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Die Gebete des Busfahrers sind eine Reise durch kleine und große Alltagsereignisse eines ganz normalen Menschen. Die Hauptperson Berti deutet das was ihm an Schönem und Schweren widerfährt im Zusammenspiel von Glaube und Zweifel. Gibt es Gott? Gibt es Schicksal? Welche Rolle spielt Vertrauen? Bertis Geschichten sind unterhaltsam, manchmal fröhlich, manchmal traurig. Er hat Humor und die Leser bekommen zudem einen Einblick in das Leben eines ganz normalen Busfahrers.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über den Autor
Martin Kaminski
Jahrgang 1968, ist Rettungssanitäter, Erzieher, Diakon, Liedermacher und evangelischer Pastor. Er lebt auf einem Bauernhof mit vielen Lieblingstieren in Ostfriesland und wohnte zuvor Jahrzehnte im Rheinland. Martin Kaminski ist verheiratet und vierfacher Vater. Seit 1990 arbeitet er unter anderem für die die Evangelische Kirche. Im Nebenberuf war er von 2011 bis 2022 als Omnibusfahrer für Linien- und Reiseverkehr bei verschiedenen Betrieben tätig.
Vorwort
Zwischen der zweiten und dieser dritten, überarbeiteten Auflage der Gebete des Busfahrers liegen fast 12 Jahre. Man kann die beiden anderen Busfahrererzählungen auch lesen, muss man aber nicht. Natürlich lernt man Berti und seine Welt besser kennen, wenn man sie liest.
Viele reale Begebenheiten liegen den drei Erzählungen zugrunde. Dennoch sind die Bücher weder biographisch, noch gibt es eine der Figuren wirklich. Auch Berti bin nicht ich, wenngleich er viel von mir hat. Die Kapitel entstanden zu ihrer Zeit, deutlich vor vielen Krisen dieser Tage.
Ich bleibe bei dem, was ich trotz mancher Ohnmacht, mancher Niederlagen und vielen Ängsten immer gesagt und geglaubt habe: Gott gibt es! Er ist keine Wunschmaschine, aber die Quelle des Lebens und der Grund unserer Hoffnung.
Martin Kaminski, im Oktober 2022
Martin Kaminski
Die Gebete des Busfahrers
Erzählung
© 2022: Martin Kaminski Umschlag, Illustration: Tredition, Mimi Kaminski Lektorat, Korrektorat: Harald Steffes
Druck und Distribution im Auftrag tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN Paperback 978-3-347-74210-9 e-Book 978-3-347-74211-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Teilen ist toll
„Papa, kann ich ein Pferd?“
„Ja, klar, warum nicht. Ist doch bald Weihnachten.“ Berti trottete weiter mit seinen Söhnen im Sankt- Martins-Zug vor sich hin.
„Was? Hast Du irgendwas genommen, Papa?“
Der 11jährige Nils starrte seinen Vater fassungslos an. „Du willst Niklas ein Pferd kaufen?“
Berti hatte einmal mehr nicht richtig zugehört. Er war mit seinen Gedanken bei den viel zu warmen Temperaturen an diesem Novembernachmittag, staunte über die untergehende Sonne und darüber, wie schnell das Gefühl für die Jahreszeiten wechselte.
„Äh ..“
Berti fing an zu stammeln.
„Ein Pferd ist natürlich ziemlich groß und es frisst viel und der Garten ist klein und ich verstehe nicht viel von Pferden. Ich glaube, es geht doch nicht. Nein, wenn ich´s mir recht überlege, äh, Pferd, nein, geht nicht.“
„Blöd!“
Der vierjährige Niklas war mit der väterlichen Antwort nicht einverstanden. Zum Glück stockte in diesem Moment der Zug und sie hatten freie Sicht auf Sankt Martin und sein Pferd. Sankt Martin hieß eigentlich Willi. Er war Installateur und trug den roten Mantel seit Jahren mit Würde und Anstand. Das Pferd gehörte seiner Schwägerin.
