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Der Busfahrer Berti ist ein ebenso ernsthafter wie humorvoller Zeitgenosse. Mit seiner Familie lebt er ein ganz normales Leben. Der christliche Glaube interessiert ihn, auch wenn er sich oft seinen ganz eigenen Reim auf die großen Themen des Lebens macht. Im zweiten Band der Berti-Trilogie finden sich wieder zahlreiche Familienerzählungen. Bedeutend ist aber auch, dass sich Berti in die Welt der Bibel hineinträumt und so gewissermaßen live dabei ist und Jesus aus der Nähe sieht. Das führt zu erstaunlichen Erfahrungen. Im Alltag hat die Hausaufgabe von Sohn Nils das Leben der Familie verändert. Aber lest selbst und reist weiter mit Berti und den seinen durch das Leben!
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über den Autor
Martin Kaminski
Jahrgang 1968, ist Rettungssanitäter, Erzieher, Diakon, Liedermacher und evangelischer Pastor. Er lebt auf einem Bauernhof mit vielen Lieblingstieren in Ostfriesland und wohnte zuvor Jahrzehnte im Rheinland. Martin Kaminski ist verheiratet und vierfacher Vater. Seit 1990 arbeitet er unter anderem für die die Evangelische Kirche. Im Nebenberuf war er von 2011 bis 2022 als Omnibusfahrer für Linien- und Reiseverkehr bei verschiedenen Betrieben tätig.
Vorwort
Zwischen der ersten und dieser zweiten, überarbeiteten Auflage der Träume des Busfahrers liegen fast 11 Jahre. Man kann die beiden anderen Busfahrererzählungen auch lesen, muss man aber nicht. Natürlich lernt man Berti und seine Welt besser kennen, wenn man sie liest.
Viele reale Begebenheiten liegen den drei Erzählungen zugrunde. Dennoch sind die Bücher weder biographisch, noch gibt es eine der Figuren wirklich. Auch Berti bin nicht ich, wenngleich er viel von mir hat. Die Kapitel entstanden in ihrer Zeit, also vor manchen Krisen dieser Tage.
In den Träumen des Busfahrers „realisiert“ Berti traumversunken das, was ich mir manchmal gewünscht habe: Dabei gewesen zu sein! Diese Erzählung taucht in die Welt der Bibel gestern und heute ein. Vielleicht kommt uns so die Botschaft nahe.
Martin Kaminski, im Oktober 2022
Martin Kaminski
Die Träumedes Busfahrers
Erzählung
© 2022: Martin Kaminski
Umschlag, Illustration: Tredition, Mimi Kaminski Lektorat, Korrektorat: Harald Steffes
Druck und Distribution im Auftrag tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback
978-3-347-75124-8
e-Book
978-3-347-75125-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Fuck!
„Fuck!“
„Das ist aber kein schönes …“
„Das ist ein sehr schönes Wort!“
Der 12jährige Nils blickte finster aus dem Fenster. Sein Vater stellte seinen Busfahrerrucksack ab und näherte sich seinem Sohn behutsam. Nils drehte sich um und drückte sich einen kurzen Moment an ihn. Berti mochte das. Er konnte fühlen, wie sein Sohn zwischen Nähe suchen und Abstand wahren hin und her gerissen war. Das kannte er schließlich noch von sich selbst. Auch er war ja mal 12 gewesen …
„Was ist denn so fuck?“ fragte Berti und ließ Nils sofort wieder los.
„Das alles hier ist fuck.“
Nils meinte seine Hausaufgaben. Sie lagen neben ihm auf dem Tisch und es sah so aus, als könne man die Hefte, Zettel und Bücher unmittelbar dem Altpapier zuführen. Berti ließ seinen Blick darüber wandern. „Oh“, sagte er dann. „Die Bibel?“
„Ach, die …“
Nils zuckte mit den Schultern. „Das ist noch das wenigste. Mathe habe ich fast fertig und dann muss ich noch scheiß Englisch und scheiß Französisch machen. Und Reli – ach – das mache ich morgen.“
Nils hasste die Schule. Das war nichts Neues. Und auch wenn Berti ihn gut verstehen konnte, es half ja nichts. Da musste „man“ irgendwie durch.
