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Il dolce far niente? Nicht für Edwina Teufel, die Verbrechen am Gardasee geradezu anzieht. Arrivederci Entspannung. Ciao bellissimo Lago di Garda!? Nach der erfolgreichen Aufklärung eines Mordfalles in Sirmione möchte Edwina Teufel, Chefinspektorin aus Wien, nun endlich die Seele am Gardasee baumeln lassen, sogar in das Wutbuch, das ihr die Psychologin ob ihrer Zornausbrüche aufgedrängt hatte, schreibt sie nun regelmäßig(er). Sirmione kennt sie bereits. Ein Bootsausflug nach Garda könnte der Entspannung zuträglich sein. Ein wohlverdientes Eis und ein Einkaufsbummel, anschließend eine Verabredung mit Freunden, die das naheliegende Weingut Cà della Ginevra besuchen. Klingt herrlich, oder? Bevor Edwina jedoch in diesen Genuss kommt, läuft ihr ein Hund über den Weg und gleich darauf wird sie Zeugin einer seltsamen Szene: Ein Junge, so etwa acht Jahre alt, wird von einer großen Gestalt bedroht, die Edwina im Dunkeln eines Durchgangs nicht genau erkennen kann. Aber sie kann helfen. Der Junge weigert sich allerdings, mit ihr zu sprechen, nur seinen Namen verrät er ihr: Peppe Rocco. Out of office? Wenn man wie die Jungfrau nicht nur zum Kinde, sondern auch zum Hund kommt, wird klar: Der gemütliche Tag in Garda, der war einmal. Commissario Adriano Alceste soll sich zumindest um den menschlichen Findling kümmern. Der Commissario steckt in den Ermittlungen zu einem versuchten Mordfall, der ausgerechnet mit jenem Weingut zusammenhängt, das Edwinas Freunde besuchten, und auch Peppe Rocco scheint mehr über dieses Anwesen zu wissen, als er verrät. Bei all diesen Zufällen kann Chefinspektorin Edwina Teufel gar nicht anders, als der Polizia ermittlerisch zur Hand zu gehen; ob sich diese darüber freut, ist da nebensächlich. Denn an rätselhafte Zusammenhänge glaubt Edwina nicht und auch die Zeichnung von Peppes "geheimer Grotte" geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. (Ent-)spannung zwischen Rebstöcken Isabella Archan nimmt uns wieder an den Gardasee, diesmal in und um das Städtchen Garda. Doch auch bei diesem zweiten gemeinsamen Trip, kommt Edwina Teufel einfach nicht dazu, bei einem Gläschen Vino die Beine in den See baumeln zu lassen – und das, obwohl wir uns ständig auf einem Weingut herumtreiben. Stattdessen geht's mit einem angemieteten Moped in den Weinbergen Gardas auf die Suche nach Verbrecher*innen und vermissten Elternteilen. Natürlich gönnt Isabella Archan ihrer Ermittlerin und uns auch Abstecher zu allerhand stimmungsvollen Plätzchen. Und unter uns: Wenn du dir bei der Lektüre ein Glas Wein einschenkst und die Zehen in den Lago oder ins eigene Plantschbecken steckst, verraten wir Edwina natürlich nichts.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Isabella Archan
Ein Gardasee-Krimi
Prolog
I: Segreto – Geheimnis
II: Sangue – Blut
III: Lacrima – Träne
IV: Verità – Wahrheit
V: Addio e Amore – Abschied und Liebe
Epilog
Torta della Nonna
Danksagung
Die Autorin
„Die Grenze ist überschritten, der Spiegel ist zerbrochen.
Aber es reflektieren die Scherben.“
Edgar Allan Poe (1809–1849)
„Ogni lacrima insegna ai mortali una verità. –
Jede Träne lehrt die Sterblichen eine Wahrheit.“
Ugo Foscolo (1778–1827)
Wenn ihn seine Mamma sehen könnte, wie er durch die Stadt irrt.
Eng stehen die Häuser, dunkel ist es in der Gasse, obwohl über den Dächern von Garda der Himmel azurblau ist.
„Lauf in die Stadt!“, hat Mamma gesagt und ihn auf die Stirn geküsst. „Du musst dich zuerst in Sicherheit bringen. Und verzeih mir.“
„Was ist mit dir, Mamma?“
„Ich versuche alles für uns zu organisieren, damit wir weit fortkönnen. Ich werde dich abholen. Bald. Komm auf keinen Fall zurück, hörst du? Bitte, bitte, lauf. Du weißt, wohin. Dort wartest du. Erkläre nichts, vertraue niemandem, warte auf mich.“
Der Junge hat nicht geweint, obwohl er nicht wusste, was genau geschehen ist, und sich auf den Weg gemacht zu einer entfernten Bekannten seiner Mamma. Doch an der Adresse, die Mamma ihm genannt hat, wohnt die nicht mehr. Oder er hat bei all dem Stress die Straßen verwechselt? Wobei er sich an die Frau ohnehin schlecht erinnern kann. Ob das eine gute Idee von Mamma war?
Er ist nun ganz auf sich allein gestellt.
Zurück darf er nicht, noch nicht. Mamma hat keinen richtigen Plan, ist verzweifelter als er. Das hat er mehr gespürt, als dass sie es ihm gesagt hat.
Seine Beine heben sich in einem hektischen Rhythmus, ein Hoch und Nieder, durch den keuchenden Atem gleicht sein Vorankommen dem einer alten Dampflok. Unermüdlich weiter und kurz vor der totalen Erschöpfung.
Dann setzt das Seitenstechen ein, gerade als der Junge aus der engen Gasse hinaus ins Helle einer belebteren Straße sprinten will. Der Schmerz übernimmt und er muss an der Ecke stehen bleiben.