Willi sah toll aus. Er war ein ziemlicher Schrank und hatte volles weißes Haar. Fröhlich winkte er den Kindern zu. Niklas und all die anderen staunten andächtig. Für einen kurzen Moment schien die Option auf das eigene Pferd vergessen. Berti staunte auch. Für die Rolle des Sankt Martin hatte er sich schon als Kind interessiert. Vor allem die Würde des Reiters faszinierte ihn und die Möglichkeit nachher am Feuer eine ergreifende Rede zu halten. Leider kam an Willi hier im Ort zumindest in dieser Angelegenheit niemand vorbei. Und wahrscheinlich würde niemals jemand auf die Idee kommen, dass Berti unter Umständen auch ein guter Sankt Martin wäre. Schade.
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.
Berti schaute in den Himmel und freute sich. Ich bin ein glücklicher Mensch – dachte er.
Die Sonne war verschwunden. Dämmerung nannte man das ganze wohl nun.
Das eigentümliche an der Dämmerung war Bertis Meinung nach, dass man die morgendliche eigentlich kaum von der abendlichen unterscheiden konnte. War die Sonne erst einmal weg, konnte man die beiden Dämmerungstypen kaum auseinanderhalten. Nur die Erfahrung und das Wissen um die Tageszeit machten einen sicher, dass nun gleich ein neuer Morgen oder eben die Nacht kommen würde. Für den Unwissenden schien beides möglich. Neuer Morgen oder eben die Nacht.
Berti hatte sich zu Zeiten der Dämmerung schon häufig gefragt, was nun als nächstes kommen würde. Im Moment fragte er es sich nicht.
Es reichte ihm, mit seinen Söhnen dem Sankt Martin nachzugehen. Deren Mutter hatten sie gerade verloren. Nein, nicht für immer, nur für den Moment. In ein Gespräch mit einer Nachbarin vertieft, war sie zurückgeblieben und schlenderte nun ohne es zu merken in der Gruppe der Drittklässler. Nele war Psychologin. Eine gute, wie Berti fand. Keine, die ständig schlaue Sprüche klopfte und andere mit analytischen Blicken verunsicherte. Eher eine, deren Rat man eben auch mitten im Sankt-Martins-Zug suchte. Warum auch nicht.
Berti war Busfahrer.
Ein Busfahrer und eine Psychologin? Konnte das gut gehen?
In diesem Fall ging das ganze schon ziemlich lange ziemlich gut. Die Psychologin behandelte ihren Busfahrer niemals herablassend, obwohl beide wussten, dass sie klüger war als er.
Niklas zog seinen Vater am Arm. „Gleich kommt´s Feuer, oder?“
„Ja, gleich.“
Die Freiwillige Feuerwehr hatte wieder alles gegeben. Das knochentrockene Holz krachte und knackte, während hohe Flammen in den nun fast völlig schwarzen Abendhimmel leckten.
„Geil. Das ist mal ´n Feuer.“ Nils mochte Feuer und Abenteuer und Wildnis und mehr. Mit seinen 11 Jahren hatte er in dieser Hinsicht schon sehr viel ausprobiert. Meistens war alles gut gegangen. Nur einmal hatte er mit seinem Freund fast ein ganzes Feld abgefackelt. Opa, die Nachbarn, Berti, Nele und auch seine beiden größeren Geschwister hatten es gemeinschaftlich auch fast gelöscht. Zum Glück gab es aber auch noch die Freiwillige Feuerwehr, die nicht unerheblich zum guten Ausgang der Angelegenheit beigetragen hatte. Völlig freiwillig versteht sich.
Berti liebte seine Kinder. Er sah ihnen nach, dass sie vieles ausprobieren mussten und war letztlich überzeugt davon, dass mit einer guten Mischung aus Vorsicht und Nachsicht seitens der Eltern das meiste gut gehen musste.