„Ja, fuck!“ sagte Berti leise.
„Man kann das auch laut sagen“, zischte Nils und dann brüllten sie einmal kurz und heftig: „Fuck!“
Sie mussten lachen, knufften sich einmal kurz und machten sich dann auf den Weg, um Niklas von seinem Freund abzuholen. Berti ließ seine Dienstbekleidung an. Niklas liebte es, wenn sein Vater ihn so abholte, denn er war sehr stolz, dass Berti Busfahrer war.
„Ich kann Dir ja gleich ein bisschen helfen“, schlug Berti vor, als sie die Tür hinter sich zugemacht hatten. „Du?“ fragte Nils und grinste. „Du weißt ja nicht mal mehr, wie man auf dem Blatt dividiert!“
Das stimmte. Als Berti es neulich versuchte, um auszurechnen, wie viel Geld pro Kopf exakt vom Weihnachtsgeld übrigblieb, war er gnadenlos gescheitert. „Aber ich kann englisch“, sagte Berti.
„Bleib locker. Du kannst ja Reli machen.“
„Hausaufgaben in Reli? Was soll´n das überhaupt?“ Berti erinnerte, dass sie früher in Religion meistens Filme angesehen oder über irgendetwas diskutiert hatten. Aber Hausaufgaben?
„Tja, der neue Lehrer denkt wohl, wir hätten sonst noch nicht genug zu tun …“
Berti musste lachen. Und das, obwohl er fand, dass diese ganze Schulsache alles andere als lustig war. Nach seinem Gefühl wurde der Druck für die Kinder und Jugendlichen immer größer. Wer´s nicht auf´s Gymnasium geschafft hatte, war ja ohnehin schon mal benachteiligt. Und die Oberschlauen sollten ihr Abi dann in kürzerer Zeit schaffen, das anschließende Studium auch, nur um im so genannten Wettbewerb besser bestehen zu können. Wettbewerb, was für ein dämliches Wort. Wett – das kam bestimmt von Wetten und war also wahrscheinlich eher ein Glücksspiel. Oder kam es von Wetter, was ja auch machte, was es wollte? Und Bewerb? Hatte das etwas mit Werbung zu tun? Also dem Anpreisen von Dingen und der Manipulation von Menschen?
Fuck Wettbewerb!
Berti liebte seine Kinder. Busfahrer hin oder her – klar war das ein anständiger Beruf, aber er wollte doch schon ganz gerne, dass seine Kinder einen Beruf erlernen konnten, mit dem sie später einmal etwas mehr Gestaltungsspielraum hatten. Ja, er liebte sie. Wahrscheinlich mehr als alles andere.
Er liebte den kleinen Niklas, für den selbst die Operation an seinem kleinen Pillermann eine Art Abenteuer war. „Vierte Kinder haben vor gar nichts Angst“, hatte Bertis Schwiegervater Reinhard gesagt, als er seinem Schwiegersohn bei der Wäsche half. Die beiden waren Freunde, sehr gute und sehr ungewöhnliche Freunde. Berti sagte nicht, dass er diesen Satz für Blödsinn hielt. Jeder Mensch hatte nach Bertis Meinung Angst, manche mehr, manche weniger.
Reinhard zu widersprechen war aber relativ sinnlos. Reinhard, pensionierter Pfarrer, hatte immer das letzte Wort. So war das nun einmal und eigentlich mochte Berti, dass es so war.
