weit?»

Billy hörte die Frage vor der Badezimmertür, ohne darauf zu reagieren. Er wischte den beschlagenen Spiegel ab, beugte sich über das Waschbecken und betrachtete sein Gesicht.

Wie er es auch damals getan hatte.

An jenem Morgen im Juni. Als er mit einem schweren Kater auf dem Sofa erwacht war. Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Dasselbe Gesicht, ein anderer Spiegel.

Bei ihr.

Bei Jennifer.

Ehe er sich erinnert hatte …

Das Wasser rann aus seinem nassen Haar, blieb kurz an den Brauen hängen und tropfte auf seine Wangen. Er sah sich tief in die Augen. Der Spiegel der Seele, wenn man dieser poetischen Redewendung Glauben schenkte. Doch dann hätten sie ihn verraten müssen, und das war offenbar nicht der Fall. Seine Augen waren freundlich, das bekam er oft zu hören. My sagte es auch immer. Du hast so liebe Augen. Sie verrieten nichts über den dunklen Trieb, der wie eine hungrige Schlange in seinem Inneren lauerte. Nichts über seine Phantasien von Dominanz und Kontrolle, die er nun schon eine Weile hatte, aber bisher hatte unterdrücken können. Seit dem, was bei Jennifer passiert war. Normalerweise beschäftigte er sich nicht mit tiefschürfenden philosophischen Betrachtungen, aber in letzter Zeit kam er nicht mehr umhin, sich zu fragen, wer er eigentlich war.

Wer er geworden war. Was er geworden war.

Das Squashspielen, das ihn normalerweise müde machte, hatte ihn heute vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht. Nicht das Match an sich, sondern das, was danach passiert war. In der Umkleidekabine. Der Kollege, der ihn zuvor in drei glatten Sätzen besiegt hatte, war aus der Dusche gekommen und hatte sich neben ihn auf die Bank gesetzt, das Handtuch um die Hüften, die Haare nass. Billy hatte beschlossen, erst zu Hause zu duschen, er ärgerte sich mehr über seine Niederlage, als er zugeben wollte. Drei glatte Sätze, das war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Vielleicht brütete er irgendetwas aus.

«Du kennst doch Jennifer, oder? Jennifer Holmgren», hatte der Kollege gefragt, während er den Deoroller aus seiner Sporttasche hervorgekramt hatte. Billy war erstarrt. Das war vermintes Gelände. Was wollte der Typ?

«Ja, wir haben ein paarmal zusammengearbeitet. Wieso?»

Das stimmte, war aber nicht die ganze Wahrheit. Bei weitem nicht. Sie waren auch mehrfach miteinander im Bett gewesen, als sie zusammengearbeitet hatten. Und das letzte Mal hatte ein fatales Ende genommen.

«Hast du gehört, was passiert ist?»

«Nein, was denn?»

Noch während es an der Badezimmertür klopfte, wurde sie auch schon geöffnet. Sie schlossen nie ab. My fand das überflüssig, wenn ohnehin nur sie beide in der Wohnung waren, denn dann wussten sie schließlich, ob das Bad besetzt war. Billy zuckte vor dem Spiegel zusammen, als hätte seine Frau ihn bei etwas Verbotenem erwischt. Was in gewisser Weise ja der Fall war.

«Was machst du denn so lange hier drinnen?»

«Nichts.»

«Ich muss mir die Zähne putzen, ich will bald ins Bett.»

My schlüpfte ins Bad, nahm ihre elektrische Zahnbürste und drückte ein bisschen Zahncreme auf den runden Kopf.

«Hast du den Link gesehen, den ich dir geschickt habe?»

Sie zwängte sich vor ihn ans Waschbecken, drehte den Hahn auf und hielt die Bürste darunter. Billy lenkte seine Gedanken wieder ins Hier und Jetzt. Er zwang sich, engagiert zu klingen, interessiert.

«Ja, habe ich wahrscheinlich. Welchen denn genau?»

«Heute habe ich nur einen geschickt. Töreboda», erklärte sie, den Mund voll Zahnpastaschaum. «Das weiße Holzhaus mit Strandgrundstück.»

Billy nickte, als würde er sich daran erinnern. Es konnte schon sein, dass sie heute nur einen Link geschickt hatte, aber er öffnete gar nicht mehr alles, was sie ihm weiterleitete. Sie würde ohnehin bald eine Reiseroute für eines der kommenden Wochenenden entwerfen, damit sie sich eine Reihe von Objekten ansehen konnten, und das Haus, wofür My sich entschiede, würden sie auch kaufen. Er würde lediglich Interesse heucheln.

