Die geheimen Dakini-Lehren - Padmasambhava - E-Book

Die geheimen Dakini-Lehren E-Book

Padmasambhava

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die zunächst nur im Geheimen und unter Eingeweihten überlieferten Lehren des Begründers des Tibetischen Buddhismus sind heute so wahr und überzeugend wie zu ihrer Entstehungszeit im 9. Jahrhundert. Der zentrale Gedanke dieser Unterweisungen für eine Dakini die weibliche Manifestation des Weisheitsprinzips ist, dass spirituelle Erkenntnis gelebt werden muss und nicht bloße Theorie bleiben darf. In klarer Sprache werden unmissverständliche Wege zu innerem Frieden und Glück aufgezeigt, zugrunde liegende Tugenden und hinderliche Schwächen erörtert. Für alle die nach Erkenntnis und Lebenssinn suchen, ist dieses Buch eine praktische Anleitung zur richtigen Meditation und ein Wegweiser für gelebte Spiritualität.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die geheimen DAKINI-LEHREN

Padmasambhavas mündliche Unterweisungen der Prinzessin TsogyalEin Juwel der tibetischen Weisheitsliteratur

Übersetzt aus dem Tibetischen von Erik Pema Kunsang

Deutsch von Sabine von Minden und Corinna Chung

edition khordong~ Klassiker wiederaufgelegt Band 1 ~

Eine Sammlung von Padmasambhavas Unterweisungen an die Dakini Yeshe Tsogyal.

Aufgeschrieben und verborgen von Yeshe Tsogyal. Entdeckt und offenbart von Nyang Ral Nyima Öser und Sangye Lingpa. Tibetische Titel: Jo Mo La gDams Pa’i sKor, Jo Mo Zhu Lan, mNga’ bDag mYang Gi dMar Khrid, bLa Ma dGongs ‘Dus Las mTsho rGyal Zhu Lan, rDo rJe gLing Pa’i Mar Gyi Yang Zhun.

Aus dem Tibetischen ins Englische übertragen von Erik Pema Kunsang (Erik Hein Schmidt) entsprechend der mündlichen Unterweisungen von Kyabje Urgyen Rinpoche. Editiert von Marcia Binder Schmidt.

Übersetzung aus dem Englischen im Vergleich mit dem tibetischen Original von Padmakara-Übersetzungen (Sabine von Minden und Corinna Chung).

ISBN: 978-3-942380-61-4 eBook

1. eBook Auflage 2020

© 2020 WANDEL VERLAG berlin für die deutschsprachige Ausgabe© 1999 Erik Hein Schmidt für die englischsprachige Ausgabe

Lektorat, Umschlaggestaltung, Satz und eBook-Erstellung von Andreas Ruft, Berlin.

(ISBN des gedruckten Buches:: 978-3-942380-03-4)Erstmalig erschienen 1995 beim Scherz/Otto Wilhelm Barth Verlag. Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Dakini Teachings« bei Shambhala Publ., USA, 1990. Wiederauflage bei Rangjung Yeshe Publ., Boudhanath, Hong Kong & Esby, 1999.

Alle Rechte der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Verbreitung und Wiedergabe jeglicher Art, ob mechanisch, elektronisch oder anderweitig, auch jetzt noch unbestimmt, sind vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur nach vorhergehender schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

Wir unterstützen NatureFund beim Pflanzen von Bäumen: Blue Planet Certificate 105WN

edition khordong ist eine Publikationsreihe begründet im Khordong e.V., inspiriert von Chimed Rigdzin Rinpoche (1922-2002) und veröffentlicht beim WANDEL VERLAGberlin. Bitte besuchen Sie unsere Webseiten:www.khordong.net www.wandel-verlag.de www.tsagli.deeMail-Kontakt: [email protected] [email protected]

«Auch wenn meine Sicht so grenzenlos ist wie der Himmel, so ist doch meine Verhalten so fein wie ein Sandkorn.»«Steige mit der Sicht herab während du mit dem Verhalten aufsteigst. Es ist äußerst wichtig, diese Zwei als Einheit zu praktizieren.»

Padmasambhava

Inhaltsverzeichnis
Vorwort des Übersetzers
Anmerkung zur deutschen Übersetzung
Anmerkung zu diesem eBook
Erster Teil: Leben und Vermächtnis von Padmasambhava
Padmasambhava, der Lotusgeborene
Eine Kurzbiographie, verfasst vom ersten Jamgon Kongtrul
Einführende Unterweisungen
von Tulku Urgyen
Zweiter Teil: Die Unterweisungen für eine Dakini
1. Zur Vorbereitung
Die Lehren über das Aufsteigen mit dem Verhalten
2. Zuflucht
Die äußere Zuflucht
Die innere Zuflucht
Die geheime Zuflucht
3. Der Erleuchtungsgeist
Die Lehren über das Erwecken von Bodhicitta als spiritueller Weg
Die äußere Übung in Bodhicitta
Das tatsächliche Entwickeln von Bodhicitta
Die innere Übung in Bodhicitta
Die geheime Übung in Bodhicitta
4. Die zehn Grundlagen des Geheimen Mantrayana
und andere ausgewählte Unterweisungen, der Lehrzyklus tiefgründiger Ratschläge anhand von Fragen und Antworten
Zehn Grundlagen der Geistesschulung
Zehn Mängel
Zehn Kernpunkte
Zehn Möglichkeiten, oberflächlich zu sein
Zehn Übertreibungen
Zehn Fehler, die zu vermeiden sind
Zehn tugendhafte Eigenschaften
Zehn Zeichen
Zehn Tatsachen
Sieben Möglichkeiten, verdorben zu werden
Die Gefahr von Missverständnissen
Vier Dharmas
Die Gelübde
Die Dhyana-Reiche vermeiden
Die Samayas von Körper, Rede und Geist
Fünfzehn ungünstige Umstände
Zwölf günstige Bedingungen
Zwanzig widersinnige Verhaltensweisen
Vier Möglichkeiten, Rückfall zu vermeiden
Vier Dinge, die nicht sein dürfen
Vorteile nutzen
Fünf Dinge, die ohne Fehl sein sollen
Die Übung der sechs Paramitas
Drei Ziele
Sechs Dinge, die zu betrauern sind
Vier Wege, sein Feld zu bestellen
Acht Arten der Stille
Die Verführungen durch Mara
Vier grundlegende Eigenschaften
Die Fünf Gifte an der Wurzel abschneiden
Den eigenen Geist zähmen
Fünf Dinge, die man sehen sollte
Fünf Dinge, die man erreichen sollte
Fünf Arten der Fülle
Fünf Formen des Meisterns
Fünf unnütze Dinge
Fünf notwendige Dinge
Fünf Lügen
Fünf Dinge, die gewiss sind
Fünf Dinge, die zu nichts führen
Sechs edle Eigenschaften
Vier Schwächen
Dünkelhaftigkeit
Vierzehn Dinge, die man hinter sich lassen muss
Drei Krankheiten, von denen man sich befreien muss
Der Weg zur Befreiung aus Samsara
Den Dharma mit Aufrichtigkeit üben
Die Samayas einhalten
Festes Vertrauen in die Lehre
Dreizehn Arten der Entsagung
Dreizehn wichtige Dinge
Der Weg des Dharma
Standhaftigkeit
Von der Schwierigkeit, den Dharma zu üben
Darüber, wie alles einfach werden kann
Wege zum Glück
Vom Weg abkommen
Was unweigerlich eintreten wird
Fruchtloses Üben
Hochmut
Den Dualismus von Gut und Böse überwinden
5. Der Vajra-Meister und die Yidam-Gottheit
Lehren für Yeshe Tsogyal – die Kernunterweisungen zum Geheimen Mantrayana: Fragen und Antworten darüber, was einen Meister ausmacht und über Meditationsübungen, die eine Yidam-Gottheit zum Gegenstand haben
6. Geistesschulung im Vajrayana
Unterweisungen zur Meditation, die eine Gottheit mit Attributen zum Gegenstand hat
Die stufenweise Meditation für Menschen mit geringeren geistigen Fähigkeiten
Übungen, die zwischen den Meditationssitzungen ausgeführt werden können
Das Versiegeln der Entwicklungsstufe
Die Übung für Menschen mit den höchsten geistigen Fähigkeiten
Die verschiedenen Stufen der Visualisation
Wie die Dauer der Visualisation verlängert werden kann
Wie Fehler in der Meditation beseitigt werden
Wie man mit der Visualisation der Gottheit übt
Mit der Gottheit eins werden
Wie man die Siddhi der Gottheit erlangt
Die Zeichen für das Erlangen der Siddhi
Was die Yidam-Meditation bewirkt
Die Fünf Pfade
Der Pfad des Vereinigens
Der Pfad des Sehens
Der Pfad des Förderns und der Pfad der Vervollkommnung
Das Überspringen von Stufen
Die Kayas und Weisheiten
7. Die Kristallgirlande makelloser Übung
8. Die Quintessenz der mündlichen Unterweisungen
Glossar
Weiterführende Literatur zur Praxis des Tibetischen Buddhismus
Khordong Commentary Series
Klassiker wiederaufgelegt, weitere Titel, in Vorbereitung