Der Schutz der Menge ist sein Ziel, vielleicht sogar sich jemandem anzuvertrauen und eine Geschichte zu erzählen, die nichts mit der Wahrheit zu tun hat, ihm aber für eine winzige Zeitspanne ein Gefühl der Normalität gibt. So als wäre jemand Fremdes ein kleiner Ersatz für seine Mamma, die er aus schlimmen Gründen meiden muss. Er versteht wenig von dem Geschehen, das ihn überrollt hat, aber er will Mamma stolz machen und ihr zeigen, dass er es in eine Sicherheit schafft, die ihnen beiden zuvor genommen wurde.
Als kleiner Trost konzentriert sich sein Hirn ganz auf das Stechen in der linken Seite und drängt die Angst in den Hintergrund.
Wie der Hund vorhin, dem er gefolgt ist, beginnt der Junge zu hecheln. Nun ist von dem Tier keine Spur mehr zu sehen, aber sein Verfolger könnte immer noch hinter ihm sein, nach ihm Ausschau halten.
Wenn Mamma wüsste, dass ihr Sohn entdeckt worden ist, würde sie der Kummer über ihre Entscheidung überwältigen. Pech, reines Pech war es.
Das Stechen tut dermaßen weh, dass er sich nun krümmt.
„Zu schnell“, sagt eine alte Frau neben ihm und erschreckt ihn mit ihrer plötzlichen Anwesenheit. „Du hast mich fast umgerannt. Die Jugend ist immer zu schnell unterwegs.“
Hallo und bitte, will der Junge sagen. Können Sie mir helfen? Nein, anders: Kann ich mich Ihnen so anschließen, als gehörten wir zusammen, will er fragen.
Doch statt Sätze tropfen nur jammernde Laute über seine Lippen.
Die alte Frau wackelt mit dem Kopf, macht zwei Schritte von dem Jungen weg, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Dann geht sie weiter, mit viel mehr Tempo, als er ihr zugetraut hätte.
Er blickt um sich. Die anderen flanieren an dem Jungen an der Ecke vorbei, er sieht sich selbst in spiegelnden Sonnenbrillen. Keiner beachtet ihn länger als eine Sekunde. Er beschließt, sich weiter allein durchzukämpfen.
Immer noch schmerzt die Körperseite, die Stiche haben sich in ein Pochen verwandelt.
Nahebei hört der Junge Rufe, was die Angst sofort wieder hochschießen lässt. Er reißt den Kopf herum. Der Lärm gilt nicht ihm. Den Rufen folgt ein knatterndes Geräusch, das zu einem Motorino gehört.
Er starrt eine Weile in die Richtung. Wie gerne würde er hinten aufsitzen und mitfahren.
Doch wie es scheint, hat er seinen Verfolger abgehängt. Diese Genugtuung lässt Schmerz und Angst versanden, den Atem wieder fließen.
Er richtet sich auf, sieht sich weiter um. Ihm wird klar, dass er sich inzwischen komplett verirrt hat.
Ein Eis hätte er gern, Spaghetti davor oder danach, dann die Füße hochlegen, am Handy spielen. Normalität wäre das Größte.
Mamma, denkt er. Mamma wird vor Sorge weinen. Jetzt, wo sie ihn weggeschickt hat, wird sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Vielleicht sollte er doch zu ihrem gemeinsamen Versteck zurückkehren. Sie trösten. Sie schützen. Seine Mamma fehlt ihm so.
Nein, er hat versprochen, dass er sich in Sicherheit bringt.
Dann sieht er ein gelbes Haus. Es scheint wie eine Lösung und Erlösung zu sein. Eine Träne kullert über seine Wange, ohne, dass er es merkt. Er könnte zu dem gelben Haus da vorne eilen. Sich durch die Menschenmenge schlängeln und durch die Tür ins Innere treten. Das gelbe Haus zieht ihn an, dort könnte er am Ende sogar über sich und Mamma erzählen.
Was Mamma aber nicht aus der Gefahrenzone bringen würde. Im Gegenteil.
Der Junge überlegt, dreht sich, wählt den Weg zurück, dem er eben noch entfliehen wollte. Doch diesmal schleicht er vorsichtig und bedacht, um nicht wieder aufgespürt zu werden. Weiter, immer weiter voran.
Er wird von der engen Gasse regelrecht verschlungen, als wäre sie eine Riesenschlange, die kleine Jungen zum Abendessen verspeist.
Stazione di polizia, steht über dem Eingang des gelben Hauses, vor dem jetzt die alte Frau mit jemandem in Uniform plaudert.
„Ich bin die Königin der Welt.“
Edwina stand mit ausgebreiteten Armen an der Spitze des Vorderdecks der Fähre, die sie von Sirmione nach Garda brachte.
Hier auf dem Wasser war wesentlich weniger von der Hitze zu spüren, die das Land rund um den Gardasee seit Tagen bei Temperaturen über 35 Grad umklammert hielt.
Es war schlicht und einfach nur herrlich.
Wie Edwina die Wassertropfen, die hochspritzten und sie trafen, genoss. Wie berauschend es war, den Fahrtwind in den Haaren zu spüren.
Ihre Bluse flatterte, ein kühlender Luftzug fand den Weg über ihre Shorts die Beine hoch und über den Rücken bis zum Hals. Dazu der Blick über den Lago, der in der Sonne wie ein flacher blauer Diamant schimmerte.
Für den Moment wäre sie jede Wette eingegangen, dass sie niemals ihre Auszeit beenden würde, ja nie wieder in ihren Beruf als Chefinspektorin bei der Wiener Kriminalpolizei zurückkehren würde. Die Zornnatter, wie Edwina Teufel von der Kollegenschaft wegen ihrer Wutausbrüche bei Schlampereien und Ungerechtigkeiten genannt wurde, glich hier und jetzt einem Mädchen, das von der Überfahrt nicht genug bekommen konnte.
Eine Erinnerung an die Minuten vor ihrem Zusammenbruch wogte auf.
Der Hauptverdächtige der letzten Mordermittlungen hatte fliehen können und Edwina war bei der Teambesprechung ausgerastet.