Er würde mit ihr über die Renovierung sprechen und wie sie das Grundstück gestalten sollten.

Er würde mit ihr zur Bank gehen und sich um den Kredit kümmern.

Lächelnd würde er nicken, wenn sie davon schwärmte, wie sehr es ihren künftigen Kindern gefiele, dort die Sommer zu verbringen.

Dass es so käme, wünschte er sich wirklich.

Dass sie eine gemeinsame Zukunft hatten. Billy liebte My. Er hatte sich in den letzten Monaten mehr als bemüht, alles Düstere hinter sich zu lassen. Um wieder der zu werden, der er war. Der, in den sie sich verliebt hatte. Der einfache, nette, unkomplizierte Typ.

Er redete sich ein, dass es noch nicht zu spät war.

My wünschte sich ein Sommerhaus, und normalerweise bekam sie das, was sie wollte. Sie hatten sich vor etwas mehr als einem Jahr auf einem Mittsommerfest kennengelernt. Im Oktober war My der Meinung gewesen, sie sollten zusammenziehen, und im Mai dieses Jahres, elf Monate nach ihrer ersten Begegnung, hatten sie geheiratet.

Im Juni war er fremdgegangen.

Mit Jennifer.

Jennifer, die es gewusst hatte.

Die gewusst hatte, dass etwas mit ihm passiert war, als er Edward Hinde erschießen musste, um Vanja zu retten, und Charles Cederkvist, um sich selbst zu retten. Er hatte das berauschende Gefühl genossen. Die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden.

Jennifer, die ihn verstanden hatte.

Die ihm dabei geholfen hatte, seine Phantasien auszuleben, Dominanz, gekoppelt mit Sex und körperlichem Genuss. Die dafür gesorgt hatte, dass seine innere Schlange gesättigt war und er selbst im Gleichgewicht blieb.

Bis er zu viel getrunken hatte.

Bis es schiefging.

Ihm wurde bewusst, dass er noch nichts gesagt hatte. Über das weiße Holzhaus in Töreboda. My spuckte ins Waschbecken und sah ihn ernst an.

«Was ist denn?»

«Nichts.»

«Sicher? Irgendwie wirkst du ein bisschen komisch, seit du vom Training zurück bist.»

Natürlich bemerkte sie es. Es war schließlich ihr Job, das Verhalten von Menschen wahrzunehmen und zu deuten und sie dazu zu bringen, ihr gesamtes Potenzial auszuschöpfen. Sie war gut. Sie war gut für ihn. Er wollte sie nicht anlügen. Aber sie sollte auch nicht alles wissen. Die halbe Wahrheit war keine Lüge.

«Erinnerst du dich noch an Jennifer? Mit der ich ein paarmal zusammengearbeitet habe …?»

Natürlich erinnerte sie sich, My und er hatten häufiger über sie gesprochen, und My wusste, dass sie sich auch außerhalb der Arbeit trafen, aber nicht, was sie dann machten.

«Ja, was ist denn mit ihr?», fragte sie unbeschwert.

«Man nimmt an, dass sie ertrunken ist.»

«Was?»

«In Frankreich. Bei einem Tauchunfall. Du weißt ja, dass sie Extremsportlerin war.»

«Oh Gott, wie schrecklich!» My schmiegte sich an ihn und umarmte ihn. «Das tut mir so leid. Ich weiß, dass du sie mochtest.»

«Ja. Ja, das stimmt …»

So blieben sie eine Weile schweigend stehen, ehe My ihn losließ und zu ihm aufsah.

«Aber man nimmt nur an, dass sie ertrunken ist? Sie wurde noch nicht gefunden?»

«Nein, aber sie haben ihre Kleider in der Nähe eines Höhlensystems gefunden. Je nachdem, was passiert ist, aber wenn eine starke Strömung geherrscht hat …»

My stieß einen tiefen Seufzer aus, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf den Mund.

«Armes Ding …»

Billy wusste nicht genau, ob sie Jennifer oder ihn meinte. Erneut zog sie ihn tröstend an sich. Sie würde niemals die ganze Wahrheit erfahren.

So schlimm es auch klang – mit einer in Frankreich verunglückten Jennifer konnte er die ganze Geschichte endlich hinter sich lassen. Und sich selbst einreden, dass es nie passiert sei. Er konnte von vorn anfangen und alles richtig machen.

Es war noch nicht zu spät.

Sala.

Dort gab es eine Silbermine, oder jedenfalls hatte es früher eine gegeben.