„Geht nicht zu nah ran“, mahnte er jetzt trotzdem. Als das Feuer seinen spektakulären Höhepunkt erreichte, kam das Unvermeidliche. Jemand hatte Willi ein Mikrofon gegeben. Mit leicht schief sitzendem Helm und inzwischen vom Pferd gestiegen hob er an, seine Rede zu halten. Berti mochte Willis Reden, auch wenn bei diesem vermutlich aus professioneller Sicht betrachtet andere Talente stärker ausgeprägt waren. Willi dankte allen, aber auch wirklich allen, die zum Gelingen des schönen Zuges beigetragen hatten.
Nach einigen schlichten Ausführungen über die Bedeutung der Legende von Sankt Martin schloss er mit den Worten:
„Und, Kinda. Denkt imma draaan: Tut schön teilen!“
Das saß. Berti und seine Jungs waren tief ergriffen. Um sie herum nahmen sie allerdings vereinzelt spöttisches Gemurmel wahr. Der Apotheker mein- te, es würde Zeit, mal einen neuen Sankt Martin zu suchen. Das konnte Berti nicht nachvollziehen.
Schließlich hatte Willi die Sache auf den Punkt gebracht. Und Niklas hatte verstanden, worum es ging. Das reichte Berti völlig.
Inzwischen war Nele zu ihnen gestoßen. „Was für eine Rede!“ sagte sie. „Kommt, wir müssen noch Brot kaufen.“
Beim Bäcker zückte Nele ihr Portemonnaie. Als sie das Wechselgeld entgegennahm, streckte ihr Niklas die Hand entgegen. „He, Mama. Teilen ist toll!“
„Ich teile das Brot mit dir, aber mein Geld behalte ich“, entgegnete Mama. „Schließlich durfte sich der Bettler auch nicht aussuchen, was Sankt Martin mit ihm teilte. Vielleicht hätte er sonst lieber das Pferd genommen.“
„Blöd“, sagte Niklas. „Ich wollte ein Geld.“
„Und wie soll man ein Pferd teilen?“ fragte Nils.
„Auf Wiedersehen“, flötete Nele.
Sie verließen die Bäckerei und Berti fragte sich, wie diese eigentlich relativ banale Geschichte es geschafft hatte, sich über die Jahrhunderte zu retten. Ob Sankt Martin durch sein Handeln später einem großen Erwartungsdruck ausgesetzt war? Wie viele Mäntel mochte er später noch geteilt haben? Und wenn das Ganze eine Eintagsfliege war, wäre sein heutiger Ruhm doch eigentlich ziemlich unangemessen.
Sankt Martin – was das wohl für ein Typ war. Seine Teilidee war ja gut. Aber so richtig durchgesetzt hatte sie sich nicht. Erst letzte Woche hatte Berti eine Sendung im Fernsehen über die Verteilung von Wasser in Afrika gesehen. Zufällig. Am Fuße des Kilimandscharo gab es so viel Wasser, dass alle genug davon haben könnten. Die Regierung zapfte das Wasser aber ab und leitete es in holländische Rosenfarmen um, damit wir beim Discounter billig Blumen kaufen konnten. Die Bauern am Fuße ihres eigenen Berges hungerten dafür.
Von wegen „Tut schön teilen“. Berti verstand manchmal die Welt nicht mehr. Zum Hochzeitstag hatte er Nele deshalb keine Rosen geschenkt. Stattdessen eine Topfblume. Sie brauchte ein wenig, um sich daran zu erfreuen, betonte aber, dass sie seine Motive durchaus ehrenwert fand.
Berti war jedenfalls der Meinung, dass die Nummer mit dem Sankt Martin ruhig ein wenig mehr Beachtung finden könnte. Blasmusik, Weckmänner und Laternen mochte er. Aber ein bisschen Bildung über die Verteilung der Güter auf der Welt konnte den Kindern und ihren Eltern sicher auch nicht schaden.