Nele, Bertis Frau, war mit Niklas im Krankenhaus geblieben. Berti und Reinhard kümmerten sich um den heimatlichen Kleinbetrieb. Nur ganz kurz hatte Niklas weinen müssen, als die Schwestern ihn in den OP rollen wollten. Er krallte sich an Berti fest und schluchzte. „Von wegen keine Angst“, hatte Berti gedacht und trotzdem gelächelt. Ein Arzt mit weißem Haar wuschelte Niklas über den Kopf und sagte: „Na, Kerlchen? Willst Du Papa mitnehmen? Das geht leider nicht. Aber ich habe eine andere Idee. Ich hole den Kram einfach nach hier draußen.“ Der Arzt verschwand kurz und kam mit einer kleinen Spritze wieder. Sanft setzte er sich auf den Bettrand und pikste Niklas fast wie nebenbei. „Nun schlaf schön“, murmelte er. „Wenn alles vorbei ist, sehen wir uns wieder.“
Berti war von der Arbeit der Schwestern und Ärzte tief beeindruckt. Sie leisteten wirklich Großartiges. Auf engstem Raum und unter sicherlich schwierigen Bedingungen gaben sie jedem Kind und seinen Eltern das Gefühl, nur für sie da zu sein. Seine Kollegen und seine Nachbarn hatten Berti gewarnt und betont, wie chaotisch die Zustände in der Kinderklinik seien. Und ja, es war alles eng und kam Berti vor, als habe man die Kinderklinik im Gesundheitssystem einfach übersehen. Die Menschen die hier arbeiteten machten dies aber allemal wieder gut, das fand auch Nele. Sie schlief auf einer Art Pritsche mit drei weiteren Müttern und deren Kindern in einem Zimmer, das eigentlich höchstens zwei Kranken ausreichend Raum bot. Und sie tat dies mit einer Engelsgeduld. Berti wäre das sehr schwergefallen. Seit er als Kind wochenlang in Quarantäne gewesen war, trieb ihm schon der Gedanke an Krankenhäuser den Angstschweiß auf die Stirn.
„Du bist eine fabelhafte Mutter, Nele“ flüsterte Berti, als er am Abend nach der OP nach Hause fuhr.
„Schleimer“, antwortete Nele. „Das sagst Du doch nur, weil Du froh bist, dass ich es in diesem Affenstall hier aushalte.“ Dann küsste sie ihn und dieser Moment gehörte zu den „besonderen“ – das spürte Berti sofort.
Als sie Niklas schon nach zwei Tagen wieder mitnehmen konnten und alles wider Erwarten sehr gut verlaufen war, konnte Berti gar nicht aufhören „Danke, lieber Gott“ zu flüstern. Und jeden Abend quetschte er seine Hände zusammen und betete für die, die nicht immer so viel Glück hatten wie er selbst … - für all jene, die eben dableiben oder sogar am Ende allein nach Hause gehen mussten.
Er liebte Nils, seinen 12jährigen, der bitter geweint hatte, als Berti ihm von der notwendigen Operation bei seinem kleinen Bruder erzählt hatte. Er wollte mitgehen und dabeibleiben, auf Niklas aufpassen und ihn verteidigen, wenn es nötig war.
Berti liebte Nina. Sie war inzwischen sechzehn und so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die meisten Sachen eher im Vorübergehen zur Kenntnis nahm. „Mir egal …“ hatte sie gesagt und war fernsehen gegangen, als Berti und Nele neulich fragten, ob sie gemeinsam mal zu einer Familienberatung gehen sollten. Berti hatte mit den Schultern gezuckt und Nele hatte sich einmal mehr geärgert.