Mehr wusste Sebastian nicht über die Stadt, in der er sich derzeit aufhielt. Abgesehen davon, dass es fünf Kilometer außerhalb in einem vierstöckigen graubraunen Gebäude ein Zwei-Sterne-Hotel gab, das sich weder von außen noch von innen darum bemühte, einladend auszusehen. Vier Wände in einem nikotingelben Farbton, der einfach nur schmuddelig wirkte, mit einer Reproduktion irgendeines schlecht gerahmten Carl-Larsson-Gemäldes als einzige Dekoration. Auf der einen Seite des schmalen Bettes stand ein Hocker, der als Nachttisch dienen sollte, am Fußende auf einem Eckregal ein bauchiger Fernseher. Man hatte keinen Versuch unternommen, die Kabel zu verstecken. Weder die des Fernsehers noch die der beiden einzigen Lampen. Hinzu kam ein Badezimmer, in dem sich Sebastian nur mit Mühe umdrehen konnte, ohne irgendwo anzustoßen.

Natürlich war es in der heutigen Zeit schwierig, eine Buchhandlung zu betreiben, doch dass es so schlecht lief … Aber man musste lernen, schwierige Situationen zu lieben und weiterzukämpfen, das hatte auch die Buchhändlerin erklärt, als er sie auf die Krise des Buchmarkts angesprochen hatte.

Die Situation lieben und weiterkämpfen.

Sebastian selbst hatte seine Situation hingenommen.

Sich vielleicht sogar mit ihr ausgesöhnt, aber deshalb musste man sie doch verdammt noch mal nicht gleich lieben.

Er gehörte nicht mehr der Reichsmordkommission an. Torkel war ihn am Ende leid gewesen. Oder besser gesagt: Vanja war ihn leid gewesen, also hatte Torkel sich entscheiden müssen. Er hatte sich für Vanja entschieden. Das war nicht gerade überraschend gewesen, Sebastian hätte in seiner Situation genauso gehandelt. Überraschend war vielmehr, dass er anderthalb Jahre hatte bleiben dürfen. Er war nicht gerade bemüht gewesen, der Mitarbeiter des Monats zu werden, um es so zu formulieren.

Vanja. Seine Tochter.

Seit Juni hatte er sie nicht mehr gesehen.

Er erinnerte sich an das Gefühl, das er gehabt hatte, als er sie in der Garage unter dem Waterfront zurückgelassen hatte und mit der Bombe im Auto davongerast war. Damals hatte er gedacht, er hätte sie zum letzten Mal gesehen.

Sie würde für immer aus seinem Leben verschwinden.

Und offenbar sollte er recht behalten. Lange hatte er gehofft, dass sie ihn besuchen würde, um zu sehen, wie es ihm ging, aber sie tauchte nie auf. Sie wollte keinerlei Kontakt zu ihm haben, das war deutlich.

Sein Fehler. Natürlich.

Er hatte so viele Chancen gehabt und keine davon ergriffen.

Sebastian war sich sehr wohl bewusst, dass er stets die falschen Entscheidungen traf und sich alles kaputtmachte. Doch immer, wenn er ein Gefühl empfand, das nur annähernd an Glück oder auch nur an Zufriedenheit erinnerte, überkamen ihn die Schuldgefühle.

Er hatte sie verloren.

Seine zweite Tochter.

Hatte ihre kleine Hand gehalten, sie aber vom Wasser fortreißen lassen.

Er verdiente es nicht.

Der Gedanke war falsch, das wusste er. Doch einen Fehler zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen waren zwei Paar Stiefel. Also machte er weiter.

An der abschließenden Arbeit zu ihrem letzten Fall war Sebastian gar nicht mehr beteiligt gewesen. Der Dokusoap-Mörder. David Lagergren, der getötet hatte, um auf die Verblödung und Infantilisierung der Gesellschaft aufmerksam zu machen, und am Ende zum Terroristen geworden war. Der Prozess hatte im September stattgefunden, Lagergren war nicht ganz unerwartet zu lebenslanger Haft verurteilt worden, und Sebastian nahm an, dass es noch lange dauern würde, bis diese Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden würde.

Das einzig Gute an dem Fall Lagergren war gewesen, dass aus der Berichterstattung klar hervorgegangen war, was für eine wichtige Rolle Sebastian in den Ermittlungen gespielt hatte, vor allem bei der Aufklärung des Falles und der Festnahme des Täters. Seine spektakuläre Wahnsinnsfahrt durch Stockholm, die mit einer Explosion im Riddarfjärden geendet hatte, war auch hilfreich gewesen. Während des medialen Sommerlochs war er ein gerngesehener Gast in Talkshows und Nachrichtensendungen gewesen. Im August hatte sich dann sein alter Verlag gemeldet. Das Interesse an Sebastians früheren Werken über Edward Hinde sei wieder aufgeflammt, und nun fragten sie sich, ob er sich vorstellen könne, ein neues Buch zu schreiben. Womöglich über diesen Lagergren? Letzteres hatte Sebastian freundlich, aber entschieden abgelehnt. Er wollte diesem Mann nicht noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Da gab es andere, die ihn wesentlich mehr interessierten.