Zuhause angekommen staunten sie nicht schlecht. Nora, die älteste der Geschwister, hatte völlig freiwillig den Tisch gedeckt.
„Stimmt was nicht?“ fragte Berti seine 19jährige Tochter. Sie war seit Neuestem Studentin. Deutsch und Religion auf Lehramt. Berti fiel es schwer, sich vorzustellen, wie ein so fauler Mensch einmal Lehrerin werden sollte. Aber das sagte er natürlich nicht. Er war sehr stolz auf seine Tochter. Sie hatte ein passables Abitur gemacht, ganz ohne elterliche Hilfe. Nele hatte immer betont, dass Kinder mit der Schule vom Grundsatz her allein klarkommen müssten. Wenn dies nicht gelänge, stimme etwas nicht.
Berti war das recht, denn er hätte ihr ohnehin nicht helfen können. Seine schulischen Leistungen waren sehr überschaubar gewesen. Und wie das bei Nele früher so war, blieb ihr Geheimnis. Immerhin. Für Psychologie hatte es gereicht.
Nora war eine Schönheit. Dies wusste sie natürlich auch. Für die Familie war der größte Nachteil hieran, dass sie morgens gefühlte zwei Stunden im Bad verbrachte. Nele brachte dies zur Weißglut. Berti war durch seinen Schichtdienst nur als Beobachter betroffen. Er konnte das Bad zu anderen Zeiten nutzen. Glück gehabt.
„Kann jemand Nina rufen? Es gibt Essen.“ Nina war 15, wirklich 15. Am liebsten wollte sie nicht mit ihren Eltern gesehen werden, hin und wieder explodierte sie und brüllte alle anderen ohne Vorwarnung an. Aber ansonsten war sie eine liebevolle junge Frau mit einem Herz aus Gold.
„Nina ist nicht da, die ist rauchen …“ Nils zuckte mit den Schultern. „Nein, sie ist mit dem Hund draußen“, nahm Nora ihre Schwester in Schutz.
„Ich sag doch sie ist rauchen“, kicherte Nils und tippte flink eine „Komm-nach-hause-und-wirf- vorher-noch-einen-Kaugummi-ein“-SMS in sein nach seinem Geschmack völlig veraltetes Dritte- Hand-Handy.
Der Abend verlief überraschend friedlich. Keine größeren Auseinandersetzungen (Nele nannte so etwas „Herausforderungen“) trübten die Stimmung.
Niklas trank wie immer noch ein Fläschchen Milch. Dies war allen zwar ein bisschen peinlich, aber Nele meinte, jeder Mensch habe eben sein eigenes Tempo und sie wüsste von keiner Untersuchung, die besagen würde, dass Vierjährige, die noch ein Fläschchen Milch trinken, besonders gefährdet seien.
Berti betrachtete an diesem Abend seinen Jüngsten noch lange während dieser bereits fest schlief. Ja, Teilen ist toll – dachte er - Da hast Du ganz recht. Tu immer schön teilen, kleiner Mann.
Dämmerung
Berti machte es nichts aus, früh aufzustehen. Nicht, dass er nicht manchmal gerne noch ein Weilchen liegen geblieben wäre, aber meistens mochte er es, vor Tau und Tag durch das alte Haus zu schleichen. Bei einer Tasse Kaffee packte er oft weit vor 4.00 Uhr morgens seinen Rucksack für den Dienst. Den Wechsler, sein Fahrermodul, Schlüssel, Fahrplan, Geldbörse. In seiner Dienstbekleidung gefiel er sich ganz gut. Es war zwar keine richtige Uniform, aber immerhin so eine Art …
Die Straßen waren am frühen Morgen leer, nur ein paar Gleichgesinnte konnte man treffen. Auf dem Betriebshof gab es eine stille Solidarität der schlecht bezahlten Frühaufsteher.