Vorwort des Übersetzers

Dieses Buch ist eine Sammlung von Unterweisungen, ausgewählt aus verschiedenen Schatztexten oder Termas1. Es enthält Guru Rinpoches2 mündliche Anleitungen zur Übung des Dharma, die er im 9. Jahrhundert n. Chr. während seines Aufenthalts in Tibet gab. Sie wurden aufgezeichnet von Yeshe Tsogyal, der Prinzessin von Kharchen, seiner bedeutendsten Schülerin. Nach Jamgon Kongtruls Lebensgeschichten der einhundert Tertöns (auch «Die kostbare Lapislazuli-Girlande») war Yeshe Tsogyal eine Dakini und die Emanation des weiblichen Buddha Lochana – der Gefährtin des Buddha Ratnasambhava – sowie der Vajra-Yogini. Yeshe Tsogyal diente Guru Rinpoche während seines Aufenthalts in Tibet und widmete sich danach mit unerhörter Energie und Ausdauer der Übung des Dharma, so dass sie ihrem Meister schließlich gleichkam. Ihr Mitgefühl ist beispiellos und der Segen, der von ihr ausgeht, wird sich niemals erschöpfen.

Yeshe Tsogyal zeichnete diese Kernunterweisungen in der verschlüsselten Geheimsprache der Dakinis auf und verbarg sie als kostbare Terma-Schätze3, die Jahrhunderte später von den Tertöns, den Entdeckern der Schatztexte, offenbart werden sollten. Guru Rinpoche selbst hat die Namen der Entdecker vorhergesagt und den Zeitpunkt und die Epoche ihres Auftretens. Die von ihnen in Form von Texten oder Visionen entdeckten Lehren würden den Bedürfnissen der Menschen der jeweiligen Zeit angepasst sein. In nahezu jedem Kapitel dieses Buches heißt es, dass diese Unterweisungen zum Wohl der Praktizierenden künftiger Generationen gegeben wurden: «Mögen sie auf diejenigen Menschen der Zukunft treffen, die ihrer würdig sind.»

Das vorliegende Buch basiert auf den von Nyang Ral Nyima Öser im zwölften Jahrhundert entdeckten Terma-Schriften. Das von mir verwendete Manuskript wurde vor mehreren Jahrzehnten von einem Forschungsreisenden aus einem mongolischen Kloster nach Europa gebracht und wird heute in der Königlichen Dänischen Bibliothek aufbewahrt. Als S. H. Dilgo Khyentse 1976 diese Bibliothek besuchte, ließ er sich alle handgeschriebenen Originalmanuskripte zeigen und dann sechs Bände, die zu der Zeit in Indien nicht erhältlich waren, fotokopieren. Unter ihnen befand sich eine Sammlung verschiedener Schatztexte des Tertön Nyang Ral mit dem Titel Jomo Shulen («Die Fragen der Yeshe Tsogyal»). Dieser Band wurde später originalgetreu von Sherab Drimä, dem Verleger S. H. Khyentse Rinpoches in Delhi, nachgedruckt. Als ich später Tulku Urgyen Rinpoche ein Exemplar überreichte, gab er seiner großen Freude über die Lektüre Ausdruck und unterstützte und ermutigte mich bei der Vorbereitung der Übersetzung. Außerdem machte er mich auf eine ähnliche Sammlung von Nyang Rals Terma mit dem Titel Nyang-gyi Matri («Die direkten Anweisungen von Nyang») aufmerksam. Jamgon Kongtrul hatte dieser Schrift genügend Bedeutung beigemessen, um sie in den sechzigsten Band seines Rinchen Terdzö aufzunehmen. Beim Vergleich der Manuskripte stieß ich in beiden auf unschätzbare Unterweisungen Padmasambhavas, die teilweise identisch waren, an anderen Stellen jedoch große Unterschiede aufwiesen. Offensichtlich stammten sie aus zwei verschiedenen Quellen, von denen die erstere Jamgon Kongtrul, als er den Rinchen Terdzö zusammenstellte, nicht zugänglich gewesen sein kann.

Seit Nyang Ral Nyima Öser die Schatztexte entdeckt hat, sind nahezu achthundert Jahre vergangen und im Laufe dieser Zeit haben sich jedes Mal, wenn die Schriften von Hand kopiert wurden, einige Auslassungen ergeben und orthographische Fehler eingeschlichen. Ich habe deshalb ein drittes Manuskript hinzugezogen, eine Sammlung von Termas, die im vierzehnten Jahrhundert von Sangye Lingpa entdeckt wurden. Einige Stellen in dieser Schriftensammlung stimmen fast wörtlich mit dem Terma von Nyang Ral Nyima Öser überein. Die Erklärung hierfür ist, dass beide Meister in ihren früheren Leben zugegen waren, als Guru Rinpoche diese Lehren übermittelte. Nyang Ral Nyima Öser war eine Inkarnation von König Trisong Deutsen, während Sangye Lingpa eine Inkarnation von Murub Tsejpo, dem zweitgeborenen Sohn von Trisong Deutsen, war.

Diese drei Schriftsammlungen zusammengenommen enthalten Material für vier weitere Bände einer Übersetzung; ich habe deshalb die Teile ausgewählt, die mir für die heutige Zeit von Bedeutung scheinen.