Ralph Svensson zum Beispiel.

Jener Mann, der im Auftrag von Edward Hinde vier Frauen getötet hatte.

Frauen, zu denen Sebastian eine – oft sehr kurze – sexuelle Beziehung gehabt hatte.

Noch dazu hatte Svensson Sebastians alten Freund und Kollegen Trolle Hermansson ermordet.

Dem Verlag hatte die Idee überaus gut gefallen. Eine folgerichtige Fortsetzung der früheren Bücher, noch dazu mit einer persönlichen Verbindung zu Sebastian, die den Text noch aufsehenerregender machen würde. Sebastian hatte nicht vor, ein persönliches und aufsehenerregendes Buch zu schreiben, nahm den Vorschuss aber trotzdem entgegen und begann zu arbeiten. Er verbrachte ganze Tage in seiner Wohnung, im Büro, das so lange unbenutzt gewesen war. Davor hatte er jahrelang nur sein Gästezimmer, seine Küche und das Badezimmer benutzt. Die übrigen Bereiche seiner großen Wohnung hatten ihn zu sehr an andere Zeiten erinnert.

Glücklichere Zeiten.

Die glückliche Zeit.

Die einzige glückliche Zeit. Die Zeit mit Lily und seiner Tochter.

Sie hatten nicht lange zusammen in der Wohnung gelebt. Nachdem Lily und er geheiratet hatten, waren sie nach Köln gezogen, aber sie waren trotzdem oft zusammen in Stockholm gewesen. Sabine hatte ein eigenes Zimmer gehabt. Und Vanja hatte auch schon einige Nächte dort verbracht.

Damals, als sie ihn noch nicht gehasst hatte.

Bevor er alles zerstört hatte.

Der Lehrling, so sollte das Buch heißen. Untertitel: Das Erbe des Edward Hinde. Bisher hatte er lediglich recherchiert und sich auf sein erstes Interview mit Ralph vorbereitet, das er nächste Woche führen würde.

Es gab einiges zu tun.

Sebastian schielte zu dem Laptop hinüber, der auf dem Bett lag, verwarf die Idee aber wieder. Dasselbe hätte er mit der Lese- beziehungsweise Vortragsreise machen sollen, die der Verlag für ihn organisiert hatte. Sechs verschiedene Orte in zwei Wochen. Die kleine Tournee war zeitlich auf den Erscheinungstermin der Taschenbuchausgabe abgestimmt, in der seine alten Bücher noch einmal in kleinerer Auflage erschienen.

Doch er hatte sich eben darauf eingelassen.

Deshalb saß er jetzt in diesem deprimierenden Hotelzimmer in Sala. Die einzige Buchhandlung der Stadt hatte ihn eingeladen. Ein großer, gutsortierter Laden, nur einen Steinwurf vom Stora torget entfernt. Mit Angestellten, die sich aufrichtig über sein Kommen zu freuen schienen. Vierzig Leute im Publikum, vielleicht sogar fünfundvierzig. Hauptsächlich Frauen natürlich, wie bei den meisten Kulturveranstaltungen, egal an welchem Ort im Land.

Sebastian beschwerte sich nicht darüber.

Wenn er wollte, kam er bei den Frauen enorm gut an. Und meistens wollte er. Eigentlich immer.

Der Flirt, die Verführung und der darauffolgende Sex gehörten zu den wenigen Dingen, die ihn nach wie vor beflügeln konnten.

Um vorübergehend die Leere auszufüllen. Um den Schmerz zu betäuben.

Die Zuhörerinnen im Buchladen waren wie immer interessiert und aufmerksam gewesen. Vor allem eine Frau um die fünfzig, die rechts von der provisorischen Bühne gesessen hatte. Sie hatte als Erste eine Frage gestellt, als das Publikum dazu aufgefordert wurde, und anschließend war sie zu ihm nach vorn gekommen und hatte sich beide Bücher signieren lassen. Die alte Auflage, registrierte Sebastian, demnach war sie erworben worden, bevor ihn sein Mitwirken im Fall des Dokusoap-Mörders vorübergehend zum Prominenten gemacht hatte.

«Sie können ‹Für Magda› schreiben», hatte sie gesagt und ihn mit einem Lächeln bedacht, das Sebastian als bewundernd einstufte. Ein Fan. Dann würde es leichter gehen.