„Seids ihr alle deppert? Dilettanten allesamt!“, war noch die harmloseste Formulierung gewesen.
Am Ende war sie umgekippt, aus Frust, aus Zorn und aus der Erschöpfung, die mit den mühsamen Phasen der Recherche einhergegangen war.
Nein, nicht heute, nicht am Gardasee daran denken. Lieber genießen und erholen, regenerieren und neue Kraft tanken.
Bei Ankunft der Fähre würde sie eines der Cafés auf der Seepromenade von Garda besuchen, sich ein Eis und Kaffee gönnen. Keinen Eiskaffee wohlgemerkt, mit der kalten Variante des Getränks hatte sie sich nie anfreunden können.
Nach diesem Genuss würde sie durch die Gassen laufen, das Flair der Stadt, die dem See seinen Namen gegeben hatte, aufsaugen. Schlemmen, shoppen, promenieren – La Dolce Vita zu hundert Prozent.
Unter ihr bahnte sich die Fähre schäumend eine Rinne durch das Wasser, weiter noch im Blickfeld ragten die Berge in die Höhe, über ihr ein blauer Himmel ohne die kleinste Wolke. Möwen segelten ums Boot, in der Hoffnung, kleine Stücke von Brötchen oder Waffeln abzubekommen. Das Gekreische übertrumpfte das Geplauder und Gelächter der anderen an Bord.
„Nächster Halt: Bardolino“, erklärte eine schnarrende Lautsprecherstimme. „Reisende mit Ziel Bardolino, bitte aussteigen.“
Edwina blieb und beobachtete den Wechsel der Passagiere.
Als das Schiff wieder abfuhr, nahm sie erneut die Position von eben ein. Es amüsierte sie ungemein, Kate Winslet im Film Titanic zu imitieren. Gott sei Dank ohne befürchten zu müssen, dass das Schiff im Lauf seiner Fahrt auf einen Eisberg treffen würde. Wobei eine Abkühlung dringend nötig wäre.
Der einzige Wermutstropfen hier und heute, fand Edwina, war die Abwesenheit ihres Liebsten. Ihr Lebensgefährte Toni – Antonio Russo, Römer, Landschaftsgärtner und seit über zehn Jahren an Edwinas Seite – war der Grund, warum sie fast perfekt Italienisch sprach und das Land als ihr zweites Zuhause ansah. In diesen Tagen hatte sich Toni aufgemacht, seinen Bruder zu besuchen. Er war zwar noch mitten in Auftragsarbeiten für die botanische Neugestaltung am Hotelkomplex Astoria in Sirmione, aber der jüngere der beiden Russo-Brüder, Maurizio, hatte um Hilfe bei einem Start-up, das er gründen wollte, gebeten. Toni, der ohnehin Urlaubstage verbrauchen musste, hatte zugesagt und ächzte nun in Rom unter der Sonne und Hitze.
Dass Edwina nicht mit in die ewige Stadt gekommen war, hatte einerseits mit diesen hohen Temperaturen und andererseits damit zu tun, dass Toni dort voll beschäftigt sein würde und sich seinem Bruder widmen wollte.
Außerdem hatte die Polizeipsychologin, die nach dem Zusammenbruch von Edwina zu dieser Auszeit geraten hatte, ihr mehr Raum mit sich allein empfohlen.
Genau diesem Rat wollte Edwina folgen.
„Wichtig ist: Schreiben Sie Tagebuch“, hatte Doktor Matschulla – „Nennen Sie mich Claudia!“ – betont. Mit einer Hand hatte Claudia ihre blonden Locken zurechtgezupft, mit der anderen Edwina ein Notizbüchlein über den Schreibtisch zugeschoben. „Ein sogenanntes Wutbuch. Hier, nehmen Sie, Chefinspektorin Teufel. Ein Geschenk von mir. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen zu Ihrem Zorn einfällt. Sooft es geht. Vertrauen Sie mir und hören Sie auf mich. Oder wollen Sie am Ende ganz dienstuntauglich geschrieben werden, weil dem ersten Zusammenklappen das nächste folgt? Ein paar Wochen raus aus dem Job, besser ein paar Monate. Geben Sie sich einen Ruck. Ich möchte Sie mit meiner Beurteilung nicht dazu zwingen, Edwina, könnte es aber.“
Edwina hatte brav genickt, war sich hilflos vorgekommen.
Vierundfünfzig war sie, mitten in ihrer Menopause, ziemlich gestresst als Teamleiterin einer Ermittlertruppe. Fahndungserfolge am laufenden Band hatte sie vorzuweisen, doch jener eine Fall in Wien vor dem Zusammenbruch schwebte weiter ungelöst über ihr wie ein Damoklesschwert. Die Polizeipsychologin hatte recht, das musste Edwina sich eingestehen. Die Arbeit erforderte Kraft, die Wutanfälle machten sie mürbe. Die Jagd nach Verbrechern und Mördern hatte sie oft mehr als nur ihren Seelenfrieden gekostet. Als Toni dann den Großauftrag am Gardasee erhielt, hatte es auf der Hand gelegen, ihn zu begleiten. Durchschnaufen und erholen, um bald wieder voll einzusteigen.
Hier war sie nun mit einer Menge an ungewohnter Freizeit und ihrem Wutbuch.
Der Einband des hübschen Notizbüchleins war vorne rot und hinten blau. Von der Wut zur Sanftheit, interpretierte Edwina die Farbkombination. Viel stand noch nicht darin, aber Edwina schleppte es seit ihrem Eintreffen im Frühling brav bei jedem ihrer Ausflüge in der Umhängetasche mit sich.
Die Auszeit hatte sich Edwina etwas anders vorgestellt, als sie bisher verlaufen war, doch an einem Tag wie diesem war sie weit davon entfernt, sich beklagen zu wollen.
Eine besonders hohe Welle schaffte es sogar, nicht nur Edwinas Bluse und Shorts zu bespritzen, sondern auch ihre halblangen braunen Haare auf der rechten Seite nass zu machen.