Die folgenden biographischen Notizen über das Leben von Nyang Ral Nyima Öser (1124-1192) sind aus den Lebensgeschichten der einhundert Tertöns zusammengestellt:

Nyang Ral war der erste der fünf Tertön-Könige, deren Erscheinen von Guru Rinpoche prophezeit worden war. Er war die Inkarnation von Trisong Deutsen, jenes Königs, der Guru Rinpoche nach Tibet einlud und der auch unter dem Namen Tsangpa Lhai Metok, die «Göttliche Blume des Brahma», bekannt war.

Nyang Ral wurde im Jahr des Männlichen Holz-Drachen4 in der Provinz Lhodrak als Sohn eines Nyingma-Lamas namens Nyangtön Chökyi Khorlo geboren. Schon im Alter von acht Jahren hatte er Visionen von Buddha Shakyamuni, Avalokiteshvara und Guru Rinpoche und seine meditativen Erfahrungen währten einen ganzen Monat.

Eines Abends erblickte er Guru Rinpoche auf einem weißen Pferd reitend, das von den vier Arten von Dakinis getragen wurde. Aus einem vasenähnlichen Gefäß, das Guru Rinpoche hielt, trank er Nektar und empfing damit die vier Initiationen. Danach schien es ihm, als öffnete sich der Himmel und als bebten die Berge und die ganze Erde. Seit diesem Ereignis wurde sein Verhalten derart absonderlich, dass man allgemein annahm, er sei verrückt geworden.

Sein Vater gab ihm die Hayagriva-Einweihung und nachdem Nyang Ral in Klausur gegangen war, um die damit verbundene Übung auszuführen, hatte er eine Vision der Gottheit. Von seinem Phurba erschallte das Wiehern eines Pferdes und er konnte seine Hand- und Fußabdrücke im Fels hinterlassen.

Einer Prophezeiung der Dakinis folgend, begab er sich nach Mawo Chökyi Draktsa. Dort verliehen ihm die Weisheitsdakinis den Namen Nyima Öser («Strahl des Sonnenlichts»). Unter diesem Namen wurde er fortan bekannt. Guru Rinpoche selbst erschien Nyima Öser, um ihm eine Liste der Termas zu geben, die er entdecken sollte. Von den vielen von ihm entdeckten Schatztexten sind Kagye Desheg Düpa, ein Lehrzyklus, der sich hauptsächlich mit den acht Heruka-Sadhanas befasst, und eine Biografie Guru Rinpoches mit dem Titel Sanglingma die bekanntesten.

Später vermählte sich Nyima Öser mit Jobum, einer Emanation Yeshe Tsogyals, die ihm zwei Kinder schenkte. Beide Söhne, Drogön Namkha Ö und Namkha Päl, wurden Halter seiner Linie.

Nyima Öser widmete sich Zeit seines Lebens gleichermaßen der Meditation in Klausur und der Übermittlung der Lehren an andere. Sein Wirken war für den Fortbestand des Dharma von entscheidender Bedeutung. Er verschied im Jahr der männlichen Holz-Maus, im Alter von neunundsechzig Jahren. Sein Tod war von vielen wunderbaren Zeichen begleitet.

Ich selbst, Jamgon Kongtrul, habe die mündliche Übermittlung aller von Nyang Ral Nyima Öser entdeckten Termas erhalten. Ich ließ die hölzernen Druckstöcke für die neun Bände des Kagye Desheg Düpa anfertigen und habe dessen Sadhana viele Male zusammen mit anderen ausgeführt. Auf diese Weise konnte ich diesen Lehren auf bescheidene Weise dienen.

Nun folgt eine kurze Beschreibung, auf welche Weise Nyima Öser den Terma-Text entdeckte, auf dem die vorliegende Ausgabe basiert. Diese Ausführungen sind Nyang Ral Nyima Ösers Biographie Der Klare Spiegel entnommen, die sich im zweiten Band des Kagye Desheg Düpa findet.

Als ich in Klausur in der Perlen-Kristall-Höhle von Pama Gong die Guru-Sadhana praktizierte, erschien mir ein Mädchen von heller Hautfarbe, gekleidet in ein blaues Kleid mit Schürze und eine weiße Seidenbluse. Sie sagte, sie sei Yeshe Tsogyal und fragte mich: «Yogi, was wünschst du dir?»

Ich erwiderte ihr: «Ich begehre nichts außer dem Dharma!» «Also werde ich ihn dir geben», sagte sie und reichte mir eine Schatulle mit Schriften über die Dakini-Prophezeiungen und den Zyklus der 108 Fragen und Antworten.

Dann fuhr sie fort: «Mein Sohn, folge mir zur Leichenstätte von Shitavana! Acharya Padma hält dort eine Dharma-Versammlung mit den acht großen Vidyadharas und zahlreichen anderen würdigen Yogis. Wir, die Dakinis, kommen dort zu einer großen Festzeremonie zusammen. Komm mit mir!»

Als wir in Shitavana angelangt waren, erblickte ich die große Leichenstätte, die jeden, der dessen nicht würdig war, so eingeschüchtert und in Angst und Schrecken versetzt hätte, dass er sich diesem Ort unmöglich hätte nähern können. In der Mitte befand sich ein Yogi von hellbrauner Hautfarbe; er saß auf einem mächtigen juwelenbesetzten Thron. Er fragte: «Ist das nicht mein Sohn, Tsangpa Lhai Metok? Hat das Umherirren in Samsara dich erschöpft?» Dann bedeutete er mir, auf einem Haufen menschlicher Knochen Platz zu nehmen.

Vor ihm befand sich ein großes Mandala. Es war mit zahlreichen Ornamenten geschmückt und von einem Netz von Lichtstrahlen umgeben. In den acht Richtungen um das Mandala erblickte ich die acht Vidyadharas aus Indien und Tibet mit einem Lächeln auf dem Angesicht. Ich wurde erfüllt von einer überwältigenden Freude.

Wieder sprach das Mädchen zu mir: «Mein Sohn, möchtest du dich an einer Festzeremonie erfreuen oder an einer Unterweisung?» Ich antwortete ihr: «Bitte, setze das Rad des Dharma für mich in Bewegung!» Unmittelbar darauf wurden mir die Vorstufen zur Einweihung in das Große Mandala gegeben. Anschließend begab ich mich zu den Vidyadharas in den acht Richtungen des Mandala, erhielt von jedem eine ausführliche Initiation für einen der acht Lehrzyklen und wurde als Linienhalter eingesetzt.

Der Yogi in der Mitte, der sagte, er werde Padmasambhava oder auch Padmakara genannt, gab mir die große Initiation der Versammlung der friedvollen und rasenden Sugatas und lehrte mich die Tonfolge für das Singen der Gebete.

All die Vidyadharas gaben dann gleichzeitig die Initiation für Lernen und Erinnern, die Initiation für Meditieren und Praktizieren, die Initiation für Erläutern und Lehren, die Initiation für das Schulen der Lebewesen mit Hilfe der vier Formen der Aktivität, die Initiation für die allumfassende Befehlsgewalt eines Vajra-Königs und die Dzogchen-Einweihung in die natürlich schöpferische Energie des reinen Gewahrseins.

Nachdem ich all diese Initiationen vollständig erhalten hatte, reichte man mir ein weißes Muschelhorn und hieß mich gehen. In dem Augenblick, da ich diese Weisung vernahm, schwand – wie ein Atemhauch von einem Spiegel – alles um mich herum, die Leichenstätte und die Meister. Als ich meiner Sinne wieder mächtig wurde, fand ich mich in meiner Meditationshütte wieder.