«Sind Sie das?», hatte Sebastian gefragt und ihr Lächeln erwidert.

«Ja, und wenn Sie mögen, dürfen Sie gern auch noch etwas Persönliches ergänzen», fuhr sie fort und sah ihm in die Augen. Er schrieb einen kleinen Roman auf das Vorsatzpapier und plauderte weiter mit ihr, während er die Bücher der anderen Wartenden in der kurzen Schlange signierte. Anschließend verließen sie den Laden gemeinsam, und Magda fragte ihn, wo er wohne. Er erzählt es ihr, und sie bemitleidete ihn. Es gebe wirklich bessere Hotels in Sala, sagte sie.

Das hoffte er.

Für Sala.

 

Sein Computer gab ein schrilles Geräusch von sich und riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Skype-Gespräch. Sebastian brauchte gar nicht erst auf den Bildschirm zu sehen, um zu wissen, wer es war. Er überlegte kurz, ob er Lust hatte, mit ihr zu sprechen, kam zu dem Schluss, dass dies der Fall war, und nahm das Gespräch an. Ursula erschien auf dem Bildschirm.

«Hallo, habe ich dich geweckt?»

«Nein, nein, keine Sorge», antwortete er und spürte, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er freute sich, sie zu sehen.

«Wo bist du gerade?», fragte sie, nachdem sie seinen Bildhintergrund studiert und nicht wiedererkannt hatte.

«In einer üblen Absteige in Sala.»

«Und was machst du da?»

«Ich hatte so eine Buchveranstaltung. Und du?»

«Ich bin noch im Büro.»

«Ja, das sehe ich.»

Er erkannte die Wand hinter ihr wieder. Sie saß im Besprechungsraum im dritten Stock. Das war der festgelegte Ort, an dem die Reichsmordkommission alle Informationen über den Fall sammelte, an dem sie gerade arbeitete. Sebastian ertappte sich dabei, dass er das vermisste. Beides, die Arbeit und die Kollegen. Was allerdings sinnlos war, denn er würde mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder dort arbeiten.

«Immer noch kein Leben oder viel zu tun?»

«Ich helfe der Cold-Case-Gruppe bei einer Sache.»

Was bedeutete, dass die Reichsmordkommission nicht an einem neuen Fall arbeitete und Ursula tatsächlich immer noch kein Leben hatte. Aber er hätte das nicht fragen sollen. Ursula hatte ihn am späten Abend angerufen, um mit ihm zu reden. Sie dachte an ihn. Dafür müsste er dankbar sein. Aber Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft waren eben nicht gerade seine Stärken.

«Torkel ist also nicht da?»

Ursula schnaubte verächtlich, beugte sich vor und senkte die Stimme ein wenig, was natürlich vollkommen überflüssig war. Sebastian konnte sich nur schwer vorstellen, dass sie um diese Zeit nicht allein im Bürogebäude war. Und auf jeden Fall war sie allein im Konferenzraum.

«Seit er mit Lise-Lotte zusammengezogen ist, lässt er jeden Tag um Punkt fünf den Stift fallen.»

Sebastian registrierte, dass sie immerhin nicht «mit dieser Lise-Lotte» gesagt hatte, das war zumindest ein Fortschritt, aber er meinte nach wie vor einen Anflug von Eifersucht in ihrer Stimme zu hören, als sie über Torkels neue Liebe sprach. Doch vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Schließlich hatte sie selbst die Beziehung mit Torkel beendet und nicht umgekehrt. Was allerdings nicht unbedingt heißen musste, dass sie es ihm auch gönnte, mit jemand anderem glücklich zu sein. Das mochte vielleicht kleinlich und dumm erscheinen, aber sie war auch nur ein Mensch, und Menschen konnten kleinlich und dumm sein.

«Wann kommst du nach Hause?»

«Morgen.»

«Wollen wir uns sehen? Wir könnten ja zusammen essen gehen?»

«Ja, warum nicht.»

Ursula lachte kurz auf.

«Das klang nicht gerade begeistert …»

Noch ehe Sebastian etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür.

«Wer ist das denn?»

«Zimmerservice.»

«In einer solchen Absteige? Um diese Zeit?»

Mitunter vergaß er, dass sie eine verdammt gute Polizistin war.

«Ich muss Schluss machen. Wir sehen uns morgen.»