Erst Wochen später fand Berti seine Tochter weinend in ihrem Zimmer und hielt sie dann lange in seinen Armen. Immer wieder musste er ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld war, dass die Dinge manchmal ein wenig aus dem Ruder liefen. Nicht ihre Schuld. „Aber ihr streitet immer wegen mir“, hatte Nina geschluchzt und Berti war nichts Besseres eingefallen, als zu sagen: „Nicht wegen Dir. Wegen uns. Und Du bist halt ein Teil von uns. Jetzt bist Du groß und wir müssen kapieren, dass Du kein Teil von uns mehr bist.“
„Will ich aber sein!“
„Kannst Du ja auch sein.“
„Das ist bekloppt.“
„Ja. Deswegen streiten wir ja auch. Ich hab Dich lieb!“
„Ich hab Dich auch lieb.“
Berti liebte Nora. Sie war vor kurzem auch ausgezogen und studierte nun anderswo. Nora kam ihm so ungeheuer erwachsen vor. Liebevoll blieb sie „geistig“ in der Nähe ihrer Eltern. So hatte sie es selbst formuliert. Sie machte nicht viele Worte. Es waren eher zarte Gesten und freundliche Berührungen, die beiden Eltern auf wundersame Weise versicherten, dass sie beide schon ganz in Ordnung waren.
„Ich staune über Dich“, hatte Berti einmal gesagt, als er mit seiner erwachsenen Tochter im Kino war. „Woher hast Du nur diese wunderbare Art mit Menschen umzugehen?“
„Von Mama!“ hatte Nora gelacht.
Als Berti ein bisschen traurig zu Boden blickte, ergänzte sie: „Und von Opa!“
Dann mussten beide lachen. Das war schön.
Berti liebte auch Nele, seine Frau. Ein halbes Leben waren sie zusammen und in dieser ganzen Zeit hatte Berti sich nie vorstellen können, einmal ohne Nele zu sein. Sie war Psychologin. Das machte die Sache manchmal nicht unbedingt einfacher.
Sie hatten sehr viel gelacht und sehr viel gestritten in all diesen Jahren. Sie waren sich nah und manchmal fremd. Wie eben alle anderen Menschen auch. Berti hatte nie geglaubt, dass sie beide einmal nicht mehr weiterwissen könnten. Einmal, vor gar nicht langer Zeit, hatte es fast den Anschein, als sei dieser Punkt gekommen. Berti war nach einer Grippe und viel zu vielen Nachtdiensten einfach zusammengeklappt. Und ihn beschlich das Gefühl, dass sich dafür eigentlich niemand so richtig interessierte. Er nahm immer weiter ab und haderte mit sich und seinem Leben.
„Midlife-Crisis“, hatte sein Kollege Reifferscheid gespottet. „Arschloch!“ hatte Berti gesagt und ihm die Zigarette aus dem Mund geschnippt.
Bertis Freund Günter besuchte ihn damals und sagte: „Berti, Du hast Deine Kräfte komplett aufgebraucht. Nun musst Du wieder auf die Beine kommen. Das geht nur allein.“
Berti hatte das erst nicht verstanden. Er wollte gerne, dass ihm jemand aufhilft, ihn hochzieht und auf seine Füße stellt. „Das willst Du doch gar nicht“, hatte Günter gesagt. „Du bist ein Vorsteiger, ein Alleinkletterer …“
Günter war früher Bergsteiger gewesen. Berti nahm es also hin und siehe da, er konnte zum ersten Mal in seinem Leben annehmen, dass er am Ende war. Und er vertraute auf das, was seine Freunde ihm rieten.
Günter zum Beispiel musste es wirklich wissen. Im Hinfallen und immer wieder Aufstehen war er sehr erfahren.
Als Bekannte, Kollegen und Nachbarn von Bertis Zusammenbruch hörten, reagierten sie seltsam.
„Sag mir, dass es nicht wahr ist!“ sagte eine Nachbarin und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Burnout. Klarer Fall!“ sagte der Betriebsrat.
„Schwachsinn, der und Burnout. Du spinnst doch!“ sagte der andere Betriebsrat.
„Das hätte ich nie gedacht“, sagte die Pfarrerin.
„Ich schon“ sagte Bertis Tennispartner.
„Das kann nicht sein“, sagte Bertis Freund Karl.