Den zweiten Terma-Text, den ich während der Arbeit an diesem Buch zum Vergleich heranzog, um Rechtschreibfehler und Auslassungen herauszufinden, wurde von dem Tertön Sangye Lingpa (1340-1396) entdeckt. Dieser wurde in Kongpo, einer Provinz im Südosten Tibets im Jahr des Männlichen Eisen-Drachen, im selben Jahr wie der vierte Karmapa Rölpä Dorje, geboren und als eine Inkarnation von Yeshe Rölpa Tsäl, dem zweitältesten Sohn von König Trisong Deutsen, angesehen. Sangye Lingpa entdeckte seinen bedeutendsten Terma, den Lehrzyklus Lama Gondü, im Jahr 1364. Er zählt, wie auch Nyima Öser, zu den fünf Tertön-Königen. Im vergangenen Jahrhundert inkarnierten sich diese beiden Meister als Jamyang Khyentse Wangpo und Terchen Chogyur Lingpa.

Das vorliegende Buch schließt mit einem Kapitel, das die letzten Unterweisungen Padmasambhavas enthält. Sie sind einem Terma von Guru Dorje Lingpa (1346-1405) entnommen, einem anderen jener fünf Tertön-Könige, die die bedeutendsten Terma-Entdecker Tibets waren.

Ich möchte allen danken, die zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben, ganz besonders aber S. H. Dilgo Khyentse und Tulku Urgyen Rinpoche für ihre Anleitung und ihren Segen.

Erik Pema Kunsang, Asura-Höhle, 1989

Anmerkung zur deutschen Übersetzung

Wir danken Khyentse Jigme Rinpoche und Ani Yangchen, die es uns ermöglichten, schwierige Textstellen mit Hilfe des tibetischen Originaltextes zu klären.

Sabine von Minden, Corinna Chung, Padmakara Übersetzungen

Anmerkung zu diesem eBook

Dieses eBook ist die unveränderte und sorgfältig aufbereitete digitale Version des gedruckten Buches. Wir haben uns sehr bemüht, das Leseerlebnis so gut wie möglich zu gestalten. Sollten Sie weitere Fehler oder Inkompatibilitäten finden, lassen Sie uns dies freundlicherweise wissen. Das würde uns helfen, dieses eBook zu verbessern.

Vielen Dank dafür, dass Sie dieses eBook gekauft haben. Sie ermöglichen uns damit an weiteren Texten und zukünftigen Büchern zu arbeiten. In diesen Büchern steckt viel Liebe und sehr viel Zeit. Falls Sie dieses eBook anderweitig erhalten haben sollten, kaufen Sie es doch bitte oder spenden Sie dafür. Vielen Dank!

Sarva Mangalam

Erster Teil: Leben und Vermächtnis von Padmasambhava

Padmasambhava, der Lotusgeborene

Eine Kurzbiographie, verfasst vom ersten Jamgon Kongtrul

Diese kurze Beschreibung des Lebens von Padmasambhava, der auch unter dem Namen Guru Rinpoche oder Padmakara bekannt wurde, ist dem Kostbaren Rosenkranz aus Lapislazuli entnommen, einer Sammlung von Biographien der 108 großen Tertöns, verfasst vom ersten Jamgon Kongtrul. Dieser Text stammt aus dem ersten Band seines Rinchen Terdzö.

Über die Lehren des Vajrayana und insbesondere durch die tiefgründigen Terma-Schriften hat Padmakara zahllose Lebewesen beeinflusst. Dieser große Meister war nicht etwa ein gewöhnlicher Mensch auf dem spirituellen Weg oder etwa nur ein edles Wesen auf einer der Bodhisattva-Stufen, sondern eine Emanation von Buddha Amitabha und Buddha Shakyamuni, erschienen, um denjenigen Menschen und Geisterwesen zu helfen, die schwer zu bezwingen sind.

Selbst die großen Bodhisattvas sind nicht in der Lage, das Beispiel seines Lebens völlig zu erklären. Dennoch werde ich es – gekürzt, wie folgt – erzählen:

In der Dharmakaya-Sphäre der Licht-Vajra-Essenz ist Guru Rinpoche von Anbeginn als reiner Urgrund der Freiheit vollkommen erleuchtet. Er ist als der ursprüngliche Beschützer «Unwandelbares Licht» bekannt.

In der selbstmanifestierten Sambhogakaya-Sphäre des Donners der Trommel der Vollkommenheit ist er spontan als die grenzenlose Weisheitsentfaltung der fünf Familien des Buddha «Gewaltiger Ozean» erschienen, mit dem stets die fünf Gewissheiten gegenwärtig sind.

In den reinen Ländern der fünf Buddhafamilien – den nur teilweise wahrnehmbaren, reinen Nirmanakaya-Sphären des Mahabrahma – zeigte sich Padmasambhava den Bodhisattvas der zehnten Stufe in zahllosen Formen als äußere Manifestation dieser aus sich selbst entstandenen Weisheitsentfaltung. Da all dies die unerschöpflichen Eigenschaften sind, die, Wolkenbänken gleich, von der Energie der Weisheit Guru Rinpoches aufsteigen, ist er als «Lotus, der alles beinhaltet» bekannt.

Durch die Energie dieser Weisheitsentfaltung erscheint Guru Rinpoche in unzähligen Welten der zehn Richtungen als magische Manifestation eines Nirmanakaya zur Schulung der Wesen. Es heißt, dass er allein in diesem Saha-Weltsystem fünfzig Welten mit der leuchtenden Fackel der Sutra- und Tantra-Lehren erhellt, indem er in seinen acht Manifestationsformen erscheint, um den Lebewesen in verschiedenen Teilen der Welt zu helfen.

Die Dakini Yeshe Tsogyal hatte eine Vision, in der sie eine Manifestation Guru Rinpoches als der «Gewaltige Vajra-Ozean» sah. In jeder Pore seiner Haut befand sich eine Milliarde von Welten, die jede wiederum eine Milliarde von Weltsystemen enthielten. In jedem dieser Weltsysteme manifestierte jeder der Milliarden Guru Rinpoches eine Milliarde Ausstrahlungskörper und jeder von diesen gab einer Milliarde seiner Anhänger Unterweisungen. Dann sah Yeshe Tsogyal Guru Rinpoche sich in gleicher Weise in allen anderen Himmelsrichtungen und im Zenit manifestieren.

In unserem Weltsystem, Jambudvipa, ist Padmasambhava als ein Nirmanakaya zur Schulung der Wesen erschienen, wird jedoch, den unterschiedlichen geistigen Fähigkeiten und Gaben der Menschen entsprechend, verschieden wahrgenommen. Der Mündlichen Übermittlung des Kilaya und den meisten indischen Textquellen nach wurde Padmasambhava als Sohn eines Königs oder Ministers in Oddiyana geboren. In den Terma-Schatztexten stößt man jedoch auf vielerlei Legenden über seine wundersame Geburt. Manchmal heißt es, er habe sich aus einem Blitz, der auf dem Berg Malaya einschlug, manifestiert. All diese Legenden unterscheiden sich voneinander in vielerlei Beziehung. Dies ist allerdings ein Thema, das vom Verstand gewöhnlicher Menschen niemals erfasst werden kann.