Ehe Ursula noch weiterfragen oder protestieren konnte, hatte er sie weggeklickt. Er grinste ein wenig vor sich hin. Trotz all seiner falschen Entscheidungen war es ihm doch nie gelungen, alle zu vergraulen. Er mochte Ursula. Über die Jahre hinweg war ihr Verhältnis ein wenig wechselhaft gewesen, aber jetzt hatte es sich zu einer Beziehung stabilisiert, die er nicht anders denn als Freundschaft beschreiben konnte. Auch wenn sein Ziel natürlich war, sie wieder ins Bett zu kriegen. Nicht weil er sie besonders vermisst hatte oder weil er glaubte, der Sex würde sie einander noch näher bringen, sondern allein deshalb, weil so klar war, dass er darum kämpfen musste. Dieses Spiel besser spielen musste, als er es je zuvor getan hatte – nur um zu gewinnen. Doch sie war wirklich eine harte Nuss.

Wohl im Unterschied zu jener Bekanntschaft, die er nun noch vor sich hatte.

Er öffnete die Tür zum Flur.

Dort stand Magda.

Aus der Buchhandlung.

Wie sie mit Nachnamen hieß, wusste er nicht, und er hatte auch nicht vor, es herauszufinden. Er nahm seine Jacke von einem Haken neben der Tür und zog sie an.

«Wollen wir irgendwo einen Drink nehmen, oder möchtest du eine Kleinigkeit essen gehen?», fragte er und schlüpfte in den Flur hinaus.

Dieses Zimmer taugte nicht einmal zum Vögeln.

Billy war hellwach, er starrte an die Decke und versuchte, seinen Atem zu kontrollieren. Kurz schielte er zu My hinüber. Sie schlief tief und fest, lag wie immer auf der linken Seite. Dann hatte er also keine Laute von sich gegeben.

Hatte nicht geschrien.

Wie er es im Traum getan hatte.

Nachdem er eine Weile nachts ruhig hatte schlafen können, war der Traum jetzt wiedergekehrt. Vermutlich war das eine Reaktion auf das Gespräch in der Umkleidekabine. My hatte ihn gefragt, ob er darüber reden wolle, war jedoch einfühlsam und klug genug gewesen, nicht weiter nachzubohren, als er den Kopf schüttelte. Dennoch war sie den restlichen Abend verständnisvoll und aufmerksam gewesen. Normalerweise schlief sie ein, sobald ihr Kopf das Kissen berührte, aber heute war sie wach geblieben, hatte ihn umarmt und sein Haar gestreichelt. Ganz nah war sie gewesen. Haut an Haut. Sie war immer für ihn da, wenn er sie brauchte.

My tat ihm gut. Dabei hatte er das eigentlich gar nicht verdient. Aber er würde es schaffen. Die Zeit würde die Ereignisse in eine ferne Erinnerung verwandeln. Sie würden immer stärker in den Hintergrund treten. Ein stummes Flüstern, das er irgendwann würde überhören können.

Dann kam der Traum.

Dabei hat er nichts Traumgleiches an sich. Nichts Abstraktes, Unwirkliches. Keine sanften Konturen, ist weder mild noch beschönigend. Ganz im Gegenteil. Jedes Detail ist unbarmherzig klar.

Der Traum versetzte ihn in der Zeit zurück.

Er rennt aus dem Badezimmer, durch die Wohnung, zu Jennifers Schlafzimmer, wo sie nackt auf dem Bett liegt. Die Hände sind über dem Kopf mit Handschellen ans Kopfende des Bettes gefesselt. Die Beine gespreizt und mit schmalen Lederriemen an das Fußende gebunden. Er atmet schwer und zittert, als er mit der Hand ihre Schulter berühren will, hält jedoch in der Bewegung inne.

An jenen Tag, an jenen Ort.

Dunkellilafarbene Abdrücke an ihrem Hals. Von seinen Fingern. Zwei deutliche Flecken von seinen Daumen, die unter ihrem Kehlkopf zugedrückt haben. Ihr Gesicht. Die Zungenspitze, die zwischen ihren trockenen Lippen hervorragt. Die geplatzten Blutgefäße unter ihrer Haut und in den Augen, die ihn anstarren, denen er unmöglich entkommen kann …

Billy schlug hastig die Decke beiseite und setzte sich im Bett auf. In dieser Nacht würde er unmöglich weiterschlafen können. Die Angst hatte ihn wieder fest im Griff. Fast genauso heftig und lähmend wie damals.

Als es passierte.

Er erinnerte sich nicht mehr genau daran, was passiert war, nachdem er sie so gefunden hatte, oder wie viel Zeit vergangen war, ehe er wieder eine gewisse Kontrolle über sich erlangt hatte. Aber er wusste noch, wie sich geradezu absurd alltägliche Gedanken, etwa dass er seinen Zug an die Westküste verpassen würde und My wütend auf ihn sein würde, mit der Einsicht verwoben, was er da gerade getan hatte.