Sie lachte und breitete erneut die Arme aus.
Neben ihr waren zwei Mädchen aufgetaucht, die Edwinas Körperhaltung nachahmten und dabei laut kicherten.
„Der Wind kitzelt, das is’ super“, rief die eine, die ihr schwarzes Haar zu einem langen Zopf gebunden hatte.
Die andere, mit einer weißen Schleife im kurzen blonden Schopf, schüttelte sich. „Aber man wird ganz nassg’spritzt.“
Beide parlierten auf Wienerisch, was Edwina erfreute. Überhaupt hörte man am Gardasee neben der Landessprache sehr oft auch Edwinas Heimatdialekt. Als Reisedestination war der Lago gerade für Urlaubende aus den Nachbarländern absolut beliebt. Wie Zugvögel flogen die Touristen ein, schwärmten aus und ließen sich in Massenansammlungen nieder.
In Sirmione drängten sich die Besuchenden wie Heringe in der Dose durch die Gassen der Altstadt. Gleich in Garda, machte sich Edwina darauf gefasst, dass es ähnlich voll sein würde.
Egal, sie hatte Zeit – Auszeit.
Der oberste Knopf an ihrer Hose war aufgesprungen. Vielleicht ein Eis zu viel oder eine zu große Portion Tortellini geschlemmt. Auch das: Total wurscht, Oida!
„Das is’ der Sinn der Sache“, erklärte Edwina den beiden lachend und schloss den Knopf über ihrer etwas zu runden Taille. „Bis wir ankommen, sind wir drei nasse Pudel. Das wird spitze.“
Wieder kicherten die Mädchen, noch lauter als zuvor.
„Schreits net so! Lassts anderen auch was von der Aussicht, ja?“, sagte jemand hinter ihnen. „Schleichts euch, Madln.“
Edwina drehte sich um. Der vorwurfsvolle Ton hatte ihre Stimmung auf der Stelle getrübt.
Ein Mann, geschätzt im Alter von Edwina, mit einem gewaltigen Wohlstandsbauch, hatte sich aufgebaut. Er trug zu enge Radlerhosen, ein T-Shirt mit Schweißflecken unter den Achseln und neongrüne Flipflops mit weißen Socken darunter. Edwina schüttelte über die Kombination den Kopf, sie mochte sich den Hitzestau an den Füßen nicht vorstellen.
„Haben Sie ein Problem?“, fragte sie leise.
Noch blieb Edwina ruhig. Doch sie konnte direkt spüren, wie ein paar winzige Zornesfunken in ihr aufstiegen. Die Zornnatter erwachte.
Sein Ausdruck war alles andere als freundlich. „Sind das Ihre, die uns hier so nerven?“, setzte er nach, deutete auf die anderen Mitreisenden, von denen sich allerdings niemand sonst um Edwina und die Mädchen kümmerte. „Das is’ kein Kindergarten. Deshalb drah auch du dich, Madame.“
Eine Frechheit, die die Funken in Edwina kreisen ließ. Neben der Wärme außerhalb fuhr die Hitze in ihr hoch. Ein Wort mehr von dem Kerl und sie würde sich nicht beherrschen können.
„Überall diese Omas, die die Kinder net erziehen, weil s’ glauben, sie müssten sich einschleimen“, maulte er weiter.
Es waren nicht ihre Enkelinnen. Edwina hatte einen erwachsenen Sohn, Carl machte in Wien seine Ausbildung zum Koch. In der Situation aber spielte das keine Rolle.
Der Zorn war da und ließ sich nicht länger unterdrücken. Kurz überlegte Edwina, ihren Dienstausweis zu zücken, den sie – wie das Wutbuch, eine Wasserflasche, einen Badeanzug, Lippenstift und Sonnencreme – bei sich in der ausladenden Umhängetasche trug. Warum sie ausgerechnet das zurzeit nutzlose Dokument stets dabeihatte, hätte sie nicht sagen können, die Polizeipsychologin hätte es ihr vielleicht erklären können. Doch jetzt dem Kerl einen Schreck einzujagen, dafür wäre der Ausweis perfekt. In der Auszeit galt die Legitimation nicht, aber das konnte der unverschämte füllige Mann nicht wissen.
Edwina holte Luft. Gleich würde ihre Wut zu einer Entladung führen.
Genau in dem Moment zeigte sich eine ganz schmale kleine Frau neben dem wuchtigen Kerl. „Hubert, schon wieder?“ Sie hatte im Gegensatz zu ihrer Figur ein mächtiges Stimmorgan. „Bist du schon wieder auf Krawall aus? Lass die nette Dame und die lieben Mädchen in Ruh. Komm weg da und halt den Mund, du Beidl.“
Sie packte ihn am T-Shirt und zog ihn mit sich. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren und mit gesenktem Kopf, ließ er sich widerstandslos in den hinteren Bereich der Fähre ziehen.
„Was wollt’ denn der Mann?“, fragte die dunkelhaarige Kleine.
Die Blonde gab statt Edwina Antwort. „Vielleicht war ihm zu heiß.“
Sie winkten Edwina zu, fassten sich an den Händen und verschwanden ebenfalls unter den Mitreisenden.
Edwina winkte zurück und ihr Zorn verpuffte ins Leere.
Sie setzte sich auf eine der Bänke an der Reling und holte ihr Wutbuch heraus. „Mein heutiger Wut-Interruptus“, notierte sie als Überschrift und malte ein Smiley dazu.
Ein lautes Tuten unterbrach sie. „Wir erreichen Garda“, schnarrte es aus den Lautsprechern. „Passagiere mit Ziel Garda, bitte aussteigen.“
Damit war der Eintrag auch schon wieder beendet. Die Vorfreude auf einen wunderbaren Tag kehrte zurück und nahm alles andere ein. Dieser Ausflug würde großartig werden, darauf wettete Edwina.