„Das kann sein“, sagte Nele.
„Das ist!“ sagte Günter.
Natürlich, das englische Wort mit den vier Buchstaben war kein schönes Wort. Dennoch hatte Nils Recht. Es beschrieb weite Teile eines unausgewogenen Zustandes ziemlich treffend. Es drückte einen Teil traurigen Ärger, aber auch eine gewisse Lebendigkeit aus. Und man konnte es leise, laut, resigniert, wütend, kämpferisch und fassungslos sagen.
Nein, es war kein schönes Wort.
Aber schließlich beschrieb es ja auch nichts Schönes.
Verrückt, wie viele Gedanken man sich auf so einem kleinen Spaziergang machen konnte. Nils und Berti klingelten und Niklas sprang ihnen entgegen. „Alles gut?“ flötete die Mutter von Niklas´ Freund. „Ja, und selbst?“ trällerte Berti zurück, wohl wissend, dass keine der beiden Fragen eine ernsthafte Antwort verdient hatte.
Daheim angekommen machten sich Berti und seine Jungs einen Kakao und setzten sich neben die große Kiste mit den hölzernen Krippenfiguren. Nele hatte sie ihm letzte Woche vom Speicher geholt. Darüber hatte sich Berti erst gewundert, denn es war schließlich erst Anfang November.
„Hier. Ich weiß doch, dass Du es kaum erwarten kannst, Du Vogel!“ hatte sie gesagt.
Berti hatte die Kiste wortlos lächelnd davongetragen. Er LIEBTE Weihnachten und alles, was damit zusammenhing. Dieses Jahr hatte er am 20. August beim Discounter die ersten Lebkuchen gekauft und sie mit seinen Jungs beim Kanufahren als Picknick verputzt. Die beiden fanden die Idee gut, die Krippe bereits jetzt im Wohnzimmer aufzubauen. Und heute sollte es so weit sein.
Auf dem Tisch lagen noch immer die Hausaufgaben. Als Nils gerade eine Figur aus der Kiste nehmen wollte, legte Berti ihm sanft die Hand auf den Arm.
„Erst Hausaufgaben …“ flüsterte er.
„Fuck“, sagte Nils. „Mensch Nils“, pflaumte ihn Berti an. „Heb Dir das Wort mal für bedeutendere Momente auf. Nils grummelte und schlug wieder sein Matheheft auf. Berti nahm die Bibel in die Hand und schlug sie in der Mitte auf. „PSALM 144.145.146“ stand oben auf der Seite. Es las sich fast wie die Mitgliedsnummer seiner Krankenkasse. „Wusstest Du, dass die Psalmen genau in der Mitte stehen?“ fragte er Nils. „Ja“, sagte Nils.
„Ja? Wieso weißt Du so was?“
„Weil ich welche übertragen muss.“
„Übertragen? Hä?“
„Wir sollen einen Psalm nehmen und lesen und das dann so aufschreiben, wie wir es verstehen. Die Reli-Tante sagt, das seien dreitausend Jahre alte Gedichte und Lieder und die würden bis heute das Leben der Menschen bombig beschreiben. Naja. Letzte Woche mussten wir das auch schon machen.“
„Als Hausaufgabe in Reli?“
„Als Hausaufgabe in Reli!“
„Liebe Güte. Könnt ihr nicht lieber einen Film ansehen oder über Aids diskutieren?“
„Nö.“
Berti schüttelte den Kopf und schämte sich sofort ein bisschen dafür, dass er vor Nils so getan hatte, als wäre Religion ein eher belangloses Fach. Nur weil er selbst das immer so erlebt hatte, musste es ja für andere nicht auch so sein.
„Welchen hast Du genommen? Hundertvierundvierzig?“
„Eins.“
„Den ersten? Einfach den ersten?“
„Einfach den ersten.“
„Kann ich ihn lesen?“
Nils sagte nichts. Also nahm Berti das Reliheft, schlug es auf und las …
Wege (Psalm 1)
Ich wünschte, wir würden uns nicht so weit von Dir entfernen, Gott.