Ich werde meine Ausführungen nun auf die wundersame Geburt und das Leben von Guru Rinpoche beschränken, wie es in den Terma-Texten erzählt wird.

Im Land von Oddiyana – westlich von Bodhgaya –, auf einer Insel inmitten des Dhanakosha-Sees, erblühte durch den Segen der Buddhas ein vielfarbiger Lotus. In das Zentrum der Blüte strahlte Buddha Amitabha aus seinem Herzen einen goldenen Vajra aus, der das Siegel der Silbe HRI trug. Aus dem Vajra wurde auf wunderbare Weise ein achtjähriger Junge, der Lotus und Vajra in den Händen hielt. Das Kind, vollendet mit allen Haupt- und Nebenmerkmalen eines Buddha geschmückt, lehrte die Devas und Dakinis auf dieser Insel den tiefgründigen Dharma.

Zu dieser Zeit war Indrabodhi König von Oddiyana. Sein einziger Wunsch, mit einem Sohn gesegnet zu werden, blieb unerfüllt, obwohl er bereits so umfangreiche Gaben an die Drei Kostbarkeiten dargebracht und Almosen an Bedürftige verteilt hatte, dass die Schatzkammern seines Reiches schließlich leer standen. Seine letzte Hoffnung war, in den Besitz eines wunscherfüllenden Juwels zu gelangen. Um dieses zu finden, machte er sich in Begleitung seines Ministers Krishnadhara auf die Reise über den See. Als sie gerade unverrichteter Dinge zurückkehren wollten, trafen zuerst Krishnadhara und dann der König auf das wunderbare Kind. König Indrabodhi sah in ihm die Erhörung all seiner Gebete, die Erfüllung seines Wunsches nach einem Sohn. Er brachte den Jungen zum königlichen Palast, wo man ihm den Namen Padmakara, Lotusgeborener, gab. Man bat ihn, auf dem juwelenbesetzten Thron Platz zu nehmen und überhäufte ihn mit großzügigen Geschenken.

Der Prinz wuchs heran und verhalf schon als Jugendlicher mittels seines Beispiels bei Wettkämpfen und sportlichen Spielen zahllosen Wesen zur spirituellen Reife. Er vermählte sich mit Prabhadhari und regierte das Königreich im Einklang mit dem Dharma. Padmakara erkannte jedoch, dass er niemals das wirkliche Heil der Wesen erreichen konnte, solange er der Herrscher eines Landes blieb. Deshalb bat er Indrabodhi, dem Thron entsagen zu dürfen. Sein Wunsch wurde ihm jedoch nicht gewährt. Daraufhin tat er eines Tages, als er bei einem Spiel einen Dreizack schwang, als entglitte ihm dieser aus Versehen. Der Dreizack traf den Sohn eines Ministers und tötete ihn. Padmakara wurde nun aus dem Königreich verbannt und dazu verurteilt, auf einem Leichenacker zu leben. Dort und später auf dem Kalter-Hain-Friedhof, im Lieblichen Wald und in der Leichenstätte von Sosaling widmete er sich den Yoga-Übungen der Tantriker. Während dieser Zeit gewährten ihm zwei Dakinis, die Dämonenbezwingerin und die Erhalterin der Glückseligkeit, Initiationen und ihren Segen. Nachdem er alle Dakinis der Leichenstätte bezwungen hatte und sie bereit waren, seinen Weisungen zu folgen, wurde er unter dem Namen Shantarakshita bekannt.

Padmakara kehrte nach Oddiyana, zur Insel inmitten des Dhanakosha-Sees zurück, übte sich dort im Geheimen Mantrayana sowie in der Symbolsprache der Dakinis und brachte so die Dakinis der Insel unter seinen Einfluss. Dann setzte er seine spirituelle Praxis im Rauhen Wald fort und wurde mit einer Vision der Vajra-Yogini gesegnet. Er bezwang die Nagas der Seen und die planetarischen Geister und ließ sie den Eid ablegen, dem Dharma zu dienen und den Wesen nicht zu schaden. Und all die Dakas und Dakinis verliehen ihm übernatürliche Kräfte. Von da an trug er den Namen Dorje Drakpo Tsal (Rasende Vajra-Kraft).

Dann begab sich Padmakara nach Bodhgaya, dem Diamanten-Thron, wo er viele Wunder vollbrachte. Doch als er auf die Frage, wer er sei, antwortete, er sei ein selbstgeborener Buddha, schenkte man ihm keinen Glauben und verhöhnte ihn. Als er die Notwendigkeit erkannte, einen Meister zu finden, reiste er nach Sahor. Dort wurde er von Prabhahasti ordiniert und man gab ihm den Namen Shakya Senge. Er erhielt die Yogatantra-Unterweisungen achtzehn Mal und hatte Visionen der Gottheiten. Danach suchte er den weiblichen Meister Kungamo auf, die Weisheitsdakini Guhyajñana, die sich in Gestalt einer Nonne verkörpert hatte. Er bat sie um Initiation und sie verwandelte ihn in die Silbe HUNG, die sie verschluckte und durch ihren Lotus wieder ausschied. Im Inneren ihres Körpers erhielt er die vollständigen äußeren, inneren und geheimen Initiationen und wurde von den drei Verdunkelungen gereinigt.

Später traf er die acht großen Vidyadharas und empfing von ihnen die Acht Sadhanas. Vom Meister Buddhaguhya erhielt er die Unterweisungen über Mayajala und der Meister Shrisimha lehrte ihn Dzogchen. Auf diese Weise studierte er alle Sutras, Tantras und die verschiedenen Wissenschaften unter vielen gelehrten und spirituell verwirklichten Meistern Indiens. Er brauchte ein bestimmtes Thema nur ein einziges Mal zu studieren, um es schon zu meistern, und er sah Gottheiten in Visionen, ohne die entsprechende Meditation ausgeübt zu haben. Zu dieser Zeit wurde er unter dem Namen Loden Choksey bekannt und erreichte die Vidyadhara-Ebene der Reife.

Danach begab er sich nach Sahor, um eine Verbindung mit einer geeigneten Dakini, mit Mandarava, der Tochter des Königs Vihardhara, einzugehen. Mandarava wurde die Stütze seiner Sadhana und sie meditierten drei Monate lang gemeinsam in der Höhle von Maratika. Danach erschien ihnen der Buddha Amitayus selbst, gewährte ihnen Initiationen und segnete sie, so dass sie eins mit ihm wurden. Padmasambhava und Mandarava erhielten eine Milliarde Tantras des langen Lebens und erreichten die Vidyadhara-Ebene der Macht über die Lebensspanne und den Vajra-Körper, der unberührt ist von Geburt und Tod. Dann kehrten sie in das Königreich von Sahor zurück. Als sie um Almosen bettelten, erkannte man sie. Sie wurden festgenommen und der König und seine Minister ließen sie bei lebendigem Leib verbrennen. Das Feuer verwandelte sich jedoch in einen kühlen Teich, in dessen Mitte der Meister mit seiner Gefährtin auf einer Lotusblüte erschien. Durch dieses Wunder bewegten sie die Menschen von Sahor dazu, den Dharma auszuüben und brachten sie auf eine Ebene, von der aus es keinen Rückfall in den Kreislauf der Wiedergeburten gibt.