Berti war gerne Busfahrer. Eigentlich. Über den tieferen Sinn des Wortes eigentlich hatte sich Berti auch schon häufig Gedanken gemacht. Er übersetzte es einfach mit meistens, ob dies dem Wort nun gerecht wurde oder nicht. Berti zimmerte sich oft seine ganz eigenen Wahrheiten.
Berti mochte den Kontakt zu Menschen. Und davon hatte er in einem ganz normalen Dienst reichlich. Da gab es erfreuliches und nervenraubendes, lustiges und trauriges, höfliches und unverschämtes, beruhigendes und beängstigendes. Fast die ganze Bandbreite des Lebens konnte sich an einem Tag in einem Linienbus in seiner Stadt abspielen. Natürlich, man sah wenig reiche Leute, viele Kinder, Jugendliche und Alte, mehr Einfache als Gebildete. Ein Abbild der nicht ganz so erfolgreichen Welt.
Die wenigsten Menschen machten sich darüber Gedanken, was ein Busfahrer täglich so alles erlebt, davon war Berti überzeugt.
Und die meisten Menschen unterschätzten Busfahrer. Sie wussten nichts, von der Komplexität dieses Berufes und von seiner großen Verantwortung. Sie ahnten nicht, welche Anspannung lärmende Schüler, eine stürzende Seniorin, verstopfte Straßen oder randalierende Jugendliche für den Menschen hinter dem Lenker bedeuteten. Warum auch. Sie lebten ja in ihrer eigenen Welt, jenseits des Zahltisches.
Die wenigsten Busfahrer wurden als solche geboren. Natürlich, der kleine Niklas wollte Busfahrer werden, wie sein Vater. Spätestens mit 10 würde er davon allerdings wohl kaum noch etwas wissen wollen. Die meisten Kollegen waren es „irgendwie“ geworden. Da gab es Handwerker, ehemalige Büroleute, Studierte mit mehr oder weniger Erfolg. Irgendwann hatten die meisten „umgesattelt“, oft weil sich für sie nichts anderes bot.
Das Gehalt bescheiden, die Arbeitszeiten miserabel, aber doch so ein kleiner Kindheitstraum, der in fast jedem Jungen schlummerte: Große, sehr große Autos fahren.
Ja, so wurde man Busfahrer. Auch Berti hatte früher etwas anderes gemacht. Erst war er Sanitäter, aber die Aussichten auf Blut und Tragödien hatten ihm vor jedem Einsatz den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Nur schwer konnte er seinen „Job“ professionell erledigen und das abgeklärte Getue seiner Kollegen war für ihn kaum zu ertragen. Nein, er hatte sich nie an die kleinen Katastrophen des Alltags gewöhnt. Als er einen verunglückten Familienvater erst von einem Bauzaun abnehmen und dann wiederbeleben musste, träumte er tagelang davon. Bei der Fahrt zu einem erfolgreichen Selbstmordversuch auf einem Bahngleis versuchte er, seinen Kollegen dazu zu überreden, langsamer zu fahren, damit der Notarzt vor ihnen da sei. Und als er schließlich drei Mal in einer Woche völlig verwahrloste Senioren Wochen nach ihrem Tod in ihren Einsamkeitsbehausungen „finden“ musste, gab er endlich zu, dass dies alles zu viel für ihn sei. Er arbeitete dann eine Weile als Hilfspfleger im Krankenhaus.
Berti war nun einmal kein Held und er war erst recht nicht abgebrüht. Er hatte nichts gegen diejenigen die das „cool“ konnten, im Gegenteil. Er war von Herzen dankbar, dass es sie gab. Zu viel Empfindsamkeit war im Rettungsdienst nicht hilfreich.
Anschließend versuchte er ein guter Bürokaufmann zu werden. Hierbei langweilte sich Berti allerdings dermaßen, dass er schon vor der Mittagspause körperlichen Schmerz spürte. Gegen Bürostühle, Akten und Zahlenkolonnen war er seitdem allergisch. Alles, was mit Geld zu tun hatte, regelte Nele und sie regelte es gut.