Wie sehr sie sich irrte, würde ihr erst etwas später klar werden.
Zuerst begegnete sie dem Hund.
Edwina hatte in einer der kleinen Boutiquen ein gestreiftes Kleid probiert. Das Bild, das ihr der Spiegel zeigte, hatte ihr nicht gefallen, was nicht an dem Kleidungsstück lag. Einmal mehr hatte sie sich vorgenommen, zumindest nicht täglich ein Eis zu schlemmen. Dafür abends noch eine Runde zu schwimmen und sich nicht nur auf dem weichen Wasser des Sees treiben zu lassen.
Aber nicht gerade heute würde sie auf ihr Lieblingseis, bacio, eine Mischung aus Schokolade und Haselnuss, verzichten. Morgen war der perfekte Tag, um ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen. Gleich würde sie in einem der Cafés ihr Wutbuch ein weiteres Mal aufschlagen und die Vereinbarung mit sich selbst schriftlich festhalten. Dafür war das Notizbuch zwar nicht gedacht, aber außer Edwina las ohnehin keiner darin.
Kaum aus dem Laden, bog sie links in eine der schmalen Gassen ein, die die Häuserreihen voneinander trennten. Über den ersten oberen Fenstern war eine Wäscheleine gespannt, weiße Laken bewegten sich träge in einem lauen Lüftchen.
In der Gasse war es sofort wesentlich kühler und dunkler. Die Geräusche aus der Verkaufsstraße wirkten gedämpft. Hier herrschte eine Ruhe, die man so nah bei den Touristenwegen kaum vermutete.
Ein Stück weiter entlang der Gebäude erreichte Edwina einen Torbogen, der sich über einen ebenfalls engen Durchgang wölbte und in einen weiteren Teil der Innenstadt von Garda zu führen schien. Die alten Steine wirkten massiv und dekorativ gleichermaßen, saugten förmlich die Helligkeit auf. Der Weg unter ihnen hindurch lag in tiefem Schatten.
Nach zwei Schritten blieb Edwina abrupt stehen.
Sie hatte keine Angst vor Hunden. Überhaupt vor keinem Tier. Weder Schlangen noch Spinnen erschreckten Edwina, eher das Gegenteil, sie mochte die unbeliebten Wesen, die nützlich und wichtig für das Gleichgewicht der Natur waren, wenn auch nicht kuschelig und putzig.
Der Hund jedoch, der sich aus dem Dunkel der Steine gelöst hatte, begann sofort zu bellen. Die Laute hallten verstärkt wider und erschreckten dadurch Edwina unerwartet heftig. Ihr Herz begann zu trommeln, automatisch hielt sie die Luft an.
Jetzt konnte sie ihn deutlicher sehen. Mittelgroß, mager, kurzes hellbraunes Fell, Ohren, die seitlich nach unten baumelten. Er trug kein Halsband, Edwina ordnete ihn den Straßenhunden zu, die sich ohne Frauchen oder Herrchen durch ihr meist sehr elendes Hundeleben schleppten.
Sein Bellen tönte tief und laut. Es zerriss die ruhige Atmosphäre.
„Aus!“ Edwina atmete wieder durch. Ihre Herzschläge verlangsamten sich. „Sei still! Sofort. Silenzio! Hörst du?“
Die kurzen Befehle zeigten überhaupt keine Wirkung. Edwina erinnerte sich an eine Ansage von einem der Hundetrainer, die in Wien die Polizeihunde schulten. Nämlich dass bellende Hunde eher ängstlich waren, während die leisen, die knurrenden, eine Gefahr darstellten. Die Kläffer konnte man mit strengen Worten zum Schweigen bringen.
„Schluss, sag ich dir. Ich bin Chefinspektorin, verstehst du?“
Natürlich verstand der Hund nicht, aber Edwina musste lachen, was ihre Muskeln weiter entspannte.
Das Fenster eines der Häuser vor dem Steinbogen öffnete sich und jemand wiederholte brüllend: „Silenzio!“
Dieser Anweisung von oben kam der Hund sofort nach.
„Ist das Ihrer?“, rief Edwina zurück.
Es folgte keine Reaktion.
Sie drehte sich um, ging los und wollte die Gasse in die Richtung verlassen, aus der sie gekommen war. Der Hund überholte sie und setzte sich direkt vor Edwina. Dabei legte er den Kopf zur Seite.
„Ich hab nichts für dich, Hund. Mi dispiace.“
Als er sich hinlegte und den Weg blockierte, machte Edwina noch einmal eine Hundertachtzig-Grad-Wende und ging mit flotten Schritten unter dem Torbogen durch und in den Durchgang hinein. Sie konnte hören, wie der Hund ihr erneut folgte. Seine Pfoten erzeugten ein klackendes Geräusch auf den Pflastersteinen.
Der Weg wurde noch enger, machte eine Biegung und fiel leicht abwärts. Das Tageslicht schaffte es kaum bis hierher, als wäre auf einen Schlag die Dämmerung hereingebrochen.
Jemand redete. Laut. Wieder verstärkte der Hall den Ton. Es war eine höhere Stimme, die Edwina einem Kind zuordnete. Die Mädchen auf der Fähre fielen ihr ein.
„Lass mich! Geh weg!“
Edwina hielt kurz inne. Hatte sie richtig gehört?
„Ich komme nicht mit. Loslassen! Bitte, lass mich endlich in Ruhe.“ Verängstigt war der Tonfall. „Bitte nicht. Nein, nein.“
Die Biegung endete und im Näherkommen meinte Edwina tatsächlich ein Kind zu erkennen.
Ein Kind, das sich von jemand loszureißen schien. Einer sehr großen Gestalt, die sich dicht an die altertümlichen Steine presste, wie vorhin der Hund mit ihnen verschmolz. Oder täuschten die Umrisse Edwina? Sie blinzelte.