Padmakara begab sich anschließend mit Mandarava nach Oddiyana, um dort die Menschen zu unterweisen. Während sie um Almosen baten, wurden sie jedoch wiederum erkannt, gefangen genommen und zum Tode auf einem gewaltigen Scheiterhaufen aus Sandelholz verurteilt. Der Meister und seine Gefährtin aber erschienen unversehrt auf einer Lotusblüte in der Mitte eines Sees. Sie trugen eine aus Schädeln gefertigte Girlande, Symbol für die Befreiung der Lebewesen aus Samsara. Dieses Wunders wegen wurde Padmakara als Padma Thötreng Tsal (Mächtiger Lotus der Schädelgirlande) bekannt. Er blieb dreizehn Jahre als spiritueller Lehrer des Königs in Oddiyana und festigte das gesamte Königreich im Dharma. Während dieser Zeit erlangten der König und die Königin und viele andere Menschen mit Hilfe der Initiationen und der Lehren des Kadü Chökyi Gyamtso die höchste Vidyadhara-Ebene. Der Meister wurde daraufhin unter dem Namen Padmaraja, Lotuskönig, bekannt.

Um König Ashoka zu bekehren, verwandelte sich Padmakara, wie im «Sutra über Magische Wahrnehmung» prophezeit, in den Mönch Wangpo Dey. Nachdem er Ashoka in unerschütterlichem Glauben gefestigt hatte, konnte dieser in einer einzigen Nacht eine Million Stupas errichten, die alle eine Reliquie des Tathagata enthielten. Padmakara bekehrte auch mehrere nichtbuddhistische Lehrer und wurde von einem König vergiftet, ohne dass dies ihm etwas anhaben konnte. Als er in einen Fluss geworfen wurde, kehrte er die Strömung des Flusses um, begann zu fliegen und tanzte in den Lüften. Dadurch wurde er als Junger Mächtiger Garuda bekannt.

Außerdem nahm Padmakara die Gestalt des Acharya Padmavajra an, des Meisters, der das Hevajra-Tantra enthüllte, und manifestierte sich als Brahmin Saraha, als Dombi-Heruka, Virupa, Kalacharya und in der Gestalt vieler anderer Siddhas. Er übte seine spirituelle Praxis an den großen Leichenstätten, wo er die Dakinis im Geheimen Mantrayana unterwies. Er bezwang die inneren und äußeren weltlichen Geister und ernannte sie zu Hütern des Dharma. Danach erhielt er den Namen Nyima Öser.

Als in Bodhgaya fünfhundert nichtbuddhistische Gelehrte im Begriff waren, eine öffentliche Debatte gegen die Buddhisten zu gewinnen, forderte Padmasambhava sie zu einem Wortstreit heraus und trug den Sieg davon. Einige unter ihnen griffen daraufhin zu magischen Verwünschungen. Padmasambhava aber zerschmetterte sie mit einem rasenden Mantra, das ihn die Dämonenbezwingende Dakini gelehrt hatte. Nach ihrer Niederlage nahmen die verbliebenen Nichtbuddhisten den Dharma an und das Siegesbanner der Lehre flatterte hoch am Himmel. Zu dieser Zeit wurde ihm der Name Senge Drakdrok verliehen. Vollständig von den drei Trübungen befreit, verweilte er auf der Vidyadhara-Ebene der Macht über die Lebensspanne, die Stufe, auf der der erhabene Pfad vollendet ist.

Auf dem Weg zu der an der indisch-nepalesischen Grenze gelegenen Höhle von Jangleschö begegnete ihm Shakya Devi, die Tochter des Königs von Nepal. Sie wurde seine Gefährtin und Stütze seiner Sadhana. Während er die Meditationspraxis des Vishuddha-Heruka ausübte, schufen drei mächtige Geisterwesen zahlreiche Hindernisse. Drei Jahre lang blieb der Regen aus, Hungersnot und Krankheiten breiteten sich aus. Padmakara sandte Boten nach Indien, um von seinen Meistern Anleitungen für die Beseitigung dieser Hindernisse zu erhalten. Zwei der Boten kehrten beladen mit Texten für die Kilaya-Praxis zurück. Als sie die nepalesische Grenze erreicht hatten, schwanden augenblicklich alle Hindernisse wie von selbst. Padmakara und seine Gefährtin erlangten die höchste Siddhi und verweilten auf der Mahamudra-Vidyadhara-Ebene.

Padmakara erkannte, dass mit der Meditationspraxis des Vishuddha-Heruka viele Siddhis erlangt werden können. Die Praxis ist jedoch wie eine Reise, bei der man auf viele Hindernisse trifft. Den nötigen Geleitschutz dafür bietet die Kilaya-Praxis und deshalb verfasste Guru Rinpoche viele Sadhanas, in denen die Praxis dieser beiden Heruka zusammengefasst ist. In Jangleschö verpflichtete Guru Rinpoche außerdem zwölf weltliche Geisterwesen als Schützer der Vajra-Kilaya-Lehren.

Padmakara besuchte viele andere der alten Königreiche und lehrte dort den Dharma: in Hurmudzu nahe dem Königreich Oddiyana, in Sikojhara, Dharmakosha, Rugma, Tirahuti, Kamarupa und Kanscha. Wann er sich in Droling aufgehalten hat, ist ungewiss, aber die tantrischen Lehren über Hevajra, Guhyachandra-Bindu, Vishuddha, Hayagriva, Kilaya und Mamo sind dort bis zum heutigen Tage erhalten geblieben.

Es heißt, dass Padmakara zum Wohle der Lebewesen und der Lehre dreitausend sechshundert Jahre in Indien verblieben sei. Gelehrte Menschen nehmen an, dass es sich dabei um Halbjahre handeln könnte oder die Zahl symbolisch gemeint sei.

Um die Menschen in China und in der Mongolei den Dharma zu lehren, verkörperte Padmakara sich als König Ngonshe Chen und als Yogi Tobden. In Shangshung nahm er die Gestalt des auf wunderbare Weise geborenen Kindes Tavi Hricha an. Tavi Hricha gab die Lehren der mündlichen Übertragungslinie des Dzogchen und führte viele würdige Schüler zur Verwirklichung des Regenbogenlicht-Körpers.

Es übersteigt jede Vorstellungskraft, an wie vielen verschiedenen Orten, in wie vielen verschiedenen Gestalten und in wie vielen verschiedenen Sprachen Padmakara den Dharma lehrte und so zahllose Wesen auf den Weg der Befreiung führte.

Nun werde ich erzählen, wie Guru Rinpoche zu uns nach Tibet kam. Als König Trisong Deutsen, eine Emanation des Mañjushri, zwanzig Jahre alt war, verspürte er den tiefen Wunsch, die erhabene Lehre in Tibet zu verbreiten. Aus diesem Grund lud er Khenpo Bodhisattva5 nach Tibet ein, der Darlegungen über die Kette des abhängigen Entstehens und die zehn Tugenden gab. Ein Jahr darauf wurde das Fundament für einen gewaltigen Tempel gelegt, doch die Geisterwesen Tibets verursachten Hindernisse, die den Bau des Klosters verhinderten. Auf den Rat des Khenpo hin sandte der König fünf Boten nach Indien, um den erhabenen Meister Padmakara nach Tibet einzuladen. Padmakara hatte dies mit seinen hellseherischen Kräften vorausgesehen und war bereits in Mangyul, nahe der Grenze zwischen Nepal und Tibet, eingetroffen. Auf seinem Weg nach Zentraltibet reiste er durch Ngari, Tsang und Dokham und mittels seiner Wunderkräfte durch alle anderen Regionen Tibets, wo er die zwölf Tenma-Göttinnen, die dreizehn Gurlha, einundzwanzig Genyen und viele andere mächtige Geisterwesen unterwarf und als Schützer des Dharma verpflichtete.