Ja, Nele. Er lernte sie im Bus kennen. Eigentlich wollte sie nur einen Fahrschein kaufen und zum Kino fahren. Einen anspruchsvollen Film hatte sie sich vorgenommen, er hieß „Gottes vergessene Kinder“ und spielte in einer Gehörlosenschule.
Berti hatte den Film gesehen und so kamen sie ins Gespräch. Nele war überrascht. Einen einfühlsamen Menschen mit Interesse an anspruchsvollen Filmen hatte sie hinter dem Lenker nicht erwartet. Ein bisschen schämte sie sich für dieses Vorurteil. Berti gefiel ihr. Er war zwar ziemlich dünn und hatte trotz seines jugendlichen Alters schon manch graues Haar, aber irgendetwas an ihm zog sie an. Sie begann nach ihm Ausschau zu halten und als sie ihn das dritte Mal traf, fasste sie sich ein Herz und legte ihm ihre Telefonnummer auf den Zahltisch. Berti staunte und brauchte drei Wochen, um sie anzurufen. Er fühlte sich zu klein und zu ungebildet, um es mit dieser Studentin aufzunehmen. Als Nora geboren wurde, waren beide Ende zwanzig. Alles war dann doch ziemlich schnell gegangen.
Bis heute waren sie sehr verschieden geblieben. Berti sah die Dinge eher schlicht. Nele hingegen wollte den Dingen meistens auf den Grund gehen. Wenn sie stritten, konnte Nele wunderbar dafür plädieren, sich eine Auszeit zu nehmen und erst einmal über alles nachzudenken. Für Berti war das eine unerträgliche Vorstellung. Er wollte sich schnell aufregen, dann toben und heftig streiten und sich dann ebenso schnell, aber herzlich wieder versöhnen. So musste seiner Ansicht nach die Welt funktionieren.
Berti fuhr in die morgendliche Nacht und steuerte nach der Dienstfahrt zur Abfahrthaltestelle die ersten Fahrgäste an. Der November gefiel Berti ganz gut. Er mochte die Aussicht auf die Weihnachtszeit, weil er Lichterketten und Tannenzweige liebte. Gleichzeitig wusste er, wie schwer sich manche Menschen mit dieser Zeit taten. So plötzlich wurde es nach dem oft goldenen Herbst dunkel und kalt. Seine alte Nachbarin kam kaum noch vor die Tür. Manchmal sah Berti sie wochenlang nicht. Nur gut, dass Nele immer daran dachte, von Zeit zu Zeit bei ihr zu klingeln und sie auf eine Tasse Kaffee rüberzuholen.
Die Straße lag dunkel vor ihm, nur schemenhaft waren drei oder vier Gestalten an der Haltestelle zu erkennen. „Evangelisches Krankenhaus “ verkündete die elektrische Damenstimme. Berti hielt und öffnete die vordere Tür des Busses. Die ersten beiden Gestalten stiegen grußlos ein. Den dritten kannte Berti. Es war sein Nachbar Frank, seine und Bertis Söhne spielten hin und wieder miteinander.
„Frank, Morgen, was machst Du denn hier so früh?“ fragte Berti munter. Franks Gesicht war grau, er sah todmüde aus. Kein Lächeln huschte über seine Lippen, er nickte nur kurz und ging nach hinten, um sich zu setzen.
Es war kurz nach fünf. Was macht der hier um diese Zeit? – dachte Berti. Wird doch wohl nichts passiert sein?
Nach einer Viertelstunde hatten sie den Bahnhof erreicht.
„Tschuldige, Berti“, stammelte Frank. „Mir ist gerade nicht so nach Reden. Ich war die ganze Nacht im Krankenhaus. Es stimmt was nicht mit Marius. Wir reden ein andermal, ja?“
„Ja, ist gut. Mann, gute Besserung für den Jungen. Okay, also Kopf hoch, wird schon wieder. Halt die Ohren steif …“