Jennifer war tot.

Er hatte sie getötet.

Panik und ein schwerer Kater hatten Übelkeit in ihm aufsteigen lassen, und er war ins Bad gestürzt, um sich zu übergeben. Nachdem er anschließend den Kopf aus der Kloschüssel gehoben und seinen Mund ausgespült hatte, war ihm der Gedanke gekommen, dass er den Todesfall anzeigen musste. Die Polizei rufen, seine Kollegen. Ihnen alles erzählen. Ihnen erklären, dass es ein Unglück gewesen war. Doch dann hatte er gezögert. Es würde keinen großen Unterschied machen, dass er sie nicht vorsätzlich umgebracht hatte.

Sie war trotzdem tot, und er hatte sie getötet.

Er würde alles verlieren. Seinen Job, My, seine Freunde, alles.

Jetzt erinnerte Billy sich daran, wie er wieder ins Wohnzimmer gegangen war, wie er geflucht und geweint hatte, wie er sich mit den Händen an die Schläfen geschlagen und versucht hatte, klar zu denken.

Das Richtige tun – oder sich selbst retten.

Ein innerer Kampf.

Zu guter Letzt hatte er eine Entscheidung getroffen. An diesen Augenblick erinnerte er sich genau. Er hatte auf ihrem Sofa gesessen, und sein Blick war auf den Felshammer und die Karabinerhaken an der Wand gefallen. Er hatte nicht nur eine Entscheidung getroffen, sondern bereits begonnen, einen Plan zu schmieden. Er wusste, was er tun würde. Tun müsste.

Er würde sich retten, sich und das Leben, das er führte.

Billy stand vom Bett auf und verließ das Schlafzimmer. Leise zog er die Tür hinter sich zu und schlich zu dem Laptop auf dem Küchentisch. Jetzt war Jennifer offiziell als vermisst gemeldet, und es gab sogar den Verdacht, dass sie tot war, weshalb ein gewisses Risiko bestand, dass man die letzten Monate ihres Lebens genauer rekonstruieren würde. Billy durften keinerlei Fehler unterlaufen.

Er setzte sich, klappte den Laptop auf und loggte sich ein. Sein Plan war einfach gewesen, die Durchführung hingegen hatte viel Zeit und seine Spezialkenntnisse in Anspruch genommen.

Er hatte beschlossen, Jennifer digital am Leben zu erhalten.

Anschließend hatte er My angerufen und behauptet, er sei gezwungen, noch eine Woche am Fall des Dokusoap-Mörders weiterzuarbeiten. Der Staatsanwalt verlange eine lückenlose Dokumentation der Ermittlungen. Natürlich war sie enttäuscht gewesen, hatte aber sogar angeboten, nach Stockholm zurückzukommen und ihm Gesellschaft zu leisten. Zum Glück war es ihm gelungen, das abzuwenden. Er hatte gesagt, es sei besser, wenn sie wie geplant mit ihren Freunden an der Westküste bleiben würde, und er käme dann nach, sobald er fertig wäre.

So hatte er sich eine Woche Zeit erkauft.

Er suchte Jennifers Handy, ihren Computer und ihre Kreditkarten und alles andere zusammen, was er brauchen konnte. Dann überprüfte er, wie häufig sie in den sozialen Medien aktiv gewesen war. Er hatte Glück. Instagram nutzte sie mehrmals in der Woche, dasselbe galt für Facebook. Sie kommunizierte auch häufiger über Messenger, aber das müsste er ebenfalls bewältigen können. Kompliziert würde es nur werden, wenn jemand anriefe, aber auch in diesem Fall arbeitete das Schicksal für ihn. Ihre engsten Freunde schienen lieber per SMS oder Snapchat mit Jennifer in Verbindung zu treten. Und wenn das Handy doch einmal klingelte, meldete er sich nicht, sondern schrieb später in einer SMS, er hätte den verpassten Anruf gerade erst gesehen, ob es wichtig sei. Meistens war das nicht der Fall, und die Kommunikation konnte beendet werden, nachdem man einige weitere Nachrichten hin- und hergeschickt hatte.

Daneben verbrachte Billy die Woche in Stockholm damit, sporadische Statusmeldungen zu schreiben, in denen Jennifer allein durch die Stadt streifte. Meistens war sie nicht auf den Bildern zu sehen, die sie postete, aber Billy hatte das Gefühl, er müsste auch das eine oder andere Selfie herstellen. Das war zeitaufwendig und riskant, es kam darauf an, die Proportionen, das Licht und die Entfernung richtig zu berechnen. Aber die neue Technik erleichterte es ihm. Mittlerweile gab es so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, Fotos und Filme zu fälschen, und wenn man es professionell anstellte, konnte man sie im Prinzip kaum von einem Original unterscheiden.