Im Tamarisken-Wald am Roten Felsen traf er mit dem König zusammen und begab sich danach auf den Gipfel des Hepori, um die Götter und Dämonen zu unterwerfen. Nach seinen Anweisungen wurde das Fundament des Tempels von Samye fertig gestellt und er wachte über dessen Errichtung, bis der Tempel mit Hilfe der Götter und Dämonen, die die Arbeiten zuvor behindert hatten, vollendet war. Nach fünf Jahren war die Tempelanlage des Glorreichen Samye, des Unveränderlichen und Spontan Vollendeten Vihara, mit den drei Tempeln der Königinnen fertig gestellt. Die Gebäude waren so angelegt, dass sie dem Berg Sumeru glichen, umgeben von vier Kontinenten, acht Nebenkontinenten, Sonne und Mond und mit der Umgrenzung eiserner Bergketten. Die Einweihungszeremonien waren von fünf glückverheißenden Zeichen begleitet.

König Trisong Deutsen beschloss nun, die buddhistischen Schriften in die tibetische Sprache übertragen zu lassen, um den Fortbestand und die Verbreitung des Dharma in ganz Tibet zu sichern. Zu diesem Zweck ließ er viele junge Tibeter als Übersetzer ausbilden. Weitere indische Meister des Tripitaka wurden nach Tibet eingeladen und die ersten sieben tibetischen Mönche von Khenpo Bodhisattva ordiniert, so dass allmählich eine Mönchs-Sangha entstand. Padmakara, Khenpo und andere Panditas übersetzten gemeinsam mit Vairochana, Kawa Paltseg und Choro Lui Gyaltsen und anderen alle vorhandenen buddhistischen Schriften der Sutras und Tantras sowie die meisten dazugehörigen Kommentare und Abhandlungen in die tibetische Sprache.

Vairochana und Namkhai Nyingpo wurden nach Indien gesandt, wo Vairochana sich bei dem Meister Shrisimha im Dzogchen schulte, während Namkhai Nyingpo vom großen Humkara Lehren über Vishuddha-Heruka empfing. Beide meisterten diese Lehren und verbreiteten sie in Tibet.

König Trisong Deutsen bat Padmakara, ihm Einweihungen und Unterweisungen zu gewähren. In Chimphu, einer Einsiedelei nahe Samye, enthüllte der Meister das Mandala der acht Heruka-Sadhanas und initiierte neun seiner engsten Schüler, zu denen auch der König zählte. Jedem von ihnen wurde eine bestimmte Übertragungslinie anvertraut und alle erlangten durch die Ausübung der Lehren Siddhi.

Der König, seine Söhne und die anderen der fünfundzwanzig Schüler sowie viele ausersehene Anhänger empfingen von Padmakara in Lhodrak, Tidro und anderen Orten zahllose andere tiefgründige und besondere Lehren über die drei inneren Tantras.

Padmakara blieb insgesamt fünfundfünfzig Jahre und sechs Monate in Tibet, davon achtundvierzig Jahre während der Zeit der Herrschaft König Trisong Deutsens und siebeneinhalb Jahre nach dessen Tod. Der König war einundzwanzig Jahre alt, als Guru Rinpoche [810 n. Chr.] in Tibet eintraf und verschied im Alter von neunundsechzig Jahren. Danach blieb Padmakara noch einige Jahre in Tibet, um sich daraufhin in das Land der Rakshas zu begeben.

Padmakara besuchte die zwanzig Schneeberge in Ngari, die einundzwanzig heiligen Orte in Zentraltibet und Tsang, die einundzwanzig heiligen Orte von Dokham, die drei verborgenen Täler und viele andere Plätze, die er als heilige Stätten zur Ausübung der Meditation weihte. Da er vorhersah, dass ein Nachkomme des Königs später versuchen würde den Buddhismus in Tibet zu zerstören, gab er viele Prophezeiungen. Nach Beratungen mit dem König und den engsten Schülern verbarg Padmakara zahllose Terma-Lehren, von denen die Wichtigsten die acht persönlichen Schatztexte des Königs, die fünf großen Schätze des Geistes und die fünfundzwanzig tiefgründigen Schätze sind.

Sie wurden verborgen, um zu verhindern, dass die Lehren des Geheimen Mantrayana später zerstört oder verfälscht werden könnten und auch, um späteren Änderungen von nicht praktizierenden Theoretikern vorzubeugen. Außerdem sollte auf diese Weise der ursprüngliche Segen der Lehren bewahrt werden, damit die Wesen zukünftiger Generationen daraus Nutzen ziehen könnten. Für jeden der verborgenen Schatztexte prophezeite Padmakara, wer ihn zu welchem Zeitpunkt entdecken werde und welche auserwählten Menschen die Linie halten und weiterführen würden. An den dreizehn Orten, die Nest des Tigers genannt werden, manifestierte Padmasambhava sich in der furchteinflößenden, rasenden Form verrückter Weisheit, ließ die weltlichen Geisterwesen den Eid ablegen, dem Dharma zu dienen und betraute sie mit der Aufgabe, über die Terma zu wachen. Zu dieser Zeit erhielt er den Namen Dorje Drolo.

Um die Kraft des Vertrauens zukünftiger Generationen zu stärken, hinterließ er den Abdruck seines Körpers im Fels in Bumthang, seine Handabdrücke in Namtso Chugmo, seine Fußabdrücke in Paro Drakar und an unzähligen anderen gesegneten Orten, an denen der Dharma praktiziert wird.

Nach dem Tod von Trisong Deutsen setzte Padmakara den Prinzen Mutig Tsenpo als König ein. Dem zweitgeborenen Prinzen, Gyalsey Lhaje, vertraute er bei einem Drubchen in Tramdruk die tiefgründige Lehre an und sagte ihm voraus, dass er in seinen dreizehn späteren Inkarnationen als Entdecker verborgener Schatztexte vielen Lebewesen Nutzen bringen werde.6

Es ist unmöglich, genau zu sagen, wie viele Menschen von Padmakara Initiationen empfangen haben. Die bekanntesten unter ihnen sind auf jeden Fall seine ersten fünfundzwanzig Schüler, die mittleren fünfundzwanzig Schüler und seine späteren siebzehn und einundzwanzig Schüler. Den Regenbogenlicht-Körper erlangten acht seiner Anhänger in Yerpa, die hundertacht Meditierenden in Chuwori, die dreißig Tantrikas in Yangdzong und die fünfundfünfzig Hochverwirklichten in Sheldrag. Unter seinen weiblichen Anhängern waren die fünfundzwanzig Dakinis und sieben Yoginis. Auch heute noch gibt es viele direkte Nachfahren seiner engen Schüler.