Nicht einmal das Geschlecht konnte sie mit Sicherheit erkennen. Eher wirkte es, als würde sich ein dunkler Scherenschnitt dort aufhalten. Ja, groß war die Person auf jeden Fall. Um einiges größer als sie. Zumindest sah es so aus.
Der Beschützerinstinkt setzte nahtlos bei Edwina ein.
„Hallo!“, rief sie und beschleunigte ihre Schritte. „Alles in Ordnung? Was ist da los?“ Diesmal meinte sie es ernst: „Ich bin Chefinspektorin Edwina Teufel, ich kann Sie direkt verhaften lassen, wenn Sie dem Kind etwas antun wollen.“
Das konnte Edwina natürlich nicht, davon wusste der Scherenschnitt jedoch nichts. Sollte es sich bloß um einen Disput zwischen einem Elternteil und Kind handeln, konnte sich Edwina immer noch entschuldigen, aber die Sätze des Mädchens oder des Buben, vor allem der Klang der Stimme, hatten sich gerade nicht danach angehört.
Das erneute Bellen neben ihr ließ sie heftiger reagieren als das erste Mal. Sie machte automatisch einen Schritt zur Seite und stieß gegen das Mauerwerk. Ein Stich schoss ihre Schulter hoch.
Der Scherenschnitt vor ihr zog sich tiefer in die Schatten. Rasche Schritte in die entgegengesetzte Richtung waren zu hören. Edwina setzte zu einer Verfolgung an. Nach ein paar Metern stoppte sie.
Von dieser Position aus war endlich das Ende des Durchgangs zu sehen, ein Fleck aus Licht, der die mulmige Atmosphäre auf der Stelle abschwächte. Doch der Scherenschnitt war wie vom Erdboden verschwunden, ob großer Mann oder große Frau.
Der Hund trottete an Edwina vorbei und lief ins Helle.
Das Kind – es war ein Junge, wie sie jetzt feststellte – sauste hinter dem Tier her.
„Hey, Hundchen.“ Der Tonfall des Jungen hatte sich vollkommen verändert. „Hundchen, Hundchen, so ein Toller bist du. Und ein Tapferer. Und ein Hübscher.“
Edwina rieb sich die Schulter, während sie versuchte aufzuschließen. „Bleib stehen. Auf der Stelle. Halt!“, rief sie, was für beide, Mensch und Tier, gelten mochte.
Der Hund zuckte mit einem Ohr und trabte ohne Pause voran. Er bog nach rechts ab, in eine wieder breitere Straße. Dort mischte er sich unter die Touristenmenge, die, wie bei einem Zaubertrick, erneut das Straßenbild prägte. Hier strahlte hell und heiß die Sonne, ein Laden schloss sich dem anderen an. Geplauder und Musik mischten sich.
Der Junge aber hielt an. Nun konnte Edwina ihn in Augenschein nehmen.
Er war geschätzt acht Jahre alt, hatte dunkelblondes Haar und grüne Augen. Er trug Jeans und ein ebenfalls grünes T-Shirt mit einem Rennwagen darauf abgebildet. Über dem Kragen zeigte sich ein Hautfleck. Storchenbiss nannte man die meist harmlosen rötlichen Feuermale. Edwinas Sohn Carl hatte eines am unteren Rücken.
„Sie haben ihn verscheucht, Signora“, sagte der Junge und sah Edwina vorwurfsvoll an. „Wenn die Hundefänger ihn kriegen, geht’s ihm an den Kragen. Das ist scheiße.“
„Das sagt man nicht.“ Die Ermahnung erfolgte reflexhaft, wie der Seitenschritt vorhin. Mit einem Lächeln der Erleichterung wandte sich Edwina dem Jungen zu. „Ich bin Edwina. Du darfst mich duzen. Wo sind deine Eltern? Hast du dich verlaufen? Was war das eben?“
„Mille grazie, Signora Edwina“, antwortete der Junge stattdessen. „Du hast mich aus der Gefahr gerettet. Du und der Hund.“ Ein Seufzen entkam seiner Brust. „Aber, bitte, verhafte mich nicht.“
Bei dem Wort „Gefahr“ wich Edwinas Lächeln einem sorgenvollen Ausdruck.
„Darf ich dich ein Stück begleiten, Signora Edwina?“ Die Anrede fand Edwina richtig süß, aber die gestellte Frage verstärkte ihre Besorgnis um den Jungen. Noch dazu, weil er auf ihre vielen Fragen gar nicht eingegangen war.
Überhaupt war die Begegnung Edwina bisher ein Rätsel. Sie warf einen Blick zurück unter den Torbogen. Gerade kam ein Radfahrer aus dem Durchgang geradelt. Im Nachhinein fand sie den Weg hindurch überhaupt nicht mehr so unheimlich, wie es sich dort vorhin angefühlt hatte. In der ganzen Aufregung mit dem Hund und dem ängstlichen Rufen des Kindes hatte ihr Alarmsinn wohl überreagiert.
Aber die Abwehrreaktion des Jungen auf den Schattenriesen hatte sie sich sicherlich nicht eingebildet. Sie beugte sich zu ihm hinunter. „Du kannst bei mir bleiben, aber zuerst sagst du mir bitte deinen Namen und wovor ich dich gerettet haben soll. Das ist wichtig, verstehst du?“
Der Junge sah sich um. „Es ist alles in Ordnung. Meine Mamma ist beim Friseur und hat mir erlaubt, mir ein Eis zu holen. Ich hab mich verlaufen, dann kam der Riese und hat mich angesprochen.“
„Also war es ein Mann? Ich war mir nicht sicher.“
„Es könnte auch eine Riesin gewesen sein. Die gibt’s.“ Plötzlich grinste der Junge. „Ich glaube, Riesen haben Angst vor Hunden. Nicht vor dir, Signora Edwina.“
„Du kannst das Signora weglassen. Edwina genügt. Verrätst du mir auch deinen Namen?“
„Peppe.“
„Peppe. Sehr schön. Kommt von Giuseppe, nicht wahr?“
„Nur Peppe, Edwina … Ich habe das Geld für das Eis verloren.“ Er machte eine ausladende Geste mit den Armen. „Mamma mia! Das ist richtig schei … ich meine, richtig doof.“
„Wie ist dein Nachname, Peppe?“ Edwina verschränkte die Arme. Sie hatte nicht vor, lockerzulassen.