Was uns zusammen hält, ist ja oft das Fremdsein.
Wir lachen über das, was uns einst heilig war.
Es wäre ein Segen, wieder auf Dein Wort zu hören. Sich bei Licht und Dunkelheit zu erinnern, an Dich.
So könnten wir sein wie die Bäume, verwurzelt, lebendig.
Und Leben bringend für andere.
Dieses Leben hat Bestand.
Es bringt Segen, durch Dich in uns.
Wer sich von Dir entfernt wird einsam.
Er kann sich nicht halten in den Stürmen der Zeit.
Er kann keine sicheren Schritte mehr wagen.
Am Ende verzagen wir dann und sind voller Angst.
Fern voneinander und fern von Dir.
Aber Du kennst uns.
Du lässt uns nicht los. Gott sei Dank.
Damit wir nicht verloren gehen.
Berti war sprachlos.
„Das hast Du geschrieben?“ flüsterte er.
Nils sagte nichts. Berti wusste, dass Nils eine besondere Sprachbegabung hatte. Aber das hier?
„Ich habe einfach nur die holperigen Wörter ein bisschen rund gemacht. Weiter nichts. Das kann jeder.“
„Echt?“
„Echt.“
Der Novembernachmittag war düster und die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Eine gute Stunde später hatte Nils seine Hausaufgaben fertig. Die Drei öffneten nun die Kiste und nahmen jede Krippenfigur einzeln und behutsam aus ihrer Verpackung. Es waren ganz schlichte Figuren, kindlich gestaltet, ohne viel Schnickschnack und ohne wirkliche Gesichter.
Sie waren abgegriffen und zum Teil sogar angeknabbert. Zwei Jahrzehnte lang waren sie Jahr für Jahr einen Monat lang bespielt worden. Es gab sogar einige rote Schafe, weil Nina diese als Dreijährige einmal heimlich mit Wasserfarben verschönert hatte.
„Die Krippe lebt“, hatte Berti noch letztes Jahr zu Nele gesagt, als Niklas die Weisen aus dem Morgenland in seinem Playmobil-Sattelschlepper zu einer Art Ausflug transportiert hatte.
Nun waren die Figuren wieder hier, ausgepackt, nach einem langen Sommerschlaf.
Berti betrachtete die Weisen und flüsterte: „Da habt ihr ein langes Nickerchen gemacht. Und? Hattet ihr schöne Träume?“
Berti hatte plötzlich das Gefühl, als blickte ihn einer der Weisen an. Das ging ja eigentlich gar nicht, denn die Figur hatte keine Augen.
„Was sagst Du zu dieser Psalmsache, alter König?“ fragte Berti die Holzfigur.
Gute Reise
Nils und Niklas bastelten am elektrischen Lagerfeuer herum. Berti saß versunken auf einem kleinen Sessel und konnte nicht aufhören den Weisen anzustarren. Jetzt war er sich plötzlich ganz sicher: Der Weise starrte zurück.
Berti fühlte sich merkwürdig. Er wurde auf einmal sehr müde. Das passierte ihm öfter nach Frühdiensten. Es war, als ob seine ganze Energie auf einmal aus ihm herausflösse. Er wollte sich nicht bewegen, noch nicht einmal etwas sagen. Nur ein bisschen schlafen. Er saß nur da, starrte vor sich hin und hörte seine Söhne wie von Ferne „Papa“ sagen. Dann wurde es angenehm dunkel.
Als er erwachte saß er an ein kleines Mäuerchen gelehnt im Halbdunkel eines staubigen Weges. Es war laut, doch er konnte die Geräusche nicht zuordnen. Berti fragte sich benommen, wo er war. Alles war fremd, die Stimmen, die Gegend, die Gerüche.
Wo um Himmels Willen war er?