Als Padmakara sich anschickte, zum südwestlich von Tibet gelegenen Land der Rakshas aufzubrechen, versuchten der König, die Minister und alle seine Anhänger ihn zurückzuhalten. Doch es war vergeblich. Nachdem er jedem ausführliche Ratschläge und Unterweisungen erteilt hatte, verließ Padmakara Tibet über den Gungthang-Pass auf einem Löwen oder Pferd reitend, von einer Schar himmlischer Wesen begleitet, die ihm Geschenke darbrachten. Auf dem Gipfel des Glorreichen Kupferfarbenen Berges im Chamara-Kontinent unterwarf und befreite er Raksha Thötreng, den König der Rakshas, und nahm dessen Gestalt an. Danach erschuf er mit seinen Wunderkräften den Palast des Lotuslichts von unvorstellbarer Schönheit und Pracht und strahlte auf jede der umgebenden acht Inseln sein Ebenbild aus, herrschte dort als König und lehrte die acht Heruka-Sadhanas.

Solange Samsara besteht, ist Padmakara unerschütterlich auf der Vidyadhara-Ebene der Spontane Präsenz als Vajradharas Regent anwesend. Von Mitgefühl erfüllt, strahlt er Emanationen aus, um allen Wesen zu helfen. Zu der Zeit, da die Vinaya-Lehren zugrunde gegangen sein werden, wird er unter den Praktizierenden des Tantra erscheinen. Viele seiner ausersehenen Schüler werden den Regenbogenlicht-Körper erlangen. Wenn der zukünftige Buddha Maitreya in dieser Welt erscheint, wird sich Padmakara als Drowa Kündül verkörpern und die Lehren des Geheimen Mantrayana unter denen, die ihrer würdig sind, verbreiten.

Diese kurze Lebensbeschreibung ist nur eine bruchstückhafte Erzählung, die das wiedergibt, was einige seiner gewöhnlichen Schüler wahrgenommen haben.7

1 Die buddhistischen Termini werden im Glossar im Anhang erklärt.

2 Guru Rinpoche («Kostbarer Meister») ist der Name, den die Tibeter dem indischen Mahasiddha Padmasambhava gaben, der den Buddhismus nach Tibet brachte.

3 Siehe Tulku Thondup. Die verborgenen Schätze Tibets. Wandel Verlag, 2013

4 Das gleiche Jahr, in dem Padampa Sangye verstarb.

5 Häufiger Shantarakshita genannt, der indische Meister, der die ersten tibetischen Mönche ordinierte.

6 Die dreizehnte dieser Inkarnationen war der große Tertön Chogyur Lingpa.

7 Jamgon Kongtrul selbst war eine Inkarnation des Übersetzers Vairochana. Er hatte viele Visionen von Guru Rinpoche und war ein Entdecker von Terma-Schriften.

Einführende Unterweisungen

von Tulku Urgyen

In dem Weltenzyklus, in dem wir uns befinden, erscheinen eintausend Buddhas und eintausend Manifestationen von Guru Rinpoche, die das Wirken dieser Buddhas unterstützen. In unserem jetzigen Zeitalter, dem des Buddha Shakyamuni, ist eine dieser Manifestationen als Padmasambhava, der Lotusgeborene, erschienen. In Padmasambhavas Biographie heißt es, er sei ohne Vater und Mutter auf wunderbare Weise aus einer Lotusblüte inmitten eines Sees geboren. Als Mensch, der durch übernatürliche Geburt in diese Welt kam, besaß er die Macht, nicht nur Menschen, sondern auch Geister und andere nichtmenschliche Wesen auf den Weg der Befreiung zu führen. Sein Leben währte lang: Er verbrachte etwa eintausend Jahre in Indien und fünfundfünfzig Jahre in Tibet. Als er sich aufmachte, Tibet zu verlassen, begleiteten ihn der König und die anderen seiner fünfundzwanzig engsten Schüler. An der nepalesischen Grenze erwartete ihn ein Geleit von Dakinis der vier Klassen und das Wunderpferd Mahabala. Dieses erhob sich mit ihm in die Lüfte und seine Schüler blieben zurück und blickten ihm nach bis sein Bild kleiner und kleiner wurde und in der Ferne verschwand.

Der Legende nach hat sich Padmasambhava geraume Zeit in Bodhgaya aufgehalten. Dann begab er sich zu seinem reinen Land, dem Glorreichen Kupferfarbenen Berg, Sangdok Palri. Auf der grobstofflichen Ebene ist dies eine große Insel, eine Art Subkontinent im Ozean südwestlich von Bodhgaya. Diese Insel hat verschiedene Schichten. Die untersten werden von Rakshas bewohnt. In den Prophezeiungen Buddha Shakyamunis heißt es, dass diese kannibalischen Wesen eine große Gefahr sind, da sie in einer Zeitepoche der Zukunft, in der die durchschnittliche Lebensspanne des Menschen lediglich zwanzig Jahre beträgt, in die uns bekannte Welt einfallen, sich die Menschheit Untertan machen und vernichten werden. Der Buddha sagte gleichzeitig voraus, dass Guru Rinpoche sich auf diesen Kontinent begeben würde, um die Rakshas zu besiegen.

Guru Rinpoche hat diese Prophezeiung erfüllt.

Der größte Berg der Kupferfarbenen Insel reicht bis in die Tiefen des Ozeans, in die Welt der Nagas hinab. Die Bergspitze durchstößt den Himmel und ragt auf bis zur Brahma-Welt im Reich der Form. Auf dem Gipfel befindet sich ein auf wunderbare Weise erschienenes Buddha-Gefilde, das drei Ebenen hat: Buddha Amitayus, die Dharmakaya-Emanation von Guru Rinpoche, ist auf der höchsten Ebene; auf der mittleren seine Sambhogakaya-Form, Avalokiteshvara; auf der unteren Ebene Guru Rinpoche als Nirmanakaya, umgeben von seinen acht Manifestationen. Guru Rinpoche ist die Geist-Ausstrahlung von Buddha Amitabha, die Rede-Ausstrahlung von Avalokiteshvara und die Körper-Ausstrahlung von Buddha Shakyamuni. Er manifestierte sich, bevor er in dieser Welt erschien, zunächst auf der Sambhogakaya-Ebene in Gestalt der fünf Thrötreng-Tsal-Familien, danach als die acht und zwölf Manifestationen und schließlich in zahllosen weiteren Ausstrahlungskörpern.

Bevor Guru Rinpoche Tibet verließ, gab er zahlreiche Prophezeiungen und viele seiner Lehren wurden als Termas verborgen, um später, zu geeigneter Zeit, hervorgeholt zu werden. Guru Rinpoches engste Schüler, durch seinen Segen eins mit ihm geworden, sollten in ihren späteren Inkarnationen diese spirituellen Schätze wieder entdecken. Sie verfügten, wie Guru Rinpoche selbst, über Wunderkräfte, konnten durch die Lüfte fliegen, ungehindert durch Fels und andere feste Materie hindurchgehen und hatten die uneingeschränkte Fähigkeit, die Sutras und ihre Kommentare sowie die Bedeutung der Tantras zu erläutern. Guru Rinpoche prophezeite das Erscheinen von 108 großen Tertöns, den Entdeckern der verborgenen Schätze. Entsprechend den Umwälzungen in den verschiedenen Epochen der Weltgeschichte erscheint jeder Tertön zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Wohl aller vom Leid bedrängten Wesen.