Peppe legte den Kopf schief wie der Hund eben. „Wenn du etwas Zeit hast, kannst du mich zum Fingernagelstudio begleiten. Auf dem Weg dorthin kannst du mir eine Zitronenlimonade und ein Eis ausgeben. Meine Mamma gibt dir alles wieder zurück. Bitte und danke.“
„Ich dachte, deine Mutter sitzt beim Friseur.“
„Ja, tut sie auch.“ Er kratzte sich am Kopf. „Mein Handy liegt dort neben der Kasse. Ich hab Fotos von den hübschen Spangen und Schleifen gemacht für meine Schwester und es dann vergessen. Wenn Mamma versucht, mich zu erreichen, wird sie sich Sorgen machen.“
„Sollte sie dich anrufen, wird dein Handy im Laden losgehen, und sie wird wissen, dass du es vergessen hast.“
„Ich habe es auf stumm geschaltet. Wenn du mir dein Handy gibst, zeig ich dir, wie das geht, Edwina.“
„Mein Handy? Nein, Peppe. Du bist wohl hoffentlich keiner der Jungs, die in der Stadt den Touristen ihre Wertsachen klauen?“ Vor einigen Wochen hatte Edwina einen Artikel dazu gelesen. Die Minderjährigen wurden von erwachsenen Kriminellen dazu angestiftet. Wurden sie verhaftet, galten sie als nicht strafmündig. „Oder doch? Zwingt dich jemand dazu? War es die Person vorhin? Wir können gemeinsam zur Polizia gehen, ich begleite dich.“
„Bist du nicht die Polizia? Du wolltest den Riesen eben verhaften. Aber ich klaue nicht, Ehrenwort.“ Er legte die Hand ans Herz, eine rührende Geste, wie Edwina fand. „Zum Beweis lade ich dich auf ein Gelato ein.“
„Ich glaube dir auch so, Peppe. Übrigens bin ich eine Ermittlerin, die quasi Ferien hier am Lago macht. Vorhin habe ich bloß damit gedroht, um dir zu helfen. Deshalb erzähl mir mehr. Außerdem dachte ich, du hast kein Geld bei dir.“
Er lächelte schelmisch. „Nicht für eine Zitronenlimonade extra. Aber für eine Kugel reicht das Kleingeld in meiner Hosentasche. Der Zwanzig-Euro-Schein von Mamma, der steckt im Handy. Das im Friseursalon liegt, wo meine Mutter sich die Haare machen lässt. Auch die Nägel.“
Trotzdem der Junge augenscheinlich log, dass sich die Balken bogen, hatte Edwina nicht vor, ihn allein zu lassen. Unter seinem Geplapper und den Geschichten meinte sie einen unterschwelligen Kummer zu erkennen.
„Ich mach dir einen Vorschlag, Peppe.“ Sie streckte ihm die Handfläche für ein High five entgegen. „Wir marschieren los. Du kennst den Weg, nehme ich an, und hast dich nicht wirklich verlaufen. Kein Kommentar dazu. An jeder Gelateria, an der wir vorbeikommen, gibst du mir etwas über dich preis.“
„Was heißt das?“
„Ich frage und du antwortest mir immer ohne Flunkern. Okay?“
Er zögerte, dann schlug er ein. „Aber die Limonade und das Eis kriege ich schon an der ersten Eisdiele. Hier, direkt neben uns.“
Sein verschmitztes Grinsen war entzückend.
„Wie alt bist du, Peppe?“ Edwina begann vorsichtig. Wieder hatte sie das Gefühl, dass der Junge viel mehr verbarg als nur seinen Nachnamen oder den Aufenthaltsort seiner Eltern.
„Acht und ein halbes Jahr.“ Peppe schleckte mit Genuss über seine Schoko-Vanille-Tüte. „Im Dezember ist mein Geburtstag. Am fünfzehnten. Wenn du magst, lade ich dich dazu ein.“
„Bis dahin ist noch Zeit, Peppe.“ Diesmal hatte sich Edwina für ein Pistazieneis entschieden, was sie bereits bedauerte. Das bacio wäre die bessere Wahl gewesen.
Der Junge schritt voran, als würde er tatsächlich den Weg genau kennen. Von der überfüllten Touristenstraße bog er in eine schmalere Gasse ein, die bis ans Hotel Imperial führte.
„Nicht zu schnell, Peppe. Es ist zu heiß.“
Sie umrundeten einen Spielplatz. Peppe warf einen kurzen, sehnsüchtigen Blick zu den dort spielenden Kindern. Dann ging er rasch die Via Galilei entlang, an einer weiteren kleinen Eisdiele vorbei.
„Was arbeiten deine Eltern, Peppe? Und vielleicht weißt du auch, wo ihre Arbeitsstelle ist?“
„Du hast mir schon eine Frage gestellt“, er nahm einen Schluck aus der Limonadenflasche. „Deshalb brauche ich jetzt nichts zu sagen.“
„Na gut. Aber ich bin sicher, in wenigen Metern entdecken wir schon das nächste Eiscafé. Oder ich brauche eine Pause.“
Erst ging es nach links, ein paar Meter weiter bog der Junge rechts ab. Mit Mühe holte sie ihn ein. „Du versuchst zu schummeln, Peppe. Das gilt nicht.“
„Ich will nur rasch zu Mamma.“ Er wartete, bis sie aufschloss. „Darf ich dir auch eine Frage stellen, Edwina?“
„Klar doch. Ich bin ganz Ohr.“
Sie erreichten über einen Kreisverkehr die Piazza Calderini. Die Promenade und der Lago waren wieder in Sichtweite.