In der verbleibenden Zeit las er Jennifers alte Einträge, um sich mit ihrem Stil vertraut zu machen, wie sie sich ausdrückte, welche Abkürzungen und Emojis sie verwendete. Es gelang ihm erfolgreich, die wenigen Einladungen zu Drinks und Grillabenden oder gemeinsamen Badeausflügen unter einem Vorwand auszuschlagen. Keiner schien die von ihm fortgeführte Existenz in Frage zu stellen.

In der Woche darauf war er zu My an die Westküste gefahren. Damit wurde seine Unternehmung deutlich schwerer. Allein in Stockholm hatte er sich voll und ganz seiner Aufgabe widmen können, aber jetzt kehrte er parallel dazu in die wirkliche Welt zurück. Gewöhnliche Menschen, sozialer Umgang, Freunde, die Kinder der Freunde, Minigolf, Spaziergänge, die Nächte mit My. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er am Rande all dessen stand, was um ihn herum passierte, und sich selbst beobachtete, in der Gewissheit, dass man ihm ansehen musste, wie sehr er sich verändert hatte. Dass man bemerkte, wie sehr er sich anstrengte, ein normales Verhalten an den Tag zu legen, was genau den gegenteiligen Effekt hatte.

Er hatte einzelne Statusmeldungen geschrieben, die darauf schließen ließen, dass sich Jennifer noch immer in Stockholm befand, aber bald auf Reisen gehen würde. Billys Kollegen hatten länger gebraucht, als er erwartet hatte, um Jennifers Kleidung und ihre Sachen zu finden. Zwar hatte er sich eine Höhle ausgesucht, die erwiesenermaßen als große Herausforderung für Taucher galt und zu großen Teilen unerforscht war, weshalb sie nicht häufig frequentiert wurde, aber dennoch, es hatte gedauert.

Mitte Juli war Billy nach Frankreich gefahren. Zuvor hatte er dafür gesorgt, dass Jennifer ihr Handy fast eine Woche lang «verloren hatte» und deshalb verkündete, sie sei vorübergehend nur über Messenger zu erreichen. Auf diese Weise musste er wenigstens keine neuen Fotos hochladen. Dann war das Handy wieder aktiv, und Jennifer verkündete, sie habe eine Busreise nach Frankreich gebucht, erwähnte jedoch nicht, dass sie dort auch tauchen wollte.

Frankreich war eine Herausforderung gewesen.

Er musste eine knappe Woche verreisen, ohne dass My davon Wind bekam, außerdem die Busreise vorgaukeln, ohne den Bus zu fotografieren, damit niemand beim Reiseveranstalter nachfragen konnte, ein Hotel mit automatischem Check-in und ohne Überwachungskameras am Eingang für Jennifer buchen, spät einchecken und früh auschecken, um so wenigen anderen Gästen wie möglich zu begegnen, und gleichzeitig genau darauf achten, wo ihre Kreditkarte benutzt wurde.

Nach vier Tagen gab es plötzlich keine Statusmeldungen und kein Lebenszeichen mehr, und Jennifer war verschwunden. Gerüchtehalber bekam Billy mit, dass ihr Vater sie vermisst gemeldet hatte, als sie Anfang August nicht wieder bei der Arbeit erschienen war, aber danach tat sich nichts.

Bis jetzt.

Jetzt hatte man endlich ihre Sachen gefunden, die Billy in der Nähe des gefährlichen Höhlensystems in Frankreich hinterlassen hatte. Es war unverantwortlich, allein hier zu tauchen, aber wer Jennifer kannte, wusste, dass es ihr durchaus zuzutrauen war.

Wegen der Spannung, der Herausforderung, des Adrenalinkicks.

Jedenfalls hoffte Billy das.

Jetzt ging er erneut ihre Seiten auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen durch. Einige Freunde hatten gepostet, dass sie es nicht glauben könnten und hofften, Jennifer würde wiederkommen und sich melden. Soweit er es überblicken konnte, war ihm kein Fehler unterlaufen.

Keiner meldete, er hätte Jennifer seit Ende Juni nicht mehr in real life gesehen.

«Was machst du?»

Billy zuckte zusammen, als er Mys Stimme hörte. Noch war der Bildschirm für sie verdeckt, und er wechselte schnell auf eine Seite, die etwas mit seinem Job zu tun hatte.

«Arbeiten, ich konnte nicht schlafen.»