Auf dem Platz vor dem Hotel Alla Torre hatten sich die Massen an Besuchern unter die Sonnenschirme gedrängt. Die Tagestemperatur hatte in der letzten Stunde noch mal ziemlich zugenommen, die Sonne schien, als wollte sie einen Wettstreit gegen die wunderschöne hellgelbe Fassade des Hotels gewinnen.
Peppe hob den Zeigefinger. „Hier in der Bar gibt es superleckere Tramezzini. Die mit Thunfischcreme mag ich am liebsten.“
„Hast du Hunger? Ich spendiere dir nach dem Eis was Handfestes.“ Sie zeigte auf einen Stand, an dem arancini, die gefüllten Reisbällchen, angeboten wurden.
Peppe schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich hab vorhin etwas gegessen, mit Mamma.“
„Was für ein tolles Gebäude das Hotel ist, findest du nicht? Und schau, der alte Glockenturm nebenan. Eine Pracht.“ Edwina blieb stehen und entsorgte ihre halbvolle Eistüte in einem Mülleimer. „In Garda gibt es viele venezianische Paläste, die man leider nicht von innen besichtigen kann, weil sie noch bewohnt sind. Mir würde es gefallen, in einem zu leben. Unheimlich viel Platz. Was meinst du, Peppe?“
„Ich könnte mit meinem Stunt Scooter durch die Räume düsen.“
„Mit was?“
„Das ist ein Roller für Kinder. Nichts Gefährliches, Edwina, keine Sorge. Er steht zu Hause in der Garage.“
„Hier in Garda?“
„Das waren vier Fragen, Edwina, und kein Eis in Sicht.“
Beide lachten. Edwinas Sympathie für den Jungen wuchs von Minute zu Minute. „Ach, Peppe, du wickelst mich um den Finger.“
„Ich erzähle dir was, Edwina. Die Nymphe Engardina wollte einen Beweis haben, dass der Meeresgott sie lieb hat. Darauf hat er mit seinem Dreizack zugestoßen und ganz hohe Wellen gemacht. Die sind dann zu einem See geworden. Engardina ist hineingesprungen. Und weil sie so schöne blaue Haare hatte, ist auch das Wasser blau geworden. So ist der Gardasee entstanden. Hast du das gewusst?“
„Wow, ich bin beeindruckt, Peppe.“
„Hat mir Rudi erzählt.“
„Rudi wie Rudolfo? Wie weiter?“
Er zögerte nur einen Moment. „Der Friseur meiner Mamma.“
Wie sich der Junge um seine Herkunft herausredete, empfand Edwina befremdlich. Altklug war er und clever zugleich. „Wohin jetzt?“
„Wir müssen ein Stück zurück. Die Richtung ist falsch.“
„Peppe, ist es nicht an der Zeit, dass du mir beichtest, was mit dir los ist? Wer der Jemand war, der dich belästigt hat? Warum du ohne deine Mamma unterwegs bist? Viel mehr als nur eine einzige Frage, aber ich denke, es ist wichtig, dass du sie mir alle beantwortest. Ich bin in meinem Beruf darauf geschult, Menschen zu unterstützen, wenn sie in Not sind. Chefinspektorin ist so was wie ein Commissario hier. Ich bin Teil einer Truppe, die gegen Verbrechen im Einsatz ist.“
„Ja, das kenne ich aus meinen Comics. Superhelden, die sich zusammentun. Wie die Avengers. Die helfen jedem und vertreiben die Bösen.“ Die Heiterkeit verschwand gänzlich. „Kannst du wirklich jemanden beschützen? Das will ich wissen.“
Nun zögerte Edwina. „Ich bin nicht bei der italienischen Polizia, wie gesagt, Peppe. Ich bin in Wien zu Hause. Dort leite ich mein Team. Besser, habe es geleitet, bis ich in eine Auszeit gegangen bin. Hierher. Das bedeutet aber nicht, dass ich dir hier nicht beistehen kann. Ich kenne einen Commissario, der für die Squadra mobile tätig ist. Adriano Alceste. Ihn könnte ich sofort anrufen, wenn du es willst. Peppe, komm, rede mit mir.“
„Peppe Rocco.“
„Was meinst du?“
„Ich habe zwei Vornamen. Peppe Rocco. Ich lebe nicht hier. Sondern in …“
Edwinas Handy klingelte in ihrer Umhängetasche. Genau im ungünstigsten Moment.
Mit einem unwirschen Ächzen begann Edwina zu wühlen. Zuerst waren es Taschentücher, dann eine Packung Blasenpflaster. Wie so oft bekam sie das Mobilteil als Letztes zu fassen.
Das Display zeigte eine Mailboxnachricht.
„Das war meine Nachbarin. Ich würde gern wissen, was sie will.“ Edwina überlegte. Leichte Kopfschmerzen machten sich nach dem flotten Marsch in der Hitze bemerkbar. „Also, wir setzen uns unter die Zypressenbäume in den Schatten, Peppe. Ich höre die Mailbox ab, danach bist du dran.“
„Okay, Edwina.“
Beatrice Schurt und ihrem Mann Knut, einem ausgewanderten Kölner, gehörte das Haus in San Martino della Battaglia, nahe bei Sirmione, in dem Edwina und Toni sich im ersten Stock eingemietet hatten. Das Appartamento mit seinen drei Zimmern und der Terrasse samt Ausblick bis zum Lago passte perfekt für den langen Aufenthalt. Dass Beatrice, im Erdgeschoß wohnend, eine Klatschtante par excellence war, nahm Edwina deshalb hin. Die rothaarige Nachbarin, die gerne bunte Kleider und lange Ohrringe trug und anscheinend über alles, was sich rund um den südlichen Teil des Gardasees abspielte, Bescheid wusste, versuchte immer wieder, Edwina zu gemeinsamen Unternehmungen zu überreden.
